Arthur Müller-Lehning / Albert de Jong - Gewalt und Revolution

Unsere Antwort an Huart. Müssen wir ein rotes Heer bilden?

In erster Linie fällt es uns auf, dass Huart sich derart gereizt zeigt wegen der Tatsache, dass wir im Pressedienst der IAK. das Thema der Revolutionsverteidigung zur Diskussion gestellt haben. Er spricht von dem Kampfe, welchen die "Gewaltlosen" führen gegen alle Organisationen und Kämpfer, die ihren Standpunkt sich nicht blindlings zu eigen machen. Und es ist gemäss Huart die höchste Zeit, dass die IAA. der Opposition durch die IAK ein Ende bereitet, weil nämlich die IAK. Zweifel hegt hinsichtlich der Taktik, welche durch die Kongresse der IAA. und der CGTSR. (französische Sektion der IAA.) festgelegt wurde.

Wir wussten nicht, dass in unserer Bewegung Kongress-Beschlüsse heilige Häuser wären, an denen man ebensowenig rühren darf wie an den Beschlüssen eines katholischen Kirchen-Konzils, und selbst die gelten nicht einmal als unabänderbar. Aber ausserdem: das Thema, das hier zur Diskussion kommt, ist auf den Kongressen der IAA. in seinem Gesamtumfange noch gar nicht besprochen worden; die Auffassung der IAA. hinsichtlich der einzuschlagenden Taktik ist noch keineswegs festgelegt. Das Thema der Verteidigung der Revolution ist doch überhaupt erst zum ersten Male durch Huart selbst während des Kongresses zu Lüttich in den Vordergrund gedrängt worden, im Zusammenhange mit unserem Referat über ein anderes Thema: nämlich über die Kriegsverhinderung. Von unserer Seite aus wurde damals vorgeschlagen - im Hinblick auf die verfügbare Zeit - die Behandlung jenes Themas zurückzustellen für den nächstfolgenden Kongress. Unseren Standpunkt haben wir aus jenem Grunde überhaupt noch gar nicht auseinandergesetzt.

Weiterhin - und wir legen Wert darauf, dies ausdrücklich festzustellen - ist hier gar keine Rede von einer Opposition der IAK. Im Pressedienst Nr. 16 der IAK. vom 16. Juli 1928 schrieben wir auf Seite 3 :

"Die IAK. erachtet es für sehr wichtig, dass ein nächster Kongress die Frage der Verteidigung der Revolution im Zusammenhang mit der Kriegsverhinderung ernst und gründlich behandelt. Inzwischen hält sie es für sehr erwünscht dass diese Frage bereits jetzt als Diskussion auf die Tagesordnung gesetzt wird, sowohl in den Organisationen, wie in der Presse. Wir werden in einem folgenden Pressedienst einen Artikel publizieren, der als Grundlage für eine allgemeine Diskussion über die Frage dienen kann. Die IAK. arbeitet darauf hin, dass die Presse diese Diskussion in weitestem Masse publiziert und sie bittet jeden, der über diese Frage schreiben wird - so kurz und so sachlich wie möglich - dem Sekretariat der IAK. (Albert de Jong, Laurierstraat 127, den Haag, Holland) den Artikel zu senden, damit die IAK. für internationale Publikation sorgen kann."

Dass die Anhänger einer Revolution mit Waffen dieser Einladung keine Folge geleistet haben, ist wahrlich nicht unsre Schuld. Und nunmehr nahmen wir den Artikel von Huart in unseren Pressedienst auf, trotzdem er ihn uns niemals zugesandt hat, ebensowenig wie die Zeitung, worin er abgedruckt wurde.

Ferner haben wir, im Gegensatz zu allen anderen Artikeln im Pressedienst der IAK., unsere Artikel über die Verteidigung der Revolution stets mit unseren Namen unterzeichnet, so dass sie einen persönlichen Charakter tragen und keineswegs als offizielle Artikel der IAK. angesehen werden können. Für Huart besteht dann auch keine einzige Veranlassung, um auf Grund dieser Diskussion eines bedeutenden Themas einen Angriff auf die IAK. vorzunehmen, wie dies durch ihn geschehen ist. Seit Lüttich sind 60 Ausgaben des Pressedienstes der IAK. erschienen, mit einigen hunderten von Artikeln, grösstenteils unserer Feder entstammend, aber in keinem einzigen dieser Artikel haben wir Propaganda getrieben für unseren besonderen Standpunkt, was dieses Thema anlangt. Wir fordern Huart auf, das Gegenteil zu beweisen. Und worin besteht unser Kampf gegen alle Organisationen und Kämpfer, die unseren Standpunkt nicht blindlings annehmen. Wir sind uns nichts andere bewusst, als dass wir öffentlich eine Polemik geführt haben mit Huart und anderen über ein wichtiges Thema. Wir haben dabei nichts anderes getan, als dasjenige, was auch Huart tat: unseren persönlichen Standpunkt, unsere ehrliche Überzeugung ausgesprochen. Und die IAK. als solche steht ausserhalb. In keinerlei Weise haben wir dabei von unserer Stellung als Sekretäre der IAK. Gebrauch gemacht, geschweige denn sie missbraucht.

