„…und kein Mann konnte mich aufhalten“ (Buchbesprechung)

Die knapp tausend Seiten von Emma Goldmans neu übersetzter Biografie ermöglichen einen erneuten Blick auf eine bewegende Revolutionärin, eine kämpferische Frauenrechtlerin und eine überzeugte und überzeugende Anarchistin, deren Positionen sowohl zu gesellschaftspolitischen Fragen wie auch zu innerlinken Auseinandersetzungen keineswegs veraltet sind.

Die Anarchistin, Frauenrechtlerin und Antimilitaristin Emma Goldman wurde 1869 im damaligen Russland, heutigen Litauen geboren und starb 1940 in Kanada. Das Datum ihrer ‚eigentlichen‘, ihrer politischen Geburt beziffert Emma selbst auf 1889, das Jahr, in dem sie in New York ankam, nach knapp 20 Jahren familiärem Despotismus. Beeinflusst vom Haymarket-Aufstand schließt sich Emma den Anarchist_innen an, wird eine ihrer aktivsten Rednerinnen und eine zentrale Figur der anarchistischen Bewegung in den USA und in Europa im 20. Jahrhundert – eine unermüdliche Kämpferin gegen Kapitalismus und politische Repression, gegen Staatlichkeit und Patriarchat.

Nach zahllosen Kämpfen, mehreren Gefängnisaufenthalten und etlichen Liebschaften wird Emma 1919 zusammen mit ca. 250 anderen Revolutionär_innen nach Russland deportiert. Dort wird sie – gemeinsam mit Alexander Berkman – Zeugin der bolschewistischen Politik. Mit der Erfahrung der blutigen Niederschlagung des Kronstädter Aufstands, unter Beobachtung der Tscheka und in dem Wissen um Folterungen und Erschießungen von Anarchist_innen in bolschewistischen Gefängnissen verlassen Emma und Alexander Russland. Es folgen Aufenthalte in mehreren europäischen Ländern: in Schweden, Deutschland und England, bevor Emma nach Südfrankreich geht, um dort ihre Autobiografie zu schreiben. „Gelebtes Leben“ wird 1931 erstveröffentlicht. Emma Goldman nimmt anschließend ihr Vortragstätigkeiten wieder auf, reist nach Nordamerika, durch Europa, sie geht 1936 nach Spanien, übersiedelt 1939 nach Kanada und stirbt dort 1940 im Alter von 70 Jahren.

Sozialanarchistin und Verfechterin alltäglicher Befreiung

Durch Emma Goldmans Biografie zieht sich die Verbindung von alltäglichem Leben und politischem Kampf. Auch entgegen den Standpunkten etlicher ihrer Genoss_innen beharrt sie auf der Übersetzung ihrer politischen Ideale in den Alltag. Und zu diesem Leben, dem Versuch des befreiten Lebens, gehört für Emma unweigerlich das ‚Schöne‘: Musik, Tanz, Literatur und die Befreiung der Einzelnen von bürgerlichen Konventionen. Anarchismus umfasse schließlich alle Lebensbereiche. So kommt es nicht selten zu Vorwürfen übereifriger Genoss_innen. Auf einer Veranstaltung – Emma tanzte ausgelassen – unterbreitet ein Genosse ihr seine Kritik: Emmas Tanzen schade der Bewegung. Diese „schamlose Einmischung des Jungen“ machte sie wütend:

„Ich konnte nicht glauben, dass eine Sache, die für ein schönes Ideal stand, für Anarchie, für Zufriedenheit und Freiheit von Konventionen und Vorurteilen, die Verleugnung des Lebens und der Freude fordern könnte. Die Sache durfte nicht erwarten, dass ich zur Nonne und die ganze Bewegung zu einem Kloster würden. Wenn sie es dennoch tat, wollte ich nichts damit zu tun haben. Ich möchte Freiheit, mich selbst verwirklichen können, jeder soll das Recht haben, Schönes und Sinnvolles zu tun. ‚Das bedeutet Anarchismus für mich‘, sagte ich zu ihm. Und auch wenn die ganze Welt gegen mich wäre, trotz Gefängnis, Verfolgung und allem. Ja sogar, wenn meine eigenen engsten Genossen mich verdammten, wollte ich für dieses schöne Ideal leben.“ (S. 63)

Und das tat sie, hingebungsvoller und konsequenter als so mancher ihrer asketischen Genoss_innen.

In den USA entwickelt sich die junge Emma Goldman zur Agitatorin, sie hält unzählige Reden zum Anarchismus, zur Acht-Stunden-Tag-Kampagne, unterstützt Arbeitslosenkämpfe und Streikende, kämpft für Meinungsfreiheit und gegen politische Repression. Sie gründet 1906 die anarchistische Zeitschrift „Mother Earth“, die bis 1917 monatlich erscheint. „Mother Earth“ wird kein Organ einer speziellen anarchistischen Richtung. Statt die Grabenkämpfe der anarchistischen Bewegung zu befeuern, stellt Emma oft das Gemeinsame in den Mittelpunkt, auch wenn sie Kritik an Methoden oder Ansichten von Genoss_innen hat. Beispielhaft ist ihr Auftritt beim internationalen anarchistischen Kongress 1907 in den Niederlanden. Dort wird das Problem der Organisation diskutiert. Individualistische Vorstellungen stehen anarchokommunistischen gegenüber. Emma beschreibt den Versuch, die Perspektiven zu vereinen, wie folgt:

„Max [Baginski] und ich jedoch fanden beides wichtig. Wir meinten, dass Anarchismus nicht eine Wahl zwischen Kropotkin und Ibsen bedeute, sondern beides beinhalte. Während Kropotkin die sozialen Bedingungen einer Revolution sorgfältig analysierte, ging es Ibsen um den psychologischen Kampf der menschlichen Seele, der in der Revolution gipfelte, um die Revolte des Individuums. Wir waren uns darin einig, dass unseren Ideen nichts hätte mehr schaden können, als den Einfluss des Inneren auf das Äußere sowie den der persönlichen Beweggründe und Bedürfnisse auf die bestehenden Institutionen zu vernachlässigen. Wir behaupteten, dass einige Gruppen die falsche Auffassung verträten, eine Organisation würde individuelle Freiheit nicht stärken, sondern im Gegenteil den Untergang des Individuellen bedeuten. Doch in Wirklichkeit hat die Organisation die Funktion Entwicklung und Wachstum der Persönlichkeit zu fördern. (…) Kurz: Anarchismus hat eine soziale Organisation zum Ziel, in der es allen gut geht.“ (S. 373)

Frauenrechte

Emma Goldman wird wie alle Anarchist_innen ihrer Zeit mit politischer Repression überzogen, mit Auftrittsverboten belegt, mit willkürlichen Verhaftungen konfrontiert. Spricht sie zu feministischen Themen, verdoppelte sich die Repression. Veranstaltungen zur Geburtenkontrolle, Empfängnisverhütung, zu Homosexualität, zur Prostitution und zur freien Liebe wurden von der Polizei gestürmt, Schriften zu denselben Themen konfisziert und zensiert. Der liberalen Frauenbewegung schließt sie sich nicht an, Wahlrecht und Integration von Frauen ins Berufsleben ohne Befreiung des persönlichen Lebens, ohne Selbstbestimmung und Unabhängigkeit, das ist nicht die Art der Befreiung, die sie sich als Anarchistin vorstellt. Auch unter ihren nahen Genossen steht sie mit ihren Vorstellungen zu Liebe und Sexualität meist alleine da. Die Zensur geht auch von Anarchist_innen aus. „Der Anarchismus wäre schon genug Missverständnissen ausgesetzt und die Anarchisten würden für lasterhaft gehalten, es wäre nicht ratsam, die Missverständnisse noch zu vermehren, indem man sexuelle Perversion aufgriff“, so kommentieren einige Genossen ihre Vorträge zu Homosexualität (S. 510). Emma wurde durch diese doppelte Zensur nur noch entschlossener, denn Anarchismus war für sie „nicht bloß eine Theorie für eine ferne Zukunft, er war ein lebendiger Versuch, uns von inneren wie äußeren Verboten und den zerstörerischen Schranken zu befreien, die die Menschen voneinander trennen“ (S. 510f). Knapp 100 Jahre später hätten die Genoss_innen von CrimethInc. das nicht besser formulieren können.

