Der „Lenin Italiens“. Errico Malatesta (Buchbesprechung)

Errico Malatesta wollte nie eine Autobiografie schreiben – und tat es auch nicht. Nun wurde mit der Zusammenstellung von Schlüsseltexten seines Lebens eine „Ungeschrieben Autobiografie“ veröffentlicht. Von Sebastian Kalicha

Es ist schon paradox, dass ein derartig bekannter und einflussreicher Anarchist von seinen „Bewunderern“ gerne als der „Lenin Italiens“ bezeichnet wurde. Malatesta wäre kein aufrichtiger Anarchist gewesen, hätte er diese Bezeichnung nicht stets von sich gewiesen. Schleierhaft ist es aber schon, wie jemandem wie Malatesta so eine Bezeichnung zuteil werden konnte. Statements wie „[i]ch versuchte, die sozialistischen Massen für uns zu gewinnen und sie vor ihren Führern zu warnen (…)“ (S. 149) sind in dieser Hinsicht ja schon recht deutlich und lassen eigentlich keine Missverständnisse zu. Und Malatesta genoss es nicht einmal, wenn alle Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war. Er war vielleicht charismatisch und hatte als Anarchist einen bestimmten Bekanntheitsgrad erreicht, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen war ihm dann aber doch scheinbar mehr als unangenehm. So beginnt das Buch nicht ganz zufällig mit dem Zitat „Malatesta spricht nie über sich selbst“ (S. 5).

Er sprach nicht nur ungern über sich selbst, nein, er wollte auch nicht über sich selbst schreiben. Sich selbst zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken, betrachtete er gar als einen Bruch mit anarchistischen Werten. Als anarchistische GenossInnen ihm eine Sondernummer der Zeitschrift Semeur de Normandie widmen wollten, schrieb er einem Freund, wenig angetan von der Idee: „Ich bitte dich, tu alles Mögliche, um diese Freunde dazu zu bewegen, von dieser sonderbaren Idee Abstand zu nehmen.“ (S. 181) In Zeiten der hemmungs- und zügellosen Social-Media-Egomanie klingt das noch viel charmanter, als es ohnehin schon ist.

Zahlreiche FreundInnen wie der Historiker Max Nettlau drängten Malatesta immer wieder dazu, eine Autobiografie zu schreiben. Er tat derartiges stets als Zeitverschwendung ab. Er hatte Wichtigeres zu tun.

Da Malatesta in dieser Hinsicht konsequent war und tatsächlich nie eine Autobiografie verfasste, blieb es anderen überlassen, Malatestas Leben literarisch aufzuarbeiten. Piero Brunello und Pietro Di Paolo hatten schließlich die Idee, aus dem umfangreichen Werk, das Malatesta zurückgelassen hatte, eine Art Autobiografie zusammenzustellen – eine „ungeschriebene“ eben. Was auf den ersten Blick wie ein Unternehmen klingt, das Potential zum Schiefgehen hat, liest sich aber erstaunlich gut, was nicht zuletzt einer umsichtigen Einleitung und einem gut durchdachten Konzept geschuldet ist.

Kommentierte Abrisse

Das Buch beginnt mit einer Einleitung der beiden Herausgeber, die schon an dieser Stelle dafür sorgen, dass man einen informativen Eindruck von Malatestas Leben und Werk erhält. Brunelli skizziert Malatestas Leben in eher allgemeinen Zügen, während Di Paolo, der zum Thema italienische AnarchistInnen und ihr Wirken in London promovierte, hier vor allem über Malatestas Zeit in London schreibt, die sicher eine seiner wichtigsten war. Nach knapp 50 Seiten Einleitung beginnen schließlich die Aufzeichnungen Malatestas selbst. Anhand diverser Texte und Briefe, in denen Malatesta über sich und seine Tätigkeiten geschrieben hat, wird man durch die verschiedenen Phasen seines Lebens gelotst. Dabei fällt auf, dass Malatesta scheinbar stets unter einer absurd wirkenden Überwachung der Behörden stand, egal, ob er sich in Italien, London oder sonst wo aufhielt. Dies hörte nicht einmal auf, als er schon ein alter Greis war; sogar bei seinem Begräbnis verhielt sich die Polizei so, als sei dieser alte Mann im Sarg noch lebendig und gab sich mit allerhand skurriler Reglementierungen der Lächerlichkeit preis. Noch 1927, als Malatesta schon von Krankheit und Alter gezeichnet war, schrieb er:

