Aus dem Tagebuch eines Propagandisten

Unser Kongress stand von Anfang an unter einem bösen Omen: es war einerseits die Organisationslosigkeit, die ein trauriges Licht auf diejenigen Genossen warf, welche mit ihrer Föderation prunkten, um die Notwendigkeit der Organisation zu proklamieren — wäre es nur mehr in Taten als durch Worte geschehen! — und zweitens der Umstand, dass die überwiegende Majorität der holländischen Bewegung, ihre begabtesten und fähigsten Agitatoren und Propagandisten dem Kongress vollständig ferne standen. Nur auf Umwegen, durch das Suchen nach billigeren Restaurationen — die bei den enormen Preisen in Amsterdam eine Notwendigkeit für die meisten waren —, Schlafunterkunft, nur so kamen einige von uns mit der holländischen Bewegung in Berührung, die wir suchten und dann auch fanden.

Einen auch nur einigermassen tieferen Einblick in unsere holländische Bewegung zu verschaffen, ist mir hier unmöglich. Nur das darf ich aufrichtig sagen an Hand dessen, was ich gesehen und beobachtet habe Domela Nieuwenhuis lebt nicht umsonst und hat nicht umsonst gelebt! Es ist diesem bedeutendsten Vorkämpier der Freiheit in Holland gelungen, eine Bewegung zu zeugen, wie sie für mich das Ideal, die Vollkommenheit einer Bewegung bedeutet. Die holländische Bewegung vereinigt eben Kampfestaktik mit Weltanschauung. Und nur so ist eine Bewegung gesund, zukunftssicher. Das haben die grosszügigen Streikaktionen der holländischen Genossen im Jahre 1903 bewiesen; das lehrte das Gartenfest mit dem Kinderchor, welches zu Ehren der Delegierten am Sonntag vor dem Kongress gegeben wurde dies bewiesen mir die einzelnen Charaktertypen, die ich kennen gelernt habe.

Um nur einen zu nennen, will ich vor allem den Genossen Croiset namhaft machen. Anarchist durch und durch. Nicht, wie wir alle vermuteten, ein Gegner jeder Organisation, sondern nur ein Befürworter einer durchaus zwanglosen Organisation; also Volontär. Meine Resolution — und ich bin doch gewiss Befürworter unserer Organisationsbestrebungen — brachte er zum Abdruck, und der "Vrije Socialist" konnte sich mit derselben vollkommen einverstanden erklären...

Vielleicht ist Croiset schon mehr Franzose als Holländer, denn wie jener besitzt er ein leichtbewegliches Temperament. Grundehrlich, ohne jede Falschheit und Tücke, jeden Irrtum offenherzig als solchen bekennend, kurz. — ein Charakter. Aber sein Leben erschöpft sich nicht innerhalb der Bewegung, wie es leider mit den meisten unserer Genossen der Fall, sondern mündet nur in ihr. Seinen Anfang nimmt dieses anarchistische Leben eines intelligenten Arbeiters im engen Kreis der Familie und da liefert es seine wahre Grösse.

Wer in die Häuslichkeit dieses Genossen eintritt, fühlt sich in der Wohnung eines Anarchisten. Seine Freundin ist frei und ungebunden wie er; die zwei bildhübschen Kinder — ein Knabe und ein Mädchen — erhalten keine Erziehung, wohl aber ein so schönes und gedeihliches Fördern, Anregen, kurz ein Aufziehen, dass man fühlt, wie hier nicht allein die Kinder, sondern auch die Eltern gewinnen. Dass die ganze Familie strenge vegetarisch lebt, erwähne ich nur beiläufig.

Ich sollte noch den Genossen und die Genossin Kist anfühlen, doch es würde zu ermüdenden Wiederholungen führen. Die holländische Bewegung findet vorzügliche Repräsentanten schon in den obengenannten allein, die ein Muster bilden dürften für die Genossen unserer internationalen Bewegung.

Kurze Zeit verbrachte ich in Haarlem, von da ging es weiter nach Antwerpen. Die hiesige belgische Bewegung leidet an jenem Übel, das auch in manchen anderen Ländern vertreten ist; es heisst die Respektabilität verschiedener Genossen, die persönlich sehr einflussreich und fällig, sich aber durch die nicht starke Bewegung gesellschaftlich nicht kompromittieren wollen. Und so ist es denn Tatsache, dass sie durch eine grosse, geradezu unerklärliche Lebenslosigkeit hervorsticht.

Wir haben dorten Genossen, die fast durchwegs glänzend entlohnt sind; dennoch keine Initiative, kein Drängen und Stürmen nach vorne, ja in finanziellem Opfersinn lange nicht das, was sie sein sollten; denn wie käme es sonst, dass "Opstandin" eingegangen ist? Zu jenen Gestalten, die echt belgisch sind und die, wenn sie einem einmal begegnen, unvergesslich bleiben, zähle ich Segher Rabauw und seine Freundin Siskavan Dalen, eine talentvolle Dichterin. Beide, noch jung, sind Herausgeber der literarisch-theoretischen Monatsschrift "Ontwaking", deren Leserkreis jedoch durch die oben angedeutete Apathie ein bedauerlich kleiner ist. Neben dieser Zeitschrift, die in manchen ihren Nummern wirklich ganz ausserordentlich Wertvolles bringt, geben Rabauw und einige mehr, die sich um die Revue gruppieren, eine Serie von Broschüren, wie auch Bücher heraus. Nebenbei unterhalten sie einen kleinen Bücher- und Zeitungsladen, in welchem moderne Literatur feilgeboten wird. Kurz, eine Lebensweise, welche sich fast ausschliesslich auf ideale Wirksamkeit für das anarchistische Prinzip beschränkt.

Als einen der wenigen rührigen Kampfeshähne müssen wir den Genossen Schweber anführen. Er war es, der eine grosse russisch-deutsche Versammlung einberief, in welcher der Genosse Rogdajeff und ich über die grandiosen Lehren der russischen Revolution, zur Begeisterung aller, referierten.

Einen zweiten, vom Zyklus des "Ontwaking" arrangierten Vortrag hielt ich über "Anarchismus und moderne Literatur", an den sich eine interessante, anregende Diskussion schloss. Auch unter den streikenden Hafenarbeitern sollte eine Versammlung, mit mir als Referenten, abgehalten werden. Leider zerschlug die Polizei diesen Plan, da sie schon zwei Tage vorher nach allen deutschen Kameraden witterte, die sich hier eingefunden hatten, um propagandistisch tätig sein zu können.

Brüssel, das prächtige Kleinparis! Brüssel, du Stadt prächtiger Kameraden. Mein mehrtägiger Aufenthalt in Brüssel war so gewürzt von dem, was der Romane "cameraderie" nennt, dass es mir wirklich schwer ist, zu entscheiden, welche Momenteindrücke ich als die nachhaltigsten verarbeiten soll. Zu meiner Freude traf ich den Genossen Dr. Friedeberg auch noch dort an. Brüssel ist eine Stadt, in welcher das löbliche System der Ausweisungen sehr schwunghaft geübt wird; und mit derselben Vorsicht, mit welcher die Genossen mit mir umgehen mussten, um mich vor diesem fast unvermeidlichen Geschick eines jeden revolutionären "Barbaren" zu bewahren, mit derselben Vorsicht muss ich mit ihnen umgehen. Ich werde somit Namen nur dorten nennen, wo es ganz ungefährlich.

Einer der schönsten Zusammenkunftsorte der belgischen Genossen ist das Kunst- und Gypsfigurenatelier des Genossen Schonteten. Nicht nur durch die angenehme, künstlerisch ungeordnete und nicht platt aufgeputzte Umgebung, die hier vielleicht als Millieu wirkt, sondern auch durch den Eigentümer selbst. Schonteten kennen zu lernen und ihn zu lieben, ist eine Selbstverständlichkeit.

Eines jener seltsam träumerischen Wesen, denen die Kunst Leitmotiv ihres Lebens geworden, hat er sich vom sehr untergeordneten, später etwas gebildeteren Handarbeiter zum Künstler emporgearbeitet. Also ein Autodidakt; jawohl und als Autodidakt ein Künstler, dessen Kunst durchwebt und verschönert wird von seiner anarchistischen Idealanschauung. Man wird dieses feine, innige Gemüt begreifen, wenn ich einen seiner Aussprüche zitiere. An jenem Abend, als einige Genossen in einem Hörzimmer der dortigen freien Universität — der, nach dem Ableben Elisee Reclus, der bekannte Sozialphilosoph De Greef vorsteht und die nicht untergegangen ist, wie fälschlicherweise die "Wiener Arbeiterzeitung" meldete — einen Vortrag für mich anberaumt hatten, und ich auf Verlangen über "Kunst, Literatur und Anarchie" sprach, entspann sich, angeregt von dem Genossen Friedeberg, eine sehr interessante Diskussion im Gefolge des Vortrages. Wir stritten uns über die verschiedenen Auffassugen des Begriffes "Kunst". Ein jeder von uns kramte seine Weisheit aus, nur Schoteten sass still, in sich gekehrt da. Als ich ihn auf dem Heimweg fragte, was er über die Frage dächte, da antwortete er, fein lächelnd: "Wer kann es sagen, was Kunst ist? Sie ist alles dies zusammen was Ihr einzeln darlegtet. Aber die Kunst ist nicht z u erklären, die Kunst lässt sich nur fühlen..."

Ich darf unsere beiden kolportierenden Literaturpropagandisten, die Genossen B. und K, diese zwei braven Propagandisten für unsere Zeitschriften in dortigen deutschen Kreisen, Arbeiter, die tagsüber schwer arbeiten und am Abend unsere Gedanken verbreiten, ich darf sie nicht namentlich anführen. Aber wenn sie dies lesen, dann fühlen sie wohl noch den Handruck der Brüderlichkeit, den wir mit einander austauschten. —

Ich logierte im Junggesellenheim des Genossen Reichmann, der zur Stunde Brüssel schon verlassen hat. Ein junger, sehr intelligenter Student, der viel für die Zukunft verspricht, wenn er die Ausdauer besitzen wird, dieser Zukunft zu trotzen. Idealist, fähig im abstrakten Denken, also auch Wirken, liegt in ihm der Keim für geistig sehr Bedeutendes zugunsten unserer Idee — wenn er nicht vom Pfade abirrt. Er leidet daran, dass er die skeptische Metaphysik, die wir Deutsche durch Fritz Mauthner philosophisch begreifen lernten, vom französischen Geistesverwandten zu ernsthaft übernahm und überall konsequent durchzuführen wünscht. Allerdings will ich mich über dieses heikle Thema nicht weiter auslassen, da es mir schon ganz genügend, wenn auch mit Unrecht dem groben Materialisten und — noch ärger idealistischen Träumer an den Kopf warf und wir sonst eine Fortsetzung jener köstlichen Tischpolemik riskieren, die zum Gaudium aller übrigen Genossen und Genossinnen von uns bis spät in die Nacht hinein geführt wurde.

Der kommende Sonntag war uns allen ein Galatag; für mich ein doppelter. Vormittags war ich durch Reichmann einem italienischen Genossen vorgestellt worden, dessen Liebherzigkeit und genössische Solidarität einen vorzüglichen Eindruck bei mir hinterlassen haben. Wie fast alle italienischen Genossen — nennen wir ihn C. — ist C. ein Anarchist vom Kopf bis zu den Füssen, wenn ich mich so — verzeihet mir den harten Ausdruck — ausdrücken darf. Dabei besitzt er dasjenige in unvermindertem Masse, was den meisten von uns leider im Laufe der Jahre abhanden kommt: C. hat sich ganz seine Innigkeit des Gemütes bewahrt, die zu den lieblichsten Eigenschaften seiner ganzen Rasse gehört, bei ihm aber den harmonischsten Ausklang findet. Sein Verhältnis zu seiner Freundin, einer schwarzäugigen, zart-schönen, italienischen Genossin, seine Sanftmut, sein Edelsinn, seine Solidarität einer anderen Genossin gegenüber, einer Lehrerin, die sich bei ihm aufhielt, — in den paar Stunden, die ich in dieser Wohnung eines hochgesinnten Proletarierkreises verbrachte, empfand ich in mir ein Hochgefühl jener seligen Ahnung, die uns beschleicht, wenn wir uns in die Zukunftsgemeinschaft freier Männer hinein versetzt denken ...

Und nachmittags kam der zweite, allgemeine Galapunkt aufs Tapet: unsere Versammlung. Ich sprach über "Die Aktionsmittel des proletarischen Befreiungskampfes in historischer Beleuchtung". Es war ein Vortrag, der augenscheinlich einschlug, grosse Begeisterung hervorrief und die zwei Wortführer der Sozialdemokratie, die sich eingefunden hatten, mussten eingestehen, dass sie den Argumenten des Gegenstandes nicht gewachsen waren. Aus der Versammlung heraus wurde an mich das Ersuchen gerichtet, in einem Zyklus von weiteren drei Vorträgen die diversen Grundprinzipien unserer Weltanschauung eingehender darzulegen. Ich musste ablehnen — schade, dass ich es tat, der Leser weiss bereits, weshalb! — schmiedete aber das Eisen, so lange es glühend war. Und da die Brüsseler Genossen vor allen Dingen einer internen Organisation bedurften — bislang bestand sie noch nicht — begann ich mit bestem Erfolge mit dem Aufbau einer solchen. Rund 20 Genossen folgten meiner Aufforderung und konstituierten die Gruppe.

Der Schluss des Textes fehlt! (Anmerkung www.anarchismus.at)

Aus: "Die Freie Generation. Dokumente der Weltanschauung des Anarchismus", 2. Jahrgang, Nr. 5, November 1907 und Nr. 6-8, Februar 1908. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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