Errico Malatesta - Das Leben eines Anarchisten

"Es geht darum, die Lebensweise der Gesellschaft insgesamt zu verändern, unter den Menschen Beziehungen zu schaffen, die auf Liebe und Solidarität beruhen, die vollkommene materielle, moralische und intelektuelle Entwicklung nicht isolierter Individuen oder Mitglieder einer Klasse oder einer bestimmten politischen Partei, sondern der gesamten Menschheit zu erreichen - und das ist ein Ziel, das nicht mit Gewalt zu erzwingen ist, sondern sich ergeben muss aus dem aufgeklärten Bewusstsein eines jeden einzelnen von uns und nur erreicht werden kann durch freiwillige Zustimmung aller."

"Was wir wollen ist die völlige Zerschlagung der Herrschaft des Menschen über den Menschen und der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, wir wollen die Menschen durch eine bewusste Solidarität vereint sehen..." Errico Malatesta

Umstände, durch die Malatesta zum Anarchist wurde

E. Malatesta ist geboren 1853 in Santa Maria, einer kleinen ländlichen Stadt (ca 30.000 E.) mit blühendem Handel aber auch viel besitzlosem Landproletariat, umgeben von Capua - dem Verwaltungsmittelpunkt der Provinz Terra di Lavoro mit ausgeprägter Bürokratie, Landbesitzer prächtiger Güter der reichen Ebene - und Caserta - Schauplatz des aristokratischen Lebens - in nächster Nähe Neapel, machten Santa Maria zum Handelszentrum der Campania.

Schon als 7-jähriger Knabe wurde Malatesta mit sozialen Problemen konfrontiert, brach doch in diesen Jahren das alte System zusammen, für kürzere Zeit konzentrierte sich Europas Aufmerksamkeit auf die gesellschaftlichen Konflikte jenes Gebiets.
 
Santa Maria von Garibaldi besetzt, schlug die Garnison des alten Capua (1860). Im gleichen Jahr Sieg über das bourbonische Königreich in der Lombardei, Modena, Parma, Toskana und der Romagna. Auch Sizilien, Neapel und der übrige Süden schlossen sich dem revolutionären Patrioten Garibaldi an.

Sechs Wochen Krieg brachten die Abschaffung der Pfaffenherrschaft, den stupiden kleinlichen Despotismus und schufen eine Atmosphäre geistiger Befreiung. Die Eindrücke dieses populärsten aller Kriege des 19. Jhdts. machten Malatesta zwar nicht direkt zum Kriegsgegner, doch sie bestärkten in ihm offenbar die Annahme, dass wie das zerfallene Bourbonensystem auch das folgende bürgerliche durch "eine kühne Initiative" (wie Garibaldis Vorgehen bezeichnet wurde) schneller zum Fall gebracht werden kann als in der Regel angenommen wird. Am Beispiel der Profiteure, die sich auf die Beute stürzten, erkannte er sobald die Gefahren jener "siegreichen" Revolution.

Folgende Jahre (1860-70) waren geprägt vom geistigen Klima des Antiklerikalismus, (man war allgemein interessiert dem Pfaffentum ein Ende zu bereiten, Klöster wurden aufgelöst und deren Besitz sequestiert.) dem Antimonarchismus, von republikanischen Ansichten und der Notwendigkeit nationaler Revolution. Man feierte die Helden bzw. die Märtyrer der nationalen Unabhängigkeit.

Es lag nahe, dass Malatesta sich bald interessierte für die Revolutionsgeschichte und insbesondere für jene des vergangenen Italien, deren niedergeschriebene Werke häufig Argumente gegen den Staat und für die revolutionäre Aktion liefern. Er lernte die Tradition der sozialen Kämpfe in Italien kennen, die im Mittelalter begann, wo die freien föderierten Stadtgemeinden, das Handwerkertum in den Gilden, die bedeutende Entwicklung der Künste verdrängt wurden durch die wachsende Staatsmacht.

Er lernte die Gedankengänge des freiheitsliebenden Neapolitaners Russo, den Carbonarismus - die Zeit der geheimen Gesellschaften, die 1820 zur Revolution führten und von der "heiligen Allianz" sehr gefürchtet waren, niedergeworfen durch die österreichischen Armeen, eine Bewegung, die mit den neapolitanischen Staatsprozessen ihr Ende nahm. Vor allem auch bei C. Pisacane, dessen Ideen hauptsächlich Verwirklichung fanden im Genossenschaftswesen und der in dieser Epoche sein bekanntes politisches Testament verfasste.

In seiner verbreiteten Ansicht, dass "Ideen aus Taten entspringen und nicht Taten aus Ideen" finden wir eine der geistigen Wurzeln sowohl für Malatesta als auch für die Entstehung der italienischen Föderation der IAA (Internationale Arbeiter Assoziation).

Der unerschütterliche Republikanismus Mazzinis und das soziale Ideal Garibaldis - der als ein erfolgreicher Revolutionär der Tat angesehen wurde - wirkten auf die geistige Entwicklung der damaligen Jugend. Die von Ordensbrüdern geführte Mittelschule, die Malatesta in den späten 6Oer Jahren besuchte, deren Milieu er als äusserst verdummend und korrumpierend bezeichnete, hatte kaum Einfluss auf seine entschieden freiheitliche und zu Taten drängende Entwicklung. Er besass ein waches Auge für soziale Ungerechtigkeiten, für das absurde System, welches die Menschheit niederdrückt - aus Hunger sterbend um die Ausschweifungen der Herren zu ermöglichen. Noch während des Gymnasiums wuchs in ihm der Wunsch, sich der Sache der Republik zu widmen, "die Knechte der Tyrannei zu beseitigen."

