Gustav Landauer - Leben und Werk von 1885 - 1899

Anmerkung: Einige Daten und Fakten des Textes sind ungenau. So wohnte Gustav Landauer 1894/95 zeitweise in Bregenz. Empfohlen seien zudem die Forschungsergebnisse von Christoph Knüppel ("Die Politisierung eines Literaten, Gustav Landauer in den Jahren 1888-1892, in: Fiedler et al. (Hg.), Gustav Landauer, Eine Bestandsaufnahme zur Rezeption seines Werkes, Frankfurt a.M. 1995"), die eine Überarbeitung des Textes an manchen Stellen nahelegen.

1. 1885 - 1892 Studentenzeit und frühe Literatenzeit in Berlin

Vom Kulturoptimismus zum Revolutionsroman

Herbst 1885 beschloß Gustav Landauer neuere Philologie zu studieren. Er wechselte 1886 vom Karlsruher Realgymnasium an das Großherzogliche Gymnasium. Juli 1888 bestand er, achtzehnjährig, die Reifeprüfung mit „ziemlich gut“. Anschließend werden in Heidelberg die Fächer Germanistik und theoretische Nationalökonomie belegt. In Heidelberg trat er dem Neuphilologischen Verein bei. Dort hielt Landauer mehrere Referate, z. b. am 18.12.1888 über „Die Religiöse Jugenderziehung“. Aus dieser Zeit könnte der Aufsatz „Die Religiöse Erziehung“, der in der Zeitschrift „Die neue Rundschau“ Februar 1891 veröffentlicht wurde, stammen. Dieser Text soll hier berücksichtigt werden, um zu zeigen das Gustav Landauer um 1890 Kulturoptimist war.

Der Kulturoptimismus Landauers kann nur Realität werden, wenn auf verkehrte Lehren verzichtet wird. Abgelehnt wurde der Darwinismus, wenn dieser das Geistige nicht berücksichtigt, der Pantheismus Spinozas, wie auch das Entwicklungsdenken Hegels, sowie die christliche Religion. Diese Lehren verfälschen die Entwicklung materialistisch - geistigen Lebens. „Das Begreifen der Ursache unserer Erscheinungswelt“ sei nicht mit christlicher Religion, und auch nicht mit verkehrtem Denken zu leisten. Materialistisches Leben muß vielmehr naturwissenschaftlich geklärt werden. Der Mensch könne die Welt der Dinge mit Hilfe der Mathematik kennen, er müsse „alles Qualitative in Quantitatives verwandeln“. Die Befreiung vom verabsolutiert sinnlichen Denken gewährleiste erst die Weiterentwicklung des Menschen. Mit Hilfe der Mathematik schaffe sich der Mensch die Basis für seine geistige Entfaltung. Die „sociale Frage“ wird erst dann gelöst sein, wenn mit mathematischer Wissenschaft, rationaler Landwirtschaft und Großbetrieben der Mensch in die Lage gekommen ist seine Waren zu produzieren. Die industrielle Produktionsweise, die mit dem Fortschreiten der „Maschinentechnik“, und der Chemie... erfolgt, wird den Klassenunterschied - der „heute noch die Schande der Gebildeten“ (!) ist, beseitigen. Dann bestehen nur noch Unterschiede in „geistigen und ethischen Anlagen“. Der Mensch in seiner gelebten Individualität sei dann Realität geworden. Damit naturwissenschaftliche Weltgestaltung, und der damit verbundene technische Fortschritt für alle Menschen Realität wird - um sich geistig entfalten zu können - müßten die wenigen „fortgeschrittenen Geister“ dafür sorgen das die heranwachsenden Menschen die wahre religiöse Erziehung bekommen. Die neue Generation dürfe nicht mehr mit den alten Werten, aber auch nicht in religiöser Gleichgültigkeit erzogen werden. Die heute Lebenden könnten dazu beitragen das die „sociale Frage“ in der Zukunft gelöst sein wird. Damit der „Übermensch“ Wirklichkeit wird, müßte der gegenwärtige Mensch von der verkehrten religiösen, und philosophischen Tradition, mit Hilfe mathematischer Wissenschaft, sich befreien. Nietzsche ist derjenige welcher dem Streben Ausdruck verleiht, das der gegenwärtige Mensch - der die verkehrten Werte lebt und eben deswegen die Welt nicht wissenschaftlich rational gestaltet - überwindbar sei.

Gustav Landauer war keine zwanzig Jahre jung als er diesen Kulturoptimismus beschrieb.  Ab Oktober 1889 finden wir ihn in Berlin, dort studierte er Germanistik und Philosophie. Landauer entdeckte das literarische Berlin, und findet in Fritz Mauthner einen Förderer und späteren Freund. Fritz Mauthner verschaffte Gustav Landauer die Möglichkeit in seinem Literaturmagazin „Deutschland“ zu schreiben. Bereits Januar 1890 wurde dort der Artikel „Über epische und dramatische Kunst“ veröffentlicht. Kunst soll nicht egoistisches Alltagsleben verherrlichen, sondern müsse das menschliche Leben ideal darstellen. Landauer erklärte die von der Tradition geschaffene Kunst zur Scheinwelt; in ihr wird nicht das Ideal des „Übermenschen“ berücksichtigt. Das Drama sei die bevorzugte Kunstform, mit welcher der gegenwärtig handelnde Mensch, unter besonderer Berücksichtigung derjenigen Frage „die in allen Ständen ohne Unterschied sich mehr und mehr vordrängt: die sociale Frage“, dargestellt werden müßte. Das soziale Drama wurde Gustav Landauer ein Mittel, um sich den „Übermenschen“, zu nähern. „Übermensch“ ist bei Landauer der zukünftige Mensch, welcher von verkehrten Werten, die ihn heute noch vereinnahmen, befreit ist. Einige Monate später, im April 1890, wird er sein Kunstverständnis mit dem Aufsatz „Das neue soziale Drama“ konkretisieren.

Der Aufsatz „Die religiöse Erziehung“, sowie die beiden Artikel zur Kunst, stellen, so meine ich, Landauers frühen Kulturoptimismus dar. Mathematische Wissenschaft, und soziales Drama wurden ihm Mittel, mit denen der gegenwärtige Mensch von verkehrten Weltverständnissen sich befreien könnte. Mit dieser Befreiung - die eine naturwissenschaftliche und künstlerische ist - könne der heutige Mensch sich dem idealen Menschen nähern. So rückt die vom Aberglauben befreite Zukunft dem heutigen Menschen näher! Von Friedrich Nietzsche ist hier viel zu spüren, aber von einem Nietzsche der Licht am Horizont sieht. Und damit ging Landauer über Nietzsche hinaus. Friedrich Nietzsche ist doch eigentlich Kulturpessimist, er zerstört zwar Werte abendländischen Kultur, setzt aber an deren Stelle keine tragenden Werte. Seine „Umwertung der Werte“ kennt nicht das positive Befreiungsideal: Das mit Hilfe rationaler Produktion, sowie sozialen Drama der vom Aberglauben befreite Mensch, und eine freiheitliche Gesellschaft zu verwirklichen sei. In dieser Frühphase Landauers ist vom Pessimismus eines Schopenhauers nichts zu vernehmen.

Außer diesen drei veröffentlichten Aufsätzen schrieb er zwei Erzählungen, „Geschwister“ und „Ein Knabenleben“, sowie eine Rezension. Herbst 1890 ging Landauer von Berlin nach Straßburg. Im November begann er seinen Roman „Der Todesprediger“. Landauer entschloß sich endgültig Schriftsteller zu werden. Februar 1891 schrieb er den, im Januar 1892 veröffentlichten Artikel „Die Zukunft und die Kunst“. Dort wandte er sich gegen die weitverbreitete Kunstauffassung. Allgemein wird angenommen, das Kunst mit ihren großen Gestaltern eine naturnotwendige, von dem Bewußtsein der Allgemeinheit losgelöste, Entwicklung darstelle. Der Kunst kommt aber eine „selbsteigene Entwicklung“ gar nicht zu. Kunst - und Literaturgeschichten, die Hegel verpflichtet waren, wurden abgelehnt. Den Akademischen, und den davon geprägten Auffassungen des Publikums wurde ein Kulturverständnis entgegengestellt das sich vom literarischen Entwicklungsdenken befreien konnte. Landauers Kunstverständnis wurde von einen offenen Zukunftshorizont geprägt, wo der „Übermensch“, der vom gegenwärtigem Aberglauben freie Mensch, seine materialistische Freiheit geistig lebt. Diese Kunstauffassung kann nur der „aufstrebenden Jugend“ wichtig werden. Ihnen war Kunst nicht mehr eine Angelegenheit der Ästhetik, der Gestaltung „gegenwärtigen Lebens und Treibens zum befriedigenden Genuß, sondern sie streben nach der Zukunft, deren hohes, leuchtendes Bild sie in sich tragen“. Für das Geisterfüllte Leben kämpfen diese Wenigen. „Propheten brauchen wir, die die Jetztzeit geißeln und die Zukunft künden“. Gustav Landauer setzte sich vom gängigen Kunstverständnis ab, und das so radikal das er, wegen dem idealen Zukunftsmenschen, mit der literarischen Gegenwart brach. Wie bereits in seinem Aufsatz „Die religiöse Erziehung“, wo er vom christlichen Glauben, sowie dem metaphysischen Denken Spinozas und Hegels Abschied nahm, um mathematisches Vernunftwissen, und die damit verbundene Lösung der „socialen Frage“ voranzutreiben.

April 1891 finden wir Gustav Landauer wieder in Berlin. Hier versuchte er sein soziales Wissenschafts- und Kunstverständnis zu verwirklichen. Er fand eine Möglichkeit im politischen Geschehen. Am 1. Mai hörte er Wilhelm Liebknecht, dessen Rede ihn ergriff. „Selten habe ich mich so erhaben gefühlt“. Außerdem trat Landauer der „Freien Volksbühne“ bei. Diese wurde im Vorjahr gegründet um der Arbeiterschaft literarisches, und naturwissenschaftliches Wissen zu vermitteln. Hier sehen wir das Gustav Landauer die Literatur mit der Politischen Ebene ergänzte. Auch die linke Opposition der Sozialdemokratie, die sogenannten „Jungen“, welche den Parlamentarismus und die Vereinnahmung der Arbeiterschaft von Seiten der Parteiführer bekämpften, wurden ihm wichtig. Am 28.10. schrieb er seinen Freund Blum-Neff: „Ich bin der Ansicht... das die Sozialdemokratie mehr zu sein hat als eine politische Partei im gewöhnlichen Sinne“. Das Verhältnis dieser Opposition zur Parteiführung gestaltete Gustav Landauer literarisch im Revolutionsroman „Der Todesprediger“. Die literarische Bewältigung seiner nicht aktiven politischen Berliner Zeit ist für Landauers weitere Entwicklung enorm wichtig. Mit dem Roman legte er die Grundlagen der nächsten Jahre, und diese standen auch im Zeichen der Politik.

Am 29.1.1892 erschien ein weiterer Artikel zur Kunst. Literatur darf keine akademische Angelegenheit sein, darf auch nicht im Realismus aufgehen, sondern muß im Lichte der „socialen Frage“ revolutionär verstanden werden. In Deutschland war Gerhard Hauptmann der Schriftsteller der mit einigen Dramen („Die Weber“, „Vor Sonnenaufgang“) die „sociale Frage“, wenn auch nicht revolutionär, wenigstens berücksichtigte. Hauptmann wandte sich aber immer mehr dem Realismus, und seinen Anspruch Gegenwart objektiv zu schildern zu. Anstatt Revolutionsliteratur zu gestalten, schaffe Hauptmann realistische Dramen. Ein „Theil des Publikums, das am weitesten vorn stand“ begann sich immer mehr vom literarischen Objektivitätsgestalten zu lösen. Mit Ibsen und Nietzsche, die mutig und frisch „auf das Faule in unseren gesellschaftlichen Einrichtungen“ hinwiesen, sei die leidenschaftliche Kritik vorhanden die dem Realismus völlig abgeht. „Kraft und Leidenschaft und Gegenwartshass und Zukunftsfreude sollten erweckt werden“, damit könnten die alten Werte der Religion, der Philosophie, der Literatur überwunden werden.

Gustav Landauer wandte sich von literarischer Kunst nicht völlig ab, sondern von jener Literatur welche die Gegenwart abergläubisch, d. h. nicht im Rahmen der „socialen Frage“ gestaltete. Da er keine Revolutionsliteratur in Deutschland vorfand, diese ihm aber wichtig war - auch um den eigenen Standpunkt zu klären - beschloß Landauer, im März 1892, diese Literatur zu schreiben! In Urach schrieb er dann den größten Teil des, im November 1890 begonnenen Romans „Der Todesprediger“. Mit seinem ergänzten Revolutionsroman im Gepäck - der sechste Abschnitt „Utopien“ wurde nicht in Urach geschrieben - und den festen Willen in Berlin seinen Kulturoptimismus politisch zu verwirklichen traf er dort, am 25.07.1892, ein. Gustav Landauers Studentenzeit, sowie die frühe Literaten Zeit, die nicht politisch ausgerichtet war, waren damit beendet. Nun orientierte sich Gustav Landauer politisch. Bevor wir uns aber seiner frühen politischen Aktivität zuwenden muß vorher der Revolutionsroman, „Der Todesprediger", ausführlich betrachtet werden.

Gerhard Hauptmann ist der deutsche Literat, der wenigstens ansatzweise „die sociale Frage“ in seinen Dramen berücksichtigte. Da diese Frage aber bei Hauptmann keinen revolutionären Stellenwert einnimmt beschließt Landauer diese Frage in einen Roman gebührend zu berücksichtigen. Das was Hauptmann nicht bringt, müsse er, Gustav Landauer, vollbringen! „Der Todesprediger“ war Landauers revolutionäre Antwort auf die Literatenkaste, und den Verwaltern der Literaturtradition. Die Überwindung literarischen Ästhetentums, sowie die Überwindung derjenigen welche Friedrich Nietzsches leidenschaftliche Kritik gegen den Sozialismus ausspielten (F. Mehring, E. Bernstein), sollte zugunsten  materialistisch - geistiger Entwicklung dargestellt werden. Literarisch sollte gezeigt werden: Die Befreiung des Individuums von freiheitsberaubenden Zuständen der Gegenwart. „Der Todesprediger“ wurde für Landauer eine Möglichkeit die gegenwärtigen Widerstände, welche der Verwirklichung des „Übermenschen“ entgegenstehen, literarisch auf zu zeigen. Diese Literatur berücksichtigt die politischen Verhältnisse im Lichte der „socialen Frage“.

Nun also zum Roman. In den Jahren „in denen Abgelebtes“ (christliche Religion, metaphysische Philosophie von Spinoza bis Hegel, Ästhetentum)  „und Vorzeitiges“ (revolutionär leidenschaftliche Kritik der Gegenwart, Nietzsche, mathematische Wissenschaft, und Kunst im Lichte der „socialen Frage“) „nebeneinander wohnte, fiel das Leben des Menschen von dem ich im folgenden erzählen will“. Das Leben Karl Starkbloms, der Hauptfigur des Romans, wird im ersten Abschnitt von der Kindheit bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahr beschrieben. Seine Eltern betrieben ein Schuhgeschäft, und er ist das zweite von sieben Kindern. Bis zum sechzehnten Lebensjahr laß er viele Bücher philosophischen, und religiösen Inhaltes. Eigentlich wollte er Philosophie studieren, entschied sich aber für Jura. Er verkehrte nur noch mit Fachgenossen, dort wurde ihm aber bewußt das „er mehr sei als der Durchschnitt seiner Umgebung“. Mehr als einmal ging ihm der Gedanke durch den Kopf: „Wartet nur! Ich bin noch der Alte! ... Wartet nur! Er ist noch nicht tot, der Prediger in der Wüste!“. Er ging zum Militär, anschließend wurde Karl Amtsrichter, und gründete eine Familie. Seine Frau und Kinder starben, und er war ganz allein auf der Welt. Karl zweifelte am Sinn des Lebens. Als auch noch sein Bruder stirbt erbt er von ihm eine hohe Geldsumme. Daraufhin beschloß er seinen Abschied von der Juristerei, um „Sich selber ausleben zu können“. An seine Jugend wolle er wieder anknüpfen, er machte die Erfahrung das sein äußeres Leben ein trostloses geworden war. Doch er fühlte Kraft in sich: „In sich selbst wollte er sich versenken, auf sich selbst besinnen“. Karl kaufte ein Haus, dort richtete er eine große Bibliothek ein. Bald machte er die Erfahrung, das es besser sei mit Gedanken als mit Büchern zu leben. Noch besser sei aber „Erleben als Denken“. Und er machte sich klar: „Er würde die Erde nie mehr bevölkern helfen, das wußte er, so mußte er dann der Menschheit in anderer Weise dienen... er mußte denken, leben und wirken. Vorbild wollte er sein, Prophet... Erlöser -  War er denn noch jung genug? Ja, er glaubte an sich.“ Mit diesen Gedanken wurde ihm mehr und mehr sein Ekel an der bürgerlichen Welt bewußt. Da bekam er von seinem Jugendfreund, der Fabrikant geworden war, und mit dem er damals philosophierte, Besuch. Im Gespräch wurde ihm schnell klar das die Interessen dieses Vertreters der bürgerlichen Welt mit seiner Freiheitssehnsucht nicht zusammen passe. Hier ernster Lebensberuf, der im bürgerlichen Leben aufging, und Geistiges ablehnte, dort pessimistischer Ekel am kapitalistischen bürgerlichen Streben. Karl Starkblom brauchte anderen Umgang als mit den Werten eines verfallenden Bürgertums, „ihm ekelten diese Menschen, und ihm ekelten seine Gedanken“.