„Die Bewacher [die Polizisten; Anm. S.K.] stehen Tag und Nacht vor meiner Tür. Sie versuchen gar nicht mehr unsichtbar zu bleiben, sondern sagen offen heraus, dass sie strikte Anweisungen haben, mich nicht aus den Augen zu lassen. Wenn ich nicht ausgehe, klopfen sie unter fadenscheinigen Vorwänden an die Tür, um nachzusehen, ob ich da bin. Gehe ich aus, folgen sie mir ganz nah, wohin ich auch gehe, und wenn jemand zu mir ins Haus kommt oder sich mir auf der Straße nähert, halten sie ihn an und verlangen von ihm die Ausweispapiere.“ (S. 181)

Sehr bedrückend sind auch die Schilderungen des gesellschaftlichen Klimas im Italien des erstarkenden Faschismus. Faschistische Mobs, die durch die Straßen zogen und Parolen skandierten, die zu Lynchmorden an Malatesta und anderen bekannten SozialistInnen aufriefen, waren keine Seltenheit. Was sich inhaltlich ebenfalls wie ein roter Faden durchzieht, ist die exzessive Spitzel- und Denunziationstätigkeit der Polizei in der anarchistischen Szene dieser Zeit, wobei Malatesta stets größte Achtsamkeit einforderte, wenn es darum ging, vermeintliche Spitzel zu enttarnen. Er wusste genau, was derartige Anschuldigungen – unüberlegt ausgesprochen – aus einer Bewegung machen können: einen paranoiden, mit sich selbst beschäftigten und politisch neutralisierten Haufen QuerulantInnen.

Eher Leben als Werk

Ganz allgemein sind die Texte, die zu dieser „ungeschriebenen Autobiografie“ zusammengestellt wurden, eher persönlicher und weniger politischer Natur. Natürlich war Malatestas Leben ein durch und durch politisches und somit sind selbst scheinbar triviale Anekdoten im Kern oft politisch, aber dennoch findet man wenige theoretische Ausführungen zu seinem Anarchismusverständnis oder zu politischen Diskussionen in der anarchistischen Bewegung, zu denen er Stellung bezogen hat. So ist zum Beispiel der Teil, der sich mit Malatestas Disput und Bruch mit Peter Kropotkin auseinandersetzt, nachdem Kropotkin gemeinsam mit einigen weiteren AnarchistInnen im Ersten Weltkrieg keine antimilitaristische, sondern eine Pro-Entente- und Pro-Kriegs-Haltung propagierte, nur etwas mehr als eine Seite lang, obwohl dieser Konflikt in der Geschichte der anarchistischen Bewegung doch eine nicht gerade kleine Bedeutung hat und Malatesta hier einer der bekanntesten OpponentInnen Kropotkins war.

Ein Aspekt des Buches, für den die Herausgeber nur gelobt werden können, sind die Anmerkungen, die sie den meisten Textauszügen Malatestas hinzugefügt haben. So werden die diversen Originaldokumente in einen verständlichen Kontext gepackt, Zusammenhänge erklärt und historisch eingeordnet. Die Anmerkungen tragen tatsächlich viel dazu bei, dass das Buch letztendlich so gut und informativ ausgefallen ist (obwohl sich hier öfters auch einige eigentlich unnötige Wiederholungen finden). Von dem im Klappentext angesprochenen Pazifismus in Malatestas Anarchismuskonzeption findet man in den Texten des Buches selbst eher wenig. Zwar werden Malatestas Auseinandersetzungen mit diversen Propaganda-der-Tat-AnarchistInnen thematisiert, das Ablehnen von Terrorismus als Widerstandsstrategie – weil im krassen Widerspruch zum Ziel einer anarchistischen Gesellschaftsordnung stehend – macht aber noch keinen genuinen Anarchopazifisten. Zwar gibt es unter anderem das allseits bekannte Malatesta-Zitat, dass Anarchie „Gewaltlosigkeit, (…) Nicht-Herrschaft des Menschen über den Menschen, Nicht-Zwang durch die Gewalt des Willens eines oder mehrerer über den der anderen“ bedeute, dieses Zitat findet sich im Buch selbst jedoch nicht.

Die von Brunelli und Di Paolo zusammengestellten Texte sind eine runde und stimmige Einführung in das Leben von Errico Malatesta. Dass der Fokus weniger auf politisch-theoretische Texte gelegt wurde, kann je nach Geschmack oder je nachdem, was man erwartet oder gesucht hat, gefallen oder stören. Eine sympathische Einführung in sein Leben ist es allemal, und man merkt, wie es einen tatsächlich etwas traurig stimmt, wenn der alte Errico dann zum Schluss, nachdem man Auszüge aus seinen durch Krankheit und Repression schon etwas mutlos wirkenden letzten Briefe gelesen hat, leise und unspektakulär stirbt.

Errico Malatesta 2009: Ungeschriebene Autobiografie. Edition Nautilus, Hamburg. ISBN: 978-3-89401-594-7. 224 Seiten. 14.90 Euro.

Originaltext: http://www.kritisch-lesen.de/2012/04/der-%E2%80%9Elenin-italiens/


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS