Aus der Geschichte der anarchistischen Emigration (1928)

Stephanus Fabijanovic gehört zu den anarchistischen Opfern des Vernichtungskampfes, den die europäischen Marxisten gegen die Anhänger der bakuninistischen Opposition führten. Er, der nach langen Jahren unsteten Wanderns in der amerikanischen "Zuflucht", Jahren unaufhörlichen Kampfes sowohl um die persönliche Existenz als auch um den Sozialismus, die Freiheit und das Glück der Arbeiterschaft insgesamt, endlich in Californien seßhaft geworden ist, wo er seinem ursprünglichen Gewerbe als Bäcker nachgeht, schildert in dem Artikel, den er für FANAL geschrieben hat, das Schicksal seiner eigenen engsten Gefährten. Es ist Erlebnis, das hier mitgeteilt ist, und ich habe deshalb außer geringfügigen Streichungen, die Mißverständliches ausmerzten, nur die sprachliche Umarbeitung der Artikel vorgenommen, die das Deutsch des kroatischen Proletariers, der überdies seit Jahrzehnten unter englisch sprechenden Menschen lebt, notwendig machte. - Im Jahre 1923 veröffentlichte Genosse Fabijanovic im Selbstverlag (Los Angeles, Cal. 812 East Adams Str.) ein Buch "Zwei einsame Menschen und ihre Glückseligkeit", das von unserem alten Kameraden Alfred G. Sanftleben ins Verständliche übertragen und mit einem Geleitwort versehen worden ist. Ein philosophisches Bekenntnisbuch über das innere Glück zweier hungernder Weltbummler, ahasverischer Revolutionäre, die sich naiv und dabei grundgescheit in Unterhaltungen und Briefen mit dem Individualismus Nietzsches und mit ihrer eigenen Gefühlswelt auseinandersetzen und darin und in der Zuversicht auf die revolutionäre Mission des Weltproletariers das seelische Gleichgewicht in ihrer Pennbrüderisolierung finden. "Sollte dieses Schriftlein Ermutigung, wenn nicht Anklang finden", sagt Gen. Sanftleben in der Einleitung, "so dürften vielleicht i, Laufe der Jahre weitere Blätter den Weg in die Öffentlichkeit finden." Vielleicht hilft dieser Hinweis und der folgende Aufsatz des Genossen Fabijanovic selbst seinen weiteren Arbeiten den Weg öffnen.

E. M.

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Es dauerte ungefähr 4 Jahre, bis der verstorbene Genosse P. Kropotkin die Auffassungen Michael Bakunins über Staat und Staatsformen und seine Angriffe gegen den Staat völlig verstand und übernahm. Keinem der Genossen jener Zeit erging es besser; sie alle hingen noch mit Leib und Seele an der Staatsidee. Was beim einfachen Arbeiter dieses Vorurteil ausmacht, stimmt wenig hoffnungsvoll. Bakunins Meinung über die Notwendigkeit föderalistischer Gruppenbildungen zur Regelung von Konsumtion und Produktion wurde von seinen Genossen kaum begriffen, so wenig wie die theoretischen Auseinandersetzungen über den Warenaustausch, die zuerst den tatsächlichen Kampf gegen den Staat als Beschützer des kapitalistischen Systems und die Aufklärung der Angriffsorganisationen vorbereiten sollten. In dieser Auffassung Bakunins lag seine unmißverständliche Bejahung des gewaltsamen Kampfes eingeschlossen. Beides war damals als Problem kaum zu trennen. Die Geschichte lehrt, wie nach der Popularisierung der Bakuninschen Lehre durch Genossen P. Kropotkin und andere alte Anarchisten bald eine großartige antiparlamentarische Bewegung entstand. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika organisierten sich massenhaft Gruppen, die ihre eigene Bewaffnung praktisch durchführten.

Sogar die sozialdemokratische Partei Deutschlands war damals so rührig, daß der Staat seinen großen Reiterstiefel ansetzte, um alle derartigen Keime zu ersticken. Das Sozialistengesetz, das niemanden verschonte, war das Allheilmittel des Staates. Die besten revolutionären Arbeiter mußten ihre Heimat verlassen. Die Vertriebenen begannen nun in aller Welt ein großes Zungendreschen über den strengen Papa Staat! Hier Sozialisten und Parlamentarier, dort Anarchisten und Antiparlamentarier! Der Streit nahm scharfe und höchst bedenkliche Formen an.

In Österreich entstand eine sehr starke antiparlamentarische Bewegung, die nicht so leicht mit dem großen Staatsstiefel niederzuhalten war. Aus dem Streit der deutschen verbannten Revolutionäre lernte die österreichische parlamentarische Bewegung und schuf unter Staatsschutz eine organisierte Körperschaft, die ihr Programm 1888 auf dem Heinfelder Parteitag proklamierte. So erreichten in Österreich die geschmeidigen Politikanten mit einem Schachzug ungefähr dasselbe, was in Deutschland das Sozialistengesetz bewirkte. Die Antiparlamentarier mußten das Feld räumen und zwar dergestalt, daß die besten Genossen Österreich verlassen mußten. Aber diese Genossen hatten es schwer, sich im Auslande zurechtzufinden, und manche von ihnen kamen bald von Amerika zurück. Diejenigen Genossen, die der Idee die Treue gehalten hatten, ertrugen Schreckliches, verkümmerten auf der Landstraße, erkrankten und viele gingen zugrunde. Die anderen, die verzweifelt zurückkamen, gaben den Kampf auf; - sie mußten sich bei der sozialdemokratischen Partei in der Gumpendorferstraße untertänigst anmelden, um dort von Herrn Dr. Victor Adler die Erlaubnis zu erhalten, wieder österreichische Staatsbürger zu sein. Damit ist alles gesagt. Zähneknirschend fügten sich die alten Kämpfer.