Man möge nun über die Frage denken, wie man auch will; man kann übertreten zum Standpunkt von Huart oder zum unsrigen, kein ernsthaft denkender Mensch wird der Tatsache widersprechen, dass es hier um eine ebenso bedeutsame wie schwierige Frage geht. Das Interesse, das in der Presse für diese Polemik gezeigt wurde, beweist dies übrigens hinreichend. Ebensowenig kann in Abrede gestellt werden, dass wegen dieser Frage innerhalb der IAA. grosse Meinungsverschiedenheiten herrschen. Die CGTSR., die französische Sektion der IAA., wird vielleicht den Standpunkt Huart-Besnard unterschreiben; die niederländische Sektion, die NSV., wird in Madrid den Standpunkt von Müller Lehning und de Jong verteidigen. Andere Sektionen werden, unserer Meinung nach, einen Standpunkt zwischen den beiden einnehmen, und wir glauben nicht einmal, dass es dem Kongress zu Madrid gelingen wird, einen Standpunkt zu formulieren, den alle Sektionen annehmen werden, um so weniger, als die Zustände, Verhältnisse und Auffassungen in den verschiedenen Ländern stark auseinanderlaufen. Wollte man diesen Unterschied in der Auffassung in Abrede stellen, der Diskussion ein Ende bereiten, was bedeuten würde, dass man versuchte, das Vorhandensein der ganzen Frage abzustreiten, so würde dies eine unverzeihbare Scheuklappenpolitik sein und unseres Erachtens nach das Verkehrteste, was der vierte Kongress tun könnte. An Stelle dessen wird der Kongress diese Frage gerade gehörig in den Mittelpunkt der Diskussion bringen müssen.

Die Darlegung von Huart, als würde der Standpunkt der IAA. sich mit dem französischen decken, ist einerseits unrichtig. Die Prinzipienerklärung der IAA. Lautet:

"Gegner jeder organisierten Gewalt in der Hand irgendeiner revolutionären Regierung, verkennen die Syndikalisten nicht, dass in den entscheidenden Kämpfen zwischen der kapitalistischen Gegenwart und der freien kommunistischen Zukunft die Dinge sich nicht reibungslos abspielen werden. Sie anerkennen daher die Gewalt als Verteidigungsmittel gegen die Gewaltmethoden der regierenden Klassen, im Kampfe für die Besetzung der Betriebe und des Grund und Bodens durch das revolutionäre Volk. Ebenso wie die Expropriation der Betriebe und des Landes von den revolutionären Wirtschaftsorganisationen der Arbeiter praktisch ausgeführt und auf die Bahn der sozialen Reorganisation geführt werden muss, so darf auch die Verteidigung der Revolution nicht einer bestimmten militärischen oder irgendeiner anderen Organisation, die ausserhalb der Wirtschaftsverbände steht, überlassen bleiben, sie muss vielmehr den Massen selbst und ihren wirtschaftlichen Organisationen anvertraut sein."

Aber ergeben sich daraus nicht alle Konsequenzen, die Besnard glaubt ziehen zu müssen und die Huart unterschreibt? Zu keinem Teile. Wir haben die beiden Exemplare des Buches von Besnard von denen das eine an "den eifrigen Sekretär des IAMB.", das andere an das IAMB. selbst gesandt war, dankend erhalten. Wir haben es auch studiert, und wir wollen auch jener wichtigen Studie keineswegs unsere Wertschätzung vorenthalten, wenngleich wir nicht bereit sind, sie als den heiligen Katechismus des Syndikalismus aller Länder zu betrachten.

Und was ist nun der Standpunkt von Besnard in diesem Buch? Besnard will eine ständige Verteidigung der Revolution ohne stehendes Heer. Das Proletariat muss alle Arten von Waffen der Bourgeoisie mit grösster Sorgfalt intakt halten: Arsenale, Kriegsschiffe, Flugzeuge, Gewehre, Kanonen usw. (Die Giftgase und Bakterien führt er nicht dabei auf.) Alle dazu körperlich fähigen Arbeiter müssen nacheinander eine kurze Dienstzeit durchmachen, ausreichend, um sie zu befähigen, nach den Regeln der modernen Technik mit allen denjenigen Arten von Waffen umzugehen, in deren Besitz sie sich gesetzt haben. Dazu ist es nicht nötig, sie als Soldaten zu vermummen: jeder Arbeiter muss bewaffnet sein, und er muss sich in jedem Augenblick zu einem Verteidiger der Revolution umwandeln können. Die Verteidigung muss lokal, regional und national organisiert werden.

"Zu diesem Zwecke ist es notwendig, dass eine enge Verbindung besteht zwischen allen Verteidigern der Revolution, über das ganze Grundgebiet der Revolution hin. Diese Verbindung kann nur organisiert werden durch die lokalen und regionalen Vereinigungen und durch die Zentralen der revolutionären Gewerkschaftsorganisationen."

Diese Organisation des bewaffneten Proletariats ist nach Besnard unendlich viel zweckmässiger als das stehende Heer, und er schreibt weiter:

"Tatsächlich sind es in der Praxis gar nicht mehr die regulären stehenden Heere, welche die Sicherheit (N.B.!) verbürgen können oder die imperialistischen Ziele der Kapitalisten verwirklichen. Das ganze Volk wird einberufen, die Waffen zu erheben oder vom Hinterland aus alle Arten von Kampfmitteln zu liefern. Der Weltkrieg 1914 bis 1918 ist hierfür das schlagendste Vorbild. Sofern die stehenden Heere sich als unzureichend erwiesen haben unter dem kapitalistischen Regime, so ist damit noch kein Anlass gegeben, anzunehmen, dass sie zureichend sein sollten unter proletarischem Regime.

Da in unseren Tagen in der bürgerlichen Welt die ganze Bevölkerung, sei es an der Front, sei es im Hinterland, am Kriege teilnimmt, ist es normal, dass unter einem proletarischen Regime alle dazu fähigen Arbeiter in der gleichen Weise sich der Verteidigung der Revolution annehmen.

