Gustav Landauer - Manchesterfreiheit, Staatshilfe , Anarchie. Politische Unfreiheit - politische Mitarbeit - Negation des Staats (1893 )

Mit diesen beiden untereinanderstehenden Reihen möchte ich andeuten, daß der politische und der wirtschaftliche Kampf des Proletariats eine Entwicklung der gleichen Richtung genommen hat. Von der Scheinfreiheit über die Unfreiheit zur wahren Freiheit - so etwa könnte man diese Entwicklung ausdrücken.

Die Manchesterfreiheit, die »Freiheit« der Bourgeoisie, ist ein seltsames Ding. Handel und Wandel, das private Leben und das Verkehrsleben, sollen frei sein, d. h. unbehindert von staatlichen Einschränkungen; der Staat, der nach dieser Lehre die Aufgabe hat, für »Ruhe und Ordnung« zu sorgen, aber sonst für nichts, soll sich in die Produktion und in den Vertrieb der Waren nicht mischen. Was ergab sich daraus? Die Lebensmittel wurden bei vollständigem Freihandel durch keinerlei Zölle belastet und das war das volkstümliche und bestechende an dieser Lehre. Aber noch mehr. Der Staat, gegen den sich die Männer von Manchester wandten, war nicht ihre eigene Organisation, sondern war zum mindesten sehr stark durchsetzt von feudalen und absolutistischen Gewalten. Die bürgerliche Theorie bedeutete also eine Schwächung des despotischen Regimentes, eine Schwächung des Staates überhaupt.

Nun aber die ungeheure Schattenseite. Der Staat mischt sich nicht ein in Handel und Wandel (in jener Blütezeit der Bourgeoisie gab es auch keine Wuchergesetze), wohl aber sorgt er für »Ruhe und Ordnung«. Was bedeutet das? Nichts anderes, als daß die Bürgerlichkeit in der Lage ist, ihre wirtschaftliche Macht schrankenlos auszugestalten und die Ausbeutung in einer durch nichts behinderten Schamlosigkeit zu betreiben. »Wie«, könnte da ein freier Mann von heute oder morgen einwenden, »wenn nach dieser Lehre der Staat sich in nichts einzumischen hat, warum lassen sich die Geknechteten und Gequälten die Ausbeutung gefallen? Warum schütteln sie das Joch nicht ab, das auf ihnen lastet? Warum lassen sie sich ihr Eigentum, das was sie selbst erarbeitet haben, von Prassern und Nichtstuern rauben? Warum geben sie sich in den Sklavendienst der Fabrikherrn, des Landbesitzers, des Geld- und Häuserbesitzers?« Wer also voll Zorn solche Einwendungen macht, hat eine Kleinigkeit vergessen. Das Bürgertum negiert den Staat nicht, es schränkt ihn nur ein, da wo er ihm lästig fällt. Aber eine Aufgabe hat der Staat, er sorgt für »Ruhe und Ordnung«, d.h. vor allem er schützt das Privateigentum und die auf ihm beruhende Menschenaussaugung durch Gesetz, Gericht, Gefängnis, Militär, Kirche, Schule.

So verzweifelt lagen die Dinge, als die Lage des Proletariats immer unhaltbarer wurde, weil es in riesigem Maße anwuchs und jeder einzelne immer mehr herunterkam. Was hätte näher gelegen, als der einstimmige Ruf der unterdrückten Klasse: »Ihr habt den Staat, soweit er Euch behindert hat, zurückgedrängt; aber Ihr haltet ihn aufrecht, soweit er uns in Eurem Interesse unterdrückt. Wir stimmen ein in Euren Ruf: Freiheit! Aber nicht bloß Ausbeuterfreiheit, nein menschliche Freiheit! Der unterdrückte Mensch erhebt sich und nimmt sich das Recht, das man ihm vorenthält! Fort mit dem staatlichen Schutz Eurer Privilegien! Fort mit der Staatsknechtschaft!«

