Gustav Landauer - Aufruf zum Sozialismus (Teil 2)

Der Marxismus

Zwischen den beiden Bestandteilen des Marxismus, der Wissenschaft und der politischen Partei, hat Karl Marx eine künstliche Brücke geschlagen, so daß es dann das Aussehen bekam, als sei etwas ganz Neues in die Welt gekommen, was sie vordem nicht gesehen hat, nämlich die wissenschaftliche Politik und die Partei auf wissenschaftlicher Grundlage, die Partei mit dem Wissenschaftsprogramm. Das war etwas wirklich Neues und dazu etwas überaus Zeitgemäßes und Modernes, und wie schmeichelte es überdies den Arbeitern, daß gerade sie die Wissenschaft, die allerneueste Wissenschaft vertraten.

Willst du die Massen gewinnen, so schmeichle ihnen, willst du sie zu ernstem Denken und Tun unfähig, willst du aus ihren Repräsentanten Urbilder der hohlen Aufgeblasenheit machen, die mit halb oder ganz unverstandenen Worten um sich werfen, so rede ihnen ein, sie seien Vertreter einer wissenschaftlichen Partei; willst du sie ganz mit der Bosheit der Dummheit erfüllen, so bilde sie auf Parteischulen aus. Die wissenschaftliche Partei also – das war doch einmal das Erfordernis der fortgeschrittensten aller Zeiten! Was waren das für Dilettanten, die bisher Politik getrieben hatten, aus dem Instinkt oder der Genialität heraus, wie man das Gehen, das Denken, das Dichten oder Malen betreibt, wozu zwar allewege nebst der Natur und der Begabung viel Lernen, viel Können, viel Technik gehört, aber keinerlei Wissenschaft.

Und was für bescheidene Leute waren jene Vertreter der Politik als einer Art Wissenschaft gewesen, von Platon über Machiavelli bis zum Verfasser des vortrefflichen Handbuchs des Demagogen, die allerdings mit großer Kunst und starkem, vereinfachendem und vereinigendem Blick die Einzelerlebnisse und Institutionen geordnet und zusammengebracht hatten, denen aber nie der Einfall gekommen war, das Tun und Handeln wissenschaftlich zu betreiben. Was die Kunstwissenschaft wäre, wenn sie sich einbildete, die programmatische Grundlage für das Schaffen der Künstler zu sein, das ist der Marxismus für diese wissenschaftlichen Sozialisten.

In Wahrheit freilich paßt der Wissenschaftswahn des Marxismus nur schlecht zu der praktischen Politik der Partei; sie passen nur zusammen für solche Menschen wie Marx und Engels waren, oder wie es Kautsky ist, die in sich den Professor und den Drahtzieher vereinigen. Ohne Zweifel zwar kann man nur richtig und wertvoll wollen, wenn man weiß, was man will; das aber – abgesehen nun davon, daß solches Wissen ganz ein anderes ist als die sogenannte Wissenschaft – paßt schlecht zusammen, daß man auf der einen Seite behauptet, genau zu wissen, wie die Dinge auf Grund sogenannter geschichtlicher Entwicklungsgesetze, die die Kraft von Naturgesetzen haben sollen, notwendig und unweigerlich kommen müssen, ohne daß an dieser Vorherbestimmung Wille oder Tun irgendwelcher Menschen auch nur das Geringste ändern könnten; und daß man auf der andern Seite eine politische Partei ist, die nichts anders kann, als wollen, fordern, Einfluß nehmen, tun, einzelnes umwandeln.

Die Brücke zwischen diesen beiden Unvereinbarkeiten ist der törichtste Hochmut, der je in der Menschengeschichte zur öffentlichen Schau getragen wurde: alles, was die Marxisten tun oder fordern (denn sie fordern ja mehr, als sie tun), ist gerade in dem Augenblick ein notwendiges Glied der Entwicklung, ist von der Vorsehung bestimmt, ist nur das Zutagetreten des Naturgesetzes; alles was die andern tun, ist nutzloses Aufhaltenwollen des Müssens, der von Karl Marx entdeckten und sichergestellten Geschichtstendenzen. Oder aber auch so: die Marxisten sind mit dem, was sie wollen, die ausführenden Organe des Entwicklungsgesetzes: sie sind die Entdecker und zugleich die Träger dieses Gesetzes, so etwas wie Legislative und Exekutive der Natur- und Gesellschaftsregierung in einer Person; die andern helfen allenfalls auch, diese Gesetze zur Durchführung zu bringen, aber gegen ihren Willen; die Elenden wollen immer das Verkehrte, müssen aber mit all ihrem Streben und Tun der von der Wissenschaft des Marxismus festgelegten Notwendigkeit helfen. Aller Hochmut, alle Versessenheit und Verbohrtheit, alle Unduldsamkeit und einsichtslose Ungerechtigkeit und all das hämische Wesen, das fortwährend aus den Wissenschafts- und Parteiherzen der Marxisten zu Tage tritt, liegt also schon in ihrer absurd-absonderlichen Verquickung von Theorie und Praxis, von Wissenschaft und Partei begründet.

Der Marxismus ist der Professor, der herrschen will; er ist also das rechte Kind von Karl Marx. Der Marxismus ist ein Gemächte, das aussieht, wie sein Vater; und die Marxisten sehen aus wie ihre Lehre. Nur daß die Geistesschärfe, das gründliche Wissen und die oft rühmenswerte Kombinationsgabe und Assoziationsfertigkeit des echten Professors Marx jetzt oft ersetzt ist durch Traktätchengelehrsamkeit, Parteischulenweisheit und plebejisches Nachschwatzen.

Karl Marx ging doch wenigstens auf die Tatsachen des wirtschaftlichen Lebens, auf aktenmäßiges Quellenmaterial und – oft recht ungeniert sogar – auf die Manifestationen großer Intuitiver zurück; seine Nachfahren begnügen sich des öfteren mit Kompendien und Lehrbüchern, die mit Genehmigung des Oberstudienrats in Berlin zusammengestellt worden sind.

Und da wir hier das törichte und ruchlose Umschmeicheln des Proletariers nicht mitzumachen haben; da der Sozialismus das Proletariat abschaffen will und also nicht zu finden braucht, es sei eine für Geist und Herz aller Betroffenen besonders segensreiche Institution (für große und begnadete Naturen wird es freilich wie jede Not und jede Hemmung eine volle Fracht Segen mit sich führen; und zu hoffen ist immer noch, daß die Entbehrung und innere Leere, die wohl eine Art Bereitschaft und Erfüllbarkeit, Geladenheit ist, im großen Moment einmal ganze Massen zum geschlossenen Aufspringen, zur Genialität der Aktion bringt), darum soll hier noch einmal gesagt sein: wohl kann über das Proletariat wie über jedwedes andere Volk einmal das Wunder kommen, nämlich der Geist, aber mit dem Marxismus ist kein Pfingstwunder und kein Zungenreden über es gekommen, sondern die babylonische Verwirrung und die Blähsucht, und der proletarische Professor, der proletarische Advokat und Parteiführer, das ist erst die rechte Karikatur der Karikatur, die Marxismus heißt, der Sorte Sozialismus, die sich für Wissenschaft ausgibt.

Was lehrt nun diese Wissenschaft des Marxismus? was behauptet sie? Sie behauptet die Zukunft zu kennen; sie vermißt sich, eine so tiefe Einsicht in ewige Entwicklungsgesetze und die bedingenden Faktoren der Menschengeschichte zu haben, daß sie weiß, wie es kommt, wie die Geschichte weitergeht, was aus unsern Zuständen, Produktions- und Organisationsformen wird.

Nie ist Wert und Bedeutung der Wissenschaft lächerlicher verkannt worden; nie ist ruchloser die Menschheit, und dazu noch vor allem der entrechtete, der geistig beraubte und zurückgebliebene Teil der Menschheit mit einem verzerrten Hohlspiegelbild genarrt worden.

Hier ist jetzt noch gar nicht die Rede von dem Inhalt dieser Wissenschaft, von dem angeblichen Gang der Menschheit, den die Marxisten entdeckt haben wollen; hier geht es erst nur darum, die maßlos alberne Anmaßung aufzudecken, zu verhöhnen und zurückzuweisen: es gebe eine Wissenschaft, aus den Daten der Nachrichten von der Vergangenheit und den Tatsachen der Zustände der Gegenwart die Zukunft mit Sicherheit zu erschließen, zu errechnen, zu bestimmen.

Ich habe hier auch den Versuch gemacht, von dem zu reden, woher wir meinem Glauben nach kommen, und ich könnte auch ruhig sagen: meinem Wissen nach kommen – denn ich fürchte es nicht, ich hoffe es, von Eseln mißverstanden zu werden –, wohin wir meiner innigen Überzeugung und Durchdrungenheit nach gehen, gehen müssen, gehen wollen müssen.

Ein Müssen aber ist das freilich, das uns nicht in der Form des Naturgesetzes, sondern des Sollens gegeben ist. Denn sage ich damit: ich wisse etwas, in dem Sinne, wie man in der Mathematik aus bekannten Größen eine unbekannte errechnet? wie man in der Geometrie eine Aufgabe lösen kann? wie man weiß, daß das Fallgesetz, das Gesetz von der Pendelschwingung, das Gesetz von der Erhaltung der Energie allewege gilt, wie ich die Bewegung eines fallenden oder geworfenen Körpers berechnen kann, wenn mir die für die Formel in Betracht kommenden Umstände bekannt sind; wie ich weiß, daß H2O Wasser gibt, wie wir die Bewegungen vieler Gestirne berechnen, Mond- und Sonnenfinsternisse voraussagen können? Nein! Das alles sind wissenschaftliche Betätigungen und Ergebnisse. Es sind Naturgesetze, weil es Gesetze unseres Geistes sind. Es gibt aber auch ein Naturgesetz, ein Gesetz unseres Geistes, ein Teilgesetz des großen Gesetzes von der Erhaltung der Energie, das heißt: was wir aus unserm Leib und Leben heraus machen werden, was die Fortsetzung des Bisherigen, der bevorstehende Weg, das Ausladen der Kompression, das Auslösen der Disposition ist – das alles heißt Zukunft –, kann uns nicht in der Form der Wissenschaft, das heißt der schon der Ordnung fähigen und vollendeten Tatsachen, sondern nur in der Form des Begleitgefühls der Disposition, des inneren Drucks und Langens und Verlangens, das der äußeren, labilen Gleichgewichtslage genau adäquat ist, gegeben sein: und das heißt Wollen, Sollen, Ahnung bis zur Prophetie, Vision oder künstlerische Gestaltung. Dem Wegmoment, an dem wir stehen, entspricht nicht ein Rechenexempel oder ein Tatsachenbericht oder gar ein Entwicklungsgesetz; das wäre ein Hohn auf das Gesetz von der Erhaltung der Energie; dem Weg entspricht eine Verwegenheit. Wissen heißt gelebt haben, Haben des Gewesenen; Leben heißt leben, Schaffen und Leiden des Kommenden.

Damit ist nicht nur gesagt, daß es keine Wissenschaft von der Zukunft gibt; darin liegt auch, daß es nur ein Lebenswissen der noch lebendigen Vergangenheit gibt, aber keine tote Wissenschaft wie von etwas Totem und Liegendem. Die Marxisten und überdies alle Entwicklungsethiker, Entwicklungspolitiker, gleichviel ob sie der Theorie der Katastrophen- und Umschlagentwicklung anhängen wie die vordarwinschen Marxisten oder ob sie einen gleichmäßig weiter gehenden Fortschritt aus der langsam-allmählichen Häufung von Kleinigkeiten statuieren wollen wie die darwinistischen Revisionisten, diese und alle Vertreter der Entwicklungswissenschaft sollten, wenn es sie gar nicht läßt, sich wissenschaftlich zu betätigen, einmal wissenschaftlich untersuchen, was diese prachtvollen, als Gruppe zusammengehörigen Worte für eine wirkliche Bedeutung haben, was von der Wahrheit der Natur und des Geistes in ihnen zum Ausdruck kommt, diese Worte: ich weiß, ich kann, ich darf, ich will, es muß und ich soll. Sie würden zugleich wissenschaftlich bescheidener, menschlich genießbarer und männlich unternehmender werden.

Geschichte also und Nationalökonomie sind keine Wissenschaft; die in der Geschichte wirkenden Kräfte können nicht wissenschaftlich formuliert werden; ihre Beurteilung wird immer eine Schätzung sein, die man je nach der Menschennatur, die sie in sich hat oder von sich gibt, mit einem höheren oder niedrigeren Namen belegen kann – Prophetie oder Professorengeschwätz –; immer wird sie eine Wertung sein, die von unserm Wesen, unserm Charakter, unserm Leben, unsern Interessen abhängt; und überdies sind uns, selbst wenn uns die Kräfte so sicher bekannt wären, wie sie uns formlos, schwankend, unbestimmt und wechselnd sind, die Tatsachen für die Anwendung solcher Prinzipien unbeschreiblich schlecht bekannt. Was sind uns denn für äußere, wissenschaftlich zu behandelnde Tatsachen von der völlig unendlichen Vergangenheit von Menschen und Welt gegeben? Vielerlei freilich, viel zuviel ist in den Karren dieser sogenannten Wissenschaft hergefahren und abgeladen worden; nur sind es leider wirr und wüst und fragmentarisch durcheinandergeschmissene Trümmer aus einer Sekunde der sogenannten Menschen- und Weltgeschichte. Kein Beispiel ist kraß genug, um zu verdeutlichen, wie wenig wir wissen. Ein Fall ist freilich, wie der herrliche Goethe sagt, oft Tausende wert und schließt sie in sich; für das Genie und die Intuition nämlich; nur daß es für dieses ganze Gebiet des biologischen Werdens und der Menschengeschichte gar keine Fälle gibt, die Beispiele von Kräften oder Gesetzen wären, sondern, noch einmal mit Goethe zu reden, nur den Erfahrungsmist der Stoffsammler, Darwinisten und Revisionisten und den dialektischen Mist der Marxisten. Und darum eben ist das Genie, dem in den Dingen des Mitlebens der Menschen ein Fall oft Tausende repräsentiert, kein Genie der Wissenschaft, sondern ein Genie der Gestaltung und der Tat; Lebenswissen ist dabei, aber keine Wissenschaft ist es, auf so vielerlei echte und große Wissenschaft es sich auch stützen mag.

Und gottlob, weltlob, daß es so ist! Und selbstverständlich, daß es so ist! Wozu denn noch leben, wäre denn das eine Möglichkeit zu leben, wenn wir wüßten, aber auch wirklich wüßten, alles wüßten, was kommt? Heißt denn nicht leben: neu werden? Heißt denn nicht leben: als der Alte, der Sichere, der Selbstgewisse und auf sich Stehende, als eine in sich geschlossene Welt, als der Ewige hineinschreiten ins Neue, ins Ungewisse, in jene andere Welt, die wir nicht sind, ins wiederum Ewige, von Tor zu Tor, und von Heer zu Heer? Sind wir denn Leser oder Zuschauer oder von wohlbekannten Mächten ins wiederum Bekannte, vom Alten zum Alten Getriebene, wenn wir uns Lebende heißen? Oder sind wir nicht vielmehr der schreitende Fuß und die packende Hand, der Wirkende und nicht der Bewirkte? Und ist uns Welt nicht wie etwas Weiches, unbekannt und gestaltlos jeden Morgen, den wir vom Schlaf aufstehen, Neues und Geschenktes, das wir formen und mit dem Werkzeug unsres Eigenen zu unserm Eigen machen? Oh' ihr Marxisten, wenn ihr auch nur für euer privates Leben Fülle und Lebensfreude hättet, wolltet und könntet ihr das Leben nicht zur Wissenschaft machen wollen! Und wie dürftet ihr das gar, wenn ihr wüßtet, daß eure Aufgabe als Sozialisten wäre, den Menschen zu Formen und Gemeinden der freudigen Arbeit, des freudigen Beieinanderlebens zu verhelfen!

Der hier, nicht resigniert oder skeptisch oder klagend, sondern einverstanden und freudig sagt: wir wissen nichts von den Vielfältigkeiten und Unsagbarkeiten des vergangenen und kommenden Lebens der Menschen und Völker, ist einer, der stolz und hohen Mutes genug ist, mehr als viele das Geschick der Jahrhunderttausende in sich zu wissen, in sich zu fühlen, in sich zu leben. Wohl habe ich ein Bild von dem, was geschehen ist, von dem, was also unterwegs ist; wohl habe ich mein Gefühl von unsrer Bestimmung und unsrer Bahn, und wohl weiß ich, wohin ich gehen, wohin ich weisen, wohin ich führen will. Wohl habe ich den Wunsch, meine Einsicht, mein glühendes Fühlen, mein starkes Wollen auf viele, auf einzelne, auf Massen zu übertragen. Aber rede ich in Formeln? Bin ich ein Journalist, der sich verlogen als Mathematiker maskiert? Bin ich ein Rattenfänger, der die unmündigen Kinder mit der Wissenschaftspfeife in den Berg des Unsinns und des Schwindels führt? Bin ich ein Marxist?