Auch das Eintreten für Frauenrechte, so schallt es aus vielen Ecken der anarchistischen Bewegung (und die Sozialist_innen waren da keineswegs progressiver), sei im besten Falle Zeitverschwendung, im schlechtesten ein Schaden für die revolutionäre Sache. Da war es nicht gerade beruhigend für die Genoss_innen, dass Emma Goldman auch diese Fragen nicht nur theoretische erörterte. In ihrer Autobiografie werden die Feste nur angedeutet, die sie mit diesbezüglich Gleichgesinnten feierte und die „lustig genug verliefen, um die Missbilligung sittenstrenger Zeitgenossen zu finden“ (S. 213). So etwa Peter Kropotkin, der Emma Goldman gegenüber den Standpunkt vertrat, dass Debatten um Sexualität nicht so viel Raum in anarchistischen Zeitungen einnehmen sollten und Frauen den Männern nicht wegen des Geschlechts benachteiligt wären, sondern aufgrund des Verstands. Während einer hitzigen und aufgebrachten Diskussion um Geschlechterfragen versucht die ebenfalls anwesende Sophia Kropotkin, „die still an einem Kleid für ihre Tochter nähte“ (S. 235), die „Unterhaltung in weniger lautstarke Bahnen zu lenken“ (ebd.). Ohne Erfolg. Und Emma Goldmans Genosse, Lehrer und Freund Peter Kropotkin ist nicht der einzige, mit dem sie es aufnimmt.

Die Freiheit der Rede im Land der Freiheit

Spätestens seit der Verabschiedung des „Criminal Anarchy Law“ von 1902, das im Land der Freiheit jede anarchistische Publikation und Veranstaltung verbietet, wird der Kampf um die Redefreiheit eines der Hauptbetätigungsfelder von Emma Goldman. Im Gegensatz zu den liberalen Verteidiger_innen dieses Rechts beschränkt sie sich jedoch nicht auf die Forderung nach den „Segnungen der Demokratie“, denn: „Was nützten Rechte, wenn die ökonomischen Bedingungen unverändert blieben?“ (S. 542) Und sie fordert die Freiheit der Rede ebenso für ihre politischen Gegner_innen ein – im Gegensatz zu etlichen ihrer sozialistischen Zeitgenoss_innen, die erst dann anfingen zu protestieren, als auch ihre Freiheiten beschnitten wurden. Emma Goldman ist bereits seit Anfang des Jahrhunderts von polizeilichen Auflösungen ihrer Veranstaltungen betroffen – manche dieser staatlichen Interventionen hatten zumindest humoristischen Wert:

„Gerade als ich anfing zu reden, kam das Anarchisten-Dezernat und verteilte sich im Saal. In dem Moment, als ich den Namen ‚Henrik Ibsen‘ aussprach, sprang der verantwortliche Sergeant auf das Podium und brüllte: ‚Sie bleiben nicht bei ihrem Thema. Wenn sie das nocheinmal tun, werden wir die Veranstaltung abbrechen.‘ (…) Etwas ungeduldig sagte ich: ‚Ich bleibe bei meinem Thema. Ibsen ist mein Thema.‘ ‚Das ist nicht wahr!‘ schrie er laut. ‚Ihr Thema ist das Drama, und sie sprechen über Ibsen!‘ Die Belustigung der Zuhörer machte meinen gelehrten Störenfried noch lächerlicher. Bevor ich weiterreden konnte, befahl er seinen Männern, den Saal zu räumen, was sie auch taten, indem sie den Leuten die Stühle wegzogen und großzügig ihre Schlagstöcke einsetzten.“ (S. 417)

Leider war nicht jede Stürmung von Emma Goldmans Veranstaltungen so amüsant.

Militarismus und Patriotismus

Erfrischend eindeutig (und aktuell) ist Emma Goldmans Einstellung zum Krieg. Als die Vereinigten Staaten Spanien 1898 den Krieg erklären, vorgeblich um die Opfer spanischer Verbrechen auf Kuba zu verteidigen, lehnt die Anarchistin diesen Krieg ab, trotz „tiefer Sympathie für die kubanischen und philippinischen Rebellen, die für die Befreiung vom spanischen Joch kämpften“ (S. 214). Sie hat schlicht „kein Vertrauen in die patriotischen Proteste Amerikas als unparteiische, noble Agentur zur Unterstützung der Kubaner“ (ebd.). Das Interesse, so durchschaut es Emma Goldman, betreffe wohl eher den Zucker als die vorgeblich humanitären Werte, denn „[n]iemand, der Zuhause, sei es persönlich oder in der Regierung, Sklaverei und Ausbeutung befürworte“, könne die „Integrität oder den Wunsch haben (…), Völker anderer Länder zu befreien“ (ebd.). An dieser Haltung ändert sich auch mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg nichts. Emma Goldman gründet mit Alexander Bergman die Liga gegen die Wehrpflicht und hält unter widrigen Umständen Reden gegen Krieg und Patriotismus. Beide werden 1917 erneut verhaftet, dieses Mal wegen „Verschwörung zur Verhinderung der Einberufung zur Armee“ – ein Coup des „Espionage Act“, unter welchem etliche Kriegsgegner_innen für bis zu 20 Jahre in US-amerikanischen Knästen verschwinden. Der Gerichtsprozess – von Emma als „Kampf zwischen Idealen und organisierter Dummheit“ (S. 566) beschrieben, wird für die beiden Anarchist_innen zum politischen Podium gegen den Militarismus. Emma stellt die Absurdität einer Regierung heraus, die „anderen Ländern die Demokratie bringen will, indem sie die letzten Reste davon zu Hause unterdrückt“ (S. 568). Der angeklagte Zusammenhang von Militarisierung des Inneren und Krieg nach Außen ist für sie nicht zu übersehen:

„Amerika, erst seit sieben Monaten am Krieg beteiligt, übertraf an Brutalität jedes europäische Land mit dreijähriger Erfahrung im Geschäft des Gemetzels. Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer aller sozialen Schichten füllten die Gefängnisse und Zuchthäuser. Das neue Spionagegesetz verwandelte das Land in ein Irrenhaus. Sämtliche Staats- und Bundesbehörden sowie große Teile der Zivilbevölkerung liefen Amok und verbreiteten Schrecken und Zerstörung. (…) In Bisbee, Arizona, wurden zwölfhundert Mitglieder der IWW misshandelt und über die Grenze abgeschoben. In Tulsa, Oklahoma, wurden siebzehn ihrer Genossen geteert, gefedert und halbtot in der Steppe zurückgelassen. (…) Über das ganze Land verbreitete sich der Wahnsinn des Patriotismus.“ (S. 584)

Emma Goldman und Alexander Berkman werden zu je zwei Jahren Haft verurteilt, sie seien eine Gefahr für die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ (S. 567). Nach ihrer Haft werden sie ausgewiesen ins bolschewistische Russland, dem Emma Goldman so hoffnungsvoll entgegensah, dessen ‚Schwächen‘ sie so oft gegen die drohende Konterrevolution verteidigte.

Alle Macht den Sowjets - Keine Macht der Partei

In Russland angekommen, werden Emma und Alexander konfrontiert mit den Aktionen der Tscheka, mit der Niederschlagung von Streiks, mit der Unterdrückung von Gedanken und Rede, mit politischer Repression gegen ‚linke Abweichler‘ – all das im Namen der Abwehr der drohenden Konterrevolution. „[J]eder Kommunist, dem ich begegnete, schien an konterrevolutionärer Fixierung zu leiden“, so meint es Emma Goldman spöttisch (S. 672). Aber auch sie selbst und Alexander Berkman wagen es aufgrund der weltpolitischen Situation nicht, offen Stellung gegen die Verbrechen der Tscheka zu beziehen, allzu leicht könnte ein solches Statement von der kapitalistischen Presse vereinnahmt werden. Diesem Vorsatz bleiben beide zunächst treu, trotz dem „Verrat der Bolschewiken an der Revolution“ (S. 669), trotz der Schwächung der Sowjets, trotz Massenhinrichtungen, der „schlimmste[n] konterrevolutionäre[n] Attacke, die im Namen der Revolution begangen worden ist“ (S. 675) – bis 1921 der Aufstand von Kronstadt durch die Bolschewiki niedergeschlagen wird.