Dieser Ruf aber erklang nicht, und soweit er vereinzelt laut wurde, verhallte er ungehört, übertönt von einem vielstimmigen Geschrei, das von der entgegengesetzten Seite herüberdrang. Da hörte man: »Mehr Staat, mehr Staat! Der Staat ist alles, der Staat kann alles, der Staat soll alles! Da erklang es: Bisher hat man Euch Bourgeois die Freiheit gelassen, und man sieht, wie Ihr sie benutzt habt. Ihr habt Greise, Frauen und Kinder aufs Blut ausgebeutet. Ihr habt zu lange arbeiten lassen, Ihr habt die Arbeiter nicht geschützt gegen durch die Maschinen verursachten Unfälle, überhaupt, Ihr habt durch Eure Ausbeuterfreiheit eine Klasse von Menschen geschaffen, deren Leben kaum mehr ein Leben zu nennen ist. Ein großer Teil geht leiblich und geistig zurück, das sehen wir Männer vom Staat bei der Musterung für unsere Armee, und das kann im Staatsinteresse nicht geduldet werden. Der Arbeiter muß geschützt werden, dem Arbeiter muß geholfen werden, der Staat muß eingreifen! Eure Freiheit muß beschränkt werden!« So wurde der Arbeiter der Pflegebefohlene des Staates, der Staat war nicht mehr bloß Nachtwächter, er war das Mädchen für alles.

Und nun, um nicht mißverstanden zu werden: Wovon rede ich? Ich rede nicht nur von Bismarck und Lothar Bucher, ich meine damit auch Lasalle und Marx. Lasalle ging von der demokratischen Fortschrittspartei weg, nicht weiter nach links, zur Negation des Staates, zur ganzen Freiheit, sondern weiter zu Bismarck, zur Stärkung des Staates; er wollte einen gesättigten Magen auf Kosten der Freiheit. Seine Produktivassoziationen mit Staatskredit waren der Anfang, und am Ende wäre der Lohnarbeiter preußisch-deutscher Beamter mit Pensionsberechtigung geworden.

Und auch Marx gehört hierher. Ich will nicht davon reden, wie ausführlich und mit welcher Sympathie er die gesetzliche Regelung der Arbeitszeit in England in seinem Kapital behandelt; ich will nur von seiner bedeutendsten Schrift, vom Kommunistischen Manifeste, sprechen. Eine persönliche Bemerkung sei mir erlaubt. Ich habe es oft gelesen, und es hat mich immer hingerissen. Nun habe ich Marx ein paar Monate beiseite liegen lassen. Und gestern nahm ich das Kommunistische Manifest zur Hand mit dem bestimmten Vorsatz, mir nicht wieder imponieren zu lassen. Ich wollte es beherrschen, kritisieren. Nun, offen gestanden, ich bin unterlegen. Es hat mir wieder imponiert, mich wieder hingerissen. Das Kommunistische Manifest ist und bleibt ein genialer Wurf, eine großartige Konstruktion. Aber ich bewundere es nur noch als Kunstwerk, als die einheitliche, mächtige Durchführung eines Gedankens, zu einer Zeit (im Jahre 1847), wo man nur im allgemeinen konstruieren, aber kein Detail übersehen konnte. Ich behaupte aber, dieser Gedanke, den Marx großartig beleuchtete und meisterhaft zeichnete, dieser Gedanke war falsch.

Der erste Hauptteil des Manifestes schließt folgendermaßen: An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist. Dieses Ziel ist das Ziel aller freien Sozialisten und Anarchisten, und es ist kaum jemals kürzer und schöner in Worte gefaßt worden. Aber der Weg? Der Weg zu dieser Herrschaftslosigkeit ist bei Marx die Herrschaft, der Weg zu dieser Staatslosigkeit ist bei Marx der Staat. Darüber heißt es im Manifest: »Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benützen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staates, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren, um die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.«

In jener Zeit dachte man freilich noch nicht an die positive parlamentarische Mitarbeit, an die langsame Sozialreform mit dem heutigen Staat; Marx dachte an eine baldige blutige Revolution, in deren Verlauf die Vertreter des Proletariats zur diktatorischen Herrschaft gelangen sollten. Dann sollten sie in möglichster Beschleunigung von oben herunter soziale Umgestaltungen radikalster Art vornehmen, so daß diese Herrschaft bald überflüssig sein würde, in sich selbst zerginge und der ganzen Freiheit und Herrschaftslosigkeit Platz machte. Das war der Grundirrtum von Marx. Wo es Herrscher gibt, gibt es auch Beherrschte; und niemals haben Herrscher freiwillig auf ihre Gewalt verzichtet, und niemals werden sie es freiwillig tun. Was in dem Gedanken von Marx verborgen liegt, ohne daß er sich dessen bewußt ist, das ist eine zweite vollkommene, ganz und gar anders gestaltete Revolution, die nicht an die Stelle einer alten eine neue Herrschaft setzt, sondern die Herrschaft ausrottet und die ganze Freiheit ermöglicht.

Meine Ansicht ist aber die: Zwischenstufen sind vielleicht in Wirklichkeit nötig, weil das oder jenes in unvollkommener Weise ausgeführt wurde, aber sie sind nie am Platze in der Idee. Hat der Mensch ein Ziel, so geht er auf dieses Ziel los; und will ich die Herrschaftslosigkeit, die Freiheit von jedem menschlichen Drucke, so tue ich alles, um dieses Ziel mit einem Schlage zu erreichen. Ich mache mich vertraut mit der leidigen Möglichkeit, daß durch irgendwelche widrigen Umstände das Ziel nicht sofort in seiner ganzen Vollkommenheit erreicht wird; aber ich bescheide mich nicht schon vorher, etwas zu wollen, was ich nicht will. Der Mensch kann in einer Richtung nur eines wollen, nicht teils dieses, teils aber jenes. Will ich die Herrschaftslosigkeit, so kann ich nicht nach der Herrschaft streben. Ich strebe vielmehr danach, alle unterdrückenden Gewalten zu vernichten, und das Reich der ganzen Freiheit einzelner Menschen zu begründen. Habe ich dieses Ziel, so muß ich in der Gegenwart alles tun und vorbereiten, um dieses Ziel zu erreichen.

Marx will im Manifest die Herrschaft des Proletariats mit einem Schlage etablieren, seine Nachfolger, die marxistischen Sozialdemokraten, nehmen teil an den heute bestehenden staatlichen Gewalten. Ist dieser Unterschied so groß, daß wir, wenn wir's recht bedenken und den späteren Marx ins Auge fassen, das Recht haben, Marx gegen die heutige Sozialdemokratie auszuspielen? Ich denke, nein.

Und in diesem Zusammenhang komme ich nun auf die zweite Reihe der Überschrift: Politische Unfreiheit - politische Mitarbeit - Negation des Staates.

Zur Zeit, wo Marx das Manifest schrieb, ebenso wie teilweise heute noch in Österreich und Belgien, waren die Proletarier nicht im Besitz der politischen Rechte. Diese ungeheuer grell ins Auge stechende Ungerechtigkeit stachelt, wie die Dinge nun einmal liegen, durch die jahrhundertealte Tradition, daß die Revolutionen nur die Formen, aber nie die Sache berühren, ungeheuer zur Auflehnung und Empörung an. Wir haben jüngst erst in Belgien ein verpfuschtes Beispiel dafür erlebt. Nach Marx' Sinne nun hätte eine solche Revolution zur Herrschaft des Proletariats führen sollen.

Die Dinge sind aber allenthalben anders gekommen. Die politische Unfreiheit ist benommen worden, ohne daß sich die wirtschaftliche Lage der Arbeiterklasse im mindesten geändert hätte. Was hat das Proletariat, das Jahre und Jahrzehnte lang voll Zorn und leidenschaftlicher Glut für die Gleichberechtigung im Staatsleben gekämpft hatte? Man hatte ihm die politische Mitwirkung eingeräumt - kein Wunder, es wirkte mit. Aus der Herrschaft des Proletariats nach Marx ist eine Beteiligung an der heutigen Staatsherrschaft geworden, kraft deren das Proletariat hofft, allmählich und friedlich zur vollen Herrschaft zu gelangen. Was Marx 1847 nur in den Umrissen und unbestimmt gezeichnet hat, wird jetzt von der Sozialdemokratie bis in alle Einzelheiten ausgeführt. Ein prinzipieller Gegensatz aber besteht keineswegs. Aber durch diese ausführliche Detailmalerei hat sich nun auch unwiderleglich gezeigt, daß das Streben des Proletariats nach Herrschaft unmöglich die Freiheit bringen kann. Denn die Beteiligung am Staatsleben hat sich unlöslich verquickt mit der Staatshilfe auf sozialem Gebiet. Der Staat ist für die Sozialdemokratie der Schützer des Proletariats gegen die Manchesterfreiheit der Bourgeoisie geworden. »Staatszwang gegen Ausbeuterfreiheit« - das ist die Parole der sozialdemokratischen Partei geworden.

Unsere Parole aber ist: Ganze Freiheit gegen halbe; menschliche Freiheit gegen bürgerliche. Der Staat hat sich nicht um Handel und Wandel zu kümmern, aber er hat auch nicht für »Ruhe und Ordnung« zu sorgen, was nichts anderes heißt, als daß er das Privateigentum und die Ausbeuterprivilegien mit bewaffneter Hand beschützt.

Der Staat, er falle! Ob er Monarchie,
Ob Republik, ob sozial sich nenne.
Denn nie ist es geschehn, nie sag ich, nie,
Daß je im Staat der Freiheit Fackel brenne!
Der Staat ist Zwang. Er kennt nur Herrn und Knechte.
Wir aber wollen keins von beiden sein.
Wir wollen unsere heiligen Menschenrechte,
Um sie zu deuteln, keinem zweiten leihn!
(Mackay)

Die Anarchie ist unser Ziel, die Staats- und Herrschaftslosigkeit, das Ende der Ausbeutung auf jedem Gebiet, auf dem wirtschaftlichen, dem geistigen und dem politischen, und alles müssen wir tun, damit nicht auf der Stätte der heutigen Gewalten neue Herrschaft sich breit mache. Eure bedrückende, haltende und beschattende Hand weg von der freien Erde, Ihr Herren, Sklaventreiber und Herrschaftslüsterne! Frei sei der Mensch auf freier Erde!

Befreien wir die Erde und das Menschengeschlecht. Schließe sich jeder seiner gewerkschaftlichen Organisation an und kämpfe in ihnen gegen seine speziellen Ausbeuter. Der Tag der Befreiung kommt so rascher und sicherer. Jeder Arbeiter und jeder freie und selbständige Mensch unser Freund; jeder Ausbeuter und jeder Staatsgehilfe und Herrenknecht unser Feind. Jedes Werk freier Wissenschaft und freier Kunst unser Bundesgenosse, jedes Pfaffengeschmier und Staatsgeschnatter ein Greuel unseren Sinnen. Jede kühne Tat, jedes freie Erleben steht uns nah, alles Bücken und Ducken, alles Fügen und Eindämmen ist uns gemein.

Agitieren wir, rütteln wir auf! Künden wir allen Menschen ihren Menschenwert! Kein Sklave so klein, daß er nicht groß genug werden könnte. Kein Herr so groß, daß wir ihn nicht klein kriegen könnten.

Alles für unser Ziel, Gut und Blut, Leib und Leben. Ein Ende der Knechtschaft, es lebe die Freiheit!

Aus: "Der Sozialist" 26.6.1893

Originaltext: www.twokmi-kimali.de/texte/landauer_manchesterkapitalismus.htm


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