Zentralismus oder Föderalismus?

In ihrer Bekämpfung der gesunden, föderalistischen Prinzipien einer auf echt proletarischer, freiheitlicher Solidarität begründeten Gewerkschaftsorganisation, machen es die Sozialdemokraten und die führenden Bürokraten des Gewerkschaftszentralismus ebenso wie die schwarzen Kuttenmänner; sie verdrehen, verleumden das Prinzip des Föderalismus, indem sie einen Popanz der Zersplitterung aufstellen und den Arbeitern sagen: "Seht — eine solche Zerstückelung und Zerklüftung der Gewerkschaftsbewegung wollen die Föderalisten! Hingegen wollen wir, die Zentralisten, große, nationale Verbände und eine einmütige Aktion!"

Natürlich ist dies nur Vertuschung des wahren Tatbestandes seitens der Zentralisten; und es ist bezeichnend, daß sie, um ihren Gewerkschaftszentralismus auch nur notdürftig rechtfertigen zu können, die Argumente des Föderalismus für sich gebrauchen, dabei die wahren Wesenszwecke des Zentralismus verschweigen müssen.

Der Föderalismus ist das freiheitliche Organisationsprinzip großer nationaler und internationaler Verbände. Was den Föderalismus vom Zentralismus unterscheidet, ist die Grundform der besonderen Verwaltungsorganisation.

Der Föderalismus ist die freie Vereinigung autonomer, also selbstverwaltender Arbeitergruppen mit allen übrigen, entweder national oder international. Er verwirft jedes zentrale Oberhaupt über Alle, sondern gruppiert sich auf der Basis der natürlichen Solidarität jeder Interessengemeinschaft, er erledigt alle internen und äußeren Fragen durch die direkte, unvermittelte Verständigung unter den Beteiligten und Interessenten selbst. So betätigt er sich in Freiheit und gegenseitigem Einvernehmen, im Guten wie im Schlechten waltet er nach dem Geistesverständnis der Föderierten, nur durch sie allein. Aus diesen Gründen tragen nicht einzelne Beauftragte und Vermittler, sondern die in gewissen Beschlüssen selbst Handelnden allein und für sich die Verantwortung für ihr Tun und dessen Konsequenzen, die sich ihrerseits auch nur stets auf diejenigen erstrecken können, die an gewissen Aktionen beteiligt waren, nie aber auf die Unbeteiligten.

Anders ist es mit dem Zentralismus. Dieser ist das Gewaltsprinzip roher Unterwerfung der Massen unter dem Willen Einzelner. Das Komische dieses dummen Brutalitätsprinzips — des Zentralismus — ist gerade sein Versuch, sich dadurch ein freiheitliches Mäntelchen umzuhängen, daß er die einzelnen Zentralgewalten erwählt sein läßt. Man bedenke: die Masse soll also imstande sein, die Besten zu erkennen und sie als Zentralgewalt zu erklären; aber diese selbe Masse hört damit auf, selbständig denken zu dürfen und zu können — von da ab, gibt es nur den Kadavergehorsam eherner Disziplin! Der Zentralismus erzieht die einzelnen Proletarier nicht zu selbständig denkenden Persönlichkeiten; im Gegenteil, jedes selbständige Denken muß ihm unbequem sein, weil es dem Willen der "Zentrale" zuwiderläuft.

Der Zentralismus ist der nackteste Ausdruck des Despotismus — die Beamten haben für die Massen zu denken, diese haben zu schweigen und zu gehorchen. Wie aber jedes Herrschaftsprinzip in letzter Instanz auf ökonomischer Ausbeutung der beherrschten Massen fußt, so verhält es sich auch mit dem Zentralismus im Gewerkschaftswesen. Föderalistische Organisationen, die ihre Geldeinnahmen auf streng selbstverwaltender Finanzgebarung eignen und nicht an irgend eine Zentrale abführen, bekommen selbst im günstigsten Fall nicht soviel Geld zusammen, um ihren Angestellten die Bourgoislöhne — richtiger: Einkommen — der Arbeiteraristokratie bezahlen zu können, die die Zentralbeamten der zentralistischen Gewerkschaften beziehen. Diese letzteren haben Unsummen von Geld zu verwalten und so wird schließlich die ganze Gewerkschaftsbewegung für sie ein großes Zifferngeschäft, aus dem sie ihr fettes Lohnsümmchen schlagen; ein Lohn, dessen Höhe die einzelnen Mitglieder nicht das Recht haben oder die Gelegenheit haben, mitzubestimmen.

Indem die Zentralen der verschiedenen Gewerkschaften fast das ganze Vermögen der einzelnen Organisationen in ihren Händen halten, vermögen sie die Aktionen dieser Organisationen entweder zu fördern oder zu unterbinden. Sie werden im Kampfe der Arbeiter gegen die Unternehmer naturgemäß das letztere tun, weil sie eben den wirtschaftlichen Kampf des Proletariats bloß vom spießbürgerlichen Standpunkt der Rechnerei aus betrachten, wie etwa Krämer. Und indem sie über die Finanzmittel des Kampfes beliebig verfügen können, verfügen sie sowohl über Ausbruch wie Dauer und Abbruch eines jeden Streikes.

