Erich Mühsam - Tagebuch aus dem Gefängnis

Zum Verständnis: Im Oktober 1909, als die durch den Fall Ferrer hervorgerufene Erregung weiter Volkskreise auch die Münchner Polizei sehr nervös machte, platzte eines Nachts in einer unbelebten Strasse eine Donaritkapsel. Der junge Mensch, der sich mit dem Knallen des ungefährlichen Sprengmittelchens einen Jux machen wollte, wurde erkannt und verfolgt. Er flüchtete sich in den „Soller“, wo er einige Gäste kannte und um Hilfe bat. Ich hatte aus Gründen, die hier noch ausführlich erörtert werden sollen, im Sommer 1909 begonnen, Zugehörigen des sogen. „fünften Standes“ Vorträge sozialen Charakters zu halten, und sie mit den sozialistischen Ideen des Anarchismus bekannt zu machen. Die bei Behörden und hoheren Töchtern gangbare Ideenassoziation: Anarchisten und Bomben zeigte sich auch bei den Sollergästen zuhause. Sie rieten dem Knaben, den ich nicht kannte, sich an die Anarchisten zu wenden und sagten ihm, wo er einen meiner Freunde treffen könnte. (Ich war damals in Berlin.) Von dem erhielt er 20 Pfennige. – Die Knallerbsengeschichte ging durch die ganze Presse und ich las mit Staunen, dass mein Name damit in Verbindung gebracht werde. Die Charlottenburger Polizei haussuchte bei mir, und am übernächsten Abend wurde ich verhaftet. Erst bedeutend später erfuhr ich, dass meine Festsetzung garnichts mit dem Ulk des 17jährigen Bengels zu tun hatte (der mit 13 Monaten Gefängnis bestraft wurde), sondern dass die Zusammenkünfte, bei denen ich den „Lumpenproletariern“ meine Vorträge gehalten hatte, der Staatsanwaltschaft der Geheimbündelei verdächtig erschienen. Ich blieb 11 Tage in Untersuchungshaft (ein Mitangeklagter 8 Monate). Erst im Juni 1910 aber hatte die Justiz, die 9 Monate damit schwanger gegangen war, ihr Kind ausgetragen. Dass die Entbindung vor dem Münchner Landgericht dann ein Luftkissen zutage förderte, ist wohl noch in Erinnerung. – Im Gefängnis, wo ich ja Zeit genug hatte, begann ich, ein ausführliches Tagebuch zu führen, das ich hier mit einigen Namensänderungen und einigen Fortlassungen abdrucke.

Donnerstag, d. 4. November 1909, Gerichtsgefängnis, Charlottenburg

Morgen werden es acht Tage sein, dass man mich verhaftete. Freitag abend war es, am 29. Oktober, und ich hatte gerade meine paar Sachen in mein Handtäschchen gepackt. Die Reise nach Zürich sollte angehen. Vom 1. November bis zum 1. Dezember sollte ich wieder mal mit M. Henry und Marya Delvard tingeln. 750 Franken Gage und 50 Franken Reisevergütung. (150 Franken das sind 120 M. und etwas, hatte ich schon im Vorschuss). Morgens war ich noch bei Onkel L. gewesen und hatte Geld geholt, weil der Vorschuss schon alle war, hatte im Laufe des Tages Dutzenden von Bekannten adieu gesagt, hatte jedem, der es hören wollte, erzählt: Heute abend reise ich, – und als alter Witzbold hinzugesetzt: falls ich nicht doch noch vorher verhaftet werde. 8 Uhr 45 sollte der Zug vom Anhalter Bahnhof abgehen. Um 7 Uhr kam Lieschen zu mir laut Verabredung. Sie machte aus einem Anzug, den ich noch hatte in Stand setzen und reinigen lassen, einigen Kragen und einem Nachthemd noch ein schönes Extrapaket, bequem zu tranportieren. Um 8 Uhr sollten wir beide im Habsburger Hof sein, wo uns R. zum Abendbrot erwartete. Danach wollten mich die beiden in den Zug setzen. Lieschen hätte noch ihren Kuss gekriegt – verdammt! Um ½ 8 holten mich die Schergen. Frau B., meine gute Vermieterin, klopfte an. Gott sei Dank waren Lieschen und ich in durchaus intakter Gewandung. Herein! – „Herr Mühsam, da draussen stehen schon wieder zwei. – Wollen Sie vielleicht über die Hintertreppe –“. „Nein, nein!“ sagte ich und fühlte, dass meine Lippen weiss wurden. Ich tat aber sehr ruhig, sagte zu Lieschen: „Das bedeutet, dass ich verhaftet werde“, und hatte merkwürdigerweise den Gedanken: wie seltsam, dass die Physiognomie des Polizisten selbst von einer so einfachen Frau, und durch den Zivilanzug maskiert, erkannt wird!  – Die beiden Staatsretter traten ein. Ich ging ihnen auf den Korridor entgegen: „Was wünschen Sie?“ – „Wir kommen von der Polizei. Wir sind Kriminalbeamte. Sie werden aufgefordert, sofort mitzukommen.“ – „Legitimieren Sie sich.“ – Geschieht. – „Zeigen Sie mir den Haftbefehl.“ – Man legt mir ein Staatstelegramm aus München vor: „Bitte um Festnahme des Schriftstellers Erich Mühsam, Charlottenburg, ...strasse 84 bei B., gegen den ich wegen fortgesetzten Vergehens gegen § 128, 129, 73 Haftbefehl erlassen habe. Der Untersuchungsrichter Soundso.“ Meine erste Frage, die ich mir vorlegte, aber laut dachte, war: „128, 129? Was steht denn da drin?“ – Der Beamte hielt sich für angeredet und versicherte, auswendig könne er das so genau auch nicht sagen. Ich glaubte es ihm. Darauf ging ich ins Zimmer zurück, erklärte Lieschen, dass ich verhaftet sei, gab ihr Auftrag, meinen Bruder und den Rechtsanwalt Hugo Caro zu orientieren und küsste ihr zum Abschied die Hand, indem ich sie beruhigte, es werde nicht lange dauern, dass man mich einsperre.

Lieschen machte ein gleichzeitig verwundertes und erschrockenes Gesicht und sagte vor lauter Konsterniertheit garnichts. Auf der Treppe gab ich ihr noch rasch ein Geldstück, damit sie bei den Laufereien und Fahrereien, die sie meinetwegen zu machen hätte, nicht in Verlegenheit käme. Ich eröffnete den Beamten, dass ich Droschke fahren wolle, und da am Savignyplatz kein Auto stand, suchte ich einen offenen Einspänner aus, dessen Rücksitz verdeckt war. In diesen Verschlag setzte ich mich, meine beiden Häscher mit Wauwaugesichtern mir gegenüber. Der eine Polizist – einer mit langem hängendem blondem Schnauzbart und sehr würdiger Miene – nannte die Adresse des Polizeigefängnisses, hatte es aber kaum nötig, denn auch der Droschkenkutscher erkannte offenbar das Amt an seinen Trägern, übersah sofort die Sachlage und nickte schon im Voraus verständnisvoll mit dem Kopf. Während der ganzen Fahrt wurde kein einziges Wort gesprochen. Ich dachte aber: Jetzt sollte ich eigentlich mit Lieschen nach der anderen Seite Berlins – zum Habsburger Hof – fahren. Am Ziel zahlte ich dem Kutscher, gab ihm noch 10 Pfennige Trinkgeld und ging meinen Häschern nach ins Polizeigebäude hinein. Man kann mich totschlagen: Ich weiss nicht mehr, ob ich dort Treppen steigen musste, ob ich in Hinterhäuser geführt wurde oder wie die Baulichkeit beschaffen war. Diese nüchternen Büro- und Quälhäuser haben genau wie Polizeibeamte Visagen von stereotyper Aehnlichkeit, für deren Einzelheiten man sich nicht im geringsten interessiert. Es war mir zunächst auch gleichgiltig, was man mich fragte; ich war nur etwas traurig. Jedenfalls wurde ich bei den ersten Notierungen nicht respektlos behandelt. Der Beamte, der mich empfangen hatte, verliess den Raum, und ich sah mich allein mit zwei Beamten, von denen einer blond und völlig uninteressant aussah. Ich fragte mich, ohne auf eine Antwort zu kommen: Ist das nun eigentlich einer von den Herren, die mich von Hause abgeholt haben oder nicht? – Der andre dagegen wird mir in Erinnerung bleiben. Ganz niedrige Stirn; schwarze, pomadisierte, gescheitelte, das Gesicht, besonders die Stirn eng umgrenzende Haare; gelbe Augen; kleine, aber abstehende Ohren; graue Hautfarbe; tiefe, lange Backenfalten; ein schwarzer Schnurrbart über einem schiefen Mund. Ich ging, die Hände auf dem Rücken, nervös in der Bürostube umher. Ein Junge kam, der bestätigen sollte, ob zu dem ihm gestohlenen Fahrrad eine Satteltasche gehört hätte, die ihm vorgelegt wurde. Der Junge verneinte und ging wieder. Es wurde festgestellt, dass der Dieb also zwei Fahrräder gestohlen haben musste. Ich sah ohne irgendeine Absicht, nur mit dem dumpfen Gedanken: was wird nun eigentlich aus alledem? – die Polizeimenschen an. Da verzog sich plötzlich das eben beschriebene Gesicht zu einem Grinsen, so höhnisch und schadenfroh, dass ich es ganz erstaunt anblicken musste, wie man gerade am Interessiertesten und Gespanntesten dahin zu schauen pflegt, wo sich dem Auge etwas unsagbar Schaudervolles zeigt. Das Kinn zog sich schief nach einer Seite. Die Backenfalten verbreiterten sich. Die ohnehin lächerlich geringfügige Stirn wurde von den sich hinaufziehenden Augenbrauen völlig verdeckt. Die hügelige Nase wackelte, und unter dem Schnurrbart wurden grosse, schiefgestellte, stockige Zähne sichtbar, die mich anfletschten. Als ich mich von dem Schrecken über seinen Anblick einigermassen erholt hatte, das Grinsen aber noch immer nicht aufhörte, fuhr ich den Menschen plötzlich so laut an, dass der andere Beamte erschrocken die Hacken zusammenklappte: „Was haben Sie zu lachen!? “ – Die Visage verrunzelte sich zu einer verlegenen Grimasse: „Ich kann doch lachen, wenn ich will.“ „Wenn“ sagte er. Ich schrie auf ihn ein: „Sie haben kein Recht mich auszulachen. Wollte ich Sie angrinsen, würden Sie mich wegen Beamtenbeleidigung anzeigen. Sie haben mich genau so anständig zu behandeln, wie Sie es von mir verlangen. Ich lasse mich nicht von Ihnen verhöhnen.“ Meine Worte bewirkten, dass sich das Gesicht wieder in den gewohnten Faltenwurf auseinanderrollte, sodass der Mann bei meinen letzten Worten wieder genau so dastand wie vor seiner Teilnahmsäusserung. Nach diesem Intermezzo kam, wahrscheinlich durch meine laute Stimme herbeigelockt, der Kommissär – ich vermute, dass er so etwas war – wieder herein und liess mich abführen. Man – wer, weiss ich nicht mehr, wusste es auch wohl kaum, während es geschah –, man brachte mich eine Eisenstiege hinunter und übergab mich einem Aufseher. – Ich vergass zu berichten, dass ich oben alles aus meinen Taschen herausnehmen musste. Das Geld wurde nachgezählt. Ich hatte 171 M. 45 Pf. nebst einem alten dicken russischen Kopekenstück aus dem 17. Jahrhundert, das mir Cläre mal als Glücksmünze geschenkt hatte und einer ungebrauchten bayerischen 10-Pfennig-Briefmarke. Dann kramte auch noch der Beamte in meinen Taschen nach, sogar die Weste musste ich dazu aufknöpfen. Aber ich hatte schon alles selbst herausgelegt, die vielen Papiere und Papierchen – es waren allerdings seit der Haussuchung am Mittwoch nicht mehr halb-soviel in den Taschen wie vorher –, die Brieftasche, die viele Visitenkarten von mir und anderen enthielt, auch Heftpflaster und den Kontrakt mit Henry; mein Notizbuch, meinen Bleistift, und was sonst noch in meinen zahllosen Rock-, Westen-, Hosen- und Manteltaschen gewesen sein mag. Man brachte mich also dem Gefangenenaufseher des Charlottenburger Polizeigefängnisses, nicht ohne mir auch noch den dicken Spazierstock und sogar den Kneifer abgenommen zu haben. In dem Aufseher, in dessen Gewahrsam ich mich nun befand, lernte ich an diesem Abend den ersten Menschen kennen, der mich weder mit schadenfroher Bosheit, noch mit beamtenmässig korrekter Starrheit behandelte, sondern der mir wirklich menschlich entgegenkam. Ich machte seitdem die Beobachtung, dass alle Gefängnisaufseher, mit denen ich zu tun hatte und habe, bestrebt scheinen, denen, die ihrer Macht unterstellt sind, als Menschen zu begegnen und womöglich eine dem Polizeicharakter gegensätzliche Natur hervorzukehren.Das wird daran liegen, dass der Polizist gewöhnt ist, in seiner amtlichen Tätigkeit im Menschen nur den Verbrecher zu suchen, während sich der Gefängnisbeamte gerade in seiner amtlichen Tätigkeit daran gewöhnt, im Verbrecher den Menschen kennen zu lernen. Die persönliche Freundlichkeit des Mannes fiel mir um so sympathischer auf, als es ihm oblag, mich der allerunangenehmsten Prozedur zu unterziehen. Er nahm mir nämlich zu allem übrigen auch noch Hosenträger, Stiefel, Kragen und Krawatte ab. Aber den silbernen Ring mit dem Mondstein durfte ich an der Hand behalten. Dann musste mir der Aufseher noch einmal den Anzug durchsuchen, wobei er den ganzen Körper abtastete, selbst die Stellen, deren Berührung ich mir weit lieber von schönen Frauenhänden gefallen liesse. Diese Untersuchung nahm er aber mit soviel Rücksicht vor, wie sie eben zuliess, nämlich mit fortgesetzten Entschuldigungen, dass dies seine Pflicht sei und dass es im übrigen auch schnell erledigt sei. Inzwischen hörte ich eine nahe Kirchuhr schlagen und stellte fest, dass es halb 9 Uhr war. Ich war also gerade eine Stunde in Polizeigewalt und überlegte, dass wir jetzt im Habsburger Hof mit einem recht guten Essen fertig wären und langsam ans Aufbrechen denken müssten. Dabei fiel mir ein, dass ich eigentlich Appetit hatte und ich fragte, ob ich nichts zu essen bekäme. Der Aufseher erwiderte, dass Linsensuppe da sei, da ich die aber wahrscheinlich nicht möge, wolle er sehen, ob er nicht etwas anderes beschaffen könnte. Nach einer Weile kam er mit einem Teller Milchreissuppe an, die er mir als sehr gut pries. Ich nahm ein paar Löffel davon, ohne Gefallen an dem Souper zu finden, und versicherte dem Aufseher aus Höflichkeit, dass die Aufregung, in der ich sei, mir zu weiterem Essen den Appetit verlege. Ich wurde nun in eine dunkle Zelle geleitet, deren ganze Einrichtung in einer schmalen, Holzbank und einem kleinen Tisch daneben bestand, auf dem ein Krug Wasser stand und einige Brotreste lagen. Dort wurde ich zunächst eingeschlossen und sass auf der Holzbank, ohne das Geringste sehen zu können. Es schlug drei Viertel, und ich sah im Geiste den Zug aus dem Anhalter Bahnhof dampfen, in dem ich von Rechts wegen hätte sitzen sollen. Ich sass auf meiner schmalen Bank in meiner stockfinsteren Kellerzelle und dachte an – Verschiedenes. Es schlug langsam, sehr vernehmlich, sehr korrekt und etwas unheimlich 9 Uhr. Jetzt kam mir vor, werden es die Bekannten allmählich schon erfahren. Lieschen wird es ins Café gebracht haben. Auf den Redaktionen werden sich die liberalen Schmöcke fragen, ob man für oder gegen mich sein solle, ob man mich als gemeingefährlichen Verbrecher zum Gruseln oder als harmlosen Wichtigtuer zum Belächeln den Lesern zum Frühstück servieren solle .... Der Aufseher schloss mit klirrenden Schlüsseln die Eisentüre auf und teilte mir beschwichtigend mit, dass ich jetzt ein Nachtlager erhalten solle. Darauf weckte er jemand, der in einer benachbarten Zelle schlief und brachte nach kurzer Zeit mit dem eine aus drei losen Strohkissen zusammenzusetzende Matratze herein; darauf kam ein Tuch und dann zum Zudecken eine Pferdedecke. Ich durfte noch ein meiner Zelle gegenüberliegendes Oertchen aufsuchen, dann konnte ich mir’s auf meinem Lager „bequem“ machen. Ich zog mich also im Dunkeln aus, tastete mich auf dem Steinboden zu meinem „Bett“ und versuchte zu schlafen. An dem mörderlichen Jucken, das ich am ganzen Körper empfand, und an der Häufigkeit, mit der sich die nahe Kirchuhr meldete, die ganz pünktlich Viertelstunde für Viertelstunde anschlug, merkte ich, wie wenig mir meine Absicht gelang. Ich sah mit der grössten Lebendigkeit eine Unmenge meiner Bekannten, beteiligte mich an Gesprächen über letzte Wahrheiten und Weisheiten, führte juristische Disputationen über den wahrscheinlichen Inhalt der Paragraphen 128 und 129, die ich fortgesetzt verletzt haben sollte, und von deren Bedeutung ich keine Ahnung hatte, stand vor Gericht und überzeugte in einer forensischen Meisterleistung das Auditorium von der Unsinnigkeit jeglicher Justiz, rief mit Lebhaftigkeit nach dem Kellner, um für mich einen Kaffee schwarz, für Spela einen Cognak zu bestellen, dankte nach der Premiere meines neuen Stückes für den Applaus, riet den Genossen energisch ab, mit Bomben zu werfen, bat Cläre um einen Kuss und Herrn K. um 2000 M. Vorschuss, gestand Gertrud L. meine Liebe und widerlegte H. W. seine Existenzberechtigung, kurz: ich hatte tausend Wachträume, die mir durch die infame Kirchturmuhr alle Viertelstunde als Wachträume bestätigt wurden..... Endlich ging ich auf Flohjagd, was bei der unausgesetzten Bemerklichkeit des Jagdwildes, zugleich aber bei der völligen Dunkelheit der Nacht  ebenso kurzweilig wie ergebnislos war. Wirklich: gelangweilt habe ich mich diese Nacht garnicht, im Gegenteil wunderte ich mich bei jedem Anschlagen der Uhr, dass wieder eine Viertelstunde vorbei ging. Besonders hübsch war es, wenn eine volle Stunde herum war. Dann zählte ich ganz langsam mit. Erst vier Schläge: hell, schneidig, beamtenhaft, im gemessenen Abstand hinter einander her. Dann die Zahl der Zeitstunde, deren erster Anhieb nach einer Erholungspause erfolgte: ein tiefer, ehrwürdiger, im Dienst ergrauter Ton, von langem Atem, der ganz ausströmte. Erst dann folgte ihm ein gleicher, mit demselben Anstand und demselben Wertbewusstsein. Jede Stunde aber schloss sich ein neuer Ton den Kollegen an, der als letzter nachhallte wie das Säbelrasseln eines Würdenträgers, nachdenklich schleppend, doch blasiert und gebieterisch. Ich freute mich jedesmal, wenn es wieder einen Schlag mehr gab; es kam mir vor, als sei das immer als eine Ueberraschung für mich gemeint, obgleich ich doch vorher wusste, wie oft es anschlagen würde. Ich kann mir kaum eine grössere kindliche Vorfreude denken, als die, die ich nach elf Uhr empfand, darüber, dass ich das nächste Mal zwölf Schläge zählen durfte. Aber vor ein Uhr hatte ich eine förmliche Angst davor, nach den vier Subalternbeamten nur einen einzigen grabärtigen [sic] Herrn heranprusten hören zu sollen. Als es vorüberwar, atmete ich auf, fand es aber ganz fad, dass es nun für viele Stunden mit dem langen Aufmarsch der Honoratioren zu Ende sei. Die zwei Schläge der nächsten Nachtstunde interessierten mich schon garnicht mehr – und dieses Einschlafen meines Interesses für die Kirchturmuhr mag es bewirkt haben, dass sich aus dem Wulst von Eindrücken, Vorstellungen, Merkwürdigkeiten und Empfindungen ein Netz wob, das meine Glieder zu schwerem Schlaf auf die Matratze niederzwang.