Dieser erste Romanabschnitt ist stark biographisch. Gustav Landauer schildert hier seinen beginnenden Abschied von der bürgerlichen Welt. Schopenhauer ist ihm „ein wildes Tier... das nicht durfte, wie es wollte“. Bevor Landauer Schopenhauer aber als Philosoph des Bürgertums wußte, mußte er eine Erfahrung machen, die sich bereits mit seinen Aufsätzen zur Kunst herauskristallisierte. Nicht Gleichgültigkeit, und auch nicht Verteidigung der bestehenden Verhältnisse, sondern leidenschaftliche Kritik der gegenwärtigen Verhältnisse ist ihm wichtig. Nicht der Kritik, sondern um den vom gegenwärtigen Aberglauben befreiten Menschen willen. Nietzsche war dem jungen Landauer näher als Schopenhauer. Nietzsches Menschenbild sei aber von der Vergangenheit geprägt. Nicht ein griechisches Ideal, sondern der vom Aberglauben befreite Mensch, der die Gegenwart im Lichte der „socialen Frage“ gestaltet, wurde Landauer wichtig. Dieses stellte Landauer in einen Text dar, der erst 1989 von Hanna Delf veröffentlicht wurde. Die „sociale Frage“, und die leidenschaftliche Gegenwartskritik umfassen die Alternative zur bestehenden bürgerlichen Ordnung. Die Berücksichtigung dieser Frage in Literatur und mathematischer Wissenschaft entspricht nicht den bürgerlichen Interessen, die den Staat verteidigen.

Seit 1891 gehörte Gustav Landauer zu den „Friedrichshagern“, diese berücksichtigten das soziale Element in der Kunst. Aber auch diese Gemeinschaft war ihm nicht revolutionär genug. Soziale Fragen müßten revolutionär in die Tagespolitik eingebracht werden. Februar 1892 trat Landauer den „Unabhängigen“ bei. Hier fand er die Möglichkeit des politischen Befreiungskampfes, der seinen Kulturoptimismus und die leidenschaftliche Gegenwartskritik verwirklichen könnte. In der Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratischen Partei bildete sich Landauers Verständnis der Tagespolitik. Und dieses Thema wurde literarisch, im zweiten Teil des Romans, gestaltet.

Angeekelt von der bürgerlichen Welt, und ohne konkrete Perspektive für die Gegenwart und Zukunft  - aber mit revolutionären Befreiungswillen - läßt Landauer seine Romanfigur Karl Starkblom mit der aufstrebenden Sozialdemokratie konfrontieren. Das der Sozialismus nur entstehen konnte, weil aufstrebendes Bürgertum - nach seiner Befreiung vom Adel - an der „socialen Frage“ scheiterte, sagt Landauer im zweiten Teil. Mit dem bürgerlichen Versagen konnte die Kluft entstehen, aus der die internationale Sozialdemokratie aufsteigen konnte. Der von der bürgerlichen Welt entfremdete Starkblom ist einer der wenigen Bürgerlichen dem das Soziale wichtig wurde. Mit dem Sozialismus sei der Hoffnungsträger vorhanden, mit dem das arbeitende Volk seine Befreiung anstreben könnte. Starkblom betrachtet die sozialistische Weltanschauung mit Zweifel. Karl ging in eine Wahlveranstaltung, wo er die bürgerlichen Phrasen hörte. Als ein Arbeiter sprach, wurde er hellhörig. Sind hier vielleicht die Menschen die ihm, den vom Bürgertum entfremdeten, eine Alternative bieten könnten? Soll er mit unterdrückten Arbeitern für die „Befreiung der Menschheit von der anarchistischen (!) Warenproduktion und... zur Herstellung einer wirklichen Menschheit und Menschlichkeit“ kämpfen? Mit dem Sozialismus des Volkes gegen seine bürgerliche Entfremdung, und der daraus erfolgten Perspektivlosigkeit?

Der Arbeiter sprach von der Sozialdemokratie, und das diese ein Herz für das Volk habe. Mit der Sozialdemokratie könnten die Arbeiter gemeinsam gegen die kapitalistische Ordnung kämpfen. „Die Menschen haben im wesentlichen die gleichen materiellen Bedürfnisse... Erst wollen wir satt werden und das Paradies der Menschheit erobern... dann wird die schöne Freiheit von selber dasein“. Wenn die Arbeiter mit der Sozialdemokratie die Klassengesetze aufgehoben haben, an deren Stelle das kommunistische Ideal gesetzt haben - die klassenlose Gesellschaft - wird die Freiheit der Menschheit ermöglicht. Obwohl Starkblom von der Rede des Arbeiters „angehoben“ wurde, ist er zugleich kritisch. Was die Arbeiterschaft erst erkämpfen will, kennt er bereits. Mit materialistischer Freiheit ist geistige Freiheit nicht zugleich vorhanden! „Diese Naiven, wenn sie alles das hätten, was er sich errungen und was ihn vom Glücke zu gefallen: Reichtum, Unabhängigkeit, Bildung, Wissen - sie wären elender als jetzt. Oder sie wären stumpfsinnige Tiere wie diese Bürgersleute welche liberal und konservativ - religiös wählen. Oder gab es ein drittes? ... Er konnte es nicht glauben. Ja, wenn er glauben könnte! An die Zukunft glauben... an einen Sinn ... ja das wäre schön!... Arbeiten für ein Ziel... aufklären, predigen... kämpfen? Mitstreiter suchen? Und finden? Genossen, Wo? Sozialdemokraten? Ja, ob das nicht am Ende die rechten Menschen für ihn wären?“ Und Landauer läßt Karl sagen: „Also ich beginne. Ich will versuchen. Die Sozialdemokratie, die muß ich kennen lernen. Am Ende werde ich selber einer“. Wenn er sich der Sozialdemokratie überläßt, wird er „Einrichtungen bekämpfen, und nicht mehr sich selber? Wissen und nicht ahnen?“

Karl Starkblom könnte mit dem Sozialismus seine Befreiung finden? Gegenwartsfreude, und Zukunftsdenken, und nicht mehr den Ekel an den bestehenden Verhältnissen, und den daraus erfolgten Pessimismus? Landauers Romanfigur bleibt skeptisch. Die Arbeiterschaft dagegen erwartet von der Sozialdemokratie die Erlösung von den Klassengegensätzen: Um sich bürgerlich einzurichten! Wie paßt dieses zusammen? Wie kann er mit denen zusammen gehen und kämpfen, welche das erstreben was er bereits als verkehrtes Leben kennt?! Eine Veranstaltung der Arbeiter werde er besuchen, und zwar in „ahnungsvoller Bereitschaft, sich in Etwas neues zu stürzen, mit dem ganzen leidenschaftlichen Feuer das sich in ihm die Zeit über angesammelt. Menschen zu finden, denen er sich anschliessen, die er leiten könnte. Genossen haben im Streit und im Ziel“. Karl beschließt die Arbeiterschaft vom Standpunkt seiner bürgerlichen Entfremdung aufzuklären!

Das Thema der besuchten Veranstaltung war: Wie stellt sich der Arbeiter zu den Wahlen? Der Redner machte klar, das jeglicher Parlamentarismus abzulehnen sei. Die Arbeiter könnten ihre Interessen selber in die Hand nehmen, politische Vertreter in Berlin werden nicht benötigt. Das Wahlrecht sei ein taktischer Trick mit dem die Arbeiter um den revolutionären Sozialismus gebracht werden sollen. Nur die revolutionäre Arbeiterschaft besitze eine Weltanschauung, die das Bürgertum und deren Einrichtungen überwinden könnte. Karl war beeindruckt, hier wurde an die Vernunft geglaubt. Hier wurde die „sociale Frage“ revolutionär behandelt. Starkblom mußte reden, er bekam das Wort und bekannte sich zum Sozialismus. Er äußerte seinen Wunsch: „Nehmen Sie mich auf in ihre Reihen. Unser Wille ist der selbe, die vernünftige Gestaltung des menschlichen Lebens!“ Er wurde herzlich aufgenommen, und wurde einer der eifrigsten Redner der Arbeiter. „So schien er ganz aufgegangen in seiner Tätigkeit; er schien zu wissen wofür er lebte oder vielmehr gar keine Zeit mehr zum Grübeln hatte“. Karl war vom bürgerlich Entfremdeten, der den Pessimismus betrieb, zum leidenschaftlichen Agitator der Arbeiterinteressen gewandelt! Seit Monaten reiste er durch Deutschland, auf einer Großveranstaltung hält er einen Vortrag: „Warum muß der Sozialismus siegen?“ Der erste Teil beschrieb die gegenwärtigen Verhältnisse. Der zweite Teil sollte die „sozialistische Gesellschaft als Ideal“ beschreiben. Als er damit beginnen wollte, wurde ihm plötzlich klar, das er hier verkehrtes, noch gar nicht gedachtes, redete. Karl wurde ohnmächtig. Danach zog er seinen Einsatz für die Arbeiterschaft zurück. Er schrieb eine kleine Flugschrift „Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht. Zugleich ein Absagebrief an den Sozialismus“.

Karl Starkblom/Gustav Landauer wußte bereits das der gegenwärtige Sozialismus, die Sozialdemokratie, nicht der wahrhaftige Weg zur Verwirklichung des „Übermenschen“ ist. Diese Einsicht läßt Karl wieder in seine alte Krankheit, den vom bürgerlichen Leben entfremdeten Gegenwartsekel, und Zukunftspessimismus zurückfallen. Arthur Schopenhauer ist ihm wieder näher als die leidenschaftliche Gegenwartskritik Nietzsches. Karl verspürt die „rasende Begier, meinen friedlichen Mitmenschen“, die wissend und/oder gläubig dogmatisch sich geben, mit seinem Pessimismus zu konfrontieren. Den von ihren Dogmen überzeugten Sozialisten sagt er: „Das der Sozialismus eine Sache mittelmäßiger und gewöhnlicher Naturen ist!“ Nur die wenigen, die ihn verstehen, will er „von der Genossenschaft der Genossen abziehen“.

Nicht in der gegenwärtigen Sozialdemokratie, und auch nicht in deren Opposition, den „Jungen“, findet Landauer den revolutionären Impuls der Befreiung. Was vermißte Gustav Landauer? Der revolutionären Arbeiterschaft könnte das naturwissenschaftliche, und künstlerische Verständnis, das er mit den frühen Artikeln zeigte, wichtig sein! Mathematische Vernunft, und sozialistische Kunst müßte für die revolutionäre Sache zum tragen kommen. Landauer kritisierte nicht nur die Naturwissenschaft und Literatur seiner Zeit, sondern auch die Partei und die Bewegungen die für sich in Anspruch nahme für das Volk ein zustehen. Naturwissenschaftliche Vernunft müßte sich in rationaler Warenproduktion erweisen die vom sozialistischen Geist getragen wird. Diese Vernunft, und die soziale Kunst könnten für die Überwindung der ekelerregenden bürgerlichen, und sozialdemokratischen Gegenwart gebührend berücksichtigt werden. Mit religiöser und philosophischer, wie auch mit politischer Dogmatik ist die Verwirklichung des „Übermenschen“ nicht möglich.

Landauer spricht in dem Roman nicht zu den Vielen, die in verkehrten Weltverständnissen beharren, ihm sind nur die wenigen Menschen wichtig, die z. b. bereits jüdisch - christliche Moral als den zu verwirklichenden „Übermenschen“ entgegenstehend kennen. Die wenigen, die bereits das dogmatische Denken und den Parlamentarismus der Sozialdemokratie als Verhinderung des erfüllten Lebens kennen, möchte er um sich sammeln. Solange diese wenigen nicht zusammenfinden, um ihre revolutionäre Sache zu betreiben, ist keine wirkliche Alternative zur bestehenden Ordnung vorhanden. Die Verwirklichung des zukünftigen Menschen, sowie der Aufbau einer sozialen Gesellschaft mit dem Ziel den bürgerlichen und geknechteten Arbeitern eine lebenswerte Perspektive zu ermöglichen, ist eine revolutionäre Sache. Bevor damit nicht angefangen wird bleibt der gegenwärtige Mensch den Machenschaften des Kapitals, und des Parlamentarismus ausgeliefert. Weil revolutionäre Arbeiterschaft, und sozialistisch Bürgerliche nicht zusammenfinden läßt Landauer seine Romanfigur den Tod predigen. „Er liegt mir am Herzen und von ihm muß ich noch erzählen. Seid ihr bereit? Ich will euch etwas er erzählen – vom Leben!“

Leben bedeutet nicht an leeren Abstraktionen der Religion oder an den Gesetzmäßigkeiten marxistischer Sozialdemokratie zu glauben und diesen Glauben als unfehlbar postulieren. Mit dogmatischen Glauben, und Denken lebt der Mensch nicht das vernünftige Leben. An die Arbeiter gerichtet läßt Landauer Karl sagen, das sie das Leben gar nicht kennen. Wie könnten die Arbeiter von der geistigen Öde wissen, welche mit der materialistischen Freiheit dem Bürgertum überkam. Die Arbeiterschaft müßte erst ihre materialistische Freiheit erkämpfen, um die geistige Leere zu kennen. „Früher kann ich nicht zu euch sprechen. Suchet das Leben, damit ihr es fliehen könnt“. Und den „sozialdemokratischen Lehrer und Führer“, der wissen müßte das materialistische Freiheit keine geistige Freiheit verbürgt, sagt er: Wenn sie nicht armselige Seelen sind die auf Kosten der Arbeitenden ihre Macht ausleben, oder wenn sie nicht völlig dem dogmatischen Denken verfallen sind, könnten sie lernen dogmatisches Denken zu verachten. Dann könnten sie wissen das mit Dogmen der künftige Mensch, und sein Aufbau der freiheitlichen Gesellschaft verhindert werde. Wenn die sozialdemokratische Führerschaft ihre Weltanschauung als „Herrschsucht und Verführungskunst“ kennen würde, könnten sie ihn, den „Todesprediger“, verstehen. Aber diese Arbeiterführer, und die Arbeitermassen verharren in materialistischer Dogmatik. „Ihre ganze Seele werde gezogen von dem etwas außerhalb“ ihres Lebens. Mit ihren Dogmen, den leeren Begriffsabstraktionen, verkennen sie die Einsicht, das der Mensch das liebt, was er erstrebt. Die Allgemeinheit liebt aber das verkehrte egoistische Wissen, und nicht ihren ganzheitlichen Strebenszustand. Der menschliche Verstand, mit dem auch die Dogmen vorhanden sind, ist nur ein Teil menschlichen Daseins. Wird der Verstand vom Gefühlten und Gewollten isoliert, kann das gesamte Streben des Bewußtseins nicht berücksichtigt werden. Nicht der Glaube, und auch nicht dogmatisches Wissen, sondern allein dasjenige was ein Mensch mit ganzem Bewußtsein erstrebt, ist ihm sein wahres, liebstes, richtiges.

Karl verlangt keinen Weltanschauungskampf, keine Religion, keine Lehre, sondern die Einsicht das mit den Dogmen der Mensch sich selber um sein ganzheitliches Welterleben bringt. Nicht mit einem Glauben oder einer Theorie will er überzeugen. Die Arbeitermassen, und ihre Führer bemitleidet er, ohne sie zu verachten, sie wissen es nicht besser. Ihnen ist die sozialdemokratische Partei der Weg zur Freiheit, sie haben einen langen, schmerzvollen Weg vor sich. Der Tag, an dem sie begreifen, das ihnen das heute wichtigste - ihre auf Dogmen gebaute Weltanschauung - das unwichtigste wird, ist nicht in Sicht. Nur ganz wenige Menschen kenne er, die sich von dogmatischer Bevormundung befreien konnten. Der Weg über die Sozialdemokratie sei einer von mehreren, um sich befreien zu können! Wer an die Dogmen, und den Parlamentarismus der Sozialdemokratie glaubte, und diesen Glauben als ein Hindernis der zu verwirklichenden Freiheit kennt, ist von der Sozialdemokratie befreit! Diese wenigen nannten sich nicht mehr Sozialisten, sondern sie „nannten sich wieder (!) Idealisten und Anarchisten“. Diese wenigen, die den aberglaubensfreien Menschen, und die freie Gesellschaft wollen, und nicht mehr die bürgerliche Ordnung, stehen als einzelne, ohne Partei, ohne Religion, ohne bürgerliches Interesse in der Welt. „Ja, diese Menschen gehören zu meinen Zuhörern und sie stehen in der vordersten Reihe und ihre Herzen liegen offen da, und sie harren des Wortes das ich sprechen soll... Ich segne euch, meine Brüder, unsere Wege kommen aus verschiedenen Geburten, aber nun haben sie sich gefunden und bleiben zusammen“.

