Gustav Landauer - Aufruf zum Sozialismus (Teil 3)

Der Kampf des gewerkschaftlich organisierten Arbeiters um seine eigene Taglöhnerschaft hat sein Gegenstück im Staatsleben: nämlich im Kampf des politisch kämpfenden Arbeiters um die geheime Abstimmung. So unwürdig es ist, in der Form des Taglohns den Unterhalt des Lebens zu empfangen, statt Produkt gegen Produkt zu tauschen, d.h. Produktpreis oder -lohn zu erhalten, so erbärmlich ist es, sein Recht und seine Pflicht gegen die Gemeinschaft aus Furcht im Versteck, im Wahlklosett auszuüben. Das war der Grund, warum M. von Egidy für die öffentliche Wahl eintrat: er wollte, daß es keine üblen Folgen für den Freien und Aufrechten geben könnte. Doch war das eine Donquixoterie des edlen Mannes; heutigen Tages muß der Arbeiter Tagelöhner sein wollen und muß der Staatsbürger ein ängstlicher Helot sein wollen; es ist unmöglich, an den Einzelerscheinungen, an den unablösbaren Symptomen der kapitalistischen Wirtschaft und des kapitalistischen Staats die Kur beginnen zu wollen. Der Arbeiter muß für sein Leben sorgen; und sein Leben wäre bedroht, wenn er zum Wählen nicht ins verschlossene Klosett ginge; sein Leben wäre gefährdet, wenn er nicht Taglohn empfinge. Das alles und alles, wovon wir hier sprechen, sind Notwendigkeiten des Lebens, solange wir nicht aus dem Kapitalismus austreten; sind aber freilich nichts weniger als Mittel und Wege des Sozialismus.

Die Verkürzung der Arbeitszeit hat zwei Seiten, auf deren eine oft hingewiesen wird, während die andre, soviel ich sehe, nicht recht beachtet wird. Die Verkürzung der Arbeitszeit ist erstens nötig, um den Arbeiter bei Kräften zu erhalten; und hier, wo es unsre Aufgabe ist, um des Sozialismus willen die Gewerkschaften, diese notwendige Kampf- und Reguliereinrichtung des Kapitalismus, nicht etwa zu bekämpfen, dies freilich wäre mehr als töricht, wäre fast verbrecherisch, weil ja, um des Wohles der jetzt lebenden Menschen willen, durchaus nicht jede Einzelerscheinung des Kapitalismus bekämpft werden darf, wohl aber kühl und sachlich zu kritisieren, hier, sage ich, soll einen Augenblick lang innegehalten werden, um den Gewerkschaften verdienten Dank zu sagen für ihr schönstes Tun. Sie haben in allen Ländern den Arbeitern die Zeit der Mühe, der Arbeit an Dingen, die sie oft nicht interessieren, in Betrieben, die sie müde und unlustig machen, mit Techniken, die sie aufs äußerste anspannen und ihre Tätigkeit geistlos und tödlich langweilig machen, verkürzt. Dank und Lob sei ihnen; wie vielen haben sie Gelegenheit zur Erholung am Feierabend, zu einem schönen Familienleben, zu den billig zu erreichenden edlen Freuden des Lebens schöner und belehrender Bücher und Schriften, zur Beteiligung am öffentlichen Leben gegeben. Wie vielen – und wie wenigen!

Erst in den letzten Jahren ist begonnen worden, und auch da meistens mit unzulänglichen, oft mit lächerlich öden und parteiamtlichen Mitteln, auch etwas für die rechte Ausfüllung der gewonnenen Stunden zu tun.

Zusammen mit dem Kampf gegen die langen Arbeitszeiten müßten die Gewerkschaften den Kampf gegen das furchtbar verheerende Saufen führen; sie müßten als ihre Pflicht betrachten, sich nicht nur um den produzierenden, sondern auch um den ruhenden und feiernden Arbeiter zu kümmern. Da ist noch viel zu tun, und ist viel Gelegenheit zur Mitarbeit der Künstler, der Dichter, der Denker in unserm Volke. Wir dürfen nicht nur zum Sozialismus aufrufen; wir dürfen nicht bloß der Stimme der Idee folgen und in die Zukunft hineinbauen; um des Geistes willen, der uns Körper und Gestalt werden soll, müssen wir uns den lebendigen Menschen unsres Volkes zuwenden, den Erwachsenen und den Kindern, und unser alles tun, damit ihr Leib und ihr Geist stark und fein, fest und schmiegsam werde. Und dann mit diesen lebendigen Menschen zum Sozialismus! Ja nicht aber so mißverstehe man das, als solle man ihnen irgendeine bestimmte, eine sogenannte sozialistische Kunst oder Wissenschaft oder Bildung geben. O weh, was wird da mit Parteitraktätchen und tendenziösem Schrifttum für Unfug getrieben und wie viel wertvoller und natürlich auch freier ist zum Beispiel die sogenannte bürgerliche Wissenschaft als die sozialdemokratische! All solche Versuche führen zum Amtlichen, Offiziösen, Behördlichen. Es ist ein großer Fehler, an dem alle marxistischen Richtungen, die sozialdemokratische wie die anarchistische, ihren Anteil haben, daß in den Kreisen der Arbeiter alles Stille und Ewige mißachtet und nicht gekannt ist, während dagegen das Agitatorische und das oberflächliche Tagesgeschrei überschätzt wird und in greller Blüte steht. Ich selbst habe jüngst in einer größeren Stadt Deutschlands, wo ich zehn Vorträge zur deutschen Literatur hielt, die von einer sozialdemokratischen Vereinigung veranstaltet und von Mitgliedern der Gewerkschaften besucht waren, erlebt, wie nach einem Vortrag anarchistische Arbeiter in den Saal kamen, den sie vorher gemieden hatten, um mich aufzufordern, ihnen doch einmal einen Vortrag zu halten! Damals habe ich mir vorgenommen, ihnen hier die Antwort zu geben, die lautet: ich habe diesen Vortrag gehalten, als ich über Goethe, als ich über Hölderlin und Novalis, als ich über Stifter und Hebbel, als ich über Dehmel und Liliencron und Heinrich von Reder und Christian Wagner und manche andern sprach; ihr aber habt es nicht hören wollen, weil ihr nicht wisset, daß die Stimme der Menschenschönheit, die zu uns kommen soll, der starke und gefaßte Rhythmus und Einklang des Lebens im Brausen des Sturmes nicht mehr als im sanften Ziehen beruhigter Lüfte und in dem heiligen Stillstand der Unbewegtheit zu finden ist.

"Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich für groß: das prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja, ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind ... Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird ... Das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, daß jeder geachtet, geehrt, ungefährdet nach dem andern bestehe, daß er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, daß er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle andern Menschen ist, dieses Gesetz liegt überall, wo Menschen neben Menschen wohnen, und es zeigt sich, wenn Menschen gegen Menschen wirken. Es liegt in der Liebe der Ehegatten zu einander, in der Liebe der Eltern zu den Kindern, der Kinder zu den Eltern, in der Liebe der Geschwister, der Freunde zu einander, in der süßen Neigung beider Geschlechter, in der Arbeitsamkeit, wodurch wir erhalten werden, in der Tätigkeit, wodurch man für seinen Kreis, für die Ferne, für die Menschheit wirkt ..." (Adalbert Stifter).

So ist auch der Sozialismus, zu dem hier laut gerufen, von dem hier in Stille geredet wird, die sanfte Wirklichkeit bleibender Schönheit des Mitlebens der Menschen; nicht die wilde, häßliche Übergangszerstörung des häßlichen Heutigen, die auch vielleicht als Begleiterscheinung wird sein müssen, zu der zu rufen aber verderblich, heillos und unnütz wäre, wenn nicht vorher das sanfte Werk der Lebensschönheit in unsern Seelen und durch sie in die Wirklichkeit hinein getan wäre.

Alle Neuerung hat, trotz allem Feuer und aller Begeisterung, die sie trägt, etwas Wüstes, Häßliches, Pietätloses an sich; alles Alte, selbst das Verruchteste, selbst so überalt gewordene Institutionen, wie etwa das Militär und der Nationalstaat, haben, weil sie alt sind und Tradition haben, in all ihrer Hinfälligkeit, Entbehrlichkeit und Ablösungsbedürftigkeit einen, Schimmer wie von Schönheit. Darum lasset uns solche Neuerer sein, in deren vorgreifender Phantasie das, was sie schaffen wollen, schon als ein Fertiges, ein Eingelebtes, ein ins Vergangene und ins uralt und heilig Lebendige Verankertes lebt; darum lasset uns vor allem mit dem zerstören, was wir Sanftes, Bleibendes, Verbindendes bauen. Unser Bund sei ein Bund des strebenden Lebens mit den ewigen Mächten, die uns mit der Welt des Seienden verbinden; die Idee, die uns treibt, sei uns Idee, das heißt Bund, der uns über die Vergänglichkeit und Geschiedenheit der oberflächlichen Zeiterscheinungen hinüber mit dem Gesammelten und Gefaßten des Geistes vereint. Dies sei unser Sozialismus: ein Schaffen des Zukünftigen, als sei es ein von Ewigkeit her Gewesenes. Komme er nicht aus den Erregungen und wüst reagierenden Heftigkeiten des Augenblicks, sondern aus der Gegenwart des Geistes, die Tradition und Erbe unseres Menschentums ist.

Wir hatten uns unterbrochen, weil wir den Gewerkschaften für ihren Kampf um Muße und Feierabend der arbeitenden Menschen unsern Dank sagen wollten. Dies, was hier gesagt worden ist, sei unser Dank; denn, wie wir nicht bloß Produkte,Hervorbringungen und Reaktionen der abscheulichen Verfallserscheinungen des Veralteten und Hinfälligen sein wollen, sondern Produktive, die den versunkenen Geist, der einst Gemeingeist war und jetzt Isolierung geworden ist, zu neuen Formen führen und wieder lebendig und schön machen wollen, so soll auch unser Dank produktiv sein, soll auf das hinweisen, womit die Muße und Feierzeit der arbeitenden Menschen zu erfüllen ist, auf daß gesunde und starke und vom Geist erfaßte Menschen das Neue bereiten können, das als ein Uraltes aus uns herauskommen muß, wenn es uns wert sein, wenn es uns bleiben soll.

Die Verringerung der Arbeitsstunden schafft den Arbeitenden einen längeren Feierabend. So sehr man sich jedoch dessen freuen kann, was tatsächlich da ist, so wenig darf man außer acht lassen, was diese Errungenschaft sehr oft im Gefolge hat: die stärkere Ausnützung der Arbeitskraft, die gesteigerte Intensität der Arbeit. Oft hat der kapitalkräftige Unternehmer, eine große Aktiengesellschaft z. B., allen Grund, sich des Sieges der Arbeiter zu freuen. Alle Unternehmer einer bestimmten Branche sind etwa genötigt worden, die Arbeitszeit zu verkürzen; aber die großen Betriebe sind oft imstande, diese Einbuße durch Einführung neuer Maschinen, die den Arbeiter noch inständiger an den mechanisch hastenden Apparat fesseln, wettzumachen und so gegen ihre mittlere und kleinere Konkurrenz großen Vorteil zu haben. Manchmal freilich steht es auch umgekehrt: der Riesenbetrieb ist gehindert, seinen ungeheuren Mechanismus umzugestalten, während der mittlere und kleine Unternehmer, wenn er flotten Absatz und guten Kredit hat, sich leichter neuen Bedingungen anpassen kann.

Die Technik hat fast immer Ideen und Modelle vorrätig, um diesem Bedarf nach gesteigerter Auspumpung der Arbeit aus den Betätigungen der Menschen, die nur Diener der Maschinen sind, Genüge zu leisten.

Das ist die andere, die bittere Seite des längeren Feierabends: der angestrengtere Arbeitstag. Der lebendige Mensch kann in Wahrheit nicht lediglich arbeiten, um zu leben, sondern will in der Arbeit, während der Arbeit sein Leben fühlen, sich seines Lebens freuen, braucht also nicht bloß Erholung, Ruhe und Freude am Abend, braucht vor allem Lust an der Betätigung selbst, starke Anwesenheit seiner Seele bei den Funktionen seines Leibes. Unsere Zeit hat den Sport, die unproduktive, spielerische Betätigung der Muskeln und Nerven zu einer Art Arbeit oder Beruf gemacht; in wirklicher Kultur wird die Arbeit selbst wieder ein spielendes Gehenlassen all unserer Kräfte sein.

Der Industrielle wird übrigens häufig, um wieder einzuholen, was die Verringerung der Arbeitszeit ihm nimmt, noch nicht einmal die mechanischen Apparate seines Betriebes umändern müssen. In der Fabrik gibt es noch einen ändern Mechanismus, der nicht aus Eisen und Stahl besteht: die Arbeitsordnung. Einige neue Anordnungen, ein paar neue Aufseher- und Werkmeisterposten beschleunigen oft den Gang eines Betriebes wirksamer als neue Maschinen. Nur daß freilich dieser Mechanismus selten von langer Dauer ist; es ist immer ein stillschweigendes Ringen zwischen der Lässigkeit, d. h. der natürlichen Langsamkeit der Arbeiter und der Energie der Antreiber; und auf die Dauer siegt, wo es sich um Menschen gegen Menschen handelt, immer eine Art Gesetz der Trägheit. Dieser Kampf um langsame Arbeit ist schon immer dagewesen; lange ehe er eine bewußte Waffe im Klassenkampf geworden und ein Teil des sogenannten Sabots geworden ist. Dieser Sabot, der die Arbeiter auffordert, zu einem bestimmten Zweck langsame, liederliche, schlechte oder gar verderbliche Arbeit zu liefern, kann im Einzelfall, wie z. B. Streik von Post-, Eisenbahn- oder Hafenarbeitern treffliche Dienste tun; er hat aber auch seine bedenkliche Seite, wie man denn oft, bei extremen Kampfmitteln der Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten für den kapitalistischen Markt, nicht unterscheiden kann, wo der klassenbewußte Kämpfer aufhört und wo der vom Kapitalismus seelisch angefressene, verderbte und heruntergebrachte Verantwortungslose, dem jede nützliche Arbeit zuwider ist, beginnt.

Die verschärfte Arbeitsordnung ist von vorübergehender Wirkung; die Maschine aber ist unerbittlich. Sie hat ihre bestimmte Tourenzahl, ihre gegebene Leistung, und der Arbeiter hängt nicht mehr von einem mehr oder weniger menschlichen Menschen ab, sondern von dem metallenen Teufel, der vom Menschen zur Ausnutzung der Menschenkräfte angeschafft wurde. Die psychologische Erwägung der Arbeitsfreudigkeit des Menschen spielt dabei eine untergeordnete Rolle; jeder Arbeiter weiß es und empfindet es mit besonderer Bitterkeit, daß Maschinen, Werkzeuge und Tiere mit mehr Schonung behandelt werden als die arbeitenden Menschen. Das ist so wenig wie irgend etwas, was hier gesagt wird, eine agitatorische, demagogische Übertreibung; es ist völlige, nüchtern zu erfassende Wahrheit. Man hat oft die modernen Proletarier Sklaven genannt und hat in dieses Wort den Ton der äußersten Empörung gelegt. Man soll aber wissen, was man sagt, und soll auch so ein Wort wie das Wort "Sklave" in seinem nüchternen, wirklichen Sinn gebrauchen. Ein Sklave war ein Schutzbefohlener, den man gut pflegen, dessen Arbeit man psychologisch lenken mußte, denn sein Tod kostete Geld: es mußte ein neuer gekauft werden. Das Furchtbare am Verhältnis des modernen Arbeiters zu seinem Herrn ist gerade, daß er kein solcher Sklave ist, daß es dem Unternehmer vielmehr in den meisten Fällen ganz gleichgültig sein kann, ob der Arbeiter lebt oder stirbt. Er lebt dem Kapitalisten; er stirbt sich selbst. Die Ersatzmänner sind da. Maschinen und Pferde müssen gekauft werden; sie machen erstens Anschaffungskosten; zweitens Betriebskosten; und so war es auch beim Sklaven: er mußte zuvörderst gekauft oder schon als Kind aufgezogen und dann unterhalten werden. Den modernen Arbeiter bekommt der moderne Unternehmer umsonst; ob er den Unterhalt, den Lohn dem Müller oder dem Schulze bezahlt, ist ihm gleichgültig.

Auch hier wieder, in dieser Entpersönlichung, Entmenschlichung des Verhältnisses zwischen Unternehmer und Arbeiter wirken kapitalistisches System, moderne Technik und Staatszentralismus Hand in Hand. Das kapitalistische System schon macht den Arbeiter zu einer Nummer; die mit dem Kapitalismus verbündete Technik macht ihn zum Anhängsel am Räderwerk der Maschine; und der Staat sorgt dafür, daß der kapitalistische Unternehmer nicht nur den Tod des Arbeiters nicht zu beklagen, sondern sich auch in den Fällen der Krankheit oder des Unfalls in keiner Weise persönlich seiner anzunehmen hat. Die Versicherungseinrichtungen des Staates können gewiß von verschiedenen Seiten betrachtet werden; aber diese sollte nicht übersehen werden: auch sie setzen den blind funktionierenden Mechanismus an die Stelle der lebendigen Menschlichkeit.

Die Grenzen der Technik, wie sie sich heute in den Kapitalismus eingeordnet hat, sind über die Grenzen der Menschheit hinausgegangen. Es kommt nicht einmal auf Leben und Gesundheit der Arbeiter viel an (hier darf nicht nur an Maschinen gedacht werden; man erinnere sich der gefährlichen Metallabfälle in der Luft der Werkstätten, der Giftbetriebe, der Vergiftung der Luft über ganzen Städten); es kommt ganz gewiß nicht auf die Lebensfreude und das Behagen der Arbeitenden während der Arbeit an.Die Marxisten und die Arbeitermassen, die unter ihrem Einfluß stehen, lassen ganz außer acht, wie gründlich sich in dieser Hinsicht die Technik der Sozialisten von der kapitalistischen Technik unterscheiden wird. Die Technik wird sich in einem Kulturvolk ganz nach der Psychologie der Freien, die sich ihrer bedienen wollen, richten müssen. Wenn die arbeitenden Menschen selbst bestimmen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten wollen, werden sie ein Kompromiß schließen zwischen der Zeitmenge, in der sie außerhalb der Produktion stehen wollen, und der Arbeitsintensität, die sie innerhalb der Produktion zu leisten gewillt sind. Da mögen die Menschen recht verschieden sein: die einen werden sehr schnell und sehr hitzig arbeiten, um sich nachher recht lange zu vergnügen oder zu erholen; die ändern werden keine Stunde des Tages bloß zum Mittel erniedrigen wollen, werden auch in der Arbeit Behagliche, Lusterfüllte sein wollen, werden ›Eile mit Weile‹ zu ihrer Devise machen und ihre Technik dieser ihrer Natur anpassen.

Heute ist von dem allem keine Rede. Die Technik steht ganz im Banne des Kapitalismus; die Maschine, das Werkzeug, der tote Diener des Menschen, ist zum Herrn über den Menschen gemacht worden. Auch der Kapitalist ist bis zu hohem Grade abhängig von dem Mechanismus, den er eingeführt hat, und hier ist der Moment, wo wir die zweite Seite der Verkürzung der Arbeitszeit ins Auge fassen können. Die erste war die, daß sie dazu dient, den Arbeiter bei Kräften zu lassen; inwiefern dieser Tendenz durch die gesteigerte Intensität der Arbeit wieder begegnet wird, haben wir eben gesehen. Die Verkürzung der Arbeitszeit hat aber ferner auch die erfreuliche Wirkung für die lebendigen Angehörigen der Arbeiterklasse, daß sie die Zahl der Arbeitslosen vermindert.

Der Industrielle muß nämlich seine Maschinerie ausnutzen; seine Maschinen müssen, um rentabel zu sein, eine bestimmte Zeit laufen. Er muß sich, wenn sein Betrieb rentabel sein soll, nach der Konkurrenz im In- und Ausland richten, und in vielen Branchen ist er genötigt, damit seine Kraftzentrale sich rentiert, die Maschinen Tag und Nacht laufen zu lassen. Er wird also, wenn die Arbeitszeit verkürzt wird, mehr Arbeiter einstellen; er wird oft gerade die Gelegenheit eines Kampfes mit den Arbeitern benutzen, um die vierundzwanzigstündige Arbeitszeit, d. h. den Schichtwechsel einzuführen. Die Rentabilitätsnotwendigkeit, die Anforderungen des Mechanismus, die Forderungen der Arbeiter: all das in vereinigter Aktion bewirkt oft die Mehreinstellung von Arbeitern und damit die Verringerung der sogenannten industriellen Reservearmee. Die Grenze wird immer von der Rentabilität des Betriebs bestimmt werden, wobei aber zwischen den Anforderungen des Mechanismus und der Aufnahmefähigkeit des Marktes eine Art Kompromiß geschlossen werden muß.

Oft wird der Unternehmer von seinen maschinellen Einrichtungen und der Zahl der Arbeiter, die er an die Maschinen gestellt hat, gezwungen, den Betrieb in einem gewissen Umfang fortzuführen, und ist der Markt nicht mehr aufnahmefähig, so muß er mit den Preisen heruntergehen: denn der kapitalistische Markt ist ja für alle Artikel immer aufnahmefähig, wenn sie nur billig genug sind. So hängt es zusammen, daß ein Unternehmer oft Tausende von Arbeitern Tag und Nacht arbeiten läßt und dabei Stunde für Stunde Geld verliert. Er nimmt das auf sich, in der Hoffnung auf bessere Zeiten, wo die Preise wieder anziehen. Ist es nichts mit dieser Aussicht, so wird er einen Teil seines Betriebs, oder seinen ganzen Betrieb an bestimmten Tagen stillegen müssen.

Unsere Behauptung, daß die Technik heutigentags im Banne des Kapitalismus steht, müssen wir also durch den Zusatz ergänzen, daß aber auch andrerseits der Kapitalismus der Sklave der selbstgeschaffenen Technik ist. Da geht es wie mit dem Zauberlehrling: "Die ich rief, die Geister, werd' ich nicht mehr los!" Wer in den Zeiten der Prosperität, des guten Absatzes seinen Betrieb auf einer bestimmten Stufe eingerichtet hat, der hat es nicht mehr in der Wahl, wieviel er produzieren will. Auch er ist aufs Rad seiner Maschinen geflochten; und er mitsamt seinen Arbeitern wird oft von ihnen zermalmt.

Wir haben hier einen der Punkte berührt, an denen die kapitalistische Produktion aufs engste mit der Spekulation verknüpft ist. Der ist nur ein ganz Kleiner auf der Stufenleiter des Kapitalismus, der nicht von den Bedingungen seines Betriebs und seines Absatzes in die Spekulation hineingetrieben wird. Ein Spekulant ist jeder, dessen Betrieb von diesen zwei ganz unzusammenhängenden Faktoren: den Anforderungen seines Maschinen- und Menschenapparates einerseits und den Preisschwankungen des Weltmarktes andrerseits abhängig ist. Den Menschen in dieser Lage, die Monate und oft Jahre hindurch hunderten oder tausenden von Arbeitern Woche für Woche ihren festgesetzten Lohn auszahlen, während sie Woche für Woche Verluste erleiden, mag oft genug der Seufzer entfahren: "Meine Arbeiter haben's besser als ich!" Oft kann sich ein solcher von maßlosen Sorgen gehetzter armer Reicher nur dadurch retten, daß er mit einem Teil seines Vermögens glückliche Börsenspekulationen macht und so sein Unglück auf dem Gebiet der Handelsspekulation wieder ausgleicht; wie umgekehrt einer, dessen Geschäft floriert, sich durch Spekulationen auf ganz anderm Gebiet zugrunde richten mag. Wer vom kapitalistischen Markt abhängt, muß spekulieren und muß sich ans Spekulieren gewöhnen und muß auf den mannigfachsten Gebieten spekulieren.

Viel zuwenig weiß der Arbeiter, der unter dem Kapitalismus leidet, diese entscheidende Tatsache: daß alle Menschen, alle ohne Ausnahme Leid bis zur Maßlosigkeit, und wenig Freude, gar keine rechte Freude haben unter diesen kapitalistischen Zuständen. Viel zuwenig auch weiß der Arbeiter, was für furchtbare, was für unwürdige und erdrückende Sorgen der Kapitalist hat; was für ein völlig unnötiges, ganz und gar unproduktives Quälen und Abrackern ihm aufgeladen ist, und viel zuwenig beachten die Arbeiter diese Ähnlichkeit zwischen sich selbst und den Kapitalisten: daß nicht nur die Kapitalisten, sondern auch viele Hunderttausende in der Arbeiterschaft selbst ihren Profit oder ihren Lohn für völlig unnütze, unproduktive, überflüssige Arbeit beziehen; daß gerade heute eine furchtbare Tendenz in der Produktion dahin geht: mehr und mehr Luxusprodukte, dabei auch den Schundluxus für das Proletariat, herzustellen und viel zuwenig die notwendigen, die soliden Produkte fürs wirkliche Bedürfnis. Die notwendigen Produkte werden immer teurer, der Luxus wird immer mehr Schund und wird immer billiger - dahin geht die Tendenz.

Kehren wir jetzt von der Abschweifung, die wir den Betätigungen der Gewerkschaften gewidmet haben, zurück und fassen wir schließlich zusammen.

Wir haben gesehen, wie die am Kapitalismus interessierten Unternehmer, die Fabrikanten-Händler und ebenso die an ihrer Lebenshaltung interessierten Arbeiter und schließlich auch der Staat dafür Sorge getragen haben und weiter darum bemüht sind, daß das System der kapitalistischen Wirtschaft erhalten bleibt. Wir haben weiter beachtet, wie alle Menschen in die gegenseitige Ausbeutung verstrickt sind, wie alle einmütig ihre Sonderinteressen wahren und die Gesamtheit schädigen müssen, wie alle, gleichviel, auf welcher Stufe des Kapitalismus sie stehen, immer von Unsicherheit bedroht sind.

Damit, daß wir das gesehen haben, haben wir den Zusammenbruch des Marxismus gesehen, der zu wissen meinte, der Sozialismus bereite sich in den Einrichtungen und dem Katastrophenprozeß der bürgerlichen Gesellschaft selbst vor und der Kampf der immer anwachsenden, immer entschlossener auftretenden, immer revolutionärer handelnden Proletariermassen sei ein notwendiger, in der Geschichte vorgesehener Akt zur Herbeiführung des Sozialismus. In Wahrheit aber ist dieser Kampf der Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten für den kapitalistischen Markt nichts als ein Drehen im Kreise des Kapitalismus. Man kann nicht einmal sagen, daß dieser Kampf eine allgemeine Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse herbeiführe; nur das ist zu sehen, daß er und seine Wirkungen die Arbeiterklasse an ihre Lage und an die allgemeinen Zustände der Gesellschaft gewöhnen.

Der Marxismus ist einer der Faktoren und kein unwesentlicher, die den kapitalistischen Zustand erhalten, festigen und in seinen Wirkungen auf den Geist der Völker immer trostloser machen. Die Völker, das Bürgertum und ganz ebenso die Arbeiterklasse, sind immer mehr mit den Zuständen der sinnlosen, spekulativen und kulturlosen Gelderwerbsproduktion verwachsen; immer mehr nimmt in den Klassen, die besonders schlimm unter den Zuständen leiden, die oft in Not und Entbehrung, immer in Armut leben, die Klarheit, die Rebellion und die Erneuerungsfreude ab.

Der Kapitalismus ist nicht eine Periode des Fortschritts, sondern des Verfalls. Der Sozialismus kommt nicht auf dem Wege der Weiterentwicklung des Kapitalismus und kommt nicht durch den Produzentenkampf der Arbeiter innerhalb des Kapitalismus.

Das sind die Resultate, zu denen wir gekommen sind.

Die Jahrhunderte, zu denen unsere Gegenwart gehört, sind Zeiten der Negation. Die Bünde und Korporationen, das ganze gemeinsame Leben der früheren Kulturzeit, der wir entstammen, all das irdisch-schöne Treiben und Getriebensein war wie umwunden und eingewickelt in Himmelswahn. Untrennbar verbunden war da dreierlei: erstens der Geist des verbindenden Lebens, zweitens die Bildersprache für die unnennbare Einheit,Unsinnlichkeit und Bedeutsamkeit des in der Seele des Einzelmenschen wahrhaft erfaßten Weltenalls und drittens der Aberglaube.

In diesen unsren Zeiten ist nun der Aberglaube der wörtlich genommenen christlich-dogmatischen Vorstellungen mehr und mehr bis ins Volk hinein angegriffen und entwurzelt worden. Das Sternenweltall wurde erst recht entdeckt, die Erde und der Mensch auf ihr wurde zugleich kleiner und größer. Die irdische Regsamkeit dehnte sich; die Angst vor Teufeln, Himmelsmächten, Kobolden und Dämonen begann zu schwinden; man fühlte sich im unendlichen Raum der Welten auf dem kreisenden Sternlein sicherer als vorher auf der fratzenhaften Gotteswelt. Man lernte unverkennbare Naturkräfte in ihrer sicher zu berechnenden Wirksamkeit kennen, man lernte sich ihrer bedienen und konnte ihnen furchtlos vertrauen. Neue Methoden der Arbeit, der Veränderung der Naturprodukte wurden gefunden; die Erde wurde auf ihrem ganzen Rund ausgeforscht und neu besiedelt; der Verkehr und die Mitteilung geht mit einer Schnelligkeit, die auch uns noch nicht gewohnt, die auch uns noch märchenhaft ist, rund um den Erdball; und im Zusammenhang mit alledem hat die Menge der gleichzeitig lebenden Menschen ungemein zugenommen. Die Bedürfnisse, aber auch die Mittel, sie zu befriedigen, haben sich riesenhaft gesteigert.