Die Republik verkörperte damals für ihn die Negierung der elenden Verhältnisse, die Empörung der Sklaven ("da wir in der Schule in Unkenntnis der modernen Welt gehalten wurden, um durch eine verstümmelte und verfälschte Geschichte des alten Rom dumm gemacht zu werden und ausserstande, ein soziales Leben ausserhalb der römischen Formeln uns vorstellen zu können - aus diesen Gründen nannte ich mich einen Republikaner.")

Während seines eingehenderen Geschichtsstudiums erkannte er dann, dass auch die Republik eine Regierung wie jede andere ist und dass soziale Ungerechtigkeiten in Republiken wie in Monarchien existieren, dass das Volk mit Kanonen niedergeschossen wird, wenn es sich von seinem Joche befreien will. Er sah, dass Sklaverei und Republik vereinbar sind - man denke an die Niederwerfung der Pariser Kommune im Namen der Republik - und er konnte nicht mehr der Meinung sein, dass die Republik Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit bringe, weder in Italien, noch in
irgendeinem Lande. Nur mit einer radikalen Umwälzung d.h. durch die soziale Revolution konnte das ganze System verändert werden.

Er lehnte von nun an jegliche Form von Regierung ab - die schliesslich nur bestehende Privilegien erhält - wider den menschlichen Fortschritt.

"Was ist der Zweck der Regierung? Warum sollen wir zu Gunsten einiger Menschen unsere eigene Freiheit, unsre persönliche Initiative aufgeben? Warum müssen wir ihnen die Möglichkeit geben, sich der Kraft aller ändern zu bemächtigen?"

Die Entstehung der italienischen Sektion der IAA

Bevor Malatesta zur anarchistischen Bewegung stiess, muss noch von der Tätigkeit von Michael Bakunin, dem russischen Anarchisten, während des Jahresaufenthaltes von ca. 1863-67 gesprochen werden, dessen Einfluss für die Entwicklung des anarchistischen Gedankens und für die Entstehung der italienischen Föderation der IAA von grösster Bedeutung war.

Bakunin verfasste damals eine Darstellung seiner Sozialrevolutionären und antireligiösen Ideen, entsprechend dem Inhalt des später veröffentlichten Werkes "Gott und der Staat". Seine sozialistische Propaganda basierte auf der Verbindung des anarchistischen, kollektivistischen und atheistischen Gedankengutes. Er lernte Fanelli - einen engen Freund von Pisacane - sowie Gambuzzi und andere junge Neapolitaner kennen, mit welchen er dann 1865 die erste freiheitliche aktive Gruppe bildete. Diese geheime Gruppe war zunächst Herausgeber einer Zeitschrift und wurde Begründer der ital. Sektion, welcher Malatesta im Jahre 1871 beitrat.

Bakunin bemerkte, dass den Italienern die anarchistischen Ideen so gut wie unbekannt waren, einzig das Genossenschaftswesen (Pisacane) hatte zur praktischen Anwendung geführt. Es erschien eine einzige Zeitschrift, welche den Parlamentarismus und die nationalen Bestrebungen verwarf und den Gedanken der Kooperation verbreitete unter dem Namen "il Proletario". (Hrsgb. Prof. N. Lo Savio)

Bei den damaligen Sozialisten stand die nationale Frage im Vordergrund und erst Bakunin gab ihnen die klare Einsicht in die Unzulänglichkeit der nationalen Lösungen und er förderte den Mut, dem "allmächtigen Nationalismus" entgegenzutreten, obwohl auch er zu jener Zeit noch nationale Bewegungen erwartete. Er führte den Kampf gegen den "Pseudosozialismus" von Mazzini und Garibaldi und stellte ein Programm auf, welches die geistige Grundlage beider widerlegen sollte. Es war Bakunins Verdienst, die zu dieser Zeit übliche Gleichstellung von Patriot und Revolutionär zu klären.

"Jeder Staat sage ich... die Negierung der Menschheit, eine Negierung, die der revolutionäre Patriotismus als das höchste Ziel alles Strebens darstellt."

"So muss der Triumph der nationalen Sache alles erdrücken, statt alles zu beleben."

Es gab wenig Literatur über Anarchismus in italienischer Sprache deshalb war es das Ziel der um Bakunin, Fanelli und Gambuzzi entstandenen Gruppe (1867) durch geheime Propaganda den Anarchismus in Italien bekannt zu machen. Diese Gruppe arbeitete aber auch z.T. öffentlich, d.h. sie stellte z.B. 1867 ein Wahlprogramm auf, welches die Abschaffung der staatlichen Bürokratie, Gemeindeautonomie, Dezentralisation, Rückgabe des vom Staat konfiszierten Besitzes der Kirchen an die Gemeinden u.s.w. forderte.

Man wollte einen ersten Halt in der öffentlichen Meinung gewinnen und stellte aus taktischen Gründen keine klaren sozialistischen Forderungen auf und die fortschrittlichen Ideen sollten in Form praktischer Massnahmen propagiert werden.