Gustav Landauer zeigt die dogmatische Denkweise der Sozialdemokratie. Aus wenigen Beobachtungen wurden vor einigen Jahrzehnten „ein paar armselige Schlüsse“ gezogen, und darauf wurde ein ewiger materialistischer Glaube aufgebaut. Mit dieser Grundlage soll die materialistische Basis der sozialdemokratischen Weltanschauung vorhanden sein! Diese Grundlage ist aber eine willkürliche. Sie ist eigentlich nur mit einigen wenigen Begriffen vorhanden, die unmöglich das ganzheitliche Leben - das den Verstand als Ausdruck des leidenschaftlichen Befreiungswillens kennt - darstellen kann. Und mit dieser leeren Begrifflichkeit wollen Sozialdemokraten die Gegenwart und Zukunft, lebendig gestalten! Viele Menschen sind bereits ohne sozialdemokratischen Dogmatismus, ohne Parlamentarismus in die Freiheit gekommen. „Zu diesen Menschen, die wie Götter schreiten auf der Höhe hinweg über die Rücken arbeitender Lohnsklaven, gehören unsere erlesensten Denker und Dichter und doch, was halten diese schliesslich vom Leben? Meinte nicht Goethe,... wenn er alles zusammennehme wahrhaftig glücklich sei er nur ein paar Stunden gewesen... und dieser Mann gehörte zu den glücklichsten Menschen, die je gelebt haben“. Die Annahme, das erst die Sozialdemokratie die Voraussetzung geglückten Lebens geschaffen habe, ist eine dumme und hochmütige. Der Mensch wird nicht glücklicher, wenn er in verbesserten ökonomischen Verhältnissen lebt. Der Grund liegt gar nicht in den ökonomischen Bedingungen, sondern darin, das der „Mensch ein denkendes Tier ist, das er den Begriff des Zweckes kennt“. Was bedeutet das? Ohne Zweckdenken kann kein Mensch leben, und doch ist jeder Mensch mehr als sein egoistischer Verstand. Das der Mensch dieses aber so selten lebt, liegt daran das er mit dem Zweckdenken seine Weltgestaltung auf Kosten seiner Affekte lebt. Und dieses einseitige Denken kennt er nur selten als sein verkehrtes Denken. Verkehrtes Zweckdenken wird nicht als dogmatisches gewußt, mit dem ganzheitliches Denken verhindert wird. Der Mensch ist immer mehr als sein Verstand, „müßte der Mensch ewig leben und ewig fragen, wozu - o der Gedanke ist nicht aus zudenken, laßt mich schweigen und mich freuen, das es nicht so ist. Ja, eines gibt es, dessen freue sich der Mensch und dem jauchze er zu, dem singe und juble und tanze er entgegen... und er wage es jetzt gleich zu stürzen in diesen herrlichen strahlenden Abgrund des Glückes: das ist der Tod“.

Die Erfahrung des Glücks ereignet sich, wenn der Mensch vom verkehrten Zweckdenken sich befreien konnte. Das ganzheitliche Welterleben, nicht einseitige Verstandesdogmatik müßte Welt gestalten. Ganzheitliche Erfahrung ist nur möglich, wenn verkehrt gedachtes als totes Wissen gewußt wird, das ganzheitlichem Welterleben entgegensteht. Dem ganzheitlichen Dasein, das die Welt naturwissenschaftlich und künstlerisch gestalten könnte, gilt die Predigt. Die Predigt Starkbloms steht im Namen ganzheitlichen Lebens, das dieses Realität werde, nicht mehr das verkehrte als vernünftiges genommen werde, und der zukünftige Mensch die freie Gesellschaft aufbauen wird. Die Vielen meinen anderes zu wissen. Zunächst müßten veränderte ökonomische Bedingungen mit der Sozialdemokratie geschaffen werden, dann erst könne sich der Mensch geistig entfalten. Landauer läßt den „Todesprediger“ sagen: „Seht doch... ich will Gefährten und darum predige ich den Tod, weil das meinen Leben noch Reiz verleiht bis zum Ende... ich werde sterben. Und das ist die einzige Zukunft, ja die soll zusammenfallen mit meinen Willen“. Da Landauer, wegen der gegenwärtigen Weltverständnisse eine lebendige Zukunft nicht kennen kann, bleibt er äußerst realistisch, wenn er sagt, das in der Zukunft nur der Tod gewiß ist. Den „Idealisten und Anarchisten“, denen die Dogmen der Religion und der Sozialdemokratie als der zu verwirklichenden Freiheit entgegenstehendes bekannt wurden, predigt er den Tod. Im dritten Kapitel kennt Landauer/Starkblom keine Alternative zum bestehenden Aberglauben. Diese Alternative zeigt Gustav Landauer im letzten Kapitel des Romans. Dort wird mit der „Utopie“ die Befreiung vom gegenwärtigen Aberglauben angezeigt. Hier, im dritten Kapitel, fehlt die „Utopie“ der Befreiung. Deswegen wird hier der körperliche Tod als Ausweg einer Gegenwart gepredigt, die keine Alternative zur dogmatischen Glaubens - und Denkweise kennt. Den Arbeitern, und dessen Führern sagt er: „machet euch frei“. Diese könnten vom verkehrten Denken befreit leben. Dann könnten auch sie, mit den „Idealisten und Anarchisten“ wissen: Das verkehrte Zweckdenken, mit dem ganzheitliches Welterleben verhindert wird, ist die eine Säule der Sozialdemokratie. Der andere tragende Pfeiler der Sozialdemokratie ist ihr Parlamentarismus. Beide Stützen müßten als verkehrte Bedingungen der Freiheit überwunden werden. Den Bürgerlichen sagt Karl: „Ich harre nun eures Echos und dann will ich wieder reden“. Den Sozialismus - den der „Idealisten und Anarchisten“ - wünscht er „ein langes Leben, ein schönes Greisenalter und den Tod auf der Matratze“. Im dritten Kapitel ist klar geworden, das sich Gustav Landauer mit der Sozialdemokratie auseinandersetzte. Hier legte er literarisch seinen politischen Standort dar. Damit ist seine frühe Stellung zum Sozialismus literarisch beschrieben.

Der vierte Romanabschnitt zeigt das „zweite Sendschreiben an das Menschengeschlecht“ in der „Vision des Todespredigers.“ Diese Vision ist die Antwort auf die Reaktion des ersten Sendschreibens. „Ich lebe nicht zu meiner Zeit. Ich habe geglaubt, ich könnte verstanden werden und man hat meine Schrift als ein literarisches Ereignis aufgefaßt. Lächerlichkeit über Lächerlichkeit“. Das erste Sendschreiben, das Karls Resultat mit seiner Auseinandersetzung der Sozialdemokratie ist  - vom Standpunkt des entwurzelten Bürgerlichen, dem die Sozialdemokratie als Aufhebung seines bürgerlichen Pessimismus dienen sollte! - wurde nicht als politisches Manifest der Befreiung begriffen! Das dieses Sendschreiben eine Kampfansage gegen dogmatisches Denken ist, wurde nicht verstanden. Das seine Revolutionsliteratur nicht als politisches Manifest verstanden wurde machte Karl noch einsamer. „Ich bin traurig, sehr traurig, das ich einsam bin, im Tode wie im Leben... o merkt ihr denn nicht, seht ihr das Leid denn nicht, das an mir zieht? ICH SUCHE MENSCHEN! Menschen suchte ich immer und immer, erst blickte ich um nach Tausenden und wiederum Tausenden um zu ihnen zusprechen und sie zu erkennen als meinesgleichen und sie zu verführen zu meinen Tode. Und jetzt suche ich einen einzigen Menschen. EINEN Menschen nur der mich liebt und mit mir sterben will“. Die Gegenwart, solange sie in verkehrten Glaubens- und Denkweisen verharrt, kann sein politisches Manifest nicht begreifen. Wollen die heute Lebenden nicht den freien, revolutionären Menschen verdienen sie auch nicht die Predigt Karl Starkbloms. Deswegen will der „Todesprediger“ seinen, und den Tod der anderen. Hier sehen wir den bürgerlich entwurzelten Starkblomschen Pessimismus auf die Spitze getrieben. Auch die Erde hat den in verkehrten Weltverständnissen beharrenden Menschen nicht verdient! Wenn nicht sozialistisch wissenschaftlich - künstlerisches Weltgestalten zur Macht kommen kann, soll auch nicht jüdisch - christliche Moral, metaphysisches Denken Spinozas, das Entwicklungsdenken Hegels, die bürgerliche Ordnung, die Kunstästhetik, die Sozialdemokratie in Geltung stehen!

In der Vision des „Todespredigers“ bringen die Menschen sich selber ums Leben. Starkblom, und seine letzten Getreuen „zogen an den sonnigen Rhein... was die Erde wohl ohne uns anfangen mag? ... Wir waren doch sicher ihre größte Unterhaltung. Ich hoffe sie langweilt sich ohne uns zu Tode und stürzt in die Sonne. Vielleicht bringt das dann Unordnung in die Welt, das alles durcheinander kommt und alles wieder eins wird und nichts mehr gesondert ist. Denn wisset, das will ich euch noch sagen: eines und nichts - das ist dasselbe. Die Besonderung und die Verschiedenheit erst hat die Welt und das Leben und das Bewußtsein erzeugt. Ist die Welt erst eins, dann ist nichts mehr, dann ist das Nichts da, das Absolute Nichts... Und dann stürzten sie sich in die Fluten –allesamt... und menschlos war die Erde weit und breit... und die Erde brauste klingend ihre Bahn dahin: er war tot, er war tot! Der große Peiniger!“ Diese „Version“ ist nicht Landauers endgültige Antwort. Sie ist die „Vision“ des bürgerlich entwurzelten Pessimisten, dem kein Sinn in seinem Leben aufging, und nun meint, das er alle Menschen von dieser ekelerregenden Gegenwart erlösen müsse - mit Selbsttötung. Das diese „Vision“ keine letztgültige ist, zeigt Landauer mit den Worten „Ich aber bin Starkblom, nicht Starkblom der „Todesprediger“ und nicht Starkblom der Epileptiker - bloß Starkblom der Erste, Starkblom der Leidende und Starkblom der sterbende“. Dieser Karl Starkblom ist nicht mehr der bürgerlich entwurzelte, sondern Starkblom, der mit den „Idealisten und Anarchisten“ - inmitten der Wüste verkehrten Lebens - utopische Freiheit verwirklichen will.

Der fünfte Abschnitt zeigt eine veränderte Perspektive. Anfangs wird nicht mehr von Starkblom und seinem Leid, sowie seiner Sehnsucht berichtet, sondern von seinem Bruder Hans, der mit seiner Freundin Marguerite in Paris weilt. Hans versteht sich als bombenwerfender Anarchist, mit seiner Freundin beschließt er seinen Bruder zu besuchen. Die Sendschreiben fielen ihnen in die Hände, sie wollten Karl wieder ins Leben zurückführen, und das die drei Freunde werden. Aber es kommt anders, Marguerite und Karl verlieben sich. Als Hans mit dieser Situation konfrontiert wird, verhält er sich wie ein bomberwerfender Anarchist. In Lagen, in denen Karl nicht weiter weiß, wird er aggressiv, auch verbal. Karl muß reden: „Einen Moment war ich vielleicht auch da, aber ich kann nicht. Und jetzt schon gar nicht mehr. Ich kann nicht bloß verneinen. Ich muß etwas haben wofür ich mich erwärme“. Landauer läßt Karl fragen: „Ist das die Stimmung der Anarchisten?“ Hans antwortet: „Nun, sie sind nicht ganz ohne,... Hitzige und unklare Menschen. Ich habe die Verteidigungsrede des einen bei mir“ Karl und Marguerite wollen die Rede hören. Quintessenz der Rede: die anarchistischen Gewalttaten seien eine notwendige Folge der bürgerlichen Einrichtungen. Karl begreift, das Menschen wie sein Bruder nicht so Denken müssen. Sind die gesellschaftlichen Einrichtungen vom utopischen Geist  eingerichtet, sind auch keine Situation mehr vorhanden, in denen Menschen mit Attentaten versuchen ihr Recht durch zusetzen. „Marguerite, rasch, rief Karl plötzlich. Papier, Tinte, Rasch. Ich könnte es vergessen“. Und Karl schrieb: „Utopien, das wäre vielleicht eine Aufgabe, der ich gewachsen wäre. Utopien zuschreiben. Ausbau von allen, wozu jetzt die Ansätze da sind; Psychologie, Technik, Kunst, Stadt und Land, Verkehr, Gesellschaft, Familien, Natur. Kurz, alles sagen. Das gefällt mir, meinte Marguerite. Das kannst du.“ Hans wird klar das die beiden sich gefunden. „Ihr seid glücklich, meine Herrschaften, sagte Hans plötzlich... ich gehe jetzt. Adieu Bruder  - viel Glück - nein, ich meins wirklich ernsthaft... Hans gab Marguerite die Hand und wies ihre Umarmung zurück“. Das Karl Starkblom nun einen Menschen fand, welchen er lieben kann, gibt ihm den Mut „wieder zu den Menschen zu sprechen“. Seiner Marguerite gesteht er „Nein, nein das Bild wird ich nicht los, das ich als Knabe vor dem einschlafen schon immer sah: Ein mächtig zusammengedrängter Volkskörper der nach vorwärts schießt, und ich mittendrin, und doch über ihn als Redner und Sänger und Prophet und Führer. Ach was ist das für eine jämmerliche Krämerzeit, in der wir hinein gefallen sind, wir wissen wahrhaftig nicht warum. Auch jetzt, wenn ich schreibe, wie ich reden und singen und jubilieren möchte - aber auch jetzt - ich wende mich immer an Menschen, die ich nicht sehe, ich ahne, zerstreut in der Welt, hier und da, müßten sie sein, die mich hören - aber ich kenne sie nicht, ich habe sie nie gesehen. Was ich sehe von den Menschen und ihren Einrichtungen und ihren Gebahren - das glaubt kein Mensch, wie mich das anekelt... Jetzt ahnst du vielleicht, Marguerite, was du mir bist. Seit ich lebe, der erste Mensch, vor dem mir nie geekelt hat... Ich möchte einen Kreis von Menschen um mich haben... in deren Umgebung sich meine Lippen nicht bös im Ekel verzerren müssen - ist das zuviel verlangt, Marguerite? Sie drückte seine Hand stärker. Vielleicht finden wir sie, Karl. Einen nach den anderen.“ Dieser Abschnitt zeigt das Karl nun das fand, was ihm von seinen selbstzerstörenden bürgerlichen Pessimismus befreite: Einen Menschen vor dem ihn nicht ekelt, den er also liebt. Das bewahrt ihn vor seiner Selbsttötung. Jetzt faßt er Mut, um etwas aufzubauen, wovon er überzeugt ist: Utopien zu schreiben. Aus einen Brief vom 26.6.1892, den Gustav Landauer an seinen Freund Fritz Mauthner schrieb, geht hervor, das er in Urach das zweite Kapitel umarbeitete, und den dritten bis fünften Abschnitt schrieb. Der sechste Abschnitt ist demzufolge nach Juli 1893 geschrieben, also nach seinem Aufenthalt in Urach. Im sechsten Abschnitt "Utopien" verarbeitete Gustav Landauer die Erfahrungen, die er in seiner aktiv politischen Zeit, bis ca. Sommer 1893, machte.

