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Pilar Grangel - Pädagogik

Jede Regierung, die ein Volk regiert, entwickelt ihre eigene Form der Erziehung, ihre Pädagogik, die der Moment schafft, um die kommenden Generationen und die jetzt lebenden Kinder zu erziehen und anzuweisen. Sie nehmen dabei einen vorgezeichneten und auch weiter einzuschlagenden Weg, um nicht die derzeit herrschenden Verhältnisse gleichzeitig zu verändern und zu stärken.

Die sozialen Systeme werden nicht von der Kraft der Kanonen und Gewehre, von der herrschenden Barbarei einer Zwangsorganisation getragen. Vielmehr ist es der Einfluß, den der Lehrer auf die Köpfe der Kinder ausübt; ein Einfluß, der das ganze Leben über andauert, der die solide Grundlage für das Fundament des Regierungsgebäudes bildet. Die Armeen verschwinden in barbarischen Gemetzeln und mit ihnen alles, was sich auf ihre Macht stützt, aber der Lehrer und seine Früchte, seine wirkungsvolle Arbeit verschwinden nicht, sondern überleben und sind unzerstörbar.

Wenn man den Blick auf irgendeine Gesellschaft richtet, wird man sehen, daß trotz energischer Verbreitung von Wissen im Volk, diese Gesellschaften, die Erziehungsmethoden so gewählt haben, daß sie weiter der Machtausübung dienen. Dabei bleiben sie dem Volk intellektuell überlegen, was ihre Herrschaft weiterhin sichert.

Im Altertum haben jene Kasten am längsten überlebt und ihren mächtigen Einfluß spüren lassen, die die Macht, die die Bücher und die Erziehung monopolisiert hatten. Die Leviten unter den Juden, die Brahmanen in Indien und die Kleriker in den verschiedenen Ländern des Christentums geben uns davon Zeugnis.

Die moralische und intellektuelle Führung in der Kindheit, die Pädagogik ist die Grundlage der Gesellschaft. Eine Gesellschaft ist das Gesamt ihrer Moleküle (Individuen). Wenn diese nur von einer einzigen Erziehungsmethode getragen wird, wird das Ergebnis entsprechend einförmig, harmonisch und stabil sein. Wenn im Gegensatz dazu die Erziehung unter verschiedenen Vorstellungen und mit unterschiedlichen Methoden erfolgt - so wie auch die Wahrheit heterogen ist -, dann werden die erzielten Ergebnisse auch unterschiedlich und vielfältig sein. Während in dem einen System die Individuen mit ausgezeichnetem Erfolg eine vollständige Steigerung erzielen können, werden in dem anderen Energien verloren gehen, weil eine gemeinsame Arbeit nicht möglich ist.

Die Arbeiterorganisation, diese neue Kraft, die das bürgerliche Regime von vor dem 19. Juli jetzt ersetzt hat, muß die Entwicklung der Erziehung unter den Arbeitermassen organisieren, um sich konsolidieren zu können. Weil die Arbeiterorganisation danach strebt, die Gesellschaft zu verändern, muß sie einen Lehrkörper schaffen, einen Kern von Menschen, die die Berufung spüren und deren ausschließliche Arbeit die Erziehung und Anleitung unserer Kinder, der Kinder des Volkes sein muß. Wir sollten keine falschen Hoffnungen mit den Lehrern des kapitalistischen Regimes hegen. Sie können dem historischen Augenblick, in dem wir leben, nicht gerecht werden. Wenn wir die Erziehung in ihren Händen belassen, werden die Konsequenzen nicht auf sich warten lassen.

Aus: "Mujeres Libres", Nr. 10

Originaltext:
Mary Nash: Mujeres Libres. Die freien Frauen in Spanien 1936 - 1978. Karin Kramer Verlag, Berlin 1979. Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Freundeskreis Karin Kramer Verlag. Das Copyright des Textes liegt weiterhin beim Karin Kramer Verlag, der Text darf ohne Rückfrage nicht weiter kopiert oder gedruckt werden. Im Karin Kramer Verlag sind zahlreiche Bücher zum Anarchismus erhältlich.