1868 hörte man wenig von dieser Gruppe - auch war Bakunin abgereist - doch 1869 wurde dann die ital. Sekt, der IAA gegründet. Zur gleichen Zeit entstand durch Fanelli die spanische Sektion. (1870)

Dies ist in grossem Rahmen die Vorgeschichte, die entscheidenden Einfluss auf Malatestas Persönlichkeit, seine Taten und Ideen hatte.

Malatesta und die Sektion der IAA 

Im Alter von 18 Jahren (1871) als Student der Medizin trat also Malatesta unter dem starken Einfluss der Pariser-Kommune-Bewegung und durch das Bekanntwerden mit Palladino - eines engen Freundes Bakunins - in die ital. Föderation ein, welche zu jener Zeit erneut sehrunter den Repressionen Mazzinis zu leiden hatte. Schon früh war die IAA von inneren Zwistigkeiten gekennzeichnet. Die ital. Fraktion verstand sich immer als autonome Gruppe, deren Revolutionäre geprägt waren von den letzten Kämpfen und Verschwörungen und mehr die Neigung, sofort zur Praxis zu schreiten.

Sie waren der Meinung, dass Propaganda, Organisation und Aktion ihre Aufgaben seien und nicht das Herumstreiten mit den aufgekommenen zentralistischen Erscheinungen des Londoner Generalrates - angeführt von Marx und Engels.

Dies führte alsbald zu Auseinandersetzungen mit Bakunin, welcher lange noch an die offene Diskussion mit Marx glaubte, er konnte die sich abzeichnenden verschiedenen Tendenzen in der IAA dulden. Er war für die Einheit, da er in der IAA die Intressenvertretung materieller Angelegenheiten sah, d.h. politische Richtungen standen im Hintergrund - was gerade das Beispiel Italien zeigte, wo ausser den direkt gegründeten lokalen Sektionen der Internationalisten auch bestehende republikanische Gruppierungen und örtliche Arbeitervereine der IAA beitraten.

Das Bestreben, eine allgemeine italienische Organisation zu gründen, alle Tendenzen zu vereinigen, führten zu einem Kongress, der Konferenz von Rimini (1872?). Es wurden Statuten von der Sektion Neapel bzw. deren statistischer Kommission, welcher Malatesta angehörte, vorbereitet. An dieser Konferenz wurde eine Resolution verfasst, inhaltlich bestimmt von eindeutig antiautoritärer Haltung. Man protestierte gegen den Versuch des Londoner Generalrates, der IAA die autoritäre Doktrin der KPD (? wohl eher Sozialdemokratie, Anm. www.anarchismus.at) aufzuzwingen und erklärte den Bruch mit dem Gen. Rat, betonte aber die Solidarität mit allen Arbeitern und sprach zum ersten Mal von einem anti-autoritären Kongress. Ein Kongress kam allerdings, auf anraten Bakunins, nicht zustande, doch nahm die ital. Sektion auch nicht an dem vom Gen. Rat einberufenen Kongress teil. (Ausser Malatestas Freund Cafiero) Man traf sich später in der Schweiz, wo Malatestas erstes Zusammentreffen mit Bakunin stattfand.

Hier erkennen wir die Ursprünge der Auseinandersetzungen zwischen anti- und autoritärer Richtung in der IAA, anfänglich als "Tendenz" verharmlost und durch parteiliche Berichte entstellt oder gerne totgeschwiegen. Im Jahre 1872 entstand dann auch die Antiautoritäre Internationale. Leider besteht ein Mangel an unmittelbaren Quellen einer Stellungsnahme von seiten Malatestas zu diesem Konflikt, doch diese Begebenheiten waren ohne Zweifel von grösster Tragweite für die Entwicklung seiner anarchistischen Ideen. (Ausführlich eingegangen auf diese grundsätzlichen Verschiedenheiten wird z.B. in Nettlaus Bakunin-Biografie und in den Werken J. Guillaumes.)

Der 16 Tage dauernde Aufenthalt Malatestas in der Schweiz machten ihn bekannt mit Bakunin, Internationalisten aus verschiedensten Ländern, russische Studenten und Kommunarden. Er fand Gelegenheit, die Situation in der IAA und die Jura-Föderation genaustens kennenzulernen. Es wurden die Bedingungen einer sozialen Revolution in Italien besprochen.

Die internen Schwierigkeiten der IAA, die auf dem Haager Kongress dazu führten, die Antiautoritären auszuschliessen und die vorauszuahnende Verfolgung der internationalen Brüder liess den Plan entstehen, innerhalb der Sektionen eine geheime Organisation einzurichten.

"Die italienische Internationale war in all ihrer tätigsten Vertretern damals eine Macht, welche wirkliche Aktion in absehbarer Zeit erwartete und auch beabsichtigte." (M. Nettlau)

Über Malatesta meinten die Freunde aus dem Jura - welche ihn am internationalen Kongress in St. Imier kennenlernten - "er war für den entschiedensten direkten Angriff, die Bajonettattacke, (ein damals sehr gebräuchlicher Begriff), er hatte wenig Sinn für politische Intrigen, immer versuchte er kooperativ vorzugehen."

Zurück in Italien, waren die Internationalisten erbärmlichen Verfolgungen ausgesetzt, es folgten Verhaftungen und unbegrenzte Untersuchungshaftzeiten unter der Beschuldigung, Anarchisten seien eine Verbrechergesellschaft. Da die Gerichte nicht überall den Regierungsstandpunkt akzeptierten, wurde für die Freilassung entschieden. Malatesta sass acht Monate im Gefängnis, anschliessend reiste er, anstelle Bakunins, im Sommer nach Spanien, wo man mit einer Revolution rechnete, doch am dritten Tage schon wurde er verhaftet und verlor wiederum sechs Monate in Haft.

Trotz den administrativen Massnahmen der Regierung und den willkürlichen Verhaftungen der bekanntesten Propagandisten blieben die Mitglieder in engem Kontakt. Ihre jetzige Stellung ausserhalb des Gesetzes führte zu einer Stimmung, welche die bisherige Propaganda verunmöglichte und zur revolutionären Aktion drängte. Damals wurde Cafieros Plan erwogen, in Locarno ein revolutionäres Zentrum aufzubauen, das für die Vorbereitung revolutionärer Bewegungen in Italien von grossem Nutzen sein sollte (bekannt als Baronata), hier wurde dann auch bald die Aktion von Castel del Monte besprochen.

Der Aufstand von 1874 - Malatesta in Castel del Monte

Während überall geheime Gruppen entstanden, bildeten Bakunin, Costa, Cafiero und andere enge Freunde Malatestas, welcher zu dieser Zeit im Gefängnis sass, in der Baronata das "ital. Komitee für die soziale Revolution". Die Organisation der ital. Föderation der IAA verwandelte sich immer mehr in eine Geheimorganisation. Öffententliche Tätigkeit, Propaganda und Arbeiterorganisierung machten Verschwörungen Platz, die zur direkten Aktion führten. Die bisherige Periode sollte durch eine revolutionäre Tat abgeschlossen werden. Diese Idee diente also als Grundlage der Bewegung.

Die Pläne wurden in der Baronata besprochen und ausgearbeitet. Man verfasste Manifeste, um auch andere politische Gruppen zur Mitarbeit zu gewinnen. Die Regierung, stets die Internationalisten verantwortlich machend für die zahlreichen, überall entstandenen Bewegungen, setzte die Verhaftungen fort und Costa, der zu den Haupturhebern gehörte - während Malatesta erst nach seiner Haftentlassung sich beteiligen konnte - ging der Bewegung verloren.

Nun überstürzten sich die Ereignisse und die Zahl der Anhänger reduzierte sich schnell unter dem Druck der staatlichen Verfolgung. Malatestas Aktivität beschränkte sich wohl auf die Waffenbeschaffung in Tarent und deren Lagerung in den Ruinen von Castel del Monte. Er war einer der sechs Revolutionäre, welche sich hier festgesetzt hatten, in der näheren Umgebung umherziehend, um neue Teilnehmer zu gewinnen. Doch die kleine Bande, die bald gesucht wurde, wurde in den nächsten Tagen eingekerkert. Malatesta blieb mehrere Monate in Trani in Untersuchungshaft. Sein Prozess endete mit Freispruch.

Malatestas Wunsch zur unaufhörlichen Agitation folgte im Jahr 1875 der Eintritt in die Freimaurerbewegung. Während sechs Monaten versuchte er aus dieser Gesellschaft eine revolutionäre Vereinigung zu machen, doch das Vorhaben scheiterte, wie bei Bakunin in früheren Jahren.

1876 nahm er an den beiden Kongressen in Florenz und in Bern teil, an denen die neu aufgekommene Idee des kommunistischen Anarchismus diskutiert wurde, eine Idee, die vor allem von P. Kropotkin und E. Reclus vertreten wurde. Doch die ital. Föderation, die die Revolution mehr in Taten als in Worten verstanden, interessierten sich mehr für neue Propagandaformen, z.B. die der insurrektionellen Tat, in welcher sie die grösste Wirksamkeit sahen.

Der Plan der insurrektioneilen Tat steckte sehr tief in Malatesta und auch in Cafiero, obwohl ihnen zu deren Ausführung noch jegliche materielle Mittel fehlten. Sie wurde auch verstanden als Antwort von Solidarität und Freiheit auf die unaufhörlichen Verfolgungen.

Das angestrebte Ziel war, die Landbevölkerung durch anarchistische Propaganda zu gewinnen, sodass sich die lokale in eine allgemeine Bewegung erweitern würde. Doch man konnte kaum mit der Unterstützung der neapolitanischen Gruppen oder jener weiterer Teile Italiens rechnen. Hier dürfte Costas gefasster Entschluss, am Parlamentarismus teilzunehmen, schon grossen Einfluss gehabt haben.

Der geplante Aufstand schien zum Scheitern verurteilt, da Malatesta und Cafiero einem Spitzel das Vertrauen schenkten, was zu einer neuen Verhaftungswelle führte. Die Bevölkerung des Südens war misstrauisch gegen die zum grössten Teil aus dem Norden stammenden Revolutionäre; auch die Regierung hatte ihren Sitz im Norden, der man feindlich gegenüberstand. Wollten ursprünglich ca 300 Bauern teilnehmen, verschmählerte sich die Gruppe auf etwa 30 Leute, worunter sich zwei ortsansässige Geistliche befanden. Der Aufbruch war wegen der Schneeschmelze erst im Mai geplant, doch man wollte keine Zeit verlieren und zog schon im April in die Berge.

