Alexander Herzen (1812-1870)

Als Bakunin nach seiner Flucht aus Sibirien am Jahresende 1861 in London eintraf, suchte er als erste seine russischen Landsleute Herzen und Ogarjow auf, mit denen beiden er 1839/40 in Moskau freundschaftlich verbunden gewesen war.

Herzen, der der illegitimen Ehe des russischen Gardeoffiziers Iwan Jakowlew und der Stuttgarterin Luise Haag entstammte, hatte seit 1829 an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Moskauer Universität studiert und war von 1835 bis 1839 wegen „oppositioneller Umtriebe“ zuerst nach Wjatka (heute Kirow), dann nach Wladimir verbannt gewesen. Anschließend lebte er als freier Publizist in Petersburg und Moskau, seit 1844 vor allem von Proudhon stark beeinflußt. Anfang 1847 hatte er die Möglichkeit, aus Rußland auszureisen, dessen Boden er bis zu seinem Tode nicht mehr betreten sollte. Er ging zunächst nach Paris, wo ihn eine enge Freundschaft mit Proudhon verband, dessen Zeitung „La Voix du Peuple“ er 1849/50 finanzierte.

Hatte Herzen in Rußland den „Westlern“ nahegestanden, so kam er in Paris unter dem Eindruck des Fiaskos der Revolution von 1848 zu einer negativen Bewertung der westlichen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft mit ihrem konstitutionellen Überbau. Fortan sah er die Bestimmung Rußlands darin, unter Anknüpfung an das traditionelle russische Gemeinde-System („Mir“) wie unter Berücksichtigung der progressiven Ideen des Westens einen eigenen Weg zu einer freiheitlich-solidarischen Gesellschaft zu finden. Von London aus, wohin er 1852 übergesiedelt war, gewann er als Herausgeber der russischsprachigen Monatsschrift „Der Polarstern“ (1855-62) und vor allem des berühmten Wochenblattes „Die Glocke“ („Kolokol“; 1857-67) großen Einfluß sowohl auf die russische Emigration wie auch auf die oppositionelle Intelligenz in Rußland selbst. 1865 zog er nach Genf.

Herzen stimmte mit Bakunin im Ideal einer föderativ-dezentralistisch aufgebauten Gesellschaft der sozialen Gerechtigkeit ebenso überein wie in der entschiedenen Ablehnung jedes staatlichen Autoritarismus und Zentralismus, aber auch jedes autoritär-zentralistischen Sozialismus. Doch war er, zumal seit 1848, zu sehr ein Mann der kritisch-skeptischen Reflexion, als daß er sich mit Bakunins ungebrochenem und ungestümem Drang zur revolutionären Aktion hätte identifizieren können. Seine Vorbehalte diesem gegenüber wuchsen je länger desto mehr und 1869, ein Jahr vor seinem Tode, bezeichnete er in seinen „Briefen an einen alten Kameraden“ (Bakunin) den Radikalismus und Aktionismus Bakunins als ein „blindes Dahinstolpern auf den Spuren des unbekannten Gottes der Zerstörung“.

Herzen starb am 21. Januar 1870 in Paris.

Aus:
Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

Mit freundlicher Erlaubnis des Abraham Melzer Verlag´s

Gescannt von anarchismus.at (der letzte Absatz wurde von uns gekürzt, da sich der Rest direkt auf das Buch von Borries / Brandies bezog)


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