Der sechste Abschnitt ist mit „Utopien“ betitelt, und ist Karls „Frau und dem kommenden Kind gewidmet“. Starkblom, vom Bürgertum entfremdet, an den gegenwärtigen Verhältnissen leidend, versuchte mit der Sozialdemokratie seinen Leidenszustand zu beenden. Er scheiterte, rechnete mit der sozialdemokratischen Partei ab, und fand in seiner Frau Marguerite endlich das Leben das er liebt. Endlich  widerfuhr ihm etwas was ihm Mut gibt die Gegenwart und die Zukunft als offenen Horizont zu erfahren. Dieses stärkt sein Selbstbewußtsein. „Der Todesprediger“ ist zum Menschen gewandelt, der das gegenwärtig Verkehrte, dogmatische Denken und Handeln, gelassen betrachten konnte. Karls Wandlung zum Leben ermögliche ihm utopisches Denken kennen zu lernen. Diese Verwandlung ist der endgültige Abschied vom bürgerlichen Pessimismus, und die Hinwendung zur offenen Gegenwarts- und Zukunftsgestaltung, die im Zeichen des Kulturoptimismus stand. Den bürgerlichen, die bereits die materialistische Freiheit leben - ohne aber die geistige Freiheit zu kennen, welche die geknechteten mit einschließt - sagt er nun: „ihr Saftlosen Lauwarmen, ihr wißt ja nichts von der Kälte der Todesnähe und von der siedenen Glut des neu schießenden Lebens. Geht weit weg. Geht mir weg. Bleibt hinten, denn ich will vorwärts blicken und heiter jauchzen und lachen... Ein wesenloser Gestank - das seid ihr mir.“ Hier meint Landauer die skeptisch, und die christlich bürgerlichen. Die skeptisch - bürgerlichen rechtfertigen ihre Ordnung als unveränderbar, und zwar mit materialistischen Gründen, wogegen die christlich - bürgerlichen die ekelerregende Gegenwart als Gottgewollt rechtfertigen. Diese Bürgerlichen sind, weil sie in dogmatischer Glaubens - und Denkweise verharren, nicht für „Utopien“ zu gewinnen. „Warum lebt ihr? Warum stirbt ihr nicht? Ihr glaubt nicht an das Reich der Schönheit und der Freiheit aller Geborenen, ihr fühlt euch nicht eins mit dem Streben der Knechte... Ich glaube an das Ziel und an die Schönheit und der Freiheit aller Geborenen, ich fühle mich eins mit den Knechten und fühle mich eins mit dem All!“ An das Ziel glauben - das die materialistisch - geistige Freiheit möglich sei - und nicht an den Widersprüchen des verkehrten Lebens zu verzweifeln, ist Karl nun wichtig geworden. Das Leben ist ihm lebenswert, wenn er rastlos daran arbeiten kann die Widersprüche, das verkehrte Denken und Handeln der Vielen, zu entlarven. „O, wenn ihr diese Widersprüche und ihre Notwendigkeit nicht versteht, dann gehet weg von mir und weg aus dieser Zeit und aus diesen Leben“.

Gustav Landauer wußte die Versuche, die Vielfältigkeit des Welterlebens und Gestaltens „in eine Formel zu pressen“, als verkehrte Lebensweise. Das verkehrte Welterleben zeigte sich ihm mit den Dogmen der Religion, der Philosophie, der bürgerlichen und sozialdemokratischen Weltanschauung. Das ganzheitliche Welterleben wird mit Dogmen auf formal, erstarrte Begrifflichkeit reduziert. Hier herrscht das einseitige Zweckdenken, das die anderen Triebkräfte, die des Fühlens und Wollens, vergewaltigt. „Jetzt aber predige ich das Leben. Leben für heut und für alle Ewigkeit. Solange ich lebe, fühle ich mich eins mit allen was lebt... Ich genieße meine Nächsten und genieße mein ahnen des entferntesten... das Treiben der Menschen, der Technik und die Produktion der Bedürfnisse... die Wissenschaft und die Kunst... jetzt ist mir alles wieder interessant... Frei und unbekümmert nehme ich Stellung zu allen, was sich mir naht, und ich lege mein Bekenntnis ab über alles, was mir bekannt wird. Und das ist es, was ich von euch verlange, ihr Führer und Völker: IHR SOLLT BEKENNEN. Ihr sollt nüchterne sein!“ Die „Träumer und die Dichter und Künstler und ihr Männer der Wissenschaft“, ihr müßt die Mannigfaltigkeit des Welterlebens darstellen, ohne Dogmen, ohne erstarrte Begrifflichkeit. Die Dichter, Künstler und Wissenschaftler kennen dogmatisches Denken als Verhinderung  ganzheitlicher Welterfahrung. Die Wissenschaften, mit ihren Resultaten der „Dampfmaschinen, Dampfschiffe und Eisenbahnen, Elektrizität und rationale Landwirtschaft“ sind bereits fortgeschritten. Aber: „welcher Umschwung in der GEISTIGEN KULTUR entspricht dieser riesenhaften Veränderung im Verkehr und in der Herstellung der Bedürfnisse des Lebens und des Genusses? Und welche sollte ihr entsprechen? Und welche wird ihr entsprechen?“ Gustav Landauer wußte bereits: Wird der wissenschaftlichen Entwicklung, und deren Anwendung in der Gesellschaft bürgerlich entsprochen, bleibt geistige Freiheit nur einigen Künstlern und Wissenschaftlern vorbehalten. Er weiß aber auch: Wird der wissenschaftlichen Entwicklung sozial entsprochen, kann materialistisch - geistiges Weltgestalten allen Menschen zu kommen. Wissenschaft, und Kunst müßten den gegenwärtigen Menschen von seinem verkehrten Denken und Handeln befreien. Der Mensch müßte sich und die Welt nicht mehr dogmatisch vereinnahmen, sondern ganzheitlich, eben sozialwissenschaftlich - künstlerisch gestalten. Und dieses ist möglich! Trotz aller Widersprüche! Trotz Dogmen! Ganzheitliches Denken und Handeln ist möglich, weil: „sie noch nicht tot ist, die Göttin der Vernunft, sondern erst beginnt sich zu Dehnen und auf sich selbst zu besinnen“, z. b. nicht allmähliche Entwicklung, wie das dogmatische Denken postuliert, sondern die jederzeit mögliche vernünftige Besinnung bringt die ganzheitliche Weltgestaltung zur Wirklichkeit. Mathematische Wissenschaft, und lebendige Kunst sind nur dann in Gegenwart und Zukunft gestaltende Kräfte, wenn sie aus dem ganzheitlichen Welterleben geschöpft sind, und nicht aus einseitigem Zweckdenken.

„Meine Freunde, ich habe euch in dieses harte Eisland geführt, um euch eine Grenze zu zeigen. Hier ist die Grenze des Begriffs und des Wortes und der Logik. Wer bis dahin gekommen ist mit seinen Denken, der muß sich entscheiden: will er ein kalter sein oder ein warmer?“ Wird die Welt mit Dogmen auf tote Begrifflichkeit reduziert, ist ganzheitliches Denken und Handeln, ist schöpferische Gestaltung der Welt, nicht mehr möglich. Mit dogmatischer Denkweise ist der Mensch ein kalter geworden. Wird menschliches Zweckdenken nicht vom Fühlen, vom Willen isoliert postuliert, wird also die Welt mit ganzheitlichem Wissen und Handeln gestaltet, kann der Mensch sich, und die Welt nach dem utopischen Ideal, dem „Übermenschen“, verwandeln. Gustav Landauer setzte hier auf eine Wahlmöglichkeit des Menschen. Er fordert: „Ihr seid auf den falschen Weg zu weit vorgegangen; wollt ihr den rechten Punkt finden, so müßt ihr wieder zurück... Und das heißt mir soviel ihr sollt keine einzigen sein, ihr sollt euch gesellen, ihr sollt lebendig leben und den Tod den Tod überlassen.“ Die Wissenschaftler und Künstler müßten mit ihren jeweiligen Möglichkeiten die Widersprüche der Welt, die auch die Widersprüche des Menschen sind, und die mit dem dogmatischen Glauben und Denken entstanden sind, überwinden. Die Wissenschaftler und Künstler, als Repräsentanten schöpferischer Denkweise, müßten darstellen was jenseits der widersprüchlichen Welt vorhanden ist. Jenseits der verkehrten Weltverständnisse befinde sich die ganzheitlich wissenschaftlich - künstlerische Mannigfaltigkeit der Welt. Seiendes bedarf des ganzheitlichen Seins. Dieses verstehen die Arbeiter und ihre Führer nicht. Ihre Wahrheiten, des Klassenkampfes z. b. und der selbsteigenen, objektiven Weltentwicklung sollen keine Wahrheiten sein? Niemals! Das geht über ihr Verständnis, seien sie nun marxistisch geschult oder nicht.  „Heute aber wende ich mich an ganz andere Menschen; heute rede ich zu der zweifelhaftesten und bedenklichsten Menschensorte, zu den Träumern und Denkern aus der Bürgerlichen Welt. Es ist nicht der Vortrab des Bürgertums, es sind nur Vereinzelte, die sich seitwärts schlagen, dahin und dorthin, und die alle gemeinsames haben. Ich möchte sie sammeln im Felde der Zukunft; im Lager des Proletariats; die höchste, fast schon überdrüssige Kultur möchte ich vermählen der jungen Kraft des vorwärts stürmenden Aufschwunges... Zugleich bin ich bei den Zigeunern des Bürgertums, die ich aufmuntern will meinen Weg zu betreten und zugleich bin ich beim jungen Proletariat, dem ich die Freiheit bringen will, jetzt nicht die ökonomische, die es selbst erringen wird, nein, die Freiheit des einzelnen, der kühn und unbesorgt allen entgegen blickt“. Landauers Kulturoptimismus ist nicht mit der marxistischen Sozialdemokratie, und auch nicht mit bürgerlichen Interessen zu verwirklichen. „Utopien“ können nur Menschen wichtig werden, welche die verkehrten Weltverständnisse als der „Utopie“ entgegenstehendes kennen. Diese Einsicht ist nicht von einer Klassenangehörigkeit abhängig, entscheidend ist allein der Befreiungswille von der ekelerregend empfundenen Gegenwart, und der Wille für soziale Verhältnisse zu kämpfen. Die „Utopie“ kann jeden Menschen wichtig werden. Landauer/Starkblom möchte die „Idealisten und Anarchisten“ in einer Gemeinschaft, die über den Klassengegensätzen steht, sammeln. Das Motto dieser Gemeinschaft sei die Verwirklichung ganzheitlichen Weltgestaltens. Diese Gemeinschaft müßte sich aus entwurzelten bürgerlichen, denen die „soziale Frage“ wichtig ist, und aus entwurzelten Arbeitern, denen die Dogmen der Sozialdemokratie zuwider sind, zusammensetzen. Hier könnten geistige Waffen geschmiedet werden, diese müßten dem Bürgerlichen ebenso wichtig sein, wie dem Proletariat. Die Arbeiter benötigten die wissenschaftlich - künstlerische, kulturoptimistische Perspektive. Damit könnten sie den ökonomischen Befreiungskampf selbstbewußt führen. „Ich schwanke nicht von einen zum andern, in mir sind die Gegensätze vereint, und widerspruchsvoll ist nur das Wort und nicht das Leben. Mein Leben ist jung und reich, folge mir nach, wer kann!“

Die Verwirklichung des Kulturoptimismus stand im Zeichen der Politik. Im Frühjahr 1892 ist Gustav Landauer vom politischen Weg der Verwirklichung überzeugt. Wir sahen den jungen Landauer mutig seinen Weg gehen. Seine frühe Entwicklung läßt sich mit den frühen Aufsätzen, und dem Revolutionsroman belegen. Der Aufsatz „Die Religiöse Erziehung“, und die frühen Artikel zur Kunst zeigen seinen wissenschaftlich - künstlerischen Kulturoptimismus. Das Kapitel eins bis fünf des „Todespredigers“ zeigen Gustav Landauers politischen Pessimismus. Im sechsten Teil wird der politische Ausweg aufgewiesen. Mit den frühen Aufsätzen, und dem Roman zeigt Gustav Landauer seinen wissenschaftlich - künstlerischen Kulturoptimismus literarisch. Dieser literarische Kulturoptimismus soll aber in der Welt realisiert werden. Die Verwirklichung des sozialen Kulturoptimismus wurde Landauer wichtig. Die Realisierung erhofft Landauer innerhalb des politischen Raumes. Nicht mit der bürgerlichen, und auch nicht mit der sozialdemokratischen Politik, sondern mit der revolutionären Arbeiterschaft. In dieser Frühphase sind bereits viele Gedanken angedeutet, die Landauer ab August 1892, mit den Aufsätzen im „Sozialist“, konkretisierte. Die Zeitschrift der „Unabhängigen“ baut er dann in seinem Sinne aus. Der bürgerlich entwurzelte Utopist Gustav Landauer (nicht der bürgerliche Pessimist!) zeigt im „Sozialist“ der im dogmatischen Denken und Handeln beharrenden Arbeiterschaft seine Sache. Landauer möchte den Geknechteten die geistigen Grundlagen ihres ökonomischen Freiheitskampfes aufzeigen. Mit dieser Sache ist Gustav Landauer nicht mehr im unproduktiven politischen Pessimismus befangen. Seine Sache ist die Verwirklichung des sozialen Kulturoptimismus, der „Utopie“, geworden. Damit verabschiedete er sich von seinen bürgerlich selbstmörderischen Leidenszustand.

Mit der politischen Verwirklichung seines Kulturoptimismus steht Gustav Landauer aber zwischen den Mächten, welche seine Gegenwart gestalteten. Für Landauer sind die Vorraussetzungen der Sozialdemokratie - ihr dogmatisches Denken, ihr Parlamentarismus - widersinnig. Die beiden Säulen der Sozialdemokratischen Partei stehen der politischen Verwirklichung wissenschaftlich - künstlerischer Weltgestaltung entgegen. Damit ist klar, das Gustav Landauer nicht in den Reihen der Sozialdemokratie steht. Aber auch auf der Seite des Bürgertums steht er nicht. Deren Verteidigungen, und Rechtfertigungen der bestehenden Verhältnisse ekeln ihn an. Das bürgerliche Interesse steht seiner wissenschaftlich  - literarischen „Utopie“, die er nun politisch realisieren möchte, völlig entgegen. Deswegen kann Landauers wissenschaftlich - künstlerisches Verständnis weder das Sozialdemokratische, noch ein Bürgerliches sein. Die „Utopie“, die Verwirklichung ganzheitlichen Welterlebens, ist immer das Noch - Nicht in der bestehenden bürgerlich - demokratischen Ordnung.

Soziale Wissenschaft, und soziale Kunst sind keine Sache eines beschränkten Klassenverständnisses; sie sind Mittel der Befreiung von dogmatischen Denken/Glaubens und Handelns. Die Verwirklichung wissenschaftlich - künstlerischen Weltgestaltens, mit Hilfe undogmatischen Welterlebens, ist Gustav Landauers utopisches Projekt. Das verkehrte Denken und der verkehrte Glaube, sowie dessen Moral soll überwunden werden. Jüdisch - Christliche Weltanschauung, das metaphysische Denken Spinozas, das Entwicklungsdenken Hegels, der Pessimismus Schopenhauers, der ästhetische Kunstbetrieb, die dogmatische Sozialdemokratie, der bürgerliche Staat soll überwunden werden. An Stelle mannigfaltigen Aberglaubens könnte der „Übermensch“ und die soziale Ordnung stehen. Nicht Nietzsches antikes Menschenverständnis, sondern seine leidenschaftliche Kulturkritik wurde Gustav Landauer wichtig. Die utopische Freiheit soll leben. Der soziale Kulturoptimismus müßte in der, vom verkehrten Denken und Handeln beherrschten Wüste des deutschen Kaiserreiches, politisch verwirklicht werden. Landauer gestaltete den Kulturoptimismus ab August 1892 nicht mehr literarisch, sondern mit der Zeitschrift  „Der Sozialist“, politisch. Er setzte auf den revolutionären Teil der Arbeiterschaft, den „Unabhängigen Sozialisten“. Nicht ein Parteiprogramm wird Landauer verwirklichen helfen, sondern er kämpfte für die Befreiung vom dogmatischen Denken. Mit dieser Befreiung könne die ekelerregende Gegenwart, im Lichte der „socialen Frage“, leidenschaftlich verwandelt werden.

2. 1892 – 1894  Frühe politische Aktivität und erste Gefängnisbesinnung

Die politische Verwirklichung des Kulturoptimismus

Ab Juni 1892 lebte Gustav Landauer wieder in Berlin. In Urach gestaltete er, mit dem Revolutionsroman „Der Todesprediger“, seinen politischen Standort literarisch. Am 24. 2.1892, bevor Landauer nach Urach ging, trat er dem „Verein der Unabhängigen Sozialisten“ bei. Dieser „Verein“ wurde von den sogenannten „Jungen“ 1891 gegründet. Ihnen war wichtig den Parlamentarismus, dem sich die sozialdemokratischen Führer immer mehr annäherten, als der revolutionären Sache der Arbeiterschaft entgegenstehend zu verurteilen. Ihr Kampfblatt war der „Sozialist“. Februar 1892 trat Gustav Landauer dem Herausgeberkollektiv bei. Am 20.  8. erschien, ungezeichnet sein erster Artikel „Die moralische Sozialdemokratie“. Im selben Monat besprach Landauer Eugen Dührings „Kursus der National- und Sozialökonomie“, am 22.10 läßt er den Aufsatz „Dühringianer und Marxisten“ folgen.

