Gustav Landauer - Lernt nicht Esperanto! (1907)

Der Herausgeber der „Freien Generation“ hat in der vorigen Nummer seine Leser aufgefordert, die so genannte Esperantosprache zu erlernen. Hätte er geschrieben, es sei dringend zu raten, einmal im Jahr Goethes Faust zu lesen, ich weiß nicht, ob das viel Erfolg gehabt hätte. Aber ich bin überzeugt, dass eine ganze Zahl Leser auf Grund dieses kurzen Satzes von Pierre Ramus, bis diese Zeilen gedruckt werden, schon Abend für Abend über einem Esperanto-Lehrbuch sitzen. Die Menschen im Allgemeinen sind so und die Radikalen insbesondere, dass jede Verkehrtheit Anhänger, und zwar sehr oft fanatische Anhänger, unter ihnen findet. Das kommt daher, dass die Verkehrtheiten vom Verstand ersonnen sind und sich an den Verstand wenden. Der Geist hat zwei schlimme Feinde, erstens, die Dummheit, und zweitens, den Verstand. Oft finden sie sich vereinigt in Form kluger Geistlosigkeit; die hat auch das Esperanto erfunden. Unter Anarchisten scheint es ganz besonders nötig, darauf hinzuweisen, dass die Dinge, auf denen das Leben der Einzelnen und das Miteinanderleben der Menschen beruht, nicht erfundene und gemachte sind, sondern gewachsene. Gewachsen ist die Gesellschaft und das natürliche, freiwillige Zusammenschließen der Menschen, das jetzt von einem elenden Kunstprodukt, dem Staat, überwuchert ist. So etwas Gewachsenes sind auch die Sprachen und Dialekte der Völker. Dass die Volkssprachen den Nationalstaaten oft zum Vorwand von Feindseligkeiten dienen, ist schlimm; schlimmer aber wäre, wenn die Menschen glaubten, die Verschiedenheit der Sprache, d.h. eine unausrottbare, tatsächliche Verschiedenheit, die nicht nur zwischen den Völkern, sondern zwischen allen einzelnen Menschen besteht – jeder Mensch spricht, denkt, empfindet anders als der andere – sei an ihrer Uneinigkeit schuld. Die Menschen verstehen sich und können sich verständigen, weil sie ungleich sind; wenn sie gleich wären, wäre einer dem anderen und jeder sich selbst verhasst und ekelhaft; und eine solche Gleichheitsphantasie ist überhaupt unmöglich und widerwärtig.

Die Verschiedenheit der Sprachen ist also gar nichts, was wir zu bedauern haben; und noch weniger etwas, was wir abschaffen könnten. Abschaffen helfen sollen wir die Zustände, die es dem Menschen verwehren, sich die Kenntnis fremder Sprachen zu erwerben. Die Anarchisten sind doch sonst so streng gegen Palliativmittel und Besserungsversuche innerhalb von Staat und kapitalistischer Gesellschaft; das Esperanto ist nichts anderes als so ein Flickwerk, und dazu noch ein hässliches, unnützes und gefährliches.

Denn nur die Plumpheiten, Trivialitäten und Gewöhnlichkeiten einer Sprache lassen sich in einem Kunstprodukt ausdrücken; und vor allem nur das Alte und Wiedergekäute, niemals das Neue und Gärende, Entstehende, Geniale. Die Sprache lebendig, nicht nur gewachsen, sondern wachsend; sie enthält eine unendliche Vergangenheit, vor allem aber auch die Zukunft; das künstliche Gemächte ist nichts worin der Mensch weiterdenken und Neues schaffen kann; es ist ja nur eine Übersetzung des Breitgetretenen, und das Wichtigste, das Feinste, das Unaussprechliche lässt sich darin nicht sagen. Die gewachsenen Sprachen können das: Zwischen den Worten lebt da gar vieles, was unsäglich und unaussprechlich ist. Esperanto aber kann nichts anderes sein als Schwätzen.