Ein Arbeiter muss also jeden Augenblick bereit sein, sein Werkzeug gegen das Gewehr auszutauschen, um - sobald die Gefahr gewichen ist - das Gewehr wieder durch das Werkzeug zu ersetzen.

Demnach würde es, um eine lokale oder regionale Gefahr abzuwenden, ausreichend sein, eine gewisse Anzahl bewaffneter Arbeiter zu mobilisieren, die über all das moderne Kriegsmaterial verfügen.

Um eine grössere Gefahr zu bekämpfen, wird man eine erheblichere Anzahl Arbeiter mobilisieren.

Und schliesslich, wenn es sich darum handelt, ein zu ernsten Besorgnissen Anlass gebendes, gefährlich drohendes Unheil abzuwenden, wie beispielsweise einen Angriff vom kapitalistischen Auslande aus, kombiniert mit konterrevolutionären Inlandsbestrebungen, dann wird man für die Zeit, während der dies notwendig ist, seine Zuflucht nehmen müssen zu einer "levée en masse" (einem allgemeinen Aufgebote aller Arbeiter), die Besitz ergreift von allen Waffen, die sie nötig hat."

Die gleichen Vorstellungen wurden durch Huart verteidigt auf Versammlungen, und er fügte noch hinzu:

"Jedes Komitee für den allgemeinen Arbeitsstreik muss eine militär-technische Abteilung haben, und die Verbindung der revolutionären Kräfte muss zustande gebracht werden durch ein zentrales Komitee der revolutionären Verteidigung."

Ferner befürwortete er "die Notwendigkeit eines Sicherheitsdienstes (Service de securité), dessen Aufgabe darin besteht, die zentralen Komitees über die Tätigkeit der Konterrevolution zu unterrichten."

Es ist jedermann deutlich, dass Besnard und Huart nicht schlechthin - wie die IAA. - den Standpunkt verteidigten, dass es notwendig sei, in einer Revolution die aufgedrungene Gewalt anzunehmen und die gewalttätige Revolution zu verteidigen, sondern auch die Bildung eines roten Heeres. Sie gaben sich auch noch der Illusion hin, als ob man durch einen modernen Krieg die Bevölkerung beschützen könne, während jeder Militärsachverständige, ja, beinahe jeder Laie, schon weiss, dass die moderne Kriegsführung die Bevölkerung nicht beschirmt, sondern sie ausrottet. Sie halten ein Plaidoyer für "das Volk in Waffen", sie wollen das ganze revolutionäre Vaterland zu einem Heerlager machen, und sie übernehmen bereitwilligst von Paul Boncour die Idee der Mobilisierung des ganzen Volkes, der ganzen Industrie, des ganzen Landes. Das ist wenigstens konsequent. Die stehenden Kriegsheere haben sich nach ihrer Ansicht als unzureichend erwiesen. Zehn Millionen Tote auf dem Schlachtfelde, zwanzig Millionen Verwundete, sieben Millionen Tote im Hinterland. Unzulänglich? Nun, die Flugzeuge und Giftgase werden die Millionen wohl vervielfältigen auch ohne deren dauernde Verteidigung.

Die internationale Liga der Flieger zu Paris hat ein Rundschreiben veröffentlicht. worin unter anderem das Folgende gesagt wird:

"Es ist unbedingt sicher, dass der nächste Krieg, worin die Flugzeuge eine überwiegende Rolle spielen werden, mit Hilfe von Gasen, Brandbomben und chemischen Produkten, deren zerstörende Wirkung unbeschreiblich ist, geführt werden wird. Diejenige Nation, welche über die geschwindesten kräftigsten Flugzeuge verfügt, wird imstande sein, den abscheulichsten Terror über die ganze Welt auszuüben, ohne indessen Endsieger zu sein.

Es ist bewiesen, dass bis jetzt kein einziges Verteidigungsmittel gegen die Auswirkung des Gases Bestand hat.

Gasmasken geben keine genügende Beschützung. Man stelle sich ein Geschwader Flugzeuge vor, welches eine Stadt mit Gasbomben von 500 Kilogramm angreift. Die Bomben, welche die Häuser vom Dach bis zum Keller verwüsten werden, töten sofort alle Bewohner, sogar wenn sie mit Gasmasken versehen sind. Die Bomben, die auf die Strasse fallen, werden das tötende Gas über eine Fläche von etlichen hundert Metern verbreiten und dank des Windes kann eine Bombe eine quadratkilometergrosse Fläche vergiften. Durch einen Spezialanstrich von Brandbomben mit Elektron soll eine Temperatur von 3000 Grad entwickelt werden können. Ein einziges Flugzeug kann 500 Brandbomben mit sich führen und 72 Flugzeuge 36000. Die Feuerwehr steht demgegenüber vollkommen machtlos. Wasser würde den Brand durch solche Gasbomben nur anschüren."

Wollen Besnard und Huart daran mitwirken? Der englische Generalmajor Swinton hat erklärt:

"Ich stelle mir vor, auf Grund des Fortschrittes, den wir in der Vergangenheit erlebt haben, dass wir in der Zukunft nicht allein zum Gas unsere Zuflucht nehmen werden, sondern zu jeder Naturkraft, die wir zu unserer Verfügung haben.

Wir haben X-Strahlen, wir haben Lichtstrahlen, wir haben Hitzestrahlen.