Mit diesen drei Artikeln konkretisierte Gustav Landauer die im „Todesprediger“ angezeigte „Utopie“. Das der Kämpfer für die „Utopie“ nur dieser, und nicht den bürgerlichen Einrichtungen, sich verpflichtet weiß wird im Moralartikel gezeigt. Die Gerichte und deren Urteile sind bürgerliche, die bereits von der Sozialdemokratischen Partei anerkannt werden. Dem „atheistisch - sozialistischen Arbeiter“ ist diese sozialdemokratische Haltung ein Verrat der „Utopie“. Dem utopischen Kämpfer ist nicht der bürgerliche Staat das wichtigste, ihm ist sein Streben nach der Verwirklichung des aberglaubensfreien „Übermenschen“, dem sich mit  wissenschaftlich - künstlerischen Weltgestalten genähert wird, das wichtigste. Gegen dieses revolutionäre Menschenverständnis, mit der die bürgerliche Ordnung bekämpft wurde, ging die politische Polizei des Kaiserstaates vor. Der erste Artikel, der mit Landauer gezeichnet ist, stellt ein „Referat über Eugen Dührings Kursus der National- und Sozialökonomie“ dar. Dührings Buch, und die Lehre Karl Marx kommen in der Sache zum gleichen Resultat: Die bürgerliche Arbeit verknechtet den arbeitenden Menschen, damit werde ihm die Freiheit genommen. Beide Autoren gehen aber von unterschiedlichen Standpunkten aus, auch ist die Darstellung des Kapitalismus unterschiedlich. Dühring schreibe begrifflich anschaulicher als Marx, der „die Verwandlung lebendig fließender Realitäten in tote und feste Begriffe“ betreibe. Damit leiste Karl Marx dogmatischer Denkweise Raum, das mannigfaltige Welterleben werde mit toten Begriffen vereinnahmt. Die Kräfte zur Verwirklichung des Kulturoptimismus werden damit eingeschränkt, oder gar verhindert. Gegen diese Tendenz bei Marx wendet sich Gustav Landauer. Dühring dagegen beschreibe die Welt mit anschaulich, lebendigen Begriffen. Die Begriffe, mit denen wir ja die Dinge der Welt denken, soweit sie uns - gemäß unserer materialistischen Sinnenstruktur -  bewußt wurden, müssen anschauliche sein. Dieses ist Landauer wichtig: Wird lebendiges, sinnlich anschauliches Denken auf leere, abstrakte Begrifflichkeit reduziert, wird die Welt nicht mehr ganzheitlich erlebt. Das lebendige Welterleben ist nicht vor dogmatischer Denkweise gefeit. Marx schreibt abstrakt: Kapitalistische Ausbeutung beruht auf „Erzeugung des Mehrwertes“. Einfacher Dühring: Kapitalistische Ausbeutung beruht auf „Aneignung, welcher keine Gegenleistung entspricht“. Je mehr die abstrakte Begrifflichkeit zunimmt, um so mehr besteht die Gefahr dogmatischen Denkens. Warum? Mit unanschaulichen Allgemeinbegriffen wird nicht mehr das unmittelbare, lebendig sinnliche Welterleben ergriffen, sondern davon abstrahierte, tote Worte. Die menschlichen Affekte, die Träume, Wünsche... finden mit verkehrtem Denken keine realistische Basis. Die menschlichen Leidenschaften sind aber vorhanden, und diese müssen, auch für den zu verwirklichenden Kulturoptimismus, berücksichtigt werden. Wird der Einfluß der Affektionen nicht für das aberglaubensfreie, d. h. anarchistische Denken realistisch beachtet, fehlt dem Sozialismus auch der leidenschaftliche Wille zur Verwirklichung der „Utopie!“

Gustav Landauer grenzt sich von einer abstrakt dogmatischen Terminologie, die er im Ansatz bei Karl Marx findet, ab. Das Resultat dogmatischen Denkens ist erstarrte Begrifflichkeit, mit welcher der menschliche Verstand die Welt einseitig rational reflektiert. Landauer hat aber nicht nur gegen Marx Vorbehalte, auch Dühring wird kritisiert. Wenn Dühring gegen Menschen hetzt ist Landauer nicht mehr auf Seiten Dührings. Gustav Landauer versuchte die Kritik am Kapitalismus, und deren unterschiedliche Darstellungen sachlich zu erfassen. Die sachliche Auseinandersetzung, ob diese für die „Utopie“ gewinnbringend ist, entscheidet über das Urteil der Autoren und deren Werke. Nun zum inhaltlichen des Textes. Dühring legt dar:

  1. Der „Nationalreichtum“ gehört nicht der Nation, sondern einem kleinen Teil der Nation, den Bürgerlichen.
  2. Die Anwendung technischer Erfindungen auf die Arbeitswelt hatte nicht zur Folge, das alle Menschen frei wurden. Die  Bürgerlichen, in dessen Besitz die Technik ist, haben den Sklaven der Handarbeit in den Sklaven der Maschine verwandelt.
  3. Nicht der Welthandel schafft den Reichtum, sondern die nationale Wirtschaft, welche „ein eignes reichhaltiges Leben“ aufweist.
  4. Das Bürgertum, mit Hilfe der Technik, des Bodenbesitzes „wirtschaftet durch das Volk, nicht aber für das Volk, denn sie lassen ihm freiwillig nicht mehr als was auch die Maschine beansprucht“.
  5. Das Bürgertum sichert seine Macht auch moralisch, z. b. mit der These, der Mensch sei ein Raubtier, sei.
  6. Die Entlohnung des arbeitenden Menschen, die nach den Interessen des Bürgertums geregelt wird, entspricht nicht der geleisteten Arbeit. Dieses ungerechte Entlohnungssystem ist kein endgültiges, vielmehr umfaßt dieses die Unruhe der Ausgebeuteten.
  7. Setzt das Bürgertum seine Interessen mit der Technik durch, lebt die Allgemeinheit gemäß angewandter bürgerlicher Technik.
  8. Die „Arbeiterbündnisse“, welche für die Verbesserung der Löhne und der Verkürzung der Arbeitszeit sich einsetzen, sind eine Folge der bürgerlichen Interessen.
  9. Das Individuum ist mehr als das bürgerliche und Gemeininteresse. Es ist auch mehr als staatliche Macht, der Mensch, nicht das Dogma macht lebendige Geschichte.

Mit diesen Ausführungen ist die Verwirklichung des Kulturoptimismus politisch geworden: Der Nationalreichtum, welcher auf der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft beruht, und von bürgerlichen Interessen mit der Moral, dem Staat, der Technik abgesichert wird, muß von unterdrückten Menschen überwunden werden. Das Verhältnis des Raubes und Abspeisung, das mit den bürgerlichen Absichten geregelt wird, enthalte den Hebel zur Entmachtung des Bürgertums. Wird Ausbeutung und Entlohnung nicht mehr im bürgerlichen Sinne beurteilt, sondern mit dem zu verwirklichenden Kulturoptimismus, könnte die ekelerregende Gegenwart überwunden werden. Das ganzheitliche Welterleben, welches die libertär sozialistische Kultur verwirklicht, kann und müßte bereits heute aktuell sein. Diese Sache müßte der deutschen Arbeiterschaft nahegelegt werden, dieser Aufgabe widmete sich Gustav Landauer in diesen Jahren. Mit den theoretisch - politischen Texten, die er im „Sozialist“ veröffentlichte, sollte die Arbeiterschaft geistig aufgeklärt werden. Nicht mehr der bürgerliche, und auch nicht mehr der sozialdemokratische Mensch, sondern der individuelle Mensch, der die materialistisch - geistige Freiheit, das ganzheitliche Weltgestalten lebt, sollte sein.

Am 22.10.1892 erschien im „Sozialist“ der Aufsatz „Dühringianer und Marxist“. Marx, obwohl er sein System weitgehend in starren Begriffen darlegte, sei ein großer, leidenschaftlicher Denker. In seiner Denkweise liege aber auch gefährliches. Groß ist sein Denken, weil Marx die Vielfalt der Welt systematisch - begrifflich, formulierte. Mit seiner materialistischen Begrifflichkeit versuchte er die Welt und den Menschen, ohne dem Welterleben seine Ganzheit zu nehmen, exakt wissenschaftlich zu begreifen. Vor diesem leidenschaftlichen Denker verblaßt Eugen Dühring, im fehle begriffliche Systematik. Dühring denkt mehr in „enzyklopädischer Manier“. Karl Marx sei nicht der Begründer einer materialistischen Dogmatik, obwohl er eine Neigung zu dieser besitzt - die Vielfalt des Welterlebens auf Dogmen zu reduzieren. Vielmehr strebte er eine „unweigerliche, unwiderlegbare Erkenntnis der Vergangenheit und Gegenwart, aus der sich die Zukunft mit mathematischer Sicherheit ableiten ließe“, an. Die Größe Marx bestehe mithin darin das er diese Erkenntnis nicht verabsolutierte. Die Absolutsetzung relativer Begriffe, und deren systematischer Ausbau zur „materialistischen Geschichtsschreibung" wurde erst von seinem Nachfolger, der marxistischen Sozialdemokratie betrieben. Die „Marxisten“ reduzieren das Welterleben auf starre Begrifflichkeit, die von anarchistischer Denkweise als politischer Dogmatismus aufgedeckt wird. Marxistisches Denken und Handeln vereinnahme ganzheitliche Lebensweise. Dann wird nicht mehr ganzheitliches Erleben, welches die Welt erst lebenswert gestaltet in Macht stehen, sondern nur noch das vom egoistischen Verstand beherrschbare wird dann gelten.

Wird die Welt auf das Dogma der „Marxisten“ reduziert, ist der Sozialismus, der doch als Kulturoptimismus leidenschaftlich verwirklicht werden soll, keine Sache mehr für die Kämpfer der „Utopie“. Um den Menschen aus der „alten Schablone“ zu befreien, muß jegliches Dogma der anarchistischen Denkweise entgegenstehend gewußt werden. Der kalte Sozialismus werde z. b. vom Marxisten Paul Ernst und dessen Aufsatz „Die Wissenschaft der Sozialdemokratie“ repräsentiert. Ernst meint die Welt auf Mathematik reduzieren zu können. Auch Gustav Landauer zeigte in seinem frühen Religionsaufsatz das der Mathematik, für die Erklärung der Welt, eine wichtige Rolle zukommt. Der gewichtige Unterschied zu Ernst besteht aber darin, das Landauer die Methode, und die Resultate der Mathematik nicht verabsolutiert. Wird sinnliches mit Hilfe der Mathematik quantitativ erfaßt, ist damit keine absolute Erkenntnis gewonnen, sondern lediglich materialistisch - systematisches lebenspraktisches Wissen. „Marxisten“ dagegen räumen der Mathematik einen absoluten Stellenwert zu, sie verzerren damit ganzheitliches Welterleben. Mit dieser Reduzierung, hier also die mathematische und nicht die begriffliche, wird die politische Verwirklichung der „Utopie“ behindert. Paul Ernst „redet nur von der Wissenschaft und der Selbstbewegung der Realitäten“. Konkret bedeutet dieses: Der Arbeiterschaft steht es nicht zu, wegen der dogmatisch mathematischen Welterkenntnis, die als materialistische Geschichtsschreibung postuliert wird, geschichtlich gestaltende Macht zu sein. Die „Marxisten“ verhindern damit den revolutionären Impuls der Arbeiterschaft, sie unterdrücken die Verwirklichung des Kulturoptimismus. Sie setzen nicht auf die politische Verwirklichung der „Utopie“, sondern auf jenes Geschichtsverständnis das sich, unabhängig vom leidenschaftlichen Befreiungswillen, als materialistischer Entwicklungsprozeß mathematisch erkennen ließe. Marxistisches Denken beruht auf der Verabsolutierung der Mathematik und der Sinnlichkeit; damit wird die Revolution der Arbeiterschaft zu einen unproduktiven geschichtlichen Bestand degradiert. Dieser verkehrten Denkweise fehlt die Einsicht das der Mensch, mit Hilfe von Mathematik und sozialer Kunst, seine Geschichte ganzheitlich gestalten könnte. Das Mathematik den Gang der Welt, unabhängig vom menschlichen Gestaltungswillen bestimmen könnte: Diese Annahme bezeichnet Gustav Landauer eine „kranke Resignation“. Diese Resignation ist die Folge davon das der Mensch nicht mehr ganzheitlich lebt. „Utopien“ zu schildern, und zu verwirklichen, und damit die verkehrten Denkweisen zu überwinden, gilt den „Marxisten“ - weil sie die absolute Erkenntnis postulieren - als Unsinn. Sie setzen auf verabsolutierte mathematisches Erkennen einer geschichtlichen Entwicklung.

Gegen diese verkehrte Sozialdemokratische Denkweise setzte Gustav Landauer seinen Kulturoptimismus. Der Mensch liebt das, was er erstrebt, und dieses ist immer mehr als sein begriffliches Verstandeswissen erfinden kann. Wird vom ganzheitlichen Welterleben, daß das materialistisch Gewollte und Gefühlte berücksichtigt, der Verstand isoliert, wird die Wahrnehmung der Welt auf dogmatische Begrifflichkeit reduziert. Die Sozialdemokratie nimmt ein Entwicklungsgesetz nicht als These, sondern als Dogma. Die „Marxisten“ mechanisieren mit dem Entwicklungsgesetz die menschliche Geschichte und berauben damit der „Utopie“ ihre Macht. Diese Haltung teilt die dogmatisch - materialistische Sozialdemokratie mit dem „extremen Konservatismus“. „Die Konservativen sagen: Alles was ist, ist gut, denn es hat sich historisch entwickelt. Die Marxisten sagen: Alles was werden soll ist gut denn es hat sich historisch entwickelt“. Richtig ist „ Alles was bisher geschehen ist, ist nicht ohne bedingende Ursache geschehen, die wir nachträglich vielfach erkennen können“. Gustav Landauer setzt gegen die verabsolutierten Verallgemeinerungen entwicklungsgeschichtlichen Wissens eine wissenschaftlich - künstlerische Bescheidenheit, die  ganzheitliches Welterleben berücksichtigt. Ganzheitliches Leben kennt den menschlichen Willen immer als materialistisch verursachten, der mit dem Gefühlten und Gewußten unzertrennlich verbunden bleibt. Diese Einsicht kann von keiner Theorie verhindert werden. Auch nicht mit dem dogmatisch - marxistischen Dogma, sondern damit zeige sich „die schwächliche Natur“ des Menschen! Mit der Einsicht in die materialistische Verursachung menschlichen Strebens wird der Wille materialistisch determiniert gewußt. Materialistisches Wissen und materialistischer Wille sind identisch. Dieses Wissen ist nicht nur von gegenwärtigen Eindrücken beeinflußt; unser Wissen ist ebenso von der Vergangenheit und Zukunft geprägt. Ganzheitliches Welterleben berücksichtigt nicht nur wissenschaftlich rationale Verstandeskraft, sondern auch Gefühltes und Gewolltes, das künstlerisch gestaltet werden könne. Die „beschränkte Natur der menschlichen Erkenntnis“ wird vom marxistischen Denken verkannt: Dagegen verlangt Gustav Landauer: „Wir brauchen noch größere und kühnere Geister und vor allem muß überall in den Massen der einzelne zum Bewußtsein seiner Kraft und Besonderheit kommen“. Landauer versteht sich als einer von diesen kühneren Menschen. Damit die „Utopie“, die Verwirklichung der sozialen Kultur in der Gegenwart und Zukunft vorhanden ist, müssten Menschen existieren die jeglichen Dogmatismus bekämpfen. Diese Menschen, vermutete Gustav Landauer, lassen sich in der Arbeiterschaft finden. Die Arbeiterschaft müßte sich vom marxistischen Dogmatismus, und vom Parlamentarismus befreien. Materialistisches Dogma, und Parlamentarismus müßten als Verhinderung der „Utopie“ gewußt werden. Um dieses zu erreichen schrieb Gustav Landauer die drei Aufsätze, damit wurde die Grundlage für die vielen, ab März 1893 folgenden Artikel im „Sozialist“ gelegt.

Gustav Landauer bemühte sich aber nicht nur innerhalb der politischen Sphäre um die Verwirklichung der „Utopie“. Die Verwirklichung ganzheitlichen Welterlebens besitzt auch eine literarische Dimension. Oktober 1892 gründete er mit Bruno Wille die „Neue Freie Volksbühne“. Unabhängig von der Sozialdemokratie war diese Bühne der sozialen Kunst verpflichtet, die literarisch gegen die erstarrte Gegenwart kämpfte. Hier lernte Landauer die Schneiderin Margarethe Leuschner kennen. Die beiden heiraten zwei Monate später. Ebenfalls im Oktober 1892 lernte Gustav Landauer Moritz von Egidy kennen. Von Egidy stammte aus bürgerlichen Kreisen und setzte sich für das dogmenfreie Christentum ein, mit dem die Gesellschaft sozial gestaltet werden könnte. Auch von Egidy versuchte jenseits klassenkämpferischen Denkens und Handelns die Gegenwart lebendig zu gestalten. Diese Begegnung muß für Landauer, auch für sein Verständnis der „Utopie“, wichtig gewesen sein. Bemühten sich doch beide um ein Menschenverständnis das vom dogmatischen Denken und Glauben befreit ist.

