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Die kommunistische Strategie

"Es lebe ein großes und blühendes Spanien, mit allen demokratischen Völkern der Welt vereint! Es lebe ein freies und glückliches Spanien! Es lebe der Kampf des Volkes gegen die Reaktion und den Faschismus! Es lebe die demokratische Republik!" (Erklärung des ZK der PCE v. 29.07.1936)

Die Hauptthese der Kommunistischen Partei bei Ausbruch des Bürgerkrieges war die des "national-revolutionären Krieges" in Spanien. Nach Auffassung der PCE hatte die Unterstützung der aufständischen Militärs durch die faschistischen Staaten Deutschland und Italien zu einem Kampf um die Unabhängigkeit Spaniens geführt. Zentrales politisches Ziel war deshalb die Wiederherstellung von Demokratie, Frieden und Freiheit. Die Einschätzung, daß in Spanien die bürgerlich-demokratische Revolution noch nicht vollzogen war, ließ die Kommunisten im Bürgerkrieg eine antikollektivistische Position einnehmen. Dies nicht zuletzt auch aus dem Grund, weil das Bürgertum sich von einer erstarkten Arbeiterbewegung bedroht fühlte und sich deshalb mit den reaktionären Kräften zu verbünden drohte. In einem nationalen Befreiungskampf ist aber eine möglichst große Volksbewegung nötig. So trat die PCE, als Avantgarde des Proletariats (!), bedingungslos für ein parlamentarisches System ein, was als konsequenter Schritt in Richtung auf die sozialistische Revolution interpretiert wurde. Die Etappe der bürgerlichen Revolution durfte nicht übersprungen werden, es ging um einen nationalrevolutionären Befreiungskrieg für eine demokratische Republik "neuen Typs".

Doch bereits nach den Februarwahlen 1936 hätte den Kommunisten ihre Fehleinschätzung der historischen Position klar sein müssen. So traten die spanischen Kommunisten auch nur wiederwillig für die von der Komintern verfolgten Politik ein, sahen sie doch, daß die in der CNT und UGT organisierten Arbeiter entgegen der gemäßigten Volksfrontpolitik für die umgehende Realisierung der Sozialen Revolution eintraten. Während im übrigen linken Spektrum je nach ideologischer Ausrichtung der freiheitliche Kommunismus (CNT), die Diktatur des Proletariats (POUM) oder einfach eine soziale Revolution (UGT) propagiert wurden, während dem parlamentarischen System der Zweiten Republik von rechts und links mehr und mehr das Vertrauen entzogen wurde, hielt die PCE an dessen Verteidigung fest. Um mit vereinten Kräften dem befürchteten faschistischen Putsch zu begegnen, hatte man auf allen Fronten die Einheitspolitik verteidigt.

Die Soziale Revolution, die nach Beginn des Bürgerkrieges spontan in den republikanisch gebliebenen Gebieten ausbrach, stellte die PCE vor zahlreiche Probleme. Daran interessiert, die sozialen Inhalte gegenüber den nationalen der Revolution zurücktreten zu lassen, bemühte sie sich, die Umwälzungen in der republikanischen Zone als die Vollendung der 1931 begonnenen "bürgerlich-demokratischen Revolution" erscheinen zu lassen. Die PCE war in ihren Entscheidungen nicht frei von den Anweisungen der Komintern und der Unterordnung unter die sowjetische Innen- und Außenpolitik, hatte also die Aufgabe, jegliche sozialen, wirtschaftlichen oder politischen Vorstellungen, die über die Ziele der bürgerlichen Revolution hinausgingen, zu unterdrücken. Zur Hörigkeit der PCE gegenüber der Komintern und der Sowjetunion kam ab September 1936 die Abhängigkeit der republikanischen Zone von den sowjetischen Waffenlieferungen hinzu. Die angespannte militärische Lage der Republik und deren faktischer Boykott durch die Westmächte (Londoner Nichteinmischungsausschuß), brachte die Sowjetunion gegenüber der spanischen Regierung in eine außerordentlich günstige Lage. Der UDSSR war mit ihrem Monopol der Waffenlieferungen und den zur Unterstützung der Republik angereisten Militärberatern ein willkommenes Druckmittel zur versteckten Beeinflussung der republikanischen Politik in die Hand gegeben. Erst nur mäßig am Schicksal des republikanischen Spaniens interessiert (asiatische Krisengebiete), dann verstärkt daran interessiert, den faschistischen Staaten möglichst lange Paroli zu bieten, um die eigene Aufrüstung voranzutreiben, zum Schluß durch den sich ankündigenden Hitler-Stalin-Pakt endlich von den spanischen Problemen befreit, bestimmten in Folge der militärischen und politischen Unterstützung in der spanischen Republik kommunistische Gesandte und Botschafter das Geschehen. Entsprechend verstärkte sich auch der Einfluß der Kominternverterter auf die PCE - faktisch waren Palmiro Togliatti, Erno Gero und Vittorio Codovila das Führungsgremium der PCE. Wesentlicher Ziel der kommunistischen Politik war die Aufrechterhaltung des legalen parlamentarischen innerspanischen Rahmens, jeglicher Einfluß des Kommunismus wurde im Sinne der sowjetischen Außenpolitik gegenüber den nichtfaschistischen Westmächten geleugnet.