Nein. Aber ich sage, was ich bin. Ich brauche nicht zu warten, bis es mir die andern, die Getroffenen, die Marxisten sagen. Gelernt, erforscht, zusammengetragen habe ich so gut wie einer; und wenn es eine Wissenschaft der Geschichte und Nationalökonomie gäbe, dann hätte ich wohl Kopf genug, sie gelernt zu haben. Denn, eigentlich seid ihr doch komische Leute, ihr Marxisten, und wunderlich, daß ihr euch nicht selber wundert; ist es denn nicht eine alte und sichere Sache, daß auch bescheidene Köpfe die Ergebnisse der Wissenschaften, wenn sie erst da sind, erlernen können? Was wollt ihr denn mit all eurem Streiten und Polemisieren und Agitieren, mit all eurem Fordern und Parlamenteln, mit all eurem Überreden und Argumentieren: wenn ihr eine Wissenschaft habt, laßt doch das Überflüssige, nehmt den Bakel zur Hand und unterrichtet uns, lehret uns, laßt uns die Methoden lernen und fleißig üben, die Operationen, die Konstruktionen, und macht doch endlich als Erfahrene, als Wissende und untrüglich Sichere, was euer Bebel als ehrlicher Dilettant versucht hat: sagt uns endlich die genauen Daten der weiteren Geschichte, der Zukunft!

Ich habe also auch gelernt, nicht wie ihr, sondern besser als ihr und sage doch: Wissenschaft ist's freilich nicht, was ich lehre. Prüfe sich jeder, ob seine Natur, sein wahrhaftes Leben ihn auf dieselben Wege führt, und nur dann gehe er mit mir, aber dann gehe er mit mir. Ich habe besser gelernt als ihr, weil ich etwas habe, was euch fehlt. Hochmut freilich, was man gemeiniglich so nennt, habe ich keinen größern als ihr; und ich würde meine bescheidene, das heißt geziemende Meinung von mir selbst für mich behalten, wie's unter Ebenbürtigen sich von selbst verstünde, wenn hier nicht Nötigung wäre zu sagen, wer ein Sozialist ist und wer keiner ist. Denn verhöhnt und verjagt müssen sie werden, die Kaltsinnigen aus Nifelheim, die den Sozialismus usurpiert haben, die das "Kapital" bewachen wie jene Zwerge den Nibelungenhort: der Sozialismus muß zu seinen rechten Erben kommen, damit er werde, was er ist: eine Freude und ein Jauchzen, ein Bauen und ein Schaffen, ein schön zu Ende geträumter Traum, der nun im Tun und für alle Sinne und alles urvolle Leben eine Erfüllung werden soll. Und weil die Erben noch schlummern und in fernen Landen des Traums und der Form weilen, und weil doch endlich einer anfangen muß, die Hand aufs Erbe zu legen, muß ich es sein, der die Erben zusammenruft und der sich als einer von ihnen legitimiert.

Woher kommt denn all der Wissenschaftsaberglauben der Marxisten? Sie wollen die vielfachen, zersplitterten, durcheinander geworrenen Einzelheiten der Überlieferung und der Zustände auf einen Faden, in eine Ordnung, zu einer Einheit bekommen. Auch sie haben das Bedürfnis nach Vereinfachung, nach Einheit, nach Allgemeinheit.

Sind wir wieder einmal bei dir angelangt, herrliches erlösendes Allgemeines und Eines, das du dem wahren Denken so nötig bist wie dem wahren Leben, das Mitleben schafft und Gemeinschaft und Einung und Innung, das im Kopf der Denkenden die Idee ist und im Leben alles Lebenden durch alle Reiche der Natur hin der Bund der Bünde ist? das du mit Namen heißest: Geist!

Dich aber haben sie nicht, und darum ersetzen sie dich. Daher kommt ihnen die täuschende Fälschung, die Surrogatware ihrer Geschichtsklitterung und ihrer Wissenschaftsgesetze: sie kennen nur ein einziges Bannendes, nur ein Formendes, Zusammenrückendes, die Einzelheiten Ordnendes, das Auseinandergesprengte Verbindendes, nur ein Prinzip, nur ein Allgemeines: die Wissenschaft. Und wohl ist Wissenschaft Geist, Ordnung, Einheit und Bund: wo sie Wissenschaft ist. Wo sie aber Schwindel und Affenbetrug ist, wo der angebliche Mann der Wissenschaft nur ein verkleideter Journalist und ein nur schlecht sich verstellender Leitartikelschreiber ist, wo statistisch formulierte Tatsachenhaufen und dialektisch maskierte Philistermeinungen für eine Art höhere Mathematik der Geschichte und untrügliche Anweisung fürs künftige Leben gelten wollen: da ist diese sogenannte Wissenschaft Ungeist, Hemmung des Geistes; ein Hindernis, das endlich gesprengt, mit Gründen und Lachen, mit Feuer und Wut vertilgt werden muß.

Ihr kennt die andern Formen des Geistes nicht und habt darum die Professorlarve vor eure Advokatengesichter gezogen, wo ihr nicht wirkliche Professoren seid, die den Propheten spielen wollen, wie jener andere Professor, euer Schutzpatron, die Laute spielen wollte, aber nicht konnte.

Wir aber wissen es und haben es hier nun schon oft gesagt, was alles noch Geist ist: wir haben eine Allgemeinheit, ein Zusammengehen des Ganges der Menschheit anderer Art, anderer Herkunft als ihr, wir haben unser Wissen zusammen mit unserm großen Grundfühlen und unserem starken Weithinwollen: wir sind - - zuvor aber, arme Marxisten, nehmet einen Stuhl und setzet euch und haltet euch fest; denn es kommt Fürchterliches; Anmaßendes kommt, und zugleich wird euch etwas weggenommen, was ihr mir so brennend gern selbst verächtlichen Tonfalls entgegengeworfen hättet - - wir sind Dichter; und die Wissenschaftsschwindler, die Marxisten, die Kalten, die Hohlen, die Geistlosen wollen wir wegräumen, damit das dichterische Schauen, das künstlerisch konzentrierte Gestalten, der Enthusiasmus und die Prophetie die Stätte finden, wo sie fortan zu tun, zu schaffen, zu bauen haben; im Leben, mit Menschenleibern, für das Mitleben, Arbeiten und Zusammensein der Gruppen, der Gemeinden, der Völker.

Jawohl denn, wirklich, als volle Tatsächlichkeit soll kommen und wahr werden, was Dichtertraum und Melodie und berückende Linie und leuchtende Farbenpracht lange genug nun war: wir Dichter wollen im Lebendigen schaffen, und wollen sehen, wer der größere und stärkere Praktiker ist: ihr, die ihr zu wissen behauptet und nichts tut; oder wir, die nun das lebendige Bild in uns haben und das sichere Gefühl und den hinausgreifenden Willen: und die wir tun wollen, was nur getan werden kann, tun wollen gleich jetzt und immerzu und unentwegt, die wir die Menschen, die mit uns sind, sammeln wollen zu einem Keil, der vorwärts dringt, immer weiter im Tun, im Bauen, im Wegräumen; immerzu, über euch weg mit Lachen und Gründen und Zürnen; über schwerere Klötze weg mit Angreifen und Kämpfen. Wir bringen keine Wissenschaft und keine Partei; wir bringen noch weniger einen Geistesbund, wie ihr ihn versteht, denn wenn ihr von so etwas redet, denkt ihr an das, was ihr Aufklärung nennt, und was wir Halbbildung und Traktätchenfutter heißen. Der Geist, der uns trägt, ist eine Quintessenz des Lebens und schafft Wirklichkeit und Wirksamkeit. Dieser Geist heißt mit anderm Namen: Bund; und was wir dichten, schön machen wollen, ist Praktik, ist Sozialismus, ist Bund der arbeitenden Menschen.

Hier sehen wir es nun offenbar vor Augen und können es mit Händen greifen, warum die Marxisten in ihrer famosen Geschichtsauffassung, die sie die materialistische nennen, den Geist ausgeschaltet haben. Wir können an dieser Stelle die Erklärung besser geben, als es ändern trefflichen Bestreitern der Marxisten gelingen konnte. Die Marxisten haben in ihren Erklärungen und Auffassungen aus sehr natürlichem, ja geradezu aus trefflich materiellem Grunde den Geist ausgeschaltet: weil sie nämlich keinen haben.

Aber wenn nur wenigstens wahr wäre, daß ihre Art, die Geschichte darzustellen, eine materialistische heißen darf. Das wäre ein rühmliches, ein gewaltiges Unternehmen sogar, freilich eines, dessen Veranstalter ohne eigenen Geist nicht auskäme: den Versuch zu machen, das Ganze der Menschheitsgeschichte bloß in der Form von physischen Vorgängen, von körperlich-dinglichen Prozessen, von einem unendlichen Wechselverkehr zwischen den materiellen Vorgängen der übrigen Welt und den physiologischen Prozessen der Menschenleiber darzustellen.

Es könnte das freilich, aus den Gründen, die ich schon gesagt habe, keinerlei auf Gesetzen aufgebaute Wissenschaft sein, nur eine geistvolle und fast phantastische Skizze zu einer solchen könnte es werden; aber es wäre etwas, an das einer schon beinahe sein Leben setzen könnte; und vielleicht kommt einmal einer, der es unternimmt, und wäre es einer, der es nur darum tut, um das Recht, die Grundlage und die Sprachmöglichkeit zu finden, nunmehr diesen starren Bau flüssig und völlig zum Bilde zu machen und die große Umkehrung vorzunehmen: die ganze Menschengeschichte nämlich unter Ausschaltung jeglicher Körperlichkeit als psychisches Gesamtheitsgeschehen, als den Austausch geistigen Strömens darzustellen.

Denn wer so Materialismus bis in die äußerste Konsequenz zu denken vermag, weiß, daß er nur die andere Seite des Idealismus ist; wer so wirklicher Materialist ist, kann nur aus der Schule Spinozas kommen. Aber genug damit: was verstehen die Marxisten davon? Die Marxisten, die, wenn man Spinoza sagt, wohl gar an die überzwerche Puppe denken, die ihre und die darwinistisch-monistischen Traktätchenverfasser aus Spinoza gemacht haben.

Genug damit; hier ist nur nötig zu sagen, daß, was die Marxisten materialistische Geschichtsauffassung nennen, nicht das mindeste mit irgendeinem vernünftig aufgefaßten Materialismus zu tun hat: am Ende hielten sie es gar für einen Widerspruch, den Materialismus vernünftig aufzufassen und hätten nicht einmal unrecht. Allenfalls dürfte die Geschichtsauffassung, die sie lehren, ökonomistische heißen; ihr wahrer Name ist, wie gesagt, geistlose Geschichtsauffassung.

Sie behaupten nämlich, entdeckt zu haben, die politischen Zustände, die Religionen, die geistigen Strömungen insgesamt, ihre eigene Lehre und ihr ganzes Agitieren und Politisieren natürlich nicht ausgenommen, seien nur der ideologische Überbau, so eine Art nachträgliche Doppelgängererscheinung der wirtschaftlichen Zustände und gesellschaftlichen Institutionen und Prozesse. Wie viel Geistiges, Seelisches mit dem unabschälbar verwachsen ist, was sie wirtschaftlich und gesellschaftlich nennen, daß vor allem das Wirtschaftsleben nur ein winziger Teil des Gesellschaftslebens ist und daß dieses von den großen und kleinen geistigen Gebilden und Bewegungen des Mitlebens gar nicht zu trennen ist, stört diese Oberflächlichen nur wenig, für die es in allen ihren Kundgebungen kennzeichnend ist, daß sie Schnellredner und Drauflosschwätzer sind, daß sie nie das Bedürfnis gespürt haben, ihren eigenen Worten auf den Grund zu gehen. Hätten sie das je getan, wären sie tief Verschwiegene geworden, denn an ihren Widersprüchen und Unvereinbarkeiten wären sie erstickt.

Dieser widerspruchsvolle Mißbrauch der Worte hat nun aber doch die Marxisten gestört, aber freilich nur so, wie Ungründliche sich irritieren lassen: die einen finden sich mit dem Widerspruch durch die eine Verkehrtheit und Halbheit und die andern durch eine andere Schiefheit und Verbiegung ab, und so entstanden verschiedene Strömungen unter ihnen und es hat allerlei Spannungen und Spaltungen gegeben: die einen schließen aus der Lehre, der Marxismus verkünde eine apolitische und fast antipolitische Haltung, da ja die Politik nur das fast irrelevante Spiegelbild der Wirtschaft sei; es komme nicht auf Politik, Gesetzgebung und Staatsformen an, sondern auf wirtschaftliche Formen und wirtschaftliche Kämpfe (aber auch diese Kämpfe sind natürlich in die reine Lehre nur eingeschmuggelt; denn ein Kampf, auch ein wirtschaftlicher, ist eine durchaus geistige Sache und mit allem Leben des Geistes stark verwachsen; aber genug davon, denn, wie gesagt, wer irgendeinem Punkt des Marxismus auf den Grund geht, stößt immer auf die Unmöglichkeit und das Kompromiß und die Kontrebande); die andern wollen trotzdem mit Hilfe der Politik auf die wirtschaftlichen Dinge einwirken und fügen den Kompromissen, Ausreden und mühsamen Flickereien mit der Wirklichkeit, die so total anders aussieht, als ihre professorale Ausschwitzung auf dem Papier, fügen diesen Bemäntelungen, die sie alle machen müssen, noch ein paar neue hinzu. Es kommt nicht darauf an, und wir halten uns bei diesen Streitfragen nicht weiter auf; mögen sie die Politikomarxisten mit ihren Brüdern, den Syndikalisten oder den neuerdings durch elenden Mißbrauch zweier edlen Namen so genannten Anarchosozialisten ausfechten.

Denn die ganze Lehre ist falsch und hält nicht Stich und Faden, und als wahr und wertvoll bleibt nur die Beherzigung übrig, die, in England und anderswo, schon lange vor Karl Marx eingeschärft worden ist: man dürfe bei Betrachtung der menschlichen Geschehnisse die eminente Bedeutung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustände und Umwandlungen nicht verkennen. Dieser Hinweis erfolgte in der großen Bewegung, die man die Entdeckung der Gesellschaft im Gegensatz zum Staat nennen müßte, eine Entdeckung, die einer der frühesten und wichtigsten Schritte zur Freiheit, zur Kultur, zum Bunde, zum Volke, zum Sozialismus ist. Überaus Heilvolles und Wegreiches steckt in diesen großen Schriften der politischen Ökonomisten, der glänzenden Publizisten des achtzehnten, der ersten Sozialisten des neunzehnten Jahrhunderts. Der Marxismus aber hat daraus nur eine Karikatur, eine Fälschung, eine Korruption gemacht. Die sogenannte Wissenschaft, die die Marxisten daraus gemacht haben, ist in ihrer tatsächlichen Wirkung ein kläglicher und doch verhängnisvoller Versuch (denn keine angebliche Wissenschaft ist so dumm, daß sie nicht, wenn sie demagogisch oder auch nur populär ausgemünzt wird, gebildete und ungebildete Massen und nicht zuletzt auch Universitätsprofessoren einfängt), der Marxismus also versucht, den Strom, der vom Staat und damit von der Unkultur wegführt, hin zu Bünden der Freiwilligkeit und des gemeinsamen Geistes, den Strom, der die Gesellschaft der Gesellschaften auf seinem Rücken trägt, wieder zurückzubringen zum Staat und zum Ungeist all unserer Einrichtungen des Mitlebens, und diesen Strom dabei noch die Mühlen ehrgeiziger Politikanten treiben zu lassen.

Das müssen wir noch näher besehen. Denn wir haben erst nur zwei Häute der marxistischen Tränenzwiebel abgeschält; wir müssen noch mehr ins Innere dringen, und wenn uns dabei das Weinen ankommen sollte. Wir müssen das Mißgebilde weiter sezieren, und ich verspreche: ein bißchen Prusten und Nießen und etliches Lachen wird immer dabei sein. Wir haben gesehen, was es mit der Wissenschaft und was es mit dem Materialismus der Marxisten auf sich hat: was aber ist denn das nun für ein geschichtlicher Verlauf der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, den sie entdeckt haben, nicht doch, der aus der materialen Wirklichkeit ihnen in den geistigen Überbau, wahrscheinlich in ihre kartesianische Zirbeldrüse, hineingewachsen ist?

Wir sind jetzt bei dem Moment angelangt, wo sich der Professor, der Leben in Scheinwissenschaft, Menschenleiber in Papier verwandelt, in einen Professor ganz anderer Art, mit ganz andern Verwandlungskünsten verwandelt. Professoren nennen sich ja wohl auch gewöhnlich die Verwandlungskünstler, Zauberer, Prestidigitateure, die ihre Fingerfertigkeit und Volubilität auf Jahrmärkten produzieren. Die berühmtesten, die entscheidenden Kapitel von Karl Marx haben mich immer an Zauberprofessoren dieser Art erinnert. "Eins - zwei - drei - ohne jede Hexerei."