Am 2.11.1892 hielt Landauer einen Vortrag mit dem Titel „Max Stirner und der Individualanarchismus“. Der Vortrag „Ist Religion Privatsache“ folgte am 12.12.1892.  Frühjahr 1893 erschien in der Neuen Zeit der Artikel „Bürgerliche Kunst und besitzlose Klasse“, der Landauer zugeschrieben wird. Der Autor tritt für die wissenschaftliche Sozialdemokratie, und für soziale Kunst ein, die mit dem Einfluß der Sozialdemokratie stärker werde. Landauer wußte aber seit 1891 das Kunst mehr ist als Realismus. Das die Sozialdemokratie sich nicht für die „Utopie“ einsetzt wußte Landauer ebenfalls 1891. Deshalb kann dieser Aufsatz nicht von Gustav Landauer geschrieben worden sein. Februar 1893 ist er Redakteur der Zeitschrift „Sozialist, Organ der unabhängigen Sozialisten“. Die Gestalter dieser Zeitschrift verstanden sich als antiparlamentarisch. Ihnen ging die Kluft zwischen Arbeiterschaft, und sozialdemokratischer Führung auf; die Parteispitze befasse sich nicht mehr um die Revolution der arbeitenden Menschen. Diese politische Kluft, die Landauer bereits im „Todesprediger“ literarisch beschrieb, nutzte er für die Durchsetzung des sozialen Kulturoptimismus. Mit dem „Sozialist“ ergab sich die Möglichkeit nicht nur den Parlamentarismus als utopiefeindlich aufzuzeigen. Seit dem Roman, und besonders mit den drei frühen Sozialistartikeln kannte Landauer die marxistische Dogmatik ebenfalls als Verhinderung des sozialistischen Ideals. Er mußte also den „Sozialist“ um die Kritik an den Dogmen ergänzen! Dogmatisch marxistische Wissenschaft und Parlamentarismus, ergo dogmatisch - politisches Denken und Handeln, müßte der Arbeiterschaft auf ihren Weg zur Freiheit, als der „Utopie“ entgegenstehend gezeigt werden. Das der soziale Kulturoptimismus von selbstbewußten Arbeitern, die den Stellenwert ökonomischer Verhältnisse realistisch einschätzen, verwirklicht werde: Dafür nutzte Gustav Landauer den „Sozialist“. In diesem Sinne arbeitete Landauer seine, dort veröffentlichten, Texte heraus.

Diese Verwirklichung der „Utopie“, die sich also im politischen Raum realisieren sollte, stand nicht nur zur Sozialdemokratie, sondern auch zu einigen „Unabhängigen“ in Opposition! Vor diesen Hintergrund muß der Aufsatz „Wie nennen wir uns?“ vom 1 .4.1893 verstanden werden. Denn hier liegen die Grundlagen für ein adäquates Verständnis von Sozialismus und Anarchismus. Vom Anarchismus wollten viele „Unabhängige“ nichts wissen. Dieses unterschiedliche Verständnis innerhalb der „Unabhängigen Sozialisten“ zeigte sich bereits mit den Artikeln vom 8. 4. und 15. 4.1893. Diese unterschiedlichen Auffassungen erreichten am 18. 6.1893 einen Höhepunkt. Zuvor aber zum Aufsatz vom 1. 4.1893. Innerhalb der „Jungen“ waren zwei Lager vorhanden, und zwar die Anarchisten und die Unabhängigen. Wer marxistische Dogmatik und Parlamentarismus ablehnte, verstand sich als Anarchist. Wer der marxistischen Geschichtsschreibung anhing, aber gegen das Verhalten der sozialdemokratischen Führerschaft in Opposition stand, war Unabhängiger. Den Anarchisten wußte Landauer sich zugehörig; aber nicht kritiklos. Konkret: Die konsequente Ablehnung der Sozialdemokratie enthält keine Perspektive. Mit der Verneinung der Partei ist zwar der erste Befreiungsschritt gegangen, dieser Verneinung müßte aber zugleich positives, eben der zu verwirklichende soziale Kulturoptimismus folgen! An Stelle der sozialdemokratischen Partei müßte sich die Arbeiterschaft in selbstgeschaffenen Gewerkschaften zusammenfinden, und für die „Utopie“ kämpfen. Die politische Verwirklichung des sozialen Kulturoptimismus könnte sich mit dem anarchistischen Flügel der „Unabhängigen Sozialisten“ konkretisieren. Den Unabhängigen steht Landauer skeptischer gegenüber. Diese lehnen zwar den Parlamentarismus, nicht aber die marxistische Dogmatik ab. Er setzte dennoch auf die nichtanarchistischen Unabhängigen. Sie könnten sich ebenfalls der „Gestaltung einer zukünftigen freien Gesellschaft“ widmen. „Wenn die Dinge aber so liegen,... dann ist... die Frage aufzuwerfen und zu beantworten: Wie nennen wir uns? Anarchisten oder unabhängige Sozialisten?“ Für Landauer war klar: „Nennen wir uns Anarchisten und kämpfen wir solidarisch mit unseren revolutionären Genossen aller Länder!“ Gegen dieses Verständnis eines aufzubauenden Anarchistischen Sozialismus argumentierte ein Unabhängiger. In einen Brief vom 8. 4. wird der Anarchismus für die marxistische Wissenschaft abgelehnt. Ein weiterer Beitrag kam am 15. 4. von W. Wiese, der Landauer nahe stand. Alle Sozialisten seien sich einig: Der Sozialismus ist  gesellschaftliches „zusammenarbeiten zum Zwecke der Güterproduktion“. Unterschiedlich wird aber die Frage beantwortet: Wie soll die gemeinschaftliche Güterproduktion strukturiert sein, staatssozialistisch, demokratisch - sozialistisch oder anarchistisch - sozialistisch?

Nun zum Text vom 15. 4.1893. Die deutsche Arbeiterschaft sei immer anarchistisch und sozialdemokratisch gewesen. Mit dem Etablieren der Sozialdemokratie bekamen die Anarchisten nicht nur die Bürgerlichen, sondern auch die sozialdemokratische Parteipolitik zum Gegner. Seitdem behauptet die Sozialdemokratie das Anarchisten keine Sozialisten seien. Mit dieser Behauptung wird aber die Sache der Anarchistischen Sozialisten völlig mißverstanden: Das dogmatische Denken zu bekämpfen und eine freiheitliche Gesellschaft zu verwirklichen. Mit der Sozialdemokratie kann dieses utopische Ziel aber nicht verwirklicht werden. Sie ist seit ihrer Etablierung für das Bürgertum hoffähig geworden. Vereinnahmte Arbeiterschaft und korrupte Arbeiterführer, sowie Bürgerliche haben mit dem Parlament eine gemeinsame Basis gefunden, die der „Utopie“ nicht würdig ist. Die Verwirklichung der sozialen Kultur ist nur mit dem ganzheitlichen wissenschaftlich - künstlerischen Geist möglich, der sich, u. a. in den von Arbeitern geschaffenen Einrichtungen manifestieren könnte. Gustav Landauer stellte der Sozialdemokratie und den Unabhängigen den Anarchistischen Sozialismus entgegen. Mit den Ideen Eugen Dührings und dessen Anhänger Benedict Friedländer, sowie der Auseinandersetzung mit Max Stirner, wird dieser Sozialismus verdeutlicht. „Wir wollen also alle zusammen den Individualismus und, um ihn zu ermöglichen durch eine vernünftige wirtschaftliche Grundlage, den Sozialismus“. Das vom Bürgertum, und von der Sozialdemokratie gewünschte Herdentier, sowie die kapitalistische Ordnung könnten überwunden werden. „Es erscheint mir eben absolut sicher, das wir an einen bedeutungsvollen Moment stehen, wo die revolutionären Sozialisten aller Richtungen und aller Länder sich einigen können, gegenüber der Bourgeoisie sowohl, als auch den staatssozialistischen Richtungen. Ich habe meine Stimme erhoben, damit dieser Augenblick nicht ungenützt vorübergehe“.

Die „Utopie“ Gustav Landauers wurde in den Sommermonaten 1893 konkretisiert. In oppositionellen Kräften der Arbeiterschaft fand er die Möglichkeit den Kulturoptimismus voranzutreiben. Abseits bürgerlicher, sowie sozialdemokratischer Interessen versteht sich Landauer als Anwalt und Aufklärer der Arbeiterschaft. Die Arbeiter könnten und müßten den Parlamentarismus, sowie den wissenschaftlichen Dogmatismus als der zu verwirklichenden sozialen Kultur entgegenstehendes kennen. Gustav Landauer verstand sich nun als Anarchistischer Sozialist. Vom Mai 1893 bis Oktober 1893 schrieb er viele Aufsätze im „Sozialist“. Dort verfolgte er leidenschaftlich und konsequent die Entlarvung sozialdemokratischer Führerschaft, die mit dem Parlamentarismus Arbeiter vereinnahmen und zu Herdentieren degradieren. Die Arbeiter könnten aber mutige, herzhafte Kämpfer für die „Utopie“ sein, vom politischen Aberglauben der Gegenwart befreit, könnten sie eine herrschaftsfreie, soziale Gesellschaft aufbauen.

Am 18. 6.1893 traten die inneren Spannungen der „Unabhängigen“ offen zu Tage. Die Anhänger der marxistisch dogmatischen Denkweise trennten sich von den Anarchisten. Der „Sozialist“ wurde damit das Organ der revolutionären Sozialisten. Obwohl Gustav Landauer bereits am 22. 7.1893 die Redaktionsarbeit niederlegte, gestaltete er das Blatt in seinem Sinne. Der herrschaftsfreie Sozialismus, der nicht vom wissenschaftlichen Dogmatismus und dem Parlamentarismus, sondern von einen aberglaubensfreien, d. h. ganzheitlich wissenschaftlich - künstlerischen Weltgestalten bestimmt wird, fand seine Stimme. Das Theorieorgan der Anarchisten müßte mit einer Arbeiterschaft ergänzt werden, welche die Gewerkschaften als „ein vorbereitendes Gebilde für die sozialistische Gesellschaft“ kennen. Die, von den Arbeitern geschaffenen Gewerkschaften, sind die Alternative zur deterministischen Wissenschaft der „Marxisten“ und dem bürgerlichen Staat. Bevor Gustav Landauer die „gewerkschaftlichen Organisationen“ als praktische Alternative zur Sozialdemokratie, sowie zum Bürgertum kannte, wußte er bereits seinen Kulturoptimismus. Mit dem frühen Religionsaufsatz, den Kunstartikeln und dem Revolutionsroman wurde u. a. der Stellenwert der Mathematik, einer sozialen Kunst bestimmt. Diese Einsichten wurden bei der Beurteilung der politischen Gegenwart nicht aufgegeben, im Gegenteil: Diese bestimmten weitgehend Landauers politisches Urteil! Damit unterscheidet sich sein Verständnis, z. b. der Gewerkschaften grundlegend von dem der sozialdemokratischen Partei. Der Sozialdemokratie sind Gewerkschaften ein Mittel ihrer parlamentarischen Machtstellung. Landauer sind Gewerkschaften nur dann revolutionär, wenn sie vom ganzheitlichen Geist der „Idealisten und Anarchisten“ getragen werden. Ist dieser Geist nicht vorhanden, sind Gewerkschaften vom abergläubischen Denken, z. b. dem marxistischen Geschichtsdogma vereinnahmt. Damit wird den Gewerkschaften der Spielraum genommen, mit dem sie die Verwirklichung der sozialistischen Kultur betreiben könnten. Das dogmenfreie Denken und Handeln des leidenschaftlichen Utopisten ist eine Basis, in der eine sozialistische Kultur lebendig gründe. Die Förderung freiheitlichen Denkens wird im „Sozialist“ ebenfalls berücksichtigt. So am 15. 7.1893 in dem Artikel „Die geschmähte Philosophie“. Wissenschaftlicher Sozialismus, mit dem Geschichtsdogma und der Degradierung des Individuums zum Herdentier macht Philosophie nicht überflüssig, sondern im Gegenteil notwendig. Nicht das Dogma, sondern die anarchistisch sozialistische Kultur soll sein. Deswegen muß antidogmatisches Denken auch Philosophisches Denken sein. Der Geist einer sozialen Kultur kennt materialistisches Verstandesdenken nicht als objektives Wissen, z. b. einer marxistischen Entwicklungsgeschichte. Unser materialistisches Wissen ist „nur“ unser begrifflicher Ausdruck unseres Gefühlten und Gewollten. Wird unser körperliches Wissen von den anderen Affektionen gelöst - theoretisch in der Wissenschaft, praktisch mit Moral - kann das Welterleben nicht mehr in seiner Ganzheit gestaltet werden. Das materialistisch ganzheitliche Denken ist der Geist der „Utopie“. Dieser philosophische Geist und der freiheitliche Sozialismus gehören zusammen! Diese Überzeugung ist nicht von einer Klassenangehörigkeit abhängig. Den Aberglauben einer Zeitepoche zu kennen, und diesem widerstehen, sei allen Menschen grundsätzlich, unabhängig von gesellschaftlicher Angehörigkeit, möglich.

Juli 1893 ist Gustav Landauer als Delegierter der Berliner Anarchisten auf dem Züricher Kongreß. Dort vertrat er den anarchistischen Sozialismus. Während er in Zürich weilt, erscheint am 5. 8.1893 im „Sozialist“ der Aufsatz „Etwas über Moral“. Moralvorstellungen repräsentieren den egoistischen Verstand, nicht ganzheitliches Welterleben. Der Aufbau einer freiheitlichen Gesellschaft ist nur mit antidogmatischem Denken und Handeln möglich. Der immanente, und der transzendente Gott, und die damit vorhandenen Vorstellungen sind nur für die daran Glaubenden bindend. Die Begriffe Gott, Moral sind zusammenspekulierte Begriffe, denen sinnlich konkretes nicht entspricht! Konkrete Erfahrungen sind begrifflich - verallgemeinert wurden. Das Ergebnis sind unanschauliche Allgemeinbegriffe, mit denen der Mensch vom ganzheitlichen Leben sich isoliert. Landauer bezeichnet diese, vom sinnlichen Erleben entfremdeten Begriffe, Gott, Moral, Gesetz, Staat, Recht, Ehre eine „zweite Ordnung“ des Denkens. „Ich kann sagen: Gott oder Ehre oder Moral das gibt es nicht; aber dieser Stuhl, der vor mir steht, oder dieses Tintenfaß kann ich nicht leugnen“. Die konkrete Dinglichkeit, in welcher der Mensch - mit seinem körperlichen Bewußtsein - sich immer schon befindet, ist nicht zu leugnen, die Resultate und die Spekulation mit unanschaulichen Begriffen, die aber sind zu leugnen. Das Denken mit leeren Allgemeinbegriffen erreicht die „erste Ordnung“, das ganzheitliche dingliche Welterleben, nicht mehr. Mit den begrifflichen Spekulationen verfällt der Mensch in eine selbst geschaffene Knechtschaft, die ganzheitliche Welterfahrung ist dagegen „nicht in der Lage eine menschliche Knechtschaft zu begründen“.

Mit diesen Texten zeigt Gustav Landauer die geistigen Grundlagen des Sozialismus. Das dogmatische Denken, der zweiten Ordnung zugehörig, verhindert die ganzheitliche Weltgestaltung. Der Kämpfer der „Utopie“ weiß sich dem Denken der „ersten Ordnung“ verpflichtet. Er kennt den Gottesbegriff und die Moralvorstellungen als Reflektion des einseitigen, egoistischen Verstandes. Philosophisches Denken und wissenschaftlich - künstlerisches Weltgestalten gehören zusammen. Anarchistischer Geist, das dogmenfreie, ganzheitliche Denken ist die Vorraussetzung libertären Sozialismus. Anarchistischer Geist und freiheitlicher Sozialismus sind notwendigerweise zusammengehörig. September 1893 hielt sich Landauer im Rheinland und in Westfalen auf. Dort wirbt er für den anarchistischen Sozialismus. Der „Todesprediger“ erschien ebenfalls im September. Landauers Einsatz entging natürlich nicht der politischen Polizei des Kaiserreiches. Nach monatelangen Bespitzelungen, und nach einer Hausdurchsuchung im Oktober 1893 wurde Gustav Landauer verhaftet. Am 1.11.1893 wird er zu zwei Monaten Gefängnis, wegen „Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Staatsgewalt“, verurteilt. Dieses Strafmaß wurde am 22.12. wegen „Aufreizung“ um neun Monate erhöht. Im Gefängnis zu Sorau verbüßte Landauer die Gerichtstrafe, hier schrieb er einige Kapitel der Novelle „Anton Himmelheber“ Geschichte unserer Liebe“. Auch Notizen, die Spätsommer 1895 mit dem Titel „Aus dem Gefängniss - Tagebuch“, im sozialistischen Akademiker veröffentlicht wurden, wurden geschrieben.

