Camille Mauclasre - Die anarchistische Idee

Sämtliche Regierungen haben sich gegenwärtig vereinigt in dem Bestreben, den Anarchismus auszurotten; darüber ist kein Zweifel vorhanden, dass es diese Idee und nur diese ist, welche sie vernichten möchten. Der Name "Anarchist" genügt, um den ausserhalb von Gesetz und Recht zu stellen, der ihn trägt; es genügt sehr oft, eine längere Verteidigungsrede vor Gericht zugunsten der Anarchie zu halten, um auf Jahre hinaus hinter Gefängnismauern zu verschwinden. Wenn es sich um die Verfolgung von Anarchisten handelt, ignoriert der Staat seine eigenen Gesetze, die eine satte Bourgeoisie zum eigenen Nutzen machte. All dies beweist, dass der Kampf des Staates sich nicht gegen einzelne Personen richtet, sondern ganz direkt gegen die Idee des Anarchismus "per se".

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Doch diese Aufgabe ist schwierig, unfruchtbar, gleichzeitig sehr gefährlich. Noch Alexander II war imstande, eine Bewegung temporär aufzuhalten, die sich fast ausschliesslich in den Reihen der Intellektuellen manifestierte; doch musste er dafür mit seinem Leben büssen. Es ist nun als unmöglich allgemein anerkannt, mittels solcher Methoden wirkungsvoll eine Bewegung unterdrücken zu wollen; eine Bewegung, die ein Stück historischer Evolution, eine Idee, die da herauswuchs aus dem natürlichen Entwicklungsprozess der Völker, alles dies in sich enthält, was die zivilisierte Welt seit Jahrhunderten sagte und dachte; eine Idee, die in gewissen Perioden in den Köpfen der verschiedensten Menschen entsteht, erzeugt durch die mannigfaltigsten Ursachen: eine Idee, welche eine natürliche Verbindung herstellt zwischen einem Tolstoi und einem Vaillant. Der Philosoph gewinnt diese Idee aus dem Studium der Geschichte; der Proletarier aus der Brutalität seiner täglichen Lebens- und Leidenslage. Eine solche Idee besitzt natürlich Tausende von Lebensquellen und Ursachen; überall manifestiert sie sich, wo der menschliche Geist sich betätigt, sie zu ersticken, ist gleichbedeutend damit, den menschlichen Geist ersticken zu wollen. Dies ist unmöglich.

Wir wissen, dass der Besitz von Macht und der Gewinn fetter Pfründen die Fähigkeit zum klaren Denken tötet. Allein selbst diese Art Menschen, die sich heute als das natürliche Herrscherelement der Menschheit betrachtet, sollte einsehen lernen, dass die Idee des Anarchismus sich nicht ersticken lässt durch brutale Gewalt oder grausame Verfolgungen.

Die Sympathien, auf welche diese Idee unter den arbeitenden Massen aller Länder stiess, trotz der Vorurteile einer autoritären Erziehung und der Gegenagitation der Sozialdemokratie; die Aufmerksamkeit und Beachtung, welche sie gewann seitens der Welt der Denker und Forscher; die Unterstützung, die sie entlieh den Werken eines Guyau, eines Tolstoi, Ibsen und Hunderter anderer grosser Künstler und Philosophen; die tiefsinnig philosophischen Betrachtungen, welche die Aktionen einzelner terroristischer Anarchisten in der internationalen Presse veranlassten; — all das sollte eigentlich überaus hinreichend sein, um die herrschende Klasse zum Nachdenken zu veranlassen.

Diejenigen, welche verstehen wollen, begreifen sehr wohl, in welcher Weise und wodurch eine neue Idee aufsteigt, sich entwickelt. Diese neue Idee, beständig erobernd die Herzen und Gedanken der auserlesensten Elemente, führt einen erbitterten Krieg gegen die alten Formen der verfaulten Gesellschaftsordnung; durch diese ihre Betätigung lenkt sie die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, erweckt die Indifferenten.

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Die Formen der anarchistischen Idee sind neu, doch ihre Quintessenz, ihre Ziele und Bestrebungen sind alt. Ständig was diese Idee die progressive Kraft, welche die Menschheit herausdrängte aus der düstern Vergangenheit und auf neue Bahnen geleitete.