Folgendermaßen ist nach Karl Marx die Fortschrittslaufbahn unsrer Völker vom Mittelalter über die Gegenwart zur Zukunft, ein Lauf, der sich "mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses" (nach dem englischen Text, der noch deutlicher ist: mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes), übrigens mit steigender Geschwindigkeit, vollziehen soll: Im ersten Stadium, dem kleinlichen, krämerhaften, wo es nur Durchschnittsmenschen, Mittelmaß, Kleinbürger und dergleichen erbärmliches Volk gibt, haben sehr viele jeder sehr kleines Eigentum. Nun kommt die zweite Stufe, der Aufschwung zum Fortschritt, der erste Entwicklungsprozeß, der Weg zum Sozialismus: Kapitalismus genannt. Jetzt sieht die Welt schon ganz anders aus: wenige haben jeder sehr großes Eigentum, die Masse hat nichts. Der Übergang in diese Stufe war schwer, und ohne Gewalt und Häßlichkeit ging es nicht ab. Auf der Stufe aber geht's nun dem gelobten Land auf den gut geölten Schienen der Entwicklung immer näher und leichter entgegen; gottlob werden immer mehr Massen proletarisiert, gottlob gibts immer weniger Kapitalisten, sie expropriieren sich gegenseitig, bis nur noch Massen von Proletariern wie Sand am Meer ganz vereinzelten Riesenunternehmern entgegenstehen, und nun ist der Sprung zur dritten Stufe, nun ist der zweite Entwicklungsprozeß, der letzte Schritt zum Sozialismus nur noch ein Kinderspiel: "die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt". Innerhalb des Kapitalismus ist man, sagt Karl Marx, zur "Zentralisation der Produktionsmittel" und zur "Vergesellschaftung der Arbeit" gekommen. Er nennt das eine Produktionsweise, "die unter dem Kapitalmonopol aufgeblüht ist", wie er denn immer leicht in Dichterstimmung kommt, wenn er die letzten Schönheiten des Kapitalismus, unmittelbar bevor er in Sozialismus umschlägt, besingt. Nun also ist es soweit: "die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation": den Sozialismus. Denn die "Kooperation" und "der Gemeinbesitz der Erde" ist, sagt Karl Marx, schon eine "Errungenschaft der kapitalistischen Ära". Die großen, ungeheuren, fast unendlichen Menschenmassen, die Proletarisierten, haben wirklich fast nichts mehr für den Sozialismus zu tun. Sie müssen nur warten, bis es soweit ist.

Denn nicht wahr? Soweit sind wir doch noch lange nicht, ihr Herrn von der Wissenschaft, daß uns der Kapitalismus die Kooperation und den Gemeinbesitz an der Erde und den Produktionsmitteln gebracht hätte? Was Gemeinbesitz heißt, das wenigstens ist doch insoweit klar, so viele sehr verschiedene Formen des Gemeinbesitzes es auch geben kann, daß er etwas anderes als Usurpation, als Privileg, als Privateigentum sein muß? Ist von diesem Gemeinbesitz, der schon in der Ära des Kapitalismus kommen soll, der die größte Ähnlichkeit schon mit dem Sozialismus haben soll, jetzt schon etwas zu merken? Ja oder nein? Wir möchten nämlich ganz gerne wissen, wie lange es etwa noch dauern kann mit dem Naturprozeß. Heraus, bitte, mir eurer Wissenschaft!

Aber wer weiß, wer weiß! Vielleicht hat doch Karl Marx schon in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die Spuren oder gar sichtbare Anfänge des Gemeinbesitzes an der Erde und den Produktionsmitteln sich aus dem Kapitalmonopol herauswickeln sehen. Denn was die Kooperation angeht, ist die Sache bei näherem Zusehen schon ganz unzweideutig. Für mich freilich heißt Kooperation Zusammenwirken und gemeinsame Arbeit, und wenn man nicht ein Narr ist, der das gemeinsame Ziehen einer Kuh und eines Pferdes vor einem Pflug, oder die nach Lokalität oder auch Arbeitsteilung gemeinsame Arbeit von Negersklaven auf einer Baumwollpflanzung oder einem Zuckerrohrfeld Kooperation und gemeinsame Arbeit nennt - - aber wie ist mir denn? Genau dieser Narr ist ja Karl Marx! Was Zukunft! Was weitere Entwicklung des Kapitalismus! Der kluge Gelehrte hielt sich an die Gegenwart. Die Arbeitsform, die er im kapitalistischen Betrieb seiner Zeit gesehen hat, das Fabriksystem, die Arbeit tausender im engen Raume, die Anpassung des Arbeiters an die Werkzeugmaschinen und die damit sich ergebende weitgehende Arbeitsteilung in der Herstellung der Waren für den kapitalistischen Weltmarkt - das hat Karl Marx die Kooperation genannt, die ein Element des Sozialismus sein soll. Spricht er doch ohne jede Frage davon, daß der Kapitalismus "tatsächlich bereits auf gesellschaftlichem Produktionsbetrieb" beruhe!

Jawohl, man sträubt sich gegen so exemplarischen Unsinn, aber das ist ohne Frage die wahre Meinung von Karl Marx: der Kapitalismus entwickelt ganz und gar den Sozialismus aus sich heraus, die sozialistische Produktionsweise "erblüht" aus dem Kapitalismus: schon haben wir Kooperation, schon sind wir mindestens auf bestem Wege zum Gemeinbesitz der Erde und der Produktionsmittel: schließlich tut nichts mehr not, als die paar übriggebliebenen Eigentümer zu verjagen. Alles andere ist aus dem Kapitalismus erblüht. Denn der Kapitalismus, das ist der Fortschritt, das ist die Gesellschaft, das ist eigentlich schon der Sozialismus. Der wahre Feind, das sind "die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer". Denn die arbeiten selber und haben höchstens ein paar Gehilfen und Lehrlinge, das ist das Murksige, der Zwergbetrieb; der Kapitalismus aber ist die Uniformität, die Arbeit Tausender an einer Stelle, die Arbeit für den Weltmarkt, und das ist die gesellschaftliche Produktion und der Sozialismus.

Das ist die wahre Lehre von Karl Marx: wenn der Kapitalismus ganz und gar über die Reste des Mittelalters gesiegt hat, ist der Fortschritt besiegelt und der Sozialismus so gut wie da.

Ist es nicht von symbolischer Bedeutung, daß das Grundwerk des Marxismus, die Bibel dieser Sorte Sozialismus "Das Kapital" heißt? Diesem Kapitalsozialismus stellen wir unsern Sozialismus gegenüber und sagen: der Sozialismus, die Kultur und der Bund, der gerechte Austausch und die freudige Arbeit, die Gesellschaft der Gesellschaften kann erst kommen, wenn ein Geist erwacht, wie die christliche Zeit und die vorchristliche Zeit der germanischen Völker einen Geist gekannt hat, und wenn dieser Geist fertig wird mit der Unkultur, der Auflösung und dem Niedergang, der wirtschaftlich gesprochen Kapitalismus heißt. So steht's nun in ganzer Schärfe einander entgegen. Hie Marxismus - hie Sozialismus! Marxismus - die Geistlosigkeit, die papierne Blüte am geliebten Dornstrauch des Kapitalismus. Sozialismus - das Neue, das sich gegen die Verwesung; die Kultur, die sich gegen die Vereinigung von Ungeist, Not und Gewalt, gegen den modernen Staat und den modernen Kapitalismus erhebt.

Und jetzt könnte man verstehen, was ich diesem nicht minder Modernen, was ich dem Marxismus ins Gesicht sagen will: daß er die Pest unsrer Zeit und der Fluch der sozialistischen Bewegung ist. Jetzt soll noch deutlicher gesagt werden, daß es so ist, warum es so ist, warum der Sozialismus nur in Todfeindschaft gegen den Marxismus erstehen kann.

Denn der Marxismus ist vor allem der Philister. Der Philister, der geringschätzig auf alles Vergangene blickt, der das die Gegenwart oder den Anfang der Zukunft nennt, wo er sich zu Hause fühlt, der an den Fortschritt glaubt, dem 1908 besser gefällt als 1907, der von jedem 1909 etwas ganz besonderes, von so etwas fernem wie 1920 aber schon beinahe ein Wunder und ein Endgültiges erwartet.

Der Marxismus ist der Philister und darum der Freund des Massenhaften und des Breiten. So etwas wie eine Städterepublik des Mittelalters oder eine Dorfmark oder ein russischer Mir oder eine Schweizer Allmend oder eine kommunistische Kolonie kann für ihn nie die geringste Ähnlichkeit mit Sozialismus haben; aber ein breiter, zentralisierter Staat sieht seinem Zukunftsstaat schon einigermaßen ähnlich. Zeigt man ihm ein Land in einer Zeit, wo die kleinen Bauern gedeihen, wo ein kunstreiches Handwerk blüht, wo es wenig Elend gibt, so rümpft er verächtlich die Nase; und keinen schlimmeren Schimpf glaubten Karl Marx und seine Nachfahren dem größten aller Sozialisten, Proudhon, antun zu können, als daß sie ihn einen kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Sozialisten nannten, was gar keine falsche Beurteilung und ganz gewiß kein Schimpf war, da eben Proudhon den Menschen seines Volkes und seiner Zeit, vorwiegend kleinen Bauern und Handwerkern, prachtvoll gezeigt hat, wie sie sofort, ohne erst den säubern Fortschritt des Großkapitalismus abzuwarten, zum Sozialismus hätten kommen können. Das können nun die Entwicklungsgläubigen gar nicht hören, daß man von einer Möglichkeit spricht, die einmal da war und doch nicht Wirklichkeit geworden ist; und die Marxisten und die von ihnen Angesteckten können es darum so gar nicht hören, daß man von einem Sozialismus spricht, der vor der weiteren Abwärtsbewegung, die sie die Aufwärtsbewegung des gesegneten Kapitalismus nennen, hätte möglich sein können. Wir aber trennen nicht eine fabelhafte Entwicklung und gesellschaftliche Prozesse von dem, was Menschen wollen, tun, hätten wollen können und hätten tun können. Wir wissen, daß die Determination und die Notwendigkeit alles Geschehens und also auch des Wollens und Tuns allerdings selbstverständlich gilt und ohne jede Ausnahme gilt: aber immer nur hintennach kann man feststellen, wenn eine Wirklichkeit da ist, daß sie also eine Notwendigkeit ist; wenn etwas nicht geschah, daß es also nicht möglich war, weil z. B. die Menschen, an die mit großem Fug appelliert wurde und denen mit großer Notwendigkeit Vernunft gepredigt worden ist, nicht wollten und nicht vernünftig sein konnten. Aha! werden die Marxisten triumphierend sagen wollen, Karl Marx hat aber vorausgesagt, daß dazu keine Möglichkeit war. Jawohl, antworten wir, und hat damit ein sicheres Teil der Schuld auf sich genommen, daß es nicht dazu gekommen ist, ist für damals und noch viel mehr für später einer der Hinderer und der Schuldigen gewesen. Denn für uns besteht die Menschengeschichte nicht aus anonymen Prozessen und nicht bloß aus der Häufung vieler kleiner Massengeschehnisse und Massenunterlassungen; für uns sind die Träger der Geschichte Personen, und für uns gibt es auch Schuldige.

Glaubt man denn, Proudhon habe nicht wie jeder Prophet, wie jeder Johannes, stärker als irgendeiner von den kalten Wissenschaftszuschauern oft in großen Stunden das Gefühl der Unmöglichkeit gehabt, diese seine Menschen zu dem zu führen, was er als schönste und natürlichste Möglichkeit vor sich sah? Der kennt die Apostel und Führer der Menschheit schlecht, der meint, der Glaube an die Erfüllung gehöre zu ihrem großen Tun, zu ihrem visionären Gebaren und drängenden Gestalten. Der Glaube an ihre heilige Wahrheit gehört dazu, und die Verzweiflung an den Menschen und das Gefühl der Unmöglichkeit! Wo über die Menschheit Großes und Überwältigendes, Umschwung und Neuerung gekommen ist, da ist es das Unmögliche und Unglaubliche, das ist eben das Selbstverständliche, gewesen, was die Wendung gebracht hat.

Aber der Marxismus ist der Philister, und darum verweist er immer voller Hohn und Triumph auf Fehlschläge und vergebliche Versuche und hat solche kindische Angst vor den Niederlagen. Gegen nichts trägt er mehr Verachtung zur Schau, als gegen das, was er Experimente oder gescheiterte Gründungen nennt. Schande und ein Zeichen schmählichen Niederganges, insbesondere des deutschen Volkes, dem solche Angst vor dem Idealismus, der Schwärmerei und dem Heroismus so besonders schlecht ansteht, daß solche Jämmerlinge seinen Geknechteten Führer sein sollen. Aber die Marxisten sind für die armen Massen genau dasselbe, was die Nationalrenommisten seit 1870 für die satten Volksschichten sind: Erfolganbeter. Wir kommen hier hinter einen andern, einen zutreffenderen Sinn der Bezeichnung "materialistische Geschichtsauffassung". Jawohl, Materialisten im gewöhnlichen, im groben, im populären Sinne des Wortes sind die Marxisten, und waren genau wie die Nationaltröpfe bemüht, den Idealismus herunterzubringen und auszumerzen. Was der Nationalbourgeois aus dem deutschen Studenten gemacht hat, haben die Marxisten aus weiten Schichten des Proletariats gemacht: feigherzige Leutchen ohne Jugend, ohne Wildheit, ohne Wagemut, ohne Lust am Versuchen, ohne Sektierertum, ohne Ketzerei, ohne Originalität und Absonderung. All das aber brauchen wir, wir brauchen Versuche, wir brauchen den Zug der Tausend nach Sizilien, wir brauchen diese wunderköstlichen Garibaldinaturen, und wir brauchen Fehlschläge über Fehlschläge und die zähe Natur, die sich nicht, die sich durch nichts abschrecken läßt, die festhält und aushält und immer noch einmal ansetzt, bis es gelingt, bis wir durch sind, bis wir unüberwindlich sind. Wer die Gefahr der Niederlage, der Vereinsamung, des Rückschlags nicht auf sich nimmt, wird nie zum Siege kommen.

O ihr Marxisten, ich weiß, wie übel euch das alles in den Ohren klingt, die ihr nichts mehr fürchtet, als was ihr Nackenschläge nennt; das Wort gehört zu eurem besonderen Sprachschatz und vielleicht mit einigem Recht, da ihr dem Feind mehr den Nacken zeigt als die Stirn. Ich weiß, wie tief verhaßt, wie widerwärtig und all eurem trockenen Stubenwesen unangenehm solche Feuernaturen wie Proudhon auf dem Gebiete des Bauens, Bakunin oder Garibaldi auf dem Gebiete der Destruktion und des Kampfes euch sind, wie alles Romanische, alles Keltische, alles, was nach freier Luft und Wildheit und Initiative aussieht, euch geradezu peinlich ist. Ihr habt euch genug damit geplagt, alle Freiheit, alles Persönliche, alle Jugend, alles, was ihr Dummheiten nennt, aus der Partei, aus der Bewegung, aus den Massen herauszubringen. Wahrlich, es stünde besser um den Sozialismus und unser Volk, wenn wir statt der systematischen Dummheit, die ihr eure Wissenschaft nennt, die feuerköpfigen Dummheiten der Hitzigen und Brausenden und Überschäumenden hätten, die ihr nicht ausstehen könnt. Jawohl, wir wollen machen, was ihr Experimente nennt, wir wollen versuchen, wir wollen aus dem Herzen heraus schaffen und tun, und wir wollen denn, wenn's sein muß, so lange Schiffbruch leiden und Niederlagen auf uns nehmen, bis wir den Sieg haben und Land sehen. Aschenhafte, Schlafmützige, Philister sind über dir, Volk; wo sind die Kolumbusnaturen, die lieber auf gebrechlichem Schiff und aufs Ungewisse hin aufs hohe Meer gehen als auf die Entwicklung zu warten? Wo sind die Jungen, die Munteren, Sieghaften, Roten, die über diese Grauen zu lachen beginnen? Nicht gerne hören die Marxisten solche Worte, solche Anfälle, die sie Rückfälle nennen, solche Schwärmereien und Unwissenschaftlichkeiten, ich weiß es, und gerade darum tut es mir so sehr wohl, daß ich ihnen auch das noch gesagt habe. Gut und stichhaltig sind die Gründe, die ich gegen sie brauche, aber wenn ich sie, statt sie mit Gründen zu widerlegen, mit Hohn und Lachen tot ärgern täte, wäre es mir auch recht.

