Gustav Landauer - Börne und der Anarchismus

Wenn man Jeden als Anarchisten mit Beschlag belegen wollte, der einmal aus einem Gefühl heraus, das in den meisten Menschen schlummert, Worte der Empörung gegen Staat und Gesetz, des Enthusiasmus für schrankenlose Freiheit gefunden hat, würde man mit gutem Recht belächelt werden. „Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gemacht, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus!“ so anarchistisch diese Triade auch klingt, darum war der junge Schiller, der sie sprach, doch noch lange kein Anarchist.

Auch der Börne, den wir heute noch kennen, der Börne der Pariser Briefe, war, so glühende und rebellische Sätze er auch geprägt hat, kein Anarchist. Die Erinnerung, die ich heute geben will, knüpft an eine sehr wenig bekannte Äußerung aus Börnes früheren Jahren an, und scheint mir als Beitrag zur Bibliographie des Anarchismus ziemlich interessant, zumal da Nettlaus wertvolle Bibliographie de l’Anarchie Börnes Namen gar nicht erwähnt und aus so früher Zeit überhaupt kein Dokument des Anarchismus in Deutschland kennt.

Es handelt sich um eine Kritik Börnes aus den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts über ein 1825 in Paris erschienenes Buch, betitelt: Nouvelles lettres provinciales, ou lettres écrites par un provincial à un de ses amis, sur les affaires du temps. Das Buch selbst scheint ohne Interesse und soll uns hier nicht weiter beschäftigen; Börnes ausführliche Rezension sieht in ihren Hauptteilen auch völlig von ihm ab und ergeht sich in selbständigen, sehr interessanten Betrachtungen.

Börne erklärt, es handele sich in den Kämpfen der Zeit nicht um die Unbeschränktheit der Herrschaft, nicht um die Form der Regierung, nicht um die Herrschaft der Gesetze an Stelle der Menschen, nicht um die Gleichheit und nicht um die Volksouveränität. Er führt das Wort Montesquieus an: il ne faut pas trop régner, und fährt fort: „Als Ludwig XIV. sagte: L’Etat c’est moi!, war nicht sein größter und gefährlichster Wahn, dass er sich für den Staat angesehen – es war sein größter und gefährlichster, dass er den Staat für das Höchste angesehen. Aber diesen Wahn teilte der König mit seinen Untertanen, seine Zeit teilte ihn mit einer langen Vergangenheit, sie teilte ihn mit dem kommenden Jahrhundert, und die Meisten unserer Zeitgenossen teilen ihn noch. Der Staat ist das Bett des Prokrustes, worin man den Menschen ausreckt oder verstümmelt, bis er hineinpasst. Der Staat, die Wiege der Menschlichkeit, ist ihr Sarg geworden. Der Staat ist zugleich Gott und Priester, und für den Gott werden scheinheilig alle Opfer gefordert, nach welchen den Priestern gelüstet. . . .“

Börne setzt dann weiter auseinander, dass Lykurg, dessen Verfassung man die Schulknaben bewundern lehre, ein schlimmerer Tyrann gewesen sei als Robespierre: „Robespierre opferte die Menschen, Lykurg die Menschlichkeit.“ Er ergeht sich dann in Betrachtungen über die Gesetze, die die Fähigkeit haben müssten, sich überflüssig zu machen, und es überkommt ihn bei diesen Gedanken etwas wie das Gefühl, ein sehr früher Vorläufer zu sein, sich auf verwegenen Gebiet zu bewegen, wo die Zeitgenossen ihm kaum folgen könnten, denn er fügt hinzu: „ . . . hier müssen wir nur froh sein, wenn einige Verständige unsere Unverständlichkeit verstehen.“

„Auch das britische Volk,“ so ruft er aus, „hat nur Freiheiten, aber keine Freiheit. Freiheiten aber sind die gültigsten Beweise für die Herrschaft. Darum hört man auch überall die Macht nur von Freiheiten sprechen und sieht sie das Wort Freiheit ängstlich meiden. Sie spricht von freien Institutionen: die Freiheit wird eine Einrichtung genannt, und doch ist nur die Herrschaft eine!“