Keineswegs ist in dieser Zeit der Negation der Aberglaube bloß erschüttert worden; es ist auch Positives an seine Stelle getreten: Wissen von der sachlichen Beschaffenheit der Natur hat den Glauben an die dämonischen Feinde und Freunde in der Natur abgelöst; Macht über Natur ist der Angst vor den Plötzlichkeiten und Tücken der Geisterwelt gefolgt, und dieser Tod der unzähligen Geisterchen hat seinen sehr realen Ausdruck in der außerordentlichen Zunahme der Geburtenziffer der Menschenkinder gefunden.

Mit dem Geisterhimmel, den wir ausgefegt und mit Welten und Welten besetzt haben, war nun aber alles tiefere Empfinden, aller Überschwang und jegliche Einheit und jeder Bund der Menschen tief verwachsen. Die Sternenwelten, die wir entdeckten, die Naturkräfte, mit deren Wirkungen wir vertraut wurden, sind nur draußen, sind dienlich und dienen dem äußeren Leben. Ihre Einheit mit unserer Innerlichkeit sprechen wir zwar in allerlei, manchmal tiefen, manchmal platten Philosophien, Naturtheorien und dichterischen Anläufen aus; aber sie ist nicht ein Stück von uns, ist nicht lebendig geworden. Vielmehr ist das, was vorher lebendig gewesen ist, das Bild oder der Glaube oder das unsagbare Wissen davon, daß die Welt in ihrer Wahrheit, wie wir sie in uns selbst tragen, ganz anderes ist, als die nützlichen Sinne uns sagen, und die damit verbundene echte Genossenschaft der Menschen in kleinen Verbänden der Freiwilligkeit zugleich mit dem Aberglauben heruntergekommen, ohne daß die Fortschritte des Naturwissens und der Technik dafür den geringsten Ersatz hätten bringen können.

Darum also nennen wir diese Zeiten eine Periode des Verfalls, weil das Wesentliche der Kultur, der menschenverbindende Geist heruntergekommen ist.

Die Versuche, zu altem Aberglauben oder zu sinnlos gewordener Bildersprache zurückzukehren, diese immer wieder erneuerten, mit der Schwäche und der Haltbedürftigkeit süchtiger Menschen, in denen die Empfindung stärker ist als der Verstand, in Verbindung stehenden Anläufe der Reaktion sind gefährliche Hemmnisse und am letzten Ende wieder nur Symptome des Niedergangs. Sie werden noch widerwärtiger, wenn sie sich, wie es leicht geschieht, mit dem Zwangsregiment des Staates, der organisierten Geistlosigkeit, verbünden.

Wenn wir also von Verfall reden, hat das nichts gemein mit der Pfaffenklage über die Sündhaftigkeit unserer Welt und mit den Rufen zur Umkehr. Dieser Niedergang ist eine vorübergehende Epoche, die in sich die Ansätze zu neuem Beginn, frischem Aufschwung, geeinter Kultur trägt.

So dringend es ist, daß wir den Sozialismus, den Kampf für neue Zustände zwischen den Menschen als geistige Bewegung erfassen, das heißt, daß wir verstehen, wie es nur zu neuen Verhältnissen zwischen den Menschen kommt, wenn die vom Geiste bewegten Menschen sie sich schaffen, genau so wichtig ist es, daß wir Starke seien, die nicht nach Vergangenem und Unwiederbringlichem schielen und sehnen, kurz: daß wir nicht lügen.

Himmelswahn, Wahrheit, Philosophie, Religion, Weltanschauung oder wie immer man die Versuche nennen will, das Weltgefühl zu Worten und Formen zu ballen, gibt es bei uns nur für die Individuen. Jeder Versuch, auf Grund solcher geistigen Übereinstimmungen Gemeinden, Sekten, Kirchen, Vereinigungen irgend welcher Art zu gründen, führt, wenn nicht zu Unwahrheit und Reaktion, so doch zu purem Schwatz und Tand. Wir sind in allem, was über die Sinnen- und Naturwelt hinausgeht, zutiefst Einsame, der schweigenden Vereinzelung Zugekehrte geworden. Das heißt nichts anderes, als daß all unsre Weltanschauung keinerlei überwältigende Notwendigkeit, keinerlei ethischen Zwang, keinerlei Verbindung für die Wirtschaft und Gesellschaft in sich trägt. Das müssen wir hinnehmen, da es so ist, und können es, da wir in der Zeit des Individualismus leben, in mannigfacher Form hinnehmen: froh oder resigniert, verzweifelt oder sehnsüchtig, gleichmütig oder gar frech.

Besinnen wir uns aber, daß jeder Wahn, jedes Dogma, jede Philosophie oder Religion ihre Wurzeln nicht in der äußeren Welt, sondern in unserem inneren Leben hat. All diese Sinnbilder, in denen die Menschen Natur und Ich in Einklang miteinander bringen, sind nur darum geeignet, Schönheit und Gerechtigkeit in das Mitleben der Völker zu bringen, weil sie Widerspiegelungen der Gesellschaftstriebe unsres Innern, weil sie unser Gestalt gewordener Geist selber sind. Geist ist Gemeingeist, und es gibt kein Individuum, in dem nicht, wach oder schlummernd, der Trieb zum Ganzen, zum Bunde, zur Gemeinde, zur Gerechtigkeit ruht. Der natürliche Zwang zur freiwilligen Vereinigung der Menschen untereinander, zu den Zwecken ihrer Gemeinschaft, ist unausrottbar da; aber er ist von einem schweren Schlage getroffen und wie betäubt worden, weil er lange Zeiten in Verbindung war mit dem aus ihm selbst entsprungenen Weltenwahn, der nun dahingegangen oder im Verfaulen begriffen ist.

Wir sind also nicht darauf angewiesen, erst dem Volk eine Weltanschauung zu schaffen, die ein durchaus künstliches, vergängliches, schwächliches oder gar romantisch-heuchlerisches Gebilde und heute geradezu der Mode unterworfen wäre. Wir haben die Wirklichkeit lebendig-individuellen Gemeingeistes vielmehr in uns und müssen sie nur herauf, ans Schaffen lassen. Die Lust zum Schaffen der kleinen Gruppen und Gemeinden der Gerechtigkeit, nicht himmlischer Wahn oder symbolische Gestalt, sondern irdische Gesellschaftsfreude und Volksbereitschaft der Individuen wird den Sozialismus, wird den Beginn wirklicher Gesellschaft herbeiführen. Der Geist wird sich direkt betätigen und wird aus lebendigem Fleisch und Blut seine sichtbaren Formen schaffen: die Sinnbilder des Ewigen werden Gemeinden, die Verkörperungen des Geistes werden Körperschaften irdischer Gerechtigkeit, die Heiligenbilder unserer Kirche werden Einrichtungen der vernünftigen Wirtschaft sein.Der vernünftigen Wirtschaft; mit voller Absicht ist dieses Wort Vernunft gebraucht; denn noch ist eines hinzuzufügen.

Wir haben diese unsere Zeit eine Periode des Verfalls genannt, weil das Wesentliche geschwächt und verderbt wurde: der Gemeingeist, die Freiwilligkeit, die Schönheit des Volkslebens und seiner Gestalten. Aber es ist ja nicht zu verkennen, daß in dieser Zeit mancherlei Fortschritt enthalten ist. Der Fortschritt in der Wissenschaft, der Technik, der unbefangenen Eroberung und Bezwingung der sachlich gewordenen Natur heißt mit einem ändern Wort Aufklärung. Der Verstand ist beweglicher und heller geworden; und so wie wir der Natur die Physik - im weitesten Sinne des Ausdrucks - abgerungen haben, die sich in der praktischen Anwendung bewährt; so wie wir in der Ausnutzung der Naturkräfte gelernt haben, uns der Rechnung zu bedienen, so werden wir nun auch lernen, in der Technik der menschlichen Beziehungen auf einem außerordentlich verbreiterten Felde, rings um den Erdball, das Richtige und Vernünftige unter vielfacher Anwendung der Rechnung, der Arbeitsteilung und wissenschaftlicher Methoden zu tun. Bisher war die Technik der Industrie und die Ökonomie der Beziehungen, die beide schon weit ausgebildet sind, eingeordnet in das System der Ungerechtigkeit, Sinnlosigkeit und Gewalt. Die physikalisch-industrielle wie die ökonomisch-soziale Technik werden nun der neuen Kultur, dem kommenden Volke helfen, wie sie bisher den Privilegierten und Gewalthabern und Börsenspekulanten gedient haben.

Statt also von einer Periode des Verfalls, in der wir stünden, zu reden, kann man auch, wenn man will, von einem Fortschritt sprechen, in dem zuerst mit dem Aberglauben aufgeräumt wurde, in dem dann Naturbetrachtung und Naturbeherrschung, Technik und rationelle Nationalökonomie sich mehr und mehr durchsetzten, bis schließlich der Gemeingeist, die Freiwilligkeit, die Gesellschaftstriebe, die ein paar Jahrhunderte lang überwuchert waren, wieder aufsteigen, die Menschen packen und zusammenbringen und sich der neuen Gaben bemächtigen.

Hat die gleiche Richtung des Geistes in den Individuen diese erst mit ihrem natürlichen Zwange gepackt und zu Bünden geballt, ist also die Idee, das zusammenfassende Schauen, das die Individualerscheinungen und Getrenntheiten zu Zusammengehörigkeiten und Einheiten wandelt, wieder einmal aus dem Geiste der Einzelmenschen herausgetreten und zum Menschenbunde, zur Körperschaft, zur verbindenden Gestalt geworden, ist diese irdisch-leibhafte Form des Geistes erst da, dann ist es leicht möglich, daß einmal auch wieder Jahrhunderte der geistigen Überwältigung, der bindenden Weltanschauung oder des Wahnes zu den Menschen kommen. Wir suchen solche Überwältigung nicht, wir wehren uns dagegen und sind durchaus nicht nach der Befangenheit lüstern. Auch wissen wir viel zuwenig von den Kreisbahnen der Menschengeschichte, als daß wir nach irgendeiner Wahrscheinlichkeit sagen könnten, dieser Ring müsse wiederum geschlossen werden; und wiederum müsse sich mit Idee und Bund und kosmisch-religiöser Kunstgestalt der Aberglaube verbinden, und wiederum dann müsse mit dem Aberglauben zugleich der Gemeingeist gesprengt und der Individualismus und die Isoliertheit hergestellt werden und so immer weiter. Wir haben kein Recht zu solchen Konstruktionen; es kann sein, daß das Notwendigkeit ist; es kann auch ganz anders kommen. Wir sind noch lange nicht soweit. Was jetzt unsere Aufgabe ist, steht klar vor uns: nicht die Lüge, sondern die Wahrheit. Nicht die Künstlichkeit einer Religionsimitation, sondern die Wirklichkeit der sozialen Schöpfung unbeschadet der vollen geistigen Unabhängigkeit und Mannigfaltigkeit der Individuen.

Die neue Gesellschaft, die wir bereiten wollen, deren Grundstein zu legen wir uns anschicken, wird nicht eine Rückkehr zu irgendwelchen alten Gebilden, wird das Alte in neuer Gestalt, wird eine Kultur mit den Mitteln der in diesen Jahrhunderten neu erwachsenen Zivilisation sein.

Dieses neue Volk aber kommt nicht von selbst: es "muß" gar nicht kommen, so wie die falsche Wissenschaft der Marxisten dieses "muß" nimmt; es soll kommen, weil wir Sozialisten es wollen, weil wir solches Volk als geistige Vorform schon in uns tragen.

Wie also beginnen wir? Wie kommt der Sozialismus? Was ist zu tun? zunächst zu tun? gleich jetzt zu tun? Darauf zu antworten, ist zum Schluß unsere Aufgabe.

Es war ein denkwürdiger Moment in der Geschichte dieser unsrer Zeit, als Pierre Joseph Proudhon im Anschluß an die französische Februarrevolution des Jahres 1848 seinem Volke sagte, was es zu tun hatte, um die Gesellschaft der Gerechtigkeit und Freiheit zu gründen. Er lebte, wie alle seine revolutionären Volksgenossen der Zeit, noch ganz in der Tradition der Revolution, die 1789 zum äußern Ausbruch gekommen und für das Gefühl dieser Zeit noch im allerersten Anfang, durch die Gegenrevolution und die ihr folgenden Regierungen, die sich alle nicht hatten festsetzen können, nur gehemmt worden war.

Er sagte: Die Revolution hat dem Feudalismus das Ende gemacht. Sie muß Neues an seine Stelle setzen. Der Feudalismus war eine Ordnung auf dem Gebiete der Wirtschaft des Staates, war ein gegliedertes, militärisches System der Abhängigkeiten. Schon seit Jahrhunderten ist es durchlöchert worden durch Freiheiten; die bürgerliche Freiheit hat sich mehr und mehr durchgesetzt. Sie hat aber auch die alte Ordnung und Sicherheit, die alten Vereinigungen und Bünde zerstört; einige sind in der Bewegungsfreiheit reich geworden, die Massen sind der Not und der Unsicherheit preisgegeben. Wie sorgen wir, daß wir die Freiheit bewahren, ausbauen, allen schaffen, daß aber dazu die Sicherheit, der große Ausgleich des Besitzes und der Lebensbedingungen, die neue Ordnung komme?

Die Revolutionäre, sagt er, wissen noch nicht, daß die Revolution dem Militarismus, d. h. der Regierung ein Ende zu machen bestimmt ist; daß ihre Aufgabe ist, an die Stelle der Politik die Soziale, für den politischen Zentralismus die unmittelbare Verbindung der wirtschaftlichen Interessen, die Wirtschaftszentrale zu setzen, die nicht Herrschaft über Personen, sondern Regelung von Geschäften ist.

Ihr Franzosen, sagt er, seid kleine und mittlere Landleute, kleine und mittlere Handwerker; ihr seid tätig im Ackerbau, der Industrie, dem Transport- und Vermittlungswesen. Bisher habt ihr Könige und ihre Beamten gebraucht, um zueinander zu kommen und euch gegeneinander zu wahren; den König des Staates habt ihr 1793 abgeschafft; den König der Wirtschaft aber, das Gold, habt ihr behalten; und weil ihr so das Unglück und die Ordnungslosigkeit und Unsicherheit im Lande gelassen habt, mußtet ihr auch wieder Könige und Beamten und Armeen hereinlassen. Räumt mit den autoritären Vermittlern auf; schafft die Schmarotzer ab; sorgt für die unmittelbare Verbindung eurer Interessen; dann ist die Gesellschaft, die Erbin des Feudalismus, die Erbin des Staates geschaffen.

Was ist das Gold? was ist Kapital? Es ist nicht ein Ding, wie ein Schuh oder ein Tisch oder ein Haus. Es ist keine Sache, ist nichts Wirkliches. Das Gold ist ein Zeichen für ein Verhältnis; das Kapital ist etwas, was als Beziehung zwischen den Menschen hin und her geht, ist etwas zwischen den Menschen. Kapital ist Kredit; Kredit ist Gegenseitigkeit der Interessen. Ihr seid jetzt in der Revolution; die Revolution, d. h. die Begeisterung, der Geist des Vertrauens, der Überschwang des Ausgleichs, die Lust, aufs Ganze zu gehen, ist über euch gekommen, ist zwischen euch erstanden: schafft euch jetzt die unmittelbare Gegenseitigkeit, sorgt für die Einrichtung, daß ihr ohne schmarotzende und aussaugende Zwischenglieder mit den Produkten eurer Arbeit an einander herankommt; dann braucht ihr keine bevormundende Behörde und nicht die Übertragung der politischen Regierungsallmacht auf das wirtschaftliche Leben, von der die neuesten Pfuscher, die Kommunisten, reden. Die Aufgabe ist: die Freiheit in Wirtschaft und öffentlichem Leben zu behaupten und erst recht zu schaffen und doch für den Ausgleich, für die Abschaffung der Not und Unsicherheit zu sorgen, das Eigentum, das nicht Besitz an Sachen, sondern Herrschaft über Menschen oder Sklavenhaltung ist, und den Zins, der Wucher ist, abzuschaffen. Schafft euch die Tauschbank!

Was ist die Tauschbank? Nichts anderes als die äußere Form, die sachliche Institution für Freiheit und Gleichheit. Wer immer Nützliches arbeitet, der Landmann, der Handwerker, die Arbeiterassoziation, sie alle sollen nur einfach weiter arbeiten. Die Arbeit braucht nicht erst organisiert, d. h. behördlich bevormundet oder verstaatlicht zu werden. Tischler, fertige Möbel; Schuster, mache Stiefel; Bäcker, backe Brot und so allesamt weiter im Produzieren von allem, was das Volk braucht. Tischler, du hast kein Brot? Freilich kannst du nicht zum Bäcker gehn und ihm Stühle und Schränke anbieten, die er nicht braucht. Geh zur Tauschbank und laß dir deine Aufträge, deine Fakturen in allgemeingültige Schecks umwechseln. Proletarier, ihr möchtet nicht mehr zum Unternehmer gehen und nicht mehr gegen Lohn arbeiten? Ihr möchtet selbständig sein? Aber ihr habt keine Werkstatt, kein Werkzeug, keine Nahrung? Könnt's nicht abwarten und müßt euch gleich verdingen? Aber habt ihr denn keine Abnehmer? nehmen die andern Proletarier, nehmt ihr Proletarier alle miteinander euch gegenseitig selbst nicht am liebsten eure Produkte ab, ohne Dazwischentreten des ausbeuterischen Vermittlers? So sorgt euch doch für die Aufträge, ihr Toren! Die Kundschaft gilt, die Kundschaft ist Geld, wie man das heute nennt. Muß denn die Reihenfolge immer sein: Not - Sklaverei - Arbeit - Produkt - Lohn - Konsum? Könnt ihr denn nicht mit dem beginnen, was der natürliche Beginn ist: Kredit, Vertrauen, Gegenseitigkeit? So daß dann die Reihenfolge heißt: Auftrag - Kredit oder Geld - Konsum - Arbeit - Produkt? Die Gegenseitigkeit ändert den Lauf der Dinge; die Gegenseitigkeit stellt die Ordnung der Natur wieder her; die Gegenseitigkeit schafft das Königtum des Goldes ab; die Gegenseitigkeit ist das erste: der Geist zwischen den Menschen, der alle, die arbeiten wollen, an die Befriedigung der Bedürfnisse und an die Arbeit heranläßt.

Sucht nicht Schuldige, sagt er, alle sind schuld; die andre knechten und andern das Nötigste nehmen oder doch eben nur das Nötigste lassen, und die sich knechten lassen und die den knechtenden Herren Dienste als Fronvögte und Aufseher tun. Nicht aus dem Geist der Rache, der Wut und der Zerstörungslust wird das Neue geschaffen. Aus aufbauendem Geist heraus muß zerstört werden; Revolutionieren und Konservieren schließt sich nicht aus.

Hört auf mit der Kopie der alten Römer; die jakobinische Diktaturpolitik hat ihre Rolle gespielt; das große Theater der Tribüne und der schönen Geste schafft euch nicht die Gesellschaft. Es gilt die Verwirklichung; ihr arbeitet nützliche Dinge in genügender Menge; ihr möchtet nützliche Dinge in gerechter Verteilung verzehren; so müßt ihr also richtig tauschen.

Es gibt keinen Wert, sagt er, den nicht die Arbeit schafft; die Übermacht der Kapitalisten haben die Arbeiter geschaffen und nicht für sich behalten und verwerten können, weil sie isolierte Besitzlose sind, die den Besitzern den Besitz vermehren und ihnen Sklavengewalt, Eigentum daraus machen. Aber wie kindisch ist es, könnte er sagen, darum nur auf den vorhandenen Vorrat von aufgestapeltem Besitz in den Händen der Priviligierten zu stieren und nur daran zu denken, ihn durch politische oder gewalttätige Methoden wegzunehmen. Er ist immer im Flusse, immer in der Zirkulation; heute fließt er von Kapitalist über die konsumierenden Arbeiter zu Kapitalist; sorget durch neue Einrichtungen, durch die Wandlung eures gegenseitigen Verhaltens dafür, sagt er, daß er vom Kapitalisten zu den konsumierenden Arbeitern, von diesen aber nicht wieder zum Kapitalisten zurück, sondern in die Hände der nämlichen Arbeiter, der produzierenden Arbeiter fließt.

Mit einer Macht ohne gleichen, mit einer großen Vereinigung von Nüchternheit und Wärme, von Leidenschaft und Tatsachensinn hat Proudhon das seinem Volke gesagt; hat er für den Moment der Revolution, der Auflösung, des Übergangs, der Möglichkeit umfassender, grundlegender Maßnahmen die einzelnen Schritte, die Dekrete vorgeschlagen, die das Neue geschaffen hätten, die der letzte Akt der Regierung gewesen wären; die aus dieser Regierung wirklich das gemacht hätten, als was sie sich benannte: eine provisorische Regierung.

Die Stimme war da; die Ohren haben gefehlt. Der Moment ist gewesen und ist vorbeigegangen, ist nun für immer vorbei.

Der Mann Proudhon, der wußte, was wir Sozialisten heute wieder wissen: der Sozialismus ist zu allen Zeiten möglich und ist zu allen Zeiten unmöglich; er ist möglich, wenn die rechten Menschen da sind, die ihn wollen das heißt: tun; und er ist unmöglich, wenn die Menschen ihn nicht wollen oder ihn nur sogenannt wollen, aber nicht zu tun vermögen, dieser Mann ist nicht gehört worden. Statt auf ihn hat man auf einen andern gehört, der mit der falschen Wissenschaft, die wir geprüft und verworfen haben, gelehrt hat: der Sozialismus sei die Krönung des kapitalistischen Großbetriebs; er komme erst, wenn ganz wenige Kapitalisten im Privatbesitz von Einrichtungen seien, die schon beinahe sozialistisch geworden wären, so daß es für die vereinigten Proletariermassen ein Leichtes wäre, ihn aus dem Privatbesitz in das gesellschaftliche Eigentum überzuführen.

Statt auf Pierre Joseph Proudhon, den Mann der Synthese, hat man auf Karl Marx, den Mann der Analyse, gehört und hat damit die Auflösung, die Zersetzung, den Verfall weiter gewähren lassen. Marx, der Mann der Analyse, hat mit festen, starren, in ihr Wortgehäuse gefangenen Begriffen gearbeitet; mit diesen Begriffen wollte er die Entwicklungsgesetze aussprechen und schon beinahe befehligen. Proudhon, der Mann der Synthese, hat uns gelehrt, daß die geschlossenen Begriffsworte nur Symbole für die unaufhaltsame Bewegung sind; er hat die Begriffe in strömende Kontinuität aufgelöst.

Marx, der Mann scheinbarer und anspruchsvoller Wissenschaft, war der Gesetzgeber und Diktator der Entwicklung; er sprach sein Wort über sie; und so, wie er bestimmte, sollte es ein für alle Mal sein. Das Geschehen sollte sich verhalten, wie ein fertiges, abgeschlossenes, totes Sein. Darum gibt es einen Marxismus, der eine Doktrin und schon beinahe ein Dogma ist.

Proudhon, der keine Frage mit Dingworten lösen wollte, der an die Stelle geschlossener Dinge Bewegungen, Beziehungen, an die Stelle des scheinhaften Seins das Werden, an die Stelle der groben Sichtbarkeiten das unsichtbare Hin und Her gesetzt hat, verwandelte schließlich - in seinen reifsten Schriften - die Sozialökonomie in Psychologie, die Psychologie aber aus der starren Individualpsychologie, die aus dem Einzelmenschen ein isoliertes Ding macht, in eine Sozialpsychologie, die den Menschen als Glied eines unendlichen, ungetrennten und unsäglichen Werdestroms erfaßt. So gibt es keinen Proudhonismus, sondern nur einen Proudhon. So kann das, was Proudhon für einen bestimmten Moment Wahres gesagt hat, heute, wo man die Dinge Jahrzehnte lang hat weitergehen lassen, nicht mehr gelten. Geltung kann nur haben, was Ewiges in Proudhons Verstehen ist; es kann nicht sklavisch der Versuch gemacht werden, zu ihm, zu einem vergangenen geschichtlichen Moment zurückzukehren.

Was die Marxisten von Proudhon gesagt haben, sein Sozialismus sei ein kleinbürgerlicher und kleinbäuerlicher Sozialismus, ist, noch einmal sei's wiederholt, völlig wahr und ist sein höchster Ruhmestitel. Sein Sozialismus, anders ausgedrückt, von den Jahren 1848 bis 1851 war der Sozialismus des französischen Volkes in den Jahren 1848 bis 1851. Er war der Sozialismus, der in diesem Moment möglich und nötig war. Proudhon war kein Utopist und kein Augur; kein Fourier und kein Marx; er war ein Mann der Tat und der Verwirklichung.

Wir reden aber hier ausdrücklich von Proudhon, dem Manne von 1848 bis 1851. Dieser Mann sagte, und dazu war die Epoche angetan, daß er es sagen mußte: Ihr Revolutionäre, wenn ihr das tut, vollbringt ihr großen Umschwung.

Dem Mann der späteren Jahre, von dem wir so viel zu lernen haben wie von dem Achtundvierziger, ist es nicht genehm gewesen, auch nach der Revolution noch die Worte der Revolution in eitler komödiantischer oder phonographischer Selbstkopie zu wiederholen. Alles hat seine Zeit; und jede Zeit nach der Revolution ist eine Zeit vor der Revolution für alle, deren Leben nicht in dem großen Moment der Vergangenheit geblieben ist.

Proudhon hat weitergelebt, obwohl er an mehr als einer Wunde blutete; er hat sich jetzt gefragt: wenn ihr das tut, habe ich gesagt; aber warum haben sie es nicht getan? Er hat die Antwort gefunden und hat sie in all seinen späteren Werken niedergelegt, die Antwort, die in unsrer Sprache heißt: weil der Geist gefehlt hat.

Er hat damals gefehlt und hat seitdem sechzig Jahre lang gefehlt und ist immer tiefer verkommen und versunken. Alles, was wir bisher gezeigt haben, läßt sich in den Satz zusammenfassen: das Warten auf den vermeintlich in der Geschichte vorgesehenen rechten Moment hat dieses Ziel immer weiter hinausgeschoben, immer mehr ins Dunkle und Verschwommene gerückt; das Vertrauen auf die Fortschrittentwicklung war der Name und Titel des Rückgangs und diese "Entwicklung" hat die äußern und Innern Verhältnisse immer mehr der Erniedrigung angepaßt, immer weiter vom Umschwung entfernt. Mit ihrem: "Es ist nicht an der Zeit!" werden die Marxisten recht haben, solange die Menschen es ihnen glauben, und sie werden nie weniger, werden immer mehr recht haben. Ist es nicht der schauerlichste Wahn, der je gelebt und Wirkung geübt hat, daß ein Spruch darum gilt, weil er gesprochen und gläubig angehört wird? Und muß nicht jeder merken, daß der Versuch, das Werden so auszusprechen, als wäre es ein abgeschlossenes Sein, wenn er Macht über die Gemüter der Menschen gewinnt, eben dazu führen muß, daß die Gewalten der Gestaltung und die Schöpferkraft gelähmt werden?

Darum ist dieser unser unermüdlicher Angriff auf den Marxismus, darum kommen wir fast nicht von ihm los, darum hassen wir ihn von ganzem Herzen: weil er nicht eine Beschreibung und eine Wissenschaft ist, wofür er sich ausgibt, sondern ein negierender, zersetzender und lähmender Appell an die Ohnmacht, die Willenlosigkeit, die Ergebung und das Geschehenlassen. Die bieneneifrige Kleinarbeit der Sozialdemokratie - die ja überdies nicht Marxismus ist - ist nur die Kehrseite dieser Ohnmacht und bringt nur zum Ausdruck, daß der Sozialismus nicht da ist: denn der Sozialismus geht, im Kleinen und Großen, aufs Ganze. Nicht die Kleinarbeit als solche ist zu verwerfen; nur diese, wie sie geübt wird, die im Kreise des bestehenden Unsinns umhertreibt, wie ein welkes Blatt im Wirbelsturm.

Die sogenannten Revisionisten, die in der Kleinarbeit ganz besonders eifrig wie geschickt sind, und die sich in ihrer Kritik des Marxismus vielfach mit uns berühren - kein Wunder, sie haben sie zum großen Teil vom Anarchismus, von Eugen Dühring und andern unabhängigen Sozialisten genommen - haben sich allmählich so in etwas verliebt, was man die prinzipielle Taktik nennen könnte, daß sie mit dem Marxismus auch den Sozialismus fast bis auf die letzte Spur von sich getan haben. Sie sind im Begriff, eine Partei zu gründen zur Förderung der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Gesellschaft auf parlamentarischen und wirtschaftlichen Wegen. Sind die Marxisten Entwicklungsgläubige à la Hegel, so sind die Revisionisten Anhänger der Entwicklung à la Darwin. Sie glauben nicht mehr an die Katastrophe und die Plötzlichkeit; der Kapitalismus wird nicht in den Sozialismus revolutionär umschlagen, meinen sie, sondern er wird sich allmählich so ausgestalten, daß er immer erträglicher wird.

Einige von ihnen möchten am liebsten schon ganz gerne zugeben, daß sie keine Sozialisten sind, und gehen in ihrer Anpassung an Parlamentarismus, Partei- und Fraktionsschlauheit, Wählerfang und Monarchismus erstaunlich weit. Andere halten sich noch durchaus für Sozialisten; sie glauben eine stetige, langsame, aber nicht aufzuhaltende Verbesserung der privaten Lage der Arbeiter, des Anteils der Arbeiter an der Produktion durch sogenannten industriellen Konstitutionalismus, der öffentlichrechtlichen Zustände durch Ausbau demokratischer Einrichtungen in allen Ländern zu sehen und ziehen aus dem auch von ihnen deutlich erkannten und zum Teil von ihnen bewirkten Zusammenbruch der marxistischen Doktrin den Schluß, der Kapitalismus sei schon auf dem besten Wege zum Sozialismus und die energische Förderung dieser Entwicklung sei die Aufgabe der Sozialisten. Sie sind mit dieser Auffassung gar nicht so sehr weit von dem entfernt, was schon von allem Anfang an im Marxismus steckte, und die sogenannten Radikalen waren schon immer auf den nämlichen Wegen und haben nur den Wunsch, daß man diese Einsicht den zum Revolutionarismus aufgepeitschten und dadurch zusammengehaltenen Wählermassen nicht sage.

