Leah Feldmann - zwischen Machnow und Ben Gurion

Ich fragte dich: "Die Juden, sind das die, die Jesus umgebracht haben?"/ Du sagtest: "Aber ja!"/   Da fragte ich dich: "Die Anarchisten, sind das die, die Bomben legen, um Leute umzubringen?"/ Du sagtest: "Aber ja!"/  Ich fragte dich, ob ich als Erwachsener Jude sein würde / Du sagtest: "Aber nein!"/ Da fragte ich dich, ob ich als Erwachsener Anarchist sein würde / Du sagtest: "Aber nein!"/ Dann hast du hinzugefügt, Mama, dass ich gut sei, und hast mich umarmt. (Fernando Arrabal)

Der Anarchismus ist eigentlich unvereinbar mit dem jenseitigen Glauben an eine Lösung – und noch weniger, wenn es den autoritären Charakter eines messianischen Glaubens hat. Nur wenige konnten zwischen den beiden einen Zusammenhang konstruieren, konnten ableiten zwischen der konkreten Utopie, der praktischen Möglichkeit antiautoritärem und freiheitlichem Handeln und dem Abstrakten aus der „Kabbala“ abgeleiteten Paradies durch die Ankunft des Messias.

Für die Menschen, die auf Grund ihrer jüdischen Herkunft Ende des 19. Jhdt verfolgt und ermordet wurden, überall nicht anerkannt, auch in wirtschaftlich sehr schlechten Situationen, in eigenen Familien in patriarchalische, traditionelle Zwänge gebunden, war der Wunsch nach Emanzipation und Freiheit ganz im Diesseits angelegt. Und viele brachen aus, aus dem durch Verfolgung und Enge geprägten Alltag, begeisterten sich anfangs für die Aufklärungsbewegung der „Haskala“, oder gingen in die westeuropäischen Länder, wo sie – dort nun proletarisiert – mehr und mehr mit den anarchistischen Ideen in Berührung kamen.

Lea Feldmann, 1899 in Warschau geboren, begeisterte sich schon als Schülerin für anarchistische Gruppen. Zu dieser Zeit waren deren Versammlungen in Polen verboten und Leas Mutter, eher besorgt, versteckte immer wieder ihre Schuhe, um sie am Besuch dieser Treffen zu hindern. Irgendwann lief Lea ihr davon und ging zu ihrer Schwester, die damals im Londoner Eastend wohnte.

Das Londoner Eastend war im 19. Jh. mehr und mehr zu einem Armenviertel geworden. Die Arbeit in den Fabriken, vorwiegend in der Textilindustrie, hart und schlecht bezahlt. Lea arbeitete als Näherin und nahm schnell Kontakt zu der dort wirkenden jiddischsprechenden anarchistischen Bewegung auf. In dieser Zeit gab Rudolf Rocker dort den „Arbeiterfreund“ heraus.

Die Revolution 1917 zog viele dieser Anarchist*innen nach Russland. Auch Lea hatte sich auf den Weg gemacht, war aber von Anfang an eher enttäuscht. Schnell erkannte sie die traurige sowjetische Wirklichkeit der Zwangsherrschaft durch die Bolschewiki. Als sie am Begräbnis von Kropotkin teilnahm, der letzten erlaubten anarchistischen Demonstration der nächsten Jahrzehnte in der Sowjetunion, war sie erschüttert vom Anblick der Gefangenen, die für diese Begräbnis einige Stunden freigelassen wurden, um anschließend mit der bestürzenden, so sinnlosen Hoffnung auf Strafaussetzung zurück in die Gefängnisse gingen.

Lea reiste sofort nach Süden und schloss sich den Aufständischen in der Ukraine an. Die Machnobewegung war eine reine Männerbewegung, die zwar eine freie Gesellschaft anstrebte, aber Frauen weiterhin als Menschen zweiter Klasse ansah.