Tolstoi formuliert richtig, wenn er sagt, dass die Negation der Autorität und eines jeden von Menschen gemachten Gesetzes, die Durchsetzung und alleinige Anerkennung der persönlichen Überzeugung, die eigentlichen Inhaltssummen jener grossen Bewegung gewesen waren, welche vor 2000 Jahren ihren Ausgangspunkt im alten Jerusalem nahm. Auch darin ist er im Recht, wenn er darauf hinweist, dass die Kirche, unter dem Einfluss der orientalischen Priesterkaste, den Geist dieser enormen Volksbewegung tötete. Einer seiner Irrtümer ist es nur, anzunehmen, dass das Christentum von jener Idee der Freiheit durchdrungen war; nein, das Christentum bediente sich bloss für eine geraume Zeit des Geistes jener Idee, ihn nachträglich verfälschend und korrumpierend. Es waren solche Prinzipien: Kampf gegen jede Autorität und Herrschaft, welche das Fundament aller grossen Volksbewegungen lieferten. Sie rangen sich durch bei den Juden, bei den Indern, Persern und Griechen. Noch mehr: alle die Strebungen innerhalb dieser Völker ruhten auf dem einen Streben, das wiederzuerrichten, was die Grundlage des Gesellschaftslebens bildete, lange, lange bevor das Christentum auftrat. Und dieses Eine war der Kommunismus, der kommunistische Volksstamm, ohne Gesetz oder Autorität. Die Formen dieses Strebens waren verschieden, sie wurden bestimmt durch die Lage der Umstände, durch die Geisteszustände. Doch die Idee, welche all dem zugrunde lag, blieb sich treu, stets dieselbe.

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In all diesen Bewegungen finden wir die gleiche Manifestation. Noch waren die Massen unfähig, einen wissenschaftlich zutreffenden Ausdruck für ihre Bestrebungen zu finden. Sie waren unbekannt mit den das gesellschaftliche Leben dominierenden Naturgesetzen, überhaupt mit dem sozialen Leben und seinen Daseinsgesetzen; aus diesem Grunde entnahmen sie die Ausdrücke ihrer Gefühlssehnsucht der Religion, der Poesie der Weltschöpfungsgeschichte. Damals stellten sie sich unter den Schutz der Religion; heute stellen sie sich unter den Schutz der Wissenschaft. Aber zu beiden Zeiten sind ihre Wünsche dieselben.

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Schwer ist es, von den Volksbewegungen des Altertums zu reden, weil wir ihre Aktionen nur nach den Taten kriegerischer Völker beurteilen können und alle ihre geschriebenen Aufzeichnungen von ihren Priestern herrühren, die selbstverständlich stets die Herrschaft einer kleinen Minorität verteidigten. Für uns ist es aber jedenfalls über jeden Zweifel erhaben, dass auch in jenen grauen Zeiten die Volksbewegungen denselben Charakter, wie oben geschildert, trugen.

Graben wir ein bisschen tiefer, so stossen wir allerdings auf ganz gewisse Zeichen von Bestrebungen und Prinzipien, welche jene hervorrufen. Der Sklavenaufstand des alten Roms war ein Aufstand gegen die Ausbeutung durch die Reichen und gegen den Druck der Regierung. Es waren dieselben Motive, welche den Kampf zwischen Patrizier und Plebejer bewegten. So war auch die Empörung der Armenier im 9. Jahrhundert eine Äusserung dieses selben Geistes, denn sie proklamierte als obersten, ersten Grundsatz das Recht freier, individueller Meinung und Überzeugung. Keinem gestand sie das Recht zu, über andere zu richten; der Kommunismus freier Menschen war für die Rebellen jener Zeit die einzige gerechte Grundlage des gesellschaftlichen Lebens.

Im grossen Aufstand der Kommune des 12. Jahrhunderts tritt abermals dieselbe Idee an uns heran. Nur diese Idee war es, die späterhin der Bourgeoisie die Kraft verlieh, sich ganz Europa untertan zu machen. Und wenn die Kommune jener Zeitepoche, die Ideen, welche sie vor dem Ausbruch der Revolution inspirierten, sich nicht erfüllten, so war dies nur darum, weil ihre Anhänger sich fürchteten, dieselbe Idee auf dem Lande, in den Dörfern, unter den Bauern zu verbreiten; noch waren sie zu sehr beeinflusst von der Kirche und römischen Jurisprudenz, welche die Idee korrumpierten um aufs neue aufzurichten die Herrschaft der Minoritäten.