Wir werden wohl nicht mehr so sehr weit entfernt sein von der Entwicklung des einen oder des anderen "tötenden Strahles, durch den unbeschützte Wesen zusammenschrumpfen, gelähmt oder vergiftet werden. So, wie ich es sehe, wird die allerletzte Form des Menschenkrieges der Bakterienkrieg sein. Ich glaube, dass es so weit kommen wird; es besteht auch kein Grund, warum dies nicht geschehen wird, sofern man doch die Absicht hegt zu kämpfen."

Wollen Besnard und Huart daran mitwirken? Fest steht doch immerhin, dass sie sich die allermodernste militärische Technik zu eigen machen und sie auch in Anwendung bringen wollen. Meinen sie, dem Sozialismus eine Grundlage zu schaffen mit Grossbomben und Giftgasen, mit Bakterien und tötenden Strahlen, unter Ausrottung der Menschheit? Es ist deutlich, dass Huart und Besnard in dieser Hinsicht keine Revolutionäre sind, sondern ohne Bedenken den allermodernsten Barbarismus der Bourgeoisie und ihrer Militärs übernehmen.

Auf unser Argument, dass der Krieg und der Militarismus, für welchen Zweck und durch wen er auch immer geführt werden möge, den Untergang von Völkern bedeutet, die davon betroffen werden, einerlei, wer, wie man so sagt, der militärische Sieger ist, darauf wird durch die beiden mit keiner Silbe eingegangen. Wir meinen, dass dieses Argument unwiderlegbar ist, und dass wir, ganz abgesehen von anderen Beweggründen, schon deshalb zu anderen Kampfmitteln, zu anderen Formen der Gewalt, wenn man es so nennen will, unsere Zuflucht nehmen müssen, wenn uns daran gelegen ist, nicht nur die Revolution, sondern auch die Menschheit und das Proletariat selbst zu retten.

Will Huart uns nun vorgaukeln, dass die oben angezogenen Auffassungen Besnards auch die Auffassungen der IAA. sind? Das Entgegengesetzte ist wahr. Denn die Konsequenz des Standpunktes Besnard-Huart ist, dass sie sich auch in Friedenszeiten nicht einsetzen werden für die Weigerung Munition herzustellen oder den militärischen Dienst zu verweigern. Die weitere Folge davon ist, dass sie die Rüstungsvergrösserung bei der Regierung nicht mehr bekämpfen, sondern ihr zujubeln. Denn, wie dem auch sei, sie müssen sie doch demnächst übernehmen. Und was sollte, nach ihrer Auffassung, eine französische Revolution anfangen, wenn die gegenwärtigen Regierer Frankreichs nicht ebenso stark bewaffnet oder gerüstet hätten, wie ein faschistisches Italien, wie ein demnächst vielleicht national-sozialistisches Deutschland? Die Wahrheit ist, dass der Standpunkt Besnard-Huart die Grundsätze und Kampfmethoden der IAA. und des Syndikalismus -Dienstverweigerung, Boykott der Waffenindustrie - mit Füssen tritt, und dass man damit in die Arme des nationalistischen Militarismus gerät, der auch durch die Bolschewisten übernommen ist, ob man es wahrhaben will oder nicht.

Diese Auffassungen stimmen mehr überein mit dem Bolschewismus als mit dem revolutionären Syndikalismus, der zu allen Zeiten seine Kraft gesucht hat in der direkten ökonomischen Aktion der Arbeiter in den Betrieben.

Sobald die gleiche Masse, die Besnard nötig hat für seine "levée en masse", die durch uns angegebenen Kampfmittel anwendet, wird sie ein unbesiegbares Volk bilden; sie braucht dann auch nicht zu verfallen auf eine GPU., die durch Huart genannt wird "Comité de Sécurité", noch auf eine zentrale Heeresleitung, die durch Besnard genannt wird "Comité général de défense".

Es ist klar, dass Huart und Besnard sich für einen revolutionären Krieg einsetzen, der in technischer Hinsicht vollkommen gleicht dem Kriege der Militärsachverständigen im Dienste des Imperialismus. Der Hinweis von Besnard auf den Krieg 1914-1918, sein Plaidoyer für die Mobilisierung der ganzen Nation, militärisch und wirtschaftlich, für die industrielle Mobilisierung, die heute durch alle Staaten vorbereitet wird, beweist, dass er bereit ist, noch einmal einen nationalen Krieg zu führen, sobald das Proletariat die Macht in Händen hat, für ... die Sicherheit (!) der Völker.

Wie will Besnard das ganze wirtschaftliche Leben der Nation im Dienste des nationalen revolutionären Krieges beherrschen ohne Zentralisierung? Wie will Besnard die "levée en masse", die Organisation des Krieges an der Front und in den Betrieben organisieren ohne die Dienstpflicht?

Zentralisierung ist nicht nötig, sagt Huart. Aber wenn in einem derartigen revolutionär-nationalistischen Kriege, sagen wir einmal, des revolutionären Frankreichs gegen ein national-sozialistisches Deutschland, an der Verdun-Front ein Loch geschlagen wird von 50000 Mann, wie will dann Besnard dieses Loch wieder füllen, ohne Generäle, die 50000 junge Kerle dorthin dirigieren?