Oktober 1893 wurde also die politische Verwirklichung des sozialen Kulturoptimismus zwangsbeendet. Im Gefängnis wurde Gustav Landauer klar: „Ich werde jetzt wieder für mich schreiben“. Dort fand er Abstand zum „Sozialist“. Nicht die tagespolitische Aufklärung der Arbeiter, sondern die geistige Vertiefung ganzheitlichen wissenschaftlich - künstlerischen Welterlebens stand im Vordergrund. Das er ein Mensch der Freude ist, stellte Landauer im Gefängnis fest. Die Zeit des Sozialisten, und sein Einsatz für die Arbeiterschaft, die ihm das Gefängnis einbrachte, wurde nicht bereut, Märtyrer sei er nicht. Landauer rechnete mit der Morallehre Immanuel Kants, sowie dem Pessimismus Arthur Schopenhauer ab. Verabsolutiert systematische Begrifflichkeit, sowie metaphysischer Wille lassen sich mit anarchistischem Geist und den zu verwirklichenden Sozialismus nicht vereinbaren. Landauers Lebensdrang ließ die beiden Philosophen als Theoretiker, denen die „Utopie“ nicht wichtig ist, beurteilen. Die gelehrte Philosophie wurde nicht seine Sache. „Unsere Weltanschauung ist nicht Wissenschaft, nicht bloß Theorie nicht bloß Kopf - sie ist Leben, Herz - Liebe." Stirner, Mackay und Nietzsche waren ihm in der Gefängniszelle näher. Diese Autoren „sind liebende, nur schämen sie sich und verstecken ihr Herz hinter dem Kopf“. Obwohl sie sich gegen das Denken der „zweiten Ordnung“ auflehnten, sind sie doch keine großen Liebenden. Sie kennen nicht die utopische Alternative zur bestehenden, bürgerlichen Ordnung: Die Verwirklichung des Kulturoptimismus, die sich mit dem dogmenfreien Sozialismus manifestiere. Festgehalten wird an Nietzsche, dessen leidenschaftliche Kritik, nicht aber an seinem Menschenbild. Nietzsches Kritik am Bestehenden sei eine Schubkraft des sozialistischen Ideals. Anarchistisches Denken bedeutet die Abwesenheit des verkehrten, dogmatischen Denkens. Mit dem ganzheitlichen Denken und Handeln werde die Herrschaftsfreie Gesellschaft gebaut. Anarchistischer Sozialismus ist die Alternative zum bürgerlich philosophisch - politischen Stumpfsinn, und den sozialdemokratischen Dummheiten. „Mein Leben braucht Abschlüsse, die nicht Abschlüsse sind, sondern Verbindungen mit der Unendlichkeit; nur da bin ich groß erhoben wo ich mich in allumfassender Liebe eins fühle mit dem All der Welt - dann bin ich ganz... Aus sich herausgehen können oder vielmehr - sich selbst hinaustragen in die freie Natur das ist alles was dazu gehört ...“Der Mensch kann sich verwandeln, denn er trägt gar vieles in sich und die besten haben alles bei sich... gehet hinaus ins Freie, öffnet eure Lippen und eure Herzen und - schliesst eure Reihen... Denket an die Ewigkeit und dann an eure Winzigkeit, dann werdet ihr gross leben, als ihr nur vermöget... Alles lebt mit mir... auf das der Sonntag dem gequälten Volk komme!“

Der Nihilismus, der aus Nietzsches Kritik folgt, ist Landauers Sache nicht gewesen. „Nietzsche in Ehren, aber es ist nichts mit der Bosheit, ich kann es nicht. Güte, große unendliche Güte - das thut uns noth, und die will heute so warm aus mir hinausströmen in alle Welt.“ Der anarchistische Sozialist ist der Künder einer neuen Zeit, nicht ein gelehrter Philosoph“: „der Wind, dessen erstes Säuseln wir verspüren will zu einen Geiste werden und voll frischen Geistes und starker Seele müssen die sein die mit den Flügeln des Windes segeln wollen... Die Wirklichkeit wo es sich nicht mehr um Begriffe, sondern um Realitäten handelt ist weit schlimmer als die allerpathetischsten Anklagen vermuten lassen.“ Gustav Landauer war kein Gelehrter, der die Welt philisterhaft auf eine starre Begrifflichkeit reduzieren wollte, sondern ein anarchistischer Sozialist welcher die Welt ganzheitlich erleben wollte. Die Leidenschaften, die menschlichen Affekte wurden berücksichtigt, aber nicht im umfassend systematischen Ethikverständnis Benedictus de Spinoza, sondern als machtvolle Schubkraft für „neue Existenzbedingungen.“ Ganzheitliches Welterleben, nicht eine abstrakt - dogmatische Begrifflichkeit sind ihm weiterhin wichtig: für „den neuen Geist“, mit dem die freiheitliche Gesellschaft aufgebaut werden kann. Mit Moralvorstellungen, die ein Resultat dogmatischen Verstandesdenken sind, können Affekte nicht adäquat verstanden werden. Das wissen wir bereits aus dem Moralaufsatz. Eine revolutionäre Ethik, nicht eine Moral sei Ausdruck ganzheitlichen Welterlebens. Diese Ethik würde die leidenschaftlichen Affekte für die Verwirklichung der „Utopie“ berücksichtigen. Nicht metaphysisch, wie Landauer dem Philosophen Spinoza unterstellt, sondern hinsichtlich einer nichtmetaphysischen Affektenlehre. Das Verhältnis einer revolutionären Ethik zu Moralvorstellungen wurde im Gefängnis zum Thema. Dieses Thema wurde literarisch gestaltet. Davon zeugt die in der Haft begonnene Novelle „Arnold Himmelheber“. In dieser werden zwei Liebende dargestellt, die trotz widriger Umstände, zusammenfinden. Die seit einigen Jahren mit dem Juden Wolf Tilsiter unglücklich verheiratete Judith, und der angehende praktische Arzt Ludwig Prinz verbindet eine innige Jugendliebe. Beide sind von der Sehnsucht erfüllt, das sie sich wieder finden. Arnold Himmelheber, nicht mehr praktizierender Arzt, der Ludwig Arzt zu werden ermöglichte, kennt die Sehnsucht der beiden. Himmelheber gibt seinem Ziehsohn den Tip er sollte das Leben ergreifen und genießen, und zwar gemäß seinen Sehnsüchten. Ludwig gibt eine Annonce auf, in der er eine Frau sucht. Judith meldet sich, und die beiden finden zusammen.

Fünf Kapitel dieser Novelle schrieb Gustav Landauer im Gefängnis. Das sechste, das eine extreme Radikalisierung der Haltung Himmelhebers darstellt, wurde nach der Haft geschrieben. Das moralisches Verhalten das Glück liebender Menschen verhindern kann, zeigt die Novelle, aber auch: Liebe ist stärker als eine bestehende Ordnung und deren Moralvorstellungen. Das Menschen leben, denen das Glück der Menschen wichtiger ist als eine festgefügte Moralordnung wird hier gezeigt. Himmelheber gehört zu den Menschen die der Liebe, nicht der Moral verpflichtet sind. Deswegen kann er sich der Verwirklichung eines besseren Zustandes - hier der Liebe zweier Menschen - widmen. Himmelheber kann den Leidenszustand zugunsten der Liebe beenden. Die Freiheit, die Liebe soll leben - nicht eine moralische Knechtschaft. In dieser Novelle wird der Mensch nicht in Hinsicht der zu verwirklichenden anarchistisch - sozialistischen Gesellschaft gezeigt, sondern als geglücktes Leben zweier Menschen. Leidenschaftliche Befreiung wurde literarisch, nicht politisch gestaltet. Gustav Landauer nutzte die Freiheit der Kunst, nach seinem Ausschluß von den Universitäten des deutschen Kaiserreiches voll aus. Das zeigt das sechste Kapitel der Novelle.

Am 13. 9.1894 wurde er aus dem Gefängnis Sorau entlassen. Die Zeit im Gefängnis brachte eine geistige Vertiefung, die im Rahmen moralischer Vorstellungen - revolutionärer Ethik, literarisch gestaltet wurde. Landauer nahm dort aber auch Abschied vom gelehrten philosophischen Wissen, mit dem die Welt auf starre Begrifflichkeit reduziert wird. Nicht eine Morallehre, nicht der Pessimismus, und auch nicht der Nihilismus, sondern leidenschaftliche Kritik an bestehenden Verhältnissen - die zu überwinden seien - waren Landauer wichtig. Diese leidenschaftliche Kritik war der zu verwirklichenden „Utopie“, den Aufbau einer herrschaftsfreien Gesellschaft verpflichtet. Die Befreiung vom dogmatischen Denken ist eine Vorraussetzung für den zu verwirklichenden freiheitlichen Sozialismus.

3. 1895 - 1899

Im Gefängnis fand Gustav Landauer Abstand zur Arbeiterschaft. Nach der Gefängnisentlassung ging Landauer nicht nach Berlin, sondern in die Schweiz. Dort hielt er sich bis zum 5.1.1895 auf. Das Erscheinen der Zeitschrift "Der Sozialist" - Organ der Revolutionäre" wurde Anfang 1895 eingestellt. In dieser letzten Ausgabe erschien der wichtige Aufsatz  "Die Demagogen der Revolutionszeit" von Gustav Landauer. Der Versuch, in der Schweiz eine abgesicherte Existenz aufzubauen scheiterte, und so finden wir Landauer wieder in Berlin. Der Aufsatz vom Januar zeigt das nicht mehr nur tagespolitische Fragen wichtig wurden. Nicht eine anarchistische Arbeiterschaft, die mit ihren Gewerkschaftsorgnisationen den freiheitlichen Sozialismus verwirklichen könnte, wurde berücksichtigt. Vielmehr wurde die Gegenwart aus der Perspektive geschichtlicher Befreiungsbewegungen wahrgenommen. Der "aufrührerische Bauer", sowie die Hussiten wurden als revolutionäre Kräfte einer geschichtlichen Volksbewegung verstanden. Diese Kräfte konnten sich aber nicht gegen die weltliche Obrigkeit durchsetzen. Die Humanisten und besonders Martin Luther verhinderten die Befreiung des deutschen Volkes von der Obrigkeit. Mit Luther und dem Luthertum wurde zwar die religiöse Befreiung des deutschen Volkes von Rom betrieben, diese Befreiung führte aber nicht zum Aufbau einer freiheitlichen Gesellschaft, sondern zur weltlichen Knechtschaft. Die Revolution der deutschen Bauern wurde mit den Kirchenglauben verhindert. Obwohl diese deutsche Revolution in den Anfängen stecken blieb zieht Gustav Landauer eine positive Parallele zur Arbeiterbewegung. Freiheitsbewegungen werden von einem revolutionären Geist getragen, der die gesellschaftliche Freiheit leidenschaftlich erkämpfen will. Den revolutionären Kräften sei die jeweilige Gegenwart eine unerträgliche. Mit den gegebenen Verhältnissen können sie sich nicht arrangieren. Landauer konkretisierte seinen Kulturoptimismus: mit dem Demagogenaufsatz sind drei grundlegende Faktoren ganzheitlichen Welterlebens vorhanden;

  1. Das vom gegenwärtigen Aberglauben befreite dogmenfreie Denken. Dies ist der anarchistische Faktor.
  2. Die mit diesem anarchistischen Denken zu verwirklichende freiheitliche Gesellschaft. Dies ist der sozialistische Faktor.
  3. Der ewig "neue Geist". Dies ist der geistige Faktor des anarchistischen Sozialismus.

Die anarchistische Haltung wurde bereits mit den Revolutionsroman "Der Todesprediger" gezeigt. Dieser Anarchismus, der sich mit dem leidenschaftlichen Befreiungswillen von einer ekelerregenden bürgerlichen Gegenwart literatisch manifestierte, verblieb im Roman ein negativer. Dort wurde mit dem Kapitel "Utopien", der in Berlin geschrieben wurde, ein möglicher Ausweg angedeutet. Landauers politisch aktive Berliner Zeit brachte dann die notwendige Ergänzung zum literarischen Anarchismus. Mit den "Unabhängigen" erhoffte Landauer seinen Kulturoptimismus politisch zu verwirklichen. Die leidenschaftliche Gegenwartskritik, die unstillbare Sehnsucht nach einer libertären Gesellschaft ist ein wichtiger Faktor, der aber nicht ausreicht um die Revolution voranzutreiben! Der anarchistische Sozialismus beziehe seine eigentliche Kraft aus dem ewig neuen Geist. Bevor Landauer den Sozialismus als konkrete Alternative zum bürgerlichen Pessimismus kennenlernte, war er bereits Anarchist. Die geschichtliche Revolutionsperspektive, die den ewig neuen Geist als treibende Kraft der Revolution herausstellt, konkretisierte Gustav Landauer nachdem er den anarchistischen Sozialismus literarisch und politisch beschrieb.

Gustav Landauer ging von konkreten Zuständen des deutschen Kaiserreiches aus. Den Kaiser Wilhelm Staat nahm er aus der Sicht des vom Bürgertum entwurzelten Pessimisten wahr, der in der Auseinandersetzung mit der deutschen Arbeiterschaft den freiheitlichen Sozialismus fand. Mit dem anarchistisch sozialistischen Standort fand er auch den "neuen Geist". Die überzeitlich, geschichtliche Perspektive müßte bei den gegenwärtigen Befreiungsbewegungen berücksichtigt werden. Der ewige Geist sei die notwendige kraftvolle Ergänzung jeder sozialen Veränderung der Gesellschaft. Gustav Landauer fand diese Ergänzung zum dogmenfreien Denken (Anarchismus) und zur Verwirklichung der libertären Gesellschaft (Sozialismus) nicht in seiner Literarischen, und auch nicht in seiner aktiv politischen Zeit. Im Gefängnis zu Sorau fand er diese geschichtliche Ergänzung. Dort, in der äußeren Bescheidenheit des Freiheitsentzuges, fand sein anarchistischer Sozialismus die geistige Ergänzung.

Ebenfalls am 5.1. erschien in der Zukunft der Aufsatz "Der Anarchismus in Deutschland". Den Anarchisten zeichnet seine Befreiung von den Dogmen seiner Zeit aus. Mit anarchistischem Denken finde die Aufklärung, sowie der Aufbau des freiheitlichen Sozialismus seine Verwirklichung. Die Arbeiterschaft könnte der Träger anarchistischen Denkens sein, deswegen ist der Anarchismus ein sozialistischer. Mit dem Aufbau eines vom verkehrten Denken und Handeln befreiten Sozialismus könne sofort begonnen werden. Da aber die Allgemeinheit dem dogmatischen Leben verfallen ist, sei die anarchistische Aufklärung notwendig. "Der Anarchismus hat keine andere Aufgabe als die; es zu erreichen das der Kampf des Menschen gegen den Menschen... aufhöre... das im Verbande der Menschengesellschaft jeder einzelne die Position einnehmen kann die er Kraft seiner natürlichen Anlage sich herzustellen vermag." Warum wollen nur wenige Menschen diesen Anarchismus? Die Allgemeinheit verbleibt in ihrer skeptischen Auffassung des Menschen, die Folge dogmatischen Denkens ist. Der Pessimismus verhindert den Aufbau des libertären Sozialismus. Damit die Allgemeinheit über ihren unwürdigen Zustand aufgeklärt wird, muß der Anarchismus "anspornen zur Neubelebung unserer ganzen gesellschaftlichen Organisation, zur Erhebung aus der Geistesträgheit, zu energischer Tat, um Schranken zu brechen und neuen Boden für neue Saat zubereiten“ ... „um die Wiedergeburt des Menschengeistes, um die Neuerzeugung des Menschenwillens und der produktiven Energie großer Gemeinschaften" willen. Der anarchistische Sozialist versteht sich als Prediger, der sich und andere aus der bürgerlich sozialdemokratischen Ordnung befreien will. Die Verwirklichung des freiheitlichen Sozialismus ist die Beendigung des bürgerlich sozialdemokratischen Zwangsstaates und der Unmündigkeit der Allgemeinheit. Diesen Aufsatz schrieb Landauer nicht für die Arbeiterschaft, sondern für das deutsche Bildungsbürgertum. Der anarchistische Sozialismus sei nicht nur Sache der Arbeiterschaft; auch das Bildungsbürgertum bedarf anarchistischer Aufklärung.

Am 26.01. erschien eine Rezension zu Mauthners Buch "Kraft". Der Roman zeigt das zwei Menschen ihr Glück auf dem Unglück eines anderen Menschen aufbauen könnten. Dieses Glücksverständnis widerspricht den allgemeinen Moralvorstellungen. Dagegen gestaltet die Dichtung Situationen, in denen die geltenden Moralvorstellungen aufgehoben sind. Vielleicht konnte Gustav Landauer in dieser Zeit, von dem Buch seines Freundes angeregt, den sechsten Teil der Novelle "Arnold Himmelheber" schreiben.

März 1895 gründete Gustav Landauer mit dem Arbeiter W. Wiese die erste Berliner Arbeiter - Konsumgenossenschaft "Befreiung". Mit genossenschaftlicher Arbeit sei soziales Arbeiten möglich, die Genossenschaften bringen die konkrete Alternative zur kapitalistischen Unterdrückung. Hier produziere der arbeitende Mensch mit seinem, und nicht mehr nach den bürgerlichen Interesse. Die Genossenschaften zeigt Gustav Landauer in der im Mai erschienenen Broschüre "Ein Weg zur Befreiung der Arbeiterklasse". Wie wichtig ihm die genossenschaftliche Produktion für die Verwirklichung des anarchistischen Sozialismus war, dürfte klar sein.