Lea schien sich mit der Situation als Frau nicht für die Kämpfe angenommen zu werden, irgendwie zu arrangieren, ist doch nur bekannt, dass sie für Nachschub und Bildung zuständig war.

Nach der Niederschlagung durch die Bolschewisten kehrte sie über Paris nach London zurück. Doch die Geschichte der jüdisch-anarchistischen Bewegung in England war durch die massenweise Auswanderung nach Russland an ihrem Ende angelangt.

Über Polen ging sie nun mit anderen Genossinnen nach Palästina, um dort eine Föderation mit aufzubauen. Hier traf sie wieder auf ihre alte Freundin Paula Grün, geb. Munweiß, die in London einen sozialistischen Zionisten David Grün, geheiratet hatte. David Grün änderte in Palästina seinen Namen um in „Gurion“ und wurde als Ben Gurion der erste Premierminister des späteren Israel.

Paula blieb ab da allen eigenen Aktivitäten fern. Sie starb 1968 und wurde im Kibbuz Sde Boker (Feld der Hirten) beigesetzt.

Lea dagegen kam Ende 1935 durch eine Scheinheirat wieder zurück nach London, unterstützte eine antifaschistische Widerstandsgruppe deutscher Matrosen, kämpfte an der Seite anarchistischer Milizen in Spanien um dann, geprägt von der Arbeit der „Mujeres libres“, in Holborn, im Zentrum von London, eine libertäre Frauengruppe mitzugestalten.

Diese Frauen, eingewandert, geflüchtet, vertrieben, aus Polen, Katalonien, Frankreich, Zypern und Deutschland, sich anfangs nur mühsam verständigend, in jiddisch, katalanisch, türkisch oder griechisch, organisierten Selbsthilfeprojekte, Nachbarschaftsinitiativen in einer Gegend, die sich mehr und mehr der Vergnügungsindustrie ergab, in der Nähe des Picadilly Circus, eine Taverne neben der anderen, eine alltägliche Tristesse, die oft nur mühsam von den libertären Frauen weggewischt werden konnte.

Frauen mit Gesichtern und Namen, doch unbekannt für die Bücher auch der anarchistischen Geschichte, keine Theoretikerinnen, die es in die Lexika schafften oder in die Artikel feministischer Autorinnen, und doch das Fundament von Idee und Praxis, was die Bewegung eigentlich immer wieder am Leben hielt.

Menschen auch wie Lea Feldmann, die irgendwann ihre Lohnarbeit aufgab, weil sie langsam erblindete. Dafür aber nun ihre Erfahrung und ihre Situation nutzte, um Waffen nach Spanien zu schmuggeln, Nachschub für die Genoss*innen, die als Guerriller*as gegen das Francoregime kämpften. Die Katalanen nannten sie deshalb liebevoll-respektlos „die Machno-Oma“.

Ihre letzten Jahre verliefen sich in immer größer werdender Traurigkeit. Ihre ganze Familie, viele ihrer vor allem jüdisch-anarchistischen Freunde und Freundinnen, lebten nicht mehr. Keine mehr, mit der sie in ihrer Sprache sprechen konnte, das „Jiddische“, das sie nie aufgab.

In den letzten Jahren ihres Lebens „für Zehn“ nahm sie regelmäßig an den anarchistischen Buchtagen in London teil und war hin und wieder auf einer Versammlung dabei.

Irgendwann, zwischen Dezember 1993 und Januar 1994, starb Lea Feldmann. Am 7.Januar 1994 wurde sie eingeäschert.

“shpil zhe mir a lidl vegn sholem.
zol shoyn zayn sholem, nit keyn kholem.
az felker groys un kleyn, zoln kenen dos farshteyn.
on krign un milkhomes zikh bageyn, oy, oy, oy
shpil, shpil, klezmer, shpil“

Originaltext: http://digitalresist.blogspot.co.at/2014/11/leah-feldmann-zwischen-machnow-und-ben_6.html


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