Das Verdienstvollste der Abhandlung von Besnard und des Standpunktes von Huart besteht darin, dass sie ihren Standpunkt bis zur letzten Konsequenz durchführen. Aber gerade jene Durchführung ihres Standpunktes beweist hinreichend, dass wir schon zu anderen Mitteln gelangen müssen, sollen nicht die Revolution und ganz Europa zu Grunde gehen in einem wahnsinnigen Barbarismus, in einem Massenselbstmord der Völker. Wir bleiben in vollem Umfange bei unserer Meinung, dass die Organisation der Verteidigung der Revolution so, wie sie durch Besnard und Huart vorgeschlagen werden, hinauslaufen auf ., Die Organisierung des Zusammenbruchs und des allgemeinen Wahnsinns".

Wenn Huart unser Argument, dass die moderne Kriegstechnik kein Kampf mehr ist von Soldaten gegen Soldaten, keine Sicherheit und keinen Schutz mehr bietet, aber zur Ausrottung der ganzen Bevölkerung führt, ein sentimentales Argument zu nennen beliebt, dann ist dies eine Auffassung, die als Grundlage für eine Diskussion nicht mehr in Frage kommt, und die - wie uns scheint - den Mangel an besseren Argumenten allzu deutlich verrät.

Wagt man es, auch weiterhin zu behaupten, dass der Standpunkt von Besnard-Huart der Standpunkt von allen Sektionen der IAA. ist? Wagt man, dabei zu verharren, dass dies der Standpunkt ist, der niedergelegt wurde in der Erklärung der Grundsätze der IAA. ?

Mitten in der deutschen Revolution, auf dem Kongresse der Rüstungsarbeiter von Deutschland, vom 18. bis 22. März 1919 in Erfurt abgehalten, hat Kamerad Rudolf Rocker, einer der Sekretäre der IAA. Befürwortet, "keine Mordwerkzeuge mehr zu fabrizieren, keine Kanonen und Gewehre mehr zu machen, um den kalten Mörder nicht länger selbst die Mordwaffe in die verruchte Hand zu drücken, sondern dafür zu sorgen, dass die Betriebe der Zerstörung und der grausigen Menschenschlächterei sich in Betriebe segensreicher und friedlicher Arbeit verwandeln."

"Wir leben - so sagte Rocker - in einer außergewöhnlichen Zeit, einer revolutionären Zeit. Und eine solche Zeit fordert außergewöhnliche Beschlüsse und revolutionäre Handlungen. Hier ist bängliches Schwanken nicht am Platz. Jedes Zaudern ist Verbrechen, ist Begünstigung des Mordes."

"Ist es nicht - so rief er aus - die höchste Zeit, der brutalen Gewalt Einhalt zu gebieten, indem man ihr die Gewaltmittel verweigert?"

"Die Verweigerung der Waffenproduktion ist die einzige Garantie, dem organisierten Massenmord ein Ende zu bereiten." "Die Zeit der politischen Revolutionen im alten Stile, wo bewaffnete Zivilisten dem Militär entgegentraten, ist bei dem heutigen Stande unserer Kriegstechnik ein für allemal vorüber. Die Überlegenheit in der militärischen Führung und der technischen Ausrüstung wird dem Militär stets den Sieg in die Hand geben." "Das alte System bricht einfach zusammen, weil ihm seine reale technische Grundlage, die Armee, unter den Füssen entglitten ist."

"Keiner von uns aber kann die Absicht haben, die Gewalt um ihrer selbst willen anwenden zu wollen, am allerwenigsten Sozialisten, da doch der Sozialismus die Abschaffung jeder Gewalt als Grundprinzip in sich enthält. Die Stärke einer grossen Kulturbewegung liegt niemals in ihren technischen Machtmitteln, sondern in der geistigen Erkenntnis der Massen, die ihr folgen, und in dem moralischen Mut ihrer einzelnen Anhänger. Die terroristische Diktatur Robespierres führte zum 9. Thermidor, zur Säbeldiktatur Napoleons. Das ist die Erfahrung der Geschichte."

Diese Methoden von Besnard und Huart schliessen ausserdem noch die grosse Gefahr in sich ein, dass man Einrichtungen, die man vernichten müsste, bestehen lässt, deshalb weil man den hauptsächlichsten Grundsatz des Staates und des Kapitalismus weiterhin gelten lässt, nämlich den Militarismus, sei es auch in einer anderen Weise reorganisiert. Dadurch setzt die Revolution sich der grossen Gefahr aus, dass die Leitung in die Hände von solchen Revolutionären kommt, die tatsächlich den Staat, die Macht und den Militarismus beibehalten wollen. Was sie von uns unterscheidet, ist in viel geringerem Masse das Endziel als wohl unsere Taktik, unsere Kampfmethode, und darin müssen wir uns in voller Konsequenz von ihnen unterscheiden. Bei ihrem gesamten Aufbau gehen Huart und Besnard davon aus, dass die Macht ganz in Händen von Arbeitern ist, die völlig auf unserem syndikalistischen Standpunkte stehen. Aber hätten wir nicht viel mehr dem Umstande Rechnung zu tragen, dass wir in vielen Ländern eine Minderheit sein werden und dass - falls wir mitwirken an einem revolutionären Kriege anstatt die Arbeiter davon zurückzuhalten - nicht wir es sein werden, welche die Organisierung der "permanenten Verteidigung" zu bestimmen haben werden?

Wir können uns tatsächlich auch nichts anderes denken, als dass die Organisierung der permanenten Verteidigung unter der Hauptleitung von der Zentrale der revolutionären Gewerkschaftsvereinigungen auf etwas anderes hinauslaufen kann als auf einen militaristischen Staat, d. h. eine zentrale Macht. Und es handelt sich ja keineswegs um das Vernichten von Gegnern, sondern um das Vernichten von Einrichtungen.