Das wahre Verhältnis der Marxisten zu den Revisionisten ist folgendes: Marx und die besten seiner Schüler hatten immerhin das Ganze unsrer Zustände in ihrem geschichtlichen Zusammenhang ins Auge gefaßt und versucht, die Einzelheiten unsres Gesellschaftslebens unter Allgemeinbegriffe zu ordnen. Die Revisionisten sind skeptische Epigonen, die wohl sehen, daß die aufgestellten Allgemeinheiten sich mit den neu entstandenen Wirklichkeiten nicht decken, die jedoch das Bedürfnis nach einer neuen und wesensandern Gesamterfassung unsrer Zeit überhaupt nicht mehr haben.

Der Marxismus hatte vorübergehend große Teile der Enterbten wenigstens zur Empfindung ihrer Not, zur Unzufriedenheit und zu einer der Gesamtänderung zugekehrten idealistischen Stimmung gebracht. Das konnte nur nicht von Dauer sein, weil sich die Massen unter dem Einfluß dieser Wissenschaftsnarretei aufs Warten verlegten und zu jeder sozialistischen Betätigung unfähig waren. So wäre allmählich in die Massen längst wieder Stumpfheit und Ruhe eingekehrt, wenn sie nicht fortwährend durch politisch-demagogische Methoden aufgestachelt würden. Die Revisionisten nun sehen, daß die allerschlimmsten Barbareien des beginnenden Kapitalismus abgetan sind, daß die Arbeiter sich mehr an die proletarischen Zustände gewöhnt haben und daß der Kapitalismus keineswegs sich dem Zusammenbruch genähert hat. In alledem erblicken wir freilich die ungeheure Gefahr der Festsetzung des Kapitalismus. In Wahrheit hat sich – im ganzen betrachtet – die Lage der Arbeiterklasse nicht verbessert; das Leben ist vielmehr nur immer schwerer und unerfreulicher geworden. Ist so unerfreulich geworden, daß die Arbeiter freudlos, hoffnungslos, an Geist und Charakter verarmt worden sind. Vor allem aber geht der Kampf des Sozialismus, der rechte Kampf, gar nicht aus Mitleidsregungen hervor und dreht sich nicht ausschließlich oder in erster Reihe um das Los einer bestimmten Menschenschicht. Es handelt sich um eine völlige Umgestaltung der Grundlagen der Gesellschaft; es geht um ein Neuschaffen.

Diese Stimmung (denn mehr als Stimmung war es bei ihnen nie) ist unsern Arbeitern mehr und mehr verlorengegangen, weil im Marxismus die Elemente der Zersetzung und Ohnmacht von Anfang an stärker waren als die Kräfte der Empörung, denen jeglicher positive Gehalt fehlte. Die Erscheinung des Revisionismus und seines vergnüglichen Skeptizismus ist nur der "ideologische Überbau" über der Tatlosigkeit, Ratlosigkeit und Genügsamkeit der Massen und zeigt allen, die es nicht schon wußten, daß die Arbeiterschaft nicht auf Grund geschichtlicher Notwendigkeit das auserwählte Volk Gottes, der Entwicklung, ist, sondern eher der Teil des Volkes, der am schwersten leidet und infolge der seelischen Veränderungen, die das Elend mit sich bringt, am schwersten zur Erkenntnis zu bringen ist. Am besten hütet man sich vor allen Verallgemeinerungen auf diesem Gebiet; Arbeiterschaft ist vielerlei, und Leid hat noch allewege auf die sehr verschiedenen Menschen sehr verschiedene Wirkungen hervorgebracht. Zum Leid aber gehört vor allem das Gefühl für die eigene Lage; und wie viele Proletarier tragen insofern nicht im mindesten Leid!

Wie nun in diesen Zeiten nach der gescheiterten Revolution, in diesen sechzig Jahren vor der Revolution, die wir bisher hinter uns gebracht haben, die Verhältnisse in Wahrheit geworden sind, wissen wir. Es waren die Jahrzehnte der Anpassung an den Kapitalismus, der Anpassung an die Proletarisierung, und es ist wahrhaftig eine Anpassung, die in manchen Stücken schon Vererbung geworden ist; es ist eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen den Menschen, die schon merklich ein Verfall sehr vieler Körper von Einzelmenschen geworden ist.

Das ist eine ungeheure Gefahr, die hier ausgesprochen wird. Wir haben gesagt: der Sozialismus muß nicht kommen, so wie die Marxisten es meinen. Wir sagen jetzt: es kann der Moment kommen, wenn die Völker noch lange zögern, wo das Wort heißen muß: der Sozialismus kann diesen Völkern nicht mehr kommen.

Die Menschen mögen sich noch so töricht, noch so niedrig gegeneinander verhalten, sie mögen noch so sehr sich in Knechtschaft ergeben oder in die eigne Brutalität finden: all das ist etwas zwischen den Menschen, etwas Funktionelles und kann in der nächsten Generation, kann schon den Menschen, wie sie jetzt leben, sich ändern, wenn eine entscheidende Erschütterung über sie kommt.

Solange es sich um diese sozialen Beziehungen, das ist eben das, was man gewöhnlich das Psychologische nennt, handelt, ist der Fall noch nicht schlimm. Und so ist das große Massenelend, Not, Hunger, Obdachlosigkeit, seelische Verwahrlosung und Verkommenheit; und ebenso auf der oberen Seite Genußgier, blöder Luxus, Militarismus, Geistlosigkeit: all das, so schlimm es ist, ist zu kurieren, wenn der rechte Arzt kommt: aus dem gestaltenden Geiste die große Revolution und Regeneration. Ist aber all die Not und der Druck und der Ungeist nicht mehr bloß in Herkunft und Wirkung etwas zwischen den Menschen, eine Störung der Beziehungen, die in der Seele sitzt oder besser gesagt: nicht mehr bloß eine Störung in dem Beziehungskomplex zwischen den Menschen, den wir Seele nennen, ist es vielmehr infolge von chronischer Unterernährung, Alkoholismus,lang anhaltender Verrohung, fortgesetzter Unbefriedigung, starker und auf allen Gebieten wirksamer Geistlosigkeit zu Änderungen der Individualleiber gekommen, die sich an Bedeutung zur Seele und dem sozialen Gefüge verhalten wie die Spinne zu ihrem Netz, dann kann keinerlei solche Kur mehr helfen, so kann es dahin kommen, daß große Volksteile, daß ganze Völker zum Untergang verdammt sind. Sie gehen so unter, wie immer Völker untergegangen sind: andre, gesunde Völker werden Herr über sie und es tritt eine Völkermischung, manchmal sogar eine teilweise Ausrottung ein. Wenn nämlich noch andere gesunde Völker da sind. Man darf aber nicht mit Analogien aus früheren Perioden der Völkergeschichte ein leichtes Spiel treiben. Es braucht, wenn es soweit kommt, nicht wieder so zu gehen, wie es in den Zeiten der sogenannten Völkerwanderungen gegangen ist. Wir leben in den Zeiten der beginnenden Menschheit, und ausgeschlossen, ganz ausgeschlossen ist es nicht, daß diese beginnende Menschheit der Anfang vom Ende der Menschheit sein könnte. Vielleicht hat nie eine Zeit, was man wohl den Weltuntergang nennt, so gefährlich vor Augen gesehen, wie unsere.

Menschheit nämlich im Sinne eines wirklichen Beziehungskomplexes, einer durch äußere Fäden und inneren Zug und Drang zu einander gebrachten, die Volksschranken übersteigenden Erdgesellschaft gibt es bisher freilich noch nicht. Surrogate dafür sind da, die aber diesmal mehr als Ersatzmittel, die Anfang sein könnten: der Weltmarkt, internationale Verträge in der Staatspolitik, internationale Vereine und Kongresse der mannigfachsten Art, Verkehr und Mitteilung rings um den Erdball, das alles schafft mehr und mehr, wenn nicht Gleichheit, so doch Anähnlichung der Interessen, der Sitten, der Kunst oder ihrer modischen Ersatzmittel, des Sprachgeistes, der Technik, der Formen der Politik. Auch Arbeiter werden mehr und mehr von den einen Völkern den anderen geliehen. Alles nun, was geistige Wirklichkeit ist; Religion, Kunst, Sprache, Gemeingeist überhaupt ist doppelt da oder scheint uns mit natürlichem Zwange doppelt: einmal in der Individualseele als Eigenschaft oder Vermögen, das andere Mal draußen als etwas, was zwischen den Menschen webt und Organisationen und Bünde schafft. Das alles ist ungenau ausgedrückt; was sich im Vorbeigehen daran noch bessern läßt, soll gleich geschehen; aber wir können in diese Abgründe der Sprachkritik und der Ideenlehre (die beide zusammengehören) jetzt nicht bis zu unterst hinuntersteigen; das alles ist hier nur wieder einmal angedeutet worden, um zu sagen: humanitas, humanité, humanity, Humanität und Menschheit – wofür wir jetzt mit einem verweichlichten und der Tiefe beraubten Ausdruck falscher Mitleidsherablassung Menschlichkeit sagen – all diese Worte haben sich ursprünglich nur auf die im Individuum lebendige und waltende Menschheit bezogen; die war einmal sehr stark vorhanden, sehr leibhaft empfunden, zumal in den hohen Zeiten der Christenheit.

Und zu einer wirklichen Menschheit im äußeren Sinne werden wir nur kommen, wenn die Wechselwirkung oder besser die Identität – denn alle scheinbare Wechselwirkung ist identische Gemeinschaft – für die im Individuum konzentrierte Menschheit und die zwischen den Individuen erwachsene Menschheit gekommen ist. Im Samen wohnt das Gewächs, wie der Samen ja nur die Quintessenz der unendlichen Kette von Vorfahrengewächsen ist; aus dem Menschtum des Individuums empfängt die Menschheit ihr echtes Dasein, wie dieses Menschtum des einzelnen ja nur das Erbe der unendlichen Geschlechter der Vergangenheit und all ihrer gegenseitigen Beziehungen ist. Das Gewordene ist das Werdende, der Mikrokosmos der Makrokosmos; das Individuum ist das Volk, der Geist ist die Gemeinschaft, die Idee ist der Bund.

Aber zum ersten Mal in der Geschichte der paar tausend Jahre, die wir kennen, will die Menschheit im vollkommenen Sinn und Umfang äußerlich werden. Die Erde ist so gut wie völlig erforscht, ist bald so gut wie völlig besiedelt und besessen; es gilt jetzt eine Erneuerung, wie sie in der uns bekannten Menschenwelt noch nicht war. Das ist der entscheidende Zug dieser unsrer Zeit, dieses Neue, das viel mehr ein furchtbar Überwältigendes für uns sein müßte: die Menschheit rund um den Erdball herum will sich schaffen und will sich in einem Moment schaffen, wo gewaltige Erneuerung über das Menschtum kommen muß, wenn nicht der Beginn der Menschheit ihr Ende sein soll. Früher war solche Erneuerung oft identisch mit den neuen Völkern, die aus Ruhe und Kulturmischung hervorkamen, oder aber mit neuen Ländern, in die abgewandert wurde. Je weiter die Anähnlichung zwischen den Völkern vorschreitet, je mehr die Länder dicht und dichter besetzt werden, um so geringer wird die Hoffnung auf solche Erneuerung von außen her oder nach außen hin. Noch können solche, die an unsern Völkern schon verzweifeln wollen oder die wenigstens glauben, der äußere Anstoß zur radikalen Erneuerung der Gemüter und der Lebenskraft müsse von außen, von neu aus dem Heilschlaf erwachten alten Völkern kommen, noch können sie auf die chinesischen, die indischen, etwa noch die russischen Völker etwelche Hoffnungen bauen; noch können manche sich daran halten, hinter der bübischen nordamerikanischen Barbarei schlummere etwa ein annoch versteckter Idealismus und Kraftüberschuß von Glut und Geist, der wunderhaft hervorbrechen könnte; aber denkbar ist es, daß wir Vierzig- und Fünfzigjährigen es noch miterleben, daß diese romantische Erwartung zu Schanden wird, daß die Chinesen den Affenweg der Japaner gehen, daß die Inder nur aufstehen, um schnell in die Bahnen des Verfalls zu gleiten und so weiter. Sehr schnell geht die Anähnlichung, die Zivilisation und mit ihr in Verbindung die durchaus veritable physische und physiologische Dekadenz vorwärts.

In diesen Abgrund müssen wir eintauchen, um den Mut und die inständige Not zu schöpfen, die wir brauchen. Größer und anders, als sie in Zeiten, die wir kennen, je gewesen, muß diesmal die Erneuerung sein; wir suchen nicht nur Kultur und Menschenschönheit des Mitlebens; wir suchen Heilung; wir suchen Rettung. Das größte Außen, das je auf Erden war, muß geschaffen werden und bahnt sich in den privilegierten Schichten schon an: die Erdmenschheit; nicht aber durch äußere Bande, durch Abmachungen oder ein Staatsgefüge oder den Weltstaat gräßlicher Erfindung kann sie kommen, sondern nur über den Weg des individuellsten Individualismus und der Neuerstehung der kleinsten Körperschaften: der Gemeinde vor allen ändern. Das Umfängliche gilt es zu bauen, und im Kleinen muß der Bau begonnen werden; in alle Breiten müssen wir uns dehnen und können es nur, wenn wir in alle Tiefen bohren; denn kein Heil kann diesmal mehr von außen kommen und kein unbesetztes Land ladet die zu dicht gedrängten Völker zur Besiedlung mehr ein; die Menschheit müssen wir gründen und können sie nur finden im Menschtum, können sie nur erstehen lassen aus dem freiwilligen Bunde der Individuen und aus der Gemeinde der urselbständigen und natürlich zueinander gezwungenen Einzelnen.

Nun erst können wir frei atmen und die unentrinnbare Not unsrer Aufgabe als Stück unsres Daseins akzeptieren, wir Sozialisten; wo wir die Gewißheit empfinden und lebendig in uns tragen, daß unsre Idee nicht eine Meinung ist, der wir uns anschließen, sondern ein gewaltiger Zwang, der uns vor die Wahl stellt: entweder den wahrhaften Untergang der Menschheit voraus zu erleben und seine Anfänge um sich fressen zu sehen oder den ersten Beginn des Aufstiegs mit unserm eigenen Tun zu machen.

Der Weltuntergang, den wir hier als ein Gespenst möglicher Wirklichkeit drohen lassen, heißt natürlich nicht ein plötzliches Aussterben. Wir warnen nur vor der Analogie, vor der Neigung, weil wir von ein paar Verfallzeiten wissen, auf die dann Höhezeiten folgten, darin eine Regel unverbrüchlicher Art finden zu wollen. Wenn wir uns vorhalten, wie unerhört schnell in diesen unsern Zeiten der kapitalistischen Zivilisation die Völker und ihre Klassen einander ähnlich werden: wie die Proletarier stumpf, ergeben, roh, äußerlich und in immer noch steigendem Maße alkoholisiert werden, wie sie mit der Religion jede Art der Innigkeit und Verantwortung zu verlieren beginnen, wie das alles angefangen hat, leiblich zu werden; wie in den oberen Schichten die Kraft zur Politik, zum umfassenden Schauen und eingreifenden Wirken verlorengeht, wie an die Stelle der Kunst Geckerei, modischer Firlefanz und archäologische oder historische Imitation tritt, wie mit der alten Religion und Moral weiten Schichten jeder Halt, jede Heiligkeit, jede Festigkeit des Charakters verlorengegangen ist, wie die Frauen in den Wirbel der oberflächlichen Sinnlichkeit, der farbig-dekorativen Genußgier hineingerissen worden sind; wie die natürlich-unbesonnene Volksvermehrung in allen Schichten der Bevölkerung zu weichen beginnt und an ihre Stelle, von Wissenschaft und Technik geleitet, die kinderlose Geschlechtlichkeit tritt; wie unter Proletariern und Bürgern die Zigeunerei gerade die besseren Elemente ergreift, die es nicht mehr aushallen, unter den obwaltenden Bedingungen regelmäßig freudlose Arbeit zu tun; wenn wir sehen, wie das alles in allen Schichten der Gesellschaft zu Neurasthenie und Hysterie zu werden anfängt: dann ist die Frage erlaubt und geboten: wo ist das Volk, das sich zur Gesundung, das sich zum Schaffen der neuen Einrichtungen aufrafft? Ist es ganz sicher, sind untrügliche Zeichen da, daß wir wieder hinaufgehen, wie einstmals aus verfallender, raffinierter Zivilisation und frischem Blut neuer Beginn gekommen ist? Ist es gewiß, daß nicht Menschheit ein vorläufiges, ungenügendes Wort ist für etwas, was später heißen wird: Ende der Völker? Schon ertönen Stimmen von entarteten, entfesselten und entwurzelten Weiblein und ihrem Männertroß, die Promiskuität verkünden, an die Stelle der Familie das Vergnügen der Abwechslung, an die Stelle der freiwilligen Bindung die Schrankenlosigkeit, an die Stelle der Vaterschaft die staatliche Mutterschaftsversicherung setzen wollen.

Der Geist braucht Freiheit und trägt Freiheit in sich; wo der Geist Einungen gleich Familie, Genossenschaft, Berufsgruppe, Gemeinde und Nation schafft, da ist Freiheit und da kann auch Menschheit werden; aber wissen wir denn, wissen wir denn sicher, ob wir das, was jetzt an Stelle des fehlenden Geistes innerhalb der Zwangs- und Herrschaftsinstitutionen, die ihn vertreten, zu toben beginnt: die Freiheit ohne Geist, die Freiheit der Sinne, die Freiheit der verantwortungslosen Lust - ob wir sie vertragen? ob nicht die grauenhafteste Qual und Oede, die hinfälligste Schwäche und stumpfe Schwunglosigkeit sich aus alledem ergeben muß? Ob noch je einmal ein Augenblick der glühenden Erschütterung, der Wiedergeburt, der hohen Zeit des Bundes der Kulturgemeinden uns Menschen kommen wird? Die Zeiten, wo Gesang über Völkern wohnt, wo Türme die Einheit und den Aufschwung zum Himmel tragen, und große Werke als Repräsentanten der Volksgröße von turmhaften Menschen, in deren Geist das Volk konzentriert ist, geschaffen werden?

Wir wissen es nicht und wissen darum, daß der Versuch unsre Aufgabe ist. Ganz und gar weggeräumt ist jetzt jegliche angebliche Wissenschaft von der Zukunft; nicht nur kennen wir keine Entwicklungsgesetze; wir kennen sogar die gewaltige Gefahr, daß wir jetzt schon zu spät daran sein können, daß all unser Tun und Versuchen vielleicht nichts mehr helfen wird. Und so haben wir die letzte Fessel von uns gestreift: in all unserm Wissen wissen wir nichts mehr. Wir stehen wie Urmenschen vor Unbeschriebenem und Unbeschreiblichem; wir haben nichts vor uns und alles nur in uns: in uns die Wirklichkeit oder Wirksamkeit nicht der kommenden, sondern der gewesenen und darum in uns wesenden und wesenhaften Menschheit; in uns das Werk; in uns die untrügliche Pflicht, die uns auf unsern Weg schickt; in uns das Bild dessen, was Erfüllung werden soll; in uns die Not, auszuscheiden aus Jammer und Niedertracht; in uns Gerechtigkeit, die zweifellos und unbeirrt ist; in uns Anstand, der die Gegenseitigkeit will; in uns Vernunft, die das Interesse aller erkennt.

Die so fühlen, wie hier geschrieben steht; denen aus der größten Not die größte Tapferkeit wächst; die es mit der Erneuerung versuchen wollen trotz alledem, – die sollen sich nun sammeln, die werden hier gerufen; die sollen den Völkern sagen, was zu tun ist, sollen den Völkern zeigen, wie begonnen wird.

7.

Die Zeiten sind anders geworden, als Proudhon sie 1848 sehen konnte. Die Enteignung in jeglicher Hinsicht hat zugenommen; wir sind heute weiter vom Sozialismus entfernt als vor sechzig Jahren. Vor sechzig Jahren konnte Proudhon in einem Moment der Revolution, der Lust zur Umgestaltung des Ganzen, seinem ganzen Volke sagen, was im Augenblick zu tun war.

Heute ist, selbst wenn Aussicht wäre, daß das Volk aufstünde, der eine Punkt, bei dem damals einzusetzen war, nicht mehr allein entscheidend. Auch gibt es heute in zweierlei Hinsicht kein ganzes Volk: was sich Proletariat nennt, wird für sich allein niemals die Verkörperung eines Volkes sein; und die Völker sind so in Produktion und Handel voneinander abhängig, daß ein einzelnes Volk kein Volk mehr ist. Die Menschheit aber ist noch lange keine Einheit und wird sie nie werden, ehe nicht neue kleine Einheiten, Gemeinden und Völker wieder geworden sind.

Proudhon hatte, zumal in dem Moment der Erhöhung des geistigen und seelischen Lebens, des Gemeinschaftslebens und der Originalität wie Entschlossenheit der einzelnen, den jede Revolution bringt, und bei den besonderen Verhältnissen des damaligen Frankreich, das zwar schon ausgeprägt ein Land des Geld- und Börsenkapitalismus, aber nicht ein Land der kapitalistischen Großindustrie und des Großgrundbesitzes war, er hatte durchaus recht, daß ihm die Zirkulation und die Abschaffung der Bereicherung durch Zins der von den Angelpunkten aller Umgestaltung bedeutete, bei dem am schnellsten, gründlichsten und schmerzlosesten eingesetzt werden konnte.

Unsere Zustände haben in Wahrheit drei Punkte, an denen die unberechtigte Bereicherung, die Ausbeutung, die Arbeit von Menschen nicht für sich, sondern für andere entsteht. Auf diese immerwährende Entstehung, auf fortwirkende Ursachen kommt es überall an, in der Bewegung der gesellschaftlichen Prozesse ebensowohl wie in den Bewegungen der Mechanik, des Chemismus oder der Himmelskörper. Immer ist es verkehrt und unergiebig, nach einer einmaligen Ursache in irgendwelcher Vergangenheit oder einem Urzustand zu fragen: nichts ist einmal entstanden; alles entsteht fortwährend, und es gibt keine Ur-Sachen, sondern Immer-Bewegungen, Immer-Beziehungen.

Die drei Angelpunkte der wirtschaftlichen Sklaverei sind folgende:

Erstens: das Eigentum am Boden. Aus ihm entspringt die bittende, abhängige Haltung des Besitzlosen, der leben will, gegenüber dem, der ihm die Möglichkeit der Arbeit auf dem Boden und an den Bodenprodukten zum Zweck des direkten oder indirekten Verbrauchs vorenthält. Aus dem Bodeneigentum und seinem Korrelat, der Bodenlosigkeit, entsteht die Sklaverei, die Hörigkeit, der Tribut, die Pacht, der Zins, das Proletariat.

Zweitens: die Zirkulation der Güter in der Tauschwirtschaft vermittels eines Tauschmittels, das unverjährbar und unveränderlich jedem Bedürfnis dient. Ein goldenes Schmuckstück, wenn es auch durch Jahrhunderte unverändert bleibt, hat doch nur Wert für den, der seinen Besitz zur Befriedigung eines Schmuck- oder Eitelkeitsbedürfnisses so hoch einschätzt, daß er, um es zu besitzen, Erzeugnisse seiner eigenen Arbeit dafür hingibt. Die meisten Güter verlieren auch materiell an Wert durchs Liegenlassen oder durch Gebrauch und gehen schnell in den Konsum ein. Sie werden zum Zweck des Tausches produziert, um Verbrauchsgegenstände einzutauschen, um welche es ebenso bestellt war. Das Geld hat dadurch seine verhängnisvolle Ausnahmestellung, daß es nur in den Tausch, aber gar nicht in Wahrheit in den Verbrauch eingeht. Aus den entgegenstehenden Behauptungen der Geldtheoretiker spricht das böse Gewissen. Wird darum in der rechten Tauschwirtschaft, wo sich Produkt nur gegen gleichwertiges Produkt tauschen soll, allerdings ein Zirkulationsmittel nötig sein, das unserm Geld entspricht und wohl auch Geld heißen wird, so wird es doch eine entscheidende Eigenschaft unsres Geldes nicht haben können: die Eigenschaft, absoluten Wert zu haben und auch dem zum Schaden anderer dienen zu können, der es nicht durch Arbeit erworben hat. Nicht die Möglichkeit des Diebstahls soll hier ausgeschlossen werden; Diebstahl kann es an jeglichem Gelde wie an allen andern Gütern geben; und überdies ist Diebstahl auch eine Art Arbeit und dazu eine recht aufreibende und im ganzen wenig ergiebige und in guter Gesellschaft unerfreuliche. Es soll hier vielmehr darauf hingewiesen werden, daß die Schädlichkeit des heutigen Geldes nicht bloß in seiner Verzinslichkeit, also seinem Wachstum, sondern schon in seiner Unverbrauchbarkeit, also in seinem Bleiben, seinem Nichtgeringerwerden und seinem nicht im Konsum Verschwinden liegt. Die Idee, das Geld werde dadurch harmlos gemacht, daß es ein bloßer Arbeitszettel werde, also keine Ware mehr sei, ist ganz falsch und könnte nur für eine Staatssklaverei Sinn haben, wo an die Stelle des freien Verkehrs die Abhängigkeit von der Behörde träte, die bestimmte, wieviel jeder zu arbeiten und zu verbrauchen hat. In der freien Tauschwirtschaft muß im Gegenteil das Geld allen andern Waren, von denen es sich heute im Wesen unterscheidet, gleich werden und doch allgemeines Tauschmittel sein: es muß, wie jede Ware, den Doppelcharakter des Tausches und des Verbrauches tragen.

Die Möglichkeit, auch in einer Gesellschaft des gerechten Tausches, wenn das Tauschmittel unverbrauchbar ist und mit der Zeit seinen Wert nicht einbüßt, zu schädigendem Besitz großen Umfangs und dadurch zur Erlangung eines Tributrechts irgendwelcher Gestalt zu kommen, ist nicht von der Hand zu weisen, wenn auch in der uns bekannten Geschichte bei der Entstehung des Großgrundeigentums und damit jeder Art Ausbeutung Ersparnisse, Erbschaften und dergleichen im Vergleich mit der Gewalt und dem Gewaltschutz des Staates nur eine untergeordnete Rolle spielen. Sehr wertvoll sind darum die Vorschläge, die Silvio Gesell gemacht hat, um ein Geld zu finden, das nicht, wie heute, mit den Jahren an Wert gewinnt, sondern umgekehrt von Anfang an progressiv an Wert verliert, so daß der, der durch Hingabe eines Produktes in den Besitz des Tauschmittels gelangt ist, kein angelegentlicheres Interesse haben wird, als es so schnell wie möglich wieder gegen ein Produkt einzutauschen und so immer weiter. Silvio Gesell ist einer der ganz wenigen, die von Proudhon gelernt haben, seine Größe anerkennen und im Anschluß an ihn zu selbständigem Weiterdenken gekommen sind. Seine Beschreibung, wie dieses neue Geld den Fluß der Zirkulation in lebhafte Bewegung bringt, wie jeder kein andres Interesse bei der Produktion und beim Erlangen des Tauschmittels mehr haben kann, als das des Konsums, ist ganz aus Proudhons Geist entsprungen, der uns zuerst gelehrt hat, wie der schnelle Umlauf Heiterkeit und Lebendigkeit ins private und öffentliche Leben bringt, während die Stockung auf dem Markte und die Verstocktheit des beharrenden Geldes auch unsre Säfte ins Stocken bringt und Starrsinn und stockige Fäulnis über unsre Seelen legt. Hier indessen handelt es sich nicht um die Frage der Zukunft, ob es sachliche Mittel gibt, ein Tauschmittel zu finden, das die Gefahr der Plünderung nicht in sich birgt, um eine Frage also, für die es vorerst das Wichtigste ist, daß sie überhaupt aufgeworfen wird, sondern darum, ob die Zirkulation der Punkt ist oder gewesen sein mag, bei dem man einsetzen konnte, um auch die ändern beiden Punkte entscheidend zu berühren. Und da ist allerdings zu sagen, daß, wenn in einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt, wie er 1848 in Frankreich gegeben war, die Gegenseitigkeit in die Tauschwirtschaft eingeführt worden wäre, damit auch dem Großgrundeigentum und dem Mehrwert das Stündlein geschlagen hätte.