Die Freude der Ruhe dauerte nicht lange. Das Schlüsselbund in der eisernen Tür weckte mich. Der Aufseher rief: Aufstehen! – und ich konnte konstatieren, dass meine jammervolle Zelle in den verwaschenen Konturen der Frühdämmerung sichtbar wurde. Ich musste mich ankleiden: ohne Hosenträger, ohne Kragen und Krawatte, ohne Kneifer, ohne Stiefel, an deren Stelle mir Hauslatschen gebracht wurden. Meine Knochen taten mir von dem harten Liegen überall weh, und die Haut juckte an allen Enden entsetzlich. Ich krempelte den Aermel des Hemdes hoch und bemerkte zahllose Flecken und Stiche, aber noch heute weiss ich nicht, ob mir diese Nacht Flohstiche, Wanzenstiche, Krätze oder nervöse Nesseln eingetragen hat*) und noch heute bin ich die verflucht juckenden Blasen nicht los. Inzwischen wurde ich gewahr, dass es 6 Uhr in der Frühe war, eine Zeit also, die mir zum Zubettgehen vertrauter ist als zum Aufstehen. Aber was will man als einsamer Gefangener gegen die Gewalt der Obrigkeit anfangen?

Ich durfte mich nun in einem hässlichen Raum waschen und erhielt einen Topf mit frischem Wasser und dazu ein grosses klitschiges Stück Brot. Mit diesem Frühimbiss wurde ich wieder allein gelassen, sah es langsam heller werden und hatte nicht die geringste Möglichkeit, mich mit irgend etwas anderm als mit meinen Gedanken zu beschäftigen, die nicht eben die tröstlichsten waren, und die sich jetzt ziemlich teilnahmslos von dem viertelstündigen Kirchturmsgruss unterbrechen liessen. Gegen 7 Uhr kam der Aufseher, der nicht mehr so nett war, wie am Abend vorher, holte die Matratze aus der Zelle und erwiderte auf meine Frage, was denn nun eigentlich mit mir geschehen solle, mittags gegen 1/2 1 Uhr würde ich wohl dem Untersuchungsrichter vorgeführt werden. Das war keine erfreuliche  Aussicht, jetzt fünf Stunden lang ohne jede geringste Tätigkeit in diesem schandhässlichen Kellerverlies auf der schmalen Holzbank sitzen zu müssen, denn das Herumlaufen in den Sträflingslatschen fiel mir schwer. So legte ich mich also auf die harte Bank und schlief wirklich in kurzer Zeit ein. Plötzlich aber kam der Aufseher, der mir verkündete, am Tage liegen dürfe ich nicht; dann verschwand er wieder. Die Gedanken, die ich ihm nachschickte, waren nicht eben zärtlich, obwohl er sein Verbot mit der Entschuldigung vorgebracht hatte, wenn die Aufsicht käme, würde man ihm Krach machen. Ich setzte mich also auf die Bank, liess den Kopf auf die Knie hängen und versuchte, in dieser Stellung von neuem einzuschlafen. Nach einer bis zwei Stunden, während derer wieder abenteuerliche Ideen und Spekulationen um mein Gehirn geflogen waren wie die Aasgeier um den Galgen, siegte endlich auch wieder die Müdigkeit, und ich schlief trotz der unbequemen Stellung, trotz des Juckens, trotz der traurigen und aufgeregten Gedanken wiederum ein. Eitle Hoffnung, endlich ungestört ausruhen zu können. Kaum waren mir die Augen zugefallen, als mich der Aufseher anrief und mir befahl, ihm sogleich zum Kommissär zu folgen. Auf meine Bitte wurde mir zu diesem Gange wenigstens der Kneifer bewilligt.

Am Ende des Kellers, in dem die Gefangenenzellen lagen, übergab mich der Aufseher einem Polizeimenschen, und so uninteressant dieser Herr an sich war, so fiel mir doch in dem Moment, wo er anfing, mich die Treppen hinaufzukommandieren, wieder der Charakterunterschied zwischen Polizisten und Gefangenenwärtern auf. Ich kam in einen Saal, wo etwa acht jüngere Leute an einem langen Tische sassen, immer je zwei einander gegenüber, und schrieben: lauter Polizeiakten, dachte ich mir, die da gefüllt werden. Wie fremd muss den armen Menschen, die sie vollgeschrieben haben, die lebendige Wirklichkeit bleiben, die für sie ewig nur „Material“ ist. In einer Ecke dieses Bürosaals stand ein Aktenschreibtisch, vor dem ein beleibterer Polizeimensch sass, der mich ins Verhör nahm. Dieses Verhör bestand darin, dass er mich fragte, ob ich Erich Mühsam heisse, bisher in der ...strasse 84 gewohnt habe und gestern abend von dort abgeholt sei. Das bestätigte ich ihm. Hierauf fragte er mich, ob ich denn nun mit dem eben derart geschilderten Erich Mühsam identisch sei, worauf ich antwortete: „Ich vermute.“ – Diese Antwort setzte den Polizeikommissär offenbar in einige Verwirrung. Nachdem er wiederholt hatte: „So? – Sie vermuten das nur?“ – besann er sich eine Weile, nahm dann einen Bogen Papier her und verfasste darauf ein Protokoll, das besagte: „Ich bin mit dem Schriftsteller Erich Mühsam, mosaisch, geboren etc., wohnhaft etc., identisch.“ Hierunter ersuchte er mich, meinen Namen zu schreiben, was ich zu seiner grossen und deutlich bemerkbaren Beruhigung tat. Eigentlich kitzelte es mich in dem Moment, die Unterschrift nicht zu geben, wozu mich keiner hätte zwingen können. Aber ich war doch schon zu mürbe, um etwa unangenehme Wirkungen eines letzthin schlechten Witzes noch auf mich nehmen zu mögen. Also um zu bestätigen, dass ich mit mir identisch sei, hatte ich den endlich gewonnenen Schlaf abschütteln müssen.

Jetzt durfte ich wieder hinuntergehen. Der Aufseher nahm mir den Kneifer ab, und ich wurde von neuem in die unwirtliche Zelle bei Wasser und Brot eingeschlossen. Weitere Versuche, den Schlaf zurückzubeschwören, misslangen völlig, und ich überliess mich nun meinen Betrachtungen, Erinnerungen und Erwägungen. Ich verglich diese Verhaftung mit der, die ich vor anderthalb Jahren mit Johannes Nohl zusammen in Ascona erfuhr, und stellte fest, dass, obgleich die äusseren Formen damals gröber waren: Fesselung, fast einstündiger Transport zu Fuss mit den schweren Handschellen, Aufstöberung aus dem Bett nach vier schlaflosen Nächten und erst einer halben Stunde Schlummer, Püffe und Gewalt bei der Festnahme – obgleich alle diese Rohheiten diesmal nicht dabei waren, doch meine jetzige Lage unendlich weniger erfreulich sei als die damals. Damals waren wir zwei Freunde, die ein gleiches traf; die ganze Affäre hatte die Romantik des Südens; die Beamten, die uns fortführten, wirkten nicht wie diese Norddeutschen als exakte Mechanismen, sondern als rohe italienische Schlingel; dann kam dort die verwanzte, dreckige, stinkige Zelle zu zweien in dem herrlichen alten „antico castello“, von dem man – und gerade von meiner Zelle aus – den prächtigsten Ausblick auf den See und auf die wundervollen Berge hatte, die mit Tagesanbruch immer goldiger in unsre verlausten Käfige schauten; schliesslich die Verständigung zwischen dem Freund und mir durch lautes Schreien von einer Zelle in die andere, in einer Sprache, die die groteske Hexe von italienischer Beschliesserin nicht kannte. – Hier hingegen ich allein, ohne einen Menschen bei mir, der sich um mich sorgt, und um den ich mich zu sorgen hätte. Alle elementare Brutalität ersetzt durch eine geschäftsmässige, funktionelle Nüchternheit. Und nur ein Umstand, der hier wie dort die Situation komplizierte: die völlige Unkenntnis gegenüber den Gründen, die die Verhaftung veranlassten. Aber auch darin welcher Unterschied zugunsten Asconas! Dort wussten wir, es liegt nichts vor, und wir haben die Advokaten, den Arzt und den Friedensrichter des Orts zu Freunden, deren Wink zu unsrer Befreiung genügen würde. Das zeigte sich dann auch: als wir nach achtzehnstündiger Haft trotz unsres lebhaften Verlangens dem „Procuratore“ nicht vorgeführt wurden, schickten wir vier gleichlautende Telegramme zur Beförderung nach Ascona an die Carabinieri, die uns in Gewahrsam hatten: „Senza cosa arrestati: Prego da noi liberare. Mühsam. Nohl.“*) Die Telegramme wurden gar nicht abgesandt. Zehn Minuten, nachdem wir sie aufgesetzt hatten, waren wir frei. –

Und jetzt? Die Tage vor meiner Verhaftung waren, veranlasst durch die Haussuchung, die die Berliner Polizei im Auftrage der Münchner bei mir vornahm, Notizen durch die Blätter gegangen, wonach ich an der grotesken Münchner Bombenaffäre beteiligt gewesen sein sollte. In der Tat wurde mir von den Beamten, die mein Zimmer und meine Taschen durchstöberten (in Uebereinstimmung mit der Wahrheit)*) gesagt, ich solle mit den Verhafteten, die dieses Unternehmens beschuldigt wurden, öfters gesehen worden sein. Da für Leute, die keinen Einblick in mein Tun haben können, der Eindruck entstehen musste, diese Zeitungsnotizen kompromittieren den Mühsam schwer in der Angelegenheit, erliess ich im „Berliner Tageblatt“ und im „Lokal-Anzeiger“ Erklärungen, in denen ich die Unsinnigkeit solcher Kombinationen nachwies. Danach glaubte ich allen Gefahren überhoben zu sein und ohne Geheimniskrämerei in die Schweiz abreisen zu können. Und nun doch die Verhaftung: wegen fortgesetzten Vergehens gegen §§ 128, 129, 73. Zwar hatte ich bei der Protokollierung meiner Identität den Polizeikommissär ersucht, mir den Inhalt dieser Paragraphen anzuvertrauen, aber der hatte sie mir so schülerhaft vorgelesen, dass ich nur den Sinn des § 73 des Strafgesetzbuches verstand, der nichts wie Strafausführungsbestimmungen enthält, die nämlich, dass bei Verletzung zweier Paragraphen das Strafmass des schwerer zu sühnenden Vergehens in Anwendung zu bringen sei. Was das eigentliche Delikt anlangt, so war ich in den Stunden, die ich eben beschreibe, noch vageren Kombinationen überlassen als vorher. § 130, das wusste ich, betrifft die Aufreizung zu Gewalttätigkeiten verschiedener Bevölkerungsklassen gegen einander. Dafür bin ich schon mal bestraft worden. 128, 129 konnten nicht sehr Unähnliches betreffen, da sie so dicht danebenstehen: Aber welches potisiche [sic] Verbrechen konnte ich „fortgesetzt“ begangen haben? Ich war mir keines bewusst. Nur soviel gestand ich mir doch, dass deutsche Behörden nicht so rasch zur Verhaftung eines Menschen schreiten, der, wie ich, einen bekannten Namen hat, wenn sie nicht mindestens starke Gründe für ihr Vorgehen zu haben meinen, und dass die Freilassung – mögen die gegen mich erhobenen Vorwürfe noch so falsch sein – nicht mit einem Federstrich und in ein paar Stunden zu erzielen sein würde.

Solche Ueberlegungen beherrschten etwa die Stimmung, in der ich mich nun in der Kellerzelle des Charlottenburger Polizeigefängnisses am Vormittage des 30. Oktober befand. Ich erhielt indessen den Besuch eines beleibten, vollbärtigen Herrn mit Kneifer und Zigarre, der sehr von oben herunter auftrat und mich in schneidigem Beamtenton nach Namen und Stand fragte. Er kicherte dabei und verschwand wieder. Dann kam noch ein sehr ernst schauender, offenbar höherer Beamter, der mich nur musterte. Ich hatte bei beiden die Empfindung: die wollen sich das rare Tier mal ansehen, das man ihnen da hereingebracht hat. Inzwischen schlug die ominöse Uhr Mittag, und ich bekam eine greuliche dicke Graupensuppe, wieder mit einem Riesenklumpen klebrigen Brotes. Da ich sehr ausgehungert war, zwang ich mich, möglichst viel davon zu essen. Gegen 1 Uhr wurde mir endlich eröffnet, dass ich mich bereit machen solle zur Ueberführung. Ich hatte kaum Zeit, mir die Stiefel anzuziehen und den Kneifer aufzusetzen. Die Hosenträger wollte mir der Aufseher nur so in die Hand geben. Er empfahl mir, sie in die Tasche zu stecken. Ich überrumpelte ihn aber, indem ich – eins, zwei, drei – Jacke und Weste auszog und die Hose sorgfältig befestigte, ehe ich mich bereit erklärte. Jetzt wurde ich einem uniformierten Charlottenburger Polizisten attackiert, der mich zu einem Polizeiwagen begleitete, einem von allen Seiten geschlossenen dumpfigen Kasten, vor den zwei Schimmel gespannt waren. Ich schlug vor, auf meine Kosten eine Droschke zu nehmen, man bedeutete mir aber, dass ich das vorher hätte sagen sollen (als ob ich dazu Gelegenheit gehabt hätte, wo ich keinen Schimmer hatte, was mit mir werden sollte). In dem Wagen sassen schon vier Personen drin, alle ehrpusselig in einer Reihe. Ich setzte mich ihnen gegenüber, ganz vorn, von wo ich durch eine Lücke unterhalb des Kutschersitzes auf die Strasse sehen konnte. Der Schutzmann setzte sich auf das gleiche Brett in die hintere Wagenecke, wo für ihn eine Decke lag, und ordnete die Packete, die meine und meiner Leidensgefährten Habe enthielten. Die Karre setzte sich also in Bewegung, und ich hatte Zeit, während der schweigsamen Fahrt zum Gerichtsgefängnis meine Mitreisenden zu betrachten. Mir gegenüber sass ein Mann von etwa 50 Jahren, eine Gestalt, wie man sie in Herbergen, Wärmehallen, Kaschemmen und ähnlichen Orten massenhaft antrifft. Für meine Gruppe „Vagabund“ des Sozialistischen Bundes, die ja leider nicht mal zustande kam, und für deren Nichtverstehen durch Unbeteiligte ich anscheinend jetzt hier sitze, schien mir der Mann indessen nicht zu taugen. Dazu sah er mir nicht verzweifelt genug aus, auch nicht ingrimmig genug. Sein Gesicht hatte eher einen sozusagen demütig-verdrossenen Ausdruck. Neben diesem armen Teufel sass ein junger Mensch, sehr lang und blass und von unintelligentem, fast stupidem Aussehen. Er hielt in der Hand krampfhaft seine Hosenträger und schien seine Lage mit einem stumpfsinnigen Widerwillen zu ertragen. Die beiden anderen Wageninsassen waren Mädchen. Eine grosse, ziemlich üppige, nicht hässliche, aber etwas verlebte Person, die ich für eine Prostituierte in mittlerer Preislage hielt, und ein nettes, junges, zartes, blondes, verängstigtes Geschöpfchen, das um, wer weiss was für einen kleinen Ladendiebstahl die traurige Fahrt mitmachen musste. – Zuerst fuhr der Wagen in die Kirchstrasse zum Krankenhaus, holperte dort über die steinerne Hofschwelle durchs Portal, dass wir alle fast durcheinandergefallen wären, und liess die grössere und ältere der Frauensleute dort aussteigen und vom Personal in Empfang nehmen. Armes Wurm, das man nur gesund werden lässt, um es den Torturen der „Gerechtigkeit“ zu überliefern! – So fuhren wir dann, eine Person weniger, weiter zum eigentlichen Gefängnis. – –

Ich habe eben mein Abendbrot verzehrt. Gleich werde ich ins Bett geschickt. So will ich für heute schliessen, und die Begebenheiten vom zweiten Tage meiner Gefangenschaft und vom Betreten der zweiten Station an morgen weiterschildern.

Freitag, den 5. November 1909

Der Wagen fuhr, wie mir schien – denn durch meine Luke hatte ich während der ganzen Fahrt immer nur ein paar Strassenpflastersteine, ein Stück Wagendeichsel und zwei weisse, sich bald zu einander hinbewegende, bald von einander abhüpfende Pferdeärsche gesehen –, durch mehrere Höfe vor das Portal des Gefängnisses. Der Schutzmann stieg aus, und als ersten Gruss aus der neuen Behausung hörte ich eine ungeschmierte Beamtenstimme krächzen: „Nun mal alle raus da!“ – Es war ein grosser Mensch mit Schnurrbart und Glatze, der uns vor dem Wagenschlag erwartete, ein Mittelding etwa zwischen einem Gerichtsschreiber und einem Kriminalbeamten, wenn ich aus seinem Benehmen auf sein Geschäft schliessen darf. Mit einer Handbewegung, als ob er jeden einzelnen im Vorbeigehen an den Hintern schlagen wollte, liess er uns an sich vorbeidefilieren und schloss sich uns in der Haltung eines Viehtreibers an, während er uns ins Haus schickte. Dabei kommandierte er im Unteroffizierston: „Links!“ „Rechts!“ „Gerade aus!“ „Hier rauf!“ „Hier rein!“ – und schon befanden wir uns in einer kleinen, weissgekalkten Zelle mit einem kleinen, starkvergitterten Fenster, durch das man ein Stück des Hauses von verschiedenen Seiten, ein Eckchen Gefängnismauer und ein bischen Garten sehen konnte. Unter „wir“ sind zu verstehen: meine beiden männlichen Fahrtgenossen und ich, – und zu uns wurde gleichzeitig noch ein Mensch von vielleicht 25 Jahren eingelassen und dann hinter uns die Eisentür zugesperrt. Das kleine, blonde Mädchen führte der glatzköpfige Menschenbändiger in eine Zelle nebenan. Ich hörte, wie er sie draussen barsch fragte: „Wie alt sind Sie?“ Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass das geängstigte Tierchen erst 21 Lenze zählte. Ich überlegte aber, was den pflichteifrigen Beamten wohl veranlassen mochte, das junge Mädchen in diesem Augenblicke, wo er gar nichts aufzuschreiben, sondern sie nur provisorisch einzusperren hatte, nach dem Alter zu fragen.

Unsere Zelle wies als einzige Einrichtung einen Küchenstuhl auf, den der älteste von uns, der verdrossene Kunde, sogleich besetzte. Wir anderen füllten den kleinen Raum im übrigen fast vollständig aus. Der neue Gefährte, den wir hier kennen lernten, schien mit der Oertlichkeit schon vertraut zu sein. Jedenfalls benahm er sich, als sei er unser Hauswirt. Sein Gesicht überstrahlte ein breites, unbesorgtes Lachen und hatte etwas clownmässiges. Seine Figur war untersetzt und sehr stämmig. Er hatte Riesenhände und den Anzug etwa wie ein Zimmermann. Ich taxierte ihn auf schwere Körperverletzung. Der brachte Unterhaltung zwischen uns, indem er zunächst den Alten auf dem Stuhl nach seinem Delikt fragte: „Du hast wohl jestohlen?“ – Der Angeredete litt sichtlich und zuckte nur mit den Schultern. Darauf wandte sich der neugierige Herr an mich: „Na, und wat hast du jemacht?“ – Ich war etwas in Verlegenheit, wie ich verständlich antworten sollte und sagte dann kurz und politisch: „Politisch“. Der Proletarier wurde von Respekt erfüllt. Das war an dem Ton kenntlich, in dem er erwiderte: „Det ha’k mir doch jleich jedacht. Se sind woll Redaktör?“ – Er siezte mich schon, und ich antwortete: „Sowas ähnliches“. – „Ja, ja. Mit det Schreiben –“ meinte er dann und versank in Stillschweigen und Nachdenken. Nach einer Weile wurde er hinausgerufen. Kurz darauf : „Mühsam!“ -- Es war das erste Mal seit meiner Verhaftung, dass mir das Prädikat „Herr“ entzogen wurde. Ich musste dem unsympathischen Glatzkopf folgen, der mir jede Weisung, ob ich links oder rechts zu gehen habe, in einem Ton gab, als ob ihn meine Existenz mit dem tiefsten Abscheu erfülle.

Ich gelangte über eine Treppe und durch mehrere Türen in das Zimmer des Richters und sah mich einem grossen, eleganten Herrn gegenüber, der, wie ich später erfuhr, auf den Namen Assessor B. hörte .... Er fragte mich höflich nach den Personalien und eröffnete mir nun ganz offiziell, dass der Untersuchungsrichter in München meine Verhaftung wegen Vergehens gegen die §§ 128 und 129 angeordnet habe. Er las mir nun die Paragraphen klar und deutlich vor, und ich will sie hier abschreiben, damit ich mich, wenigstens im allgemeinen und prinzipiellen, immer über die Verbrechen orientieren kann, die ich nach Meinung des Münchener Untersuchungsrichters begangen haben soll. Ich kann das umso leichter, als mir Rechtsanwalt Caro gestern auf meinen Wunsch das Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich in Philipp Reclams prächtiger 20 Pfennig-Ausgabe ins Gefängnis brachte.

§ 128: „Die Teilnahme an einer Verbindung, deren Dasein, Verfassung oder Zweck vor der Staatsregierung geheim gehalten werden soll, oder in welcher gegen unbekannte Obere Gehorsam oder gegen bekannte Obere unbedingter Gehorsam versprochen wird, ist an den Mitgliedern mit Gefängnis bis zu sechs Wochen, an den Stiftern und Vorstehern der Verbindung mit Gefängnis von einem Monat bis zu einem Jahre zu bestrafen.“

§ 129: „Die Teilnahme an einer Verbindung, zu deren Zwecken oder Beschäftigungen gehört, Massregeln der Verwaltung oder die Vollziehung von Gesetzen durch ungesetzliche Mittel zu verhindern oder zu entkräften, ist an den Mitgliedern mit Gefängnis bis zu einem Jahre, an den Stiftern und Vorstehern der Verbindung mit Gefängnis von drei Monaten bis zu zwei Jahren zu bestrafen.“

Der § 73 enthält nur Ausführungsbestimmungen. Herr Assessor B. las ihn mir gleichwohl mit vor und fragte mich, was ich darauf zu bemerken hätte. Ich gab hierauf die Erklärung zu Protokoll: „Ich bestreite, mich irgend einer strafbaren Handlung schuldig gemacht zu haben und lege gegen meine Verhaftung Beschwerde ein.“ Das unterschrieb ich. Auf meine Frage, worin denn nun eigentlich meine Vergehen bestehen sollen, erfuhr ich, dass darüber hier gar nichts zu erfahren sei, dass die Akten von München noch nicht eingetroffen seien, und dass der Richter hier darüber ebensowenig wisse wie ich. Hierauf bat ich, mich sofort mit meinem Anwalt Hugo Caro in Verbindung setzen zu dürfen, nahm aber, während ich die Bitte aussprach, zu meinem freudigen Erstaunen wahr, dass vor mir auf dem Tisch Caros Visitenkarte lag. Ich erfuhr dann auch, dass der Rechtsanwalt anwesend sei und mich zu sprechen wünsche. Er wurde hereingelassen, und ich sah das erste bekannte menschliche Gesicht seit meiner Trennung von Lieschen. – Wir waren beide etwas betreten, Caro, wie mir schien, noch mehr als ich, aber ich hatte Gelegenheit, eine Reihe von Wünschen anzubringen. Selbstbeköstigung und die Erlaubnis zu lesen und zu schreiben wurde mir sofort erteilt. Dann bat ich Caro, sich sogleich mit Jusitzrat Bernstein in München in Verbindung zu setzen, damit im Falle meiner Ueberführung dorthin alles vorbereitet sei. Er berichtete, dass mein Bruder ihn bereits antelefoniert habe und versprach, alles zu tun, was in meinem Interesse notwendig sei. Ich trug Caro Grüsse an alle Freunde und Bekannte auf und entliess ihn mit dem beruhigenden Gefühl der Sicherheit, dass die Verbindung mit der Welt ausserhalb der scheusslichen roten Mauer doch nicht unterbrochen ist.

Ich hatte jetzt ebenfalls das richterliche Gemach zu verlassen, denn eben wurde der lange Mensch hereingeführt, der mir im Polizeiwagen mit dem Hosenträger in der Hand gegenüber gesessen hatte. Der peinliche Kahlschädel übernahm wieder meine Führung und brachte mich unter unhöflichem Antrieb in die kleine Kalkbude zurück, wo ich den ältlichen Kunden noch immer auf dem Stuhl sitzend antraf. Er sprach mich an: „Sie hat man aber lange dabehalten“. Ich schloss daraus, dass er mit Gefängnisgepflogenheiten schon etwas Bescheid wisse und fragte ihn, weshalb er denn hierhergekommen sei: „Ich soll gestern was gestohlen haben“, erwiderte er traurig. „Ich weiss aber nichts davon. Wenn es wahr is, dann muss ich ja wohl ins Krankenhaus. Denn weiss ich nich mehr, was ich tu und bin im Kopf nich richtig.“ – Er wurde herausgeholt, und ich blieb kurze Zeit allein, während der ich aus dem offenen Fenster in den rot umschlossenen Garten sah. Dann kam der lange Jüngling mit dem stumpfen Ausdruck wieder herein, und ich bemerkte, dass ihm die Hosenträger jetzt aus der Tasche hingen. Ich knüpfte mit ihm ein Gespräch an, indem ich auch ihn nach seinem Delikt fragte. „Zuhälterei“, sagte er. „Aber sie können mir jarnischt beweisen. Na, meine Schwester hat heut morjen jleich nach’n Anwalt jeschickt.“ – „Sind Sie zum ersten Male in Haft?“ – „Ja. Sie haben mir heut morjen aus’t Bette jeholt.“ – „Sie waren auf nichts vorbereitet?“ – „Keene Ahnung. Wo kann een Mensch daruf kommen?“ –

In einer solchen Lage, in der man selbst völlig unübersehbaren Dingen gegenübersteht, und wo einem selbst übel genug zu Mute ist, vergeht einem die Neigung, anderen Trost zuzusprechen. Man orientiert sich einfach über das Schicksal des Nachbars und wendet seine Gedanken alsbald dem eigenen zu. So brachen wir die Unterhaltung kurz ab und ich dachte mir: jetzt wird’s bald 3 Uhr sein. Jetzt ungefähr käme ich in Zürich an, und heut oder morgen hätte ich dort liebe Freunde wiedergesehen, die befreundeten Anarchisten aufgesucht, im Café Terrasse gesessen und mit Doktor Brupbacher die Probleme Sozialismus, Demokratie, Anarchismus und Individualismus diskutiert und darüber gestritten, ob sich der Enthusiast der Freiheit in seinen praktischen Massnahmen auf den Produzenten- oder auf den Konsumentenstandpunkt zu stellen habe, gestritten über die gleichen Themata und mit der gleichen Hitzigkeit wie vor fünf Jahren, und seitdem, so oft ich durch Zürich kam.

Der arme alte Kerl, der selbst nicht wusste, ob er wusste, was er tat, wurde zurückgebracht, und unser Dompteur führte uns nun die Treppen hinunter über einen Hof und durch den Garten, den ich durch das vergitterte Fenster gesehen hatte, an eine Tür, über der zu lesen stand: „Eingang zum Gefängnis“. Dann kommandierte er uns in ein sonderbares Gelass, schlug die Türe zu und schloss sie mit brutaler Vernehmlichkeit ab. Den waren wir jetzt los. Der Raum, in dem wir unsere weiteren Bestimmungen jetzt erwarteten, war grösser, aber noch unfreundlicher als der, von dessen Fenster wir wenigstens den Garten gesehen hatten. Er war lang und rechteckig, das Fenster war klein und sehr hoch angebracht, sodass die Zelle halbdunkel war. Ueber die Einrichtung dieses Gemaches gab ein kleines Plakat Aufschluss, das an der Wand hing. Ich glaube, ich bringe die Gegenstände, die darauf verzeichnet waren, noch aus dem Gedächtnis zusammen. Ihre Anzahl war nicht gross genug, um für die Aufzählung einen Mnemotechniker zu erfordern. Die Ueberschrift hiess stolz: „Inventarium“. Dann stand sauber untereinander: „1 Nachtgeschirr aus Steingut. 1 Nachtgeschirr-Deckel. 1 Wandbrett. 1 Spucknapf. 1 Wasserkanne. 1 Trinkbecher. 1 Bank. 2 Stühle. 1 Zellenlampe.1 Leibstuhl.“ – Unter dem „Leibstuhl“ ist ein in eine Ecke gebautes Holzgestell zu verstehen, ein Dreifuss, der aber nur zwei Füsse hat, weil den hinteren die Wandecke vertritt, in die das Gestell eingeschlagen ist. Zwischen diesen Füssen befinden sich in mässigem Abstand übereinander zwei nach vorn runde Bretter, auf deren unterem das Steingutnachtgeschirr mit dem Metalldeckel steht, deren oberes aber nur der Rand um ein kreisrundes Loch ist, das so genau um das Geschirr passt, dass man dessen Deckel gerade noch an seinem Knopf herausholen kann, um ein ganz prächtiges, gebrauchsfertiges wasserloses Geruchkloset zu haben. – In dem so beschaffenen Raum sass ich nun zusammen mit dem unbewussten Dieb und dem Zuhälter, dem nichts zu beweisen war, ich selbst ein Staatsverbrecher, der sein Staatsverbrechen noch gar nicht kannte. Denn was half mir die Kenntnis des Wortlautes der Paragraphen, deren Verletzung man mich beschuldigte, wo ich bei angestrengtestem Nachdenken nicht auf die Straftat kam, mit der ich sie verletzt haben sollte? – Man liess uns lange warten, Jeder hatte genug mit sich selbst zu tun, als dass einer ein Gespräch begonnen hätte. Nur manchmal knurrte einer von uns dreien: Wie lange sollen wir denn hier noch sitzen? Kümmert sich denn kein Mensch weiter um uns? oder ähnliches.