Der Philister Marxist also ist viel zu klug, viel zu besonnen, viel zu vorsichtig, als daß er je hätte auf den Einfall kommen können, wenn der Kapitalismus schon im vollen Hereinbrechen ist, wie es zur Zeit der Februarrevolution in Frankreich der Fall war, den Versuch zu machen, ihm durch sozialistische Organisation entgegenzutreten, ebenso wie er die Formen lebendiger Gemeinschaft aus dem Mittelalter, die man in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, in Rußland vor allen durch Jahrhunderte des Niedergangs hindurch gerettet hat, lieber umbringen und im Kapitalismus ersäufen möchte als anerkennen, daß in ihnen die Keime und Lebenskristalle auch der kommenden sozialistischen Kultur stecken; aber zeigt man ihm die wirtschaftlichen Zustände etwa Englands aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, mit seinem wüsten Fabriksystem, mit der Verödung des Landes, mit der Uniformierung der Massen und des Elends, mit dem Wirtschaften für den Weltmarkt statt für wirkliche Bedürfnisse, so findet er darin gesellschaftliche Produktion, Kooperation, Anfänge des Gemeinbesitzes: er fühlt sich wohl.

Der echte Marxist, wenn er noch nicht schwankend geworden ist und Konzessionen zu machen begonnen hat (heutzutage machen diese Zusammenbrechenden freilich schon längst alle Konzessionen), will gar nichts wissen von bäuerlichen Genossenschaften, von Kreditgenossenschaften, von Arbeitergenossenschaften, selbst wenn sie ins Großartige gewachsen sind: ganz anders imponieren ihm kapitalistische Warenhäuser, in denen soviel Organisationsgeist für Unproduktives, für Raub und Usurpation, für den Verkauf von Tand und Schund aufgewendet ist.

Aber hat sich denn je ein Marxist um diese große, entscheidende Frage gekümmert: was für den Weltmarkt produziert, was an die Konsumenten verschlissen wird? Immer haftet ihr Blick nur an den äußeren, unwesentlichen, oberflächlichen Formen der kapitalistischen Produktion, die sie gesellschaftliche Produktion nennen, von denen jetzt noch die Rede sein muß.

Der Marxismus ist der Philister, und der Philister kennt nichts Wichtigeres, nichts Großartigeres, nichts, was ihm heiliger ist als die Technik und ihre Fortschritte. Stelle einen Philister vor Jesus, der in seinem Reichtum, in der Ausgiebigkeit seiner unerschöpflichen Gestalt nebst dem, was er überdies für den Geist und das Leben bedeutet, auch ein gewaltiger Sozialist ist, stelle einen Philister vor den lebendigen Jesus am Kreuz und vor eine neue Maschine zur Fortbewegung von Menschen oder Sachen: er wird, wenn er ehrlich und kein Bildungsheuchler ist, das gekreuzigte Menschenkind eine total unnütze und überflüssige Erscheinung finden und hinter der Maschine herlaufen.

Und doch! wie viel mehr wahrhaft bewegt hat diese stille, ruhende, leidende Größe des Herzens und des Geistes als alle Bewegungsmaschinerien dieser Zeiten. Und doch! wo wären denn alle Bewegungsmaschinerien unserer Zeiten ohne diesen Stillen, Ruhenden, Leidenden, Großen am Kreuz der Menschheit. Auch das sollte hier gesagt sein; obwohl es nur die leicht verstehen werden, die es schon vorher gewußt haben.

Hier nun, wo wir die grenzenlose Verehrung des Gevatters Fortschrittlers vor der Technik sehen, lernen wir die Herkunft dieses Marxismus kennen. Der Vater des Marxismus ist nicht das Geschichtsstudium, ist auch nicht Hegel, ist weder Smith noch Ricardo, noch einer der Sozialisten vor Marx, ist auch kein revolutionär-demokratischer Zeitzustand, ist noch weniger der Wille und das Verlangen nach Kultur und Schönheit unter den Menschen. Der Vater des Marxismus ist der Dampf. Alte Weiber prophezeien aus dem Kaffeesatz. Karl Marx prophezeite aus dem Dampf. Was Marx nämlich für Sozialismusähnlichkeit hielt, für die unmittelbar vorbereitende Stufe vor dem Sozialismus, war nichts als die Organisation des Produktionsbetriebs, die die technischen Erfordernisse der Dampfmaschine innerhalb des Kapitalismus herbeiführten.

Da begegneten sich nun also zwei ganz verschiedene Formen der Zentralisation: die wirtschaftliche Zentralisation des Kapitalismus: der Reiche, der möglichst viel Geld, möglichst viel Arbeit zu sich als Zentrum heranleitet; und die technische Zentralisation des Betriebs: die Dampfmaschine, die die Arbeitsmaschinen und die arbeitenden Menschen bei sich, dem Kraftzentrum, in der Nähe haben muß und darum die großen Fabrikbetriebe und die raffinierte Arbeitsteilung geschaffen hat. Die wirtschaftliche Zentralisation des Kapitalismus braucht an sich - vereinzelte Fälle ausgenommen - gar keine Zentralisation des technischen Betriebs; überall, wo die menschliche Arbeitskraft oder die einfachen, mit Hand oder Fuß betriebenen Maschinen billiger sind als die Benutzung der Dampfmaschine, zieht der Kapitalist die weit im Land, auf Dörfern und Gehöften verstreute Heimindustrie der Fabrik vor. Die technischen Notwendigkeiten der Dampfmaschine also waren es, die die großen Fabrikkasernen und die Großstädte voller Fabrikkasernen und Mietskasernen erzeugt haben.

Diese beiden zunächst getrennten und durchaus verschiedenen Zentralisationsformen haben sich dann natürlich vereinigt und haben gegenseitig die stärksten Einflüsse aufeinander ausgeübt: der Kapitalismus hat durch die Dampfmaschine ungeheuer schnelle Fortschritte gemacht; und anderseits hindert der Kapitalismus - der nun einmal seine technisch zentralisierenden Einrichtungen und Gewohnheiten hat, der vor allem die Arbeiter aus dem platten Land weggezogen hat und mehr und mehr vollends wegzieht - er hindert die elektrische Übertragung der Dampf- und Wasserkraft, die ihrer Natur nach dezentralisierend wirken müßte, diese Wirkung in dem Maße auszuüben, wie es sonst der Fall sein müßte; obwohl nicht zu leugnen ist, daß diese elektrische Kraftübertragung sowohl kapitalistische Ausbeutung kleiner, voneinander getrennter Werkstätten hervorgerufen hat, wie z. B. in der Klingenindustrie Solingens, wie auch die Kiemindustrie und das Handwerk jetzt schon erfreulich gestärkt hat und in Zukunft noch mehr stärken und neu erwecken wird; hier ist für den genossenschaftlichen Bezug von Kraft und Motoren noch ein weites Feld.

Diese Vereinigung von technischer und Kapitalzentralisation hat dann weitere kapitalistische Zentralisationen im Gefolge gehabt oder sehr gestärkt: Zentralisationen des Handels, des Bankwesens, der Engros- und Detailgeschäfte, der Transporteinrichtungen usw.

Und noch eine dritte Zentralisation ist, im großen und ganzen unabhängig von den beiden ändern, in unsern Zeiten gediehen: die Zentralisation des Staats, des Bürokratismus, des Heereswesens. Und so sind neben die Fabrikkasernen und die Mietskasernen noch weitere Kasernen in die Großstädte gezogen: die Kasernen der Bürokraten, wo in jedem dieser öffentlichen Häuser hundert kleine Kammern, und in jeder öden Kammer ein, zwei oder drei grüne Tische, und hinter jedem grünen Tisch ein, zwei oder drei gähnende Subalternbeamte mit der Feder hinter dem Ohr und dem Frühstücksbrot in der Hand sitzen; und die Kasernen der Soldaten, wo tausende kräftige Jünglinge sich nutzlosem Sport - Sport dürfte nur die Erholung nach nützlicher Arbeit sein - und damit der Langenweile und allerlei geschlechtlichen Dummheiten und Unsauberkeiten ergeben müssen.

Und, bei so viel Unkultur, Menschenzusammenhäufung, Entfernung von der Erde und der Kultur, bei so viel Arbeitsvergeudung, Überlastung mit unproduktiver Arbeit und Faulenzerei, bei so viel Sinnlosigkeit und Elend, die all diese Formen des Zentralismus mit sich bringen, werden natürlich die weiteren Kasernen unserer Zeit immer zahlreicher und umfangreicher: die Arbeitshäuser, die Gefängnisse und Zuchthäuser und die Geschlechtshäuser, in denen die Prostituierten kaserniert sind.

Es ist wahr und den Marxisten, wenn sie sich gegen die Behauptung wehren, ihre Lehre sei lediglich ein Produkt der technischen Betriebszentralisation, zuzugeben: all diese Formen des öden, verhäßlichenden, uniformierenden, einengenden und unterdrückenden Zentralismus sind für den Marxismus bis zu gewissem Grade vorbildlich gewesen, haben auf seine Entstehung, Weiterbildung und Ausbreitung Einfluß gehabt. Nicht umsonst wehrt man sich bei Engländern, romanischen Völkern, Schweizern und Süddeutschen mehr und mehr gegen den Marxismus als gegen eine Sache, die verzweifelte Ähnlichkeit mit dem militärischen und bureaukratischen Wesen hat; nicht umsonst findet man echte, rechte Marxisten heutzutage fast nur noch in den Ländern des Feldwebels, Subalternbeamten und des Tschinownik: in Preußen und Rußland. Nicht umsonst verspürt man die Disziplin und die davon untrennbare Grobheit und Befehlshaberei nirgends so sehr, hört man auch das Wort "Disziplin" nirgends so oft, wie in der preußischen Armee und in der deutschpreußischen Sozialdemokratie. Aber trotzdem: keine dieser Zentralisationen ist so beschaffen, daß ihr eine Spottgeburt folgen konnte, die man wahrhaft und wirklich Sozialismus zu nennen wagt, außer der technischen Zentralisation des Dampfes.

Niemals wird der Sozialismus aus dem Kapitalismus "erblühen", wie der Undichter Marx so lyrisch gesungen hat. Aber seine Lehre und seine Partei, der Marxismus und die Sozialdemokratie sind aus der Dampfkraft erwachsen.

Siehe da, wie die Arbeiter und Handwerker und die Bauernsöhne und Töchter vom Lande wegziehen, wie für sie Armeen von Gelegenheits- und von Erntearbeitern kommen! Siehe da, wie morgens Tausende und aber Tausende in die Fabriken einziehen und abends wieder ausgespieen werden!

"Gleicher Arbeitszwang für alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau", haben Marx und Engels schon in ihrem Kommunistischen Manifest gesagt; aber nicht als Beschreibung und Vorahnung der kommenden Herrlichkeiten des Kapitalismus, sondern als eine der Maßnahmen, die sie "für die fortgeschrittensten Länder" zum Beginn ihres Sozialismus vorschlugen. Es ist wahr: diese Sorte Sozialismus erwächst aus der ungestörten Weiterentwicklung des Kapitalismus!

Nimmt man dazu noch die kapitalistische Konzentration, die so aussah, als ob die Zahl der kapitalistischen Personen und der Vermögen immer geringer würde, nimmt man ferner dazu das Vorbild der Staatsallmacht im zentralisierten Staat unsrer Zeiten, nimmt man schließlich noch dazu die immer weiter gehende Vervollkommnung der Werkzeugmaschinen, die immer mehr vorschreitende Arbeitsteilung, die Ersetzung der gelernten Handwerkerarbeiter durch beliebige Handlanger der Maschine - das alles aber durchaus übertrieben und karikiert gesehen; denn es hat alles noch eine andere Seite und ist nie eine schematisch auf einer Linie gehende Entwicklung, sondern ein Kampf und Ausgleich verschiedener Tendenzen; es wird aber alles bis zum Grotesken simplifiziert und karikiert, was der Marxismus ansieht -; nimmt man schließlich noch dazu die Aussicht, daß die Menschenarbeit immer kürzer, die Maschinenarbeit immer produktiver werden kann: dann ist der Zukunftsstaat fertig. Der Zukunftsstaat der Marxisten: die Blüte am Baum der staatlichen, der kapitalistischen, der technischen Zentralisation.

Noch ist hinzuzufügen, daß der Marxist, wenn er besonders kühn sein Stroh träumt - denn nie ist leerer, trockener geträumt worden, und wenn es je phantasielose Phantasten gegeben hat, so sind es die Marxisten - daß er dann seinen Zentralismus und seine Wirtschaftsbürokratie über die heutigen Staaten hinaus ausdehnt und von einer Weltbehörde für die Anordnung und Befehligung der Produktion und Verteilung der Güter spricht. Das ist der Internationalismus des Marxismus. Wie früher in der Internationale alles vom Londoner Generalrat, wie heute in der Sozialdemokratie alles von Berlin aus geregelt und bestimmt werden soll, so wird diese Weltproduktionsbehörde einmal in jedes Töpfchen gucken und das Quantum Schmieröl für jede Maschine in ihrem Hauptbuch stehn haben.

Und nun noch eine Haut herunter; dann sind wir fertig mit unsrer Beschreibung des Marxismus.So also erblühen die Organisationsformen dessen, was diese Leute Sozialismus nennen, schon ganz und gar im Kapitalismus. Nur daß diese Organisationen, diese mehr und mehr - mit Dampf - riesenhaft werdenden Betriebe noch in den Händen von Einzelunternehmern, von Ausbeutern, sind. Wir haben zwar schon gesehen, daß diese durch die Konkurrenz immer weniger werden sollen. Man muß sich das anschaulich machen, wie es gemeint ist: erst Hunderttausende - dann ein paar Tausend - dann ein paar Hundert - dann etliche Siebzig oder Fünfzig - dann ein paar ganz monströse Riesenunternehmer.

Und denen gegenüber stehen die Arbeiter, die Proletarier. Ihrer werden immer mehr und mehr, die Mittelschichten verschwinden, und mit der Zahl der Arbeiter wächst die Zahl und die Intensivkraft der Maschinen, so daß nicht bloß die Zahl der Arbeiter, sondern auch die Zahl der Arbeitslosen, der sogenannten industriellen Reservearmee zunimmt. Es geht also nach dieser Schilderung nicht länger mit dem Kapitalismus, und überdies wird der Kampf gegen ihn, d. h. gegen die paar übriggebliebenen Kapitalisten, für die unter ihrer Botmäßigkeit stehenden unzähligen Massen der Enterbten und also an der Änderung Interessierten immer leichter. Denn auch das müssen wir noch von der Lehre des Marxismus ins Augefassen: in ihm ist alles, wie wohl der Ausdruck heißt, der aus einem ändern Gebiet hergeholt und falsch angewandt wird, immanent. Das soll hier heißen: es bedarf gar keiner besonderen Anstrengungen oder ideeller Einsichten, es läuft alles von selbst am Schnürchen des Gesellschaftsprozesses. Immanent sind die sogenannten sozialistischen Organisationsformen schon im Kapitalismus drin; immanent ist auch in den Proletariern die Interesselosigkeit gegenüber den bestehenden Zuständen, das soll heißen: die Tendenz zum Sozialismus, die revolutionäre Gesinnung ist ein integrierender Bestandteil des Proletariers. Die Proletarier haben nichts zu verlieren; sie haben eine Welt zu gewinnen!

Wie schön, wie wirklich dichterisch ist dieses Wort (das weder von Marx noch von Engels stammt) und wieviel Wahres - sollte darin sein.

Und doch ist wahrer als die Behauptung, daß der Proletarier der geborene Revolutionär sei, jene andere, die hier gesagt wird: daß der Proletarier der geborene Philister ist. Der Marxist spricht so überaus verächtlich vom Kleinbürger; aber alles, was man von Charakterzügen und Lebensgewohnheiten kleinbürgerlich nennen kann, gehört zu den Eigenschaften des Durchschnittsproletariers, wie man denn sogar in Gefängnissen und Zuchthäusern leider die meisten Zellen von Philistern besetzt findet. Mit diesem leider, das mir hier entschlüpft ist, bedaure ich natürlich keineswegs, daß die Nichtphilister in Freiheit sind; aber es ist doch wohl betrüblich, daß armen Tröpfen, Opfern der Verhältnisse, die die gesetzlich festgestellte Konvention so brechen mußten, wie alles, was in der Welt geschieht, geschehen muß, diese Notwendigkeit nicht wenigstens dadurch auferlegt ist, daß diese Konvention in ihrem Innern nicht lebte, sondern durch Frevelgesinnung ersetzt wäre. Die Konvention, die sie in die Lage kamen zu brechen, lebt aber vielmehr in ihrem Gemüt, ihren Meinungen, in der Art, wie sie über ihre Leidensgenossen und manchmal sogar über sich selbst den Stab brechen, fast immer genau so fest, wie in den meisten übrigen Menschen.

Wovon wir hier sprechen, die Philisterhaftigkeit des Proletariers, ist übrigens einer der Gründe, warum der Marxismus, dieser ins System gebrachte Philistersinn, beim Proletariat so viel Anklang gefunden hat. Es gehört nur eine ganz oberflächliche Überpinselung der Zunge mit Bildung dazu, die jetzt am schnellsten und billigsten in den Polikliniken, die man Parteischulen nennt, vorgenommen wird, um aus einem Durchschnittsproletarier ohne jede Ausnahmequalitäten einen brauchbaren Parteiführer zu machen.

Diese und die andern Parteiführer also halten es ganz natürlicherweise mit der marxistischen Doktrin, wonach das Proletariat von gesellschaftlicher Notwendigkeit wegen revolutioniert werde, wenigstens das kleine bißchen, das noch notwendig ist, um den Kapitalismus, der ja aus immer weniger Personen besteht und in sich selbst immer morscher wird, zu überwinden. Denn zu dem schon Angeführten kommt noch etwas dazu, um den Kapitalismus zum Zusammenbruch zu zwingen, noch etwas ist ihm immanent: die Krisen. Wie das Programm der deutschen Sozialdemokratie so schön und so echt marxistisch sagt (sonst freilich ist da schon das und jenes Unechte hineingekommen, was die Macher dieses Programms an ihren Gegnern heutzutage revisionistisch nennen): Die Produktivkräfte wachsen der heutigen Gesellschaft über den Kopf. Darin steckt die echt marxistische Lehre, daß in der heutigen Gesellschaft die Produktionsformen schon mehr und mehr sozialistische geworden sind, und daß diesen Formen nur auch die richtige Eigentumsform: das Staatseigentum nämlich, fehlt; sie nennen es zwar das gesellschaftliche Eigentum; aber wenn sie das Fabriksystem des Kapitalismus eine gesellschaftliche Produktion nennen (nicht nur Marx im "Kapital" tut das, auch die heutigen Sozialdemokraten in ihrem heute geltenden Programm nennen die Arbeit in den Formen des heutigen Kapitalismus gesellschaftliche Arbeit), wissen wir, was es mit ihrem gesellschaftlichen Eigentum auf sich hat; wie sie die Produktionsformen der Dampftechnik im Kapitalismus für sozialistische Arbeitsformen halten, so halten sie den Zentralstaat für die sozialistische Organisation der Gesellschaft und das bürokratisch verwaltete Staatseigentum für Gemeinschaftseigentum!

Diese Leute haben ja doch keinen Instinkt für das, was Gesellschaft heißt. Sie ahnen nicht im entferntesten, daß Gesellschaft nur eine Gesellschaft von Gesellschaften, nur ein Bund, nur Freiheit sein kann. Sie wissen darum nicht, daß Sozialismus Anarchie ist und Föderation. Sie glauben, Sozialismus sei Staat, während die Kulturdurstigen den Sozialismus schaffen wollen, weil sie aus der Zerfallenheit und dem Elend, dem Kapitalismus und der dazu gehörigen Armut, aus der Geistlosigkeit und der Gewalt, die nur die Kehrseite des wirtschaftlichenIndividualismus ist, also eben aus dem Staat heraus wollen zur Gesellschaft der Gesellschaften und der Freiwilligkeit.

Weil also, sagen diese Marxisten, der Sozialismus noch sozusagen im Privatbesitz der Unternehmer ist, die wild drauflos produzieren, da sie ja im Besitz schon der sozialistischen Produktivkräfte sind (lies: der Dampfkraft, der vervollkommneten Werkzeugmaschinen und der in überflüssiger Zahl sich anbietenden Proletariermassen), weil es also so ist, wie ein Hexenbesen in der Hand des Zauberlehrlings, muß es zur Überschwemmung mit Waren, zur Überproduktion, zum Durcheinander, kurz: zu den Krisen kommen, die, wie sie auch im einzelnen erklärt werden, doch jedenfalls nach der Meinung der Marxisten daher kommen, daß zu der gesellschaftlichen Produktionsweise, wie sie ihrer ruchlos dummen Ansicht nach schon da ist, die Regulative der statistisch kontrollierenden und dirigierenden Weltstaatsbehörde notwendig ist. Solange die fehlt, ist der "Sozialismus" nicht vollkommen, muß alles drunter und drüber gehen. Die Organisationsformen des Kapitalismus sind gut; aber es fehlt die Ordnung, das Regiment, die straffe Zentralisation. Kapitalismus und Staat müssen zusammenkommen, dann ist - nun, wir würden sagen, dann ist der Staatskapitalismus da; jene Marxisten meinen: dann sei der Sozialismus da. Wie sie aber in diesem ihrem Sozialismus alle Formen des Kapitalismus und der Reglementierung wiederfinden, und wie sie die Tendenz zur Uniformierung und Nivellierung, die heute da ist, zur letzten Vollkommenheit fortschreiten lassen, so ist auch der Proletarier in ihren Sozialismus mit hinübergegangen: aus dem Proletarier des kapitalistischen Betriebs ist der Staatsproletarier geworden, und die Proletarisierung ist, wenn dieser ihr Sozialismus anfängt, wirklich, wie vorausgesagt: ins Riesenhafte gediehen: alle Menschen ohne Ausnahme sind kleine Wirtschaftsbeamte des Staates.

Kapitalismus und Staat müssen zusammenkommen - das ist in Wahrheit das Ideal des Marxismus; und wenn sie schon vom Ideal nichts hören wollen, so sagen wir: das ist die Entwicklungstendenz, die sie entdeckt haben, die sie unterstützen wollen. Sie sehen nicht, daß die ungeheure Gewalt und Bürokratenödigkeit des Staates nur nötig ist, weil unserm Mitleben der Geist verlorengegangen ist, weil die Gerechtigkeit und die Liebe, die wirtschaftlichen Bünde und die sprossende Mannigfaltigkeit kleiner gesellschaftlicher Organismen verschwunden sind. Von all dem tiefen Verfall dieser unserer Zeiten sehen sie nichts; sie halluzinieren Fortschritt: die Technik schreitet fort; die tut es natürlich in der Tat; tut es in manchen Zeiten der Kultur, nicht immer, es gibt auch Kulturen ohne technischen Fortschritt, und tut es insbesondere in Zeiten des Verfalls, der Individualisierung des Geistes und der Atomisierung der Massen; und darum eben sagen wir: der wirkliche Fortschritt der Technik zusammen mit der wirklichen Niedertracht der Zeit ist - um für Marxisten einmal marxistisch zu sprechen - die tatsächliche, materiale Grundlage für den ideologischen Überbau, nämlich für die Utopie des Entwicklungssozialismus der Marxisten. Weil aber nicht nur die fortschreitende Technik in ihrem Geistchen sich abspiegelt, sondern ebenso auch die übrigen Tendenzen der Zeit, darum ist ihnen auch der Kapitalismus Fortschritt, ist ihnen auch der Zentralstaat Fortschritt. Es ist gar nicht bloße Ironie, daß wir hier die Sprache ihrer sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung auf die Marxisten selbst anwenden. Sie haben ja doch diese Geschichtsbetrachtung irgendwoher genommen, und wir sind jetzt, wo wir sie kennen gelernt haben, imstande, noch deutlicher als zuvor zu sagen, wo sie sie gefunden haben: nämlich ganz und gar in sich selbst. Jawohl, was die Marxisten von dem Verhältnis der geistigen Gebilde und des Denkens zu den Zeitumständen sagen, gilt in der Tat für alle Zeitgenossen, worunter hier die zu verstehen sind, die nur das Kind und der Ausdruck ihrer Zeit sind, die nichts Schöpferisches, nichts Entgegenstemmendes, nichts Ureigenes und geisthaft Persönliches in sich haben.

Wir sind wieder beim Philister, wir sind beim Marxisten, und für ihn trifft völlig zu, daß seine Ideologie nur der Überbau der Niedertracht unsrer Zeit ist. In den Zeiten des Verfalls herrscht in der Tat der Ungeist, der der Ausdruck der Zeit ist. Und so herrschen heute noch die Marxisten. Und sie können nicht wissen, daß die Zeiten der Kultur und der Erfüllbarkeit sich nicht aus den Zeiten des Niedergangs - den sie Fortschritt nennen - entwickeln, sondern daß sie aus dem Geiste derer kommen, die ihrer Konstitution nach nie ihrer Zeit angehört haben. Sie können nicht wissen und nicht fassen, daß das, was Geschichte zu nennen ist, in den hohen Zeiten des Umschwungs nicht von den Philistern und Zeitgenossen und also nicht, was dasselbe heißt, von den gesellschaftlichen Prozessen besorgt wird, sondern von den Einsamen, Abgesonderten, die eben darum Abgesonderte sind, weil in ihnen Volk und Gemeinschaft wie zu Hause, wie zu ihnen und mit ihnen geflüchtet sind.

Kein Zweifel, die Marxisten glauben, wenn die Vorderseite und die Kehrseite unsrer Erniedrigung, die Produktionszustände des Kapitalismus und der Staat auf einer und derselben Seite ständen und sich ineinander verwuchert hätten, dann wäre ihre Fortschrittsentwicklung am Ziel und es wäre damit die Gerechtigkeit und Gleichheit hergestellt; ist ja doch ihr umfassender Wirtschaftsstaat, gleichviel, ob er zunächst Erbe der bisherigen Staaten oder ob er ihr Weltstaat ist, ein republikanisch-demokratisches Gebilde, und glauben sie ja doch wirklich, die Anordnungen eines solchen Staates sorgten für das Heil all der kleinen Leute, die ja selbst den Staat ausmachten. Nur daß man uns gestatten muß, über diese armseligste aller Philisterphantasien in unauslöschliches Gelächter auszubrechen. So ganz und gar das Ebenbild der Spießbürgerutopie kann in der Tat nur ein Produkt werden, das aus der ungestörten Retortenentwicklung des Kapitalismus hervorgegangen ist. Wir halten uns auch bei diesem vollendeten Ideal der Niedergangsperiode und der persönlichkeitsleeren Unkultur, bei diesem Homunkulusstaat nicht weiter auf; wir werden ja sehen, daß die wahre Kultur nichts Leeres, sondern Erfülltes ist; daß die wahre Gesellschaft eine Mannigfaltigkeit wirklicher, aus den verbindenden Eigenschaften der Individuen, aus dem Geiste erwachsener kleiner Zusammengehörigkeiten, ein Bau aus Gemeinden und eine Einung ist. Dieser "Sozialismus" der Marxisten ist ein Riesenkropf, der sich entwickeln soll; fürchten wir nichts, wir sehen jetzt bald, der wird sich nicht entwickeln.

Unser Sozialismus aber soll in den Herzen erwachsen; will die Herzen der Zusammengehörigen zusammen und in den Geist hinauf wachsen lassen. Die Alternative ist nicht: Homunkulussozialismus oder Sozialismus des Geistes; denn wir sehen bald: wenn die Massen dem Marxismus oder auch den Revisionisten folgen, dann bleibt es beim Kapitalismus, der ganz und gar keine Tendenz hat, weder in den "Sozialismus" der Marxisten umzuschlagen, noch in den manchmal nur noch mit schüchterner Stimme auch so genannten Sozialismus der Revisionisten sich zu entwickeln. Der Niedergang, in unserm Fall der Kapitalismus, hat in unsern Zeiten genauso viel Lebenskräfte, wie in andern Zeiten die Kultur und der Aufschwung. Niedergang heißt durchaus nicht Hinfälligkeit und Neigung zum Hinschlagen oder Umschlagen. Der Niedergang, die Epoche der Gesunkenheit, der Volklosigkeit, der Geistlosigkeit kann Jahrhunderte und Jahrtausende währen. Der Niedergang, in unserem Fall der Kapitalismus, hat in unsern Zeiten genauso viel Lebenskräfte, wie sie in unsrer Zeit die Kultur und der Aufschwung nicht hat. Hat genauso viel Kraft und Energie, wie wir's an Kraft und Energie für den Sozialismus fehlen lassen. Nicht: eine Form des Sozialismus oder die andere heißt die Wahl, vor der wir stehen, sondern einfach: Kapitalismus oder Sozialismus; Staat oder Gesellschaft; Ungeist oder Geist. Die Lehre des Marxismus führt aus dem Kapitalismus nicht heraus. Und auch die Lehre des Marxismus ist falsch, daß der Kapitalismus imstande wäre, weiland Münchhausen zu übertrumpfen, der sich nur am eignen Zopf aus fremdem Sumpfe ziehen konnte, während sich nach dieser Prophezeiung der Kapitalismus an Hand der eignen Entwicklung aus dem eignen Sumpfe herauswickeln soll.

Das haben wir im weiteren noch näher zu zeigen, daß diese Lehre falsch ist. Daß dem Kapitalismus nicht die Tendenz immanent ist, sich zu irgendeinem Sozialismus zu entwickeln - nennen wir doch, um nur von dem Mißgebilde loszukommen, auch das, was die Marxisten mit einem häßlichen Wort für eine häßliche Sache ihr Endziel heißen, einmal Sozialismus. Weder zu diesem noch zu irgendeinem Sozialismus entwickelt sich der Kapitalismus. Um das zu zeigen, müssen wir Fragen beantworten.

Fragen wir also: ist es denn wahr, daß die Gesellschaft so aussieht, wie sie den Marxisten hinstellen? daß es mit ihr so weitergeht? weitergehen muß? oder auch nur wahrscheinlich so geht? Ist es denn wahr, daß die Kapitalisten sich gegenseitig auffressen, wie die dreißig Enten im Entenstall, wo man erst neunundzwanzig Enten eine zerkleinerte Ente zu fressen gab, und am nächsten Tag fraßen achtundzwanzig Enten wieder eine Kameradin, und so sollte es nach diesem seltsamen Bericht, der wie eine echte Entwicklungslehre so durchaus glaublich beginnt und, obwohl es scheinbar immer in gleicher Weise und immer hübsch allmählich weitergeht, doch so ins Unglaubliche und Wunderbare führt, immer fortgesetzt werden, bis endlich eine einzige wohlgemästete Riesenente die dreißig Enten in sich akkumuliert und konzentriert hatte? Ist es denn wahr? oder sollte es nur eine – Ente sein? Ist es denn wahr, daß die Mittelschichten verschwinden, daß die Proletarisierung ohne Ausnahme mit Geschwindigkeit zunimmt und daß da ein Ende abzusehen ist? Daß die Arbeitslosigkeit immer schlimmer und schlimmer wird und daß dadurch die Entwicklung eine Unmöglichkeit des Weiterbestehens solcher Zustände kommt? und eine geistige Einwirkung auf die Enterbten, so daß sie mit Naturnotwendigkeit aufstehen, sich erheben, revolutionieren müssen? Ist es denn schließlich wahr, daß die Krisen immer umfangreicher und verheerender werden? daß die Produktivkräfte dem Kapitalismus über den Kopf wachsen müssen und also über ihn hinaus, zu sogenanntem Sozialismus wachsen müssen?

Ist das alles denn wahr? Wie steht es denn in Wahrheit mit diesem ganzen Komplex von Beobachtungen, Warnungen, Drohungen und Prophezeiungen?

Das sind die Fragen, die wir jetzt stellen müssen, die wir schon immer gestellt haben, wir Anarchisten nämlich, von Anfang an, solange es einen Marxismus gibt, denn schon länger als es Marxismus gibt, hat es wirklichen Sozialismus gegeben, hat es vor allem den Sozialismus des größten Sozialisten, des Pierre Joseph Proudhon, gegeben, der dann vom Marxismus überwuchert worden ist; wir aber bringen ihn wieder ans Licht. Das sind unsre Fragen; und es sind auch die Fragen, die von der ganz andern Seite her – wir sehen noch, von woher – die Revisionisten stellen.

Erst wenn wir sie nun, die wir bei unsrer Beschreibung des Marxismus wohl schon hie und da gestreift haben, beantwortet haben, wenn wir das wirkliche Bild unsrer Zustände und den Gang, den der Kapitalismus bisher, vor allem seit dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests und des "Kapital" genommen hat, der zeitideologischen Simplifikation und dialektischen Karikatur des Marxismus entgegengestellt haben, können wir weitergehen, können wir sagen, was unser Sozialismus und unser Weg zum Sozialismus ist. Denn Sozialismus – das sei gleich hier gesagt, die Marxisten sollen es hören, solange der Nebelschwaden ihres eigenen Fortschrittsphilisterdunstes noch in der Luft ist – hängt seiner Möglichkeit nach gar nicht von irgendeiner Form der Technik und der Bedürfnisbefriedigung ab. Sozialismus ist zu allen Zeiten möglich, wenn eine genügende Zahl Menschen ihn will. Nur wird er je nach dem Stand der Technik und je nach der verfügbaren Technik, das heißt nach der Zahl Menschen, die ihn beginnen und immerhin auch nach den Mitteln, die sie mitbringen oder sich vom Erbe der Vergangenheit nehmen können - nichts fängt mit nichts an - immer anders aussehen, anders beginnen, anders weitergehen. Darum ist vorhin gesagt worden: es wird hier keine Schilderung eines Ideals, keine Beschreibung einer Utopie gegeben.

Erst müssen wir noch deutlicher sehen, wie unsre Zustände und geistigen Verfassungen sind; dann erst können wir sagen, zu was für einem Sozialismus wir aufrufen, an was für Menschen wir uns wenden. Der Sozialismus, ihr Marxisten, ist zu allen Zeiten und bei jeder Technik möglich; und ist zu allen Zeiten und bei jeder Technik unmöglich. Er ist zu allen Zeiten, auch bei recht primitiver Technik den rechten Menschen möglich; und er ist zu allen Zeiten, auch bei prachtvoll entwickelter Maschinentechnik, den unrechten Menschen unmöglich. Wir wissen von keiner Entwicklung, die ihn bringen muß; wir wissen von keinerlei solchen Notwendigkeit eines Naturgesetzes. Jetzt also werden wir zeigen, daß diese unsre Zeiten, daß unser bis zum Marxismus erblühter Kapitalismus keineswegs so aussehen, wie uns gesagt wird. Der Kapitalismus muß nicht in den Sozialismus umschlagen, er muß nicht untergehen, der Sozialismus muß nicht kommen; auch nicht der Kapital-Staats-Proletariats- Sozialismus der Marxisten muß kommen, und das ist kein Schade. Aber gar kein Sozialismus muß kommen – das soll jetzt gezeigt werden.

Aber der Sozialismus kann kommen und soll kommen – wenn wir ihn wollen, wenn wir ihn schaffen – das soll auch gezeigt werden.

Die Aufstellungen der Marxisten lauten:

  1. Die kapitalistische Konzentration in der Industrie, im Handel, im Geld- und Kreditwesen sei eine Vorstufe, sei der Beginn des Sozialismus.
  2. Die Zahl der kapitalistischen Unternehmer – oder wenigstens der kapitalistischen Unternehmungen – nehme immer mehr ab; der Umfang der einzelnen Betriebe dehne sich aus; der Mittelstand schrumpfe ein und sei zum Untergang verurteilt; die Zahl der Proletarier wachse ins Ungemessene.
  3. Die Menge dieser Proletarisierten sei stets so groß, daß es immer Arbeitslose unter ihnen geben müsse; diese industrielle Reservearmee drücke auf die Lebensverhältnisse; es entstehe die Überproduktion dadurch, daß mehr produziert werde, als konsumiert werden könne. So seien die periodischen Krisen unausbleiblich.
  4. Das Mißverhältnis zwischen dem ungeheuren Reichtum in den Händen von wenigen und der Not und Unsicherheit bei den Massen werde schließlich so groß werden, es werde eine so furchtbare Krise eintreten und die Unzufriedenheit in den Arbeitermassen sich so steigern, daß es zur Katastrophe, zur Revolution kommen müsse, in deren Verlauf das kapitalistische Eigentum in gesellschaftliches Eigentum übergeführt werden könne und müsse.


An diesen Hauptsätzen des Marxismus ist vielfach, von anarchistischen, bürgerlichen, und in letzter Zeit besonders von revisionistischen Forschern Kritik geübt worden. Ob es einem lieb oder leid ist, gleichviel, wer ehrlich ist, kann nicht leugnen, daß die folgenden Ergebnisse dieser Kritik feststehen.

Man soll überhaupt nicht von kapitalistischen Unternehmern sprechen und dabei voraussetzen, es hänge der Bestand der kapitalistischen Gesellschaft von der Zahl dieser Unternehmer sonderlich ab. Man soll vielmehr von all denen reden, die am Kapitalismus interessiert sind, denen es in bezug auf ihre äußerliche Lebenshaltung innerhalb des Kapitalismus verhältnismäßig wohl und sicher geht, – von solchen, die, sofern sie keine Ausnahms-, sondern Dutzendmenschen sind, auch in ihren Meinungen, Bestrebungen und Stimmungen von ihrem Interesse am Kapitalismus abhängig sind, gleichviel ob sie selbständige Unternehmer, wohlbestellte Agenten, höhere Beamte und Angestellte, Aktionäre, Rentiers oder was immer sind. Und da läßt sich auf Grund der Steuerstatistik und anderer Beobachtungen, die nicht anzutasten sind, nur sagen, daß die Zahl dieser Personen nicht abgenommen, sondern absolut und relativ etwas zugenommen hat.

Man muß sich auf diesem Gebiet besonders davor hüten, sich von Stimmungen leiten zu lassen und aus kleinen persönlichen Erfahrungen und Teilbeobachtungen verallgemeinernde Schlüsse ziehen zu wollen. Das kann freilich jeder sehen, daß die Warenhäuser, an manchen Orten auch die Konsumvereine unter kleinen und mittleren Kaufleuten tüchtig aufräumen. Auch kommen ja gar nicht bloß die Kaufleute in Betracht, die zugrunde gerichtet werden und den Laden schließen, sondern noch viel mehr die, die gar nie den Mut und die Mittel finden, sich selbständig zu machen. Die Frage ist nur, wohin ein großer Teil dieser Unselbständigen zu rechnen ist, ob sie nämlich Proletarier sind. Davon gleich nachher, wenn wir untersuchen, was unter einem Proletarier überhaupt zu verstehen ist. Trotz all solchen persönlichen Erlebnissen und Einzelwahrnehmungen dilettantischer Art ist nicht zu leugnen: die Zahl der am Kapitalismus Interessierten nimmt nicht ab, sondern sogar zu.

Was aber die Zahl der kapitalistischen Unternehmungen, der Betriebe, angeht, so kann eingeräumt werden, daß sie abnimmt; es muß nur hinzugefügt werden, daß diese Abnahme im ganzen eine so langsame und unbedeutende ist, und gar nicht die Tendenz zu rascher Progression zeigt, daß das Ende des Kapitalismus, wenn es wirklich von dieser Abnahme abhängen sollte, noch in Jahrtausenden nicht abzusehen wäre.

Die Frage des neuen Mittelstandes ist viel erörtert worden. Es ist aber gar nicht zu leugnen, daß er vorhanden ist. Es ist ja eben gar nirgends geschrieben, daß man unter Mittelstand nur selbständige Handwerker, Kaufleute, kleinere Bauern und Rentiers zu verstehen habe.

Wir können die Frage: Wer gehört zum Mittelstand? verbinden mit jener andern: Wer ist ein Proletarier? Die Marxisten möchten gerne dabei bleiben, sie klammern sich mit aller Gewalt, wie an die letzte Rettungsplanke, daran, daß sie sagen: ein Angehöriger der besitzenden Klasse sei unabhängig und im Besitz seiner Arbeitsmittel und in Verfügung seiner eigenen Kundschaft; Proletarier sei ein jeder, der abhängig, nicht im Besitz seiner Arbeitsmittel sei und nicht selbständig seinen Abnehmern gegenüberstehe. Diese Erklärung ist gar nicht mehr aufrechtzuerhalten; sie führt zu ganz grotesken Resultaten.

Ich habe vor Jahren über diese Seite der Frage in einer öffentlichen Versammlung, die in einem der größten Berliner Säle stattfand, mit Clara Zetkin debattiert und habe sie gefragt: der Besitzer dieses Saales hier ist wahrscheinlich, wie die meisten Besitzer solcher Etablissements, durchaus abhängig von der Brauerei, die ihm das Bier liefert; diese Brauerei hat Hypotheken auf seinem Grundstück; er ist für Jahre hinaus verpflichtet, nur ihr Bier auszuschenken; die Tische, die Stühle, die Gläser sind das Eigentum der Brauerei; sein Einkommen beträgt jahraus, jahrein 30000, 40000, 50000 Mark; es sind in dieser kapitalistischen Zeit Funktionen entstanden, für die die üblichen Bezeichnungen nicht ausreichen; er ist kein Angestellter, kein Agent, er ist selbständig, aber er ist nicht unabhängig; er ist nicht Eigentümer seiner Arbeitsmittel: ist er ein Proletarier? - Nicht jeder wird es gleich glauben wollen, aber ich habe darauf in der Tat die Antwort bekommen: jawohl, das sei ein Proletarier; auf die Lebenshaltung könne es nicht ankommen und auch nicht auf die gesellschaftliche Stellung, sondern nur auf das Eigentum an den Arbeitsmitteln und die Sicherheit; die Existenz aber dieses seiner Arbeitsmittel beraubten Mannes sei eine durchaus unsichere.

Ich hatte mir damals erlaubt, ganz schlicht und nicht eigentlich in wissenschaftlicher Sprache zu sagen, ein Proletarier sei, wer eine proletarische Lebenshaltung führe. Es gibt da natürlich alle möglichen Abstufungen; vom größten Elend über eine Existenz, die immer am Existenzminimum hinstreift, bis zu dem Arbeiter, der mit seiner Familie wohl oder übel leben kann, Zeiten der Arbeitslosigkeit übersteht, im großen und ganzen, ohne es zu wissen, durch Unterernährung sein Leben oder wenigstens seine und seiner Nachkommen Lebensintensitäten verkürzt und nie zu dem bescheidenen Überschuß an Einkünften gelangt, ohne den eine Teilnahme an Kunst, Schönheit, freier Heiterkeit nicht möglich ist. So nimmt alle Welt das Wort Proletarier und so nehmen auch wir es. Noch mehr aber: so und nicht anders nehmen es in Wahrheit auch die Marxisten und können denn doch gar nicht anders. Nur diese Proletarier sind nicht am Kapitalismus, sondern an einer Wandlung der Zustände interessiert (wenn sie nämlich ihre Interessen vom Standpunkt der Gesamtheit auffassen), nur von diesen Proletariern kann das Wort gesprochen sein, sie hätten nichts zu verlieren, als ihre Ketten, sie hätten eine Welt zu gewinnen.

Schon in den oberen Schichten der Arbeiterschaft gibt es Berufe, die dem Proletariat nicht mehr völlig angehören. Manche Kategorien unter den Arbeitern des Buchgewerbes, manche Bauhandwerker müßten wir trotz ihrer verhältnismäßig hohen Löhne und günstigen Arbeitszeiten wegen der großen Unsicherheit ihrer Stellung und der also immer drohenden Arbeitslosigkeit doch noch zu den Proletariern rechnen, wenn sie nicht durch ihre eigenen Einrichtungen in ihren für die Zwecke der Lebensfürsorge innerhalb des Kapitalismus nicht genug zu schätzenden Gewerkschaften dafür gesorgt hätten, daß sie auch diese Zeiten leidlich überstehen. Doch ist zuzugeben, daß das eine Grenzgattung ist; und wegen der Gefahr, in den Fällen des Unfalls, der Invalidität und des Alters doch nicht genügend vor Entblößtheit gesichert zu sein, mag man sie doch noch zum Proletariat rechnen. Dagegen ist zu sagen, daß es in andern Schichten Menschen gibt, die bitter arm sind, aber nicht Proletarier genannt werden sollten. Dahin gehören arme Schriftsteller und Künstler, Ärzte, Offiziere und dergleichen. Unter harten Entbehrungen oft haben sie oder ihre Eltern ihnen eine Form der Kultur gesichert, die sie oft nicht davor schützt, zu hungern oder hartes Brot oder die Gerichte der Volksküche zu essen; aber durch ihre äußeren Lebensgewohnheiten und ihren inneren Reichtum unterscheiden sie sich von den Proletariern und bilden, ob sie nun Einsame, Geordnete oder Zigeuner sind, eine kleine Klasse für sich, die übrigens schneller zuzunehmen scheint als das große Proletariat. Einige von ihnen versinken manchmal, wenn sie ihren inneren Halt verloren haben, in die untersten Schichten des Proletariats, werden Pennbrüder, Landstreicher, Zuhälter, Hochstapler oder Gewohnheitsverbrecher.

Unter den umfangreichen Schichten derer jedoch, die in irgendeiner Form abhängig sind, finden sich sehr viele, die durchaus keine Proletarier sind. Kein Zweifel freilich, daß sich unter den kaufmännischen Angestellten z. B. viele finden, die sich weder außen noch innen sonderlich vom Proletariat unterscheiden. Das nämliche gilt von vielen Zeichnern, Technikern und dergleichen. Die Subalternbeamten bilden wieder eine Gattung für sich; sie sind von innen her mehr Sklaven als Proletarier zu nennen. Zu welcher Gattung die Partei- und Gewerkschaftsbeamten gehören, bleibe unerledigt; sie kommen mehr durch ihren Einfluß als durch ihre Zahl in Betracht.

Nun haben wir aber eine große, eigentlich wachsende Zahl von solchen, die ohne Zweifel einen neuen Mittelstand bilden, sofern sie nicht zu den Wohlhabenden gehören. Kaufmännische Angestellte, Filial- und Abteilungsleiter, Direktoren und Generaldirektoren, Ingenieure und Oberingenieure, Agenten, Vertreter gehören dazu. Sie sind alle dergestalt am Kapitalismus beteiligt, daß weder mit ihrer Proletarisierung noch mit ihrer Revolutionierung auf Grund ihrer materiellen Lage und der durch diese bedingten Gesinnung zu rechnen ist. Nur um solche "Proletarier" aber kann es sich für den Marxismus handeln; die Tatsache, daß es Ausnahmsmenschen oder Massen von Menschen in einer Ausnahmsverfassung gibt, wo es sich dann gar nicht mehr um eine so direkte, mechanische Beziehung von Gesinnung und Wollen zur äußern Lage handelt, läßt gerade der Marxismus außer acht und soll erst von uns wieder betont werden.

Aber die Unsicherheit! Da ist zu sagen, daß die Unsicherheit für alle Angehörigen der kapitalistischen Gesellschaft besteht. Wir müssen eben da den Grad unterscheiden. Wir sprechen ja aber auch von bestimmten Schichten, die am Kapitalismus besonders interessiert sind und nennen sie in abgekürzter Redeweise Kapitalisten, während in Wahrheit wir alle ohne die geringste Ausnahme, solange der Kapitalismus besteht, an ihm beteiligt, in ihn verwoben und in Wahrheit kapitalistisch tätig sind, die Proletarier nicht ausgeschlossen. So müssen wir auch hinsichtlich der Sicherheit läßlich unterscheiden und keine feste, sondern nur schwankende Grenzen ziehen, da es sich nicht um abstrakte Gebilde, sondern um geschichtlich gegebene Wirklichkeiten handelt. Für die vielen, die wir trotz ihrer Abhängigkeit, obwohl sie nicht über eigene Arbeitsmittel und eigene Kundschaft verfügen, zum neuen Mittelstand oder zu den Schichten der Begüterten rechnen, besteht eben normalerweise die Unsicherheit nur theoretisch, der nicht zu leugnenden Möglichkeit nach, wird aber nur ausnahmsweise praktisch. Da die Marxisten aber in Wahrheit gar nicht Haarspaltereien treiben und Begriffe aufstellen, sondern ihren Erwartungen über Schicksal und Verhalten bestimmter Schichten einen in wissenschaftlicher Sprache gekleideten allgemeinen Ausdruck verleihen wollen, dürfen sie, wenn sie nicht lieber sich und ihre eigenen Wünsche betrügen und falsche Theorien bis zum letzten verteidigen wollen, nach den Aufklärungen, die ihnen geworden sind, gar nicht mehr leugnen, daß es eine sehr in Betracht kommende, langsam steigende Zahl Abhängige und Unselbständige gibt, die, alles in allem gerechnet, in ihrer Gesamtheit nie in Gefahr kommen, Proletarier zu werden.

Es scheint also jetzt schon, daß es um die Prophezeiungen der Marxisten übel steht. Und doch kann eingeräumt werden: sie waren einmal so wahr, wie ein Prophetenwort nur wahr sein kann. Karl Marx war, obwohl er nur in seltenen Augenblicken der Erhöhung die echte Propheten- und Dichtersprache, meistens aber die Rede der Wissenschaft und nicht selten der wissenschaftlichen Gaukelei geführt hat, doch damals, als er zuerst auf Grund seiner Betrachtung des noch jugendlichen Kapitalismus seine Gedanken faßte und aussprach, ein echter Prophet. Das heißt aber: er war ein Warner. Er verkündete die Zukunft, die gekommen wäre, wenn es bei dem geblieben wäre, was er vor sich sah. Und auch insofern war er ein echter Prophet, einer von denen, die nicht bloß Warner, sondern auch Wirker sind, daß er selbst erheblich dazu beitrug, daß es nicht bei dem blieb, was seine Augen vor sich sahen, daß seine Warnungen Folgen hatten und daß es anders gekommen ist. Seine Worte sagten, ohne daß er es so wußte: Ihr Kapitalisten, wenn es so weitergeht mit der rasenden Ausbeutung, der schnellen Proletarisierung, der wilden Konkurrenz unter euch selbst, wenn ihr euch immer weiter so gegenseitig auffreßt, ins Proletariat stoßt und die Betriebe zusammenzieht, in ihrer Gesamtheit verringert, die einzelnen immer mehr vergrößert, dann muß es ein schnelles Ende nehmen!

Es ist aber eben nicht so weitergegangen. Der Kapitalismus hat eine solche weitverzweigte Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse geschaffen, so viel teuren, mittleren, billigen und Schundluxus zu befriedigen bekommen, die großen Industrien haben einen solchen Bedarf an Hilfsindustrien ins Leben gerufen, daß gar keine Form der Technik entbehrlich geworden ist, daß ganz neue Arten z. B. der Haus- und Dorfindustrien, der kleinen und mittleren Betriebe entstanden sind, daß selbst die Zahl der Hausierer und der Detailreisenden sich nicht vermindert hat, daß auch die Spezialgeschäfte, die kleinen und mittleren Verkaufsgeschäfte zwar auf manchen Gebieten verdrängt werden, dafür aber auf andern neue Möglichkeiten finden.

Mit dem Konkurrenzkampf ist es keineswegs nach dem abstrakten Schema oder der poetisch gesteigerten Verzweiflung immer schlimmer gekommen; wir sind noch mitten in der großen Bewegung der Vertrustung und Syndikalisierung, die zwar ohne Frage manchen kleinen Betrieben die Kundschaft und die Existenz nimmt, aber denn doch dafür sorgt, daß viele mittlere, große und ganz große ihre Gegenseitigkeit erkannt haben und sich gegen die Konsumenten verbünden, anstatt sich untereinander im Wettlauf um die Konsumenten totzurennen. Und wir sehen auch, wie die Kleinen von ihnen lernen und ihre Vereine und Genossenschaften bilden, um sich behaupten zu können. Die Vereinigungen der selbständigen Tischler haben ihre großen Ausstellungsräume und konkurrieren mit dem Großunternehmer; die kleineren Kaufleute schließen sich zu Einkaufsringen oder zur Festsetzung von Einheitspreisen zusammen. Der Kapitalismus bewährt überall seine Lebendigkeit; und statt daß seine Formen in den Sozialismus überleiten, benutzt er im Gegenteil die echt sozialistische Form der Genossenschaft, der Gegenseitigkeit für seine Zwecke der Ausbeutung der Konsumenten und des Marktmonopols.

Auch auf den Wegen der staatlichen Gesetzgebung ist dafür gesorgt worden, daß der Kapitalismus in den einzelnen Ländern recht kräftig am Leben blieb. Wie die Syndikate im Innern eines Landes dafür Sorge tragen, daß Unterbietung unterbleibt und Schmutzkonkurrenz nicht aufkommt, sorgt die Zollpolitik dafür, daß der Kapitalismus des einen Landes den des andern nicht niederringen kann; immer mehr geht die Tendenz der nationalen Zollgesetzgebungen und internationalen Abmachungen dahin, für die Gleichheit der Bedingungen auf dem Weltmarkt zu sorgen. Diese Gleichheit der Bedingungen war im System des Freihandels nur scheinbar gegeben, weil die Bevölkerungen, die Lohnverhältnisse, die Zivilisationen, die Techniken, die Naturbedingungen und die Preise und Mengen der verfügbaren Rohstoffe in den einzelnen Ländern nicht gleich sind; die Zollpolitik hat die Tendenz, tatsächliche Ungleichheiten durch künstliche Regulationen auszugleichen. Das ist erst in den Anfängen; vorläufig geht es auf diesem Gebiet noch barbarisch zu; jeder Staat sucht noch seine momentane Macht auszunutzen; aber wohin die Tendenz geht, merkt man schon deutlich.

Der Staat hat übrigens auch sonst überall mehr oder weniger dafür gesorgt, daß die schlimmsten Schärfen des Kapitalismus abgeschliffen wurden. Man nennt das Sozialpolitik. Ohne Frage haben die Arbeiterschutzgesetze gegen die wüstesten Auswüchse des Kapitalismus, die Kinder- und Jugendlichenausbeutung, gewisse Sicherungen geschaffen; und auch sonst ist durch staatliches Eingreifen, Reglementieren und Vorsorgen die Lage der Proletarier im Kapitalismus und damit die Lage des Kapitalismus gebessert worden. Eben diese Wirkung haben auch die Arbeiterversicherungsgesetze, zumal für den Fall der Krankheit gehabt.

Wichtiger aber noch als diese tatsächlichen Wirkungen für den Kapitalismus waren die moralischen Ergebnisse dieser Gesetzgebung. Sie hat für die Masse nicht nur der Proletarier, sondern auch der Politiker die Unterschiede zwischen ihrem Zukunftsstaat und dem Gegenwartsstaat verwischt. Der Staat eroberte sich und seiner Polizei eine neue Machtsphäre: die Inspektion über die Fabriken, die Vermittlung zwischen Arbeitern und Unternehmern, die Sorge für kranke, alte, invalide Proletarier, den Schutz gegen die Gefahren des Betriebs nicht nur, sondern der abhängigen und unsicheren Lage. Die landesväterliche Haltung des Staates, das kindliche Vertrauen zum Staat und seiner Gesetzgebung ist gestärkt und gesteigert worden. Die revolutionäre Stimmung in den Massen und den politischen Partelen ist wesentlich geschwächt worden.

Was die Unternehmer selbst taten, was der Staat besorgte, das förderten nun auch die Proletarier selbst nicht bloß durch ihre politische Mitarbeit an der staatlichen Gesetzgebung, sondern durch die Einrichtungen, die sie sich in eigener Solidarität schufen. Nicht umsonst haben Marx und Engels ursprünglich gar nichts von den Gewerkschaften wissen wollen. Sie hielten die Berufsverbände für nutzlose, schädliche Überreste aus der Zeit des Kleinbürgertums. Sie ahnten wohl auch, welche Rolle die Solidarität der Arbeiter als Produzenten zum Nutzen der kapitalistischen Bestandsicherheit einmal spielen könnte. Aber sie konnten es keineswegs aufhalten, daß die Arbeiter sich nicht als von der Vorsehung erkorene Erlöser und Verwirklicher des Sozialismus gebärdeten, sondern als solche, die auch nur ein Leben haben und dieses Leben, das sie innerhalb des Kapitalismus zu führen genötigt sind, wohl oder übel so gut als möglich zu gestalten suchen. So schützen sich denn also die Arbeiter durch ihr Kassenwesen für den Fall der Arbeitslosigkeit, der Wanderschaft, der Krankheit, manchmal auch des Alters und der plötzlichen Sterbefälle gegen die Not. Sie sorgen, wo sie gegen die Arbeitsnachweise der Unternehmer oder der Gemeinden oder privater Stellenvermittler aufkommen können, für schnelle und ihren Interessen entsprechende Arbeitsvermittlung. Sie haben angefangen, durch Tarifverträge, die beide Teile für längere Fristen binden, zwischen Unternehmern und Arbeitern gesicherte Beziehungen zu schaffen. Sie haben sich von der Wirklichkeit und den Erfordernissen der Gegenwart treiben lassen und sind durch keinerlei Theorien und Parteiprogramme davon abzubringen gewesen. Die Parteiprogramme und Theorien haben vielmehr dem folgen müssen, was die Wirklichkeit des kapitalistischen Arbeitsverhältnisses an Auskunftsmitteln geschaffen hat. Allerlei Doktrinäre und Idealisten, aus verschiedenen Lagern, wollen die Arbeiter daran verhindern, durch zweckmäßige Behelfe für ihre armselige und öde Gegenwart zu sorgen; aber das kann natürlich keinen Erfolg haben. Die Arbeiter lassen es sich gerne in Massen gefallen, daß man sie in schmeichlerischen und anbetenden Worten als die revolutionäre Klasse bezeichnet; aber man macht sie damit nicht zu Revolutionären. Revolutionäre gibt es nur in Massen, wenn es eine Revolution gibt; einer der schlimmsten Irrtümer der Marxisten, mögen sie sich Sozialdemokraten oder Anarchisten nennen, ist die Meinung, auf dem Wege über Revolutionäre könne man zur Revolution kommen, während man umgekehrt nur auf dem Wege der Revolution zu Revolutionären kommt. Ein paar Jahrzehnte lang Reinkulturen von Revolutionären schaffen, vermehren und beisammen halten wollen, um sie für den Fall der Revolution doch einmal sicher in der rechten Zahl zu haben, ist ein echt deutscher, kindisch pedantischer und schulmeisterlicher Einfall. Um die Revolutionäre braucht man nicht bange zu sein; sie entstehen wirklich in einer Art Urzeugung - wenn nämlich die Revolution kommt. Damit die Revolution, ein gestaltendes Neue aber kommt, müssen die neuen Bedingungen geschaffen werden.

Am besten werden sie von Unbefangenen geschaffen, von denen, die man wohl Optimisten nennt (obwohl sie es nicht zu sein brauchen), von solchen, die es noch gar nicht für ausgemacht halten, daß es zur Revolution kommen muß, die so innig von der Notwendigkeit und Gerechtigkeit ihrer neuen Sache erfüllt sind, daß sie Hindernisse und Gefahren gar nicht als unüberwindlich und unvermeidlich sehen.

Von solchen, die nicht die Revolution, im besten Falle ein Mittel, wollen, sondern eine bestimmte Wirklichkeit, die ihr Ziel ist. Geschichtliche Erinnerungen können Schlimmes zustande bringen, wenn Menschen sich etwa als alte Römer oder Jakobiner drapieren, während sie ganz andere Aufgaben zu vollbringen haben; aber noch schlimmer ist diese Sorte Geschichtswissenschaft, die der verhegelte Marxismus gebracht hat. Wer weiß, wie lange wir schon die Revolution hinter uns hätten, wenn wir gar nie an eine bevorstehende gedacht hätten. Der Marxismus hat uns eine Art Gang gebracht, die an keine der vorhandenen Schrittarten erinnert, nicht einmal an die Echternacher Springprozession, bei der man immer zwei Schritte vorwärts und einen zurückspringt, wobei es also doch immer noch eine Vorwärtsbewegung gibt. Beim Marxismus aber macht man zielbewußte Scheinbewegungen dem Ziele der Revolution zu und entfernt sich gerade dadurch immer mehr von ihr. Es stellt sich heraus, daß das Insaugefassen der Revolution in seinem Ergebnis immer dem Bangen vor ihr gleichkommt. Es ist zu raten, beim eigenen Handeln nicht an das, was verhängt sein kann, zu denken, sondern an das, was zu tun ist. Die Forderung des Tages ist zu erfüllen: gerade von denen, die recht weithin, recht grundlegend und grundstürzend das Werk ihres Herzens, ihrer Sehnsucht, ihrer Gerechtigkeit und ihrer Phantasie bauen wollen.

Ganz anderes freilich müssen sie bauen, als die Flickwerke am Kapitalismus, wie wir sie, als Unternehmungen der Unternehmer, des Staats und der Arbeiter selbst, in diesen letzten Jahrzehnten beobachtet und jetzt eben in ihrem Zusammenhang schnell vorgeführt haben.

In diesen Zusammenhang hinein gehört auch der Kampf der Arbeiter in ihren Produzentenorganisationen, den Gewerkschaften, zur Verbesserung ihrer Lebenslage und ihrer Arbeitsbedingungen. Wir haben gesehen, wie die Arbeiter als Produzenten, durch ihr Kassenwesen, regulierend in das eingreifen, was die Marxisten als Verhängnis und unabwendbar bezeichnen. Daneben ist aber eine Hauptaufgabe der Gewerkschaften immer noch der Kampf um höhere Löhne und Verkürzung der Arbeitszeiten auf den Wegen der Unterhandlung und des Streiks.

In dem Kampf um die Erhöhung der Löhne handelt es sich in Wahrheit um den Kampf einzelner, wenn auch vieler und geschlossen auftretender Produzenten gegen die Gesamtheit der Konsumenten; und, da jeder einmal in diesen Produzentenkampf eintritt: um den Kampf der Arbeiter gegen sich selbst. Die Arbeiter und ihre Organisationen sind in durchaus dilettantischer Art geneigt, das Geld, den Lohn, den sie empfangen, für eine absolute Größe zu nehmen. Es ist kein Zweifel, daß 5 Mark mehr sind als 3 Mark; und so ist es dem Arbeiter freilich zu gönnen und nachzufühlen, daß er sich freut, daß er gestern nur 3 Mark, von heute ab aber 5 Mark Arbeitslohn täglich empfängt. Die Frage ist nur, ob er heut übers Jahr und über 3, 5, 10 Jahre auch noch Grund zum Vergnügen hat. Denn Geld ist nur der Ausdruck der Beziehungen der Preise und Löhne zueinander; es kommt alles auf die Kaufkraft des Geldes an.

Selbstverständlich werden aber durch die Erhöhung der Löhne, genau ebenso wie durch andere Steuern und Zölle, die Preise der Waren erhöht. Natürlich ist nun der Klavierarbeiter geneigt, folgendermaßen zu argumentieren: Was liegt mir viel daran, daß die Klaviere teurer geworden sind! Ich bekomme höheren Lohn und kaufe mir kein Klavier, sondern Brot, Fleisch, Kleider, Wohnung usw. Und selbst der Weber z. B. kann sagen: Wenn auch die Stoffe, die ich kaufen muß, teurer werden; ich habe nur einen kleinen Teil meines Bedarfs verteuert, habe aber meinen ganzen Lohn, mit dem ich meinen ganzen Bedarf decke, vergrößert.

Die Antwort auf diese und alle ähnlichen Einwendungen des privaten Egoismus sei gleich in der grundsätzlichen, umfassenden Form gegeben, die wir P. J.Proudhon verdanken. "Was in ökonomischen Dingen für den einfachen Privatmann Geltung hat, wird in dem Augenblick falsch, wo man es auf die ganze Gesellschaft ausdehnen will."

Die Arbeiter benehmen sich in ihren Lohnkämpfen durchaus, wie sie sich als Teilhaber der kapitalistischen Gesellschaft benehmen müssen: als Egoisten, die mit dem Ellbogen kämpfen, und, da sie allein nichts ausrichten könnten, als organisierte, vereinigte Egoisten. Organisiert und vereinigt sind sie als Branchengenossen. Alle diese Branchenvereinigungen zusammen bilden die Gesamtheit der Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten für den kapitalistischen Warenmarkt. In dieser Rolle führen sie einen Kampf, wie sie meinen, gegen die kapitalistischen Unternehmer, in Wahrheit aber gegen sich selbst in ihrer Wirklichkeit als Konsumenten.

Der sogenannte Kapitalist ist nicht eine feste, greifbare Gestalt: er ist ein Vermittler, an dem freilich viel hängen bleibt, aber die Hiebe, die ihm der als Produzent kämpfende Arbeiter versetzen will, bleiben nicht an ihm hängen. Der Arbeiter schlägt zu, schlägt wie durch ein durchlässiges Scheingebilde hindurch und trifft sich selbst.

In den Kämpfen innerhalb des Kapitalismus können die immer nur wirkliche Siege, d.h. bleibende Vorteile erringen, die als Kapitalisten kämpfen. Ist ein Ingenieur, ein Direktor, ein kaufmännischer Angestellter seinem Chef oder seiner Aktiengesellschaft vermöge seiner persönlichen Tüchtigkeit oder seines Wissens um Geschäftsgeheimnisse unentbehrlich, so kann er etwa eines Tages sagen: Bisher habe ich 20000 M. Gehalt, gib mir 100000, sonst gehe ich zur Konkurrenz! Wenn er das durchsetzt, hat er vielleicht für die Zeit seines Lebens einen endgültigen Sieg errungen; er ist als Kapitalist vorgegangen; Egoismus hat mit Egoismus gekämpft. So kann auch manchmal ein einzelner Arbeiter sich unentbehrlich machen, seine Lebenshaltung verbessern oder ganz in den Bezirk des Reichtums eingehen. Sowie die Arbeiter aber in ihren Gewerkschaften kämpfen, machen sie sich zu Nummern, deren jede persönlich bedeutungslos ist. Sie akzeptieren damit ihre Rolle als Maschinenteile, sie agieren nur noch als Teile der Gesamtheit und die Gesamtheit reagiert gegen sie.

Die Arbeiter bewirken also durch ihren Produzentenkampf eine Verteuerung der Herstellung aller Artikel. Diese Verteuerung, auch wenn es sich zum Teil um Luxusartikel handelt, bewirkt doch eine Erhöhung der Preise vor allem in den Artikeln des notwendigen Massenbedarfs. Und zwar nicht eine verhältnismäßige, sondern eine unverhältnismäßige Erhöhung. Bei steigenden Löhnen steigen die Preise unverhältnismäßig hoch; bei sinkenden Löhnen dagegen sinken die Preise unverhältnismäßig langsam und wenig.

Es ergibt sich: auf die Dauer und im Ganzen muß der Kampf der Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten die Arbeiter in ihrer Wirklichkeit als Konsumenten schädigen.

Hier wird nicht im geringsten gesagt, die ungemeine Verteuerung des Lebens, die Erschwerung des Lebens für viele komme ganz oder auch nur zur Hauptsache auf Rechnung der Arbeiter selbst. Es hat viel zusammengewirkt, und immer war der Egoismus schuld, der keine Gesamtwirtschaft und damit keine Kultur kennt. Einer dieser Faktoren war der Kampf der Produzenten, die sich mit diesem Kampf ausdrücklich darein gefunden haben, Glieder des Kapitalismus, aber auf seiner untersten Stufe zu sein. Alles, was die Kapitalisten als Kapitalisten tun, ist gemein; was die Arbeiter als Kapitalisten tun, ist proletarisch gemein. Natürlich ist damit nur gesagt, daß sie sich in eine gemeine Rolle gefunden haben; das ändert nichts daran, daß sie außerhalb und innerhalb dieser Rolle brav, wacker, edelmütig, heldenhaft sein können. Auch Räuber können heldenhaft sein; die Arbeiter aber in ihrem Kampfe um Lohn- und Preiserhöhung sind Räuber, ohne es zu wissen, Räuber an sich selbst.

Man wird bemerken wollen, die Gewerkschaften kämpften mit den Streiks gar nicht bloß um Lohnerhöhung, sondern auch um Verkürzung der Arbeitszeit, aus Solidarität mit Gemaßregelten, um ihre Arbeitsnachweise usw. Darauf ist zu erwidern, daß in diesem Zusammenhang aber lediglich von der Wirkung der Lohnerhöhung die Rede sein sollte, und daß der uns seltsam mißverstehen würde, der meinte, es solle hier ein Kampf gegen die Gewerkschaften geführt werden. O nein! Es wird anerkannt, daß die Gewerkschaft eine durchaus notwendige Organisation innerhalb des Kapitalismus ist. Man verstehe doch endlich, was hier überhaupt gesagt wird.

Hier wird anerkannt, daß die Arbeiter nicht eine revolutionäre Klasse, sondern ein Haufen armer Schlucker sind, die im Kapitalismus leben und sterben müssen. Hier wird zugegeben, daß für den Arbeiter die "Sozialpolitik" des Staats, der Gemeinden, die proletarische Politik der Arbeiterpartei, der proletarische Kampf der Gewerkschaften, das Kassenwesen der Gewerkschaften Notwendigkeiten sind. Es wird auch eingeräumt, daß die armen Arbeiter gar nicht immer in der Lage sind, die Interessen der Gesamtheit, auch nur der Gesamtheit der Arbeiterschaft zu wahren. Die Branchen müssen ihren egoistischen Kampf führen; denn jede Branche ist ja gegenüber allen andern eine Minderheit und muß sich angesichts der steigenden Verteuerung der Lebensmittel ihrer Haut wehren.

Aber alles, was hier anerkannt, zugegeben, eingeräumt wird, sind lauter Schläge für den Marxismus, der ja die Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten nicht als die armselige unterste Stufe des Kapitalismus, sondern als die vom Schicksal erkorenen Träger der Revolution und des Sozialismus auffassen will.

Dagegen wird hier gesagt: nein. All diese Dinge sind im Kapitalismus notwendig, solange es die Arbeiter nicht verstehen, aus dem Kapitalismus auszutreten. Aber es führt das alles nur immer im zwingenden Kreise des Kapitalismus herum; es kann alles, was innerhalb der kapitalistischen Produktion geschieht, nur immer tiefer in sie hinein, aber nie aus ihr herausführen.

Wir wollen dieselbe Sache noch einmal kurz von einer andern Seite betrachten. Die Kapitalisten begehen, wie Marx und andere ausführlich und in vielen wertvollen Einzeldarstellungen gezeigt haben, gegen die Arbeiter eine Erpressung: ihr habt, sagen sie durch die Tat, keine Arbeitsmittel und Werkstätten und Betriebsmittel, ihr seid in großer Zahl da, oft mehr als wir brauchen: arbeitet für den Lohn, den wir bieten.

Solange die Kapitalisten bloß einig sind - ohne dafür einer Vereinbarung zu bedürfen - in diesem Verhalten gegen die Arbeiter, unter einander aber national und international in heftiger Konkurrenz liegen, ergeben sich aus diesen zwei Tatsachenreihen: niedrige Löhne und billige Preise. Vereinigen sich nun die Arbeiter, um notgedrungen und rechtmäßig mit der Erpressung zu antworten: wir arbeiten alle nicht, wenn ihr nicht höhere Löhne zahlt, dann ergeben sich: höhere Löhne und teure Preise. Vereinigen sich dem gegenüber nun wieder die Kapitalisten, erstens zur gegenseitigen Unterstützung und Versicherung gegen die Pression der Arbeiter, zweitens zu Kartellen zwecks Preisfestsetzung, so wird die Erhöhung der Löhne sogar immer schwerer, die Erhöhung der Preise immer leichter vor sich gehen. Dazu kommt noch die Sicherung gegen billige ausländische Konkurrenz durch Zölle;manchmal auch Einfuhr billiger, anspruchsloser Arbeitskräfte aus dem Ausland oder wenigstens vom Lande, oder auch Ersatz der männlichen Arbeiter durch weibliche, der gelernten durch ungelernte, der Handarbeit durch Maschinenarbeit. Man sieht, der Kapitalismus ist allewege im Vorteil, solange die Arbeiter bloß auf die Löhne, aber nicht auch zugleich auf die Preise Einfluß üben können.

Wenn daher die Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten für den kapitalistischen Warenmarkt bleiben, aber trotzdem radikal ihre Lage verbessern, d. h. dem Kapital einen Teil seiner Erträge nehmen, für sich nehmen wollen, bleibt ihnen nichts übrig, als auf möglichst hohe Löhne und möglichst niedrige Preise zugleich abzuzielen. Auf dem Wege der Selbsthilfe können sie bis zu einem gewissen Grade auch innerhalb des Kapitalismus in dieser Richtung vorgehen: wenn sie eine Organisationsform des Sozialismus, die Genossenschaft, in den Dienst ihres Konsums stellen und so für einen Teil ihrer Lebensbedürfnisse - auf den Gebieten der Nahrung, Wohnung, Kleidung, Hauswirtschaft, usw. - einen Teil des Zwischenhandels ausschalten. So haben die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter mit relativ hohen Löhnen Aussicht, einen Teil ihrer Erfolge wirklich zu genießen, wenn sie ihre Bedürfnisse in ihren Konsumgenossenschaften (auch Wohnungsgenossenschaften sind Konsumgenossenschaften) zu relativ niedrigen Preisen decken.

Ein anderer, radikalerer Weg zur Oberleitung eines Teils der kapitalistischen Erträge in die Hände der Arbeiter, d. h. zur Vermögenskonfiskation ist die gleichzeitige Festsetzung von Minimallöhnen und Maximalpreisen durch die Gesetzgebung des Staats oder der Gemeinde. Das war das Mittel der mittelalterlichen Kommunen und es ist auch - ohne rechten Erfolg - in der französischen Revolution mehr vorgeschlagen als wirklich versucht worden. Sehen wir von der Kommunalpolitik des Mittelalters ab, wo es sich um ganz andere Verhältnisse, um wirkliche Kultur und Gemeinschaft gehandelt hat, so ist zu sagen: solche Vermögenskonfiskation ist revolutionäre Klassenpolitik, die sich vielleicht in gewaltsamen Übergangszeiten vorübergehend empfiehlt, ist aber höchstens ein Stückchen Weg zum Sozialismus, ist nicht Sozialismus, da Sozialismus eben nicht eine gewalttätige Operation, sondern bleibende Gesundheit ist.

Auf beiden Wegen - dem der Verquickung von Gewerkschaftslohn und Genossenschaftspreis und dem der gleichzeitigen Festsetzung von hohen Löhnen und niedrigen Preisen - liegt aber eine dilettantische und nur übergangsmäßige Vermengung von Kapitalismus und Sozialismus vor. Die Organisation des Konsums ist ein Anfang des Sozialismus; der Kampf der Produzenten ist eine Verfallserscheinung des Kapitalismus. Hohe Löhne und niedrige Preise in ihrer Gleichzeitigkeit sind eine erschreckende Unstimmigkeit, und eine kapitalistische Gesellschaft könnte die gleichzeitige Wirkung einer starken Gewerkschafts- und geschlossenen Konsumgenossenschaftsbewegung ebensowenig aushalten wie die obrigkeitliche Anbefehlung von hohen Löhnen und niedrigen Preisen.

Solcher Zwangskurs des Geldes - um nichts anderes handelte es sich in beiden Fällen - würde eine furchtbare Explosion vorbereiten und wäre der Anfang des Staats- und Gesellschaftsbankrotts.

Das könnte einen Wink für Gewaltrevolutionäre abgeben; aber selbstverständlich würde auch diesmal der Kapitalismus sich seiner Haut wehren: wir sehen ja auch heute, wie Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung mit scheelen Augen betrachtet werden. Die eine ist immer das Element der revolutionären Beunruhigung und hat die Tendenz zum Generalstreik in sich; die andere ist ein wenn auch überaus bescheidener und seiner selbst nicht bewußter Anfang zum Sozialismus. Würden sie stärker um sich greifen und sich ihrer Zusammengehörigkeit bewußt werden, so wäre eine so erstickende Stockung in bedrohlicher Nähe, daß ein Ventil geöffnet und die Koalition auf beiden wirtschaftlichen Gebieten eingeschränkt oder unmöglich gemacht werden würde.

Bei hohen Löhnen und niedrigen Preisen ist jeder Gesellschaft das Leben unmöglich gemacht; genauso unmöglich wie bei niedrigen Löhnen und hohen Preisen. In Zeiten des relativen Friedens werden es sich Kapitalisten und Arbeiter in ihrem verblendeten Privategoismus nicht nehmen lassen, für hohe Preise und hohe Gehälter und Löhne zu sorgen und damit die Luxusgier und Unbefriedigung, die Unlust des Lebens, die Schwierigkeit der Geldbeschaffung, die Stockung, die chronische Krise und den trägen Umlauf immer mehr ins Werk zu setzen; im Zeitpunkt der Revolution wird die Tendenz, die Proudhon anno 48 so großartig, wenn auch erfolglos propagiert hat: niedrige Preise! niedrige Bezüge! niedrige Löhne! hoffentlich das nächste Mal durchdringen. Sie würde Freiheit, Beweglichkeit, heitere Laune, rascheren Umlauf, Leichtigkeit des Lebens, bescheidene Freuden, schlichte Harmlosigkeit im Gefolge haben.

Man darf übrigens die Voraussage, was Staat und Kapitalismus tun würden, tun müßten, wenn sie von dem abnormen Verein einer starken Produzenten- und Konsumentenbewegung bedrängt würden, durchaus nicht so verstehen, als ob sie eine Warnung an die Adresse der Arbeiter sei, nach dem beliebten Muster: Was sollen wir erst anfangen? der Staat wird's ja doch verbieten! Solche Warnung ist nicht unsre Art und unser Amt. Mag immerhin zu vermuten sein, daß andre tun, was ihrer Rolle entspricht; das kann abgewartet werden und braucht einen nicht zu kümmern. Wer also die Aufgabe zu haben glaubt, dafür zu sorgen, daß die Kapitalisten immer weniger von den Arbeitern einnehmen und immer mehr an die Arbeiter ausgeben, hat nun von uns erfahren, daß dafür eine starke Konsumorganisation im Verein mit einem sich durchsetzenden Gewerkschaftskampf die gebotene Waffe ist. Denn auf das Gegenstück, die behördliche Lohn- und Preisfestsetzung wird kaum einer große Hoffnungen setzen wollen und ebensowenig auf einen Versuch, der ja auch hierher gehörte: den Einkommensüberschuß der Kapitalisten durch die Steuer konfiszieren und ihn durch geeignete Mittel ins Proletariat, etwa in die Arbeiterassoziationen fließen zu lassen. Das ist ebenfalls ein lediglich revolutionäres Mittel, das pfuscherhaft und dilettantisch ist und zu dem man nur ganz vorübergehend im Übergang seine Zuflucht nehmen könnte. Ähnliches ist ja denn auch ohne Erfolg in der Konventszeit hie und da versucht und auch bald nach 1848 von Herrn von Girardin in Frankreich vorgeschlagen worden. Auch Lassalles politisches Treiben und Drängen bewegte sich in dieser Richtung.

Wir also warnen nicht vor dem eigentümlichen Versuch, durch eine Verquickung von Revolution und Sozialismus, von Kampf und Aufbau die Stockung und Verstopfung in die Gesellschaft zu bringen. Wir müssen nur sagen, daß es heute noch lange nicht soweit ist und daß die Konsumgenossenschaften, wie wir sie heute haben, die ein kümmerlicher Anfang des Sozialismus sind, ohne es zu wissen, nicht im geringsten dazu angetan sind, dem Kapitalismus irgendwie ernsthaft die Preise zu verderben oder die Abnehmer zu nehmen. Das also ist vor allem die Aufgabe derer, die zum Sozialismus aufrufen: zu sagen, daß der Sozialismus beginnen muß, um zu kommen, daß er beim Konsum einzig und allein beginnen kann. Davon bald. Hier war die Aufgabe, zu zeigen, daß aller einseitige Kampf und alle Betätigung auf dem Gebiete der kapitalistischen Produktion, alles Vorgehen also der Produzenten ein Stück Geschichte des Kapitalismus ist und nichts überdies.

Weil wir aber doch schon dahin gekommen sind, die Betätigung der Produzenten in den Gewerkschaften, die wirtschaftliche Selbsthilfe der Arbeiter und ihren dadurch erzielten Druck zum Behuf gesetzlicher Regulierungen auf den Staat zu beschreiben und zu kritisieren, soll auch noch auf zwei andere wichtige Aufgaben dieser Organisationen und ihre Kämpfe kurz eingegangen werden. Hauptaufgaben der Gewerkschaften sind noch die Durchsetzung der Verkürzung der Arbeitszeiten und eine Änderung im Lohnwesen, die damit doch wohl in inniger Verbindung steht, nämlich der Ersatz des Stück- und Akkordlohns durch den Taglohn. Der Stück- und Akkordlohn ist eine Bezahlung nach dem Verhältnis der Arbeit zur Menge und Qualität des erzielten Produkts.

Es ist zu sagen, daß man in einer gerechten Tauschwirtschaft immer wieder auf diese An des Arbeitslohnes zurückkommen wird; daß es aber in einer Gesellschaft der Ungerechtigkeit gegen den Menschen, der Vernachlässigung seiner notwendigsten Bedürfnisse kaum Schlimmeres geben kann als die Verschärfung dieser Ungerechtigkeit durch die Gerechtigkeit gegen die Sachen. Unter dem Regiment des Kapitalismus kann es der Arbeiter nicht ertragen, daß irgendein anderes Prinzip sein Einkommen bestimmt als sein Bedürfnis. Da es nun zum Bedürfnis seines Leibes und Lebens nicht nur gehört, so viel Lohn zu erhalten, daß er und seine Familie existieren können, sondern auch, daß er sich nicht durch übermäßige Arbeitszeiten um Gesundheit, Schlaf und Muße bringt, bietet ihm sein Kampf um Verkürzung der Arbeitszeit einen neuen Grund, sich gegen Stück- und Akkordlohn zu wehren: denn die Verkürzung der Arbeitszeit soll sein Einkommen nicht verringern und soll ihn nicht zu maßloser Steigerung der Intensität der Arbeit nötigen. Darum übrigens ist es auch bedenklich, daß in manchen Berufen, z. B. in denen des Baugewerbes nicht ein Taglohn, sondern ein Stundenlohn bezahlt wird; die Arbeiter sind dadurch genötigt, bei jedem Kampf um Verkürzung der Arbeitszeit gleichzeitig um Erhöhung des Stundenlohns zu kämpfen, und oft geht ein solcher Streit mit einem Kompromiß zu Ende: sie erreichen das eine und müssen im andern nachgeben, verkürzen also z. B. gleichzeitig ihre Arbeitszeit und ihr tatsächliches Einkommen. Darum müßten die Arbeiter überall unterm Kapitalismus nicht nur den Stück- und Akkordlohn, sondern auch den Stundenlohn bekämpfen. Taglohn! muß die Forderung des kapitalistischen Arbeiters sein. In ihr kommt für jeden, der ein Ohr für die Stimme der Kultur oder der Niedrigkeit hat, mit scharfer Deutlichkeit zum Ausdruck, daß der Arbeiter kein freier Mann ist, der auf den Markt des Lebens tritt und Güter tauscht, sondern daß er ein Sklave ist, dem der Lebensunterhalt vom Herrn gewährt und von der Gesellschaft garantiert werden muß. Unter dem Regiment des Taglohns besteht kein ausgesprochenes Verhältnis der Arbeit zu der Menge und Qualität ihrer Produkte, besteht nicht Tausch gegen Tausch; es besteht nur die Notdurft, die nach Unterhalt begehrt. Auch hier also wieder sehen wir: der Arbeiter muß in der kapitalistischen Welt für eine kapitalistische, für eine kulturwidrige Einrichtung eintreten, um der Erhaltung seiner Existenz willen; die Not und die Rolle als Produzent machen ihn zum Helfershelfer und zum Leibeigenen des Kapitalismus.

Weiter geht´s bei Teil 3...

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2012 wurde dieser Text Gustav Landauers als Buch neu aufgelegt. Er erschien im Synergia Verlag mit einem Vorwort von Dr. Michael Günther (ISBN: 978-3-939272-53-3, 160 Seiten, 12,9.- Euro)


Originaltext: http://www.twokmi-kimali.de/texte/Landauer_Aufruf_zum_Sozialismus.htm

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