Elie Reclus verstorben (1827 - 1904)

In Brüssel ist vor kurzem Elie Reclus gestorben, ein Bruder von Elisce Reclus und wie dieser sowohl ein bedeutender Gelehrter als ein unermüdlicher Vorkämpfer der Freiheit.

Elie Reclus war seit den vierziger Jahren ein eifriger Anhänger Fouriers. Nach der Juni-Revolution von 1848 musste er mit seinem Bruder ins Exil nach England gehen. Die allgemeine Amnestie bewirkte beider Rückkehr nach Paris. Elie begann die Herausgabe eines sozialistischen Organs, das unter den Arbeitern weite Verbreitung fand. Es ist eine interessante Tatsache, dass — wie Peter Kropotkin in seinen Memoiren erzählt — Napoleon III. jedesmal beim Erscheinen einer neuen Nummer einen seiner Adjutanten zur Druckerei des Blattes zuschicken pflegte, um sich das erste Exemplar, das die Presse verliess, nach den Tuilerien bringen zulassen.

"Sobald die Kommune — berichtet Kropotkin weiter — proklamiert wurde, schlössen sich ihr beide Brüder von ganzem Herzen an und Elie übernahm unter Vaillant die Stelle eines Kustoden der Nationalbibliothek und des Museums im Louvre. Seiner Voraussicht und seiner Anstrengung verdanken wir zum grossen Teile die Erhaltung der über alles wertvollen Schätze menschlichen Wissens und menschlicher Kunst, die wir in beiden Sammlungen besitzen: sonst wären sie bei dem Bombardement von Paris durch Thiers Armeen und bei der darauf folgenden Einäscherung zu Grunde gegangen. Als leidenschaftlicher Liebhaber und tiefer Kenner der griechischen Kunst hatte er die überaus wertvollen Statuen und Vasen des Louvre eingepackt und in den Kellern untergebracht und zugleich die grössten Vorsichtsmassregeln getroffen, um das Gebäude der Nationalbibliothek vor der ringsum wütenden Feuersbrunst zu bewahren.

Seine Frau, eine mutige, würdige Gefährtin des Philosophen, der auf der Strasse ihre beiden kleinen Knaben folgten, organisierte währenddessen in dem Stadtteile, wo sie wohnte, die Speisung der durch die wiederholte Belagerung der äussersten Entbehrung ausgesetzten Bevölkerung. (...) Nur blossem Zufall ist es zu verdanken, dass Elie Reclus, der bis zum letzten Augenblick auf seinem Posten ausharrte, von den Versailler Truppen nicht erschossen wurde. Nachdem man ihn dafür, dass er den Mut gehabt hatte, unter der Kommune einen so notwendigen Dienst zu übernehmen, zur Deportation verurteilt hatte, ging er mit seiner Familie in die Verbannung."

Nach seiner Rückkehr nach Paris widmete er sich umfassenden wissenschaftliehen Arbeiten auf dem Gebiete der Ethnographie. Eines seiner Hauptwerke, das von grundlegender Bedeutung für die moderne Wissenschaft geworden, ist das über den „Ursprung der Religionen". Dazu kommen bedeutende Werke über die „Wilden", über die auf tiefster Kulturstufe stehenden Australier.

Anfangs der neunziger Jahre jagte die Reaktion Elie Reclus wieder ins Exil. Vaillants Attentat in der Pariser Kammer hatte die Polizei in eine wahre Tollwut versetzt. So suchte man auch den Sohn des greisen Gelehrten, Paul. Polizisten drangen in das Haus, schleppten den Vater fort und massen ihn sogar nach dem anthropometrischen System Bertillons. Nach diesen letzten Erfahrungen zog Elie Reclus vor, das ungastliche Vaterland zu verlassen. Mit seinem Bruder Elisée ging er nach Brüssel und versammelte an der von seinem Bruder gegründeten „freien Universität" eine grosse Hörerzahl in seinen Vorlesungen.

Der Einfluss, welchen Elie Reclus auf Alle, die mit ihm in Berührung kamen, ausübte, war unendlich tiefer als man glauben sollte, wenn man sich bloss darauf beschränkte, das Verzeichniss seiner Werke zu Rathe zu ziehen". Ausgestattet mit einem reichen Geiste und einem ungeheuren Wissen über alles, was mit den Kenntnissen der Menschheit zusammenhängt, war gleichzeitig von unendlicher Güte beseelt und eine grenzenlose Bescheidenheit zierte ihn. Er war das Urbild der Weisen des Altertums, welchen er sich durch seine ganze naturalistische, atheistische Philosophie anschloss; und wenn unsere Gesellschaft den geringsten Begriff von dem hätte, was wahres Wissen und wahre Erziehung ist, so hätte sie ihn von Schülern umgeben, welchen er von seinem Geist mitgeteilt hätte, und welche er zu Menschen, zu Denkern, zu Kämpfern gemacht hätte indem er ihnen aus dem Schatz seines Wissens alles übermittelt haben wurde, was die Anthropologie, die Ethnographie, die Mythen des Altertums, das Leben und die Entstehung der Mythen, inbegriffen die christlichen Mythen, und endlich die antike Kunst betrifft. In allen diesen Zweigen war Elie mehr als eine umfangreiche Encyklopädie, denn sein ungeheures Wissen war geläutert und geordnet.

In Brüssel hat ihn der Tod nun ereilt. Ein arbeitsreiches Leben ist zu Ende; ein Mensch von seltener Güte und Opferwilligkeit ist seinen Freunden geraubt, seinen Freunden, die so zahlreich sind, wie die Zahl der Elenden und Geknechteten.

Aus: Der Freie Arbeiter, 1. Jahrgang, Nr. 15, 1904. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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