Vom 15.5. bis 2.10 lebte Landauer wieder in der Schweiz. In Bregenz wollte er eine Zeitschrift gründen, dieses mißlang. Daraufhin plante Landauer den im Januar eingestellten "Sozialist" wieder herauszugeben. Mauthner, der um seinen Freund besorgt ist - er könne wieder mit dem Staat in Konflikt kommen - wird beruhigt. "Der Sozialist" soll einen "lehrhaften, sogenannten wissenschaftlichen, literarischen Charakter besitzen, (soll) auch mit einer speziellen Beilage versehen sein... Das Hauptblatt führt den Kampf für die Kultur der Zukunft und gegen die Unkultur der Gegenwart, das Beiblatt will die Leser an der Kultur der Gegenwart teilnehmen lassen." (Briefwechsel Landauer - Mauthner, Brief 10). Am 17.08 erschien der "Sozialist - Anarchistische Monatsschrift" mit Gustav Landauer als Redakteur. Dieser "zweite Sozialist" sicherte der Familie Landauer in dieser Zeit den Lebensunterhalt. Die Fortsetzung des "Sozialist" zeigt u. a. das Gustav Landauer nicht nur die deutsche Arbeiterschaft, die Bürgerlichen welchen die "sociale Frage" wichtig ist, vom dogmatischen Denken befreien wollte. Er zeigte dort nicht nur die marxistische Sozialdemokratie als Gegenspieler zur "Utopie". Auf die Militarisierung der deutschen Gesellschaft machte er aufmerksam, z. b. am 17. 08. mit den Artikel "Die Kriegsfeier". Bürgerlich journalistische Presse hetze das deutsche Volk gegen das französische Volk. Damit solle die deutsche Gesellschaft von ihrer revolutionären Sache abgehalten werden. "Wahrlich, wahrlich, die sind nicht meinesgleichen die Gott danken für einen Schlachtensieg!" Da die deutsche Allgemeinheit, also nicht nur die Arbeiterschaft, weiterhin in ihrer Unmündigkeit verharrt, erzielen die Bürgerlichen mit ihrer Demagogie auch Erfolge. Nicht das ganzheitliche Welterleben ist der Allgemeinheit wichtig, sondern ihre Dummheit und Trägheit die mit der dogmatischen Denkweise in Geltung steht. Die Kriegsverherrlichung ist eine Spielart der Bürgerlichen mit dem die unmündige Gesellschaft von ihrer Freiheit abgehalten wird.

Bis zum Ende des Jahres 1895 schrieb Gustav Landauer für den "Sozialist" viele Artikel. Der zum Staatssozialismus gewandelten Sozialdemokratie sei ihre Machterhaltung wichtiger geworden als die Revolution der Arbeiterschaft. Gegen dogmatisches Denken setzte Landauer nicht mehr nur seine bisherige Aufklärung, sondern zugleich eine Literatur, die jenseits jeglicher Dogmatik ihre Grundlage besitzt. Mit der am 17. 08. erschienenen "Litterarischen Beilage zum Sozialist" verwies Landauer auf die Macht einer lebendigen Kunst. "Die sozialistische Gesellschaft wird nicht von selbst dem Erdreich entsprießen", sie wird vom künstlerisch schaffenden Menschen gestaltet, "wenn der Geist der Massen schon reif dazu wäre." Lebendige Literatur gegen dogmatisches Denken; "so beginne denn die litterarische Beilage zum Sozialist... die Anmaßung der Dummheit und Unterdrückung zu stürzen!" In einem früheren Artikel, "Die Zukunft und die Kunst", vom Februar 1891 zeigte Landauer bereits das der Kunst eine eigenständige Entwicklung, unabhängig von den jeweiligen Zeitumständen nicht zukommt. Kunst wird immer von den jeweiligen gesellschaftlichen Zeitumständen mitgeprägt. Nicht nur der künstlerischen Weltgestaltung komme ein relativer Wert zu, sondern auch der Moral. Moralvorstellungen sind ebenfalls von den unterschiedlichen Zeitumständen geprägt. Davon unabhängig eine Moral zu postulieren widerspricht materialistischem Welterleben. Dieses wird in dem Aufsatz vom 24. 08. "Die moralische Weltordnung" gezeigt. Den Menschen als Teil der Natur kommt Moral zu, nicht aber kommt der Natur menschliche Moral zu. Nur die Gottgläubigen glauben eine Moral, die unabhängig vom menschlichen Streben da sei. Landauer argumentiert aber nicht nur gegen religiöse Moral. Auch "darwinistische Naturforscher" wurden kritisiert. Diese Forscher rechtfertigen die gesellschaftlichen Verhältnisse, indem sie sich nicht mehr auf religiös Geglaubtes, sondern auf materialistisch Erfahrungswissenschaftliches berufen. Die religiöse und pseudodarwinistische Verteidigung gegenwärtig gesellschaftlicher Verhältnisse ergebe sich aus dem dogmatischen Denken. Beide Annahmen beherrschen das Denken und Handeln der Allgemeinheit, dabei beruhen diese Annahmen lediglich auf begrifflich leeren Verallgemeinerungen. Gustav Landauer leugnet nicht die Moral. Er führt sie aber auf das gemeinsame menschliche Streben, sich gegen außermenschliche Naturkräfte zu behaupten, zurück. Landauer bleibt realistisch: "Freilich ist diese Brüderlichkeit immer wieder gesprengt wurden von den wilden Trieben der Herrschaftsbegierde und der Unterdrückungssucht... Nur einen Ausweg gibt es, um aus diesen erbärmlichen Zuständen herauszukommen: der blinden Natur die Herrschaft zu überlassen, Freiheit aber walten lassen in der Kultur und dem Menschengeschlecht."

Aber nicht nur die leeren Abstraktionen religiöser und naturwissenschaftlicher Moral wird dem anarchistischen Denken entgegengestellt. Gustav Landauer ergänzte den Moralaufsatz mit dem Artikel vom 31. 8. "Friedrich Engel und die materialistische Geschichtsauffassung." In früheren Artikeln wurde gezeigt, das die gesellschaftliche Sphäre keine endgültige, sondern vom Menschen veränderbare ist. Ihr komme ein relativer Wert zu. Bisher argumentierte Landauer u. a. gegen die sozialdarwinistische Absolutsetzung gesellschaftlicher Bereiche. Im Engelsaufsatz schrieb er gegen die Verabsolutuierung  ökonomischer Verhältnisse. Mit Dogmen wird ganzheitliches Weltgestalten verhindert, wird die "Bedeutung der geistigen Tradition und der überwiegenden Persönlichkeiten außerordentlich unterschätzt." Dagegen kenne anarchistisches Leben das ganzheitliche Sein, das der menschliche Wille, sowie das menschliche Fühlen zusammengehörig mit dem menschlichen Wissen ist. Mit dieser Identität kenne der Mensch gesellschaftliche Entwicklungen nicht in einer angeblichen Objektivität, welche die gesellschaftliche Gestaltungskraft des menschlichen Willens vermeint ausschalten zu können, sondern im Gegenteil wird mit anarchistischer Lebensweise die Welt mit solidarischem Wollen gestaltet. Das Ziel dogmenfreien Denkens und Handelns ist "die Freiheit des Einzelmenschen auf dem Grunde der wirtschaftlichen Solidarität."  Anarchie ist kein fertiges, erstarrtes Gedankensystem, - wie das systematisch dogmatische Denken und Handeln - : "die Anarchie ist das Leben des Menschen, die dem Joch entronnen sind."

Diese anarchistische Denkweise und der freiheitliche Sozialismus, der sich von einer kommunistischen Planwirtschaft - welche eine neue "Arbeitsmoral" schafft - unterscheidet, sind zusammengehörig. Dieses zeigt Landauer mit den Aufsatz "Anarchismus - Sozialismus", der am 7.9.1895 im "Sozialist" erschien. Die Entlarvung religiöser Moral, pseudowissenschaftlichen Wissens, sowie die Kritik an verabsolutierten ökonomischen Verhältnissen war nicht nur einen lebendigen Kunstverständnis verpflichtet. Der vom dogmatischen Denken befreite Mensch könne den auf Dogmen gebauten Staat als der zu verwirklichenden libertären Gesellschaft entgegenstehendes kennen. Wird den Arbeitern die genossenschaftliche Produktion als Alternative zum Staat bewußt, könnten sie auch die Gegenwart dogmenfrei gestalten.  Für die genossenschaftliche Perspektive warb Landauer. Damit zielte er nicht auf die Vereinzelung des verabsolutierten Individiuums, sondern auf gemeinsames, solidarisches Wirtschaften und Gestalten. Gustav Landauers genossenschaftlicher Befreiungssozialismus berücksichtigt nicht nur die zu überwindenen bürgerlichen und sozialdemokratischen Verhältnisse. Auch der Dogmatismus derjenigen welche die ekelerregende Gegenwart sozialistisch - planwirtschaftlich, und anarchistisch einseitig individuell überwinden wollten, widmetete Landauer seine Aufmerksamkeit. Gegen den verabsolutierten Anarchismus, z. b. dem "Ich" Max Stirners, der sich auf Kosten der Solidarität verwirklichen will, schreibt Landauer: "verhelfen wir den Teil unseres Ichs, das mit Mut und Feuer sich für das Große ins Zeug legt, fürs Unvergängliche kämpft zum Siege! Nicht der Vereinzelung bedarf es jetzt, sondern des gemeinsamen Ringens nach der Zukunft, nicht der Wortgespinste, sondern des Streitens gegen das Gespenst der Not und der Ausbeutung und der Knechtung!" ("Unsere nächste Aufgabe, 21.09.1895). Solidarische Gemeinschaft kann nur vorhanden sein, wenn das Individium nicht nur sein egoistisches Ich, sondern zugleich den gemeinschaftlichen Egoismus lebt. "Ich bin Ich", sowie "das altindische Wort": >Tat twan asi<, gehören zusammen. "Ich bin du - wir kommen vom Leid und wollen zum Glück! Das ist, meine ich, jetzt unsere nächste Aufgabe, fest dem Feinde ins Auge sehen, im Lager des Großen und Hohen stehen, im treuen Verein mit dem Freunde gehen." Mit einen weiteren Zitat aus dem Aufsatz "Herr Auer und die Sedanfeier", der ebenfalls im "Sozialist" erschien, ergänzen wir: "rastlos wollen wir mit den Waffen der Aufklärung und unserer Agitation den Nationalstaat wie jede Zwangsordnung bekämpfen!"

Gegen dogmatisches Denken und Handeln, dem verabsolutierten Individualismus, der das Solidarische im Menschen zerstört, werden auch Sokrates, Giodarno Bruno und Friedrich Nietzsche (!) angeführt. "Das größte, was noch in der Menschenwelt geschaffen wurden ist, war gegen das Interesse des Erdenkloßes und Menschentieres im Individium." ("Jeder für sich?", Sozialist vom 12. 10.) Das Solidarische manifestiert sich mit den großen Liebenden, Denkenden, Kämpfenden. Ihr Leben zeugt vom ganzheitlichen Welterleben und Weltgestalten. Die vom Aberglauben befreite wirtschaftliche und künstlerische Gemeinschaft kann sich gegen den verabsolutierten Egoismus, und von deren eingerichteten gesellschaftlichen Verhältnisse behaupten: "wir wollen die neue Gemeinschaft dadurch aufbauen, daß wir uns absondern von der herrschenden Klasse und unsere Produktion unseren eignen Bedarf zur Verfügung stellen." ("Alles oder Nichts!", Soziast vom 12.10.1895).

Die Konzeption des "Ich", mit der egoistisch - individualistisches Leben in seinem unzertrennlichen Zusammenhang mit dem egoistisch - solidarischen steht, ist wichtig. Damit ereichte Landauers Denken, das wir seit dem frühen Religionsaufsatz versucht haben herauszuarbeiten, einen weiteren Abschluß. Warum? Die "Ich" - Konzeption berücksichtigt sowohl den gegenwärtigen, im Dogma gefangenden Menschen, wie auch den anarchistisch sozialistischen Menschen. Den "Übermenschen", dem sein egoistisch individuelles "Ich" im egoistisch solidarischen "Ich" aufgeht, und damit nicht mehr im Dogma gefangen bleibt, kannte Landauer als konkrete Perspektive zur ekelerregenden Wilheminischen Kaiserzeit. Diese Perspektive konnte nicht den Staatssozialisten, den Bürgerlichen und auch nicht den einseitigen anarchistischen Bestrebungen wichtig werden. Die Befreiung von dogmatischer Denk- und Glaubensweise, die um der Verwirklichung des libertären Sozialismus wegen angestrebt wurde, konnte nur den wenigen wichtig werden die das bürgerliche und sozialdemokratische Klassenverständnis ablehnten. Eine Annäherung ergab sich zum undogmatischen Christenverständnis, des vom Militaristen zum Christlichen Pazifisten gewandelten Moritz von Egidy. Egidy unterschied "die Religion", welche von der Allmacht Gottes geschaffen sei von jenen Vorstellungen die der einzelne Mensch sich von der Allmacht verschafft. Auch Christus offenbare nicht die Schöpfung Gottes, sondern nur sein Vorgestelltes. Mit seinen Vorstellungen strebe der Mensch zur Vollkommenheit. Dieses Streben sei "Religiöses Christentum." Egidy bezeichnete sich als Transzendentalist. Nach diesem komme dem Drang zur Vollkommenheit eine besondere geistige Wesenheit, die sich vom materialistischen unterscheide, zu. Religion wird als Band, mit welchen der materialistische Mensch mit dem Geist Gottes unzertrennlich verbunden sei, verstanden. Moritz von Egidys "Bewußtseins - Religion" schließt den Glauben an eine Weltordnung ein, die sich unabänderlich zu höherer Vernunft entwickele. Egidy grenzte sich von jenen ab, welche die Welt materialistisch, d. h. ohne göttlichen Einfluss entwickeln lassen. Transzendentale Religion unterscheide sich grundsätzlich von den Darwinisten, von immanenter Religion, sowie vom Pantheismus. Der göttliche Einfluß auf das Weltgeschehen war Egidy wichtig, dieser könne sich mit dem undogmatischen Christentum vernunftmäßig entwickeln. Das menschliche Erkenntnisvermögen reiche aber nicht aus, um den göttlichen Einfluß auf das Weltgeschehen zu erkennen. Gegen anders Gläubige, und anders Denkende sei die transzendentale "Bewußtseins - Religion" tolerant. In einem Aufsatz seiner Zeitschrift "Versöhnung" versuchte Moritz von Egidy einen Brückenschlag zum "Sozialist". Beide Zeitungen heben sich von den einseitigen Tageszeitungen ab, die evangelische Freiheit und der Anarchismus Landauers strebten dasselbe an: Befreit von der gegenwärtigen Ordnung gemeinschaftlich, solidarisch zu leben. Egidy legte Wert auf die Feststellung, das dieses Streben nicht mit dem Begriff Anarchismus - weil dieser mit Gewalt verbunden verstanden wird - assoziiert werden soll. Der Anarchist stehe aber "dem Herrn Jesu näher, als seine christlichen Widersacher."

Gustav Landauer lobte Egidys Toleranzverständnis, bedauerte aber das die religiösen Begrifflichkeit, wenn auch völlig verändert, weiterhin ausgelegt werde. Egidys Annahme einer unveränderlichen Höherentwicklung des Menschen sei darauf zurückzuführen. Landauer betont das die Begriffe, auch die der Religion, auf die tierischen Sinne des Menschen zurückzuführen seien. Die "menschlichen Begriffe sind relative Wahrheiten für Menschen, damit komme der Mensch nicht zu dem was "hinter der Erscheinungswelt steht." Deswegen lehne er, Landauer, nicht nur einen außerweltlichen Gott ab, sondern auch den Pantheismus, der die Materie mit einen angeblichen Gott identifiziert. Egidy solle sich doch von seiner religiösen Begrifflichkeit lösen. Dann könnte Egidy das ganzheitlich soziale Welterleben, das mit der "Ich" - Konzeption vorhanden sei, und für das Landauer kämpfe, auch als seine Sache kennen. Bereits 1891, mit dem Aufsatz "Die religiöse Erziehung" bestritt Gustav Landauer, mit den Hinweis auf Spinoza, ein pantheistisches Verständnis der Welt. Den metaphysischen Teil der Ethik Spinozas bestritt Landauer; nicht aber dessen Affektenlehre. Das möchten wir später gründlich abhandeln. Auch einen außerirdischen Gott, sei dieser nun zu erkennen oder nicht, wurde von Landauer bestritten. Der außerirdische Gott, der den Menschen seinen Halt in der veränderlichen materialistischen Welt verbürgen könnte, wurde Landauer nicht wichtig. Die materialistische Erscheinungswelt, und die Stellung des Menschen müsse sozial naturwissenschaftlich und sozial künstlerisch gelebt werden. Der anarchistische Sozialismus lasse sich mit den allgemeinen Christenglauben nicht vereinbaren. So können wir feststellen, das Gustav Landauers anarchistischer Sozialismus mit dem allgemeinen religiösen Glauben unvereinbar ist.

Originaltext: www.anarchismus-gustav-landauer.de


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS