Fritz Oerter - Gustav Landauer

Gustav Landauer war ein Eigener. So wie er sich in seiner äußeren Erscheinung von Tausenden unterschied, so war er auch in geistiger Hinsicht nach jeder Richtung hin ein Sonderwesen. Das erhöhte einerseits seine Bedeutung innerhalb des deutschen Geisteslebens, wo er einen der vordersten Plätze einnahm, wie es ihm andererseits den bittersten Haß blindwütiger Partei- und Systemfanatiker eintrug.

Er ist zweiundfünfzig Jahre alt geworden. Den Tag seiner Ermordung wird sich das deutsche Proletariat leicht merken können. Es war der Tag der Völkerverbrüderung, an dem verirrte, zur Wut aufgestachelte Menschen ihn töteten. Das Bürgertum hat Rache genommen für die Angst, die es einige Wochen um seinen während des Krieges vervielfachten Gewinn ausgestanden hatte. So oft in den Tagen vor dem Sturz der Räteregierung über dieselbe räsoniert wurde, versäumte man nie, Landauer gewissermaßen als den Vater aller Taten zu bezeichnen, die angeblich in München verübt worden sein sollen. Dieselbe Taktik, die im Kampfe gegen Liebknecht, Frau Luxemburg und Eisner von der Presse eingeschlagen worden war, zeitigte auch hier ihre verderblichen Früchte. Leider hat sich auch die sozialdemokratische Presse dieser Taktik angeschlossen. Dabei weiß jeder, der Landauers Tätigkeit in München während der Tagungen des Rätekongresses und des provisorischen Nationalrats verfolgt hat, welch ungeheure Anstrengungen gerade Landauer gemacht hat, um eine Versöhnung und Einigkeit der proletarischen sozialistischen Richtungen zu erzielen. Jedem ist auch bekannt, dass es hauptsächlich Landauer gewesen ist, der die infolge unerhörter Herausforderungen wildgewordenen Massen wieder zu beruhigen wußte.

Er war nie ein Parteisozialist und es ist völlig irreführend und verkehrt, ihn als einen Kommunisten oder Spartakisten zu bezeichnen; denn gerade ihm, der so individuell und föderativ veranlagt war, fiel die zentralistische Betonung des Marxismus, wie sie z.B. durch Dr. Levin stets hervorgehoben wurde, stark auf die Nerven. Landauers Geist war stets darauf bedacht, den Sozialismus in seiner ganzen Weite und Tiefe zu erfassen. Er kannte alle sozialistischen Strömungen aufs genaueste und nahm das Gute und Förderliche, woher er es auch nur immer kriegen konnte. Durch seine hervorragende Schriftstellertätigkeit, die sich auf alle Gebiete der Kunst, Philosophie, Literatur, Geschichte und Ästhetik erstreckte, erwarb er sich, wenn auch nach schweren Kämpfen eine unabhängige wirtschaftliche Stellung, die ihm gegenüber allen sozialistischen Richtungen seine Unbefangenheit sicherte.

Anfangs der neunziger Jahre war es, als er sich mit wahrem Feuereifer in die sozialistische Bewegung stürzte. Er führte die Redaktion des „Sozialist“, das Organ der radikalsten Richtung jener Epoche. Eine heftige Gärung durchschütterte damals die Sozialdemokratie. Sie war durch das Sozialistengesetz zwar an Zahl gestärkt, an revolutionärem Geist aber geschwächt worden. Die Blüte der sozialdemokratischen Intelligenz lehnte sich gegen die Alten auf; aber die „Jungen“ wurden unterdrückt. Viele der Abtrünnigen krochen darnach wieder unter das alte Parteijoch zurück; manche hingen die Politik überhaupt an den Nagel und ein kleiner Teil entwickelte sich weiter zum Syndikalismus und herrschsaftlosen Sozialismus. Auch Landauer zog diese Konsequenz, ohne sich auch hier irgendeiner umschriebenen Richtung anzuschließen.

Der „Sozialist“ war unzähligen Parteischikanen ausgesetzt und wurde zuletzt, Mitte der neunziger Jahre, ganz unterdrückt. Vielen radikalen Arbeitern war er auch inzwischen zu „geistig“ geworden und sie hatten an seiner Stelle ein neues Organ, „Neues Leben“ gegründet, das in anarchistischem Sinne gehalten war und späterhin durch den „Freien Arbeiter“ ersetzt wurde. Im Jahre 1908 gab dann Landauer aufs neue den „Sozialist“ heraus, der allerdings eine ganz andere Form als der alte hatte, zweifellos das geistvollste freisozialistische Blatt in Deutschland darstellte und bis in das zweite Kriegsjahr hinein bestehen konnte. Hier vermittelte Landauer dem deutschen Leser die Ideen der hervorragendsten Geister der Welt und propagierte insbesondere die Theorien Proudhons.

Inzwischen ließ er auch seinen berühmten „Aufruf zum Sozialismus“ erscheinen, ein Buch, das trotz der Totschweigetaktik der Sozialdemokratie stets einen hervorragenden Platz in der sozialistischen Weltliteratur einnehmen wird. Landauer hat den einseitigen Materialismus der Marxisten stets bekämpft. Während Marx den Sozialismus als eine logische Konsequenz der materialistischen Geschichts- und Wirtschaftsentwicklung auffasst, behauptet Landauer, dass der Sozialismus keine ausschließlich durch wirtschaftliche Verhältnisse bedingte Erscheinung, keine Frage der Technik usw. ist, sondern dass er zu allen Zeiten möglich war und möglich ist unter Menschen, die von seinem Geiste erfüllt sind. Er zeigte sich auch in diesem Buche als glänzender Stilist und seine Sprache erhebt sich oft zu hinreißendem Schwung. Ebenso aber besaß er auch die Gabe des Worts in der Rede. Die Worte, die er z.B. am Sarge seines Freundes Eisner gesprochen, werden unvergessen bleiben.

Im Einvernehmen mit dem „Sozialistischen Bund“, an dessen Spitze Landauer stand, haben die syndikalistischen Gewerkschaften Berlins seinerzeit die Broschüre erscheinen lassen: „Die Verhütung des Krieges durch die Selbstbestimmung des Volkes“, die in vielen Tausenden von Exemplaren verbreitet wurde. Aber schon waren die Völker infolge der schandbaren Hetze dumm und trüb geworden. Jetzt tragen sie die Folgen.

Welch segensreiches Wirken er als Mitglied des künstlerischen Ausschusses der „Neuen freien Volksbühne“ entfaltet hat, ist zu bekannt, als dass es besonders hervorgehoben werden müsste.

Gustav Landauer galt als hochgeschätzter Essayist und stand als Verfasser geistvoller Schriften und Bücher ebenso als trefflicher Übersetzer namhafter Autoren jahrzehntelang in den vordersten Reihen der geistigen Vorkämpfer Deutschlands. Seine Frau, die feinsinnige Dichterin Hedwig Lachmann, die vor ca. eineinhalb Jahren verstarb, schritt als treue Weggenossin ebenbürtig an seiner Seite. Obgleich die beiden Ehegatten trotz ihres Fleißes oft kaum die Not von ihrer Schwelle bannen konnten, leisteten sie doch, um den „Sozialist“ erhalten zu können, oft dazu noch namhafte Zuschüsse.

So hingebend und vertrauensvoll Landauer der Masse des Volkes gegenüber war, so spröde konnte er manches Mal gegenüber einzelnen Personen, auch sogar gegen Bekannte und Freunde sein. Sein Wesen war edel und vornehm und seine innerste Natur bäumte sich auf gegen jeden plumpen Versuch, ihn auf ein niedriges Niveau herabziehen zu wollen.

Fern lag ihm alle Gewalttätigkeit; er ertrug aber auch keine Gewalt und keinen Zwang, wie immer dieser auch geartet sein mochte. Wenn er sprach, riss er alle Hörer mit fort. Aus seinen Augen leuchtete das Feuer der Propheten. Aufheulen möchte man vor Scham und Zorn über ein Volk, über eine Menschheit, die ihre Besten, ihre Dichter, ihre Propheten brutal erschlägt, die die eigenen Brüder rücksichtslos mordet, vom Feinde aber Schonung und Milde verlangt, die ihr fremd sind.

Der Unverstand, die Borniertheit siegte über den Geist – nein, nicht über den Geist, sondern nur über den Körper. Landauers Name und Verdienst wird leben und gelten, wenn von seinen Widersachern längst jede Spur verweht sein wird.

Fritz Oerter

Aus: Der Syndikalist Nr. 24, 1919

Originaltext: www.fau-bremen.de.vu


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