Kein geringerer als Bakunin hat darauf ausdrücklich hingewiesen, als er in seinem Programm für die "Alliance de la Demokratie socialiste" schrieb.

"Die Revolution muss alles vernichten: keinen Stein auf dem anderen lassen. Doch man bedenke wohl, dass das Uebel nicht in den Personen, sondern in den Einrichtungen sitzt. Man muss also den Menschen gegenüber nachsichtig sein. Wir unserseits haben Ehrfurcht vor dem Menschen. Wenn bei einem Aufstande viele getötet werden, dann ist es weder moralisch, noch nützlich: das ist nun einmal so; man hat es sehen können an der Guillotine von 1793; ein politisches Blutbad vernichtet niemals die Partei, denn die Macht hat ihren Sitz nicht in den Personen, sondern in der Einrichtung des individuellen Eigentums. Also muss man den Staat und das Eigentum ausrotten, vor allem und an erster Stelle den Staat."

Und er sagt dann weiter:

"Die Revolution muss radikal und vollständig den Staat und alle Staatseinrichtungen vernichten. In unserem Programm ist also inbegriffen das Nichtbezahlen der Staatsschulden, die Steuerverweigerung, die Auflösung von Heer, Magistratur, Beamtengewalt, Polizei und Priesterschaft, das nicht länger Anerkennen der offiziellen Rechtspflege, ein Auto-da-Fé aller Eigentumstitel, aller Kauf- und Verkaufsakten, aller Prozessakten."

Schliesslich sprach Bakunin sich auch zu Gunsten der Föderation der Barrikaden aus; aber die Barrikade gehört nicht mehr in unsere Zeit. Auch Rocker hat darauf hingewiesen. Auf keinen Fall kann sie in dem entscheidenden Endkampfe noch eine. Rolle spielen. An ihre Stelle ist der allgemeine Arbeiterstreik getreten, der, ebenso wie die Barrikade, revolutionäre Situationen hervorruft die revolutionäre Gesinnung der Massen auf die Probe stellt, und der das typische Kampfmittel der proletarischen Revolution ist, ebenso wie die Barrikade das typische Kampfmittel der bürgerlichen Revolution war.

Besnard und Huart verfechten aber tatsächlich eine ganz andere Idee als die der revolutionären Barrikade. Sie verfechten die Instandhaltung eines nach ihren Ideen organisierten militärischen Systems und - wir wiederholen - behalten dadurch eine Einrichtung bei, statt sie zu vernichten. Wir wollen nach dieser Kritik des Huartschen Standpunkts noch einmal in Kürze unseren eigenen Standpunkt zusammenfassen, und zwar an Hand einiger konkreter Fragen.

1. Wird das Proletariat bei der Revolution Gewalt anwenden müssen?

Wir antworten rundheraus mit "Ja", weil wir mit Elisée Reclus davon überzeugt sind, dass die Bourgeoisie niemals gequält werden wird durch kollektive Tugendhaftigkeitsanfälle, und dass nur die Macht der Arbeiterklasse im Stande sein wird, die Macht der Bourgeoisie, den Kapitalismus und den Staat, zu brechen. In dieser Hinsicht unterschreiben wir den Standpunkt der IAA., und unterscheiden uns von den Gewaltlosen, den Tolstojanern. Wir haben übrigens niemals das sentimentale Argument gebraucht, dass wir aus Mitgefühl mit dem Leben unserer Gegner von der Anwendung der Gewalt absehen wollten. Wir wissen mit Huart, dass der Kapitalismus tagaus tagein auch in Friedenszeiten Tausende von Proletariern, ausgemergelte Arbeiter, schwache Frauen, unterenährte Kinder tötet. Wir wissen, dass das System des Kapitalismus grundsätzlich auf Gewalt beruht, sowohl in Friedens-, wie in Kriegszeiten. Wir wissen, dass die Geschichte der Bourgeoisie mit Blut geschrieben ist (die blutige Unterdrückung von Aufständen und Revolutionen im 19. Jahrhundert, die Kommune von Paris, die Petition an den Zaren im Januar 1905, die weisse und die faschistische Reaktion nach dem Kriege). Aber diese Gefühlserwägungen können uns doch nicht dazu führen, jene Methoden der Bourgeoisie zu übernehmen, selbst wenn dies geschichtlich zu rechtfertigen wäre. Gerechtfertigt erachten wir alle Gewaltmethoden, sofern sie tatsächlich notwendig sind für die Befreiung der Arbeiterklasse. Aber welche Gewaltmethoden angewandt werden müssen, kann u. E. nur bestimmt werden durch die Beantwortung der sachlichen Frage: in welcher Weise können Staat, Kapitalismus und Militarismus tatsächlich vernichtet werden, um die Arbeiterklasse wirk1ich zu befreien und den Sozialismus auf der Grundlage einer staatsgegnerischen Gesinnung aufzubauen.

Nochmals: wir sind keine Tolstojaner! Wir stehen nicht auf dem Standpunkt, dass es besser sei, sich töten zu lassen, als selbst zu töten. Wir stehen auf dem Standpunkte der Verteidigung des Einzelwesens, des Volkes und der Revolution. Gerade deswegen lehnen wir die Vernichtungsmethoden des modernen Militarismus vollkommen ab. Wir beide sind, solange wir in der revolutionären Bewegung stehen, Mitglieder gewesen der Internationalen Antimilitaristischen Vereinigung, die 1904 durch Domela Nieuwenhuis gegründet wurde, und woraus sich das IAMB. entwickelt hat. In ihrer Broschüre "Was die rote Internationale will", erklärte die IAMV. im Jahre 1904:

"Die Gewaltlosigkeit wird allerdings durch die Vereinigung nicht als Grundsatz anerkannt" und

"Kämpfend gegen die organisierte Gewalt der Regierungen in der Form, in der

sich der Militarismus zeigt, rechnet die Vereinigung gleichzeitig mit der Möglichkeit, dass in dem Klassenkampfe der Gewalttat nicht mehr ausgewichen werden kann, noch dass sie zu verurteilen ist."

In jenem Geiste haben wir stets gelebt. Aber nunmehr stellen wir diese Frage:

2. Müssen wir Waffengewalt gebrauchen? Müssen wir die moderne militärische Gewalt organisieren?

Und bei Beantwortung dieser Frage stehen wir auf dem Standpunkte, dass in diesem Zeitabschnitte

im Hinblick auf die moderne militärische Technik, gegen welche keine Verteidigung möglich ist;
im Hinblick auf die Gefahr der Militarisierung der Revolution;
im Hinblick auf die vollkommen bewaffnete Konterrevolution;
im Hinblick auf die Erfahrungen in Russland und China

eine Revision unseres Standpunktes in Bezug auf die Gewalt dringend notwendig ist. Die Lösung der Frage haben wir gefunden in der Taktik des revolutionären Syndikalismus selber.

Wegen Beantwortung der Frage, was die Arbeiterklasse dann tatsächlich zu tun hätte, verweisen wir auf die Grundsätze für das Referat, das durch Albert de Jong in Madrid gehalten werden sollte (Pressedienst IAK., Nr. 73). Auf alle Argumente, die wir gegen die bewaffnete Gewalt vorgebracht haben, ist Huart, wenn man es genau nimmt mit keinen einzigen Worte eingegangen. Er hat ausschliesslich seine Kraft versucht in einem Angriffe auf unsere Methoden. Wir möchten aber unsererseits eine kategorische Antwort geben auf die Fragen, die Huart uns stellt.

1. Wie wir uns zu Beherrschern der Produktionsmittel machen müssen, ist deutlich. Ein Volk in Revolution, das imstande ist zu einer "levée en masse", ist auch imstande, in den Betrieben die Erzeugung selbst zu regeln und jeden Versuch, dies zu verhindern, aufs Neue zu beantworten mit einem Verlassen der Betriebe und dem völligen gesellschaftlichen Boykott von allen, die dies verhindern wollen. (Siehe ferner Pressedienst Nr. 73, Grundsätze Albert de Jong.)

2. Die ganze Organisation des kapitalistischen Staates kann vernichtet werden, durch die Mittel, die hier oben wiedergegeben sind und die Bakunin entlehnt wurden. Wir verweisen nur noch auf den konsequent durchgeführten Boykott von Polizei, Staatsbeamten und Militärpersonen.

Huart möge behaupten, dass wir dadurch, dass wir lediglich diese Mittel in Anwendung bringen, die entwaffnete Revolution der bewaffneten Reaktion ausliefern; wir behaupten jedoch auch weiterhin, dass die Methode Besnard-Huart das Proletariat ausliefern würde an die Ausrottung durch die Mittel der modernen Militärtechnik. Ueberdies ist in allen Revolutionen der Militarismus viel stärker entwaffnet worden durch die gewaltige Todesverachtung des in der Regel schlecht bewaffneten Proletariats als durch die Kraft seiner unzulänglichen Bewaffnung.

3. Warum sollten wir nicht die Steuerzahlung verweigern können? Warum sollten wir nicht selbst als Einleitung der Revolution einen Boykott durchführen können der hauptsächlichsten Artikel, bei denen indirekte Steuern erhoben werden: Tabak, Alkohol, Fleisch?

4. Huart meint, dass, wenn die Inder bewaffneten Widerstand geleistet hätten gegen England, dass dann in Indien kein Engländer mehr sein sollte. Für uns ist es jedoch noch die Frage, auf welche Weise der englischen Herrschaft ein Ende bereitet wird, ohne dass ein neuer kapitalistischer Ausbeutungsstaat gegründet wird. Und dann antworten wir, dass, sofern, die Methode Besnard-Huart in Indien in Anwendung gekommen wäre, abgesehen von der Tatsache, dass die Inder über keine Waffen verfügen, in Indien in gleichem Augenblick wahrscheinlich die gleichen Zustände herrschen würden, wie in China, nämlich die militärische Diktatur.

Im Gegensatz zu Huart sind wir der Ansicht, dass die direkte Aktion des indischen Volkes bereits sehr bedeutende Ergebnisse gezeitigt hat, und die Weltgeschichte ist auch für Indien noch lange nicht abgeschlossen. Ob diese Bewegung auf einen Verrat hinauslaufen wird, wird nicht entschieden durch die Frage der Kampfesweise, trotzdem gerade der bewaffnete Aufstand dafür die grösste Gefahr bietet: Tschang-Kai-Tschek in China.

5. Huart fragt uns, was wir von der Lage in Spanien halten.

Im Allgemeinen möchten wir sagen, dass, sofern das spanische Proletariat die Methoden, die durch uns beide verfochten werden, konsequent und systematisch anwendet, hierin die einzige Möglichkeit liegt für die Selbstbefreiung der spanischen Arbeiterklasse und für die Gründung einer anarcho-syndikalistischen Gesellschaft.

