Erich Mühsam - Gewalt und Revolution

Es wäre natürlich leicht, den Nachweis zu führen, daß Revolutionen im Gegensatz zu Kriegen unter Umständen ganz unblutig durchgeführt werden können, auch schon ohne oder mit geringem Aufwand körperlicher Gewalt durchgeführt worden sind. Ich verzichte darauf, weil ich nicht leugnen kann und nicht leugnen will, daß Volkserhebungen fast immer mit schweren Kämpfen verbunden waren und daß die Revolutionen, mit denen zur Erringung menschenwürdiger sozialer Zustände noch gerechnet werden muß, wahrscheinlich ebenfalls harte Zusammenstöße und bittere Menschenopfer kosten werden. Freilich ist es wahr, daß das gewaltsame Losschlagen noch stets von denen ausging, denen ihre vermeintlichen und angemaßten Rechte streitig gemacht wurden, und daß die eigentlichen Kämpfe daher aus der Notwehr verzweifelter Massen hervorgingen. Doch könnten dagegen vielleicht widerlegende Beispiele angeführt werden, auch läßt sich nicht voraussehen, ob in Zukunft die Revolutionäre immer die endlich Angefallenen sein werden, wie denn - die Augusttage des Jahres 1914 lehren es deutlich - nachträglich jeder der Überfallene gewesen sein will und das Suchen nach dem Angreifer überall eine mißliche Sache ist. Ferner soll auch nicht beschönigt werden, daß revolutionäre Attentate, also blutige Handlungen einzelner gegen einzelne, oft genug von überaus idealistisch gesinnten Personen verübt und von sehr friedliebenden, den Krieg mit seinen Äußerungen tief verabscheuenden Menschen bewundert und in reinem Herzen bejaht worden sind, Handlungen also, bei denen allenfalls von seelischer, nie und nimmer von körperlicher Notwehr die Rede sein kann.

Ich will es hier ohne Umschweif eingestehen: Ja, es besteht eine Diskrepanz zwischen unserer heftigen, heiligen, feierlichen Abkehr von der Gewalt des Kriegs und unserm sehnsüchtigen, tatbereiten, wilden Verlangen nach Revolution. Wir alle - ich glaube, ich kann da von mir auf jeden Sinnesverwandten schließen - haben das auch schon empfunden und in mancher schweren Stunde der Selbstprüfung in uns gewälzt, ohne zu dem Ausgleich zu gelangen, der zur völligen sich selbst genügenden Befriedigung geführt hätte. Wir mußten uns genug sein lassen mit dem Bewußtsein der Zuverlässigkeit unsres Gefühls, in dem die Unterscheidung zwischen der Gewalt als Selbstzweck oder als Mittel zu andern übeln Zwecken und der Gewalt als Mittel gegen die Unterdrückung und gegen jegliche Gewalt nie irre wird. Daß hier der Gegner höhnisch lacht und unsre Zwecke als übel, seine als lauter und gut in Rechnung setzt, müssen wir achselzuckend hinnehmen. Aber auch Leo Tolstoj hat mehrfach scharf unterschieden zwischen der Gewalt der Revolution und der des Krieges, und wenn er auch wohl nirgends geradezu die physische Empörung empfohlen oder gutgeheißen hat, so finden sich doch in seinen Schriften kräftige Zurückweisungen, wenn jemand den gerechten Zorn gegen den Krieg mit dem Hinweis auf Revolutionen entkräften wollte…

Was ist es also, was vom Standpunkt höchster Sittlichkeit dem Rebellen zu seiner Gewalttätigkeit das reine Gewissen gibt, während es ihm den Krieg verdammenswert scheinen läßt? Es ist zuerst das Bewußtsein, in der Revolution aus eigner Entschließung die eigne Sache zu vertreten, es ist sodann die Gewißheit, einem Zweck zu dienen, der der Menschheit selbst zugute kommen soll.

Originaltext: Die Abrechnung. Erster Rückblick auf die „große Zeit“. Als Teilabdruck erschienen in N. Pawlowa (Hg.): Erich Mühsam. Eine Auswahl aus seinen Werken. Moskau 1960

Aus: Viesel, Hansgörg (Hg.): Literaten an der Wand. Die Münchener Räterepublik und die Schriftsteller. Büchergilde Gutenberg 1980. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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