Erich Mühsam - Menschlichkeit

Der Untertitel dieser Zeitschrift hat zu Missverständnissen Anlass gegeben, was mir durch mehrere Besuche und durch mehrere Briefe, die ich empfing, deutlich geworden ist. Ich halte es daher für angezeigt, ehe mein Blatt in den von mir durchaus nicht erstrebten Ruf einer Wohltätigkeitsanstalt kommt, den Lesern mitzuteilen, was ich unter Menschlichkeit begreife.

Die Tatsache, dass ich plötzlich Herausgeber einer Zeitschrift geworden bin, muss — trotz der ehrlichen Mitteilungen ans Publikum, wie die Finanzlage des Unternehmens bei seiner Gründung beschaffen war — bei manchen Leuten den Verdacht erweckt haben, ich sei Kapitalist. Einige von ihnen traten an mich heran und wollten mich anpumpen, wobei sie sich darauf beriefen, dass ich als öffentlicher Verkünder der Menschlichkeit doch zu allererst zur charitativen Betätigung dieser Eigenschaft verpflichtet sei.

Die mit solchen Ansichten und Absichten zu mir kamen, waren in zwei Irrtümern befangen: erstens täuschten sie sich darin, dass sie mich für einen begüterten Herrn hielten, zweitens darin, dass sie meinten, das Fremdwort Menschlichkeit heisse auf deutsch Charitas. Um vorweg eine eindeutige Definition zu geben: Menschlichkeit bedeutet die unverdorbene, natürliche, wechselseitige Einstellung der Menschen zueinander; auf ehrlichem Urteil und anständiger Gesinnung ruhende Beziehungen; Wille zu Gerechtigkeit und Nächstenliebe und Kampf auf bis zur Geistigkeit erhöhtem Niveau. Mit dem Titel dieser Zeitschrift habe ich ausdrücken wollen, dass ich es mit den Schlechtweggekommenen halte, die keine Duckmäuser sind, sondern Selbständige, Starke, zur Rebellion Bereite, und die gewillt sind, Zustände reinlicher Menschlichkeit, da sie bis jetzt nirgends vorhanden sind, schaffen zu helfen. Mit Humanität im Sinne von Mildtätigkeit hat die Menschlichkeit, die ich meine, garnichts zu tun.

Die Tatsache, dass Humanität und Menschlichkeit nach allgemeinem Sprachgebrauch und nach den lateinischen und französischen Vokabularien Synonyme sind, ist mir allerdings bekannt. Mir ist aber auch bekannt, dass die Römer das Wort humanitas hauptsächlich gebrauchten, um damit eine freundlichere Behandlung der Sklaven auszudrücken, als sie allgemein üblich war. Und ferner ist mir aufgefallen, dass die deutsche Sprache die Anwendung fremdländischer Bezeichnungen besonders da liebt, wo eine Entwertung und Herabwürdigung des deutschen Begriffs beabsichtigt ist. Es wird niemand leugnen wollen, dass es z.B. weitaus höflicher ist, von dem Gesicht einer Dame zu sprechen, als von ihrer Visage. Wer seine Geliebte hochachtet, wird sie ungern als seine Maitresse bezeichnet hören. Der Besitzer eines neuen Hutes oder Regenschirmes wird wenig erfreut sein, wenn man seine schönen Dinge zum Chapeau und Parapluie erniedrigt, und ein Ritter ist ein viel männlicherer Kerl als ein Kavalier, den man sich blos im Smoking vorstellen kann. Gradeso ist die Humanität eine verwaschene, korrumpierte, unbeseelte Abart der Menschlichkeit, und dass man dieses Wort kaum mehr anders als in der Bedeutung der Humanität gebraucht, beweist nur, dass alle wirkliche Menschlichkeit über Politik und Geschäft verloren gegangen ist.

Heutzutage glaubt man, es wer weiss wie weit in allgemeiner Menschlichkeit gebracht zu haben, und preist diese Zeiten des Fortschrittes und der Kultur als himmelhoch erhaben über jene fluchwürdige Vergangenheit, in der unzählige Menschen ihresgleichen als Sklaven hörig waren. Es sei hier nur nebenbei die Frage aufgeworfen, ob die Einrichtung der Sklaverei denn wirklich aufgehört hat. Ich glaube: nein. Der Unterschied ist nur der, dass ehemals der Arbeiter als Sklave nur einem einzigen Herrn gehörte; jetzt gehört er dem ganzen Stande der Herren, den man das Unternehmertum nennt. Ob dieser Zustand viel angenehmer ist für den Exploitierten als der frühere, muss dahingestellt bleiben. Freiheitlicher ist er ganz gewiss nicht. Aristoteles ist der Ansicht, dass die Sklaverei durch die Naturordnung bedingt sei, da das Niedere dem Höheren dienen müsse. Die in unseren Tagen das Wort Sklaverei empört von sich weisen, den Kapitalismus aber — das ist das Recht auf den Arbeitsertrag der „Niederen“ — ebenfalls als durch die Naturordnung bedingt hinstellen, sind nicht lauter klügere, freiere und menschlichere Leute als Aristoteles.

Man mag mich gemütlos schelten, wenn ich den Vergleich zwischen den Zeiten der Sklaverei und denen der Menschlichkeit noch ein wenig fortführe. Stirbt heutzutage einem Gutsbesitzer ein Pferd oder eine Kuh, so ist das ein Verlust, der recht empfindlich ist. Im Viehstall wird daher auf gute Versorgung des Bestandes viel Mühe gewandt. Stirbt ein Knecht — diese Würde steht viel höher als die eines Sklaven — so ist das sein eigenes Missgeschick. Für den Gutsherrn ist er schnell und ohne Unkosten zu ersetzen. Als die Wohlhabenden noch Sklaven hielten, war es anders. Da repräsentierte jeder Arbeiter für seinen Herrn einen positiven Wert — wie heute das Pferd und die Kuh —, sein Tod war schmerzlich fühlbar. Daher lag es sehr im Interesse des Brotgebers, dem Arbeiter lebenerhaltendes Unterkommen und auskömmliche Verpflegung zu sichern. Ebenso wurden die leibeigenen Frauen vorsichtig und in aller hygienischen Sorgfalt gehalten, damit sie im Stande blieben, gesunde und arbeitsfähige Sklaven zu gebären, und die Kinder, die einmal diese Sklaven werden sollten, wurden natürlich erst recht gehütet und vor Unterernährung und schwächenden Einflüssen ängstlich bewahrt.

Heute schützt dieser rohe Sklavenhalter-Egoismus die Kinder nicht mehr vor Not und Hunger. Skrophulose und ähnliche Symptome mangelhafter Lebenshaltung kennzeichnen die Entwicklung der Menschlichkeit am Körper der Kinder. Vater Staat, dessen Interessen mit denen seiner besitzenden Sachwalter identisch sind, hat wichtigere Dinge zu tun, als sich um die Proletarierbälge anders zu quälen, als durch Zuführung religiöser Zuverlässigkeit und vaterländischer Begeisterung. Gottseidank finden aber alternde Damen Musse genug, sich des Jammers der Hungernden zu erinnern, deren Ausdünstung ja nicht in die Bezirke ihrer Villen dringt. Und sie arrangieren Wohltätigkeitsbazare mit Orchideen und Pommery, vergnügliche Maskenbälle, Gartenfeste oder gar Dilettanten-Aufführungen.

Kürzlich trug man die Menschlichkeit sogar auf die Strasse. Jedermann musste Margeriten kaufen, damit den nicht auf dem Wege über das Standesamt gezeugten Kindern das Elend der ersten Lebensjahre erleichtert werde. In München kamen gegen hunderttausend Mark dabei heraus, und der gute Bürger, der an jenem Tage auch ein Blümchen im Knopfloch trug, kann frohen Herzens ein Lied summen, da er zu dem Werk der Menschlichkeit sein Scherflein beigetragen hat. Wir werden nämlich nun wohl nächstens lesen, dass für das Geld ein Fürsorgebüro für uneheliche Kinder errichtet wird, zu dem soundsoviele Beamte engagiert werden und dessen Instandhaltung soundsoviele tausend Mark jährlich kostet. Auch werden gewiss manche Kinder ihren lockeren Müttern abgenommen und frommen Familien zu einer Erziehung zugeführt werden, die die hereditären Einflüsse der bedauerlichen Herkunft in der Seele des Kindes zu verwischen geeignet ist. Ob nicht in mancher dieser frommen Familien die Sorge um das Kostgeld grösser sein wird als die um das Kind, wird im einzelnen Fall wohl schwer zu kontrollieren sein.

Dieser der höheren Menschlichkeit gewidmete Margeritentag war für mich ein Tag der Qual. Die allerliebsten jungen Mädchen, die im besten Glauben an ihre menschenfreundliche Mission mit leuchtenden Augen und frohen Gesichtern überall auf einen zukamen und in wirklich rührender Erfülltheit zum Kauf von Margeriten zuredeten, abweisen zu müssen, war nicht immer ganz leicht, und ich sah oft in Mienen, die ob meiner Lieblosigkeit ganz traurig wurden. Aber mein Knopfloch blieb leer. Ich konnte mich nicht dazu entschliessen, auch nur mit einem Groschen den frivolen Unfug zu unterstützen, als der sich mir der Versuch darstellt, die grauenvollste, fürchterlichste Schmach unserer unmenschlichen Zustände, die Hungersnot unter den Kindern, mit der Arrangierung eines charitativen Sportfestes zu übertünchen.

Nichts will ich mit dieser Art Menschlichkeit gemein haben, die die Bevorzugten gegen die Unglücklichen üben, um die seltenen schwachen Regungen eines schlechten Gewissens zu beruhigen. Nichts mit einer Menschlichkeit, die sich in dem unverfrorenen Sprichwort spreizt, dass Armut nicht schände. Als ob nicht Armut in diesen Zeiten das einzige wäre, was in Wahrheit schändet! Wen unverschämte Ausnützung einer zufälligen Macht zum Milliardär gemacht hat, der gilt unter den Menschen als ein höheres Wesen. Man feiert, ehrt und beglotzt ihn, und wenn er gar noch eine wohltätige Stiftung zur Belohnung für Lebensretter macht, preist man ihn als Vorbild edelster Menschlichkeit. Der Arme aber wird überall und ganz unverhüllt als Mensch zweiten Grades gewertet. Die Gesellschaft dessen, die keine gestärkte Wäsche trägt, ist anrüchig; die Umgangsmöglichkeit entscheidet sich nach der Vollkommenheit der Garderobe. Dem armen Kinde schon ist die Möglichkeit verschlossen, die moderne Konversationsbildung aufzunehmen. Dem vermögenslosen Jüngling sind alle Wege zu den einträglichen Pfründen des Erwerbslebens versperrt. Er ist zum Opfer der Ausbeutung bestimmt — ohne Rücksicht auf Charakter, Veranlagung und Neigung, und um ihm seine Minderwertigkeit noch deutlicher fühlbar zu machen, wird er gezwungen, durchaus gegen seinen Wunsch, gegen seine Einsicht und gegen sein Interesse, länger als die Besitzenden und in niedrigeren Chargen die Mordinstrumente zu tragen, mit denen er das Kapital, das sein Blut saugt, zu schützen hat. Alles das unter Berufung auf Ideal, Christentum und Menschlichkeit.

Somit haben alle humanitären Bewegungen und Bestrebungen, soweit sie innerhalb des Staates, des Kapitalismus, der Knechtschafts-Einrichtungen sänftigend und versöhnend wirken sollen, keine Berührung mit der Menschlichkeit, die ich fördern möchte. Diese Menschlichkeit will Menschenbewusstsein, Solidarität, Freiheit, Gerechtigkeit und Erfülltheit vom heiligen Berufe Mensch zu sein; will Liebe unter den Menschen, die auf Gleichheit und Geselligkeit fusst; will Kraft und Schönheit, und will hitzigen Streit, empörte Abwehr gegen jede Art Unterdrückung, Lüge, Vergewaltigung, Unrecht und Tartüfferie.

Die Menschlichkeit, von der ich rede, besteht noch nicht, sowenig wie Gerechtigkeit oder Kultur besteht. Sie soll erkämpft werden mit den Mitteln, die dereinst ihre Fundamente sein werden; durch Bund und Auslese, durch Klarheit, Wahrheit, Festigkeit und seelische Freiheit. Menschlichkeit ist Hass und Abwehr gegen Dürftigkeit und Gemeinheit, ist Liebe zum Schönen, Wahren und Ewigen und Wille zum Wesentlichen.

Aus: Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit, 1. Jahrgang, Nr. 4/1911. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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