Als Waffendepot diente ein von Malatesta, für eine erholungsbedürftige russische Dame, gemietetes Haus in San Lupo. Kaum dort angelangt, überfielen Gendarmen das Gebäude. Nach einer heftigen Schiesserei, bei der ein Gendarm getötet wurde und den Verhaftungen vieler Genossen, verliessen die entkommenen mit ihren Waffen diese Gegend um in das Gebirge von Monte-Matese zu ziehen.

Sie eilten von Dorf zu Dorf, immer die rot-schwarze Fahne der IAA mit sich tragend, besetzten die Gemeindehäuser, verlangten die Dokumente und Waffen, konfiszierten die Kasse und Waffen und verteilten alles an die Bevölkerung. Die Akten wurden verbrannt. Ihre Reden wurden mit grosser Sympathie aufgenommen, man verlangte im Namen der sozialen Revolution die Absetzung des Königs.

Die Bewegung vergrösserte sich jedoch nicht mehr und das Gebiet wurde schon nach wenigen Tagen von Soldaten belagert. Alle, ausser zwei, flüchteten in die Nähe auf ein Gehöft, dessen besitzender Bauer sie aber verriet und alle verhaftet wurden.

Als Gefangene, noch nicht vollends entmutigt, verfassten sie unter dem Namen "Sektion von Monte Matese" ein Mandat für den internationalen Anarchisten-Kongress in Yerviers.

Obwohl aufgrund des Todes von Viktor Emanuel I. die Regierung eine allgemeine politische Amnestie erliess, mussten die Gefangenen mit einem Prozess rechnen wegen des bei der Schiesserei in San Lupo umgekommenen Polizisten. Der Gerichtshof behielt sich vor, noch darüber zu diskutieren, ob diese Tat durch die Amnestie gedeckt war. Der Prozess fand endlich 1878 statt, der wiederum mit Freispruch endete. Es herrschte allgemeine Entrüstung über die Missachtung der Amnestie durch das Gericht. Die Reaktionäre unter den Richtern erklärten den Totschlag als "gemeines Verbrechen".

Nach der Freilassung begab sich Malatesta in seinen Heimatort Santa Maria, er vermachte den Hausbesitz seiner Eltern an die armen Leute und ging weiter nach Neapel. Er hielt sich hier ungefähr einen Monat auf. Wieder wartete auf die Anarchisten die Verhaftung und schärfste Internierung - das berüchtigte domicilio coatto.

Malatesta entschied sich aber für die Reise ins Ausland und nun begann seine Exilzeit, die insgesamt 36 Jahre seines Lebens dauerte, doch die Verbindung mit der italienischen Bewegung und dem sozialen politischen Leben blieb immer bestehen.

Im Exil

Das Exil führte Mälatesta nach Ägypten, in die Schweiz, nach Frankreich, Belgien, Argentinien, die USA, und nach London. Seinen Unterhalt bestritt er als Mechaniker, Elektriker, Installateur etc.

An jedem Ort beteiligte sich Malatesta an der Herausgabe verschiedenster Zeitschriften, richtete Druckereien ein und verfasste eine grosse Zahl an Broschüren und nahm Stellung zu beinahe jedem politischen Ereignis. Die meisten seiner theoretischen Beiträge zum Anarchismus entstanden in seinen eher ruhigen Londoner Exiljahren.

Wo immer eine Bewegung existierte, beteiligte er sich in der ihm möglichen Form. Verleumdungen, Verhaftungen und Ausweisungen aus den verschiedensten Gründen blieben ihm nicht erspart. Während seines dritten Londoner Exils wollte man ihn eines Raubüberfalls beschuldigen, doch er konnte seine Nichtbeteiligung genügend beweisen und kam unbehelligt davon.

Der Raubüberfall in der Sidney Street diente vor einigen Jahren dem deutschen Fernsehen als Stoff für einen publikumswirksamen Film, wie von bürgerlichen Medien nicht anderst zu erwarten, stellte die Rolle eines Einbrechers die Figur Malatesta dar, entgegen allen Beweisen.

In all diesen Jahren nahm er an vielen internationalen Kongressen teil, die einen wichtigen Bestandteil der anarchistischen Bewegung darstellten. Hier, wie auch in den Zeitungen wurde die Diskussion über die Idee des Anarchismus geführt. Malatesta, der Zeit seines Lebens ein unermüdlicher Befürworter des Organisationsgedankens war, erntete mit seinem entschiedenen Auftreten bei vielen individualistisch orientierten Anarchisten Missfallen, was z.B. während seiner Reise in die USA zu einer heftigen Opposition seitens der Individual-Anarchisten führte. Jemand empörte sich dermassen, dass er auf Malatesta schoss, der jedoch nicht verletzt wurde.

Einige Anarchisten verwarfen jede Organisation, Malatesta lehnte nur die autoritären Formen ab und leitete die Notwendigkeit, sich zu organisieren, her von dem Bedürfnis der Zusammenarbeit und der Bewältigung technischer Angelegenheiten. Er meinte auch:

"Nicht-Organisation bedeutet Ohnmacht und Tod; sie führt zur Nicht-Solidarität, zum hassenswerten Wetteifern aller gegen alle und sie endet in Tatlosigkeit. Eine Initiative wird in der Regel nur ergriffen, wenn man fühlt, dass sie zu etwas führt; diejenigen, die auf jeden Fall handeln ohne an andere zu denken, sind sehr selten. Der Isolierte ist das ohnmächtigste aller Wesen."

Er bekämpfte auch - obwohl er sich für den Eintritt der Anarchisten bzw. für die Bildung von Syndikaten anfänglich sehr einsetzte - die bei vielen aufgekommene Neigung, "alles von Streiks zu erwarten und beinahe den Streik mit der Revolution zu verwechseln". Der allgemeine Streik "würde nur eine grossartige Gelegenheit sein, die Revolution zu machen, nichts weiter".

Die Auseinandersetzung mit Costas Entwicklung zum legalitären Sozialismus, das Eintreten der Anarchisten in die Syndikate, den Kampf gegen den Doktrinarismus in der anarchistischen Bewegung und später -nach 1910 - nahm dann die antimilitaristische Propaganda grossen Raum ein. Während der vielen Diskussionen, die oft von Malatesta angeregt wurden und der noch immer an der Idee der allgemeinen revolutionären Aktion festhielt - im Gegensatz zu der Parlamenten-Taktik, die er stark bekämpfte, und welche er als naiv bezeichnete.

Um das internationale Verständnis und den Gedankenaustausch zu fördern und zu erleichtern, richtete man in London 1881 ein Büro ein, deren Mitglieder Malatesta, ein deutscher und ein russischer Anarchist wurden, das 1907 am Amsterdamer-Kongress (Hier auch Gründung der Anarchistischen Internationale) neugegründet wurde mit der weiteren Teilnahme von Rudolf Rocker.

Einmal entstand ein Vorhaben, eine "internationale anarchistische sozialistische revolutionäre Partei" aufzubauen und ein gemeinsames Programm zu veröffentlichen, ein Gedanke, der sich wahrscheinlich aus der ständig stärker werdenden Reaktion entwickelt hat. Diese Organisation wurde tatsächlich auch gegründet.

Sehr starkes Gewicht nahm in dieser Zeit auch Malatestas Antiwahlpropaganda ein. Seine literarische Tätigkeit war sehr rege, er begann sein grosses Werk, "die soziale Revolution" und gab die bekannte Broschüre heraus, "L'Anarchia", die zum Inhalt hat, eine Kritik an Staat und Regierung, eine Darstellung der anarchistischen Methode und Ausführungen zur Solidarität.

In dieser Zeit wurde mit Malatesta ein Interview gemacht über das Problem der individuellen Protesthandlungen und geheimen Gruppen, eine Form, deren soziale Hintergründe er zu erklären versuchte. Leider ist dieser Text nicht verfügbar, doch die Problematik behielt bis heute ihre Aktualität und tauchte bei der Neuen Linken als Aktionsmöglichkeit wieder auf.

Seit vielen Jahren wurden die Internationalisten wie wilde Tiere gehetzt, sogar spezielle Gesetze wurden zu diesem Zwecke formuliert. All das machte die öffentliche Propaganda so schwer, dass mehr und mehr Geheimorganisationen, wie z.B. auch das ital. Komitee für die soziale Revolution, entstanden. Die anarchistische Bewegung verschwand zeitweise beinahe aus der Atmosphäre des öffentlichen Lebens und wurde immer mehr in die Illegalität gedrängt. Man schuf sich die Zufluchtsstätte der geheimen Verbindungen, die aber nur als "Ausnahmezustand" verstanden werden konnte.

Rudolf Rocker, der diese Entwicklung genau erforschte, sagte, besonders auf die deutschen Anarchisten bezogen, welche sehr stark zur terroristischen Aktion neigten: "Sie hatten das ursprüngliche Wesen des Anarchismus überhaupt nicht oder doch nur sehr mangelhaft und oberflächlich kennengelernt und die meisten von ihnen verwechselten eine vorübergehende, durch die Umstände bedingte Form der Bewegung mit einem wesentlichen Bestandteil der anarchistischen Propaganda".
 
Die letzten Exiljahre in London, die 1919 endeten, schränkten Malatestas relative persönliche Freiheit, die er in diesen Jahren genoss, unter dem Wachsen des Faschismus stark ein. Die meisten seiner Publikationen - welche in vielen Sprachen übersetztwurden von der Kriegszensur aller Länder unterdrückt. Malatesta, viele andere Anarchisten und Kriegsgegner Unterzeichneten ein Manifest gegen den Krieg.

Auf die Kriegserklärung Italiens an Österreich und Ungarn schrieb er: "Wir hatten gehofft, dass die italienischen Arbeiter den herrschenden Klassen sich widersetzen und bis aufs äusserste ihre Brüderlichkeit mit den Arbeitern aller Länder und ihren Entschluss aufrecht erhalten würden, im Kampf gegen die Ausbeuter und Unterdrücker, für die wirkliche Befreiung der Menschheit zu verharren. Die Tatsache, dass die grosse Mehrzahl der Sozialisten und Syndikalisten und alle Anarchisten, sehr wenige ausgenommen, entschlossen gegen den Krieg waren und die augenscheinliche Stimmung der Massen, gab uns die Hoffnung, dass Italien dem Massaker entgehen und all seine Kräfte für Werke des Friedens und der Zivilation behalten würde".