Durch ihre "Politik der Mitte" gelang es der PCE gleichzeitig die Anhängerschaft zu vergrößern. Das Versprechen auf Erhalt der Handelsfreiheit und des Privateigentums verfehlte nicht sein Ziel. Die spanischen Kleinbauern und die Kleinborgeoisie suchten bei den Kommunisten Schutz vor den drohenden Enteignungen und Kollektivierungen.

Die Forderung: "Erst Krieg, dann Revolution" verfolgte das selbe Ziel. Im Gegensatz zu den Anarchisten erstrebten die Kommunisten die Anpassung an die Kriegsführung Francos, das heißt, die Einführung eines disziplinierten Volksheeres unter einheitlichem Oberkommando. Dieses "Volksheer" sollte durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, durch Befehlshierarchie, Kontrolle durch die Kriegskommissare und bedingungslose Disziplin verwirklicht werden.

Da der PCE von anarchistischer und linkssozialistischer Seite wiederholt Reformismus, die Vernachlässigung der Revolution zugunsten des militärischen Sieges, vorgeworfen wurde, sah sich die PCE veranlaßt, den Unterschied zwischen ihrer "neuen" und der klassischen alten Republik zu präzisieren. In der Volksrepublik der Kommunisten sollte der Staat unter allgemeiner Beibehaltung des Privateigentums die Leitung der großen Industrieunternehmen und Banken übernehmen. Auf dem Agrarsektor war die Beseitigung der alten feudalen Strukturen vorgesehen.

Angesichts dieser Strategie ist es kaum verwunderlich, wenn in Teilen der Bevölkerung, vor allem in der Arbeiterschaft, berechtigte Zweifel aufkamen, ob nach einem Sieg über den Faschismus überhaupt die erstrebte sozialistische oder freiheitlich-kommunistische Gesellschaft auf der Tagesordnung stehen würde oder ob nicht dann auch der gewaltsame antisozialistische Kurs fortgesetzt werden würde.


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Eugen Varga: Spanien in der bürgerlich-demokratischen Revolution

Die Geschichte Spaniens zeigt in den letzten hundert Jahren eine Reihe von Bauernaufständen, politischen Massenstreiks, von lange andauernden Revolutionen. Aber obwohl der Kapitalismus als ganzes seit Jahrzehnten sich in der Epoche seiner allgemeinen Krise befindet, obwohl er auf einem Sechstel der Erde bereits durch den Sozialismus abgelöst wurde, befindet sich Spanien als einziger westeuropäischer Staat im Wesen immer noch in jenem halbfeudalen Stadium wie vor 60 Jahren. (...)

Noch immer steht die bürgerlich-demokratische Revolution als unmittelbar zu lösende historische Aufgabe auf der Tagesordnung, die Wegräumung einer ganzen Reihe von Hindernissen der proletarischen Revolution - wie Engels sagte.

Das Eigenartige der Lage besteht darin, daß die spanische Bourgeoisie selbst die bürgerliche (zum Unterschied von der bürgerlich-demokratischen) Revolution trotz der langen Reihe von "Revolutionen" nicht zu Ende geführt hat und nunmehr angesichts der drohenden proletarischen Revolution überwiegend zu einer reaktionären, gegenrevolutionären Klasse geworden ist. Was Lenin 1908 über den Charakter der Revolution in Rußland schrieb, ist weitgehend auch für Spanien richtig:

"Bei uns ist der Sieg der bürgerlichen Revolution als Sieg der Bourgeoisie unmöglich. Eine scheinbar paradoxe Behauptung, aber trotzdem richtig. Das Überwiegen der Bauernbevölkerung, ihre entsetzliche Unterdrückung durch den (halb-)feudalen Großgrundbesitz, die Kraft und das Bewußtsein des bereits in einer sozialistischen Partei organisierten Proletariats - alle diese Umstände verleihen unserer bürgerlichen Revolution einen besonderen Charakter."

Die Durchführung der wichtigsten Aufgaben der bürgerlichen Revolution - vor allem die Lösung der Agrarfrage - fällt auf diese Weise dem spanischen Proletariat zu. Aber eben diese Sachlage gibt die Möglichkeit, daß die bürgerlich-demokratische Revolution - ähnlich, wie in Rußland - unter Umständen nur von sehr kurzer Dauer, nur eine Einleitung zur proletarischen Revolution sein könnte. (...)

Obwohl diese Gefahr (eines faschistischen Umsturzes) zweifellos besteht, gibt es eine Reihe neuer Momente, die die gegenwärtige Lage zum Vorteil der revolutionären Kräfte von allen vorhergehenden unterscheiden. Die wichtigsten dieser Momente sind die folgenden:

a. Die Kommunistische Partei Spaniens ist zu einem wichtigen politischen Faktor geworden. Indem die KP Spaniens das Sektierertum in den eigenen Reihen überwindet, indem sie den Charakter der gegenwärtigen Revolution als bürgerlich-demokratische Revolution klar sieht, ist sie imstande, den revolutionären Kampf für die unmittelbaren Forderungen der Arbeiter und Bauern zu führen (Asturien), mit der Propaganda des Endzieles zu verbinden und immer größere Autorität bei den werktätigen Massen zu gewinnen. In der KP Spaniens ist ein revolutionärer Kern des spanischen Proletariats entstanden, der berufen ist, das ganze werktätige Volk zu führen und hierzu - bei richtiger Anwendung der Einheitsfront-Taktik - auch imstande sein wird. Die Vereinigung der kommunistischen und der sozialdemokratischen Jugend auf der Basis des Programms der kommunistischen Jugend sowie der kommunistischen und sozialdemokratischen Gewerkschaften bedeuten große Erfolge der KP Spaniens.

b. Die Anwendung der Taktik der Einheitsfront und Volksfront ermöglicht es, die früher zeitlich und räumlich voneinander getrennten revolutionären Bewegungen der Arbeiterschaft, Bauernschaft und der unterdrückten Nationen zu koordinieren, ihnen gemeinsame - wenn auch beschränkte - Ziele zu setzen, wie dies in der Wahlplattform der Volksfront geschehen ist. Dies bildet zugleich eine starke Anziehungskraft für das stets schwankende, städtische Kleinbürgertum.

c. Die sozialdemokratischen Arbeiter, und mit ihnen ein Teil der Führung, haben eine große Entwicklung nach links durchgemacht: während die Sozialdemokratie Spaniens sich gegenüber dem Regime Primo de Riveras "neutral" erklärt hatte und im Beginn der Revolution jede Zusammenarbeit mit den Kommunisten ablehnte, ist nunmehr ein freunschaftliches Verhältnis zu den Kommunisten entstanden und die linken sozialdemokratischen Arbeiter sind - mit Largo Caballero - für die Diktatur des Proletariats.

d. Die traditionelle Absonderung der anarchistischen Arbeiter und ihre verhängnisvolle Taktik der vereinzelten Putsche, die einen gewissen Anhang auch in den Reihen der KP Spaniens hatte, wird immer mehr überwunden. Die anarcho-syndikalistischen Arbeiter nahmen an den Kämpfen in Asturien zusammen mit den anderen Arbeitern teil; viele Anarcho-Syndikalisten stimmten bei den Wahlen für die Volksfront. Das Mißtrauen der Anarcho-Syndikalisten gegenüber der Kommunistischen Partei ist gebrochen.

e. Die alte Absonderung der Bewegung der Industriearbeiter von den Bauernbewegungen ist bis zu einem gewissen Grade überwunden. Obwohl die Arbeiter- und Bauernallianzen bis heute im Wesen nur einen losen Bund der Spitzenorganisationen darstellen, so ist doch zwischen den Arbeiter- und Bauernmassen eine in der Geschichte Spaniens früher nie vorhandene Annäherung, der Beginn einer Koordinierung ihrer politischen Betätigung entstanden.

f. Die alte Absonderung der nationalen Bewegung von der revolutionären Bewegung ist überbrückt. Der Kampf der unterdrückten Nationen, der früher als ihre Sonderangelegenheit galt und von der Bourgeoisie geleitet - und regelmäßig verraten - wurde, ist zu einem Programmpunkt der Volksfront geworden, was eine große Stärkung der revolutionären Kräfte bedeutet.

Die neuen Momente im gegenwärtigen revolutionären Zyklus in Spanien sind letzten Endes fundiert in der allgemeinen Krise des Kapitalismus. Die schlechte ökonomische Lage Spaniens erhöht die inneren Reibungen innerhalb der herrschenden Klassen, schwächt ihren Widerstand gegenüber der Volksfront. Die Agrarkrise erhöht die Verbitterung der werktätigen Bauern. Die sozialdemokratischen und anarcho-syndikalistischen Arbeiter (und ihre Führer) sehen das Schicksal der italienischen und deutschen Arbeiter und werden zum Zusammenschluß gegen den Angriff des Fachismus getrieben: Andererseits zeigt ihnen das Beispiel der Sowjetunion den einzig richtigen Weg zu ihrer Befreiung unter der Führung der Kommunistischen Partei.

Mai 1936

Aus: H. Auweder / M. Schumann: A las barricadas. Triumph und Scheitern des Anarchismus im spanischen Bürgerkrieg. Trotzdem-Verlag, 1999. Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Trotzdem-Verlags.