Endlich kam ein Aufseher, ein gutmütig aussehender Mann in einfacher blauer Uniform mit roten Aufschlägen. „Sind Sie Herr Mühsam?“ fragte er, während er auf mich zukam. Dann hiess er mich ihm folgen und führte mich eine hohe Treppe hinauf bis zu einem Absatz, an dem stand: Zweites Stockwerk. Dort übergab er mich einem ebenso gekleideten Beamten, der nicht minder freundlich aussah und mich aufforderte, mich auf einen Stuhl zu setzen, der auf dem Korridor neben einem Tische stand. Ich merkte, dass ich unmittelbar vor dem Ziele stand. Denn ich sah mich im Winkel eines hellen, langen Korridors, dessen beide Schenkel von nummerierten, mit schwerem Eisengriff und dicken schwarzem Schlüsselloch versehenen Eisentüren flankiert waren. Dieser Korridor war eine Art Brücke. Denn gegenüber den Zellen war ein richtiges Geländer, über das man nach unten und nach oben sehen konnte, dass das untere und das obere Stockwerk diesem zweiten ganz gleichartig gebaut war. Jenseits des Geländers lag der tiefe, von der nackten Wand begrenzte dröhnende Hausraum, und unten an der Wand sah man gleich einer Raupe das gewellte, rotgestrichene Rohr der Zentralheizung dahinkriechen. In der Höhe des zweiten Stockwerks aber, also in gleicher Höhe mit mir, hing, eingeklemmt in die Wandecke, wie das Auge des Gesetzes, das zugleich nach mehreren Richtungen sehen möchte, eine grosse, runde, martialisch ernsthafte Uhr mit breitem rotbraunem Rand, auf dem in mächtigen Lettern die Worte standen: „Normalzeit der Sternwarte.“ – Die Zeiger belehrten mich, dass er kurz nach vier Uhr war. Auf dem Flussboden des Korridors, auf dem ich der Anweisung einer Zelle harrte, lagen, angelehnt an das hohe eiserne Brückengeländer, viele hohe Stapel seltsam zurechtge schnittenen Papiers. Nach einiger Ueberlegung kam ich dann dahinter, dass sich so präpariertes Papier ausgezeichnet zum Tütenkleben verwenden lassen müsse. Indem ich mich den Assoziationen hingab, die sich an derlei Wahrnehmungen zu knüpfen pflegen, kam der Aufseher wieder und schloss vor mir die Zelle 42 auf, in die er mich eintreten hiess. Hinter mir schloss er sie wieder ab und ich hatte nun hinlänglich Zeit, mich in meinem neuen Heim umzuschauen. Die Zelle war vielleicht sechs Schritte lang- und so schmal, dass ich die Arme noch nicht ganz auszustrecken brauchte, um an jede Wand eine flache Hand mit der ganzen Innenseite anzulehnen. Die Höhe war nicht gering. Gegenüber der Tür war das Fenster, dessen unterer Rand nahezu zwei Meter über dem Fussboden lag. Das Fenster, wenn man nicht lieber von einer Luke reden will, war horizontal geteilt, und zwar konnte man den oberen Teil halb auf- und zuklappen. Statt eines Fensterkreuzes hatte die Scheibe sich mehrfach schneidende eiserne Stangen, und dahinter sah man auch aussen noch ein eisernes Gitter die Sicherheit der Abschliessung gewährleisten. Die Scheibe war graues, dickes, gewelltes, undurchsichtiges Glas, sodass mir auch ein Klimmzug, mit dem ich mein Auge in die geeignete Höhe hätte bringen können, nichts genützt hätte, um hinauszusehen. Links der Türe, in die Wandecke eingezimmert, befand sich ein „Leibstuhl“ von derselben Art, wie ich schon beschrieben habe. Ihm gegenüber ein Spucknapf. An der linken Wand hing, angekettet, eine Schlafpritsche, d. h. ein eisenbeschlagenes Holzgestell, zwischen dem und der Wand eine Strohmatratze eingeklemmt war. An der Erde darunter lag ein Keilkissen, aus dessen Löchern Strohhalme herausragten. Ich bemerkte, dass unter dem Gestell mit Scharnieren Eisenbeine befestigt waren, die nach dem Losketten das Bett zu tragen hätten. An der rechten Seite des Zimmers hing ein zweifächeriges Holzbord an der Wand, auf- unter und in dem, sauber nach einer daneben hängenden gezeichneten Tabelle geordnet, folgende Gegenstände untergebracht waren: Ein neues Testament, ein Trinkbecher, ein Wasserkrug, eine Schuh- und eine Kleiderbürste, ein Essnapf, ein Löffel, ein Salzfass, eine Waschschüssel, ein Seifennapf, ein Kamm, eine Müllschippe mit Handfeger, ein Handtuch, ein Geschirrtuch und ein Scheuerlappen. Weiterhin war eine Tischplatte mit einem Bein an der Wand befestigt, und meine Versuche ergaben, dass auch dieses Möbel sich hochklappen liess. Das gleiche zeigte sich bei der etwas kürzeren und schmäleren, gleichfalls auf ein Bein gestützten Bank, die sich nicht vor, sondern hinter dem Tisch befand, sodass ich mit Schrecken gewahrte, dass ich, wenn ich schreiben wollte, das Licht immer von hinten bekommen musste, was mir für meine ohnehin nicht luchshaften Augen kaum vorteilhaft schien. – Damit habe ich, falls ich nichts vergass, alles aufgezählt, was die Einrichtung der Zelle ausmachte. An der rechten Wand zogen sich nicht sehr hoch über dem Fussboden zwei gut geheizte Rohre der Zentralheizung hin. Natürlich vergass ich noch etwas: die gezeichnete Anordnung für den sogenannten „Spind“ erwähnte ich schon, aber mit ihr hingen an diesem Spind ein vollzähliges „Inventarium“ und ein gedrucktes Heftchen, das sich „Verhaltungsvorschrift“ nannte und aus dem ich die Tagesordnung der Anstalt und noch manches Wissenswerte erfahren konnte. Ferner vergass ich ein Plakat, das auf jeder Seite einen frommen Spruch zur Besserung sündiger Menschen enthielt und eine Petroleumlampe, die einen höchst seltsamen Schirm hatte, aus Blech nämlich, den man wie einen Parapluie über den Zylinder zog. Das war nun aber wirklich wohl das gesamte Inventar, mit dem mich vertraut zu machen ich für die Lebensaufgabe meiner nächsten halben Stunde hielt.

So lange dauerte es kaum, als der Aufseher mir zwei grosse Decken und zwei Ueberzüge in die Zelle brachte, mit dem Bemerken, ich möge nun das Bett überziehen. Ich entdeckte jetzt, dass die Kette, mit der das Lager an der Wand befestigt war, nur über einen Haken geschoben war, und indem ich alle Leibeskraft zusammennahm, gelang es mir denn auch, sie davon loszumachen, sodass ich mich nun gegen das schwere Gestell zu stemmen hatte, damit es nicht mit aller Macht mir auf die Kniescheibe falle. Jetzt musste ich etwas sehr Trauriges erleben. Der Tisch und die Bank war nämlich heruntergelassen, und es stellte sich heraus, dass das Bett nicht aufgeschlagen werden konnte, solange das der Fall war, weil es mit dem Tisch karambolierte. Ich hob also das Bett mit grosser Anstrengung wieder empor und bemühte mich, es so lange mit der Hand festzuhalten, bis der Tisch an die gegenüberliegende Wand geklappt war. Etliche Male musste ich den Versuch erneuern, endlich glückte er, und ich liess das Bett langsam niedergleiten, bis dessen Platte plötzlich auf der Bank festsass. Selbst die schmale Bank hatte zwischen dem schmalen Bett und der Wand keinen Platz mehr. Diesmal genügte aber ein kleiner Anhub, um die karambolierenden Möbel aneinander vorbeizubringen, und dann stellte sich die erfreuliche Erscheinung heraus, dass die Bank zugleich mit dem Bett niedergelassen, gerade auf dem Bettrand lag, also eine natürliche direkte Verbindung vom Bett zur Wand schuf. Ich vergegenwärtigte mir, was für eine sympathische Beschäftigung es sein müsste, wenn ich im Bett läge und von dort aus kleine Steinkugeln, die die Berliner Jungens „Murmeln“ nennen und die bei uns in Lübeck „Picken“ hiessen, gegen die Wand kollern liesse. -- Es war mir gelungen, das Bett aufzuschlagen, und ich besah jetzt das Material, mit dem ich es ausschmücken sollte. Da war ein kleiner eckiger bräunlicher Linnenüberzug, der, wie mir schien, ganz die Fasson des Keilkissens hatte. Ich experimentierte damit eine Weile, und schliesslich gelang es mir wirklich, das Keilkissen in den Ueberzug hineinzuquetschen, dass es wie angegossen sass. Und darin war da ein mächtiger leinener blaukartierter Ueberzug, den ich mit einiger Angst betrachtete. Erst meinte ich, dass man damit wohl eine der Decken überziehen müsse, sah aber ein, dass dafür der Bezug viel zu gross sei. So entschloss ich mich denn, die Matratze in das Ding hineinzupferchen. Ich nahm sie vom Bettstell ab und lief bald an das Kopfende, bald an das Fussende, um zu probieren, ob ich sie nicht in den offenen Rachen des blauen Bettbezuges schieben könnte. So ging es nicht. Ich legte nun die Matratze dahin, wohin sie gehörte und zog mit dem Ueberzug gegen sie zu Felde. Es war äussert schwierig. Aber mir kam ein genialer Einfall. Ich drehte das blaue Zeug um und zog es nun der Matratze von unten herauf an den Leib, wie man Kindern Strümpfe anzieht. Zwar rutschte die Matratze dabei immer mehr von der Bettstelle ab und schob mich zurück, aber als ich endlich rücklings auf den Deckelknopf des „Leibstuhls“ zu sitzen kam, da hatte die Tugend gesiegt und die Matratze war in ein blaukarriertes Kleid gehüllt. Ich schob sie, stolz auf mein geglücktes Werk, an ihren Platz zurück, legte das Keilkissen oben darauf und packte die beiden Decken darüber. Nun mochte kommen, was wollte: mein Nachtlager war in Ordnung. – Der Aufseher kam, fragte, ob ich fertig sei. und ich zeigte ihm, sehr mit mir zufrieden, das Resultat meiner Tätigkeit. Der Mann sah mich von der Seite an, lächelte vergnügt, ging dann zur Tür und rief hinaus: „Giesmann!“ – Giesmann kam. Ein blondbärtiger Berliner Arbeiter im Sträflingsanzug. „Machen Sie das mal in Ordnung“, wies ihn der Beamte an und verliess die Zelle. Giesmann schmunzelte: „Sie sind sone Arbeeten woll nich jewöhnt?“ – Damit schmiss er Decken und Keilkissen vom Bett herunter und pellte mit grosser Behendigkeit die Matratze aus dem Ueberzug wieder heraus, in den ich sie eben mit so viel Liebe und Anstrengung hineingezogen hatte. Ich sah recht wehmütig zu. Nackt wie sie gewesen war, legte er die Matratze zurück, prüfte das Keilkissen, das er in seinem Ueberzug anerkannte und legte die beiden Decken sehr sorgfältig übereinander. Dann kniffte er sie an einer Seite ein und schob mit kaum glaublicher Geschicklichkeit den blauen Ueberzug über beide Decken zugleich. Unterdessen unterhielt es sich sogar noch mit mir, fragte mich, warum ich hier sei und erzählte, dass man ihn wegen verbotenen Drehorgelspielens zu vier Monaten Gefängnis verknackt hätte, die Mitte November abgebüsst seien. Ich wunderte mich über die hohe Strafe wegen des geringfügigen Vergehens. Er erklärte mir aber, dass er zum 36. Male dafür bestraft sei. Es gibt doch konsequente Naturen, dachte ich mir. -- Mit diesem Giesmann bin ich inzwischen vertrauter geworden. Er wird im Gefängnis damit beschäftigt, die Korridore und gemeinsamen Räume täglich zu säubern (wofür er pro Tag 15 Pfennige erhält, nicht mehr und nicht weniger). Es hat sich allmählich die stillschweigende Gewohnheit herausgebildet, dass Giesmann auch meine Zelle in Ordnung hält. Seit ich Selbstbeköstigung habe, kriegt er dafür den Kaffeezucker und die Bierreste, und wenn ich einmal rauchen darf, den Zigarrenstummel.

Nachdem Giesmann mein Bett in Ordnung gebracht und mich wieder allein gelassen hatte, die Tür vom Aufseher auch wieder abgeschlossen war, führte ich von neuem meine melancholischen Gedanken spazieren. Jetzt, sagte ich mir, sammeln sich die Getreuen im Café Monopol, greifen nach den Abendblättern, die wahrscheinlich voll erstunkener Mordsgeschichten sind, und fragen sich: Ist der Mühsam wirklich beteiligt an der Dynamitgeschichte? – Ich kann es mir nicht denken. – Na, ich hab’s immer gesagt, dass man ihm mit dem Vorwurf der Harmlosigkeit unrecht tut. – Aber wie konnte er das bloss von hier aus dirigieren? – Oh, nichts leichter als das. Brieflich lässt sich viel machen. – Immerhin, dass er sich in so gefährliche Geschichten einlassen würde – –. Ich bin überzeugt, dass er von allem wusste; aber er wird sich schon geschickt herauslügen. – So, dacht’ ich, werden sie wohl über mich sprechen, die, die mir wohlwollen. Und ich sass nun hier einsam in der Gefängniszelle, in der es langsam dämmerig wurde und wusste nicht, wofür. Ich überdachte noch einmal den Sinn der Paragraphen, und da stieg mir eine Kerze auf. Das ist ein Schlag gegen den Sozialistischen Bund!  Morax zeichnete als Gruppenwart und sitzt in Neudeck unter dem Verdacht, die Bombensache mitgemacht zu haben. Ich war der erste, der den S. B. in München agitiert hat; ich habe in den Sitzungen der Gruppe Tat fast immer allein das Wort geführt: „Stifter und Vorsteher!“ – Kommt hinzu, dass ich den Versuch machte, die Kunden, das „Lumpenproletariat“, den „fünften Stand“ für unsere Sache zu gewinnen, – nichts klarer als das: für den Bombenwurf hat der Mühsam in seiner Gruppe Stimmung gemacht: §§ 128, 129!

Die Tür wird aufgeschlossen, aufgerissen: „Lampe!“ ruft eine heisere, leidende Stimme. Ich sehe mich um. Neben dem Aufseher steht ein Sträfling, mit dunkelm, hängendem Schnurrbart, in der Hand eine brennende dünne Fackel. Ich begriff, ging zur Lampe, um sie aus ihrem Gestell zu nehmen. Der Gefangene kommt ungeduldig herein und zeigt mir, dass man das ganze Gestell von der Wand nimmt. Er zündet den Docht an, die Tür schliesst sich wieder, ich hänge die brennende Lampe an den Nagel und sinne weiter. Die Idee, die Gruppe Tat, die in jeder Nummer des „Sozialist“ annonciert war, sei ein Geheimbund, ist absurd. Darüber, dass ich die Kunden zu uns heranziehe, habe ich vor Monaten schon im „Sozialist“ in einem ausführlichen Artikel berichtet. Das Blatt ist den Münchener Behörden keineswegs unbekannt. Wo soll der Verstoss, das Vergehen liegen? Unklar, höchst unklar. Und worauf mag sich der Verdacht stützen? Auf Zeugenaussagen? Auf wessen? Auf was für welche? – Habe ich nicht vielleicht doch mal den Rat erteilt: Schmeisst Bomben!? – Nein!  Gewiss nicht! Niemals! Unmöglich! -- Es hat mir von jeher widerstrebt, andern etwas zu raten, was ich nicht gegebenen Falles auch selbst täte! – Schon auf der Schule, als Quartaner, als Tertianer: was an dummen Streichen geschah, das war ich gewesen; aber ich war es immer selber gewesen, habe niemals andere vorgeschickt. Das ist eine Anständigkeit in meinem Wesen, deren ich mich vor mir selbst rühmen darf. Und jetzt soll ich plötzlich Anstifter sein und mich selbst drücken? Der Vorwurf ist absurd, lächerlich, kann mich nicht treffen! – Die Freilassung aus diesem Loch kann nicht ausbleiben. – Und wenn sie doch ausbleibt? Immerhin: wenn’s zur Verhandlung kommt, muss, muss, muss ich freigesprochen werden! – Freilich: Und Ziethen? – – Und Koschemann? – Und Dreyfuss? – Und die vielen, die Hunderte, die Tausende, die beteuern und versichern, sie wüssten von nichts und werden doch verurteilt!? – Und wer wird zu Gericht sitzen über mich? Gute Bürger, mit korrekter Moral, mit nie schwankendem Wissen von Gut und Böse, mit nur dem einen Antrieb, dem Staat, ihrem Brotgeber und Seelsorger nach bestem Gewissen zu dienen. Und über wen sollen sie zu Gericht sitzen? Ueber einen Bürgerssohn aus guter Familie, der rücksichtslos die beste Erziehung von sich wirft, der sich gemein macht mit Landstreichern und Einbrechern, der mit Zuchthäuslern die Flasche leert, der anarchistische Agitation treibt seit Jahren und sich schon zwei Vorstrafen zugezogen hat bei diesem Tun! – Wenn in unsern Sitzungen Spitzel waren – und dass solche dabei waren, steht mir ausser Zweifel, – kann ich ermessen, wie weit ihre Erfindungsgabe reicht? – Beschwört so ein Hund, ich habe das Bombenwerfen empfohlen, – was dann? – Dann bin ich geliefert.

Wieder ging die Tür auf. „Essnapf!“ befahl eine Stimme. Ich nahm ihn vom Spind. Vor der Tür standen zwei Gefangene, die einen mächtigen Bottich mit dampfender Kartoffelsuppe trugen. Dass es zum Abendbrot Kartoffelsuppe geben würde, hatte mir schon Giesmann verraten. Mit einem riesigen Schöpflöffel füllte man mir den Essnapf, ein Häftling überreichte mir ein kolossales Stück von dem gleichen glitschigen Brot, wie ich es im Polizeigefängnis bekommen hatte, dann überliess man mich der Mahlzeit, über die ich hungrig herfuhr. Ich liess auch nur einen ziemlich kleinen Rest von der Suppe stehen, die mir zu schwer war, ohne dass ich das Gefühl hatte, sie sei das, was meinem Magen fehle. – Kurz nach dem Essen erscholl eine grosse Glocke .... Das Glockenzeichen bedeutete: Schlafengehen! – Es war also 7 Uhr. Ich löste das Bett, das Giesmann sorgfältig wieder an die Wand geklappt hatte, mit Mühe von seinem Haken, zog mich aus und legte mich hinein . ... Auch die Lampe löschte ich noch vor dem Hinlegen aus. So begann also die zweite Nacht meiner Gefangenschaft. – Das Lager war wieder entsetzlich hart, und die Bisse und Blasen, die mir die vorige Nacht zugefügt hatte, meldeten sich alle mit schrecklichem Jucken. Ich kratzte mich, wo ich hinlangen konnte, und während es mir vorkam, als kröche eine Armee von Wanzen, Läusen, Milben und allem Ungeziefer auf meinem Leibe herum, krochen durch mein Gehirn Schwärme fieberhafter Vorstellungen und Bilder. Erinnerungen und Namen, Gesichter und Laute sammelten sich um mich in wildem Durcheinander. Nahe und ferne Menschen erschienen, Freunde und Feinde, Zeugen meiner Kindheit und dieser letzten Tage, und während ich einmal aufgeregt und geängstigt von der Pritsche sprang, flüsterte ich wenige Sekunden darauf zärtliche Namen, und Sehnsucht und Furcht, Liebe und Wut, Schmerz und kindliche Ergebung spielten Fangball in meinem Geist, jagten sich herum und warfen immer neue Erinnerungen, Hoffnungen, Zärtlichkeiten und Sehnsüchte in mein Bewusstsein. Alle, alle kamen sie zu mir, die traurigen und fröhlichen Zeugen meines Erlebens, tote und lebende, schmerzliche, liebe und süsse Namen. ... Spät, spät in der Nacht erst beruhigte der Schlaf die zerzausten Nerven. Wie spät es war, weiss ich zwar nicht. Denn die Kirchturmuhr im Polizeigefängnis kann man in meiner neuen Klause nicht hören.

Sonnabend, den 6. November 1909

Es ist schon der dritte Tag, seitdem ich diese Tagebuch-Aufzeichnungen begann, und ich komme erst zum dritten Tage meiner Gefangenschaftserlebnisse, bin also immer noch um eine Woche weniger einen Tag hinter mir. Der Abstand wird sich freilich von jetzt ab wohl verringern, denn an Stelle des wilden Durcheinanders und der immer neuen Eindrücke am Abend der Verhaftung und am Tage der Ueberführung vom Polizei- ins Gerichtsgefängnis tritt nun allmählich die Gewöhnung an eine Hausordnung, die trockene Regelmässigkeit im Rhytmus der „Normalzeit der Sternwarte“, die nur hier und da durch eine kleine zu registrierende Besonderheit unterbrochen wird.

Ich setze meinen Bericht chronologisch fort. Aus dem unruhigen Schlaf auf meinem harten Lager in dieser ersten Nacht, die ich in der Zelle 42 zubringen musste, weckte mich der Lärm derselben Glocke, die mich am Nachmittag vorher belehrt hatte, dass die Tageszeiten im Gefängnis anders eingerichtet sind als in der Freiheit, und dass man hier schlafen gehen muss, wenn man sonst noch kaum an das Programm denkt, mit dem man den Abend hinbringen will. Die Zelle war schon ziemlich hell, denn es war Sonntag, und in der „Verhaltungsvorschrift“ hatte ich gelesen, dass an Sonn- und Festtagen erst um 7 Uhr früh aufgestanden wird. Kaum hatte es geläutet, als ich in den Nebenzellen schon geräuschvoll die Pritschen an die Wand klappen hörte. Ich erhob mich also ebenfalls und befestigte das Lager, zog mich an und harrte des Weiteren. – Draussen wurde es lebhaft. Ich hörte Schlüssel klirren, Türen aufreissen, Stimmen. Meine Zelle wurde weit geöffnet, und ich sah etliche Menschen daran vorbeieilen, jeder sein Steingutgeschirr mit Metalldeckel in gestreckten Armen vor sich hertragend.

Ich zog auch mein Geschirr aus dem „Leibstuhl“, wobei ich wahrnahm, dass bei dieser Einrichtung alles so sinnreich ineinandergefügt war, dass man nicht nur bequem den Deckel oben durch das Sitzloch heben, sondern auch unten das Gefäss mitsamt dem Deckel unter dem Sitzbrett wegziehen konnte, was zwei Knöpfe an den Seiten des Troges sehr erleichterten. Ich folgte also mit meinem Kübel den Schritten der übrigen. Gleich um die Ecke herum war das Ziel, ein grosser Raum, nicht unähnlich einer Waschküche, nur dass an Stelle des Herdes, auf dem die Waschfrauen ihr heisses Laugenwasser präparieren, ein gewaltiger Lokus stand, eine „latrina“, ebenso umfänglich und ebenso nur zum Sichdraufstellen geeignet, wie die in Italien üblichen derartigen Anstalten. In den offenen Rachen dieser Baulichkeit goss einer nach dem andern das, was aus den ewigen Suppen, die hier als Nahrung dienen, geworden war. Der entleerte Steintopf wurde alsdann in das riesige schwärzliche Bassin einer Wasserleitung gestellt und mit einer schmierigen Klosetbürste unter dem Strom des nach allen Seiten spritzenden Leitungswassers von den Resten, die an seine Bestimmung gemahnten, gesäubert. Ich unterzog mich der Aufgabe dieser Reinigung mutig und gefasst, war aber doch froh, als alles wieder an Ort und Stelle stand. Die Waschschüssel, als deren Gestell der Klapptisch hatte dienen müssen, und den Trinkbecher, aus dem ich mir den Mund gespült hatte, goss ich gleich rechts neben meiner Zelle in eine Wasserleitung aus, wie ich es von den andern sah, und versäumte nicht, mir bei dieser Gelegenheit noch einmal gründlich die Hände zu waschen. Aber ich beging den Fehler, auch den steif gewordenen Rest meiner Kartoffelsuppe in die Wasserleitung zu giessen, was das Ablaufen des Wassers sehr erschwerte. Ein junger Gefangener, der meine Nachbarzelle bewohnte und wegen Unterschlagung seiner Aburteilung entgegensieht, orientierte mich darüber, dass man Speisereste ins Nachtgeschirr giesse, was ich dankend zur Kenntnis nahm. – Als ich kaum wieder eingeschlossen war, ging die Tür von neuem auf: „Essnapf!“ Wieder standen die zwei Sträflinge da mit einem grossen Kübel weissen Kaffees. Ich zog vor, ihnen nur den Trinkbecher hinzuhalten, einmal, weil ich dem Getränk Misstrauen entgegenbrachte, dann auch, weil ich der Sorgfalt nicht traute, mit der ich den Essnapf von der Kartoffelsuppe gereinigt hatte. Wieder erhielt ich eine Riesenportion Brot. Weisser Kaffee ist mir ein Greuel, zum Teil schon deswegen, weil ich immer Haut darin befürchte, die mir Brechreiz erregt. Der Kaffee war nach eingehender Prüfung zuverlässig hautfrei, auch dampfte er angenehm, und ich bekam ihn, ganz wie am Tage vorher im Polizeigefängnis, ohne Widerwillen hinunter.

Nach dem Frühstück war ich wieder meinen Gedanken und mir selbst überlassen. Was jetzt? Die Erlaubnis zu lesen und zu schreiben hatte ich, aber keine Bücher ausser dem Testament und der Verhaltungsvorschrift und weder Papier noch Bleistift, weder Tinte noch Feder. Was ist ein Dichter ohne Schreibmaterial? Ein photographischer Apparat ohne Linse, ein Revolver ohne Patronen, ein Liebhaber ohne Mädchen. Ich klopfte energisch an die Tür. Der Aufseher fragte nach meinem Begehr. „Bitte holen Sie mir doch von meinen Sachen Papier und Bleistift herauf.“ – „Vor der Kirche kann ich Ihnen nichts besorgen.“ Bums – die Tür war wieder im Schloss. Ich nahm mir also die Bibel vor und begann die Apostelgeschichte zu lesen. Immerhin keine schlechte Lektüre, und in meiner Situation nicht ohne interessante Parallelen. Lauter Männer, die ihrer Ueberzeugung lebten und für sie litten, und als Gegenspieler die aufs Wort versessenen Konservativen, die sie verfolgten und einsperrten und vor nichts grössere Angst hatten als vor dem Wirksamwerden neuer Ideen, dem Lebengewinnen neuer Einsichten. Während ich las, ertönte plötzlich Gesang. „Ein’ feste Burg ist unser Gott“, von einem kräftigen Chor von Männern und Frauen einstimmig gesungen. Auf mich macht kein Gesang grösseren Eindruck, als der, der auf alle Hilfsmittel wie zweite und dritte Stimme, auf die sorgfältige Scheidung zwischen Bass, Bariton, Tenor, Alt und Sopran verzichtet, und der einfach durch die schlichte Melodie wirkt, die aus hundert ganz verschiedenen Kehlen strömt. Mag ruhig mal ein besonders Begeisterter alle übersingend im Ton vorbeihauen, – ich glaube nicht, dass der „musikalisch Gebildete“, dem erst kontrapunktische Finessen einen Ohrengenuss ermöglichen, wirklich feiner benervt sei als ich, dem, wenn Landschaft, Menschen, Gefühle und Beschäftigung nur einheitlich zusammenstimmen, schon eine Handharmonika die Tränen in die Augen treiben kann. – Ich hörte das prachtvolle Luthersche Lied mit grosser Freude an und folgte aufmerksam einer inbrünstigen Sopranstimme, die immer wieder leidenschaftlich und süss über den ganzen Chor hinausdrang. Ich hätte etwas drum geben mögen, um die Frau zu sehen, die so sang. Aber sie stand zwei Stockwerke unter mir in der grossen Halle, wo das rote Heizungsrohr wie eine dicke Raupe an der Wand entlang kroch, – und ich war eingesperrt. Ich glaube, dass sie sehr schön war.

Aber kaum war der Choral verklungen, als die schrecklich geschraubte, saccharinsüsse Stimme eines Predigers in den hallenden Raum gellte. Auf das, was er sagte, mochte ich nicht hinhören, nur manchmal drang ein Wort an mein Ohr, etwa „Gott“, – und der Mann brachte es fertig, selbst in dies starke harte Wort noch einen f-Laut hineinzuhauchen, wahrscheinlich, um damit die Milde und Güte dessen zu bezeichnen, als dessen Stellvertreter er im Charlottenburger Gerichtsgefängnis engagiert war. Wäre ich an seinen Platz gestellt gewesen, ich hätte doch gerade diesem Auditorium Gott lieber als die kalte Faust der rächenden Gewalt geschildert, die den Sündern eben im Nacken sass. Aber sie, die nicht herauskönnen aus ihrer Gefangenschaft, die bei jedem Atemzug die Luft einatmen, die von der Geissel schwingt, mit der sich armselige Machthaber auf Gottes Gerechtigkeit berufen, sie mussten an diesem Ort das Salböl des Friedens- und Liebespredigers in ihre geketteten Seelen triefen lassen, der wahrscheinlich mit ausgebreiteten Armen unter der pedantischen runden Uhr stand mit der Aufschrift: „Normalzeit der Sternwarte“. – Ich vertiefte mich wieder in die Apostelgeschichte, und wenn die sanften Laute des Nachfolgers dieser wundervollen Menschen in dem Buche in meine Zelle drangen, dann dachte ich verwundert darüber nach, was politische Geister aus reinen schönen Idealen machen können, und wurde um Sozialismus und Anarchismus ehrlich besorgt.

Die Andacht ging zu Ende, und kurz nachher brachte mir der Wärter ein Buch aus der Gefängnis-Bibliothek. Ich beschwor ihn, mir Papier und Bleistift zu bringen. Dann sah ich mir die Lektüre an: „Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam. Das Weihnachtslied. Die Ostereier. Drei Erzählungen für die Jugend von Christoph von Schmid“. – Ich kam mir wirklich wie der Teufel vor, den die Not zum Fliegenfressen bewegt. Ich tauschte also die Apostelgeschichte, die ich ja schon einigermassen kenne, gegen die frommen Geschichten des würdigen Herrn von Schmid um, und las geduldig und immerhin amüsiert, wie höchst wunderbar der kleine Heinrich von Eichenfels von bösen Räubern entführt wird und ohne jemals das Sonnenlicht zu sehen zu kriegen, bis zu seinem achten Jahre in einer Höhle aufwächst, dann zufällig ins Freie gerät, natürlich zu einem Einsiedler kommt, der ihm alle Fragen, wer die schönen Blumen, das Wasser, die grosse Lampe am Himmel und was noch alles gemacht hat, zufriedenstellend beantwortet, und ihn mit Zuhilfenahme etlicher Zufälligkeiten und wunderbarer Begegnungen in die Arme der überglücklichen Eltern zurückführt; die bösen Räuber aber werden von Papa Eichenfels blutig gestraft. Diese Caspar Hauser-Geschichte ist gar nicht ungeschickt erzählt. Wenn ich mir aber vorstelle, dass solche Naivetäten – und erst die Geschichte vom Weihnachtslied, darin es der frommen Begegnungen und Wunder gar kein Ende nimmt – den erwachsenen Menschen im Gefängnis vorgesetzt werden, um sie damit zu erbauen und zur rechten Ueberzeugung von Gottes Barmherzigkeit und Allmächtigkeit zu bringen, dann empört sich etwas in mir, – dann ist’s mir, als dekouvriere sich hier etwas im letzten Grunde Erbärmliches und Verlogenes. – Von der Ostereier-Begebenheit brauchte ich zum Glück keine Kenntnis mehr zu nehmen, sintemalen mir im Laufe des Nachmittags Gelegenheit zu erfreulicherer Beschäftigung ward.

Mittags wurde mir eine Graupensuppe gebracht, in der hier und da Rindfleischfetzen schwammen. Mir grauste allmählich vor den Suppen, und ich fragte, wie es denn eigentlich mit meiner Selbstbeköstigung bestellt sei. Der Aufseher erklärte mir, dass ich das eher hätte sagen müssen, und dass er mir jetzt nichts holen könne. So zwang ich also wieder meine Suppe herunter und ass das klitschige Brot dazu. Aber nachmittags, als ich fast am Ende der zweiten Schmidschen Erzählung war, kam ein uniformierter Herr in meine Zelle, der mir mein Briefpapier nebst Bleistift brachte (nachdem kurz vorher schon auf mein energisches Bitten der Wärter zwei Bogen Schreibpapier nebst Tinte und Feder gebracht hatte), und fragte nach meinen übrigen Wünschen. Ich hielt den Herrn zuerst für einen Oberaufseher, nachdem ich ihn aber mehrfach so betitelt hatte, nahm er vor einigen Tagen eine Gelegenheit wahr, um mich darüber aufzuklären, dass er der Inspektor sei und das ganze Gefängnis unter sich habe. Ich kann sagen, dass ich an diesem Inspektor hier meinen besten Freund, meine zuverlässigste Stütze habe. Der Mann erleichtert mir das Leben, soviel er irgend kann und hat mir tatsächlich schon soviel geholfen und genützt, dass ich ihm aus dieser unangenehmen Zeit ein sehr gutes Andenken bewahren werde. Zunächst orientierte er mich über die Methode, zu der genehmigten Selbstbeköstigung zu gelangen, indem er mir eine Speisekarte des Restaurateurs Fahrland überbrachte, mit dem die Gefängnisverwaltung das dort Bezeichnete mit angegebenen Preisen vereinbart habe. Ich solle nur täglich aufschreiben, was ich haben wolle und morgens den Zettel für den ganzen Tag abgeben. Zum Essen erlaubte er mir, täglich zwei Flaschen Bier zu trinken, Charlottenburger Schlossbräu, dessen Qualität er mir sehr pries. Ich bestellte noch für den gleichen Abend ein Schnitzel mit Kompott nebst zwei Flaschen Bier und für den nächsten Morgen schwarzen Kaffee mit zwei geschmierten Brötchen. Dann bat ich den Inspektor inbrünstig, mir das Rauchen zu gestatten. Ich hatte dieses Anliegen schon dem Assessor B. vorgetragen, der hatte mich aber damit an den Arzt verwiesen, einen Herrn, den ich bis zum heutigen Tage noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Ich setzte dem Inspektor auseinander, dass ich gewöhnt sei, täglich 10, 12 bis 15 schwere Zigarren zu rauchen, und dass mich die zwei Tage, die ich das Rauchen jetzt entbehren musste, schon ganz schwermütig gemacht hätten. In der Tat glaube ich, dass ziemlich arges Kopfweh und viele sehr quälende Gedanken, die mich hier bedrücken, bei hinlänglichem Zigarrengenuss vermieden werden könnten. Ich bat also, mir von den neun Zigarren, die ich auf der Reise nach Zürich rauchen wollte, jeden Tag wenigstens zwei zu bewilligen. Der Inspektor versicherte mir, dass er mir ohne ausdrückliche Genehmigung keine geben dürfe, als ich ihm aber begreiflich machte, dass meine Gesundheit bei weiterer Nikotinenthaltsamkeit nach meinem Gefühl Schaden leiden müsse, erklärte er endlich, dass er mir zwei Zigarren heraufschicken wolle und die Bewilligung dazu nachholen werde. Ich gestehe, dass ich dem Manne sehr dankbar war und bin.

Nachdem er mich allein gelassen hatte, schrieb ich zuerst auf das Gefängnispapier, das so geknifft war, dass der Briefbogen gleichzeitig das Kuvert darstellte, zwei Briefe: an Landauer und an Caro, worin ich eine Reihe von Wünschen über Massnahmen äusserte, die mir für meine Verteidigung wichtig schienen. Vor allem bat ich Landauer, meinen Artikel „Neue Freunde“*),

in dem ich über meine Absichten mit den „Vagabunden“ berichtete und seine Auseinandersetzung über die rechtliche Beziehung des Sozialistischen Bundes zum Vereinsgesetz an Caro und an Bernstein zu schicken, und Caro bat ich, mir Lektüre zu besorgen. Ob alle Briefe, die ich von hier absende, ihr Ziel erreichen, weiss ich nicht. Auf eine ganze Fülle von Briefen, die ich schrieb, ist gar keine Antwort gekommen. Von Nohl erhielt ich am dritten November ein Telegramm, das am ersten abgesandt war und in dem er versprach, er werde „noch heute“ schreiben. Ein Brief von ihm ist aber bis jetzt nicht in meine Hände gelangt. Ausser diesem Telegramm brachte mir die Post in der ganzen Zeit meines Aufenthaltes hier nur eine Postkarte und eine Nummer der „Schaubühne“ ... Ob nun in der Regel meine Briefe nicht befördert werden, oder ob die Briefe an mich nicht abgeliefert werden, entzieht sich meiner Beurteilung. Vielleicht kommt vieles, was irgend etwas an Wünschen, Meinungen und dergleichen enthält, was sich auf meine „Straftat“ bezieht, einfach zu den Gerichtsakten. Dass seit einer vollen Woche kein Brief an mich geschrieben sein sollte, halte ich für ausgeschlossen. Jedenfalls wirkt diese Unsicherheit im Verkehr mit der Aussenwelt auf mich äusserst deprimierend.

Ich schrieb also an Caro und Landauer, und währenddem kam der Aufseher mit zwei Zigarren. Ich liess mir gleich von ihm Feuer geben und sog nun den warmen Qualm mit einer Gier in meinen Schlund, als ob ein liebendes Mädchen seinen Herzensschatz nach jahrelanger Trennung wiederfände und abküsste. Diese erste Zigarre, bei der ich meine Briefe zu Ende schrieb, war ein wahrhafter Genuss, den ich mir noch damit erhöhte, dass ich gelegentlich aufsprang und die paar Schritte, die die Zelle dazu Raum liess, paffend auf- und abspazierte. Ganz glücklich stimmte mich auch die Aussicht, dass ich zum Abendbrot endlich etwas Kompaktes in den Leib bekommen sollte. Denn, wenn ich zusammenrechnete, was ich seit meiner Verhaftung an Nahrung zu mir genommen hatte, so ergab sich diese Zusammenstellung: Freitag abend: Milchreissuppe; Sonnabend früh: Weisser Kaffee; Sonnabend mittag: Graupensuppe; Sonnabend abend: Kartoffelsuppe; Sonntag früh: Weisser Kaffee; Sonntag mittag: Graupensuppe mit Fleischfasern. Dazu immer das feuchte Brot, das schmeckte, als hätte man aufgeweichtes Papier mit Kartoffelmehl verknetet. Abgesehen davon, dass solche Kost einem auch nur kümmerlich verwöhnten Gaumen sehr bald recht unsympathisch wird, bewirkte sie bei mir auch eine übertriebene Frequentierung des „Leibstuhls“, was wiederum auf die Atmosphäre in meiner Zelle keineswegs erfrischend einwirkte.

Nachdem meine Lampe angezündet war, setzte ich daran die zweite Zigarre in Brand. Sie genoss ich mit etwas ruhigerem, abgeklärterem Vergnügen. Ich liess ihren Dampf langsam von der Zunge gleiten und trieb ihn dann ruckweise durch runde Lippen aus dem Mund, sodass der blaue Rauch in Ringen und Blasen, in Tüten und allerlei zierlichen Arabesken vor meinen Augen umherfloss. Diese Art zu rauchen ist nach alter Erfahrung das beste Aphrodisiacum für meine Muse. So geriet ich auch jetzt in die Stimmung, meine Gefangenschaft von einer lyrischen Seite her zu betrachten, und diese Stimmung setzte sich in folgende Verse um:

Auf dem Meere tanzt die Welle
nach der Freiheit Windmusik.
Raum zum Tanz hat meine Zelle
sechzehn Meter im Kubik.

Aus den blauen Himmeln zittert
Sehnsucht, die die Herzen stillt.
Meine Luke ist vergittert
und ihr dickes Glas gerillt.

Liebe tupft mit weichen leisen
Fingern an ein Bett ihr Mal.
Meine Pforte ist aus Eisen,
meine Pritsche hart und schmal.

Tausend Rätsel, tausend Fragen
machen manchen Menschen dumm.
Ich hab eine nur zu tragen:
Warum sitz ich hier? Warum?

Hinterm Auge wohnt die Träne
und sie weint zu ihrer Zeit.
Eingesperrt sind meine Pläne
namens der Gerechtigkeit.

Wie ein Flaggstock sind Entwürfe,
den ein Wind vom Dache warf.
Denn man meint oft, dass man dürfe,
was man schliesslich doch nicht darf.

Bevor ich weiter berichte, will ich mir eine Aufregung von der Seele zu schreiben suchen, die mir im Augenblick mehr gilt als korrekte Buchführung. Eben war Caro hier. Dieser Besuch, der eine häufige erfreuliche Abwechslung ist in der Eintönigkeit meiner Tage, bringt mich aus der Zelle hinaus und ins Büro, wo ich stets den Inspektor antreffe. Ich bitte schon, seit ich hier bin, um die Auslieferung meines kleinen Notizbuches mit den Versen, die seit dem Erscheinen den „Kraters“ entstanden sind. Gestern wollte mir der Inspektor das Buch endlich schicken, ich erhielt aber statt dessen nur meine Brieftasche. Nun benutzte ich eben die Gelegenheit, ihn auf den veimeintlichen Irrtum aufmerksam zu machen, und da stellt sich heraus, dass das Notizbuch überhaupt nicht unter den Sachen ist, die die Polizei notiert und mitgegeben hat. Ich bin völlig verzweifelt. Niemals habe ich das Buch aus der Hand gelegt, nie es aus der Tasche gelassen. Dass es zuhause in der ....strasse geblieben sein sollte, halte ich für ganz undenkbar, auch glaube ich mich bestimmt zu erinnern, dass ich es im Polizeibüro in Charlottenburg mit aus der Tasche gekramt habe. Von der Berliner Polizei erhielt ich es nach der Haussuchung zurück. Das weiss ich ganz sicher. Denn als ich auf dem Zettel, der bei den zurückgelieferten Papieren lag, las: 11  Schriftstücke, ein leeres Kuvert und ein Notizbuch, da war das erste, dass ich mich orientierte, welches Notizbuch sie behalten hätten, und ich war seelenfroh, als ich konstatierte, dass mein kleines Versbüchelchen da war und nur das dicke Buch mit den aktuellen Gedichten, den Adressen und den üblichen Gelegenheitsnotizen fehlte, obwohl auch darin mancherlei steht, was ich nur sehr ungern vermisse. Und nun soll das kleine Wachstuchbuch verloren sein! Der lyrische Ertrag eines ganzen Jahres!  Mit so vielen kleinen, feinen, zarten Versen an F., von denen ich keine Abschrift habe. Wie nervös wurde ich schon, wenn irgend ein naher Bekannter aus irgendeiner Veranlassung das Buch eine Viertelminute lang in der Hand hielt! Und nun fahren mir rohe Polizeifäuste in die Taschen und es soll weg sein! Wäre doch alles andere zum Satan gegangen, was ich bei mir hatte!  Das Geld meinetwegen. Die 171 Mark wäre[n] immer noch zu ersetzen gewesen, diese Verse sind es niemals. Wer bin ich denn, dass man so mit meinem geistigen, meinem seelischen Gut verfahren darf?! Aber die Polizei ist eine Institution, die das Privileg hat*) – –.

Ich habe Caro gebeten, sofort alles zu tun, um das Notizbuch zu retten, für alle Fälle bei der Wirtin suchen zu lassen und vor allem die Charlottenburger Polizei anzufragen. Natürlich wird alles ohne Erfolg sein. Ich müsste nicht der alte Pechvogel sein, der ich bin, um das, was einmal verloren ist, wiederzubekommen. Ich werde mich vorerst bemühen, die Angst, den Schmerz, den Chok zu unterdrücken, der mich schwerer trifft, als die Verhaftung mit allen ihren Einzelheiten, schwerer fast, als mich der Tod eines lieben Menschen treffen könnte*).

Nachdem ich also an jenem ersten Sonntag das Gedicht gemacht hatte, wurde es Zeit zum Abendessen. Ich hörte, wie den Nachbarn ihre Suppe gebracht wurde, und nicht lange darauf kam Giesmann mit meinem Schnitzel und dem Bier. Ich bin jetzt nicht in der Verfassung, den Genuss, den mir dieses Abendbrot bereitete – es lag auch ein richtiges frisches Berliner Brötchen bei – in der behaglichen Breite nachzuerzählen, wie ich das bei den Zigarren tat. Ich stelle nur fest, dass ich das Schnitzel mit ehrlichem Vergnügen ass, das Bier dazu in langen, geniesserischen Zügen aus der Flasche trank und nur bedauerte, so bald mit den Herrlichkeiten fertig zu sein und dann gleich ins Bett zu müssen, da ich vorher sehr gern noch ein bischen frische Luft und Bewegung gehabt hätte. Es half mir nichts. Es klingelte, und die harte Pritsche musste aufgeschlagen werden. Der Schlaf liess auch diese Nacht viel zu wünschen übrig, wie ich denn, seit ich hier bin, noch keine einzige Nacht so geschlafen habe, wie ich es dringend nötig hätte.

Am nächsten Morgen musste ich schon aus dem Bett, als es noch ganz dunkel war, und die Geschäftigkeit in allen Zellen und an allen Latrinen begann schon zur Wochentagszeit, d. h. gleich nach 6 Uhr. Natürlich war ich zur Aufstehenszeit am müdesten, denn, mag man mich immerhin zwingen, mich um 7 Uhr nachmittags hinzulegen, das Einschlafen bin ich nun mal erst zwischen 2 und 5 Uhr nachts gewöhnt, und diese Gewohnheit lege ich anscheinend sehr schwer ab. Ich war infolgedessen auch nach dem Anziehen noch recht schläfrig, und als der Kaffee in dem grossen Bottich herumgetragen wurde und die düstere Sträflingsstimme „Essnapf!“ rief, da hielt ich ganz mechanisch meinen Essnapf unter den Schöpflöffel Und kriegte ihn fast ganz voll mit warmem weissem Kaffee. Auch das Mordsstück Brot wurde mir wieder ausgehändigt. Ich goss den Kaffee, soweit es mir gelingen wollte, in meinen Hals, den Rest in das Geschirr, das ich kurz vorher gereinigt hatte. Von dem Brot ass ich nur wenig, das übrige nahm mir Giesmann nachher mit Vergnügen ab.

An diesem Morgen lernte ich wieder etwas Neues kennen, nämlich den gemeinsamen „Spaziergang“ im Freien. Um ½ 8 Uhr in der Frühe wurde die Zelle aufgemacht, der Aufseher machte mich darauf aufmerksam, dass man gleich ins Freie gehe und ersuchte mich, meinen Hut zu nehmen. Ich glaubte, jetzt werde ich wohl in einen schmucken Garten geführt werden, wo ich mich gemächlich zwischen herbstlichen Bäumen – es war immerhin schon der erste November – ergehen dürfte. Diesen Glauben dämpfte ich dann freilich ein wenig, als auf dem Korridor ein Beamter auf mich zutrat – ich hielt ihn immer für einen der drei bis vier Aufseher, weiss aber jetzt, dass er der Oberaufseher ist – und mich fragte, ob ich auch mit hinunter wolle. Zu einer anderen Zeit könne er mich leider nicht hinauslassen, aber ich brauchte nicht mit den andern in einer Reihe zu gehen, sondern möge nur immer in der Mitte des Hofes allein bleiben. Darauf legte er die Hände um den Mund, stemmte sich mit aller Kraft gegen das Brückengeländer und rief lautschallend: „Austreten!“ – Aus allen Zellen kamen sie jetzt hervor, die Untersuchungsgefangenen, die Zivilgefangenen und die Strafgefangenen, jeder mit dem Hut in der Hand, und liefen die Treppen hinunter zum untersten Korridor. Dort stellten sie sich Mann für Mann nebeneinander auf. Mich schickte der Oberaufseher ans äusserste Ende, und dann setzte sich der Zug in Bewegung, ein paar weitere Stufen hinunter zum Gefängnishof. Diesen Hof umschliesst nach drei Seiten das Gefängnis selbst, nach der vierten eine hohe Mauer, über die hinweg man die Rückwand eines Charlottenburger Miethauses mit vielen Winkeln und allerlei von dürftigen Gardinen verhängten Küchen- und Treppenfenstern sieht. Der Hof hat, das habe ich wiederholt gezählt, 90 Schritte im Umfang und eignet sich, da die ihn umgebenden Hausmauern mindestens 25 Meter hoch sein dürften, und da auf die Steine, mit denen er gepflastert ist, fortwährend dicker, kranker Auswurf gespuckt wird, zu einem Luftkurort so gut wie Timbuktu zum Seebad. Um diesen Hof marschierten also die Gefangenen herum, immer im Gänsemarsch, und als ich mich dem Zuge anschliessen wollte, legte mir der Oberaufseher nahe, doch allein quer über den Hof zu spazieren. Das tat ich denn auch, – aber nur das eine Mal. Es ist mir unangenehm, in den Blicken der armen Menschen die Frage zu lesen: Warum soll der nicht mit uns in einem Zuge gehen? Weil er einen besseren Anzug trägt? – Ich bin vom nächsten Tage ab immer mit im Gänsemarsch gegangen.

Während ich nun so allein mitten über den Hof ging, hin und zurück, immer hin und zurück, und die andern in langem Zuge – es waren 25 Mann (es wird in mehreren Abteilungen marschiert) – immer um den Hof herum, immer herum trotteten, sah ich mir die einzelnen Gestalten an. In Sträflingsanzügen waren nur ganz wenige, nur solche, die, wie es in den Verhaltungsvorschriften hiess, ohne reinliche und schickliche Kleidung ins Gefängnis eingeliefert waren. Die meisten trugen einfache Arbeiteranzüge mit Schirmmützen und an den Füssen Anstaltslatschen. Nur vielleicht fünf oder sechs ausser mir hatten eigenes Schuhzeug an. Auch das Alter war nicht so unterschiedlich, wie man vermuten könnte. Mein Wagengefährte, der Mann, der selbst an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifelte und den ich in steifer Haltung im Zuge schreiten sah, dürfte der älteste Insasse des Gefängnisses sein, sofern nicht in Abteilungen, die mir unsichtbar bleiben, noch ältere Leute stecken. Blass, kränklich und wenig intellegent sahen fast alle aus, wenige robuste Kerle nur, und fast gar keine geistig beträchtlichen Physiognomieen.

Ich will einige hervortretende Typen hier festzuhalten suchen. Einer war da, in Gang und Haltung wie ein Vikar, in schwarzem Gehrock, mit rundem schwarzen Hut, Oberhemd und schwarzer Kravatte, der bei weitem eleganteste der Häftlinge. Aber das Gesicht von ganz minderwertigem Ausdruck, blöde, reuig, interesselos. Grosse, schlappe aus den Manschetten hängende Hände. Wahrscheinlich ein unzuverlässiger Geschäftsangestellter, der seinen Skatverlust durch Unterschlagung einer Postanweisung decken wollte. Dann ist da ein gesunder, rundlicher, netter junger Kerl in blauem Sträflingskittel. Er scheint immer lustig zu sein. Jedenfalls hat er etwas Sonniges, Lachendes an sich. Er führt den kläglichen Zug an und scheint, wie ich an den folgenden Tagen beobachten konnte, an dieser Würde besonderes Gefallen zu finden. Man wird ihn mal geärgert haben, und daraus mag eine Sachbeschädigung oder ein Hausfriedensbruch geworden sein. Einer ist da, ein Mensch von vielleicht 27 Jahren, der geht mit steif nach hinten gebogenem Körper, die Hände in die Taschen seiner gelben Jacke vergraben, die schwarzbärtige Oberlippe zusammengekniffen, einher, ohne nach links oder rechts einen Blick zu werfen. Er sieht ziemlich verschlagen aus und man könnte ihn für einen Heiratsschwindler halten. Zwei besser gekleidete Leute sind erst im Laufe der Woche dazugekommen. Einer, der zwei Zellen neben mir wohnt (neben meiner neuen Behausung nämlich, von der noch zu reden sein wird), hat das intelligenteste Gesicht von allen meinen Mitgefangenen. Etwa 36 Jahre alt, blonden, dichten an den Seiten beschnittenen, nach unten gefranzten Schnurrbart, kluge braune Augen, sicheren, beinahe weltmännischen Gang. Heute kam er während einer der Geschirrreinigung gewidmeten Zellenöffnung zu mir, mit einem Plätteisen in der Hand, und bat mich um Lektüre für den Sonntag. Ich gab ihm die Aphorismen von Peter Hille, die Droop unter dem Titel „Aus dem Heiligtum der Schönheit“ bei Reclam herausgegeben hat. Ob er viel Genuss an diesen Herrlichkeiten haben wird, weiss ich nicht. Ich trau ihm aber zu, dass er wenigstens das biographische Vorwort mit Interesse lesen wird. Ich hätte ihm gern was anderes mitgegeben, hatte aber garnichts geeignetes, weil ich die Bücher, die Caro mir kürzlich brachte, ihm heute zurückgegeben habe. Da der Mann meinen Namen nicht kennt, der in dem Vorwort mehrfach genannt wird, kann er ja auch nicht auf die Vermutung kommen, dass ich ihm die Schrift etwa aus Eitelkeit überlassen habe. Was mag er begangen haben? Vielleicht eine Urkundenfälschung oder ein ähnliches Delikt, zu dem die Geschäftsusancen in unserer wunderlichen Gesellschaftsordnung ja reichlich Gelegenheit bieten. Der andere Mann, von dem ich sprach, mag im gleichen Alter stehen. Er hat ein gelbliches Gesicht, kurz geschnittenen schwarzen Schnurrbart, verkniffene Züge und graumeliertes Haar. Ein Mensch, der nicht im mindesten skrupelhaft aussieht und dem ich schon eine grosszügige Betrügerei zutrauen könnte.

Die auffälligste Erscheinung unter den Sträflingen ist ein jüngerer Mensch im Arbeiteranzug. Er ist wohl das hässlichste und abschreckendste Menschenexemplar, das ich je gesehen habe. Die ganze obere Gesichtshälfte ist von einem riesigen Muttermal überdeckt, das in allen Farben eines Pavianhintern schimmert. Das Kinn, das ganz ohne Form ist, liegt darum, wie eine weissgetünchte Schuppenkette. Die graugelben Augen haben einen bösen, stechenden Blick. Der Körper ist gedrungen, der Rücken zum Nacken hinaufgezogen, die Glieder sind plump und doch hat der Gang etwas schleichendes, heimtückisches. Der vollendete Typ eines psychopathischen Schwerverbrechers, unsäglich roh in Bewegungen und Gebahren. Der Mensch wendet seine viehische Fratze frech nach allen Seiten, als ob er damit kokettieren wolle, spuckt unter lautem Rülpsen vor sich weg, grinst fortwährend, stampft seine klobigen Fäuste nach unten, furzt, indem er stehen bleibt und sein Bein aufhebt und führt Selbstgespräche in den verdorbensten und gemeinsten Ausdrücken. Ich sehe weg, sobald er an mir vorbeikommt, aber er scheint es bemerkt zu haben und feixt mich von unten herauf schief, frech und schäbig an. Jeder Gewalttat, glaube ich und jeder Schurkerei ist dieses Scheusal fähig. Aber ein Schulbeispiel scheint mir dieser Mann zu sein dafür, dass alle Schlechtigkeit Unglück, dass alle Schuld Schicksal ist (und von der Akademieformel gewisser Psychoanalytiker, dass alles Schicksal selbstgewollt sei, halte ich nicht allzuviel). Richard III. ins Proletarische übersetzt. Kann dieser Mensch gut sein, edel, menschenliebend, den die Natur so infam hässlich gemacht hat? Niemals werden zärtliche Lippen seine entsetzliche Larve geküsst haben. Muss da nicht der Neid aufsteigen und die Wut und die Bosheit und alle Niedrigkeit? - Und nun ist wohl die Lust über ihn gekommen, Böses zu tun ohne Ahnung von seinen eigenen Gründen Rache zu nehmen an den Menschen für das schmähliche Verbrechen, das die Natur an ihm beging. Und er schlägt jemandem das Auge ein oder vergewaltigt ein Kind oder zündet seinem Nachbarn das Haus an, oder raubt einem behäbigen Rentier den Geldbeutel; denn bitterarm ist er obendrein noch. Aber was mordete doch der bleiche Verbrecher? Er mordete nicht um zu rauben, sondern er raubte um zu morden. Nietzsche hat die Menschen gekannt. Die Häscher aber greifen nach der unseligen Missgeburt, und die Richter verbünden sich, ihn zu strafen für all sein Leid, für all sein bitteres Unglück. Und nun haben sie ihn ins Gefängnis gesetzt, dass ihm seine Enterbung um so deutlicher bewusst werde. Statt dass man alles täte, was in schwachen Menschenkräften steht, um soviel Unheil erträglicher zu machen! Guten Wein sollte man ihm geben und weiche Betten, auf Gummi sollte er fahren dürfen und flinke Hände jedem seiner Wünsche bereit finden! – So, nur so könnte man die Gesellschaft schützen vor seiner Rache, vor seinem, doch wohl gerechten Zorn. So, nur so könnten wir uns selbst schützen vor den Vorwürfen, die wir uns bei seinem Anblick zu machen haben.

Gleich wird die Glocke zum Schlafengehen läuten. Ich muss für morgen aufheben, was über den Montag noch zu sagen ist, und muss mich vorbereiten, lange wachend im Dunkeln zu liegen und viele schmerzliche Gedanken passieren zu lassen, die heute wohl meist meinem lieben, vermissten schwarzen Notizbuch gelten werden.

Sonntag, den 7. November 1909

Wo stand ich doch? Bei dem ersten Morgenspaziergang auf dem Gefängnishof. Täglich früh um 1/2 8 Uhr müssen wir hinaus (heute am Sonntag, blieb es uns erspart) und einer hinter dem anderen hermarschieren, gegen 30 mal herum um den dumpfigen Hof. Zweimal habe ich die Rundgänge gezählt und einmal 29, einmal 32 festgestellt, und der ganze Umkreis ist bezeichnet von dem dicken, gelben, schleimigen Auswurf der armen Menschen, die man fortwährend röchelnd ausspucken hört. Ich habe ein Grausen vor dem wurmartigen Sehleim, der an meinem Wege liegt, und hebe den Kopf hoch, um ihn nicht sehen zu müssen, denn immer fürchte ich, es könnten sich Tuberkeln daraus befreien und den Weg in meinen Hals finden. Zwanzig Minuten dauert der Rundmarsch. Zwanzig Minuten Gefängnishof im dicken grauen Morgennebel, das ist die einzige Zeit, wo wir hier „frische Luft“ atmen dürfen.

Den Montag-Vormittag benutzte ich dann zum Briefschreiben: an C , an S., an die Freunde im Café des Westens, an F., der der einzige ist, von dem ich Antwort bekam. Aber gestern erfuhr ich durch den Inspektor, dass diese Postkarte und ein Heft der „Schaubühne“ von ihm direkt zu mir hinaufgeschickt worden seien, weil er gleich sah, dass das ohne Belang war, dass aber alle anderen an mich eingetroffenen Postsachen, und es seien schon etliche angekommen – an den Richter weitergeführt seien. Gesehen habe ich davon noch garnichts. Auch eine Titelzeichnung für ein neues Buch, über das ich am Tage vor meiner Verhaftung mit F. gesprochen hatte, entwarf ich, musste aber bei allen diesen Beschäftigungen häufige Pausen eintreten lassen, weil das von hinten fallende Licht meinen Schatten vor mich auf das Papier warf, und das Schreiben und Zeichnen daher meine Augen ausserordentlich anstrengte.

Mittags wurde ich ins Büro hinuntergerufen, wo Caro mich erwartete. Wir berieten über das, was zunächst geschehen müsse, und er erzählte mir, dass meine Verhaftung von allen Bekannten mit grosser Teilnahme aufgenommen wurde, und dass sich auch die Presse, abgesehen wieder von einigen liberalen Organen, deren Schmöcke mich in meiner „Harmlosigkeit“ als nicht ernst zu nehmen beschimpften, sympathisch benähme. So las er mir eine Notiz aus der „Welt am Montag“ vor, die entschieden für mich Partei nahm.*)

.... Ich trug Caro noch einige Wünsche auf, vor allen Dingen bat ich ihn, für Lektüre zu sorgen und für Decken, die die Härte meines Lagers weniger empfindlich machten. Er versprach alles und ging. Ich liess mich wieder in meine Zelle sperren ......*)

Am Nachmittage schrieb ich noch eine Reihe von Briefen. Denn der Inspektor hatte mir für mein Geld ausreichend Konzeptpapier nebst Kuverts und Briefmarken holen lassen. Besonders hob sich meine Laune durch den schwarzen Kaffee mit zwei Buttersemmeln, der nachmittags kam, wie denn überhaupt meine Stimmung seit der Einführung der Selbstbeköstigung wesentlich besser geworden ist. Aber Zigarren hatte ich an diesem Abend nicht, und ich war unglücklich, mir von den zweien, die ich am Abend vorher geraucht hatte, nicht eine reserviert zu haben.

Am folgenden Morgen (Dienstag, den 2. November) berichtete mir Giesmann, der auf Anordnung des Oberaufsehers meine Zelle in Ordnung zu halten hatte, während er den Topf aus dem „Leibstuhl“ nahm, dass oben im dritten Stock eine sehr schöne Zelle – Nr. 48 – leer geworden sei, die ein grosses Fenster habe und „bald so scheen wie ne Ufseherzelle“ sei. Ich hatte ihm gegenüber nämlich schon über das schlechte Licht geklagt und nahm mir vor, den Inspektor um die Zelle 48 zu bitten. Es gebe dort auch einen Stuhl mit Rückenlehne. Auf den Umstand, dass meine Klappbank ohne Lehne war, führte ich einige Rückenschmerzen zurück. Ich beschloss, den Versuch, die bessere Zelle zu kriegen, jedenfalls bei der nächsten Gelegenheit zu unternehmen. An diesem Vormittage kamen auch zwei schöne Decken und ein weiches Kopfkissen an, die mir meine Geschwister auf Caros Anregung schickten. Es lagen mehrere Aepfel und Birnen bei, die ich mit Giesmann teilte. Er half mir dafür, die Decken auf das Lager zu legen. Von der nächsten Nacht an lag ich nun in der Tat erheblich weicher, aber besser schlafen kann ich bis jetzt immer noch nicht. An diesem Tage begab sich nicht viel Bemerkenswertes. Nur brachte mir Caro, als er mittags kam, gerade als die Frau mein Essen brachte, das ich nun im Büro stehend zu mir nahm, zwei Bücher mit: Paul Scarron „Der Komödiantenroman“, übersetzt und herausgegeben von Franz Blei, und Aage Madelung „Jagd auf Tiere und Menschen“, beide aus dem Besitzstande von Rudolf Kurtz. Caro berichtete, dass er sich mit Justizrat Bernstein in Verbindung gesetzt habe, der zur Zeit in Berlin sei und im Palasthotel wohne. Diesen Bescheid habe er telephonisch aus seiner Münchener Kanzlei erhalten und nun habe er ihn dort angerufen. Bernstein habe sich gleich interessiert gezeigt und wolle, sobald er in München sei, meine Angelegenheit dort persönlich fördern, sie inzwischen aber seinem Kollegen dort übergeben. Im übrigen werde Bernstein mich wohl den nächsten Tag im Gefängnis aufsuchen. Bis jetzt ist er freilich noch nicht gekommen, steht aber nun für morgen (Montag) vormittag mit Caro zugleich in Aussicht. – Ich benutzte die Gelegenheit meiner Anwesenheit im Büro, vor dem Inspektor meine Bitte um eine andere Zelle zu unterbreiten. Dabei sagte ich nichts von meiner Kenntnis über die Zelle 48, sondern überliess es ihm, davon anzufangen. Das tat er denn auch, indem er zuerst meinte, die Zellen seien ja alle gleich, dann aber wohlwollend fortfuhr: „Na, ich will mal sehen, ob wir nicht oben die Erkerzelle kriegen können. Da ist sehr schönes Licht, und wenn es geht, bringe ich da immer die besseren Gefangenen unter“. So war ich also von Amts wegen als „besserer Gefangener“ anerkannt, was mir umsomehr Mut gab, noch einmal wegen den Zigarren anzubohren. Der Inspektor wolle nicht gern darauf eingehen, sagte mir aber schliesslich zu, er wolle mir, statt aus meinem Vorrat Zigarren herauszugeben, lieber extra welche holen lassen. Ich stimmte dem mit Vergnügen zu und bat ihn, da ich ja doch höchstens zwei am Tage rauchen dürfe, mit meinem Gelde nicht sparsam zu sein, und recht gute, grosse und schwere Zigarren kaufen zu lassen.

Ich las an diesem Nachmittage den „Komödiantenroman“, ein dickleibiges Buch zur Hälfte durch. Ein köstliches Werk aus der Zeit des ancien régime. Die Erlebnisse einer reisenden Komödiantentruppe, von einem lebenslustigen, liebenswürdigen französischen Abbé erzählt, dessen persönliche Randbemerkungen und muntere Milieu- und Personenschilderung, die glänzende Anordnung der Kapitel und die eingestreuten Novellen das Buch zu einem der graziösesten und unterhaltsamsten machen, die ich kenne. Der Anfang, wie die sonderbare Truppe in Mans einrückt, erinnerte mich lebhaft an den Beginn des neuen Romans von Heinrich Mann „Die kleine Stadt“, woraus er Hardekopf und mir in München ein Kapitel vorlas, und dessen Einleitungskapitel er in einer öffentlichen Vorlesung im Saal des Neuen Vereins mitteilte. Es wäre sehr mein Wunsch, dies Buch, das dieser Tage erscheinen soll, in meine Zelle zu bekommen. – Gegen Abend kam der Inspektor zu mir herein und reichte mir eine Tüte mit fünf prächtigen, grossen, dicken, mit pomphafter Leibbinde gezierten Zwanzigpfennig-Zigarren. Er gab sie mir mit einer gewissen zurückhaltenden Vorsicht, indem er mich ermahnte, sie möglichst nicht vor andern sehen zu lassen. Er .... stehe in unerhörter Weise unter Aufsicht seiner eigenen Unterbeamten, die ihm sehr gern am Zeuge flickten. Jedenfalls dürfe ich immer erst abends rauchen, wenn schon Licht gemacht ist. Wenn der Aufseher mal dazu käme, soll ich ihm ruhig sagen, er, der Inspektor, habe mir die Zigarre gegeben. Denn Durchstecherei sei das nicht, und er stehe dafür ein, möchte sich aber unnötige Scherereien vom Leibe halten. – Ich konnte die Zeit kaum erwarten, dass man mir die Lampe anzündete. Dann rauchte ich eines der neuen Kleinode mit unermesslichem Behagen, – aber nur eins, und ich muss mich rühmen, dass ich seit diesem Tage jeden Abend nur eine einzige Zigarre geraucht habe, deren Stummel ich dann auf das Brett des Leibstuhls lege, wo Giesmann ihn fortnimmt, um sich Zigaretten davon zu machen.

Am folgenden Morgen klingelte mich die Hausglocke zu einem sehr regnerischen Tage wach. Vielleicht werden mir später, wenn ich diese Aufzeichnungen unter normalen Verhältnissen wieder durchlese, die Ereignisse an diesem Mittwoch garnicht besonders bedeutungsvoll vorkommen. Aber die Relativität aller Dimensionen und Werte stellt auch die Sonderung des Wichtigen vom Irrelevanten unter die Entscheidung der variablen psychischen Impressionen.

Schon mit dem Frühkaffee wurde mir ein eröffnetes Telegramm gebracht, die erste Teilnahmsäusserung, die – abgesehen von den durch Caros Besuche übermittelten – zu mir drang. Es war am 1. November in Aeschispiez aufgegeben (jetzt war schon der dritte) und lautete: „Sei ruhig, lieber Freund, ich schreibe noch heute. Johannes.“ Ich hatte gleich nach meiner Einlieferung hier an Johannes Nohl ebenso wie an Henry Telegramme abgehen lassen, die von meiner Verhaftung Nachricht gaben. Jetzt merke ich, dass bei aller Ausführlichkeit, mit der ich mich jede Einzelheit zu registrieren bemühe, doch noch manches vergessen ist. Das Telegramm war also die Antwort auf meines und ich war – ich weiss eigentlich garnicht, warum? – so gerührt über die Worte, dass es mir heiss hinter den Augen aufstieg. Dabei fällt mir auf, dass mir in der ganzen Zeit, seit ich festgenommen wurde, weder vor noch nach dem Moment, wo ich das Telegramm las, je ein Drang zum Weinen gekommen ist, nicht einmal in den langen, schlaflosen Nächten, in denen ich wahrlich genug von traurigen Vorstellungen geschüttelt wurde. Und zur rechten Stunde Weinen hat noch jedem gutgetan.

Den Vormittag brachte ich mit der Lektüre Paul Scarrons hin. Als ich meine Mittagsmahlzeit bekam, richtete mir der Aufseher einen Gruss von Caro aus, der nur auf einen Sprung dagewesen war und gleich weiter musste. Ich war ziemlich betrübt, ihn an diesem Tage nicht zu sehen, da er mir bisher täglich als einziger Schimmer aus dem fernen Caféhause in meine Einsamkeit geschienen hatte. Ich ass das etwas fett geratene Kotelett, das mir Herr Fahrland geschickt hatte, etwas missmutig herunter und sog bei Beendigung des Mahles noch den Rest Bier aus der Flasche, als mir der Aufseher mitteilte, dass ich sofort zum Untersuchungsrichter kommen solle.

Ich lief mit der grössten Geschwindigkeit die Treppen hinunter. Denn ich dachte mir, das kann nur heissen: Frei! – oder: Nach München! – An der untersten Treppe nahm mich der lange Glatzkopf in Empfang, der mir schon am Tage meiner Einlieferung so wenig angenehm begegnet war. „Kommen Sie mal mit!“ kommandierte er und blieb, während ich durch den Garten zum Gericht hinübermusste, immer so dicht vor, hinter oder neben mir wie ein Schlächter, der ein widerwilliges Schwein zu transportieren hat. „Da rauf!“ hies es an einer Treppe, und ich folgte dem Grobian zu derselben kahlen kleinen Kalkzelle, aus der ich ihm schon einmal hinuntergefolgt war.

Drei Leute in Sträflingskitteln waren schon dort, die mich neugierig musterten. Als ich hinzukam, war die Bude so voll, dass wir uns an die Wände quetschen mussten, um uns nicht gegenseitig zu drücken. Mir zunächst stand ein kleiner untersetzter Kerl mit dickem, blondem Schnurrbart, borstig hochstehendem Haar und suffunterlaufenen Augen. Er war der einzig lebhafte von den dreien, der mir nach wenigen einleitenden Höflichkeiten mitteilte, dass er wegen Vagabondage achtzehn Monate abgerissen hätte und jetzt wegen einer Bettelei seiner Aburteilung harre. – Auf dem einzigen Stuhl des Gemaches sass traurig ein schwarzbärtiger Mann von vielleicht 33 Jahren, den vornübergeneigten Kopf in die Hände gestützt. Auf die Lebhaftigkeit des Kleinen reagierte er nur mit gleichgültigen Zustimmungen. Das Fenster verdeckte vollständig der Körper eines riesigen Menschen, der mit dem Rücken zu uns stand. Er sah in den Garten hinaus und schien sich für nichts in der Welt zu interessieren. In seinem Aussehen und seinem Phlegma erinnerte er mich stark an den Asconeser Grotto-Wirt. Nach einiger Zeit wurde der traurige Schwarze hinausgerufen, und statt seiner trat ein grosser blonder jüngerer Arbeiter ein, der lachend verkündete: „Sechs Wochen mit Ueberweisung.“ – „Hast du ’t anjenommen?“ – „Die sechs Wochen, ja. Aber die Ueberweisung nich.“ „ Mensch, warum nich? In Moabit is’ doch besser als hier.“ „Ja, ich wollt’ ja och annehmen. Aber ik weess selbst nich. Er fragt: Nehmen Sie’s an? Die sechs Wochen, ja, sag ik. Aber von wejen die Ueberweisung- Ik wollte ihm man blos fragen, aber da sagt er schont: Der Beschuldigte nimmt die Strafe an, protestiert aber jejen die Ueberweisung. Mensch, wenn de mit dem redst, det is jrade, als wenn de jejen de Wand sprichst. Ik sag zu dem Mann: Wejen det eenmal betteln, sag ik – nehmen Se doch Rücksicht! – Wat? sagt er. Sie sind wejen Diebstahl vorbestraft und wejen Widerstand, un denn verlangen Se noch Rücksicht? sagt er. Wat wollen Sie denn machen, wenn Se wieder raus sind? sagt er. – Denn jeh ’k stehlen, sag ik. Da ha ’k wenigstens wat von, sag ik. Denn ik war nu schon jiftig. – Weesste, wat det Luder macht? Er lässt det befürworten. Er sagt zu dem jungen Mann, der da sitzen dut: Schreiben Sie det uf, sagt er. Der Anjeschuldigte erklärt, dat er nach Verbüssung der Strafe stehlen jehen will. Na, wat sagste nanu? frag ik dir.“ – Der kleine Blonde kircherte aber bloss und meinte: „Wat er Justav’n woll ufbrummt?“ – Der kam schon wieder und der Kleine musste selbst hinaus. Jetzt fragte der Lange: „Na?“ -- Der Schwarze knurrte, während er sich wieder auf den Stuhl niederliess: „Sechs Wochen mit Ueberweisung.“ –„Haste ’t anjenommen?“ – „Ja.“ – „Na ja, helfen du ’t ja doch nich, wenn ma ’t nich annimmt.“ Und dann erzählt er umständlich noch einmal, wie er aus Versehen zu einem Protest gegen die Ueberweisung gekommen war, wie er gereizt wurde, wie er erklärte, er wolle nachher stehlen gehen, und wie der Richter das „befürworten“ liess. „Ne, schloss er, an Charlottenburg will ik jedenken.“ – Dann kam auch der Kleine wieder: „Sechs Wochen mit –!“ schrie er schon an der Tür. Der Grosse pellte sich nun auf Anruf vom Fenster los und verliess das Gemach mit den Worten: „Denn kann ik mir ja och unjefähr ausrechnen, wat ik krieg.“ – „Sechs Wochen mit kriegste“, schrie ihm das muntere Männchen nach. „Ik hab ’t jleich anjenommen“, erzählte er dann. „Aber ik lass mir nach Prenzlau überweisen. Mensch, Justav, da musste mitkommen. Meld dir jleich heite, dat de willst nach Prenzlau.“ Der Schwarze rührte sich nicht. Der Kleine wurde immer närrischer. „Hörste, Justav. Det is det beste, sag ik dir. Komm mit nach Prenzlau.“ – „Lass mir doch zufrieden.“ – „Aber Justav, sei doch keen Dussel! In Prenzlau is’ am allerscheensten.“ - „Ja, for dir, weil de da zuständig bist.“ – „Macht nischt, Justav; ik sag dir, komm och nach Prenzlau.“ – „Lass ihm doch,“ fiel endlich der Lange ein. „Er muss et doch selbst am besten wissen.“

Ich stand inzwischen wie auf Kohlen. Gleich sollte sich’s entscheiden, ob ich freigelassen würde oder ob man mich – vielleicht schon diese Nacht – nach München transportierte. So war ich froh, als der Riese zurückkam und der Glatzkopf rief: „Mühsam, kommen Sie mit!“ Der Mann führte mich – wieder mit ausgesuchter Unhöflichkeit vor den Untersuchungsrichter, einen Mann mit englischem Schnurrbart und etwas blasiertem, aber elegantem Exterieur. „Sind Sie Mühsam?“ fragte er mich. „Ja.“ – Er erklärte mir nun, er habe mir zu eröffnen, dass gegen mich eine Voruntersuchung eingeleitet sei, da ich hinreichend verdächtig wäre, die Gruppen „Vagabund“ und „Tat“ begründet und darin in Gemeinschaft mit dem gleichfalls angeklagten Klavierspieler Karl Schultze (Morax), der wegen einer anderen Sache in Untersuchungshaft sitze, zu einer Reihe Verbrechen, wie Desertion, Einbruch, Falschmünzerei usw. aufgefordert zu haben. Deshalb ersuche der Untersuchungsrichter in München, mich zu verhaften und ins Untersuchungsgefängnis Neudeck abzuliefern. Ich wollte gleich zu Protokoll geben, dass die Vorwürfe, die gegen mich erhoben wurden, absurd seien. Der Herr erklärte aber, dass seine ganze Aufgabe sei, mir das Delikt, dessen ich beschuldigt sei, zur Kenntnis zu bringen. Ich fragte nun, ob das Ersuchen, mich in Neudeck abzuliefern, bedeute, dass ich nach München gebracht werden solle, worauf ich erfuhr, dass das allerdings damit gemeint sei, dass aber erst die Entscheidung über die von mir gegen die Verhaftung eingelegte Beschwerde fallen müsse. Im übrigen sei er, der Untersuchungsrichter, mit der Materie nicht vertraut und wolle sie zur weiteren Erledigung dem Herrn geben, der sie bisher unter sich hatte, worauf er die Akten zu Herrn Assessor B. schickte und mich entliess.

Als ich aus dem Büro trat, sah ich zu meinem Erstaunen meinen Bruder vor mir stehen, der mir mit Kondolenzmiene die Hand schüttelte ...*)

Der Kahle führte mich nun in der gewohnten Manier wieder in das Kalkstübchen, in dem sich die Leidensgefährten von „6 Wochen mit – !“ nicht mehr befanden. Hinter mir wurde die Türe geschlossen, und ich hatte nun Gelegenheit, in dieser Zwischenstation die Lage zu überdenken. Ich war also weder frei, noch wurde ich nach München gebracht. Es blieb vielmehr zunächst alles beim Gleichen. Nur in Einem sah ich klarer. Ich hatte jetzt ein bischen Näheres über das erfahren, was mir zum Vorwurf gemacht wird. Zuerst beruhigte mich diese Kenntnis, weil ich mir sagte: Das alles ist denn doch zu grotesk, um geglaubt werden zu können. Dann aber stieg mir die Frage auf: Wer mag mich beschuldigen? Es muss doch schliesslich jemand da sein, der diese Dinge entworfen hat, und der dem Untersuchungsrichter glaubwürdig genug vorkommt, um mich auf seine Beschuldigung hin verhaften zu lassen. Von denen, die regelmässig mit uns zusammenkamen, kann ich mir eigentlich keinen denken, der einerseits gegen Morax und gegen mich so gemein zu handeln imstande wäre, andrerseits nach dem häufigen Anhören meiner Vorträge, in denen ich es regelmässig ausdrücklich abgelehnt habe, zu einer illegalen Handlung anzureizen, noch so dummes Zeug behaupten könnte. Interessant ist mir, dass die Anklage von der „Gruppe Vagabund“ spricht, die doch in der Tat niemals zustande gekommen ist. Unter den Freunden wurde der Ausdruck fast nie – wenn nicht überhaupt nie – gebraucht. Bleibt übrig, dass ihn der Denunziant aus meinem „Sozialist“-Artikel „Neue Freunde“*) entnommen hat, in dem ich die Hoffnung aussprach, dass wir in München bald eine „Gruppe Vagabund“ haben möchten. Jedenfalls freue ich mich heute schon auf die Konfrontierung mit dem Burschen, der sich mir da als erfinderischer Spitzel präsentieren wird .....*)

..... Das war das Verhängnis alles Weltgeschehens von jeher, dass neue Entwicklungen, neue Erfahrungen, neue Einsichten und neue Kultur nie langsam und sanft daherkamen und im Uebergang der Generationen allmählich wuchsen, sondern dass sie sich elementar Bahn brachen und rücksichtslos zerstörten, was ihnen hinderlich war. Das ist die ewige Wahrheit von der Unumgänglichkeit der Revolutionen und die ewige Entlarvung der revolutionären Lüge. – Und so stand ich nun allein in der kleinen gekalkten Zelle und dachte hin und her und blickte aus dem vergitterten offenen Fenster in den Garten hinaus und sah, wie die Kinder des Inspektors oder der Aufseher auf mich aufmerksam wurden und neugierig hinaufsahen, was für ein merkwürdiger langhaariger, seltsam aussehender Gefangener da im Gewahrsam ihrer Väter war. Und die Zeit ging hin, und ich fragte mich, warum ich wohl so endlos lange warten müsste, bis ich wieder zurück dürfte in meine Zelle Nr. 42.

Endlich kam der Kahlschädel und hiess mich barsch ihm folgen. Beim Gefängnisbüro setzte er mich ab, wo ich ordentlich beruhigt war, das gutmütige Gesicht des Inspektors wiederzusehen. Ich begrüsste ihn und wollte durchs Büro zur Treppe gehen. Da sagte er: „Sie kriegen eine andere Zelle, Herr Mühsam. Lassen Sie Ihre Sachen nur gleich nach 48 bringen. Sie können gleich umziehen.“ Ich ging die Treppen hinauf und konstatierte nach der Uhr, dass mich der Glatzkopf über eine Stunde in dem kleinen Loch allein gelassen hatte, ganz sinn- und zwecklos, und offenbar nur, um seine Macht zu zeigen.

Inzwischen hatte der Inspektor die Aufseher verständigt, Giesmann wurde heraus geholt, und der Umzug wurde in weniger als zehn Minuten vollzogen. Ich nahm mein bischen Schreibpapier und die beiden Bücher, Giesmann brachte das übrige, die Decken und Bettüberzüge. Das alles wurde in der grössten Behendigkeit ein Stockwerk höher in Zelle 48 wieder gebrauchsfertig gemacht.

Als ich die Zelle betrat, war ich in der Tat geblendet von ihrer Pracht. Zwar war sie um nichts breiter als Nr. 42, aber erstens um mindestens einen Schritt länger, und dann – was für ein herrliches Fenster! Und ein richtiger Tisch!  Und ein Stuhl! Und ein ganzes Waschgeschirr im Metallgestell! Ich will die Herrlichkeiten einzeln beschreiben. – In der dem Zelleneingang gegenüberliegenden Winkel steht der viereckige Tisch, ein richtiger Küchentisch, in dem ich zu meiner grössten Freude eine ausgiebige Schublade entdeckte, die jetzt meine Zigarren und mein Schreibpapier enthält. Der Tisch füllt genau den Raum zwischen den beiden Wänden links und rechts aus und liegt mit der Breitseite an der Hinterwand. Unmittelbar über dem Tischrand erhebt sich, und zwar in der Höhe bis zur Decke, das Fenster, dessen oberes Drittel halb aufgeklappt ißt. Vom Rande dieses Teils hängt wie ein Damoklesschwert eine Holzstange so dicht über mir, dass ich beim Aufstehen vom Stuhl stets in Gefahr bin, sie mir in den Schädel zu rammen. An dieser Stange kann man das Fenster nach Bedarf schliessen. Da die Zelle hinreichend geheizt ist, hat sich dieser Bedarf für mich noch nicht ergeben.

Sehr luxuriös ist nun, dass sich nicht nur über der Breitseite des Tisches, sondern auch über seinen beiden Schmalseiten je ein Fenster bis zur Decke erhebt, so zwar, dass die Seitenfenster noch etwas schmäler sind, als der Tisch. Meine Zelle liegt nämlich, wie der Inspektor mir schon verraten hatte, im Erker, und ich kann, wenn ich morgens über den Hof marschiere, um „frische Luft“ zu mir zu nehmen, stolz erkennen, welches Fenster meine Zelle bezeichnet. Uebrigens sind die Scheiben meines Fensters auch nicht von Eisenstangen durchschnitten, sondern haben ein richtiges hölzernes Fensterkreuz, das sich zwar leider nicht öffnen lässt, aber doch immerhin ganz hübsch aussieht. Leider ist das Glas hier so wenig durchsichtig wie in Nr. 42. Nur eben angedeutet sieht man hinter den gerillten Scheiben des Breitfensters wie der Seitenfenster ein festes eisernes Aussengitter. – Der Stuhl, auf dem ich sitze, hat eine Lehne, und alles übrige ist so beschaffen wie in Nr. 42 auch. Nur hängt am „Spind“ ausser den übrigen Anweisungen noch ein „Alkohol-Merk-

(Anmerkung: Hier fehlt im Abdruck offensichtlich ein Stück Text)

gesteuert werden soll. Und das fromme Plakat, das jede Zelle schmückt, trägt hier auf der einen Seite die Inschrift: „Gott will, dass sich der Gottlose bekehre von seinem Wesen und bete. Hesekiel 33, 11a; auf der anderen Seite, die ich mir nach aussen gehängt habe: „Erkenne deine Missetat, das du wider den Herrn deinen Gott gesündigt hast. Jerem. 3, 13.“ Ich hege einigen Zweifel, ob schon einmal ein Sünder durch das wochenlange Betrachtendürfen solcher aus dem Zusammenhang gerissener Sätze von seiner Sündhaftigkeit kuriert worden sei. Will man schon erziehlich wirken, indem man wenig gebildeten Menschen Sprüche biblischer oder sonstiger Weisheit in die Gefängniszelle hängt, so sollte man doch zu allererst darauf achten, dass etwa das Wort „dass“ nach „Erkenne“ mit ss zu schreiben ist, und dass „deinen Gott“ als nähere Definition zu „den Herrn“ in Kommata gesetzt werden muss. Ich lebe der Ueberzeugung, dass ein orthographischer Fehler, der sich dem Gehirn eines minder differenzierten Menschen einprägt, mehr Schaden bewirken kann, als ein auswendig gelerntes Bibelwort Nutzen.

Mit diesem pädagogischen Bekenntnis will ich den Bericht über jenen denkwürdigen Mittwoch abschliessen, der im weiteren Verlaufe nichts Bemerkenswertes mehr bot, und die Feder bis morgen aus der Hand legen. Ein wenig nachgeholt habe ich heute jedenfalls und vielleicht kann ich in zwei, drei Tagen schon immer über das jeweilig Aktuelle berichten. – Der heutige Sonntag ging leider dahin, ohne Aufschluss über den Verbleib meines Notizbuches zu bringen.

Montag, den 8. November 1909

Beim Genuss der vortrefflichen Zigarren und gelockt von dem angenehmen hellen Licht, dem bequemen Stuhl (im Gefängnis ist schon ein einfacher Küchenstuhl so bequem wie im Salon ein Klubsessel) und dem grossen Tisch, hatte ich mich am Mittwoch noch an die Ausführung eines literarischen Essays gemacht, mit dem ich schon lange umgehe ... Es handelt sich um eine Charakteristik Frank Wedekinds als Schauspieler. Den ganzen Juli hindurch war Frank Wedekind Herr des Münchener Schauspielhauses und spielte nacheinander den Nikolo in „So ist das Leben“, den Schön im „Erdgeist“, den Hetmann in „Hidalla“, den Gesanglehrer in „Musik“, den Burridan in „Zensur“, den „Marquis von Keith“ und den „Kammersänger“. Ich habe alle die Leistungen gesehen ... und sehr starke Eindrücke empfangen, die niederzulegen mir viel Freude machen wird.. Weit kam ich allerdings nicht mit dem Artikel, – nicht über die Einleitung hinaus.*)

Denn die intensive Beschäftigung mit dem Buch des Dänen Madelung, der ich mich vorher hingegeben hatte, drängte nach Erledigung dieser Lektüre. „Jagd auf Tiere und Menschen“ ist ein gutes, kräftiges Buch, von einem klugen Menschen geschrieben, der zugleich robuste und gepflegte Nerven und ein klares Auge hat. Madelung ist ein brillanter Schilderer der Gegenden, die er bereist, der Menschen, die er kennen lernt, der Zustände, die er antrifft. Störend wirkten auf mich die lyrischen Abschweifungen in manchen seiner Berichte, besonders in der Geschichte „Tops“. Zwar findet Madelung immer gute dichterische Bilder, die, im einzelnen genommen vor der strengsten Kritik bestehen, aber seine Lyrismen sind mir zu klug, zu literarisch, zu gewollt. Ich glaube es einfach diesem Kraftmenschen nicht, dass ihm etwa das Spiel der Sonnenstrahlen in abgefallenem Laub neben der Beobachtung, die schon sehr viel ist, noch Vergleiche abnötigt. Ich habe das Buch schon abgegeben und kann daher das, was ich meine, nicht an Beispielen belegen. Jedenfalls gilt es mir da am meisten, wo er einfach in festen Strichen zeichnet, was er sieht, beschreibt, was er weiss. Die schmucklosesten Kapitel des Buches sind die stärksten: „Terror“ und „Progrom“, – und daneben die Schilderung der Landstrasse und der Marsch nach Besowo im Eingang des Buches, das im ganzen als eine überaus wertvolle Quelle zum Studium russischer Volkheit und russischer Zustände Beachtung verdient und technisch zweifellos einen Dichter verrät.

(Fortsetzung folgt.)

(Anmerkung: Die avisierte Fortsetzung ist nicht erschienen.)

Aus: Kain, München, Jg. 1 Nr. 1, April 1911, erschienen in Fortsetzungen von Jg. 1 Nr. 1, April 1911, bis Jg. 2 Nr. 8. November 1912

Originaltext: http://www.muehsam-tagebuch.de/tb/addons.php


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