Gleichzeitig äusserte er sich auch kritisch über die neue Entwicklung in der Sowjetunion. Die langen Jahre in London bereicherten Malatestas Leben mit dem engen Kontakt vieler Persönlichkeiten der internationalen anarchistischen Bewegung. Seine 50-jährige Erfahrung in der revolutionären Praxis, erschwert durch unaufhörliche Verfolgungen, Einkerkerungen, sowie das Heranwachsen des Faschismus und des Krieges liessen ihn jedoch keinen Augenblick zweifeln an der Notwendigkeit, den sozialen Gedanken des Anarchismus zu verbreiten.

Aus diesem Bedürfnis kehrte er denn auch nach Italien zurück, wo im ganzen Lande soziale Unruhen bestanden.

Hoffnungen auf das Gelingen der Sozialen Revolution 

Mit 66 Jahren kehrte Malatesta nach Italien zurück, um sich erneut der sich wieder ausbreitenden Bewegung zu widmen. Seit 1914 wütete hier der Nationalismus, doch es bestand auch eine sehr starke kriegsfeindliche Propaganda der Anarchisten, denen er sich sofort anschloss mit der Hoffnung einer möglichen Revolution.

Er förderte die Herausgabe der ersten anarchistischen Tageszeitung, die Umanita nova, die 1920 zum ersten Mal täglich erschien, welche als Forum verstanden wurde für die Entwicklung der anarchistischen Agitation und Idee.

Er nahm an vielen Kongressen und Konferenzen teil, überall rufte man nach ihm, dem erfahrenen, um die lokale Propaganda zu unterstützen. Zehntausende hörten seine beliebten Reden, eine solche wurde mit seiner Verhaftung unterbrochen, doch seine Anhänger drohten mit einem Streik und er wurde nach wenigen Stunden freigelassen.

Klärt auf! Agitiert! Organisiert!

Die folgenden Ereignisse in Mailand, die zu Malatestas letzter Verhaftung und seiner letztmöglichen öffentlichen Propaganda führten und die mit den Mailänder-Prozessen 1921 endeten, begannen mit einem Eisenbahnerstreik, in dessen Verlauf fünf junge Arbeiter getötet wurden. Er hielt eine Begräbnisrede mit den Worten: "Unser hohes Ideal ist nicht die Gewalt, sondern Friede, eine Gesellschaft von Freien und Gleichen, in der Konflikte und Massaker unmöglich sein werden. Die Gewalt ist nicht bei uns, sondern bei jenen, bei der herrschenden Klasse, welche die Schwächeren unterdrückt, zu Boden tritt und mordet."

Die Lage verschärfte sich zusehends durch eine Militärrevolte in Ancona. Die Soldaten weigerten sich am Krieg teilzunehmen. Metallarbeiter besetzten ihre Fabriken, eine erstmals in Erscheinung tretende Taktik und allgemein wurde zum bewaffneten Widerstand vorbereitet.

Malatesta besuchte oft die besetzten Metallfabriken und ermutigte die Arbeiter, nicht aufzugeben. Doch er ahnte schon, dass die "Arbeiterführer" nach einem Abkommen mit den Kapitalisten suchen, um der revolutionären Situation ein Ende zu machen, doch wie konnte man dies, ausgehend vom Kräfteverhältnis verhindern?

Die Hoffnung der Arbeiter, die eine Taktik anwendeten, die bis dahin in der europäischen Arbeiterbewegung noch nie in Erscheinung trat, ihre besetzten, mächtigen Fabriken, wo sie ihre Angelegenheiten selbst, frei und solidarisch erledigen konnten, schien die Knechtschaft zu beenden. Doch die "Führer" waren bereits an ihrem Werk und Malatesta sagte bei einer Rede an die Arbeiter: "Diejenigen, die das in Rom Unterzeichnete Abkommen zwischen den Gewerkschaften und den Besitzern als einen grossen Sieg von Euch feiern, täuschen Euch. Der Sieg gehört tatsächlich Giolitti (der Regierung) ".

"Nie war die Revolution in Italien naher und hatte soviel Aussicht auf Erfolg" M.Nettlau
 
Die Bourgeoisie zitterte, die Regierung stand der Lage machtlos gegenüber.

"Wenn Ihr die Fabriken aufgebt, tut das mit der Überzeugung, eine grosse Schlacht verloren zu haben und mit der festen Absicht, den Kampf bei erster Gelegenheit wieder aufzunehmen und gründlich durchzuführen. Ihr werdet die Unternehmer aus den Fabriken vertreiben und werdet sie als Arbeiter, als mit Euch gleiche zurückkommen lassen ...". E. Malatesta
 
Malatesta hörte nicht auf, seine Propaganda fortzuführen, obwohl er mit neuer Verhaftung rechnen musste. Wieder reagierte er auf jedes Ereignis mit Artikeln in den Zeitungen und hielt agitatorische Reden. Im Oktober fanden in ganz Italien Versammlungen, Solidaritätskundgebungen für die Gefangenen statt, in Bologna fielen Schüsse, die 2 Polizisten töteten.

Es wurde nie aufgeklärt, woher die Schüsse kamen und die Regierung fand endlich wieder einen Vorwand zu Massenverhaftungen und Hausdurchsuchungen. Nun wurde auch die Herausgabe der Urnanita nova verunmöglicht, da die Polizei jegliches Material beschlagnahmte und die Redaktionsräume zertrümmerte. Der Verhaftung von Borghi, dem Sekretär der Unione Sindacale Italiana und Mitangeklagten von Malatesta, folgte am 17.10. jene Malatestas. Beide blieben für Monate in Haft, um dann gemeinsam auf der "Anklagebank" zu stehen.

Ein Streik in Carrara sollte die Befreiung erzwingen, Resolutionen und Reden folgten, da man wusste, dass Malatesta, zum Zeitpunkt der Schiesserei in Bologna, im Gefängnis war. Die Verschwörungs-Beschuldigung musste im Laufe der Untersuchungen als unhaltbar erkannt werden, blieben als Grund zur weiteren Anklage lediglich die Tatsache, Anarchist zu sein und infolgedessen mit jedem Ereignis - seit der Amnestie - in Verbindung gebracht zu werden und was "a priori" als Taten zu erwarten wäre, wenn man Anarchist ist.

Der Prozess wollte Zeit gewinnen, weil bis dahin die "verbrecherische Verschwörung" nicht nachgewiesen werden konnte und man entschloss sich zu weiteren Verhaftungen. (Eine richterliche Taktik, die sich bis heute nicht wesentlich geändert hat und wir z.B. beim Prozess gegen Valpreda in Italien beobachten können, welche nun Jahre nach dem Ereignis in die 2. Phase trat und was wird noch bewiesen werden?).

Ein weiteres Factum, das den "gegenstandslosen Tendenzprozess" beeinflusste waren die sozialen Unruhen, besonders jene im Gebiete von Castel del Monte, wo jetzt, im Gegensatz zu 1874, die Bauern und Landarbeiter rebellierten. Doch der Staat, wie immer, wenn er mit der Zerschlagung bedroht wird, fand seine Helfer, die unter Mussolini entstandenen fascisti. Sie wurden eingesetzt, um gegen die Organisierten und deren Familien vorzugehen.

Inzwischen wollten Malatesta und Borghi mit einem Hungerstreik die Durchführung und Beendigung des Prozesses erzielen. Die Arbeiter riefen zum Solidaritätsstreik auf, welcher aber von den den Gewerkschaftsführern sabottiert wurde. Die Anarchisten unter den Protestierenden versuchten vergebens, sich über die Hierarchie der Arbeitersekretäre hinwegzusetzen, es entstand eine isolierte Situation und das war der Hintergrund, die zur "Tat am Dianatheater" führte.
 
Einer der Täter sagte vor Gericht: "Ich sah Malatesta und die Genossen ungerecht eingekerkert, um moralisch und pysisch von der bürgerlichen Gesellschaft getötet zu werden, ich sah, dass die Bourgeoisie uns den Krieg erklärt hatte, ihn ohne Erbarmen führte und ich entschloss mich zum Handeln."

Die folgenden Monate brachten Orgien faschistischen Vorgehens gegen die Mailänder Anarchisten. Jegliche Propaganda und die Herausgabe der Zeitungen wurden verunmöglicht, und die fascisti konnten mit der Unterstützung der ganzen italienischen Presse rechnen. Die Aktionen der Faschisten stürtzten das damalige Regime und der Komplott gegen die Anarchisten erschien wie eine Seifenblase.

Die angeklagten wurden während des Prozesses, der 3 Tage dauerte, hinter Gitter gehalten (durch was fühlten sich die Richter eigentlich bedroht? Vielleicht durch Malatestas Verteidigungsrede, die auf die sozialen Verhältnisse während den letzten Jahren aufmerksam machte?).
 
Der Prozess endete mit Freispruch!
 
Malatesta verbrachte seine letzten Jahre unter ständiger Bewachung seitens der Regierung, als Elektriker seinen Lebensunterhalt verdienend, und weiter für die noch erscheinenden anarchistischen Zeitungen Artikel verfassend.

M.Nettlau: "Ich kann ruhig sagen, dass er das Zeug in sich hat, an die Stelle jener zu treten und zur gesamten Mitwelt im Namen der Freiheit zu sprechen. Es gibt keinen in der Öffentlichkeit bekannten Mann, in welchem mehr als fünfzig Jahre (ca 1922) reinster revolutionärer Praxis und altruistischen Denkens, bei engem Kontakt mit dem Volk, eine solche Menge Erfahrung, vereint mit Energie und absoluter Ergebenheit an die Menschheit und an die Freiheit angesammelt haben, als in ihm..."

"Es ist selbstverständlich, dass es kein legales Mittel der Emanzipation geben kann, wo doch das Gesetz ausschliesslich dazu bestimmt ist, den Zustand zu verteidigen, der zerstört werden soll! Also keine legalen politischen Aktionen der massen, keine legalen ökonomischen Kämpfe, weil die Macht des Kapitals machtlos und illusorisch macht." E. Malatesta

Die meisten der Quellen entstammen der Biografie, herausgegeben von M.Nettlau. (Anm. www.anarchismus.at: M. Nettlau - Die revolutionären Aktionen des italienischen Proletariats und die Rolle E. Malatestas, Karin Kramer Verlag, 1973)

Originaltext: Libertäre Blätter Nr. 8, März 1974. Herausgegeben von der Gruppe J. Guillaume, Zürich. Gescannt und bearbeitet (ae zu ä usw.) von www.anarchismus.at


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