Das ist mehr als ein gelegentlicher Ausbruch des Freiheitsdranges, das ist wirklich mit Gründen belegte anarchistische Auffassung der Gesellschaft. Und so fehlt denn auch das Wort Anarchie nicht; Börne spricht es an besonderer Stelle und mit besonders betonten Worten sehr deutlich aus:

„Nicht darauf kommt es an, dass die Macht in dieser oder jener Hand sich befinde: die Macht selbst muss vermindert werden, in welcher Hand sie sich auch befinde. Aber noch kein Herrscher hat sich die Macht, die er besaß, und wenn er sie auch noch so edel gebrauchte, freiwillig schwächen lassen. Die Herrschaft kann nur beschränkt werden, wenn sie herrenlos – Freiheit geht nur aus Anarchie hervor. Von dieser Notwendigkeit der Revolutionen dürfen wir das Gesicht nicht abwenden, weil sie so traurig ist. Wir müssen als Männer der Gefahr fest in das Auge blicken und dürfen nicht zittern vor dem Messer des Wundarztes. Freiheit geht nur aus Anarchie hervor – das ist unsere Meinung, so haben wir die Lehren der Geschichte verstanden. Möge jeder Andere seine andere Meinung sagen. Doch wir Alle, so gut wir auch gesinnt, so klar auch unser Blick sein möge: wir müssen immer der Möglichkeit eignen Irrens eingedenk bleiben und müssen uns die Empfänglichkeit für jede bessere Belehrung bewahren, diese mag von Menschen oder von der Geschichte kommen.“

Die gesperrten Worte sind nicht von mir, sondern von Börne selbst hervorgehoben. Es ist kein Zweifel nach den ganzen vorhergehenden Ausführungen, dass Börne unter Anarchie wirklich die Herrschafts- und Staatslosigkeit verstanden hat; allerdings hat er daneben auch an das Chaos und die elementare Auflösung einer Übergangszeit gedacht. Aber ich darf wohl darauf hinweisen, dass er sich darin von den heutigen Anarchisten mit Nichten unterscheidet. Der Anarchismus hat seine konstruktive, aber auch seine destruktive Seite; welche bei den Einzelnen überwiegt, ist Temperamentssache.

Börne ist, dünkt mich, auf diese Gedankengänge, bei denen ihm selbst etwas unheimlich geworden zu sein scheint, in seinen späteren Schriften nicht mehr zurückgekommen. Aber sollte ich sehr irre gehen, wenn ich annehme, dass seine glühende Vehemenz, die sich gleich Lavaströmen über seine niedergedrückte und arretierte Zeit ergoss, ihre besten Kräfte sog aus diesen unterirdischen Klüften, aus solchen Anschauungen, die er im Kampf um die Ereignisse des Tages nicht mehr hochkommen ließ? Seine berühmte Rede über die Mauth, die er in die Pariser Briefe einlegte, deutet darauf hin, dass seine Anschauungen über den Staat als solchen, die gleichen geblieben waren.

Eine andere Frage ist, wie Börne zu diesen Anschauungen und dieser Formulierung derselben gekommen ist. So sehr auch die Art, wie er diese entlegenen Gedanken vorbringt, darauf schließen lässt, dass viel eigen Erarbeitetes darin liegt, so glaube ich doch mit Bestimmtheit, dass sich literarische Zusammenhänge und Einflüsse nachweisen lassen müssen. Ich bin durchaus nicht im Stande, ihnen zur Zeit nachzugehen; vielleicht fühlt sich Jemand zu Forschungen darüber veranlasst. Ich für meinen Teil glaube, so seltsam es Manchem auch klingen mag, dass der Meister Börnes auch bei diesen Ideen zum mindesten Patendienste geleistet hat: der große Gefühlsanarchist Jean Paul. Wer schon einmal darüber nachgedacht hat, aus welcher Region her wohl der Kreis von Sand, Follen u. A. befruchtet worden ist, wird meine Vermutung eher begreiflich finden.

Quelle: Sozialistische Monatshefte. – 3 = 5 (1899), H. 7189907, S. 353 – 355

Originaltext: http://syndikalismus.wordpress.com/2011/11/22/gustav-landauer-borne-und-der-anarchismus/


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