Diese Niederlage erlitten nicht nur die Zurückgekehrten, sondern sie wirkte sehr stark auf die jungen Genossen zurück. Auch sie standen vor der Wahl, entweder loyale Parteimitglieder zu werden oder davon zu laufen. Dableiben war unmöglich. Der Kampf der begeisterten und nun lahmgelegten Jungen war erbittert. Wer dort blieb, war ständig arbeitslos, wurde alle Augenblicke zum Verhör vor die Polizei geladen und schließlich so weit getrieben, daß wohl die meisten auf der Landstraße ihre sicherste Heimat fanden. Die Vertriebenen trafen sich in aller Herren Ländern. Das war kein Spaß mehr! Viele verzweifelten. Andere ließen sich von der Sehnsucht nach dem Dampf von Sauerkraut und Blunzen zurück locken und landeten alsbald für längere Zeit hinter Schloß und Riegel.

Hier seien auch die Genossen erwähnt, die zur Kolonisation nach Brasilien auswanderten. Leider ging es ihnen schlecht genug mit ihren Versuchen. Sie wanderten nach Kalifornien und während des Krieges sah man sie dort in Lumpen gehüllt auf dem Wege nach Mexiko, wo sie von neuem den äußersten Kampf aufnehmen wollten und ihrer erbitterten Wut im Kampf gegen das herrschende System einen Ausweg suchten. Man kann die schrecklichen Kämpfe nicht beschreiben, die doch noch von Europa ihren Ausgang genommen hatten.

Die Reaktion wütete überall, zumal in den lateinamerikanischen Ländern, aus denen die Genossen schließlich ebenfalls flüchten mußten. Die meisten fuhren nach Argentinien, wo sie unter den schwierigsten Umständen den Kampf wieder aufnahmen. Als heimatlose Proleten blieben sie dem Glauben treu, daß vom Parlamentarismus nichts zu erwarten sei. Damit nisteten sie sich ein, gründeten eine antiparlamentarische Bewegung, die heute so fest dasteht, daß die streikenden Arbeiter die Regierung niemals zur Schlichtung ihres Streikes zulassen.

Daß inzwischen eine alles niederschmetternde Reaktion auch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika aufkam, ist wohl allgemein bekannt. Wie aber diese Reaktion die besten Genossen ins Ungewisse hinaus trieb, das muß erst noch von guten, sich frisch wieder aufrichtenden Genossen der Welt berichtet werden. Man weiß zwar, daß einige alte verborgen lebende Genossen noch Material über die vergangenen Kämpfe haben, die die neue Generation über den Ursprung des fürchterlichen Kampfes aufklären können, aber die nach dem Weltkrieg aufgewachsene Generation bildet sich ein, daß die früheren Kämpfe der antistaatlichen Bewegung von einigen Boheme-Literaten ausgegangen wären und mehr der Unterhaltung als der Aufklärung gedient hätten. Diese althergebrachte Bosheit der parlamentarischen Richtung ist so langlebig, daß man sie noch heute in amerikanischen Arbeiterzeitungen finden kann, die sonst den russischen Staatssozialismus verherrlichen. - Das "Fanal" gehört einer neuen Zeitepoche an, da ist kein Platz, um vergangenen Zeiten nachzutrauern.

Die alten Genossen, die annodazumal wegen ihrer Opposition vertrieben wurden, träumten nicht von süßen Rosinen. Sie bauten Lehren auf, die noch heute ragende Leuchttürme im Kampf gegen den Staat sind. Wir wollen über vergangene Kämpfe keine Tränen vergießen, aber um so kräftiger die neuen Kämpfe führen, um moderne Ideen über den Staat siegen zu lassen! Mögen viele der alten antiparlamentarischen Genossen sich zum russischen Staatssozialismus bekannt haben, das wird an der Tatsache nichts ändern, daß Staat und Tyrannei eins sind.

Schließlich soll noch eins hervorgehoben werden! Der Weltkrieg mit all seiner Lebensvernichtung hat der alten Reaktion keinen Abbruch getan, sondern sie eher noch verschärft. Wer anders denkt, betrügt sich selbst. Man braucht sich ja nur in der Welt umzusehen, um zu erkennen, wer an der Spitze des Staates steht. Dort stehen die alten Parlamentarier, die nicht nur mehr ihren boshaften Haß, sondern die Staatsgewalt selbst gegen die paar in der Welt zerstreuten einstmals vertriebenen Antiparlamentarier mobil machen. - Die jungen Genossen (zumal in Deutschland!) sollen sich hüten auszuwandern. Es sind keine erfreulichen Abendschulen, in denen die Pflichten eines naturalisierten Bürgers erlernt werden.

Stefanus Fabijonowic

Aus: Fanal, 2. Jahrgang, Nr. 10, Juli 1928. Digitalisiert von www.anarchismus.at anhand eines PDF der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien (bearbeitet, Oe zu Ö usw.)


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