Der dritte Angelpunkt also der wirtschaftlichen Sklaverei ist der Mehrwert. Hier ist vor jedem weiteren Wort zu sagen, daß mit dem Wertbegriff nichts als Unfug zu stiften ist, wenn man nicht scharf erklärt, was man damit bezeichnet und sich streng an seine Definition hält. Wert enthält in seinem Sinne eine Forderung; der Sinn erschließt sich, wenn man daran denkt, daß auf die Angabe eines Preises die Antwort des Kauflustigen folgt: Soviel ist das Stück nicht wert. Wert will also zunächst die Willkür ausschließen; wir verengern den Begriff noch weiter, indem wir Wert nur im Sinne von richtigem Wert, wahrem Wert gebrauchen. Wert ist, was der Preis sein sollte, aber nicht ist. Dieses Verhältnis steckt im Preisverhältnis jeder Ware; und in dem Worte Wert ist, wie jeder merkt, der auf den Gebrauch des Wortes achtet, die ideale oder sozialistische Forderung enthalten, daß der Preis dem Wert gleich sein soll, anders ausgedrückt, daß die Gesamtsumme sämtlicher wirklicher Arbeitslöhne gleich der Gesamtsumme der Preise für die endgültigen Stadien der Waren sein soll. Da aber selbstverständlich die Menschen, die als einzelne und um ihres Geldprofits willen gegeneinander stehen, jeden Vorteil ausnutzen, nicht bloß den des Eigentums, auch den der Seltenheit begehrter Produkte, der aus besonderen Gründen gesteigerten Nachfrage, der Unkenntnis der Konsumenten usw., ist in Wahrheit die Summe der genannten Preise viel viel höher als die Summe der Löhne. Zwar nehmen auch die Arbeiter bestimmter Kategorien an diesen Sondervorteilen unter Umständen in Gestalt höherer "Löhne" einigen Teil, die in Vergleich mit den Löhnen ebenso angestrengter Arbeitsbrüder nicht bloß Löhne, sondern auch Profit sind; aber das ändert nichts daran, keine Einzelheit des vielgestaltigen Wirtschaftslebens kann etwas daran ändern, daß die Arbeit mit ihrem Lohn nicht alles kaufen kann, was sie hergestellt hat, sondern daß ein erheblicher Teil für die Kaufkraft des Profits übrigbleibt. Hierbei bleiben, wie oben angedeutet, die Zwischenstadien der Produktion, die ja auch schon als Waren in den Handel eingehen, außer Betracht, denn diese werden, wenn man der Sache auf den Grund geht, nicht mit Lohn und nicht mit Profit von einem Kapitalistproduzenten dem ändern abgenommen, sondern mit Kapital, das heißt, wie wir bald näher sehen werden, mit etwas, was an Stelle des Kredits oder der Gegenseitigkeit sich eingenistet hat. Die Zinsen dieses Kapitals bringt natürlich letzten Endes die Arbeit auf; sie stecken in den Preisen und sind oben schon in ihrer ändern Gestalt als Profit infolge von Eigentum genannt worden; denn das Kapital ist die Zirkulationsform des flüssig und mobil gemachten Grundeigentums und seiner durch Arbeit erlangten Produkte und ist auch für solche, die dem Anschein nach keine Grundeigentümer sind, das Mittel, Arbeitslöhne für ein erst entstehendes Produkt vorzustrecken oder Arbeitslöhne bei Übergang eines Produkts von einem Stadium der Verarbeitung ins andere zurückzuerstatten oder Produkte im Handel zu erwerben und auf Lager zu halten. Von diesen verschiedenen Formen des Kapitals und von der Unterscheidung des Kapitals in Dingwirklichkeit, echte Wirklichkeit des Geistes und falsches Kapital werden wir bald näheres hören.

Was wir Wert nennen, entsteht also lediglich durch Arbeit zur Verbesserung des Bodens und zur Extraktion und Weiterverarbeitung der Bodenprodukte. Sind die Arbeiter nun genötigt, sich zu verdingen, das heißt die Ergebnisse ihrer Arbeitsleistung gegen eine bestimmte Entschädigung ändern zur Verwertung zu überlassen, so ergibt sich ein Mißverhältnis zwischen dem Wert der Produkte, die sie hergestellt haben, und dem Preis der Produkte, die sie mit ihrem Lohn für ihren Gebrauch kaufen können. Es kann hier dahingestellt werden, an welche Stelle man ihre Beraubung einsetzt, ob an die Stelle ihrer Entlohnung - der Lohn ist zu niedrig - oder an die Stelle ihres Einkaufs - die Waren sind zu teuer. Die Hauptsache ist, daß man an keine absoluten Größen denkt, sondern an ein Verhältnis, das in diesem Fall ein Mißverhältnis ist, und daß man im Auge behält, daß durch den Abzug, den sich die Arbeiter, gleichviel an welcher Stelle, von dem Ertrag ihrer Arbeit auf Grund ihrer Notlage gefallen lassen müssen, aller Profit der Kapitalisten entsteht, d. h. daß der Abzug vom Arbeitslohn oder sein Minderwert gleich ist dem Profit der Kapitalisten oder dem Mehrwert. Auch hier wird wieder nicht geprüft, an welcher Stelle der Profit den Kapitalisten zufließt, es wird auch nicht näher untersucht, ob diese Frage nicht falsch gestellt ist, indem sie eben wieder den Versuch macht, an die Stelle der Korrelation Absolutes zu setzen, es wird nur darauf hingewiesen, daß der Profit in wechselnden Raten zwischen Grundbesitzern, Geldkapitalisten, Unternehmern, Händlern und derer aller Gehilfen: Beamten, "geistigen Arbeitern" und sonstwie privilegiert in den Kapitalismus Verflochtenen zur Verteilung kommt. Auch das muß noch betont werden, daß es sich bei dieser Ausdrucksweise, ebenso wie bei dem Wert selbst, um Konstruktionen handelt, die indessen durchaus nötig sind: nicht das ganze Einkommen der Personen, die am Kapitalismus beteiligt sind, ist Profit, sie leisten auch Arbeit. Und nicht alles, was "Arbeiter" verzehren, ist Arbeitslohn, sie sind auch, wenn auch oft in ganz geringfügigen Raten, an der Profitwirtschaft beteiligt.

Zu weit würde es führen, die Arbeit nun weiterhin in produktive und unproduktive zu teilen; und - was nicht das nämliche ist - die erzeugten Güter in notwendige und Luxusgüter zu sondern; hier soll nur auch in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß sehr viele innerhalb des Kapitalismus Privilegierte nicht nur einige Arbeit, sondern ohne Frage auch produktive Arbeit leisten, wie anderseits auch die Arbeiter sehr viel völlig oder teilweise unproduktive Arbeit verrichten; und daß zweitens in den Verbrauch der Arbeiter nicht bloß notwendige, sondern auch Luxusgüter eingehen. All diese Details, die für das wirkliche Leben unserer Zeit von großer Bedeutung sind, konnten hier nur erwähnt werden. Hier geht es darum, darauf hinzuweisen, daß die einseitige Betonung der Lohnfrage von seilen der Arbeiter und ihrer Gewerkschaften in Zusammenhang steht mit der falschen Auffassung des Mehrwerts von selten der Marxisten. Wir haben früher gesehen, wie Lohn und Preis sich gegenseitig bedingen; wir haben jetzt darauf verwiesen, daß die Auffassung ganz verkehrt ist, nach der der sogenannte Mehrwert eine absolute Größe wäre, die beim Unternehmertum entstünde und von da in die ändern Kapitalistenkategorien abflösse. Mehrwert ist genauso wie Lohn oder Preis ein Verhältnis und entsteht im ganzen Fluß des Wirtschaftsprozesses, nicht an einer bestimmten Stelle. Aus dem hier erörterten Irrtum entsteht das ganze verhängnisvolle Versteifen des Marxismus auf das Unternehmertum, speziell auf das industrielle Unternehmertum. Da glaubten sie den archimedischen Punkt des Kapitalismus gefunden zu haben. Wahrheit ist lediglich, daß all und jeglicher Profit der Arbeit entzogen wird, anders ausgedrückt: daß es keine Produktivität des Eigentums und keine Produktivität des Kapitals gibt, sondern nur eine Produktivität der Arbeit. Diese Erkenntnis ist allerdings die Grunderkenntnis des Sozialismus, und einzig und allein um dieser Erkenntnis willen, die sie mit allen ändern Sozialisten teilen - Proudhon hat ihr von allen den klassischen Ausdruck gegeben, in seiner prächtigen Polemik mit Bastiat und an vielen andern Stellen -, nur darum dürfen sich auch die Marxisten im weitesten Sinn des Wortes Sozialisten nennen. Das wissen auch sie: die Rentabilität des Eigentums und die Rentabilität des Kapitals sind nur eine lügnerische Form für das, was in Wahrheit Raub an der Produktivität der Arbeit ist. Aus dieser Grunderkenntnis haben aber die Marxisten in ihrer Theorie und die Syndikalisten in ihrer Praxis Schlüsse von der verwegensten Falschheit gezogen. Die Marxisten haben geglaubt, weil sie eine Ursache hatten, sie hätten damit eine letzte, eine ursprüngliche, eine absolute Ursache: die Arbeit, die Arbeitsbedingungen, der Produktionsprozeß war für sie nunmehr das letzte Wort, das alles erklärte; daher die groteske Verkehrtheit ihrer sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung, ihrer Entwicklungsgesetze, ihrer Erwartung der stetigen Konzentration und der großen Krise und des großen Zusammenbruchs usw. Sie hätten nur weiter fragen müssen und immer weiter: woher denn aber die Notlage der Arbeiter komme, und sie wären aufs Bodeneigentum und auf die Unverjährbarkeit und Unverbrauchbarkeit des Geldes gestoßen, und dann auf den Staat und auf den Geist und sein Auf und Ab, und sie hätten gefunden, daß die Verhältnisse, den Staat und das Kapital und das Eigentum eingeschlossen, unser Verhalten sind und daß schließlich alles auf das Verhältnis der Individuen und ihrer Kraft zu den Einrichtungen ankommt, die als starre Reste der Kraft und meistens der Kraftlosigkeit der Individuen früherer Generationen auf einer Zeit lasten. Je nach der Betrachtungsart, je nach der Bildsprache kann man wirtschaftliche Zustände, politische Verhältnisse, Religion usw. insgesamt den lastenden Überbau oder aber die Grundlage für das Leben der Individuen einer Zeit nennen; niemals aber kann etwas anderes als Verkehrtheit die Anschauung sein, wonach die wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen "Verhältnisse" die "materielle" Grundlage einer Zeit, der Geist und seine Gestalten dagegen nur deren "ideologischer Überbau" oder verdoppelndes Spiegelbild wären. Von so gewaltiger Bedeutung die Erkenntnis des Mehrwerts, d. h. die Entlarvung des Eigentums und des Geldkapitals als Plünderer der Arbeit war, so verhängnisvoll war der falsche Glaube, man hätte den Ort entdeckt, wo der Mehrwert "entsteht". Der Mehrwert ist in der Zirkulation; er entsteht beim Kauf einer Ware ebenso sehr und ebenso wenig wie bei der Entlohnung eines Arbeiters. Noch anders ausgedrückt - denn da wir nur in Bildern sprechen können, muß die Wahrheit von verschiedenen Standpunkten aus mit Darstellungsversuchen eingekreist werden, und wir müssen um so mehr von diesem Mittel Gebrauch machen, je komplizierter, zersplitterter die Erscheinungen sind, die wir in unsre umfassenden Allgemeinheiten einfangen wollen -: die Ursache des Mehrwerts ist nicht die Arbeit, sondern die Notlage der Arbeit; und die Notlage der arbeitenden Menschen liegt, wie gesagt, außerhalb des Produktionsprozesses, und erst recht draußen liegt die Ursache zu dieser Notlage und so immer weiter erst im Kreise, in der Zirkulation der ganzen Profit- und Bodeneigentumswirtschaft herum und dann aus diesen äußeren Verkrustungen hinein zu ihren Ursachen, der Beschaffenheit der Menschen, die sich in ihnen bewegen und von ihnen bewegen und an den Bewegungen hindern lassen und dann von denen zurück zu den Menschen früherer Generationen. Nicht der kapitalistische Produktionsprozeß ist die letzte Ursache der Entstehung des Mehrwerts; Gelehrte, die eine letzte Ursache für menschliche Verhältnisse brauchen, sollten sich ein für allemal merken, daß die vorletzte Adam ist und die allerletzte und wunderschön absolute der liebe Gott. Und selbst der ist seinem Absolutismus untreu geworden, sechs ganze Tage lang; denn was ein rechter Absolutisterich ist, hält sich für Wirkungen viel zu schade, sitzt auf seinem Thron, d. h. aber auf sich selber und sagt zu sich selber und mit sich selber: Die Welt bin ich!

Der kapitalistische Produktionsprozeß ist nur in negativer Hinsicht ein Angelpunkt für die Emanzipation der Arbeit. Nicht durch seine eigene Weiterentwicklung und seine immanenten Gesetze führt er zum Sozialismus, nicht durch den Kampf der Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten kann er entscheidend zugunsten der Arbeit umgestaltet werden; sondern nur dadurch, daß die Arbeiter aufhören, ihre Rolle als Kapitalistproduzenten zu spielen. Was immer auch die Arbeiter, was irgendein Mensch im Gefüge des Kapitalismus tut, alles verwickelt ihn nur immer tiefer und fester in die kapitalistische Verstrickung. In dieser Rolle sind die Arbeiter Teilhaber am Kapitalismus, wenn auch ihre Interessen nicht von ihnen, sondern von den Kapitalisten eingeheimst werden, wenn sie auch in allem Wesentlichen nicht die Vorteile, nur die Nachteile des Unrechts, in das sie gestellt sind, ernten. Befreiung gibt es nur für die, die sich innerlich und äußerlich instand setzen, aus dem Kapitalismus auszutreten, die aufhören, eine Rolle zu spielen, und beginnen, Menschen zu sein. Damit beginnt man Mensch zu sein, daß man nicht mehr für das Unechte, den Profit und seinen Markt, sondern für das echte menschliche Bedürfnis arbeitet, daß die untergetauchte echte Beziehung zwischen Bedarf und Arbeit, die Beziehung zwischen dem Hunger und den Händen wiederhergestellt wird. Es gilt, aus der sozialistischen Grunderkenntnis: nur die Arbeit schafft Werte, die rechte Lehre zu ziehen, die da heißt: Weg von dem Rentenmarkt! Der Markt der Arbeit und für ihn zunächst der Geist, das Beziehungsverhältnis zwischen Arbeit und Verbrauch und der Boden der Arbeit muß erst wieder gegründet werden.

Heute ergeht der Aufruf zum Sozialismus an alle, nicht in dem Glauben, daß alle ihn vollbringen könnten weil wollten, sondern in dem Wunsche, einzelne zum Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit, zum Bunde der Beginnenden zu fordern. Die Menschen, die es nicht mehr aushalten können und wollen, das sind die, die hier gerufen werden. Den Massen, den Völkern der Menschheit, Regierenden und Regierten, Erben und Enterbten, Bevorzugten und Betrogenen wäre zu sagen: Es ist eine riesengroße unauslöschliche Schande der Zeiten, daß um des Profits willen gewirtschaftet wird, statt für die Notdurft der in Gemeinden geeinigten Menschen. All euer Kriegszustand, all euer Staatswesen, all eure Unterdrückung der Freiheit, all euer Klassenhaß kommt von der brutalen Dummheit, die über euch herrscht.

Käme heute euch Völkern allesamt der große Moment der Revolution auf einmal, wo wolltet ihr Hand anlegen? Wie wollt ihr es erreichen, daß in der Welt, in jedem Lande, in jeder Provinz, in jeder Gemeinde keiner mehr hungert, keiner mehr friert, kein Mann und keine Frau und kein Kind mehr unterernährt ist? Nur vom Gröbsten zu reden! Und gar, wenn die Revolution in einem einzelnen Land ausbräche? Was könnte sie nützen? wohin könnte sie zielen?

So ist es nicht mehr, wie es gewesen ist, daß man den Menschen eines Volkes sagt: Euer Boden trägt, was ihr braucht, an Nahrung und Rohprodukten der Industrie: arbeitet und tauscht! Vereinigt euch, Arme, kreditiert euch gegenseitig; Kredit, Gegenseitigkeit ist Kapital; ihr braucht keine Geldkapitalisten und keine Unternehmerherren; arbeitet in Stadt und Land; arbeitet und tauscht!

So ist es nicht mehr, selbst wenn der Moment zu erwarten stünde, wo große, umfassende Maßnahmen ins Ganze zu schlagen waren.

Ein ungeheures Durcheinander, ein wahrhaft viehisches Chaos, eine kindische Hilflosigkeit entstünde im Augenblick einer Revolution. Nie waren die Menschen unselbständiger und schwächer als jetzt, wo der Kapitalismus zu seiner Blüte gelangt ist: zum Weltmarkt des Profits und zum Proletariat. Keine Weltstatistik und keine Weltrepublik kann uns helfen. Rettung kann nur bringen die Wiedergeburt der Völker aus dem Geist der Gemeinde! Die Grundform der sozialistischen Kultur ist der Bund der selbständig wirtschaftenden und untereinander tauschenden Gemeinden.

Unser Menschengedeihen, unsre Existenz hängt jetzt davon ab, daß die Einheit des einzelnen und die Einheit der Familie, die uns allein noch an natürlichen Verbänden geblieben sind, sich wieder steigert zur Einheit der Gemeinde, der Grundform jeder Gesellschaft. Wollen wir die Gesellschaft, so gilt es, sie zu erbauen, gilt es, sie zu üben. Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Gesellschaften von Gesellschaften; ein Bund von Bünden von Bünden; ein Gemeinwesen von Gemeinschaften von Gemeinden; eine Republik von Republiken von Republiken. Da nur ist Freiheit und Ordnung, da nur ist Geist; ein Geist, welcher Selbständigkeit und Gemeinschaft, Verbindung und Unabhängigkeit ist.

Der selbständige einzelne, dem keiner in das hineinspricht, was seine Sache allein ist; die Hausgemeinschaft der Familie, der Heim und Hof ihre Welt sind; die Ortsgemeinde, die autonom ist; das Amt oder der Gemeindeverband und so immer mehr ins Breite mit einer immer kleineren Zahl Aufgaben die umfassenderen Verbände - so sieht eine Gesellschaft aus, das allein ist der Sozialismus, für den zu wirken sich lohnt, der uns aus unsrer Not erretten kann. Vergebens und verfehlt sind die Versuche, in Staaten und Staatenverbänden das Zwangsregiment unsrer Zeiten, das heute ein Surrogat für die fehlende freigeistige Verbindung ist, noch auszubauen und ihren Bereich noch weiter auf das Gebiet der Wirtschaft zu erstrecken, als bisher schon geschehen ist. Dieser Polizeisozialismus, der jede Eigenheit und ursprüngliche Regsamkeit erstickt, wäre nur das Siegel auf den völligen Verfall unsrer Völker, wäre nur ein Zusammenhalten der völlig auseinandergetretenen Atome durch einen mechanisch eisernen Reifen. Ein Zusammenschluß natürlicher Art ergibt sich uns Menschen nur da, wo wir in örtlicher Nähe, in wirklicher Berührung beisammen sind. Der verbindende Geist, der Bund mehrerer zu gemeinsamem Werk, aus gemeinsamem Grunde, hat in der Familie eine zu schmale und dürftige Form für das Mitleben. In der Familie geht es nur um private Interessen. Wir brauchen einen natürlichen Kern des Gemeingeistes für das öffentliche Leben, damit das öffentliche Leben nicht mehr, wie bisher ausschließlich, von Staat und Kälte, sondern von einer Wärme erfüllt und geleitet werde, die der Familienliebe verwandt ist. Dieser Kern alles echten Gemeinschaftslebens ist die Gemeinde, die Wirtschaftsgemeinde, von deren Wesen niemand ein Bild hat, der sie etwa nach dem beurteilen will, was sich heute Gemeinde nennt.

Das Kapital, das zum Betriebe, zur Verarbeitung der Rohprodukte, zum Transport von Waren und Menschen gebraucht wird, ist in Wahrheit nichts anderes als Gemeingeist. Hunger, Hände und Erde - alle drei sind da, sind von Natur aus da; für den Hunger schaffen die Hände aus der Erde fleißig die Notdurft. Dazu kommt die besondere Übung bestimmter Gegenden in jahrhundertalten Gewerben; die besondere Beschaffenheit der Erde, so daß gewisse Rohprodukte nur an den und jenen Orten gefunden werden; die Notwendigkeit und Bequemlichkeit des Tausches. Tauschen die Menschen von Gemeinde zu Gemeinde, was nicht an Ort und Stelle gearbeitet werden kann oder soll, so wie sie innerhalb der Gemeinden von einzelnen zu einzelnen tauschen; tauschen sie Produkt gegen gleichwertiges Produkt und in jeder Gemeinde wird jeder so viel zu zehren haben, wie er will, d. h. arbeitet Hunger, Hände und Erde sind da, alle drei sind von Natur aus da. Und außer ihnen brauchen die Menschen nur, was zwischen ihnen hergeht, anständig zu ordnen, und sie haben, was sie brauchen, damit jeder ganz nur für sich arbeitet; damit sie alle die Natur ausbeuten, aber nicht sich untereinander. Das ist die Aufgabe des Sozialismus: die Tauschwirtschaft so zu ordnen, daß auch unter dem System des Tausches jeder nur für sich arbeitet; daß die Menschen in tausendfältiger Verbindung miteinander stehen, und daß doch keinem in dieser Verbindung etwas entzogen, jedem nur gegeben wird. Gegeben nicht, indem einer den andern beschenkt; der Sozialismus sieht keinen Verzicht wie keinen Raub vor; jeder erhält den Ertrag seiner Arbeit und hat die Nutznießung aus der durch Arbeitsteilung und Tausch und Arbeitsgemeinschaft entstandenen Verstärkung aller in der Extraktion der Produkte aus der Natur.

Hunger, Hände und Erde sind da; alle drei sind von Natur aus da. Seltsam, daß man es den Menschen in Stadt und Land heute wie etwas Neues erst sagen muß, daß alles, was irgend in unsern Verbrauch eingeht, sofern es nicht Luft ist, der Erde und den auf Erden gewachsenen Pflanzen und Tieren entstammt. Hunger, Hände und Erde sind da; alle drei sind von Natur aus da.

Den Hunger spüren wir täglich und langen in die Taschen, um das Geld zu holen, das Mittel, um die Mittel zu kaufen, ihn zu befriedigen. Was hier Hunger genannt wird, ist jeglicher echte Bedarf; um jedem zu genügen, suchen wir in unsern Behältnissen nach Geld. Um das Geld zu erlangen, verkaufen oder vermieten wir uns: wir regen die Hände, und was hier Hände genannt wird, sind vielerlei Muskeln und Nerven und Hirn, ist Geist und Körper, ist Arbeit. Arbeit auf dem Boden; Arbeit unter der Erde; Arbeit zur Weiterverarbeitung von Erdprodukten; Arbeit im Tausch- und Transportdienst; Arbeit zur Bereicherung der Reichen; Arbeit zur Vergnügung und Belehrung; Arbeit zur Erziehung der Jugend; Arbeit, die Schädliches, Unnützes, Nichtiges erzeugt; Arbeit, die gar nichts erzeugt und sich nur für Gaffer zur Schau stellt. Vielerlei heißt heute Arbeit; alles heißt heute Arbeit, was Geld bringt.

Hunger, Hände und Erde sind da; alle drei sind von Natur aus da. Wo ist die Erde? Die Erde, die unsre Hände brauchen, um unsern Hunger zu stillen? Wenige besitzen die Erde, und es sind immer wenigere geworden. Das Kapital, haben wir gesagt, ist nicht ein Ding, sondern ein Geist zwischen uns; und wir haben die Mittel zu Betrieb und Tausch, wenn wir uns selbst und unsre Menschennatur wiedergefunden haben. Die Erde aber ist ein Stück der äußern Natur; ist Natur wie Luft und Licht; die Erde ist allen Menschen unentziehbar zu eigen; und die Erde ist Eigentum geworden; Eigentum der Wenigen!

Alles Eigentum an Sachen, alles Eigentum am Boden ist in Wahrheit Eigentum an Menschen. Wer den ändern, den Massen die Erde vorenthält, der zwingt diese ändern, für ihn zu arbeiten. Eigentum ist Diebstahl und Eigentum ist Sklavenhaltung.

Durch die Geldwirtschaft ist nun vielerlei zu Bodeneigentum geworden, was nicht so aussieht. In der gerechten Tauschwirtschaft habe ich der Wirkung nach Anteil am Boden, auch wenn ich keinen Boden besitze; in der Geldwirtschaft im Lande des Profits, des Wuchers, des Zinses bist du in Wahrheit ein Bodenräuber, auch wenn du keinen Boden, wenn du nur Geld oder Papiere hast. In der gerechten Wirtschaft, wo Produkt gegen gleichwertiges Produkt sich tauscht, arbeite ich lediglich für mich, auch wenn nichts, was ich arbeite, in meinem eigenen Verzehr eingeht; in der Geldwirtschaft im Lande des Profits bist du ein Sklavenherr, auch wenn du keinen einzigen Arbeiter beschäftigst, wenn du nur von etwas anderm lebst als von der Verwertung deiner Arbeit. Und selbst wenn einer nur von der Verwertung seiner Arbeit lebt, ist er an der Aussaugung der Menschen beteiligt, wenn seine Arbeit eine monopolisierte oder privilegierte ist und einen höheren Preis erzielt, als sie wert ist.

Hunger, Hände und Erde sind da; alle drei sind von Natur aus da. Die Erde müssen wir wieder haben. Die Gemeinden des Sozialismus müssen den Boden neu aufteilen. Die Erde ist niemandes Eigentum. Die Erde sei herrenlos; dann nur sind die Menschen frei. Die Gemeinden des Sozialismus müssen den Boden neu aufteilen. Entsteht dadurch nicht wiederum Eigentum?

Ich weiß wohl, daß andere sich das Gemeineigentum oder die Herrenlosigkeit anders vorstellen. Sie sehen alles im Nebel; ich bemühe mich, klar zu sehen. Sie sehen alles in der Vollkommenheit eines beschriebenen Ideals; ich will ausdrücken, was jetzt und jederzeit zu tun ist. Jetzt und jederzeit wird es in der Welt nicht schwabbelig zugehen; der Sozialismus soll verwirklicht werden; wer ihn verwirklichen will, muß wissen, was er jetzt will. Jetzt und jederzeit wird der radikale Umgestalter nichts anderes umzugestalten vorfinden, als was da ist. Und darum wird es jetzt und jederzeit gut sein, daß die Ortsgemeinden ihre Gemarkung besitzen; daß ein Teil das Gemeindeland, und andre Teile das Familiengut für Haus, Hof, Garten und Feld sind.

Auch die Aufhebung des Eigentums wird im wesentlichen eine Umwandlung unsres Geistes sein; aus dieser Wiedergeburt heraus wird eine mächtige Neuverteilung des Besitzes hervorgehen; und in Verbindung mit dieser Neuaufteilung wird der Wille stehen, das Land in künftigen Zeiten, in bestimmten oder unbestimmten Abständen wieder und wieder und wieder neu zur Verteilung zu bringen.

Die Gerechtigkeit wird immer von dem Geist abhängen, der zwischen Menschen waltet, und der verkennt den Sozialismus durchaus, der meint, jetzt sei ein Geist nötig und möglich, der sich so zur Gestalt kristallisiert, daß er Endgültiges durchsetzte und der Zukunft nichts mehr übrigließe. Der Geist ist immer in der Bewegung und im Schaffen; und was er schafft, wird stets das Unzulängliche sein, und nirgends als im Bilde oder der Idee wird das Vollkommene zum Ereignis. Es wäre vergebliches und verkehrtes Bemühen, ein für allemal Patenteinrichtungen schaffen zu wollen, die jede Möglichkeit zur Ausbeutung und Bewucherung automatisch ausschließen. Unsere Zeiten haben gezeigt, was sich ergibt, wenn an die Stelle des lebendigen Geistes automatisch funktionierende Institutionen gesetzt werden. Sorge jede Generation tapfer und radikal für das, was ihrem Geist entspricht: es muß auch später noch Grund zu Revolutionen geben; und sie werden dann nötig, wenn neuer Geist sich gegen die starr gewordenen Residuen verflogenen Geistes wenden muß. So wird denn auch der Kampf gegen das Eigentum zu ganz andern Resultaten führen, als manche, z. B. die sogenannten Kommunisten, wohl glauben. Eigentum ist etwas anderes als Besitz; und ich sehe in der Zukunft Privatbesitz, Genossenschaftsbesitz, Gemeindebesitz in schönster Blüte; Besitz keineswegs bloß an den Dingen des unmittelbaren Verbrauchs oder den einfachsten Werkzeugen; auch an den von manchen so abergläubisch gefürchteten Besitz an Produktionsmitteln aller Art, an Häusern und an Boden. Keinerlei endgültige Sicherheitsvorkehrungen fürs tausendjährige Reich oder die Ewigkeit sollen hergestellt werden, sondern eine große und umfassende Ausgleichung und die Schaffung des Willens, diesen Ausgleich periodisch zu wiederholen.

"Da sollst du die Posaune blasen lassen durch all euer Land am zehnten Tage des siebenten Monats als dem Tage des Ausgleichs ... "Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und ihr sollt ein Freijahr ausrufen im Lande allen, die drinnen wohnen; denn es ist euer Jubeljahr; da soll ein jeglicher bei euch wieder zu seiner Habe und zu seinem Geschlechte kommen. "Das ist das Jubeljahr, da jedermann wieder zu dem Seinen kommen soll." Wer Ohren hat zu hören, der höre. Da sollst du die Posaune blasen lassen durch all euer Land!

Die Stimme des Geistes ist die Posaune, die immer und immer und immer wieder ertönen wird, solange Menschen beisammen sind. Immer wird Unrecht sich festsetzen wollen, immer wird, solange die Menschen wahrhaft lebendig sind, der Aufruhr dagegen entbrennen. Der Aufruhr als Verfassung, die Umgestaltung und Umwälzung als ein für allemal vorgesehene Regel, die Ordnung durch den Geist als Vorsatz; das war das Große und Heilige an dieser mosaischen Gesellschaftsordnung. Das brauchen wir wieder: eine Neuregelung und Umwälzung durch den Geist, der nicht Dinge und Einrichtungen endgültig festsetzen, sondern der sich selbst als permanent erklären wird. Die Revolution muß ein Zubehör unsrer Gesellschaftsordnung, muß die Grundregel unsrer Verfassung werden.

Der Geist wird sich Formen schaffen; Formen der Bewegung, nicht der Starrheit; Besitz, der nicht zu Eigentum wird, der nur Arbeitsmöglichkeit und Sicherheit, aber nicht Ausbeutungsmöglichkeit und Anmaßung schafft; ein Tauschmittel, das nicht an sich selbst Wert hat, sondern nur in Beziehung auf den Tausch, und das nicht bloß das Mittel zum Tausch, sondern auch die Bedingung des eigenen Verbrauchs in sich birgt; ein Tauschmittel, das fähig ist zu sterben und gerade darum nur fähig, zu beleben, während es heute unsterblich und mörderisch ist.