Der Zentralismus ist die totale Unmündigkeitserklärung der Arbeiterbewegung, er ist ihre Bürokratie, ganz dieselbe wie sie auch der heutige Staat hat. Er ist das gemeine egoistische Interesse der Verbandsleiter an hohen Gehältern, er ist der naturgemäße Vernichter jedes wahren sozialistischen Kampfes.

Das sind nicht nur rein theoretische Ausführungen; wir können die praktischen Beweise aus den jüngsten Erfahrungen innerhalb der reichsdeutschen und österreichischen Gewerkschaftsbewegung erbringen. Daß diese Gewerkschaftsbewegungen in Deutschland mit den Hirsch-Dunkerschen Harmonieduseleien, hier in Österreich mit den christlichsozialen Tariflern vollkommen identisch sind, und sich eben nur in punkto ihrer politischen Partei-Gesinnungsart unterscheiden — ist jedem Aufrichtigen klar. Weder in Deutschland noch bei uns haben die sozialdemokratischen Gewerkschaften auch nur das Geringste mit dem revolutionären Klassenkampf des Proletariats gemein. Wer aber nicht revolutionär ist, ist konservativ, und deshalb haben wir recht, wenn wir behaupten, daß die sozialdemokratischen, zentralistischen Gewerkschaften in ihrer Praxis vollkommen denjenigen der vorgenannten bürgerlichen Reformbestrebungen gleichen.

Aber mit der Zeit nähert sich diese grauenhafte Ähnlichkeit dem, was von unseren Christlichsozialen eben als Handwerk betrieben wird: dem gemeinen Verrat von Arbeiterinteressen, der Vernichtung jedes kämpfenden Solidaritätsbewußtseins im organisierten Proletariat. Es erübrigt sich, dies langschweifig auszuführen; es genügt, wenn wir für Deutschland bloß den jüngst stattgehabten Nieterstreik von Hamburg und die Metallarbeiteraktion zu Mannheim anführen; für Österreich besagen die Hinweise auf den Brünner Kammgarnspinnerstreik, die Tatenlosigkeit des organisierten Proletariats anläßlich der Karlsbader Streikenden, die Unterbindung der Ausstandsaktion der Briefträger und Postangestellten vor Weihnachten durch die sozialdemokratischen Gewerkschaftsführer — sie besagen alles und genügen.

Diese Gewerkschaftsvorfälle sind, typisch für eine ganz bestimmte Tatsache im sozialen Klassenkampf unserer Zeit, die unsere Zentralisten vergebens zu verschweigen und zu verdunkeln trachten: Die alte Taktik des Kleinstreikes ist vollständig bankerott. Durch ihre Massenaussperrungen können die Unternehmer — die dem Generalstreik gegen die Arbeiter somit garnicht abhold sind!— jeden Versuch des Proletariats zunichte machen, wenn sie es nur wirklich wollen. Die Organisation und das Führertum der zentralistischen Gewerkschaften ist nicht so geartet, um diese Angriffe seitens der immer vermehrter emporschießenden Unternehmerverbände auch nur einigermaßen abwehren zu können; die Erziehung der Massen wird nicht in so revolutionierend aufklärender Weise betrieben, wie es notwendig wäre, um diese für die Waffe des Solidaritätsstreikes und der passiven Resistenz in ihren vielfachen Aktionsformen zu schulen.

Es ist höchste Zeit, daß die Mitglieder in den Gewerkschaften, die auch nur ein Fünkchen sozialistischen Geistes besitzen, Einkehr halten und sich fragen: Wohin kommen wir? Wohin kommen wir, wenn wir es sind, die selbst den Klassenkampf des Proletariats unterbinden, abbrechen, aufheben — nicht wegen ökonomischen Mangels, nicht aus Hunger, sondern einfach deshalb, weil die Unternehmer es gebieten, indem sie mit Aussperrung drohen. Wohin kommen wir, wenn wir selbst den Streikbruch durchzuführen haben, es dazu keiner "Gelben" mehr bedarf, alles dies auf einen Wink der Unternehmer hin! Was ist eigentlich die "Stärke des Zentralismus", wenn er nicht imstande ist, in solchen, wie oben gegebenen Fällen, wirksame Abwehrmittel zu beschaffen?! Ist es nicht schon die höchste Zeit, daß wir auf eine neue, gesunde Organisationsform hinstreben, neue Kampfesmittel erproben?

Wenn die zentralistischen, sozialdemokratischen Gewerkschaften nicht reine Hilfsmittel des Kapitalismus werden wollen, dann sind sie bei der letzten Sekunde dieser Betrachtungen angelangt, und müssen endlich neue Wege einschlagen. Diese neuen Wege lassen sich scharf und markant durch drei Programmsätze bezeichnen:

Vollständige Abschüttelung des zentralistischen Joches und jeder Beamtenautorität!
Organisation auf freier, selbständiger, autonomer Grundlage des Föderalismus!
Verwerfung jeder parlamentarischen Kräftevergeudung und Annahme, statt des Kleinstreiks, der vielfachen Mittel direkter Aktion, für alle großen, sozialistischen Fragen der Gedankenwelt des Sozialismus aber das vorzüglichste Klassenkampfmittel gewerkschaftlicher Solidarität: den Generalstreik!

Aus: "Wohlstand für Alle", 2. Jahrgang, Nr. 4 (1909). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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