Und was geschah mit der grossen Hussitenbewegung, die ganze Länder in ein Meer von Blut verwandelte? Was geschah mit der Bewegung der Wiedertäufer, die dasjenige Feuer anzündete, das nachmals die Macht der Kirche für immer verzehrte? Worin bestanden die Prinzipien, welche der Philosoph der Wiedertäufer proklamierte? Es waren vor allem die Negation jeder irdischen Autorität, die Verleugnung jeden Gesetzes. Was war seine Antwort, als man ihm mit dem Tode auf dem Scheiterhaufen drohte, da er die Lehren der Bibel leugnete? — „Gewiss," meinte er, „die Bibel enthält Moralprinzipien, aber ein jeder hat das Recht, sich aus denselben das zu wählen, was sich im Einklang mit seinen Überzeugungen befindet." Für den Wiedertäufer war es keine Sünde, zu denken und zu lassen, was er für Recht hielt. Es ist dies ganz dasselbe, als wie wenn wir heute erklären: „Tue, was du willst! Denn wir sind dessen gewiss, dass du als Kind einer aus gleichen Menschen bestehenden Gesellschaft nichts tun wirst, das sich nicht in Übereinstimmung mit dem Wohle der Übrigen befinden sollte." Es wird sehr begreiflich, weshalb sowohl die katholische als auch die protestantische Kirche die Wiedertäufer mit solch blinder Wut verfolgte, massenweise ausrottete, ganz wie es die Pariser Bourgeoisie mit dem Proletariat von 1871 tat.

Es war im Namen dieser gleichen Idee der Freiheit, dass die englische Revolution von 1649 stattfand. Und wenn die philosophischen Ideen des 18. Jahrhunderts sich mit den wirklichen Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens beschäftigten — zuerst in Schottland, England, dann in Frankreich —, so waren es abermals anarchistische Prinzipien, mit welchen man aufnahm den Kampf gegen die Wächter des Vorurteils der Vergangenheit. Wohl wahr, dass man später diesen Pfad verliess, beeinflusst von den Juristen und Priestern, die Idee des allmächtigen Staates proklamierte; aber durch den Fehlschlag jenes klassischen Experiments, das wir in der Staatsform der Demokratie erblicken können, hat sich nun endgültig die ganze Lächerlichkeit jeder wie immer gearteten autoritären Organisation der Gesellschaft, innerhalb der Gesellschaft, herausgestellt.

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Ganz dieselbe Idee, die Idee, welche heutzutage von allen Forschungsresultaten der Wissenschaft unseres Jahrhunderts bestätigt wird, ist es, die das gesamte Völkerleben in heilsamster Weise beeinflusst. Es ist diese Idee, welche die herrschende Klasse unterdrücken will; um dies zu erreichen, wäre es für sie notwendig, vor allen Dingen die ganze Wissenschaft und Kunst auszurotten.

Das, was die Menschen der historischen Vergangenheit nur durch einen trüben, religiösen Schleier sahen; was die Massen bloss instinktiv fühlten: ihr Streben nach Freiheit und Glück, das sich auf dem Glauben an ein göttliches, von menschlicher Unwissenheit erfundenes Jenseits gründete; all dies findet seine Bestätigung in der Gegenwart durch die wissenschaftliche Forschung. Unser Gesamtwissen ist heute gegründet auf der Beobachtung der allgemeinen Entwicklung, auf der genauen Kenntnis von allen staatlichen und gesellschaftlichen Formen. Die lebendige Kraft dieser Erkenntnis findet ihren Ausdruck in dem Erwachen einer grossen, bisher unterdrückten Klasse, welche alle sozialen Reichtümer schafft, welche lernt, studiert und denkt; findet ihren Ausdruck in der Empörung des Individuums, das sich frei und selbständig macht in Gedanke und Handlung.

Die Vertreter dieser alten, verfaulenden Gesellschaft reden sich ein, sie würden imstande sein, den Strom geschichtlichen Werdens zu hemmen, versiegen zu lassen! Versucht es denn! Ihr werdet ertrinken in dem brausenden Wogenschlag einer neuen Zeit!

Aus: "Die Freie Generation. Dokumente der Weltanschauung des Anarchismus", 1. Jahrgang, Nr. 10, April 1907. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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