Anstatt daß zwischen uns Leben war, haben wir den Tod zwischen uns gesetzt; alles ist zum Ding und zum Sachgötzen geworden: Vertrauen und Gegenseitigkeit wurde zum Kapital; Gemeininteresse wurde zum Staat; unser Verhalten, unsre Beziehungen wurden zu den starren Verhältnissen, und in furchtbaren Krämpfen und Erschütterungen brach nach langen Zeiten hie und da eine Revolution aus, die gleich wieder Tod und Einrichtungen und Einmalig-Unabänderliches aus sich brach und daran starb, ehe sie lebte. Machen wir jetzt ganze und große Arbeit, indem wir in unsrer Wirtschaft das einzige Prinzip festsetzen, das festgesetzt werden kann, das Prinzip, das der sozialistischen Grunderkenntnis entspricht: daß in kein Haus mehr an Wert zum Verzehr eingehen soll, als in dem Hause gearbeitet worden ist, weil kein Wert in der Menschenwelt entsteht als allein durch die Arbeit. Wer verzichten und schenken will, möge es tun; das ist ihm unbenommen und geht die Wirtschaft nicht an; aber keiner soll durch Verhältnisse genötigt sein, zu entbehren. Die Mittel aber, dieses Prinzip stets und neu durchzusetzen, werden überall und jederzeit anders sein; und nur so lange wird das Prinzip leben, als es immer wieder angewandt wird.

Die Marxisten haben den Boden als eine Art Anhängsel des Kapitals betrachtet und haben nie etwas Rechtes mit ihm anfangen können. In Wahrheit ist Kapital zusammengesetzt aus zweierlei ganz Verschiedenem: erstens Boden und Bodenprodukt: Grundstücke, Baulichkeiten, Maschinen, Werkzeuge, die man aber eben nicht Kapital nennen sollte, weil sie Boden sind; zweitens Beziehung zwischen den Menschen, verbindender Geist. Geld oder Tauschmittel ist nichts wie ein Konventionszeichen für die allgemeine Ware, mit dessen Hilfe sich alle besonderen Waren bequem, d. h. in diesem Fall mittelbar gegeneinander tauschen.

Das hat von Haus aus gar nichts mit dem Kapital zu tun. Kapital ist kein Tauschmittel und kein Zeichen, sondern eine Möglichkeit. Das bestimmte Kapital eines arbeitenden Menschen oder einer Gruppe arbeitender Menschen ist ihre Möglichkeit, bestimmte Produkte in einer bestimmten Zeit herzustellen. Die dinglichen Wirklichkeiten, die dazu gebraucht werden, sind erstens die Materialien - Boden und Bodenprodukte -, aus denen heraus die neuen Produkte weiterverarbeitet werden sollen; zweitens die Werkzeuge, mit denen gearbeitet wird, also ebenfalls Bodenprodukte; drittens die Lebensbedürfnisse, die von den Arbeitern während der Arbeitszeit konsumiert werden, wiederum Bodenprodukte. Solange einer nun an einem Produkt arbeitet, kann er dieses Produkt nicht gegen das, was er während der Produktion und für sie braucht, eintauschen; in dieser Lage der Erwartung und Spannung sind aber alle arbeitenden Menschen. Kapital nun ist nichts anderes als die Vorwegnahme und Vorwegeinlösung des erwarteten Produkts, ist genau das nämliche wie Kredit oder Gegenseitigkeit. In der gerechten Tauschwirtschaft bekommt jeder, der Aufträge hat, oder jede Produktionsgruppe, die Kunden hat, die dinglichen Mittel, die Erde und Erderzeugnisse, für ihren Hunger und ihre Hände: weil alle die entsprechenden Bedürfnisse haben und jeder dem ändern die Wirklichkeiten, die auch einmal aus Erwartung und Spannung gekommen sind, liefert, damit auch diesmal die Möglichkeit und Bereitschaft sich zur Wirklichkeit wandle und so immer fort. Kapital also ist nicht ein Ding; der Boden und seine Erzeugnisse sind das Ding; die herkömmliche Anschauung stellt eine ganz unzulässige und bitterböse Verdoppelung der Dingwelt her, als ob es außer der einen und einzigen Bodenwelt auch noch die Kapitalwelt als Sache gäbe; damit wird die Möglichkeit, die nur ein Spannungsverhältnis ist, zu einer Wirklichkeit gemacht. Es gibt nur die eine dingliche Wirklichkeit des Bodens; alles andre, was man sonst noch Kapital nennt, ist Beziehung, Bewegung, Zirkulation, Möglichkeit, Spannung, Kredit oder, wie wir es hier nennen, der verbindende Geist in seiner wirtschaftlichen Wirksamkeit, der natürlich nicht pfuscherhaft als Liebe und Entgegenkommen in die Erscheinung treten, sondern sich zweckmäßiger Organe bedienen wird, wie ihrer eines Proudhon als Tauschbank beschrieben hat.

Wenn wir die gegenwärtige Zeit nun die kapitalistische nennen, soll damit zum Ausdruck gebracht werden, daß in der Wirtschaft nicht mehr der verbindende Geist waltet, sondern der Sachgötze herrscht, etwas also, das zwar keine Sache, aber ein Nichts ist, das als Sache genommen wird.

Dieses Nichts, das als Sache gilt, schafft nun freilich infolge dieser Geltung, weil Geltung Geld ist, den Reichen eine Menge konkrete Wirklichkeiten ins Haus und in die Machthaberei, die alle nicht dem Nichts entstammen, sondern dem Boden und der Arbeit der Armen. Denn jedesmal, wenn sich die Arbeit dem Boden nähern will, allemal, wenn ein Produkt aus einem Stadium der Arbeit in ein anderes übergehen will und ehe es in den Konsum eingehen darf und im ganzen Prozeß der Arbeit schiebt sich das falsche Kapital ein und erhebt nicht etwa bloß den Lohn für kleine Dienste, sondern überdies den Zins dafür, daß es so willig war, nicht stillzuliegen, sondern zu zirkulieren.

Ein Nichts, das als Sache gilt und den fehlenden Geist des Bandes ersetzt, ist, wie hier öfter schon erwähnt wurde, auch der Staat. Er tritt überall da hindernd, stoßend, saugend und drückend zwischen die Menschen und die Menschen wie zwischen die Menschen und den Boden, wo das Echte, das von Haus aus zwischen ihnen ist: der Zug, die Beziehung, der Freigeist verkümmert ist. Das hängt auch damit zusammen, daß das unechte Kapital, das an die Stelle des echten gegenseitigen Interesses und gegenseitigen Vertrauens getreten ist, seine saugende und plündernde Macht gar nicht üben könnte, daß das Grundeigentum von der Arbeit gar nicht Tribut erheben könnte, wenn es nicht durch Gewalt, durch die Gewalt des Staates, seiner Gesetze, seiner Verwaltung und seiner Exekutive gestützt würde. Nur darf man nie vergessen, daß das alles: Staat, Gesetze, Verwaltung und Exekutive nur Namen sind für Menschen, die, weil ihnen die Lebensmöglichkeit fehlt, sich gegenseitig quälen und vergewaltigen, Namen für Gewalt also zwischen den Menschen.

Wir sehen so an dieser Stelle, daß nach der richtigen Erklärung vom Kapital, die hier gegeben wurde, die Bezeichnung "kapitalistisch" nicht ganz treffend ist, weil mit ihr eigentlich nicht das echte Kapital, sondern das falsche gemeint ist. Aber es läßt sich gar nicht vermeiden, wenn man den Menschen die wahren Zusammenhänge entwirren will, sich zunächst einmal der eingebürgerten Worte zu bedienen, und das ist hier geschehen.

Wenn die Arbeiter also finden, daß ihnen das Kapital fehlt, so haben sie in ganz anderem Sinne recht, als sie glauben. Ihnen fehlt das Kapital der Kapitale, fehlt das einzige Kapital, das Wirklichkeit ist, Wirklichkeit, obwohl es kein Ding ist: ihnen fehlt der Geist. Und wie es allen geht, die sich dieser Möglichkeit und Voraussetzung alles Lebens entwöhnt haben, ist ihnen dazu noch die sachliche Bedingung alles Lebens unter den Füßen weggezogen worden: der Boden. Land und Geist also — das ist die Losung des Sozialismus. Die vom sozialistischen Geiste Ergriffenen werden zu allererst nach dem Boden sich umsehen als der einzigen äußeren Bedingung, die sie zur Gesellschaft brauchen.

Wir wissen wohl, daß, wenn die Menschen in ihrer Weltwirtschaft, in ihrer Volkswirtschaft ihre Produkte gegeneinander tauschen, daß dadurch auch der Boden mobil gemacht wird. Der Boden ist längst zu einem Börsenobjekt, ist längst papieren gemacht worden. Wir wissen auch, daß, wenn die Menschen in ihrer Weltwirtschaft, in ihrer Volkswirtschaft Produkt gegen gleichwertiges Produkt tauschen würden, wenn also umfassende Verbände durch die Vereinigung ihres Konsums und den dadurch ohne Zweifel entstehenden außerordentlichen Kredit sich in die Lage setzten, zunächst in immer wachsendem Maße Industrieprodukte für ihren eigenen Bedarf, unter Ausschaltung also des kapitalistischen Marktes, aus den Rohmaterialien zu verarbeiten, wir wissen, sage ich, daß sie dann im Laufe der Zeiten ebenso wie Bodenerzeugnisse auch in ansehnlichem Maße Boden selbst kaufen könnten. Wir wissen, daß solchen gewaltigen Konsumproduktivgenossenschaften nicht nur ihr eigener gegenseitiger Kredit, sondern auch ansehnliches Geldkapital schließlich zur Verfügung stehen müßte. Wollten es die Menschen aber darauf ankommen lassen, so hätten sie die endgültige Entscheidung nur hinausgeschoben. Die Bodenbesitzer haben ein Monopol auf alles, was auf dem Boden wächst und aus dem Innern des Bodens geholt wird: auf die Lebensmittel des ganzen Volkes und die Rohmaterialien der Industrie. Der Staat und im Zusammenhang damit ein immer beträchtlicher Teil des Geldkapitals, dem ja wortwörtlich der Boden entzogen und der Atem geraubt wird, wenn es kein Bodeneigentum mehr, aber schon Gegenseitigkeit als sozialistisches Kapital gibt, sie werden, ehe es soweit ist, je mehr kapitalistischer Handel und kapitalistische Industrie durch die Konsumproduktivgenossenschaften ausgeschaltet werden, um so mehr zu den Bodenmagnaten halten. Der Boden wird den für ihren eigenen Konsum arbeitenden Genossenschaften nicht von selber zufließen, wird ihnen vielmehr seine Produkte verteuern oder geradezu sperren. Der Boden ist eben nur dem Scheine nach flüssig oder papieren, so wie umgekehrt das Kapital nur der Fiktion nach eine reale Größe ist; sowie es zur Entscheidung kommt, wird der Boden, was er wirklich ist: ein Stück physische Natur, das besessen und vorenthalten ist.

Um den Kampf gegen das Bodeneigentum kommen die Sozialisten nicht herum. Der Kampf des Sozialismus ist ein Kampf um den Boden; die soziale Frage ist eine agrarische Frage. Nun kann man erst sehen, was für ein ungeheurer Fehler die Proletariatstheorie der Marxisten gewesen ist. Keine Schicht der Bevölkerung wüßte, wenn es heute zur Revolution käme, weniger, was zu tun ist, als unsere Industrieproletarier. Überaus verlockend ist freilich für ihre Sehnsucht nach Erlösung - denn sie sehnen sich mehr nach Erlösung und Ausspannung, als daß sie wüßten, was für neue Beziehungen und Verhältnisse sie herstellen wollen - der alte Herweghsche Spruch: Mann der Arbeit aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, Wenn dein starker Arm es will. Verlockend ist dieses Wort, wie alles, was Tatsachen einen allgemeinen Ausdruck gibt und also logisch ist. Daß der Generalstreik ein furchtbares Durcheinander erzeugen müßte, daß die Kapitalisten, wenn die Arbeiter es nur ganz kurze Zeit aushalten könnten, kapitulieren müßten, ist völlig wahr.

Das aber ist ein großes "Wenn", und die Arbeiter sind sich heute kaum über die gewaltigen Schwierigkeiten ihrer Verproviantierung im Falle eines revolutionären Generalstreiks klar genug. Indessen trotzdem, ein umfassender und ungestümer Generalstreik mit heftiger Stoßkraft könnte ohne Frage den revolutionären Gewerkschaften entscheidende Macht geben. Am Tag nach der Revolution würden die Gewerkschaften von den Fabriken und Werkstätten in den Großstädten und Industriestädten Besitz ergreifen, müßten auch weiterhin für den Weltmarkt des Profits die nämlichen Produkte herstellen, würden den ersparten Unternehmergewinn unter sich teilen — und sich wundern, daß nichts herauskommt als Verschlechterung ihrer Lage, Stockung der Produktion und völlige Unmöglichkeit.

Es ist völlig unmöglich geworden, die Tauschwirtschaft des Profitkapitalismus direkt in die sozialistische Tauschwirtschaft überzuleiten. Daß es auf einmal nicht geht, versteht sich von selbst; würde versucht, es allmählich zu bewerkstelligen, so käme es zum fürchterlichsten Zerfall der Revolution, zu den wildesten Kämpfen der schnell entstehenden Parteien gegeneinander, zum wirtschaftlichen Chaos und zum politischen Cäsarismus.

Wir sind viel zu weit von Gerechtigkeit und Verstand in der Herstellung und Verteilung der Produkte entfernt. Jeder, der heute verzehrt, ist auf die ganze Weltwirtschaft angewiesen, weil sich zwischen ihn und seine Bedürfnisse die Profitwirtschaft eingebürgert hat. Die Eier, die ich esse, kommen aus Galizien, die Butter aus Dänemark, das Fleisch aus Argentinien und ebenfalls aus Amerika das Korn zum Brot, die Wolle meines Anzugs aus Australien, die Baumwolle meines Hemdes aus Amerika und so fort, das Leder und die dazu nötigen Gerbstoffe zu meinen Stiefeln, das Holz zu Tischen und Schränken und Stühlen und so immer weiter.

Die Menschen in unsern Zeiten sind Beziehungslose und Unverantwortliche geworden. Beziehung ist ein Zug, der die Menschen zueinander und der die Menschen zur Arbeit für die Herstellung ihrer Bedürfnisse bringt. Diese Beziehung, ohne die wir keine Lebendigen sind, ist veräußerlicht, ist verdinglicht worden. Es ist dem Händler gleich, womit er handelt, es ist dem Proletarier gleich, was oder woran er arbeitet; der Betrieb hat nicht den natürlichen Zweck, Bedürfnisse zu befriedigen; sondern den künstlichen, das Ding zu erwerben, in möglichst großen Massen und rücksichtslos und möglichst ohne Arbeit, d. h., da es Hexerei und Wunder nicht gibt, durch die Arbeit anderer, Unterworfener zu erwerben, durch das sich alle Bedürfnisse befriedigen lassen — das Geld.

Das Geld hat Beziehungen geschluckt und ist darum viel mehr als ein Ding. Das Kennzeichen eines Zweckdinges, das künstlich aus der Natur herausgearbeitet wurde, ist, daß es nicht mehr wächst, daß es nicht imstande ist, aus der Umwelt Stoffe oder Kräfte an sich zu ziehen, sondern daß es in Ruhe auf den Verbrauch wartet und in kürzerer oder längerer Frist verdirbt, wenn es nicht verbraucht wird. Was Wachstum hat, Selbstbewegung, Selbsterzeugung, ist ein Organismus. Und so ist denn das Geld ein künstlicher Organismus; es wächst, es gebiert Kinder, es vermehrt sich überall da, wo es ist, und ist unsterblich.

Fritz Mauthner ("Wörterbuch der Philosophie") hat gezeigt, daß das Wort "Gott" ursprünglich identisch ist mit Götze, und daß beides der "Gegossene" heißt. Gott ist ein von den Menschen gemachtes Erzeugnis, das Leben gewinnt, Leben der Menschen an sich zieht und schließlich mächtiger wird als all die Menschheit.

Der einzige Gegossene, der einzige Götze, der einzige Gott, den die Menschen je leibhaft zustande gebracht haben, ist das Geld. Das Geld ist künstlich und ist lebendig, das Geld zeugt Geld und Geld und Geld, das Geld hat alle Kräfte der Welt.

Wer aber sieht nicht, wer aber sieht heute noch immer nicht, daß das Geld, daß der Gott nichts anderes als der aus dem Menschen herausgetretene und zum lebendigen Ding, zum Unding gewordene Geist ist, daß es der zum Wahnsinn gewordene Sinn unsres Lebens ist? Das Geld schafft nicht Reichtum, das Geld ist Reichtum; ist Reichtum für sich; es gibt keinen Reichen als das Geld. Das Geld hat seine Kräfte und sein Leben irgendwoher; es kann sie nur von uns haben; und so reich und zeugungskräftig wir das Geld gemacht haben, so sehr haben wir uns verarmt und ausgesogen, uns alle. Geradeswegs wörtlich gilt es, daß Menschenfrauen zu Hunderttausenden darum nicht mehr Mütter werden können, weil das scheußliche Geld Junge wirft und das harte Metall Männern und Frauen die tierische Wärme und das Blut wie ein Vampyr aus den Adern saugt. Wir sind Bettler und Tröpfe und Toren, weil das Geld Gott, weil das Geld Menschenfresser geworden ist.

Sozialismus ist Umkehr; Sozialismus ist Neubeginn; Sozialismus ist Wiederanschluß an die Natur, Wiedererfüllung mit Geist, Wiedergewinnung der Beziehung.

Es gibt keinen andern Weg zum Sozialismus, als daß wir lernen und üben, wofür wir arbeiten. Wir arbeiten nicht für den Gott oder Teufel, dem sich die Menschen heute verschrieben haben, sondern für unsre Bedürfnisse. Wiederherstellung der Beziehung zwischen Arbeit und Verbrauch; das ist Sozialismus. Der Gott ist jetzt schon so gewaltig und allmächtig geworden, daß er nicht mehr durch eine bloße sachliche Umgestaltung, durch eine Reform der Tauschwirtschaft abzuschaffen ist.

Die Sozialisten also wollen wieder in Gemeinden zusammentreten und in den Gemeinden soll hergestellt werden, was die Gemeindemitglieder brauchen.

Wir können nicht auf die Menschheit warten; wir können auch nicht erwarten, daß die Menschheit sich für eine gemeinsame Wirtschaft, für gerechte Tauschwirtschaft zusammenschließt, solange wir in uns Individuen nicht das Menschtum gefunden und neugeschaffen haben.

Vom Individuum beginnt alles; und am Individuum liegt alles. Der Sozialismus, im Vergleich zu dem, was uns heute umgibt und umschnürt, ist die ungeheuerste Aufgabe, die sich Menschen je gestellt haben; mit äußeren Kuren der Gewalt oder der Klugheit ist er nicht zur Wirklichkeit zu machen.

Vieles ist da, woran wir anschließen können, was auch an äußeren Gestalten lebendigen Geistes noch Leben birgt. Dorfgemeinden mit Resten alten Gemeindebesitzes, mit den Erinnerungen der Bauern und Landarbeiter an die ursprüngliche Gemarkung, die seit Jahrhunderten in Privatbesitz gegangen ist; Einrichtungen der Gemeinwirtschaft für Feldarbeit und Handwerk. Das Bauernblut rauscht noch in den Adern vieler Stadtproletarier; sie sollen lernen, wieder darauf zu lauschen. Das Ziel, das noch sehr entfernte Ziel ist allerdings, was sich heute der Generalstreik nennt; die Weigerung, für andere, für den Reichen, für den Götzen und das Unding zu arbeiten. Generalstreik – aber freilich ein anderer, als der passive Generalstreik mit verschränkten Armen, der heute gekündet wird und der mit einem Trotz, dessen momentaner Erfolg sehr zweifelhaft und dessen endlicher Mißerfolg ganz unzweifelhaft ist, den Kapitalisten zuruft: Wir wollen sehen, wer's länger aushält! Generalstreik, jawohl, aber ein aktiver, und eine andre Aktivität ist hier gemeint als jene, die wohl auch manchmal mit dem revolutionären Generalstreik in Verbindung gebracht wird und die auf gut deutsch Plünderung heißt. Der aktive Generalstreik wird erst dann kommen und siegen, wenn die arbeitenden Menschen sich in den Stand gesetzt haben, nicht einen Deut ihrer Aktivität, ihrer Arbeit andern zu geben, sondern nur noch für ihren Bedarf, ihren wirklichen Bedarf zu arbeiten. Das hat gute Wege und ist lange hin – aber wer weiß denn nicht, daß wir nicht am Ende und nicht in der Mitte des Sozialismus stehen, sondern vor dem allerersten Anfang? Darum ist unsre Todfeindschaft gegen den Marxismus jeglicher Schattierung, weil er die arbeitenden Menschen abgehalten hat, mit dem Sozialismus zu beginnen. Das Zauberwort, das uns aus der versteinten Welt der Gier und der Not herausführt, heißt nicht Streik, sondern – Arbeit.

Landwirtschaft, Industrie und Handwerk, geistige und körperliche Arbeit, Unterricht und Lehrlingswesen sollen wieder vereinigt werden; sehr Wertvolles über die Methoden zu dieser Verwirklichung hat uns Peter Kropotkin in seinem Buche "Das Feld, die Fabrik und die Werkstatt" gesagt.

Die Hoffnung auf das Volk, das ganze Volk, auf all unsre Völker dürfen wir durchaus nicht aufgeben. Sie sind freilich heute keine Völker; an die Stelle von Volk, geistverbundenen Menschen, sind Staat und Geld getreten; da konnten auf der ändern Seite nur auseinandergefallene Menschenstücke übrigbleiben.

Volk kann erst wieder werden, wenn die einzelnen, die Vorausgehenden, die Geistigen mit Volk trächtig sind, wenn die Vorform des Volkes in den schöpferischen Menschen lebt und aus ihren Herzen, Köpfen und Händen zur Wirklichkeit verlangt.

Der Sozialismus ist nicht, wie man gewähnt hat, eine Wissenschaft, wenn auch vielerlei Wissen zu ihm wie zu jedem Abfall vom Aberglauben und Aberleben und zum Beschreiten des rechten Weges nötig ist. Wohl aber ist der Sozialismus eine Kunst. Eine neue Kunst, die im Lebendigen schaffen will.

Aus allen Schichten werden jetzt die Männer und Frauen aufgerufen, damit sie vom Volke fortgehen, um zum Volke zu kommen. Denn das ist die Aufgabe: nicht am Volk verzweifeln, aber auch nicht aufs Volk warten. Wer dem Volk, das er in sich trägt, Genüge tut, wer um dieses ungeborenen Keimes und dieser drängenden Phantasiegestalt willen sich mit seinesgleichen verbindet, um als Wirklichkeit zu schaffen, was sich immer zur Verwirklichung des sozialistischen Gebildes tun läßt, der geht vom Volke weg zum Volke hin.

Aus denen, die den tiefsten Ekel und die stärkste Sehnsucht und wahren Gestaltungsdrang in sich bergen, wird der Sozialismus eine Wirklichkeit, die anders aussieht je nach der Zahl derer, die sich zu ihm zusammentun. So wollen wir uns denn aneinander schließen und wollen darauf ausgehen, sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer, sozialistische Gemeinden zu gründen. Die Kultur beruht nicht auf irgendwelchen Formen der Technik oder der Bedürfnisbefriedigung, sondern auf dem Geiste der Gerechtigkeit.

Wer am Sozialismus tun will, muß aus dem Vorgefühl einer geahnten und doch ungekannten Freude und Seligkeit heraus ans Werk gehen. Alles müssen wir erst wieder lernen: die Freude der Arbeit, der Gemeinsamkeit, der gegenseitigen Schonung, alles haben wir vergessen und spüren es doch alles noch in uns.

Diese Siedlungen, in denen die Sozialisten sich nach Möglichkeit abschließen vom kapitalistischen Markt und nur soviel an Wert hinausexportieren, als sie noch von draußen hereinbekommen müssen, sind nur kleine Anfänge und Proben. Sie sollen hinausleuchten ins Land, damit über die volklosen Menschenhaufen der Neid komme, der Neid nicht auf Genußgüter oder Machtmittel, sondern der Neid auf die neue uralte Seligkeit der Zufriedenheit mit sich selbst, der Beglücktheit im Schoß der Gemeinde.

Der Sozialismus als Wirklichkeit kann nur erlernt werden; der Sozialismus ist wie jedes Leben ein Versuch. Alles, was wir dichterisch heute schon in Worten und Beschreibungen zu gestalten versuchen: die Abwechslung in der Arbeit, die Rolle der geistigen Arbeit, die Form des bequemsten und unbedenklichsten Tauschmittels, die Einführung des Vertrags an die Stelle der Justiz, die Erneuerung der Erziehung, all das wird Wirklichkeit werden, indem es verwirklicht wird, und wird durchaus nicht nach einer Schablone geordnet werden.

Dankbar aber werden wir dann derer gedenken, die schon im Denken und der Phantasie vorausgelebt haben, Gemeinden und Länder des Sozialismus in gegliederten Gestalten geschaut haben. Die Wirklichkeit wird anders aussehen als ihre individuellen Gestaltungen; aber die Wirklichkeit wird von diesen ihren Bildern abstammen.

Gedenken wir hier noch einmal Proudhons und all seiner scharf umgrenzten, nie ins Nebulose sinkenden Gesichte aus dem Lande der Freiheit und des Vertrags; gedenken wir manches Guten, was Henry George, Michael Flürscheim, Silvio Gesell, Ernst Busch, Peter Kropotkin, Elisee Reclus und viele andre geschaut und beschrieben haben. Wir sind die Erben der Vergangenheit, ob wir wollen oder nicht; schaffen wir in uns den Willen, daß die kommenden Geschlechter unsre Erben seien, daß wir mit allem, was wir leben und tun, in die kommenden Geschlechter und in die uns umgebenden Menschenmassen hineinwirken.

Das ist nun ein völlig neuer Sozialismus, ein wieder einmal neuer; neu für unsre Zeit, neu im Ausdruck, neu im Anschauen der Vergangenheit, neu auch in mancher Stimmung. Neu umblicken müssen wir uns nun auch in dem, was ist: die Menschen-Schichten, die Einrichtungen und Überlieferungen müssen wir neu betrachten. Ganz anders sehen wir nun die Bauern, und wir wissen, was für eine ungeheure Aufgabe uns da gelassen wurde, zu ihnen zu sprechen, bei ihnen zu leben und das lebendig zu machen, was in ihnen verkalkt und verstaubt ist: die Religion; nicht den Glauben an irgendwelche äußere oder obere Mächte, sondern den Glauben an die eigene Macht und die Vervollkommnung des einzelnen Menschenwesens, solange es lebt. Was haben sie immer den Bauern gefürchtet und seine Liebe zum Bodenbesitz! Die Bauern haben nicht zu viel Boden, sondern zu wenig, und nicht nehmen muß man ihnen, sondern geben. Geben muß man ihnen wie allen freilich auch erst wieder den Gemein- und Gemeindegeist; aber er ist in ihnen nicht so verschüttet wie in den Stadtarbeitern. Die sozialistischen Siedler sollen sich nur in den vorhandenen Dörfern ansiedeln, und es wird sich zeigen, daß sie wieder lebendig zu machen sind und daß der Geist, der im 15. und 16. Jahrhundert in ihnen war, auch heute noch wieder erwachen kann.

Von diesem neuen Sozialismus gilt es mit neuen Zungen den Menschen zu reden. Hier wird ein erster und anfänglicher Versuch gemacht; wir werden es noch besser lernen, wir und andere; wir wollen die Genossenschaften, welche sozialistische Form ohne Geist sind, wir wollen die Gewerkschaften, welche Tapferkeit ohne Ziel sind, zum Sozialismus, zu großen Versuchen bringen. Ob wir wollen oder nicht, wir werden nicht beim Reden bleiben; wir werden weitergehen. Wir glauben nicht mehr an den Strich zwischen Gegenwart und Zukunft; wir wissen: "Hier oder nirgends ist Amerika!" Was wir nicht jetzt, im Augenblick tun, tun wir gar nicht.

Wir können unsern Konsum vereinigen und vielerlei Zwischenschmarotzer ausschalten; können eine große Anzahl Handwerke und Industrien zur Herstellung von Gütern für unsern eigenen Verbrauch gründen. Viel weiter können wir darin gehen, als bisher die Genossenschaften gegangen sind, die immer noch den Gedanken an die Konkurrenz mit den kapitalistisch geleiteten Betrieben nicht loswerden. Sie sind bürokratisch, sie sind zentralistisch; und sie wissen sich nicht anders zu helfen, als daß sie sich zu Arbeitgebern machen und mit ihren Arbeitnehmern durch Vermittlung der Gewerkschaften Verträge schließen. Es fällt ihnen nicht ein, daß in der Konsumproduktivgenossenschaft jeder in echter Tauschwirtschaft für sich selber arbeitet; daß in ihr nicht die Rentabilität, sondern die Produktivität der Arbeit entscheidet; daß manche Betriebsform, z. B. der Kleinbetrieb durchaus produktiv und dem Sozialismus willkommen ist, auch wenn er im Kapitalismus nicht rentabel wäre.

Wir können Siedlungen gründen, die freilich nicht auf einen Schlag, nicht ganz und gar dem Kapitalismus entronnen sind. Wir wissen aber jetzt, daß der Sozialismus ein Weg ist, Weg aus dem Kapitalismus weg, und daß jeder Weg einen Anfang hat. Der Sozialismus wird nicht aus dem Kapitalismus heraus-, er wird dem Kapitalismus entgegenwachsen, wird sich ihm entgegenbauen.

Mittel zum Erwerb des Bodens und die ersten Betriebsmittel für diese Siedlungen erlangen wir durch die Vereinigung unseres Konsums, durch die Gewerkschaften und Arbeiterbünde, die sich uns anschließen, und durch solche Reiche, die entweder ganz zu uns stoßen oder uns wenigstens Mittel geben. Ich scheue mich gar nicht, das alles zu erwarten und diese Erwartung auszusprechen. Der Sozialismus ist Sache all derer, die unter dem Furchtbaren, das um uns und in uns ist, leiden; und viele aus allen Schichten werden bald viel größeres Leid tragen, als heute einer ahnt. Nichts Besseres im Sinne des Anstands und der eigenen Erlösung kann einer mit eigenem Gelde, können auch die Arbeitervereine mit ihrem Gelde tun, als es ein für allemal wegzugeben und dafür Land für den Anfang des Sozialismus frei zu machen. Dem Land, wenn es einmal frei ist, sieht es keiner an, und es selber spürt es nicht, daß es gekauft worden ist. Nur nicht zimperlich, Arbeiter: ihr kauft Schuhe, Hosen, Kartoffeln, Heringe; wäre es nicht für den Anfang schön, wenn ihr, arbeitende und leidende Menschen, gleichviel, welche Rollen euch bisher zugewiesen waren, eure Kraft zusammenwerfen wolltet, um euch vom Unrecht loszukaufen und auf eigenem Grund fernerhin das meiste, was ihr braucht, für eure Gemeinschaft selber zu arbeiten?

Vergessen wir nicht: sind wir im rechten Geiste, so haben wir alles, was wir für die Gesellschaft brauchen, alles außer dem einen: Land. Der Landhunger muß über euch kommen, Großstadtmenschen!

Sind überall im Lande, im Norden, Süden, Osten und Westen, in allen Provinzen sozialistische Siedlungen mit Eigenkultur in die Gemeinheit der Profitwirtschaft hineingesprengt, die gesehen werden, deren Lebensfreude unerhörter, wenn schon stiller Art gespürt wird, dann summt der Neid stärker und stärker, dann, glaube ich, regt sich das Volk, dann beginnt das Volk zu erkennen, zu wissen, die Sicherheit zu haben: es fehlt nur eines von Äußerem, um sozialistisch, gedeihlich, selig zu leben: der Boden. Und dann werden die Völker den Boden frei machen und nicht mehr für den Götzen, sondern für den Menschen arbeiten. Dann! Fanget nur erst an; fanget beim Kleinsten an und mit der kleinsten Schar!

Der Staat, d. h. die Massen, die noch nicht bei der Erkenntnis sind, die Schichten der Bevorzugten und deren beider Vertreter, die Regierungs- und Verwaltungskaste, werden den Beginnenden die größten und die kleinlichsten Hindernisse in den Weg legen. Wir wissen es.

Die Zerstörung aller Hindernisse kommt, wenn sie wirkliche Hindernisse sind, wenn wir nämlich ganz dicht, so daß nicht der kleinste Zwischenraum mehr ist, bis zu ihnen herangerückt sind. Jetzt sind sie nur Hindernisse der Voraussicht, der Phantasie, des Bangens. Wir sehen schon: das und das und das wird man uns, wenn's erst soweit ist, in den Weg legen - und tun einstweilen lieber gar nichts.

Lassen wir's doch erst soweit sein! Gehen wir wenigen doch voran, damit wir die vielen werden. Dem Volk kann niemand Gewalt antun als eben dieses Volk selber. Und große Teile des Volkes halten zum Unrecht und zu dem, was ihnen selber an Leib und Seele Schaden tut, weil unser Geist nicht stark, nicht ansteckend genug ist.

Unser Geist muß zünden, muß leuchten, muß verlocken und an sich ziehen.Das tut nie die Rede allein; auch die gewaltigste, die zürnendste, die sanfteste nicht.Das tut allein das Beispiel.Das Beispiel der Vorausgehenden müssen wir geben.Beispiel und Opfermut! In der Vergangenheit, heute und morgen werden der Idee Opfer um Opfer gebracht: immer um der Auflehnung, immer um der Unmöglichkeit willen, so zu leben.

Jetzt gilt es, dazu noch Opfer andrer Art zu bringen, nicht heroische, sondern stille, unscheinbare Opfer, um für das rechte Leben ein Beispiel zu geben. Dann werden aus den wenigen viele werden, und auch die vielen werden wenige sein. Hunderte, Tausende, Hunderttausende - zu wenig, zu wenig! Und es werden mehr und sind immer noch zu wenig. Aber doch werden die Hindernisse überwunden; denn wer im rechten Geiste baut, zerstört im Bauen die stärksten Hindernisse.

Und endlich, endlich wird der Sozialismus, der so lange geglüht und geflammt hat, endlich wird er leuchten. Und die Menschen, die Völker werden mit großer Sicherheit wissen: sie haben den Sozialismus und die Mittel, ihn zu verwirklichen, ganz und gar in sich und zwischen sich und nichts fehlt ihnen als dieses eine: Land! Und sie werden das Land frei machen; denn niemand hindert das Volk mehr, da das Volk sich selbst nicht mehr im Wege steht.

Die werden aufgerufen, die tun wollen, was ihre Kraft vermag, um diesen Sozialismus zu schaffen. Nur die Gegenwart ist wirklich, und was die Menschen nicht jetzt tun, nicht sofort zu tun beginnen, das tun sie in alle Ewigkeit nicht. Es gilt das Volk, es gilt die Gesellschaft, es gilt die Gemeinde, es gilt Freiheit und Schönheit und Freude des Lebens. Wir brauchen Rufer im Streit; wir brauchen alle, die von dieser schaffenden Sehnsucht voll sind; wir brauchen Täter. Die Täter, die Beginnenden, die Erstlinge werden aufgerufen zum Sozialismus.

Wer es nicht in den Stunden, in denen diese Worte und ihr Gefühl nun zu ihm gesprochen haben, schon gehört hat, dem sei es jetzt zum Abschied gesagt: wie wir so manchen gewohnten Klang in den Mund genommen haben, um nur erst einmal zu den Menschen sprechen zu können, und solche vorläufigen, landläufigen Worte dann als falsch angewandt oder ungenügend im Ausdruck zur Seite legten, so mag es auch einmal diesem Wort gehen: Sozialismus. Vielleicht ist dieser Aufruf auch dazu der Anfang eines Weges, ein besseres, ein tiefer heraufgeholtes, ein weiterhin weisendes zu finden. Schon jetzt aber soll jeder wissen: nichts hat unser Sozialismus gemein mit schmatzender Behaglichkeit oder der Sucht nach schäferisch ungestörtem Idyll und einem breiten Leben, das nur der Wirtschaft, der Arbeit für des Lebens Notdurft gewidmet wäre. Viel war hier von der Wirtschaft die Rede; sie ist die Grundlage unsres Selbanderlebens und soll einmal so die Grundlage sein, daß nicht mehr so viel davon die Rede zu sein braucht. Gruß euch, ihr Schweifenden, ihr Rastlosen, ihr Wanderer und Landstreicher und Pflastertreter, die ihr kein Wirtschaften und kein Einfügen in diese unsre Zeit vertraget. Gruß euch, ihr Künstler, die ihr über den Zeiten gestaltet. Gruß auch euch, ihr Krieger alter Zeiten, die ihr nicht wolltet, daß das Leben in der Ofenröhre verhutzle! Was heute an Krieg und Schwerterklang und Wildheit in der Welt ist, ist fast allewege nur noch verfratzte Maske über öde und Gier; Haltung, Treue und Ritterlichkeit sind wunderselten geworden. Gruß auch euch, ihr Stammler, ihr Schweigenden, die ihr im Tiefsten, von wo kein Wort herausrollt, die Ahnung berget: unbekannte Größe, ungesagte Kämpfe, inniges Seelenleid, wilde Wonnen und Wehen werden hinfür der Menschheit Teil sein, der einzelnen wie der Völker. Ihr Bildner, ihr Dichter, ihr Musiker, ihr wisset davon und aus euch reden schon die Stimmen von Gewalt und Inbrunst und Süßigkeit, die aus neuen Völkern herausblühen sollen. Zerstreut in all unsrer Wüstheit leben die jungen Menschen, die festen Männer, die geprüften Greise, die holden Frauen; mehr als sie es selber schon wissen, leben da und dort die Menschen, die Kinder sind; und in ihnen allen lebt Glaube und Sicherheit von großer Freude und großem Schmerz, der einst die Geschlechter der Menschen neu packen und gestalten und vorwärts schicken wird. Schmerz, heiliger Schmerz: komm, o komm nur erst in unsre Brust! wo du nicht bist, kann nimmermehr Friede sein. Alle ihr - oder seid ihr denn gar so wenige? - alle, in denen der Traum lächelt und weint, alle, die ihr Taten atmet, alle, die Jubel tief hinuntergesenkt in sich spüren, alle, die Verzweifelte sein möchten aus Grund und Wahn und echter Not, nicht für die Lumperei aus Blödsinn und Niedertracht, die uns heute umgarnen und sich auch Elend und Not heißen, alle, die heute einsam sind und Form, das heißt aber: Bild und Rhythmus gesammelter Gestaltungskraft in sich tragen, alle, die den Befehl aus sich herauslassen können: im Namen der Ewigkeit, im Namen des Geistes, im Namen des Bildes, das wahr und Weg werden will, die Menschheit soll nicht verrecken, der graugrüne, dicke Schlamm, der heute bald Proletariat, bald Bürgervolk, bald Herrenkaste heißt und der überall, oben und unten, nichts ist als ekles Proletariat, dies gräßlich widerliche Menschenzerrbild der Gier, der Sattheit und der Erniedrigung, soll sich nicht länger regen und räkeln, soll uns nicht länger beschmutzen und ersticken dürfen: sie alle werden gerufen.

Ein erstes Wort ist dies. Noch viel ist zu sagen. Es soll gesagt werden. Von mir und von den andern, die hier gerufen werden.

7.

Die Zeiten sind anders geworden, als Proudhon sie 1848 sehen konnte. Die Enteignung in jeglicher Hinsicht hat zugenommen; wir sind heute weiter vom Sozialismus entfernt als vor sechzig Jahren. Vor sechzig Jahren konnte Proudhon in einem Moment der Revolution, der Lust zur Umgestaltung des Ganzen, seinem ganzen Volke sagen, was im Augenblick zu tun war.

Heute ist, selbst wenn Aussicht wäre, daß das Volk aufstünde, der eine Punkt, bei dem damals einzusetzen war, nicht mehr allein entscheidend. Auch gibt es heute in zweierlei Hinsicht kein ganzes Volk: was sich Proletariat nennt, wird für sich allein niemals die Verkörperung eines Volkes sein; und die Völker sind so in Produktion und Handel voneinander abhängig, daß ein einzelnes Volk kein Volk mehr ist. Die Menschheit aber ist noch lange keine Einheit und wird sie nie werden, ehe nicht neue kleine Einheiten, Gemeinden und Völker wieder geworden sind.

Proudhon hatte, zumal in dem Moment der Erhöhung des geistigen und seelischen Lebens, des Gemeinschaftslebens und der Originalität wie Entschlossenheit der einzelnen, den jede Revolution bringt, und bei den besonderen Verhältnissen des damaligen Frankreich, das zwar schon ausgeprägt ein Land des Geld- und Börsenkapitalismus, aber nicht ein Land der kapitalistischen Großindustrie und des Großgrundbesitzes war, er hatte durchaus recht, daß ihm die Zirkulation und die Abschaffung der Bereicherung durch Zins der von den Angelpunkten aller Umgestaltung bedeutete, bei dem am schnellsten, gründlichsten und schmerzlosesten eingesetzt werden konnte.

Unsere Zustände haben in Wahrheit drei Punkte, an denen die unberechtigte Bereicherung, die Ausbeutung, die Arbeit von Menschen nicht für sich, sondern für andere entsteht. Auf diese immerwährende Entstehung, auf fortwirkende Ursachen kommt es überall an, in der Bewegung der gesellschaftlichen Prozesse ebensowohl wie in den Bewegungen der Mechanik, des Chemismus oder der Himmelskörper. Immer ist es verkehrt und unergiebig, nach einer einmaligen Ursache in irgendwelcher Vergangenheit oder einem Urzustand zu fragen: nichts ist einmal entstanden; alles entsteht fortwährend, und es gibt keine Ur-Sachen, sondern Immer-Bewegungen, Immer-Beziehungen.

Die drei Angelpunkte der wirtschaftlichen Sklaverei sind folgende:

Erstens: das Eigentum am Boden. Aus ihm entspringt die bittende, abhängige Haltung des Besitzlosen, der leben will, gegenüber dem, der ihm die Möglichkeit der Arbeit auf dem Boden und an den Bodenprodukten zum Zweck des direkten oder indirekten Verbrauchs vorenthält. Aus dem Bodeneigentum und seinem Korrelat, der Bodenlosigkeit, entsteht die Sklaverei, die Hörigkeit, der Tribut, die Pacht, der Zins, das Proletariat.

Zweitens: die Zirkulation der Güter in der Tauschwirtschaft vermittels eines Tauschmittels, das unverjährbar und unveränderlich jedem Bedürfnis dient. Ein goldenes Schmuckstück, wenn es auch durch Jahrhunderte unverändert bleibt, hat doch nur Wert für den, der seinen Besitz zur Befriedigung eines Schmuck- oder Eitelkeitsbedürfnisses so hoch einschätzt, daß er, um es zu besitzen, Erzeugnisse seiner eigenen Arbeit dafür hingibt. Die meisten Güter verlieren auch materiell an Wert durchs Liegenlassen oder durch Gebrauch und gehen schnell in den Konsum ein. Sie werden zum Zweck des Tausches produziert, um Verbrauchsgegenstände einzutauschen, um welche es ebenso bestellt war. Das Geld hat dadurch seine verhängnisvolle Ausnahmestellung, daß es nur in den Tausch, aber gar nicht in Wahrheit in den Verbrauch eingeht. Aus den entgegenstehenden Behauptungen der Geldtheoretiker spricht das böse Gewissen. Wird darum in der rechten Tauschwirtschaft, wo sich Produkt nur gegen gleichwertiges Produkt tauschen soll, allerdings ein Zirkulationsmittel nötig sein, das unserm Geld entspricht und wohl auch Geld heißen wird, so wird es doch eine entscheidende Eigenschaft unsres Geldes nicht haben können: die Eigenschaft, absoluten Wert zu haben und auch dem zum Schaden anderer dienen zu können, der es nicht durch Arbeit erworben hat. Nicht die Möglichkeit des Diebstahls soll hier ausgeschlossen werden; Diebstahl kann es an jeglichem Gelde wie an allen andern Gütern geben; und überdies ist Diebstahl auch eine Art Arbeit und dazu eine recht aufreibende und im ganzen wenig ergiebige und in guter Gesellschaft unerfreuliche. Es soll hier vielmehr darauf hingewiesen werden, daß die Schädlichkeit des heutigen Geldes nicht bloß in seiner Verzinslichkeit, also seinem Wachstum, sondern schon in seiner Unverbrauchbarkeit, also in seinem Bleiben, seinem Nichtgeringerwerden und seinem nicht im Konsum Verschwinden liegt. Die Idee, das Geld werde dadurch harmlos gemacht, daß es ein bloßer Arbeitszettel werde, also keine Ware mehr sei, ist ganz falsch und könnte nur für eine Staatssklaverei Sinn haben, wo an die Stelle des freien Verkehrs die Abhängigkeit von der Behörde träte, die bestimmte, wieviel jeder zu arbeiten und zu verbrauchen hat. In der freien Tauschwirtschaft muß im Gegenteil das Geld allen andern Waren, von denen es sich heute im Wesen unterscheidet, gleich werden und doch allgemeines Tauschmittel sein: es muß, wie jede Ware, den Doppelcharakter des Tausches und des Verbrauches tragen.

Die Möglichkeit, auch in einer Gesellschaft des gerechten Tausches, wenn das Tauschmittel unverbrauchbar ist und mit der Zeit seinen Wert nicht einbüßt, zu schädigendem Besitz großen Umfangs und dadurch zur Erlangung eines Tributrechts irgendwelcher Gestalt zu kommen, ist nicht von der Hand zu weisen, wenn auch in der uns bekannten Geschichte bei der Entstehung des Großgrundeigentums und damit jeder Art Ausbeutung Ersparnisse, Erbschaften und dergleichen im Vergleich mit der Gewalt und dem Gewaltschutz des Staates nur eine untergeordnete Rolle spielen. Sehr wertvoll sind darum die Vorschläge, die Silvio Gesell gemacht hat, um ein Geld zu finden, das nicht, wie heute, mit den Jahren an Wert gewinnt, sondern umgekehrt von Anfang an progressiv an Wert verliert, so daß der, der durch Hingabe eines Produktes in den Besitz des Tauschmittels gelangt ist, kein angelegentlicheres Interesse haben wird, als es so schnell wie möglich wieder gegen ein Produkt einzutauschen und so immer weiter. Silvio Gesell ist einer der ganz wenigen, die von Proudhon gelernt haben, seine Größe anerkennen und im Anschluß an ihn zu selbständigem Weiterdenken gekommen sind. Seine Beschreibung, wie dieses neue Geld den Fluß der Zirkulation in lebhafte Bewegung bringt, wie jeder kein andres Interesse bei der Produktion und beim Erlangen des Tauschmittels mehr haben kann, als das des Konsums, ist ganz aus Proudhons Geist entsprungen, der uns zuerst gelehrt hat, wie der schnelle Umlauf Heiterkeit und Lebendigkeit ins private und öffentliche Leben bringt, während die Stockung auf dem Markte und die Verstocktheit des beharrenden Geldes auch unsre Säfte ins Stocken bringt und Starrsinn und stockige Fäulnis über unsre Seelen legt. Hier indessen handelt es sich nicht um die Frage der Zukunft, ob es sachliche Mittel gibt, ein Tauschmittel zu finden, das die Gefahr der Plünderung nicht in sich birgt, um eine Frage also, für die es vorerst das Wichtigste ist, daß sie überhaupt aufgeworfen wird, sondern darum, ob die Zirkulation der Punkt ist oder gewesen sein mag, bei dem man einsetzen konnte, um auch die ändern beiden Punkte entscheidend zu berühren. Und da ist allerdings zu sagen, daß, wenn in einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt, wie er 1848 in Frankreich gegeben war, die Gegenseitigkeit in die Tauschwirtschaft eingeführt worden wäre, damit auch dem Großgrundeigentum und dem Mehrwert das Stündlein geschlagen hätte.

Der dritte Angelpunkt also der wirtschaftlichen Sklaverei ist der Mehrwert. Hier ist vor jedem weiteren Wort zu sagen, daß mit dem Wertbegriff nichts als Unfug zu stiften ist, wenn man nicht scharf erklärt, was man damit bezeichnet und sich streng an seine Definition hält. Wert enthält in seinem Sinne eine Forderung; der Sinn erschließt sich, wenn man daran denkt, daß auf die Angabe eines Preises die Antwort des Kauflustigen folgt: Soviel ist das Stück nicht wert. Wert will also zunächst die Willkür ausschließen; wir verengern den Begriff noch weiter, indem wir Wert nur im Sinne von richtigem Wert, wahrem Wert gebrauchen. Wert ist, was der Preis sein sollte, aber nicht ist. Dieses Verhältnis steckt im Preisverhältnis jeder Ware; und in dem Worte Wert ist, wie jeder merkt, der auf den Gebrauch des Wortes achtet, die ideale oder sozialistische Forderung enthalten, daß der Preis dem Wert gleich sein soll, anders ausgedrückt, daß die Gesamtsumme sämtlicher wirklicher Arbeitslöhne gleich der Gesamtsumme der Preise für die endgültigen Stadien der Waren sein soll. Da aber selbstverständlich die Menschen, die als einzelne und um ihres Geldprofits willen gegeneinander stehen, jeden Vorteil ausnutzen, nicht bloß den des Eigentums, auch den der Seltenheit begehrter Produkte, der aus besonderen Gründen gesteigerten Nachfrage, der Unkenntnis der Konsumenten usw., ist in Wahrheit die Summe der genannten Preise viel viel höher als die Summe der Löhne. Zwar nehmen auch die Arbeiter bestimmter Kategorien an diesen Sondervorteilen unter Umständen in Gestalt höherer "Löhne" einigen Teil, die in Vergleich mit den Löhnen ebenso angestrengter Arbeitsbrüder nicht bloß Löhne, sondern auch Profit sind; aber das ändert nichts daran, keine Einzelheit des vielgestaltigen Wirtschaftslebens kann etwas daran ändern, daß die Arbeit mit ihrem Lohn nicht alles kaufen kann, was sie hergestellt hat, sondern daß ein erheblicher Teil für die Kaufkraft des Profits übrigbleibt. Hierbei bleiben, wie oben angedeutet, die Zwischenstadien der Produktion, die ja auch schon als Waren in den Handel eingehen, außer Betracht, denn diese werden, wenn man der Sache auf den Grund geht, nicht mit Lohn und nicht mit Profit von einem Kapitalistproduzenten dem ändern abgenommen, sondern mit Kapital, das heißt, wie wir bald näher sehen werden, mit etwas, was an Stelle des Kredits oder der Gegenseitigkeit sich eingenistet hat. Die Zinsen dieses Kapitals bringt natürlich letzten Endes die Arbeit auf; sie stecken in den Preisen und sind oben schon in ihrer ändern Gestalt als Profit infolge von Eigentum genannt worden; denn das Kapital ist die Zirkulationsform des flüssig und mobil gemachten Grundeigentums und seiner durch Arbeit erlangten Produkte und ist auch für solche, die dem Anschein nach keine Grundeigentümer sind, das Mittel, Arbeitslöhne für ein erst entstehendes Produkt vorzustrecken oder Arbeitslöhne bei Übergang eines Produkts von einem Stadium der Verarbeitung ins andere zurückzuerstatten oder Produkte im Handel zu erwerben und auf Lager zu halten. Von diesen verschiedenen Formen des Kapitals und von der Unterscheidung des Kapitals in Dingwirklichkeit, echte Wirklichkeit des Geistes und falsches Kapital werden wir bald näheres hören.

Was wir Wert nennen, entsteht also lediglich durch Arbeit zur Verbesserung des Bodens und zur Extraktion und Weiterverarbeitung der Bodenprodukte. Sind die Arbeiter nun genötigt, sich zu verdingen, das heißt die Ergebnisse ihrer Arbeitsleistung gegen eine bestimmte Entschädigung ändern zur Verwertung zu überlassen, so ergibt sich ein Mißverhältnis zwischen dem Wert der Produkte, die sie hergestellt haben, und dem Preis der Produkte, die sie mit ihrem Lohn für ihren Gebrauch kaufen können. Es kann hier dahingestellt werden, an welche Stelle man ihre Beraubung einsetzt, ob an die Stelle ihrer Entlohnung - der Lohn ist zu niedrig - oder an die Stelle ihres Einkaufs - die Waren sind zu teuer. Die Hauptsache ist, daß man an keine absoluten Größen denkt, sondern an ein Verhältnis, das in diesem Fall ein Mißverhältnis ist, und daß man im Auge behält, daß durch den Abzug, den sich die Arbeiter, gleichviel an welcher Stelle, von dem Ertrag ihrer Arbeit auf Grund ihrer Notlage gefallen lassen müssen, aller Profit der Kapitalisten entsteht, d. h. daß der Abzug vom Arbeitslohn oder sein Minderwert gleich ist dem Profit der Kapitalisten oder dem Mehrwert. Auch hier wird wieder nicht geprüft, an welcher Stelle der Profit den Kapitalisten zufließt, es wird auch nicht näher untersucht, ob diese Frage nicht falsch gestellt ist, indem sie eben wieder den Versuch macht, an die Stelle der Korrelation Absolutes zu setzen, es wird nur darauf hingewiesen, daß der Profit in wechselnden Raten zwischen Grundbesitzern, Geldkapitalisten, Unternehmern, Händlern und derer aller Gehilfen: Beamten, "geistigen Arbeitern" und sonstwie privilegiert in den Kapitalismus Verflochtenen zur Verteilung kommt. Auch das muß noch betont werden, daß es sich bei dieser Ausdrucksweise, ebenso wie bei dem Wert selbst, um Konstruktionen handelt, die indessen durchaus nötig sind: nicht das ganze Einkommen der Personen, die am Kapitalismus beteiligt sind, ist Profit, sie leisten auch Arbeit. Und nicht alles, was "Arbeiter" verzehren, ist Arbeitslohn, sie sind auch, wenn auch oft in ganz geringfügigen Raten, an der Profitwirtschaft beteiligt.

Zu weit würde es führen, die Arbeit nun weiterhin in produktive und unproduktive zu teilen; und - was nicht das nämliche ist - die erzeugten Güter in notwendige und Luxusgüter zu sondern; hier soll nur auch in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß sehr viele innerhalb des Kapitalismus Privilegierte nicht nur einige Arbeit, sondern ohne Frage auch produktive Arbeit leisten, wie anderseits auch die Arbeiter sehr viel völlig oder teilweise unproduktive Arbeit verrichten; und daß zweitens in den Verbrauch der Arbeiter nicht bloß notwendige, sondern auch Luxusgüter eingehen. All diese Details, die für das wirkliche Leben unserer Zeit von großer Bedeutung sind, konnten hier nur erwähnt werden. Hier geht es darum, darauf hinzuweisen, daß die einseitige Betonung der Lohnfrage von seilen der Arbeiter und ihrer Gewerkschaften in Zusammenhang steht mit der falschen Auffassung des Mehrwerts von selten der Marxisten. Wir haben früher gesehen, wie Lohn und Preis sich gegenseitig bedingen; wir haben jetzt darauf verwiesen, daß die Auffassung ganz verkehrt ist, nach der der sogenannte Mehrwert eine absolute Größe wäre, die beim Unternehmertum entstünde und von da in die ändern Kapitalistenkategorien abflösse. Mehrwert ist genauso wie Lohn oder Preis ein Verhältnis und entsteht im ganzen Fluß des Wirtschaftsprozesses, nicht an einer bestimmten Stelle. Aus dem hier erörterten Irrtum entsteht das ganze verhängnisvolle Versteifen des Marxismus auf das Unternehmertum, speziell auf das industrielle Unternehmertum. Da glaubten sie den archimedischen Punkt des Kapitalismus gefunden zu haben. Wahrheit ist lediglich, daß all und jeglicher Profit der Arbeit entzogen wird, anders ausgedrückt: daß es keine Produktivität des Eigentums und keine Produktivität des Kapitals gibt, sondern nur eine Produktivität der Arbeit. Diese Erkenntnis ist allerdings die Grunderkenntnis des Sozialismus, und einzig und allein um dieser Erkenntnis willen, die sie mit allen ändern Sozialisten teilen - Proudhon hat ihr von allen den klassischen Ausdruck gegeben, in seiner prächtigen Polemik mit Bastiat und an vielen andern Stellen -, nur darum dürfen sich auch die Marxisten im weitesten Sinn des Wortes Sozialisten nennen. Das wissen auch sie: die Rentabilität des Eigentums und die Rentabilität des Kapitals sind nur eine lügnerische Form für das, was in Wahrheit Raub an der Produktivität der Arbeit ist. Aus dieser Grunderkenntnis haben aber die Marxisten in ihrer Theorie und die Syndikalisten in ihrer Praxis Schlüsse von der verwegensten Falschheit gezogen. Die Marxisten haben geglaubt, weil sie eine Ursache hatten, sie hätten damit eine letzte, eine ursprüngliche, eine absolute Ursache: die Arbeit, die Arbeitsbedingungen, der Produktionsprozeß war für sie nunmehr das letzte Wort, das alles erklärte; daher die groteske Verkehrtheit ihrer sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung, ihrer Entwicklungsgesetze, ihrer Erwartung der stetigen Konzentration und der großen Krise und des großen Zusammenbruchs usw. Sie hätten nur weiter fragen müssen und immer weiter: woher denn aber die Notlage der Arbeiter komme, und sie wären aufs Bodeneigentum und auf die Unverjährbarkeit und Unverbrauchbarkeit des Geldes gestoßen, und dann auf den Staat und auf den Geist und sein Auf und Ab, und sie hätten gefunden, daß die Verhältnisse, den Staat und das Kapital und das Eigentum eingeschlossen, unser Verhalten sind und daß schließlich alles auf das Verhältnis der Individuen und ihrer Kraft zu den Einrichtungen ankommt, die als starre Reste der Kraft und meistens der Kraftlosigkeit der Individuen früherer Generationen auf einer Zeit lasten. Je nach der Betrachtungsart, je nach der Bildsprache kann man wirtschaftliche Zustände, politische Verhältnisse, Religion usw. insgesamt den lastenden Überbau oder aber die Grundlage für das Leben der Individuen einer Zeit nennen; niemals aber kann etwas anderes als Verkehrtheit die Anschauung sein, wonach die wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen "Verhältnisse" die "materielle" Grundlage einer Zeit, der Geist und seine Gestalten dagegen nur deren "ideologischer Überbau" oder verdoppelndes Spiegelbild wären. Von so gewaltiger Bedeutung die Erkenntnis des Mehrwerts, d. h. die Entlarvung des Eigentums und des Geldkapitals als Plünderer der Arbeit war, so verhängnisvoll war der falsche Glaube, man hätte den Ort entdeckt, wo der Mehrwert "entsteht". Der Mehrwert ist in der Zirkulation; er entsteht beim Kauf einer Ware ebenso sehr und ebenso wenig wie bei der Entlohnung eines Arbeiters. Noch anders ausgedrückt - denn da wir nur in Bildern sprechen können, muß die Wahrheit von verschiedenen Standpunkten aus mit Darstellungsversuchen eingekreist werden, und wir müssen um so mehr von diesem Mittel Gebrauch machen, je komplizierter, zersplitterter die Erscheinungen sind, die wir in unsre umfassenden Allgemeinheiten einfangen wollen -: die Ursache des Mehrwerts ist nicht die Arbeit, sondern die Notlage der Arbeit; und die Notlage der arbeitenden Menschen liegt, wie gesagt, außerhalb des Produktionsprozesses, und erst recht draußen liegt die Ursache zu dieser Notlage und so immer weiter erst im Kreise, in der Zirkulation der ganzen Profit- und Bodeneigentumswirtschaft herum und dann aus diesen äußeren Verkrustungen hinein zu ihren Ursachen, der Beschaffenheit der Menschen, die sich in ihnen bewegen und von ihnen bewegen und an den Bewegungen hindern lassen und dann von denen zurück zu den Menschen früherer Generationen. Nicht der kapitalistische Produktionsprozeß ist die letzte Ursache der Entstehung des Mehrwerts; Gelehrte, die eine letzte Ursache für menschliche Verhältnisse brauchen, sollten sich ein für allemal merken, daß die vorletzte Adam ist und die allerletzte und wunderschön absolute der liebe Gott. Und selbst der ist seinem Absolutismus untreu geworden, sechs ganze Tage lang; denn was ein rechter Absolutisterich ist, hält sich für Wirkungen viel zu schade, sitzt auf seinem Thron, d. h. aber auf sich selber und sagt zu sich selber und mit sich selber: Die Welt bin ich!

Der kapitalistische Produktionsprozeß ist nur in negativer Hinsicht ein Angelpunkt für die Emanzipation der Arbeit. Nicht durch seine eigene Weiterentwicklung und seine immanenten Gesetze führt er zum Sozialismus, nicht durch den Kampf der Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten kann er entscheidend zugunsten der Arbeit umgestaltet werden; sondern nur dadurch, daß die Arbeiter aufhören, ihre Rolle als Kapitalistproduzenten zu spielen. Was immer auch die Arbeiter, was irgendein Mensch im Gefüge des Kapitalismus tut, alles verwickelt ihn nur immer tiefer und fester in die kapitalistische Verstrickung. In dieser Rolle sind die Arbeiter Teilhaber am Kapitalismus, wenn auch ihre Interessen nicht von ihnen, sondern von den Kapitalisten eingeheimst werden, wenn sie auch in allem Wesentlichen nicht die Vorteile, nur die Nachteile des Unrechts, in das sie gestellt sind, ernten. Befreiung gibt es nur für die, die sich innerlich und äußerlich instand setzen, aus dem Kapitalismus auszutreten, die aufhören, eine Rolle zu spielen, und beginnen, Menschen zu sein. Damit beginnt man Mensch zu sein, daß man nicht mehr für das Unechte, den Profit und seinen Markt, sondern für das echte menschliche Bedürfnis arbeitet, daß die untergetauchte echte Beziehung zwischen Bedarf und Arbeit, die Beziehung zwischen dem Hunger und den Händen wiederhergestellt wird. Es gilt, aus der sozialistischen Grunderkenntnis: nur die Arbeit schafft Werte, die rechte Lehre zu ziehen, die da heißt: Weg von dem Rentenmarkt! Der Markt der Arbeit und für ihn zunächst der Geist, das Beziehungsverhältnis zwischen Arbeit und Verbrauch und der Boden der Arbeit muß erst wieder gegründet werden.

Heute ergeht der Aufruf zum Sozialismus an alle, nicht in dem Glauben, daß alle ihn vollbringen könnten weil wollten, sondern in dem Wunsche, einzelne zum Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit, zum Bunde der Beginnenden zu fordern. Die Menschen, die es nicht mehr aushalten können und wollen, das sind die, die hier gerufen werden. Den Massen, den Völkern der Menschheit, Regierenden und Regierten, Erben und Enterbten, Bevorzugten und Betrogenen wäre zu sagen: Es ist eine riesengroße unauslöschliche Schande der Zeiten, daß um des Profits willen gewirtschaftet wird, statt für die Notdurft der in Gemeinden geeinigten Menschen. All euer Kriegszustand, all euer Staatswesen, all eure Unterdrückung der Freiheit, all euer Klassenhaß kommt von der brutalen Dummheit, die über euch herrscht.

Käme heute euch Völkern allesamt der große Moment der Revolution auf einmal, wo wolltet ihr Hand anlegen? Wie wollt ihr es erreichen, daß in der Welt, in jedem Lande, in jeder Provinz, in jeder Gemeinde keiner mehr hungert, keiner mehr friert, kein Mann und keine Frau und kein Kind mehr unterernährt ist? Nur vom Gröbsten zu reden! Und gar, wenn die Revolution in einem einzelnen Land ausbräche? Was könnte sie nützen? wohin könnte sie zielen?

So ist es nicht mehr, wie es gewesen ist, daß man den Menschen eines Volkes sagt: Euer Boden trägt, was ihr braucht, an Nahrung und Rohprodukten der Industrie: arbeitet und tauscht! Vereinigt euch, Arme, kreditiert euch gegenseitig; Kredit, Gegenseitigkeit ist Kapital; ihr braucht keine Geldkapitalisten und keine Unternehmerherren; arbeitet in Stadt und Land; arbeitet und tauscht!

So ist es nicht mehr, selbst wenn der Moment zu erwarten stünde, wo große, umfassende Maßnahmen ins Ganze zu schlagen waren.

Ein ungeheures Durcheinander, ein wahrhaft viehisches Chaos, eine kindische Hilflosigkeit entstünde im Augenblick einer Revolution. Nie waren die Menschen unselbständiger und schwächer als jetzt, wo der Kapitalismus zu seiner Blüte gelangt ist: zum Weltmarkt des Profits und zum Proletariat. Keine Weltstatistik und keine Weltrepublik kann uns helfen. Rettung kann nur bringen die Wiedergeburt der Völker aus dem Geist der Gemeinde! Die Grundform der sozialistischen Kultur ist der Bund der selbständig wirtschaftenden und untereinander tauschenden Gemeinden.

Unser Menschengedeihen, unsre Existenz hängt jetzt davon ab, daß die Einheit des einzelnen und die Einheit der Familie, die uns allein noch an natürlichen Verbänden geblieben sind, sich wieder steigert zur Einheit der Gemeinde, der Grundform jeder Gesellschaft. Wollen wir die Gesellschaft, so gilt es, sie zu erbauen, gilt es, sie zu üben. Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Gesellschaften von Gesellschaften; ein Bund von Bünden von Bünden; ein Gemeinwesen von Gemeinschaften von Gemeinden; eine Republik von Republiken von Republiken. Da nur ist Freiheit und Ordnung, da nur ist Geist; ein Geist, welcher Selbständigkeit und Gemeinschaft, Verbindung und Unabhängigkeit ist.

Der selbständige einzelne, dem keiner in das hineinspricht, was seine Sache allein ist; die Hausgemeinschaft der Familie, der Heim und Hof ihre Welt sind; die Ortsgemeinde, die autonom ist; das Amt oder der Gemeindeverband und so immer mehr ins Breite mit einer immer kleineren Zahl Aufgaben die umfassenderen Verbände - so sieht eine Gesellschaft aus, das allein ist der Sozialismus, für den zu wirken sich lohnt, der uns aus unsrer Not erretten kann. Vergebens und verfehlt sind die Versuche, in Staaten und Staatenverbänden das Zwangsregiment unsrer Zeiten, das heute ein Surrogat für die fehlende freigeistige Verbindung ist, noch auszubauen und ihren Bereich noch weiter auf das Gebiet der Wirtschaft zu erstrecken, als bisher schon geschehen ist. Dieser Polizeisozialismus, der jede Eigenheit und ursprüngliche Regsamkeit erstickt, wäre nur das Siegel auf den völligen Verfall unsrer Völker, wäre nur ein Zusammenhalten der völlig auseinandergetretenen Atome durch einen mechanisch eisernen Reifen. Ein Zusammenschluß natürlicher Art ergibt sich uns Menschen nur da, wo wir in örtlicher Nähe, in wirklicher Berührung beisammen sind. Der verbindende Geist, der Bund mehrerer zu gemeinsamem Werk, aus gemeinsamem Grunde, hat in der Familie eine zu schmale und dürftige Form für das Mitleben. In der Familie geht es nur um private Interessen. Wir brauchen einen natürlichen Kern des Gemeingeistes für das öffentliche Leben, damit das öffentliche Leben nicht mehr, wie bisher ausschließlich, von Staat und Kälte, sondern von einer Wärme erfüllt und geleitet werde, die der Familienliebe verwandt ist. Dieser Kern alles echten Gemeinschaftslebens ist die Gemeinde, die Wirtschaftsgemeinde, von deren Wesen niemand ein Bild hat, der sie etwa nach dem beurteilen will, was sich heute Gemeinde nennt.

Das Kapital, das zum Betriebe, zur Verarbeitung der Rohprodukte, zum Transport von Waren und Menschen gebraucht wird, ist in Wahrheit nichts anderes als Gemeingeist. Hunger, Hände und Erde - alle drei sind da, sind von Natur aus da; für den Hunger schaffen die Hände aus der Erde fleißig die Notdurft. Dazu kommt die besondere Übung bestimmter Gegenden in jahrhundertalten Gewerben; die besondere Beschaffenheit der Erde, so daß gewisse Rohprodukte nur an den und jenen Orten gefunden werden; die Notwendigkeit und Bequemlichkeit des Tausches. Tauschen die Menschen von Gemeinde zu Gemeinde, was nicht an Ort und Stelle gearbeitet werden kann oder soll, so wie sie innerhalb der Gemeinden von einzelnen zu einzelnen tauschen; tauschen sie Produkt gegen gleichwertiges Produkt und in jeder Gemeinde wird jeder so viel zu zehren haben, wie er will, d. h. arbeitet Hunger, Hände und Erde sind da, alle drei sind von Natur aus da. Und außer ihnen brauchen die Menschen nur, was zwischen ihnen hergeht, anständig zu ordnen, und sie haben, was sie brauchen, damit jeder ganz nur für sich arbeitet; damit sie alle die Natur ausbeuten, aber nicht sich untereinander. Das ist die Aufgabe des Sozialismus: die Tauschwirtschaft so zu ordnen, daß auch unter dem System des Tausches jeder nur für sich arbeitet; daß die Menschen in tausendfältiger Verbindung miteinander stehen, und daß doch keinem in dieser Verbindung etwas entzogen, jedem nur gegeben wird. Gegeben nicht, indem einer den andern beschenkt; der Sozialismus sieht keinen Verzicht wie keinen Raub vor; jeder erhält den Ertrag seiner Arbeit und hat die Nutznießung aus der durch Arbeitsteilung und Tausch und Arbeitsgemeinschaft entstandenen Verstärkung aller in der Extraktion der Produkte aus der Natur.

Hunger, Hände und Erde sind da; alle drei sind von Natur aus da. Seltsam, daß man es den Menschen in Stadt und Land heute wie etwas Neues erst sagen muß, daß alles, was irgend in unsern Verbrauch eingeht, sofern es nicht Luft ist, der Erde und den auf Erden gewachsenen Pflanzen und Tieren entstammt. Hunger, Hände und Erde sind da; alle drei sind von Natur aus da.

Den Hunger spüren wir täglich und langen in die Taschen, um das Geld zu holen, das Mittel, um die Mittel zu kaufen, ihn zu befriedigen. Was hier Hunger genannt wird, ist jeglicher echte Bedarf; um jedem zu genügen, suchen wir in unsern Behältnissen nach Geld. Um das Geld zu erlangen, verkaufen oder vermieten wir uns: wir regen die Hände, und was hier Hände genannt wird, sind vielerlei Muskeln und Nerven und Hirn, ist Geist und Körper, ist Arbeit. Arbeit auf dem Boden; Arbeit unter der Erde; Arbeit zur Weiterverarbeitung von Erdprodukten; Arbeit im Tausch- und Transportdienst; Arbeit zur Bereicherung der Reichen; Arbeit zur Vergnügung und Belehrung; Arbeit zur Erziehung der Jugend; Arbeit, die Schädliches, Unnützes, Nichtiges erzeugt; Arbeit, die gar nichts erzeugt und sich nur für Gaffer zur Schau stellt. Vielerlei heißt heute Arbeit; alles heißt heute Arbeit, was Geld bringt.

Hunger, Hände und Erde sind da; alle drei sind von Natur aus da. Wo ist die Erde? Die Erde, die unsre Hände brauchen, um unsern Hunger zu stillen? Wenige besitzen die Erde, und es sind immer wenigere geworden. Das Kapital, haben wir gesagt, ist nicht ein Ding, sondern ein Geist zwischen uns; und wir haben die Mittel zu Betrieb und Tausch, wenn wir uns selbst und unsre Menschennatur wiedergefunden haben. Die Erde aber ist ein Stück der äußern Natur; ist Natur wie Luft und Licht; die Erde ist allen Menschen unentziehbar zu eigen; und die Erde ist Eigentum geworden; Eigentum der Wenigen!

Alles Eigentum an Sachen, alles Eigentum am Boden ist in Wahrheit Eigentum an Menschen. Wer den ändern, den Massen die Erde vorenthält, der zwingt diese ändern, für ihn zu arbeiten. Eigentum ist Diebstahl und Eigentum ist Sklavenhaltung.

Durch die Geldwirtschaft ist nun vielerlei zu Bodeneigentum geworden, was nicht so aussieht. In der gerechten Tauschwirtschaft habe ich der Wirkung nach Anteil am Boden, auch wenn ich keinen Boden besitze; in der Geldwirtschaft im Lande des Profits, des Wuchers, des Zinses bist du in Wahrheit ein Bodenräuber, auch wenn du keinen Boden, wenn du nur Geld oder Papiere hast. In der gerechten Wirtschaft, wo Produkt gegen gleichwertiges Produkt sich tauscht, arbeite ich lediglich für mich, auch wenn nichts, was ich arbeite, in meinem eigenen Verzehr eingeht; in der Geldwirtschaft im Lande des Profits bist du ein Sklavenherr, auch wenn du keinen einzigen Arbeiter beschäftigst, wenn du nur von etwas anderm lebst als von der Verwertung deiner Arbeit. Und selbst wenn einer nur von der Verwertung seiner Arbeit lebt, ist er an der Aussaugung der Menschen beteiligt, wenn seine Arbeit eine monopolisierte oder privilegierte ist und einen höheren Preis erzielt, als sie wert ist.

Hunger, Hände und Erde sind da; alle drei sind von Natur aus da. Die Erde müssen wir wieder haben. Die Gemeinden des Sozialismus müssen den Boden neu aufteilen. Die Erde ist niemandes Eigentum. Die Erde sei herrenlos; dann nur sind die Menschen frei. Die Gemeinden des Sozialismus müssen den Boden neu aufteilen. Entsteht dadurch nicht wiederum Eigentum?

Ich weiß wohl, daß andere sich das Gemeineigentum oder die Herrenlosigkeit anders vorstellen. Sie sehen alles im Nebel; ich bemühe mich, klar zu sehen. Sie sehen alles in der Vollkommenheit eines beschriebenen Ideals; ich will ausdrücken, was jetzt und jederzeit zu tun ist. Jetzt und jederzeit wird es in der Welt nicht schwabbelig zugehen; der Sozialismus soll verwirklicht werden; wer ihn verwirklichen will, muß wissen, was er jetzt will. Jetzt und jederzeit wird der radikale Umgestalter nichts anderes umzugestalten vorfinden, als was da ist. Und darum wird es jetzt und jederzeit gut sein, daß die Ortsgemeinden ihre Gemarkung besitzen; daß ein Teil das Gemeindeland, und andre Teile das Familiengut für Haus, Hof, Garten und Feld sind.

Auch die Aufhebung des Eigentums wird im wesentlichen eine Umwandlung unsres Geistes sein; aus dieser Wiedergeburt heraus wird eine mächtige Neuverteilung des Besitzes hervorgehen; und in Verbindung mit dieser Neuaufteilung wird der Wille stehen, das Land in künftigen Zeiten, in bestimmten oder unbestimmten Abständen wieder und wieder und wieder neu zur Verteilung zu bringen.

Die Gerechtigkeit wird immer von dem Geist abhängen, der zwischen Menschen waltet, und der verkennt den Sozialismus durchaus, der meint, jetzt sei ein Geist nötig und möglich, der sich so zur Gestalt kristallisiert, daß er Endgültiges durchsetzte und der Zukunft nichts mehr übrigließe. Der Geist ist immer in der Bewegung und im Schaffen; und was er schafft, wird stets das Unzulängliche sein, und nirgends als im Bilde oder der Idee wird das Vollkommene zum Ereignis. Es wäre vergebliches und verkehrtes Bemühen, ein für allemal Patenteinrichtungen schaffen zu wollen, die jede Möglichkeit zur Ausbeutung und Bewucherung automatisch ausschließen. Unsere Zeiten haben gezeigt, was sich ergibt, wenn an die Stelle des lebendigen Geistes automatisch funktionierende Institutionen gesetzt werden. Sorge jede Generation tapfer und radikal für das, was ihrem Geist entspricht: es muß auch später noch Grund zu Revolutionen geben; und sie werden dann nötig, wenn neuer Geist sich gegen die starr gewordenen Residuen verflogenen Geistes wenden muß. So wird denn auch der Kampf gegen das Eigentum zu ganz andern Resultaten führen, als manche, z. B. die sogenannten Kommunisten, wohl glauben. Eigentum ist etwas anderes als Besitz; und ich sehe in der Zukunft Privatbesitz, Genossenschaftsbesitz, Gemeindebesitz in schönster Blüte; Besitz keineswegs bloß an den Dingen des unmittelbaren Verbrauchs oder den einfachsten Werkzeugen; auch an den von manchen so abergläubisch gefürchteten Besitz an Produktionsmitteln aller Art, an Häusern und an Boden. Keinerlei endgültige Sicherheitsvorkehrungen fürs tausendjährige Reich oder die Ewigkeit sollen hergestellt werden, sondern eine große und umfassende Ausgleichung und die Schaffung des Willens, diesen Ausgleich periodisch zu wiederholen.

"Da sollst du die Posaune blasen lassen durch all euer Land am zehnten Tage des siebenten Monats als dem Tage des Ausgleichs ... "Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und ihr sollt ein Freijahr ausrufen im Lande allen, die drinnen wohnen; denn es ist euer Jubeljahr; da soll ein jeglicher bei euch wieder zu seiner Habe und zu seinem Geschlechte kommen. "Das ist das Jubeljahr, da jedermann wieder zu dem Seinen kommen soll." Wer Ohren hat zu hören, der höre. Da sollst du die Posaune blasen lassen durch all euer Land!

Die Stimme des Geistes ist die Posaune, die immer und immer und immer wieder ertönen wird, solange Menschen beisammen sind. Immer wird Unrecht sich festsetzen wollen, immer wird, solange die Menschen wahrhaft lebendig sind, der Aufruhr dagegen entbrennen. Der Aufruhr als Verfassung, die Umgestaltung und Umwälzung als ein für allemal vorgesehene Regel, die Ordnung durch den Geist als Vorsatz; das war das Große und Heilige an dieser mosaischen Gesellschaftsordnung. Das brauchen wir wieder: eine Neuregelung und Umwälzung durch den Geist, der nicht Dinge und Einrichtungen endgültig festsetzen, sondern der sich selbst als permanent erklären wird. Die Revolution muß ein Zubehör unsrer Gesellschaftsordnung, muß die Grundregel unsrer Verfassung werden.

Der Geist wird sich Formen schaffen; Formen der Bewegung, nicht der Starrheit; Besitz, der nicht zu Eigentum wird, der nur Arbeitsmöglichkeit und Sicherheit, aber nicht Ausbeutungsmöglichkeit und Anmaßung schafft; ein Tauschmittel, das nicht an sich selbst Wert hat, sondern nur in Beziehung auf den Tausch, und das nicht bloß das Mittel zum Tausch, sondern auch die Bedingung des eigenen Verbrauchs in sich birgt; ein Tauschmittel, das fähig ist zu sterben und gerade darum nur fähig, zu beleben, während es heute unsterblich und mörderisch ist.

Anstatt daß zwischen uns Leben war, haben wir den Tod zwischen uns gesetzt; alles ist zum Ding und zum Sachgötzen geworden: Vertrauen und Gegenseitigkeit wurde zum Kapital; Gemeininteresse wurde zum Staat; unser Verhalten, unsre Beziehungen wurden zu den starren Verhältnissen, und in furchtbaren Krämpfen und Erschütterungen brach nach langen Zeiten hie und da eine Revolution aus, die gleich wieder Tod und Einrichtungen und Einmalig-Unabänderliches aus sich brach und daran starb, ehe sie lebte. Machen wir jetzt ganze und große Arbeit, indem wir in unsrer Wirtschaft das einzige Prinzip festsetzen, das festgesetzt werden kann, das Prinzip, das der sozialistischen Grunderkenntnis entspricht: daß in kein Haus mehr an Wert zum Verzehr eingehen soll, als in dem Hause gearbeitet worden ist, weil kein Wert in der Menschenwelt entsteht als allein durch die Arbeit. Wer verzichten und schenken will, möge es tun; das ist ihm unbenommen und geht die Wirtschaft nicht an; aber keiner soll durch Verhältnisse genötigt sein, zu entbehren. Die Mittel aber, dieses Prinzip stets und neu durchzusetzen, werden überall und jederzeit anders sein; und nur so lange wird das Prinzip leben, als es immer wieder angewandt wird.

Die Marxisten haben den Boden als eine Art Anhängsel des Kapitals betrachtet und haben nie etwas Rechtes mit ihm anfangen können. In Wahrheit ist Kapital zusammengesetzt aus zweierlei ganz Verschiedenem: erstens Boden und Bodenprodukt: Grundstücke, Baulichkeiten, Maschinen, Werkzeuge, die man aber eben nicht Kapital nennen sollte, weil sie Boden sind; zweitens Beziehung zwischen den Menschen, verbindender Geist. Geld oder Tauschmittel ist nichts wie ein Konventionszeichen für die allgemeine Ware, mit dessen Hilfe sich alle besonderen Waren bequem, d. h. in diesem Fall mittelbar gegeneinander tauschen.

Das hat von Haus aus gar nichts mit dem Kapital zu tun. Kapital ist kein Tauschmittel und kein Zeichen, sondern eine Möglichkeit. Das bestimmte Kapital eines arbeitenden Menschen oder einer Gruppe arbeitender Menschen ist ihre Möglichkeit, bestimmte Produkte in einer bestimmten Zeit herzustellen. Die dinglichen Wirklichkeiten, die dazu gebraucht werden, sind erstens die Materialien - Boden und Bodenprodukte -, aus denen heraus die neuen Produkte weiterverarbeitet werden sollen; zweitens die Werkzeuge, mit denen gearbeitet wird, also ebenfalls Bodenprodukte; drittens die Lebensbedürfnisse, die von den Arbeitern während der Arbeitszeit konsumiert werden, wiederum Bodenprodukte. Solange einer nun an einem Produkt arbeitet, kann er dieses Produkt nicht gegen das, was er während der Produktion und für sie braucht, eintauschen; in dieser Lage der Erwartung und Spannung sind aber alle arbeitenden Menschen. Kapital nun ist nichts anderes als die Vorwegnahme und Vorwegeinlösung des erwarteten Produkts, ist genau das nämliche wie Kredit oder Gegenseitigkeit. In der gerechten Tauschwirtschaft bekommt jeder, der Aufträge hat, oder jede Produktionsgruppe, die Kunden hat, die dinglichen Mittel, die Erde und Erderzeugnisse, für ihren Hunger und ihre Hände: weil alle die entsprechenden Bedürfnisse haben und jeder dem ändern die Wirklichkeiten, die auch einmal aus Erwartung und Spannung gekommen sind, liefert, damit auch diesmal die Möglichkeit und Bereitschaft sich zur Wirklichkeit wandle und so immer fort. Kapital also ist nicht ein Ding; der Boden und seine Erzeugnisse sind das Ding; die herkömmliche Anschauung stellt eine ganz unzulässige und bitterböse Verdoppelung der Dingwelt her, als ob es außer der einen und einzigen Bodenwelt auch noch die Kapitalwelt als Sache gäbe; damit wird die Möglichkeit, die nur ein Spannungsverhältnis ist, zu einer Wirklichkeit gemacht. Es gibt nur die eine dingliche Wirklichkeit des Bodens; alles andre, was man sonst noch Kapital nennt, ist Beziehung, Bewegung, Zirkulation, Möglichkeit, Spannung, Kredit oder, wie wir es hier nennen, der verbindende Geist in seiner wirtschaftlichen Wirksamkeit, der natürlich nicht pfuscherhaft als Liebe und Entgegenkommen in die Erscheinung treten, sondern sich zweckmäßiger Organe bedienen wird, wie ihrer eines Proudhon als Tauschbank beschrieben hat.

Wenn wir die gegenwärtige Zeit nun die kapitalistische nennen, soll damit zum Ausdruck gebracht werden, daß in der Wirtschaft nicht mehr der verbindende Geist waltet, sondern der Sachgötze herrscht, etwas also, das zwar keine Sache, aber ein Nichts ist, das als Sache genommen wird.

Dieses Nichts, das als Sache gilt, schafft nun freilich infolge dieser Geltung, weil Geltung Geld ist, den Reichen eine Menge konkrete Wirklichkeiten ins Haus und in die Machthaberei, die alle nicht dem Nichts entstammen, sondern dem Boden und der Arbeit der Armen. Denn jedesmal, wenn sich die Arbeit dem Boden nähern will, allemal, wenn ein Produkt aus einem Stadium der Arbeit in ein anderes übergehen will und ehe es in den Konsum eingehen darf und im ganzen Prozeß der Arbeit schiebt sich das falsche Kapital ein und erhebt nicht etwa bloß den Lohn für kleine Dienste, sondern überdies den Zins dafür, daß es so willig war, nicht stillzuliegen, sondern zu zirkulieren.

Ein Nichts, das als Sache gilt und den fehlenden Geist des Bandes ersetzt, ist, wie hier öfter schon erwähnt wurde, auch der Staat. Er tritt überall da hindernd, stoßend, saugend und drückend zwischen die Menschen und die Menschen wie zwischen die Menschen und den Boden, wo das Echte, das von Haus aus zwischen ihnen ist: der Zug, die Beziehung, der Freigeist verkümmert ist. Das hängt auch damit zusammen, daß das unechte Kapital, das an die Stelle des echten gegenseitigen Interesses und gegenseitigen Vertrauens getreten ist, seine saugende und plündernde Macht gar nicht üben könnte, daß das Grundeigentum von der Arbeit gar nicht Tribut erheben könnte, wenn es nicht durch Gewalt, durch die Gewalt des Staates, seiner Gesetze, seiner Verwaltung und seiner Exekutive gestützt würde. Nur darf man nie vergessen, daß das alles: Staat, Gesetze, Verwaltung und Exekutive nur Namen sind für Menschen, die, weil ihnen die Lebensmöglichkeit fehlt, sich gegenseitig quälen und vergewaltigen, Namen für Gewalt also zwischen den Menschen.

Wir sehen so an dieser Stelle, daß nach der richtigen Erklärung vom Kapital, die hier gegeben wurde, die Bezeichnung "kapitalistisch" nicht ganz treffend ist, weil mit ihr eigentlich nicht das echte Kapital, sondern das falsche gemeint ist. Aber es läßt sich gar nicht vermeiden, wenn man den Menschen die wahren Zusammenhänge entwirren will, sich zunächst einmal der eingebürgerten Worte zu bedienen, und das ist hier geschehen.

Wenn die Arbeiter also finden, daß ihnen das Kapital fehlt, so haben sie in ganz anderem Sinne recht, als sie glauben. Ihnen fehlt das Kapital der Kapitale, fehlt das einzige Kapital, das Wirklichkeit ist, Wirklichkeit, obwohl es kein Ding ist: ihnen fehlt der Geist. Und wie es allen geht, die sich dieser Möglichkeit und Voraussetzung alles Lebens entwöhnt haben, ist ihnen dazu noch die sachliche Bedingung alles Lebens unter den Füßen weggezogen worden: der Boden. Land und Geist also — das ist die Losung des Sozialismus. Die vom sozialistischen Geiste Ergriffenen werden zu allererst nach dem Boden sich umsehen als der einzigen äußeren Bedingung, die sie zur Gesellschaft brauchen.

Wir wissen wohl, daß, wenn die Menschen in ihrer Weltwirtschaft, in ihrer Volkswirtschaft ihre Produkte gegeneinander tauschen, daß dadurch auch der Boden mobil gemacht wird. Der Boden ist längst zu einem Börsenobjekt, ist längst papieren gemacht worden. Wir wissen auch, daß, wenn die Menschen in ihrer Weltwirtschaft, in ihrer Volkswirtschaft Produkt gegen gleichwertiges Produkt tauschen würden, wenn also umfassende Verbände durch die Vereinigung ihres Konsums und den dadurch ohne Zweifel entstehenden außerordentlichen Kredit sich in die Lage setzten, zunächst in immer wachsendem Maße Industrieprodukte für ihren eigenen Bedarf, unter Ausschaltung also des kapitalistischen Marktes, aus den Rohmaterialien zu verarbeiten, wir wissen, sage ich, daß sie dann im Laufe der Zeiten ebenso wie Bodenerzeugnisse auch in ansehnlichem Maße Boden selbst kaufen könnten. Wir wissen, daß solchen gewaltigen Konsumproduktivgenossenschaften nicht nur ihr eigener gegenseitiger Kredit, sondern auch ansehnliches Geldkapital schließlich zur Verfügung stehen müßte. Wollten es die Menschen aber darauf ankommen lassen, so hätten sie die endgültige Entscheidung nur hinausgeschoben. Die Bodenbesitzer haben ein Monopol auf alles, was auf dem Boden wächst und aus dem Innern des Bodens geholt wird: auf die Lebensmittel des ganzen Volkes und die Rohmaterialien der Industrie. Der Staat und im Zusammenhang damit ein immer beträchtlicher Teil des Geldkapitals, dem ja wortwörtlich der Boden entzogen und der Atem geraubt wird, wenn es kein Bodeneigentum mehr, aber schon Gegenseitigkeit als sozialistisches Kapital gibt, sie werden, ehe es soweit ist, je mehr kapitalistischer Handel und kapitalistische Industrie durch die Konsumproduktivgenossenschaften ausgeschaltet werden, um so mehr zu den Bodenmagnaten halten. Der Boden wird den für ihren eigenen Konsum arbeitenden Genossenschaften nicht von selber zufließen, wird ihnen vielmehr seine Produkte verteuern oder geradezu sperren. Der Boden ist eben nur dem Scheine nach flüssig oder papieren, so wie umgekehrt das Kapital nur der Fiktion nach eine reale Größe ist; sowie es zur Entscheidung kommt, wird der Boden, was er wirklich ist: ein Stück physische Natur, das besessen und vorenthalten ist.

Um den Kampf gegen das Bodeneigentum kommen die Sozialisten nicht herum. Der Kampf des Sozialismus ist ein Kampf um den Boden; die soziale Frage ist eine agrarische Frage. Nun kann man erst sehen, was für ein ungeheurer Fehler die Proletariatstheorie der Marxisten gewesen ist. Keine Schicht der Bevölkerung wüßte, wenn es heute zur Revolution käme, weniger, was zu tun ist, als unsere Industrieproletarier. Überaus verlockend ist freilich für ihre Sehnsucht nach Erlösung - denn sie sehnen sich mehr nach Erlösung und Ausspannung, als daß sie wüßten, was für neue Beziehungen und Verhältnisse sie herstellen wollen - der alte Herweghsche Spruch: Mann der Arbeit aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, Wenn dein starker Arm es will. Verlockend ist dieses Wort, wie alles, was Tatsachen einen allgemeinen Ausdruck gibt und also logisch ist. Daß der Generalstreik ein furchtbares Durcheinander erzeugen müßte, daß die Kapitalisten, wenn die Arbeiter es nur ganz kurze Zeit aushalten könnten, kapitulieren müßten, ist völlig wahr.

Das aber ist ein großes "Wenn", und die Arbeiter sind sich heute kaum über die gewaltigen Schwierigkeiten ihrer Verproviantierung im Falle eines revolutionären Generalstreiks klar genug. Indessen trotzdem, ein umfassender und ungestümer Generalstreik mit heftiger Stoßkraft könnte ohne Frage den revolutionären Gewerkschaften entscheidende Macht geben. Am Tag nach der Revolution würden die Gewerkschaften von den Fabriken und Werkstätten in den Großstädten und Industriestädten Besitz ergreifen, müßten auch weiterhin für den Weltmarkt des Profits die nämlichen Produkte herstellen, würden den ersparten Unternehmergewinn unter sich teilen — und sich wundern, daß nichts herauskommt als Verschlechterung ihrer Lage, Stockung der Produktion und völlige Unmöglichkeit.

Es ist völlig unmöglich geworden, die Tauschwirtschaft des Profitkapitalismus direkt in die sozialistische Tauschwirtschaft überzuleiten. Daß es auf einmal nicht geht, versteht sich von selbst; würde versucht, es allmählich zu bewerkstelligen, so käme es zum fürchterlichsten Zerfall der Revolution, zu den wildesten Kämpfen der schnell entstehenden Parteien gegeneinander, zum wirtschaftlichen Chaos und zum politischen Cäsarismus.

Wir sind viel zu weit von Gerechtigkeit und Verstand in der Herstellung und Verteilung der Produkte entfernt. Jeder, der heute verzehrt, ist auf die ganze Weltwirtschaft angewiesen, weil sich zwischen ihn und seine Bedürfnisse die Profitwirtschaft eingebürgert hat. Die Eier, die ich esse, kommen aus Galizien, die Butter aus Dänemark, das Fleisch aus Argentinien und ebenfalls aus Amerika das Korn zum Brot, die Wolle meines Anzugs aus Australien, die Baumwolle meines Hemdes aus Amerika und so fort, das Leder und die dazu nötigen Gerbstoffe zu meinen Stiefeln, das Holz zu Tischen und Schränken und Stühlen und so immer weiter.

Die Menschen in unsern Zeiten sind Beziehungslose und Unverantwortliche geworden. Beziehung ist ein Zug, der die Menschen zueinander und der die Menschen zur Arbeit für die Herstellung ihrer Bedürfnisse bringt. Diese Beziehung, ohne die wir keine Lebendigen sind, ist veräußerlicht, ist verdinglicht worden. Es ist dem Händler gleich, womit er handelt, es ist dem Proletarier gleich, was oder woran er arbeitet; der Betrieb hat nicht den natürlichen Zweck, Bedürfnisse zu befriedigen; sondern den künstlichen, das Ding zu erwerben, in möglichst großen Massen und rücksichtslos und möglichst ohne Arbeit, d. h., da es Hexerei und Wunder nicht gibt, durch die Arbeit anderer, Unterworfener zu erwerben, durch das sich alle Bedürfnisse befriedigen lassen — das Geld.

Das Geld hat Beziehungen geschluckt und ist darum viel mehr als ein Ding. Das Kennzeichen eines Zweckdinges, das künstlich aus der Natur herausgearbeitet wurde, ist, daß es nicht mehr wächst, daß es nicht imstande ist, aus der Umwelt Stoffe oder Kräfte an sich zu ziehen, sondern daß es in Ruhe auf den Verbrauch wartet und in kürzerer oder längerer Frist verdirbt, wenn es nicht verbraucht wird. Was Wachstum hat, Selbstbewegung, Selbsterzeugung, ist ein Organismus. Und so ist denn das Geld ein künstlicher Organismus; es wächst, es gebiert Kinder, es vermehrt sich überall da, wo es ist, und ist unsterblich.

Fritz Mauthner ("Wörterbuch der Philosophie") hat gezeigt, daß das Wort "Gott" ursprünglich identisch ist mit Götze, und daß beides der "Gegossene" heißt. Gott ist ein von den Menschen gemachtes Erzeugnis, das Leben gewinnt, Leben der Menschen an sich zieht und schließlich mächtiger wird als all die Menschheit.

Der einzige Gegossene, der einzige Götze, der einzige Gott, den die Menschen je leibhaft zustande gebracht haben, ist das Geld. Das Geld ist künstlich und ist lebendig, das Geld zeugt Geld und Geld und Geld, das Geld hat alle Kräfte der Welt.

Wer aber sieht nicht, wer aber sieht heute noch immer nicht, daß das Geld, daß der Gott nichts anderes als der aus dem Menschen herausgetretene und zum lebendigen Ding, zum Unding gewordene Geist ist, daß es der zum Wahnsinn gewordene Sinn unsres Lebens ist? Das Geld schafft nicht Reichtum, das Geld ist Reichtum; ist Reichtum für sich; es gibt keinen Reichen als das Geld. Das Geld hat seine Kräfte und sein Leben irgendwoher; es kann sie nur von uns haben; und so reich und zeugungskräftig wir das Geld gemacht haben, so sehr haben wir uns verarmt und ausgesogen, uns alle. Geradeswegs wörtlich gilt es, daß Menschenfrauen zu Hunderttausenden darum nicht mehr Mütter werden können, weil das scheußliche Geld Junge wirft und das harte Metall Männern und Frauen die tierische Wärme und das Blut wie ein Vampyr aus den Adern saugt. Wir sind Bettler und Tröpfe und Toren, weil das Geld Gott, weil das Geld Menschenfresser geworden ist.

Sozialismus ist Umkehr; Sozialismus ist Neubeginn; Sozialismus ist Wiederanschluß an die Natur, Wiedererfüllung mit Geist, Wiedergewinnung der Beziehung.

Es gibt keinen andern Weg zum Sozialismus, als daß wir lernen und üben, wofür wir arbeiten. Wir arbeiten nicht für den Gott oder Teufel, dem sich die Menschen heute verschrieben haben, sondern für unsre Bedürfnisse. Wiederherstellung der Beziehung zwischen Arbeit und Verbrauch; das ist Sozialismus. Der Gott ist jetzt schon so gewaltig und allmächtig geworden, daß er nicht mehr durch eine bloße sachliche Umgestaltung, durch eine Reform der Tauschwirtschaft abzuschaffen ist.

Die Sozialisten also wollen wieder in Gemeinden zusammentreten und in den Gemeinden soll hergestellt werden, was die Gemeindemitglieder brauchen.

Wir können nicht auf die Menschheit warten; wir können auch nicht erwarten, daß die Menschheit sich für eine gemeinsame Wirtschaft, für gerechte Tauschwirtschaft zusammenschließt, solange wir in uns Individuen nicht das Menschtum gefunden und neugeschaffen haben.

Vom Individuum beginnt alles; und am Individuum liegt alles. Der Sozialismus, im Vergleich zu dem, was uns heute umgibt und umschnürt, ist die ungeheuerste Aufgabe, die sich Menschen je gestellt haben; mit äußeren Kuren der Gewalt oder der Klugheit ist er nicht zur Wirklichkeit zu machen.

Vieles ist da, woran wir anschließen können, was auch an äußeren Gestalten lebendigen Geistes noch Leben birgt. Dorfgemeinden mit Resten alten Gemeindebesitzes, mit den Erinnerungen der Bauern und Landarbeiter an die ursprüngliche Gemarkung, die seit Jahrhunderten in Privatbesitz gegangen ist; Einrichtungen der Gemeinwirtschaft für Feldarbeit und Handwerk. Das Bauernblut rauscht noch in den Adern vieler Stadtproletarier; sie sollen lernen, wieder darauf zu lauschen. Das Ziel, das noch sehr entfernte Ziel ist allerdings, was sich heute der Generalstreik nennt; die Weigerung, für andere, für den Reichen, für den Götzen und das Unding zu arbeiten. Generalstreik – aber freilich ein anderer, als der passive Generalstreik mit verschränkten Armen, der heute gekündet wird und der mit einem Trotz, dessen momentaner Erfolg sehr zweifelhaft und dessen endlicher Mißerfolg ganz unzweifelhaft ist, den Kapitalisten zuruft: Wir wollen sehen, wer's länger aushält! Generalstreik, jawohl, aber ein aktiver, und eine andre Aktivität ist hier gemeint als jene, die wohl auch manchmal mit dem revolutionären Generalstreik in Verbindung gebracht wird und die auf gut deutsch Plünderung heißt. Der aktive Generalstreik wird erst dann kommen und siegen, wenn die arbeitenden Menschen sich in den Stand gesetzt haben, nicht einen Deut ihrer Aktivität, ihrer Arbeit andern zu geben, sondern nur noch für ihren Bedarf, ihren wirklichen Bedarf zu arbeiten. Das hat gute Wege und ist lange hin – aber wer weiß denn nicht, daß wir nicht am Ende und nicht in der Mitte des Sozialismus stehen, sondern vor dem allerersten Anfang? Darum ist unsre Todfeindschaft gegen den Marxismus jeglicher Schattierung, weil er die arbeitenden Menschen abgehalten hat, mit dem Sozialismus zu beginnen. Das Zauberwort, das uns aus der versteinten Welt der Gier und der Not herausführt, heißt nicht Streik, sondern – Arbeit.

Landwirtschaft, Industrie und Handwerk, geistige und körperliche Arbeit, Unterricht und Lehrlingswesen sollen wieder vereinigt werden; sehr Wertvolles über die Methoden zu dieser Verwirklichung hat uns Peter Kropotkin in seinem Buche "Das Feld, die Fabrik und die Werkstatt" gesagt.

Die Hoffnung auf das Volk, das ganze Volk, auf all unsre Völker dürfen wir durchaus nicht aufgeben. Sie sind freilich heute keine Völker; an die Stelle von Volk, geistverbundenen Menschen, sind Staat und Geld getreten; da konnten auf der ändern Seite nur auseinandergefallene Menschenstücke übrigbleiben.

Volk kann erst wieder werden, wenn die einzelnen, die Vorausgehenden, die Geistigen mit Volk trächtig sind, wenn die Vorform des Volkes in den schöpferischen Menschen lebt und aus ihren Herzen, Köpfen und Händen zur Wirklichkeit verlangt.

Der Sozialismus ist nicht, wie man gewähnt hat, eine Wissenschaft, wenn auch vielerlei Wissen zu ihm wie zu jedem Abfall vom Aberglauben und Aberleben und zum Beschreiten des rechten Weges nötig ist. Wohl aber ist der Sozialismus eine Kunst. Eine neue Kunst, die im Lebendigen schaffen will.

Aus allen Schichten werden jetzt die Männer und Frauen aufgerufen, damit sie vom Volke fortgehen, um zum Volke zu kommen. Denn das ist die Aufgabe: nicht am Volk verzweifeln, aber auch nicht aufs Volk warten. Wer dem Volk, das er in sich trägt, Genüge tut, wer um dieses ungeborenen Keimes und dieser drängenden Phantasiegestalt willen sich mit seinesgleichen verbindet, um als Wirklichkeit zu schaffen, was sich immer zur Verwirklichung des sozialistischen Gebildes tun läßt, der geht vom Volke weg zum Volke hin.

Aus denen, die den tiefsten Ekel und die stärkste Sehnsucht und wahren Gestaltungsdrang in sich bergen, wird der Sozialismus eine Wirklichkeit, die anders aussieht je nach der Zahl derer, die sich zu ihm zusammentun. So wollen wir uns denn aneinander schließen und wollen darauf ausgehen, sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer, sozialistische Gemeinden zu gründen. Die Kultur beruht nicht auf irgendwelchen Formen der Technik oder der Bedürfnisbefriedigung, sondern auf dem Geiste der Gerechtigkeit.

Wer am Sozialismus tun will, muß aus dem Vorgefühl einer geahnten und doch ungekannten Freude und Seligkeit heraus ans Werk gehen. Alles müssen wir erst wieder lernen: die Freude der Arbeit, der Gemeinsamkeit, der gegenseitigen Schonung, alles haben wir vergessen und spüren es doch alles noch in uns.

Diese Siedlungen, in denen die Sozialisten sich nach Möglichkeit abschließen vom kapitalistischen Markt und nur soviel an Wert hinausexportieren, als sie noch von draußen hereinbekommen müssen, sind nur kleine Anfänge und Proben. Sie sollen hinausleuchten ins Land, damit über die volklosen Menschenhaufen der Neid komme, der Neid nicht auf Genußgüter oder Machtmittel, sondern der Neid auf die neue uralte Seligkeit der Zufriedenheit mit sich selbst, der Beglücktheit im Schoß der Gemeinde.

Der Sozialismus als Wirklichkeit kann nur erlernt werden; der Sozialismus ist wie jedes Leben ein Versuch. Alles, was wir dichterisch heute schon in Worten und Beschreibungen zu gestalten versuchen: die Abwechslung in der Arbeit, die Rolle der geistigen Arbeit, die Form des bequemsten und unbedenklichsten Tauschmittels, die Einführung des Vertrags an die Stelle der Justiz, die Erneuerung der Erziehung, all das wird Wirklichkeit werden, indem es verwirklicht wird, und wird durchaus nicht nach einer Schablone geordnet werden.

Dankbar aber werden wir dann derer gedenken, die schon im Denken und der Phantasie vorausgelebt haben, Gemeinden und Länder des Sozialismus in gegliederten Gestalten geschaut haben. Die Wirklichkeit wird anders aussehen als ihre individuellen Gestaltungen; aber die Wirklichkeit wird von diesen ihren Bildern abstammen.

Gedenken wir hier noch einmal Proudhons und all seiner scharf umgrenzten, nie ins Nebulose sinkenden Gesichte aus dem Lande der Freiheit und des Vertrags; gedenken wir manches Guten, was Henry George, Michael Flürscheim, Silvio Gesell, Ernst Busch, Peter Kropotkin, Elisee Reclus und viele andre geschaut und beschrieben haben. Wir sind die Erben der Vergangenheit, ob wir wollen oder nicht; schaffen wir in uns den Willen, daß die kommenden Geschlechter unsre Erben seien, daß wir mit allem, was wir leben und tun, in die kommenden Geschlechter und in die uns umgebenden Menschenmassen hineinwirken.

Das ist nun ein völlig neuer Sozialismus, ein wieder einmal neuer; neu für unsre Zeit, neu im Ausdruck, neu im Anschauen der Vergangenheit, neu auch in mancher Stimmung. Neu umblicken müssen wir uns nun auch in dem, was ist: die Menschen-Schichten, die Einrichtungen und Überlieferungen müssen wir neu betrachten. Ganz anders sehen wir nun die Bauern, und wir wissen, was für eine ungeheure Aufgabe uns da gelassen wurde, zu ihnen zu sprechen, bei ihnen zu leben und das lebendig zu machen, was in ihnen verkalkt und verstaubt ist: die Religion; nicht den Glauben an irgendwelche äußere oder obere Mächte, sondern den Glauben an die eigene Macht und die Vervollkommnung des einzelnen Menschenwesens, solange es lebt. Was haben sie immer den Bauern gefürchtet und seine Liebe zum Bodenbesitz! Die Bauern haben nicht zu viel Boden, sondern zu wenig, und nicht nehmen muß man ihnen, sondern geben. Geben muß man ihnen wie allen freilich auch erst wieder den Gemein- und Gemeindegeist; aber er ist in ihnen nicht so verschüttet wie in den Stadtarbeitern. Die sozialistischen Siedler sollen sich nur in den vorhandenen Dörfern ansiedeln, und es wird sich zeigen, daß sie wieder lebendig zu machen sind und daß der Geist, der im 15. und 16. Jahrhundert in ihnen war, auch heute noch wieder erwachen kann.

Von diesem neuen Sozialismus gilt es mit neuen Zungen den Menschen zu reden. Hier wird ein erster und anfänglicher Versuch gemacht; wir werden es noch besser lernen, wir und andere; wir wollen die Genossenschaften, welche sozialistische Form ohne Geist sind, wir wollen die Gewerkschaften, welche Tapferkeit ohne Ziel sind, zum Sozialismus, zu großen Versuchen bringen. Ob wir wollen oder nicht, wir werden nicht beim Reden bleiben; wir werden weitergehen. Wir glauben nicht mehr an den Strich zwischen Gegenwart und Zukunft; wir wissen: "Hier oder nirgends ist Amerika!" Was wir nicht jetzt, im Augenblick tun, tun wir gar nicht.

Wir können unsern Konsum vereinigen und vielerlei Zwischenschmarotzer ausschalten; können eine große Anzahl Handwerke und Industrien zur Herstellung von Gütern für unsern eigenen Verbrauch gründen. Viel weiter können wir darin gehen, als bisher die Genossenschaften gegangen sind, die immer noch den Gedanken an die Konkurrenz mit den kapitalistisch geleiteten Betrieben nicht loswerden. Sie sind bürokratisch, sie sind zentralistisch; und sie wissen sich nicht anders zu helfen, als daß sie sich zu Arbeitgebern machen und mit ihren Arbeitnehmern durch Vermittlung der Gewerkschaften Verträge schließen. Es fällt ihnen nicht ein, daß in der Konsumproduktivgenossenschaft jeder in echter Tauschwirtschaft für sich selber arbeitet; daß in ihr nicht die Rentabilität, sondern die Produktivität der Arbeit entscheidet; daß manche Betriebsform, z. B. der Kleinbetrieb durchaus produktiv und dem Sozialismus willkommen ist, auch wenn er im Kapitalismus nicht rentabel wäre.

Wir können Siedlungen gründen, die freilich nicht auf einen Schlag, nicht ganz und gar dem Kapitalismus entronnen sind. Wir wissen aber jetzt, daß der Sozialismus ein Weg ist, Weg aus dem Kapitalismus weg, und daß jeder Weg einen Anfang hat. Der Sozialismus wird nicht aus dem Kapitalismus heraus-, er wird dem Kapitalismus entgegenwachsen, wird sich ihm entgegenbauen.

Mittel zum Erwerb des Bodens und die ersten Betriebsmittel für diese Siedlungen erlangen wir durch die Vereinigung unseres Konsums, durch die Gewerkschaften und Arbeiterbünde, die sich uns anschließen, und durch solche Reiche, die entweder ganz zu uns stoßen oder uns wenigstens Mittel geben. Ich scheue mich gar nicht, das alles zu erwarten und diese Erwartung auszusprechen. Der Sozialismus ist Sache all derer, die unter dem Furchtbaren, das um uns und in uns ist, leiden; und viele aus allen Schichten werden bald viel größeres Leid tragen, als heute einer ahnt. Nichts Besseres im Sinne des Anstands und der eigenen Erlösung kann einer mit eigenem Gelde, können auch die Arbeitervereine mit ihrem Gelde tun, als es ein für allemal wegzugeben und dafür Land für den Anfang des Sozialismus frei zu machen. Dem Land, wenn es einmal frei ist, sieht es keiner an, und es selber spürt es nicht, daß es gekauft worden ist. Nur nicht zimperlich, Arbeiter: ihr kauft Schuhe, Hosen, Kartoffeln, Heringe; wäre es nicht für den Anfang schön, wenn ihr, arbeitende und leidende Menschen, gleichviel, welche Rollen euch bisher zugewiesen waren, eure Kraft zusammenwerfen wolltet, um euch vom Unrecht loszukaufen und auf eigenem Grund fernerhin das meiste, was ihr braucht, für eure Gemeinschaft selber zu arbeiten?

Vergessen wir nicht: sind wir im rechten Geiste, so haben wir alles, was wir für die Gesellschaft brauchen, alles außer dem einen: Land. Der Landhunger muß über euch kommen, Großstadtmenschen!

Sind überall im Lande, im Norden, Süden, Osten und Westen, in allen Provinzen sozialistische Siedlungen mit Eigenkultur in die Gemeinheit der Profitwirtschaft hineingesprengt, die gesehen werden, deren Lebensfreude unerhörter, wenn schon stiller Art gespürt wird, dann summt der Neid stärker und stärker, dann, glaube ich, regt sich das Volk, dann beginnt das Volk zu erkennen, zu wissen, die Sicherheit zu haben: es fehlt nur eines von Äußerem, um sozialistisch, gedeihlich, selig zu leben: der Boden. Und dann werden die Völker den Boden frei machen und nicht mehr für den Götzen, sondern für den Menschen arbeiten. Dann! Fanget nur erst an; fanget beim Kleinsten an und mit der kleinsten Schar!

Der Staat, d. h. die Massen, die noch nicht bei der Erkenntnis sind, die Schichten der Bevorzugten und deren beider Vertreter, die Regierungs- und Verwaltungskaste, werden den Beginnenden die größten und die kleinlichsten Hindernisse in den Weg legen. Wir wissen es.

Die Zerstörung aller Hindernisse kommt, wenn sie wirkliche Hindernisse sind, wenn wir nämlich ganz dicht, so daß nicht der kleinste Zwischenraum mehr ist, bis zu ihnen herangerückt sind. Jetzt sind sie nur Hindernisse der Voraussicht, der Phantasie, des Bangens. Wir sehen schon: das und das und das wird man uns, wenn's erst soweit ist, in den Weg legen - und tun einstweilen lieber gar nichts.

Lassen wir's doch erst soweit sein! Gehen wir wenigen doch voran, damit wir die vielen werden. Dem Volk kann niemand Gewalt antun als eben dieses Volk selber. Und große Teile des Volkes halten zum Unrecht und zu dem, was ihnen selber an Leib und Seele Schaden tut, weil unser Geist nicht stark, nicht ansteckend genug ist.

Unser Geist muß zünden, muß leuchten, muß verlocken und an sich ziehen.Das tut nie die Rede allein; auch die gewaltigste, die zürnendste, die sanfteste nicht.Das tut allein das Beispiel.Das Beispiel der Vorausgehenden müssen wir geben.Beispiel und Opfermut! In der Vergangenheit, heute und morgen werden der Idee Opfer um Opfer gebracht: immer um der Auflehnung, immer um der Unmöglichkeit willen, so zu leben.

Jetzt gilt es, dazu noch Opfer andrer Art zu bringen, nicht heroische, sondern stille, unscheinbare Opfer, um für das rechte Leben ein Beispiel zu geben. Dann werden aus den wenigen viele werden, und auch die vielen werden wenige sein. Hunderte, Tausende, Hunderttausende - zu wenig, zu wenig! Und es werden mehr und sind immer noch zu wenig. Aber doch werden die Hindernisse überwunden; denn wer im rechten Geiste baut, zerstört im Bauen die stärksten Hindernisse.

Und endlich, endlich wird der Sozialismus, der so lange geglüht und geflammt hat, endlich wird er leuchten. Und die Menschen, die Völker werden mit großer Sicherheit wissen: sie haben den Sozialismus und die Mittel, ihn zu verwirklichen, ganz und gar in sich und zwischen sich und nichts fehlt ihnen als dieses eine: Land! Und sie werden das Land frei machen; denn niemand hindert das Volk mehr, da das Volk sich selbst nicht mehr im Wege steht.

Die werden aufgerufen, die tun wollen, was ihre Kraft vermag, um diesen Sozialismus zu schaffen. Nur die Gegenwart ist wirklich, und was die Menschen nicht jetzt tun, nicht sofort zu tun beginnen, das tun sie in alle Ewigkeit nicht. Es gilt das Volk, es gilt die Gesellschaft, es gilt die Gemeinde, es gilt Freiheit und Schönheit und Freude des Lebens. Wir brauchen Rufer im Streit; wir brauchen alle, die von dieser schaffenden Sehnsucht voll sind; wir brauchen Täter. Die Täter, die Beginnenden, die Erstlinge werden aufgerufen zum Sozialismus.

Wer es nicht in den Stunden, in denen diese Worte und ihr Gefühl nun zu ihm gesprochen haben, schon gehört hat, dem sei es jetzt zum Abschied gesagt: wie wir so manchen gewohnten Klang in den Mund genommen haben, um nur erst einmal zu den Menschen sprechen zu können, und solche vorläufigen, landläufigen Worte dann als falsch angewandt oder ungenügend im Ausdruck zur Seite legten, so mag es auch einmal diesem Wort gehen: Sozialismus. Vielleicht ist dieser Aufruf auch dazu der Anfang eines Weges, ein besseres, ein tiefer heraufgeholtes, ein weiterhin weisendes zu finden. Schon jetzt aber soll jeder wissen: nichts hat unser Sozialismus gemein mit schmatzender Behaglichkeit oder der Sucht nach schäferisch ungestörtem Idyll und einem breiten Leben, das nur der Wirtschaft, der Arbeit für des Lebens Notdurft gewidmet wäre. Viel war hier von der Wirtschaft die Rede; sie ist die Grundlage unsres Selbanderlebens und soll einmal so die Grundlage sein, daß nicht mehr so viel davon die Rede zu sein braucht. Gruß euch, ihr Schweifenden, ihr Rastlosen, ihr Wanderer und Landstreicher und Pflastertreter, die ihr kein Wirtschaften und kein Einfügen in diese unsre Zeit vertraget. Gruß euch, ihr Künstler, die ihr über den Zeiten gestaltet. Gruß auch euch, ihr Krieger alter Zeiten, die ihr nicht wolltet, daß das Leben in der Ofenröhre verhutzle! Was heute an Krieg und Schwerterklang und Wildheit in der Welt ist, ist fast allewege nur noch verfratzte Maske über öde und Gier; Haltung, Treue und Ritterlichkeit sind wunderselten geworden. Gruß auch euch, ihr Stammler, ihr Schweigenden, die ihr im Tiefsten, von wo kein Wort herausrollt, die Ahnung berget: unbekannte Größe, ungesagte Kämpfe, inniges Seelenleid, wilde Wonnen und Wehen werden hinfür der Menschheit Teil sein, der einzelnen wie der Völker. Ihr Bildner, ihr Dichter, ihr Musiker, ihr wisset davon und aus euch reden schon die Stimmen von Gewalt und Inbrunst und Süßigkeit, die aus neuen Völkern herausblühen sollen. Zerstreut in all unsrer Wüstheit leben die jungen Menschen, die festen Männer, die geprüften Greise, die holden Frauen; mehr als sie es selber schon wissen, leben da und dort die Menschen, die Kinder sind; und in ihnen allen lebt Glaube und Sicherheit von großer Freude und großem Schmerz, der einst die Geschlechter der Menschen neu packen und gestalten und vorwärts schicken wird. Schmerz, heiliger Schmerz: komm, o komm nur erst in unsre Brust! wo du nicht bist, kann nimmermehr Friede sein. Alle ihr - oder seid ihr denn gar so wenige? - alle, in denen der Traum lächelt und weint, alle, die ihr Taten atmet, alle, die Jubel tief hinuntergesenkt in sich spüren, alle, die Verzweifelte sein möchten aus Grund und Wahn und echter Not, nicht für die Lumperei aus Blödsinn und Niedertracht, die uns heute umgarnen und sich auch Elend und Not heißen, alle, die heute einsam sind und Form, das heißt aber: Bild und Rhythmus gesammelter Gestaltungskraft in sich tragen, alle, die den Befehl aus sich herauslassen können: im Namen der Ewigkeit, im Namen des Geistes, im Namen des Bildes, das wahr und Weg werden will, die Menschheit soll nicht verrecken, der graugrüne, dicke Schlamm, der heute bald Proletariat, bald Bürgervolk, bald Herrenkaste heißt und der überall, oben und unten, nichts ist als ekles Proletariat, dies gräßlich widerliche Menschenzerrbild der Gier, der Sattheit und der Erniedrigung, soll sich nicht länger regen und räkeln, soll uns nicht länger beschmutzen und ersticken dürfen: sie alle werden gerufen.

Ein erstes Wort ist dies. Noch viel ist zu sagen. Es soll gesagt werden. Von mir und von den andern, die hier gerufen werden.

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2012 wurde dieser Text Gustav Landauers als Buch neu aufgelegt. Er erschien im Synergia Verlag mit einem Vorwort von Dr. Michael Günther (ISBN: 978-3-939272-53-3, 160 Seiten, 12,9.- Euro)

Originaltext: http://www.twokmi-kimali.de/texte/Landauer_Aufruf_zum_Sozialismus.htm

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