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A. D. Santillán - Der ökonomische Neuaufbau

(Aus dem Buche Santilláns "Wir wir in Spanien leben und wie wir leben könnten", erschienen vor der Revolution)

Die Organisation der Arbeit

Die Verbindung der lokalen, regionalen, nationalen und, wenn es geht der internationalen Produktionszentren wird ein Zusammengehen der menschlichen Anstrengungen, aller menschlichen Kräfte zur Eroberung der Naturkräfte herbeiführen.

Wir haben ein Vokabular in Gebrauch, das nicht immer dem Vokabular entspricht, das bei unseren Arbeiterorganisationen benutzt wird. Wir machen daraus keine conditio sine qua non. Doch erscheint uns die Einteilung: Fabrik-Rat, Industrieorganisation, Berufsrat, örtlicher Wirtschafts-Rat etc. als die beste. Aber noch einmal, das Wichtigste sind nicht die Namen, sondern die Generallinien der neuen ökonomischen Struktur. Wir haben nicht die Absicht, das Organisationsschema endgültig vom grünen Tisch her festzulegen.

Beginnen wir mit dem Ernährungs-Rat. Er wird aus Industrieorganisationen zusammengesetzt sein, welche die Lebensmittel, bis zum Tisch des Konsumenten hin, erarbeiten und verarbeiten. In jeder grösseren Stadt beschäftigt die Ernährung Zehntausende von Arbeitern. Hier genaue Informationen: Nach dem "Anuario estadistico" von 1930 gab es 1929 in Spanien: 1.524 Konservenfabriken, 726 Zuckerfabriken, 1.511 Schokoladenfabriken, 25.125 Mühlen und Reiszubereitungsanstalten, 7.487 Ölfabriken, 7.008 Wein- und andere Getränkeunternehmungen, 36 Kaffee- und Chikoreebrennereien. Wir geben diese offiziellen Ziffern wieder, die nur eine Teilansicht der spanischen Ernährungsindustrie bieten. Es gibt in allen Provinzen alle Arten von Mühlen, primitive oder moderne elektrische. Es gibt Reismehlfabriken in Córdoba, in Valencia, in Barcelona; überall Nudelfabriken.

In jedem dieser Unternehmungen wird durch das Betriebspersonal ein Fabrikrat gewählt. Die Rätevereinigung der gleichen Unternehmungen bildet die Industrieorganisation. Diese Industrieorganisationen, zum Beispiel diejenige der Mühlen und Backwaren, vereinigen sich in dem Ernährungsrat. Man geht auf diesselbe Weise in den übrigen Unternehmungen vor, vom einfachen zum komplizierten, vom Fabrikrat zur Industrieorganisation zum Berufsrat, vom Berufsrat zum lokalen Wirtschaftsrat. Die Bäcker werden sich vom Backofen her bis zum Laden und die Metzger vom Schlacht- und Kühlbaus bis zur Detailabgabe hin organisieren.

Die Köche und Kellner kommen in die Lebensmittelbranche; ihre Funktion ist umso wichtiger, da die Familienküche durch die Gemeinschaftsküche ersetzt werden wird.

Man wird nicht von heute auf morgen die Produktion, die Durchschnittsration des Einwohners steigern können; aber zum mindesten wird man unmittelbar zu einer besseren Verteilung übergehen, zu einer gleichen Verteilung vermittels der verschiedenen Organe des Ernährungsrates mit Hilfe der statistischen Angaben des Kredit- und Austauschrates. An jedem Orte wird der Ernährungsrat in der Weise vorgehen, dass von der verfügbaren Lebensmittelmenge jeder Einwohner ein gleiches Teil erhält, ob er es nun im Restaurant oder bei sich zu Hause verzehre.

Man konsumiert in Barcelona täglich 4-5.000 Hühnchen. Dieser Konsum kann vergrössert oder verringert werden; heute sind es die Reichen, welche die Hühnchen verzehren; morgen wird man sie entweder den Kranken und Rekonvaleszenten geben, oder aber sie gleichmässig unter uns verteilen. Dasselbe gilt für die seltenen Produkten und die Delikatessen.