Aber selbst zu rein praktischen Zwecken, etwa als Kongresssprache, ist es untauglich und gefährlich. Wenn der Franzose Esperanto spricht, hat er natürlich französisch gedacht und spricht nun in der angeblichen Gemeinsprache nur Erinnerungen an seine Heimatsprache. Der Deutsche oder Engländer aber versteht das, was er in Esperanto hört, nicht auf Esperanto oder Französisch, sondern auf Deutsch Englisch. Was entsteht daraus? Nichts anderes als dass die Menschen glauben sich zu verstehen, während sie sich in Wahrheit missverstehen. Es ist aber viel besser, dass die Menschen gar nicht verstehen, als dass sie sich missverstehen, ohne es zu merken. Und ebenso schlimm oder schlimmer wäre es, wenn solche Kongressteilnehmer nur Trockenheiten und die Verstandeswahrheiten einander sagten, die sich in Esperanto ausdrücken lassen, wenn all der Dunst, all das Unbestimmte, all die Nuance verloren ginge, all das zitternde Gefühl, das nur in der Volks- und Herzenssprache zum Ausdruck kommen kann. Nichts tut dem Anarchismus mehr Not als dass er sich in die Tiefen des Geistes und des Gemütes senkt, in die Innerlichkeit und den Charakter, in die Selbstverständlichkeit und die Natur des Menschen. Dahin kommt nie eine Kunstsprache.

Ich erinnere mich an die Züricher Anarchistenkonferenz vom Jahr 1893. Da sprach z.B. der italienische Genosse Molinari, groß, feurig, wild, mit überaus eindrucksvollen Bewegungen der Arme und Hände, mit prachtvollem Ausdruck der Augen und Gesichtsmuskeln. Dieser prächtige Erguss eines Leidenschaftlichen, von dessen Sätzen, die wie ein Wasserfall strömten und schäumten, ich kein Wort verstand, wurde dann von dem verstorbenen Genossen Korner in seiner sanften leidenschaftlichen Art ins Deutsche übersetzt. Und nun verstand ich alles; verstand nicht nur die brausende, liebenswürdige Oberflächenwut des Italieners, sondern auch die tiefere, verhaltene, melancholische Ruhe seines Verfassers. Es wäre mir eine unglaublich komische Vorstellung, wenn ich denken sollte, Molinari hätte esperantisch geredet. Dann würde mir ein Erlebnis, ein Stück Leben fehlen. Und wie gut verstanden wir, Deutsche, Franzosen, Engländer, Italiener uns damals!

Was war das in der goldenen Jugendzeit für ein Umarmen, was für Blicke in die Augen, forschend, verstehend, nickend, stammelnd und doch so überaus beredt! Dafür, für diese holden Erinnerungen ans Verstehen und Einigsein im Grund der Gefühle, der Naturen, das Esperanto eintauschen? Pfui Teufel!

Einen anderen Vorschlag habe ich denen, die die Zeit hätten, Esperanto zu lernen. Eine Sprache sollen sie lernen, und zwar zunächst ihre eigene, die Deutschen Deutsch, die Engländer Englisch usw. Man verstehe das nicht hochmütig, ich lerne noch Tag für Tag mein Deutsch, nicht in der Grammatik, sondern in den Werken der großen Dichter und Denker. Und wer das mit Liebe übt und noch immer Zeit findet, der lernt seine deutsche Sprache am besten in all ihren Feinheiten und Innigkeiten kennen, wenn er noch eine fremde Sprache dazu lernt und sich so kurz wie möglich bei der Grammatik aufhält und möglichst bald mit Lesen beginnt. Nicht sich ans Übersetzen gewöhnen! Das ist von größtem Schaden und darf erst viel später kommen, sondern in der fremden Sprache lesen, d.h. denken und empfinden. Also mein Rat ist: Übt Euch im Denken und Empfinden, das will geübt sein: Übt Euch in den Feinheiten und Innigkeiten gewachsener Sprachen, vor allem und immer der Eigenen; und lernt nicht Esperanto.

Aus: Die Freie Generation, Bd. 2, H. 5, November 1907, S. 147-150.

Originaltext: http://raumgegenzement.blogsport.de/2009/10/14/gustav-landauer-lernt-nicht-esperanto-1907/

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