In dem Geiste der Methoden, die wir im Kampfe gegen den Militarismus der Bourgeoisie verfechten, hat das spanische Volk gehandelt, als es die Klöster, die Wahrzeichen und die Herde der klerikalen Reaktion, der politischen und geistigen Unterdrückung, in Brand steckte. Im Geiste dieser Methoden haben unsere spanischen Kameraden gehandelt, als sie die Gefängnisse stürmten und alle politischen Gefangenen befreiten. Als die syndikalistische Organisation in Barcelona den Beschluss fasste, dass kein Bauarbeiter an dem durch den Volkssturm demolierten Gefängnisse Wiederinstandsetzungsarbeiten verrichten dürfe, war dies eine symbolische Tat - in Uebereinstimmung mit der schönsten Tradition der syndikalistischen Arbeiterbewegung Spaniens - die fortleben wird in der Geschichte des Sozialismus.

Wir glauben, dass allein auf diesem Wege der gegenrevolutionäre Militarismus zu brechen ist; dass allein auf diesem Wege das Volk sich für alle Zeiten vom Militarismus und vom bürgerlichen Barbarismus befreien kann.

Die gewaltsame Vernichtung aller Bastillen, aller Kasernen, aller Arsenale, kurz: des gesamten gewalttätigen Machtapparats der Bourgeoisie und des Staates, um als, dann durch wirtschaftliche Machtentfaltung die Erbauung neuer Kasernen, die Inbetriebsetzung einer neuen Rüstungsindustrie zu verhindern, - in jenem Geiste, auf jenem Wege sehen wir für die spanische Arbeiterklasse - und für jede Arbeiterklasse die Möglichkeit, die militärische Macht der Bourgeoisie zu vernichten, und die schliessliche Vernichtung des Militarismus. Die Arbeiterklasse, die - von jenem Geiste beseelt - den Kampf führt für eine sozialistische Gesellschaft, wird unbesiegbar sein.

6. Was unsere Lobgesänge auf den Zentralismus anlangt: Diese Argumente von Huart sind zum grössten Teile Sophismen. Uebrigens wollen wir noch darauf weisen, dass ein grundsätzlicher -und psychologischer - Unterschied besteht zwischen dem Aufbau der Gesellschaft auf syndikalistischer Grundlage und der Organisation der Massenvernichtung.

7. Wir verharren bei unserer Ansicht, dass die Bourgeoisie mit ihren faschistischen Organisationen in der Technik und im System der Menschenvernichtung das Proletariat jederzeit übertreffen wird, schon wegen der folgenden Gründe: das ganze System der Bourgeoisie, jenes System der Unterdrückung und Ausbeutung, beruht auf Gewalt, Macht und Terror-, diese Kampfmittel gehören zum Charakter, zum Wesen der bürgerlichen Gesellschaft und der Herrschaft. Die Grundlagen der proletarischen Arbeiterbewegung sind dagegen Solidarität, Freiheit, Abwendung vom Militarismus, und wir wiederholen hier das Wort von Rocker: "Der Sozialismus schliesst in sich die Ueberwindung der Gewalt".

Wir geben uns durchaus nicht der Illusion hin, dass wir hiermit alle Kameraden in der IAA. und die draussen Stehenden von der Richtigkeit unseres Standpunktes überzeugt haben. Wir haben nicht im entferntesten die Anmassung, dass durch uns in der Festlegung einer neuen Taktik das letzte Wort gesprochen sein sollte oder auch nur durch uns gesprochen werden könnte.

Wir begreifen auch, dass in diesem Augenblick und unter allen Umständen die Arbeiterklasse noch nicht so weit ist, um zum Handeln überzugehen im Geiste unseres Standpunktes. Aber auf der anderen Seite ist es ebenso wahr, dass die revolutionäre Bewegung in mehr als in einem Lande sich ernsthaft Rechenschaft ablegen muss von dem Vorhandensein einer anderen Mentalität die glücklicherweise unter den Massen immer stärker wird, nämlich einer tiefgehenden Abscheu gegen den Krieg, gegen jeden Krieg und gegen jedes Kriegführen. Dieser Mentalität müssen wir uns bei unserer Propaganda gegen Staat und Krieg und für eine sozialistische Gesellschaft anschliessen; diese Mentalität müssen wir verstärken. Diesem wichtigen und für den Anarchismus sehr glücklichen psychologischen Momente tragen Besnard und Huart nicht im geringsten Rechnung; ihre Mentalität steht leider näher bei derjenigen des Militarismus und der nationalen Verteidigung als bei der Mentalität eines stets wachsenden Teiles der Bevölkerungen, nämlich der Abscheu vor dem Kriege.

Wir begreifen, dass die Möglichkeit, diese Kampfmethoden anzuwenden, erst langsam reifen kann. Dieses Reifen kann nur geschehen im Kampfe. Aber wir möchten, dass alle unsere Kameraden von einer Sache durchdrungen würden, und dass ist diese: der gegenwärtige Charakter der Gewalt, unter dem Einfluss der zugespitzten militärischen Technik, die mit Hilfe von Millionen durch den Staat in allen Ländern zu einer bislang nicht gekannten Höhe getrieben ist ein Charakter, der von uns stets als Argument gebraucht wird gegen den Krieg und gegen den Militarismus, er zwingt uns, unseren eigenen Standpunkt zu revidieren, mit Bezug auf die Gewalt, und neue Wege zu suchen. Dieses gemeinschaftlich zu tun, betrachten wir als die Ausgabe der IAA. und von allen, die den revolutionären Standpunkt teilen. Unsere Kameraden hierzu anzuspornen ist das einzige, was uns treibt in dieser ganzen Polemik.

Originaltext: http://www.free.de/schwarze-katze/texte/a31.html


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