Elaine Leeder - Anarcha-Feminismus (1979)

Man sagt, daß Frauen oft Anarchismus praktizieren, ohne es zu wissen, während manche Männer sich selbst Anarchisten nennen, ohne das zu praktizieren. (...)

Ein politischer Zwitter?

Es gibt eine Anzahl Feministinnen, die den unserer Entwicklung inhärenten Anarchismus erkannt und in Gruppenarbeit begonnen haben, zu lernen und zusammenzuwachsen als Anarcha-Feministinnen. Dieser "Zwitter" entwickelte sich aus den späten 60ern heraus, als viele von uns in von Männern dominierten, nach "Wettbewerb" und Hierarchie aufgebauten Massenorganisationen tätig waren. Zu der Zeit (und bis heute auch in der anarchistischen Literatur) wurde den Frauen gesagt, im Interesse der und für die große Bewegung zu arbeiten. Stattdessen bildeten wir kleine Selbsterfahrungsgruppen, die die persönlichen Fragen und Probleme unseres Lebens behandelten. Es waren spontane, auf "direkte Aktion" zielende Gruppen: und für uns selbst organisiert. Sie ähnelten stark bestimmten Gruppen des Spaniens von vor 1936 und ließen sich als "affinity-groups" bezeichnen.

Diese "affinity-groups" gründeten sich auf gemeinsame Interessen und waren gekennzeichnet durch ein demokratisches Verfahren, in dem und durch das die beteiligten Frauen Information und Wissen teilten. Diese Gruppen setzten sich im allgemeinen aus weißen Frauen der Mittelklasse zusammen, die sich oft zum ersten Mal in einer Situation befanden, in der sie nicht miteinander zu konkurrieren brauchten.

Dritte-Welt- und Arbeiterklasse-Frauen waren normalerweise an solchen Gruppen nicht beteiligt; was auch heute noch die anarcha-feministischen Gruppen kennzeichnet. Was sich durch die Tatsache erklären läßt, daß diese Frauen - ausgebeutet als Arbeitskräfte und Minderheiten - mehr von Fragen und Aufgaben des Überlebens beansprucht waren.

Feministische Theorie

Aus diesen frühen Anfängen entwickelte sich langsam eine feministische Theorie. Einige von uns in diesen kleinen Gruppen begannen, politische Theorie zu studieren und entdeckten den unserem Feminismus innewohnenden Anarchismus. Wir fingen an mit dem Gebrauch einer anarchistischen Analyse, die uns bei der Entwicklung einer Theorie und Strategie der Gesellschaftsveränderung helfen sollte. Wir machten uns klar, daß das Patriarchat eine von Männern beherrschte Hierarchie ist und daß die Kleinfamilie diese Hierarchie am Leben hält. Die Familie, so entdeckten wir, lehrt uns, Gott, den Lehrern, dem Chef und jedem sonst noch "Übergeordneten" zu gehorchen. Sie drillt uns auf Wettbewerb, Verbrauch um jeden Preis, Isolation und den Umgang miteinander in einem Subjekt-Objekt-Verhältnis. Kleinfamilien, so wissen wir nun, sind die Basis aller hierarchischen, autoritären Systeme; und als Konsequenz: der Kampf gegen das Patriarchat ist ein Kampf gegen alle Formen der Hierarchie. Wenn wir die Natur der Kleinfamilie verändern, können wir auch beginnen, alle Formen des Führertums, der Herrschaft und der Regierung zu ändern.

Lineares Denken

Als ein Ergebnis dieser Form des Denkens legen Feministinnen nun Wert auf andere Wege, sich den Dingen zu nähern. Wir dürfen die Welt nicht länger nach dem Schema linearen Denkens sehen: rational gegen gefühlsmäßig, Verstand gegen Körper, Logik gegen Intuition. Wir haben begonnen, die Dinge, die Welt in einem Kontinuum als etwas Zusammengehöriges zu betrachten, statt sie in dualistische, auf Wettbewerb orientierte Teile zu "ordnen". Wenn mensch sich der Welt konsequent auf diese Art nähert, wird klar, daß und warum Anarcha-Feministinnen nicht einen gleichen Anteil an der Macht für die Frauen fordern; stattdessen, daß alle Machtbeziehungen abzuschaffen sind. Wir wollen keine Frau als Präsidenten, wir wollen überhaupt keinen Präsidenten. Für uns ist "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" keine Kernfrage: Hierarchien und Machtverteilung dagegen sind es.

Anarchismus

Es ist schon viel geschrieben worden über die Gemeinsamkeiten von Anarchismus und Feminismus. Beide, Anarchismus und Feminismus, ermutigen spontanen Wandel und freie Vereinigung. Beide sehen die Notwendigkeit von Massenbewegungen, aber nicht von Avantgarden und Führern. Beide ermutigen Wandel: von unten, nicht von oben. Anarchismus sieht als Feind den Staat; Feminismus sieht den Feind im Patriarchat. Anarcha-Feministinnen sehen beides als das gleiche an: Patriarchat ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil des Staates. Wir bekämpfen denselben Feind an verschiedenen Stellen des zusammengehörenden Ganzen.

Feministische Gruppen folgen oft anarchistischen Prinzipien. Einige von uns haben die Beziehung diskutiert; andere haben es nicht - aber der Zusammenhang ist noch da, ob nun bewußt oder nicht. Unsere Gruppen sind im allgemeinen klein, und manchmal werden Verbindungen gebildet, um mit anderen bei bestimmten Fragen zusammenzuarbeiten und -handeln. Das läßt sich dem anarchistischen Föderationskonzept vergleichen.

In den Gruppen bemüht frau sich, sich bei den Aufgaben abzuwechseln und an Erfahrungen teilhaben zu lassen, sodaß die Macht niemals nur bei ein- und derselben Person liegt. Entsprechend anarchistischen Grundsätzen gibt es gleichen Zugang zu allen Informationen. Die Gruppen sind freiwillig und zweckgerichtet, nichthierarchisch, Selbstdisziplin ist daher unerläßlich. Die Unerfahrenen werden gedrängt, Führungspositionen (so nötig) zu übernehmen, und die "geborenen" Führer vermitteln ihre Fähigkeiten denen, die auf bestimmten Gebieten nicht so kenntnisreich sind. Wir arbeiten in diesen Gruppen daran, die Revolution jetzt, in unserem täglichen Leben zu praktizieren.

Wir diskutieren die unmittelbare Erfahrung der Unterdrückung von Macht im Verhältnis von uns und denen, mit denen wir leben, und arbeiten an den Alltagsproblemen, in denen wir Unterdrückung erfahren, eben nicht an den theoretischen, abstrakten Ideen von Revolution.

Entstehen zwischen uns Konflikte, versucht jede von uns, ihre Selbstdisziplin zur Anwendung zu bringen und sich jeweils in die Lage der anderen zu versetzen. Ich habe in anarcha-feministischen Kleingruppen selten Zwang erfahren. Stattdessen teilen wir Ideen, unterstützen die Vorstellungen der anderen, sind dennoch anderer Meinung (ohne unbedingt zuzustimmen), argumentieren und arbeiten unsere Unterschiede heraus. Abweichende Meinung wird akzeptiert, angehört, und wir versuchen, von ihr zu lernen. Mitunter gibt es Ansichten, gegen die Einwände erhoben werden, was durch eine Debatte gelöst wird. Das wird allgemein verstanden, denn viele von uns sind sich darüber klar, daß diese Konflikte die Folge unterschiedlicher Lebenserfahrungen sind. (...)

Möglichkeit abweichender Meinungen gibt es deshalb, weil im Laufe der Zeit gegenseitiges Vertrauen und Respekt gewachsen sind. Dies Vertrauen in größeren Gruppen zu entwickeln, ist ein schwieriges Unterfangen; vielleicht erklärt das, warum wir uns beständig mehr zu kleineren Gruppen hingezogen fühlen. Wir haben gelernt, daß Kommunikation essentiell ist und wir nur dadurch unsere Differenzen hinter uns bringen können. Und Konflikte können sich ereignen und tun das auch regelmäßig, weil wir erfahren haben, daß und wie wir sie überwinden.

Sexismus

Weil wir die Notwendigkeit erfahren haben, im täglichen Leben die verschiedenen Formen des Sexismus zu bekämpfen, halten es einige von uns auch für unumgänglich, Männern entgegenzutreten (- Anarchisten wie anderen -), die in ihrem persönlichen Leben nicht praktizieren, was sie im politischen Leben predigen. Einige von uns haben sich bemüht, gemischte politische Organisationen wiederaufzubauen, um so Intuition, Emotion, Spontaneität und andere feministische Grundhaltungen mit anderen als Feministinnen erfahren zu können. In einigen dieser gemischten Gruppen haben wir versucht, den unwillkürlichen - nicht so von Überlegung bestimmten - Entscheidungsfindungsprozeß einzuführen, der sonst in Frauengruppen üblich ist.

Es ist mir aufgrund meiner Erfahrungen mit Frauen in unterschiedlichen Gruppen klar, daß die Zeit für Feministinnen gekommen ist, den Anarchismus in unserem Feminismus offenzulegen und zu artikulieren. Wir müssen ihn beim Namen nennen und anfangen, ihn als eine gangbare und akzeptable Alternative zu schaffen. Das Wort Anarchismus braucht nicht länger nur geflüstert zu werden. Wir leben es jetzt bereits in unseren kleinen Gruppen. Der nächste Schritt ist, uns selbst und andere auch wissen zu lassen, wer und was wir denn sind, und welches unsere Vorstellung für heute und für die Zukunft ist.

Aus: Open Road, Vancouver/Kanada, Nr. 10/Summer 1979; Hier: Galgenvogel. Internationale Anarchistische Vierteljahresschrift, Frankfurt/M., Nr. 1 (1980), S. 4-5

Originaltext: Degen, Hans-Jürgen: „Tu was du willst“. Anarchismus – Grundlagentexte zur Theorie und Praxis. Verlag Schwarzer Nachtschatten 1987. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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