Wenn gegenwärtig die Möglichkeit, diese Dinge zu bekommen, von dem Quantum Geld abhängt, das man in der Tasche hat, so wird morgen jeder Produzent dasselbe Recht haben, sein Bedürfnis oder seine besondere Neigung zu befriedigen, sei es durch die allgemeine Rationierung, sei es durch abwechselnden — wöchentlich oder monatlich — Gebrauch, — einer Einrichtung, welche die Kontrolleinrichtung von Produktion, Verbrauch und Bevölkerungsziffer möglich macht.

Es würde müssig sein, in Details einzugehen; es wird die Aufgabe der revolutionären Organismen sein, zu regeln, was ihren Funktionen entspricht. Wir glauben jedoch, dass, im Prinzip, die besondere Händlerklasse abgeschafft werden kann. Jede Industrieorganisation von Produzenten muss sich damit beschäftigen, ihre Produkte vorzulegen, und, allein oder mit benachbarten Industrieorganisationen, Laden zu eröffnen. Die gegenwärtige Händlerklasse wird in die Industrieorganisation aufgehen.

Eine Vielfältigkeit von Kombinationen ist möglich. Der Rat des Fischereigewerbes kann sich bis auf die Fischzüchter erstrecken; er kann die Fischkonservenfabriken kontrollieren und leiten; die Versorgung aller Städte mit Fischen auf sich nehmen oder diese Funktion der Ernährungsbranche überlassen. Um diese Fragen zu lösen, wird es keine Konflikte geben. Das Wesentliche ist, dass keine Funktion ausserhalb des allgemeinen Produktions-Verteilungs- und Verbrauchsorganismus bleibt.

Einige spanische Getränke und Lebensmittel spielen eine Rolle auf dem Weltmarkt, zum Beispiel Weine, Fischkonserven, Orangen, Öle. Wir werden sie gegen das austauschen, was uns fehlt: Korn, Maschinen, chemische Produkte, Rohstoffe für die Textilindustrie, etc. Der Binnenverbrauch der gegenwärtig exportierten Produkte wird gesteigert werden, aber wir müssen Anstrengungen machen, dass eine bedeutende exportierbare Menge bleibt.

Im Jahre 1920 wurden in Spanien ca. 551 Mill. Kilo Rind- Hammel- Ziegen-und Schweinefleisch konsumiert; im Jahre 1923 ca. 528 Mill. Kilo plus 86 Mill. Kilo Geflügel und Fische. Ein grösserer Verbrauch als der von 1920 oder 1923 wird erst nach einigen Jahren des ökonomischen Aufbaus möglich sein.

Die Entwickelung der Bewässerungsarbeiten wird die Entwickelung der Tierzucht und damit den Verbrauch von Fleisch und Milch vergrössern.

In einigen Provinzen ist der Verbrauch von Fleisch pro Jahr und Einwohner 5 Kilogramm, was besagt, dass der grösste Teil der Bevölkerung kein Fleisch isst; in Frankreich ist, vergleichsweise, der Durchschnittsverbrauch 62 Kilo, in England 72, in Buenos-Aires 101 Kilo etc.

Wenn die Revolution auch nicht durch ein Dekret die für den Verbrauch verfügbare Menge Vieh steigern kann, so kann sie doch sogleich zu einer gerechten Verteilung übergehen. Die örtlichen Ernährungsräte, die dem lokalen Wirtschaftsrat verbunden sind, sind das auch gegenüber dem föderalen Organismus, welcher ihre Arbeiten koordiniert. Die lokalen Ernährungsräte oder die Nationalräte der ganzen Branche werden von dem Ernährungsinstitut, von den Lehr- und Verbesseiungsanstalten, von den statistischen Büros in ihren Entscheidungen abhängig sein.

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 7-8, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.