Zwei Tage vor dem beginnenden Bombardement schicken Perkus Petrowski, Alexander Berkman und Emma Goldman ein vorausschauendes Protestschreiben an den Vorsitzenden des Petrograder Sowjets Grigori Jewsejewitsch Sinowjew – ein letzter Versuch, das Blutvergießen abzuwenden. Ein militärischer Schritt gegen Kronstadt würde der revolutionären Bewegung weltweit unermesslichen Schaden zufügen. Nun müsse es um Verhandlungen unter Genoss_innen gehen. Leo Trotzki stellte am gleichen Tag den Kronstädter Matrosen ein Ultimatum und lässt das Artilleriebombardement auf Kronstadt am 7. März 1921– unterstützt von Strategen des Romanow-Regimes – beginnen. Am 18. März ist der Aufstand der Matrosen, die mit der Forderung „Alle Macht den Sowjets – Keine Macht der Partei“ angetreten waren, endgültig zerschlagen – ebenso wie Emma Goldmans Glaube an die bolschewistische Revolution. Die Hoffnung auf eine Revolution, die individuelle Freiheit, soziale und ökonomische Gerechtigkeit jenseits von institutionalisierter Regierung und Parteikader vereint, begleitete Emma Goldman hingegen bis zu ihrem Tod.

Meine Lektüre der Biografie war begleitet von der – davon unabhängigen – Rezeption inneranarchistischer Diskussionen um verschiedene Richtungen des Anarchismus: Sozialanarchist_innen meinen es mit dem Anarchismus nicht ernst, weil sie ihn nicht in das alltägliche Leben einbeziehen, Individualanarchist_innen meinen es mit dem Anarchismus nicht ernst, weil sie sich nicht auf den Kampf gegen gesellschaftliche und ökonomische Institutionen einlassen, der ‚klassische Anarchismus‘ habe Herrschaftsstrukturen außerhalb der Fabrik und der Institutionen übersehen und der zeitgenössische Anarchismus sei nicht mehr als subkultureller Kult.

Emma Goldmans Autobiografie zählt zu den besten Gegenargumenten zu solchen Vereinfachungen. Sie war Sozialanarchistin und legte gleichsam großen Wert auf die Umsetzung ihrer Ideale im täglichen Leben, sie reduzierte Unterdrückung nicht auf ökonomische Fragen, sondern wandte sich gegen Rassismus und Patriarchat und erkannte die „Mikrophysiken der Macht“ in Gefängnissystem, Ehe und Familie. Schließlich warb sie inständig dafür, mit inhaltlichen Differenzen innerhalb der anarchistischen Bewegung solidarisch umzugehen und Marxist_innen mehr als Verbündete denn als Konkurrent_innen anzusehen – trotz Kronstadt.

Die bereits 1978 beim Karin Kramer Verlag in deutscher Sprache erschienene und nun neu übersetzt vorliegende Biografie „Gelebtes Leben“ sei all denen empfohlen, die interessiert an anarchistischer Geschichte sind, an anarchafeministischen Perspektiven und an der Geschichte und dem Leben einer beeindruckenden Anarchistin. Die Neuerscheinung beinhaltet neben der Autobiografie ein Vorwort von Ilija Trojanow, eine Zeitleiste, gut ausgewählte Fotografien und ein Personenregister. Einziger Kritikpunkt dieser Ausgabe bleibt die nicht geschlechtergerechte Schreibweise. Eine Übersetzung aus dem Amerikanischen hätte anderes zugelassen. Und einem Buch, dem eine Sichtbarmachung weiblicher Perspektive in anarchistischen Kämpfen gelingt (was selten genug ist), hätte eine diesbezügliche sprachliche Sensibilität gut gestanden. Emma Goldman war nicht »einer der gefährlichsten Anarchisten«, sie war Anarchistin und sie war (und ist) nicht die einzige Frau in dieser männlich gezeichneten Bewegung.

Von Regina Wamper

Emma Goldman 2010: Gelebtes Leben. Autobiographie. Edition Nautilus, Hamburg. ISBN: 978-3-89401-731-6. 928 Seiten.

Originaltext: http://www.kritisch-lesen.de/2012/04/%E2%80%9E-und-kein-mann-konnte-mich-aufhalten/


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