Gustav Landauer - Sozialismus und Genossenschaft

Die in No. 19 des Sozialist "In Sachen der Konsumgenossenschaften" veranstaltete Gegenüberstellung der Resolution des letzten sozialdemokratischen Parteitags und der privaten Thesen des Dr. Hans Müller "zur Theorie" der Genossenschaftsbewegung trifft den Kern der Sache nicht scharf genug.

Verglichen werden sollten vielmehr mit der Verlegenheits- und Dämpfungskundgebung des Parteitags die vorausgegangenen beiden Beschlüsse des Internationalen Sozialistenkongresses in Kopenhagen und des Internationalen Genossenschaftskongresses in Hamburg. Auf diesen beiden großen Tagungen ist das vorsichtig formulierte sozialistische Prinzip Plans Müllers und seiner Gesinnungsfreunde durchgedrungen.

Es ist ganz richtig, daß gesagt wurde, es sei Proudhons Sozialismus, der da zu siegen beginnt; nur hätte vor allem auch an Robert Owen erinnert werden sollen, der, wenn er schon nicht zu Proudhons leuchtender Klarheit und umfassender Anschauung gekommen ist, doch immerhin das im ganzen nämliche Ziel früher als Proudhon vertreten hat. Das alte groteske Märchen, das oberflächliche Ausschreiber oberflächlicher Kompilationen aufgebracht haben, zu denen sich in neuester Zeit auch Eduard Bernstein gesellt hat, der schon immer Falsches über Proudhon verbreitet hat, das Märchen, Proudhon sei ein "Feind" der "Assoziation" gewesen, soll ein andermal untersucht werden.

Heute aber scheint es an der Zeit, an die Vorgeschichte dieser Erfassung des Konsumentenbundes als Sozialismus in der jüngsten deutschen Vergangenheit zu erinnern, und der "Sozialist" hat allen Grund, die Tatsachen nicht vergessen zu lassen. Der Mann, der in Deutschland zum ersten Mal die Assoziation der Konsumenten zur Ausschaltung des Kapitalismus und zur Begründung der Eigenproduktion wieder systematisch gelehrt hat, war ein einfacher Arbeiter, der seine Intelligenz aus eigener Kraft geübt hatte: der Bauanschläger Wilhelm Wiese.

Es war im Jahre 1895, in der Zeit, als der alte "Sozialist", zu dessen Mitarbeitern Wiese gehört hatte, eingegangen war und die neue Folge des (alten) Sozialist noch nicht zu erscheinen begonnen hatte. Unter dem Einfluß des Proudhonjüngers Arthur Mülberger, der Schriften des Prondhondoppelgängers kleineren Formates Ernst Busch, mancher Schriften des individualistischen Anarchismus (Richtung Tucker und Mackay) und der Geschichte des englischen Genossenschaftswesens lehrte Wiese mit Feuereifer die Unfruchtbarkeit der revolutionären Phrase und die direkte Aktion der Arbeiter, die das Kapital durch Solidarität zu ersetzen hätten.

Es scharte sich um ihn ein Kreis, zu dem auch der Unterzeichnete gehörte, der dann im Auftrag dieses Kreises und im Einvernehmen mit ihm die Broschüre "Ein Weg zur Befreiung der Arbeiterklasse" herausgab. Bald wurde in Berlin die Arbeiterkonsumgenossenschaft "Befreiung" gegründet, deren Leidensgeschichte hier nicht zu erzählen ist; ihr Beispiel sowohl wie die Personen, die an ihr wirkten, waren von entscheidendem Einfluß auf die Konsumgenossenschaftsbewegung in Berlin. In der neuen Folge des (alten) "Sozialist" wurde dann diese Lehre eines auf unmittelbare Betätigung gehenden anarchistischen Sozialismus nachdrücklich vertreten. Sie fand bei der Sozialdemokratie bloß Spott und Unverständnis, zog nur einen Teil der deutschen Anarchisten zu sich herüber, begegnete vollem Verstehen und Mitwirken aber bei dem wertvollsten Deutschen, der damals an der Umgestaltung gearbeitet hat: M. von Egidy.

Wenden wir uns jetzt dem Ausdruck zu, den der Genossenschafts - Sozialismus neuestens gefunden hat. Wie gesagt, die "lendenlahme" Resolution des sozialdemokratischen Parteitags ist in ihrer eigentlichen Absicht nur zu verstehen, wenn man weiß, daß sie viel mehr ein Hieb gegen die sozialistische Erfassung der Genossenschaft als eine Empfehlung der Genossenschaften sein sollte. Warum dieser Beschluß die Konsumgenossenschaften lediglich "Organisationen zur Erziehung wirtschaftlicher Vorteile" und dergleichen nennt, wird klar, wenn man gegenüberstellt, was die beiden internationalen Kongresse als ihre Meinung zusammengefaßt haben.

Beide sind selbstverständlich überaus vorsichtig und bemühen sich ängstlich, bei keiner der vielen Richtungen, die sich in ihnen sammeln, anzustoßen, weder bei den Neutralen noch bei den Parteipolitikern. Wenn man das im Auge behält, versteht man die unterirdische Tendenz des Verwirklichungs-Sozialismus in den Beschlüssen erst recht. Der Internationale Genossenschaftskongreß in Hamburg hat beschlossen:

"Das in allen Kulturländern von Jahr zu Jahr zu immer größerer Bedeutung gelangende Genossenschaftswesen ist eine soziale Bewegung, die durch Bildung wirtschaftlicher, auf dem Grundsatze der Selbsthilfe ihrer Mitglieder ruhender Vereinigungen die Wahrnehmung der Interessen der Arbeit in der Volkswirtschaft bezweckt. Demgemäß wohnt auch allen wahren Genossenschaften die Tendenz inne, die Verteilung des Volkseinkommens zugunsten der arbeitenden Klasse zu beeinflussen, d.h. das aus der Arbeit fließende Einkommen, respektive seine Kaufkraft, zu vermehren, das arbeitslose, lediglich aus dem Besitze von Produktions - und Austausch mitteinfließende Einkommen (Unternehmergewinn, Zins und Rente) dagegen zu vermindern ... Die Konsumentengenossenschaften haben in den kapitalistisch entwickelten Ländern von allen Genossenschaftsarten die größte Bedeutung für die Wahrnehmung der Interessen der Arbeit in der Volkswirtschaft, und zwar ... insbesondere ... wegen der ihnen zugrunde liegenden Wirtschaftsprinzipien, durch deren allgemeine Ausbreitung und Anwendung die Umbildung des kapitalistischen Wirtschaftssystems befördert wird ... In dem Maße als die Konsumenten sich zu Konsumgenossenschaften zusammenschließen, wird eine Organisation der Kaufkraft des Arbeitseinkommens geschaffen, die die arbeitenden Klassen in den Stand setzt, in weitem Umfang auch ihre Arbeit selbst genossenschaftlich zu organisieren und sich in eigenen Produktionsbetrieben zu beschäftigen!"

Dieser Beschluß — auch das, was wir als für unsere Betrachtung minder wichtig hier weggelassen haben — deckt sich in allen wesentlichen Stücken mit Dr. Hans Müllers Thesen; aber nun wird man verstehen, daß die deutsche Sozialdemokratentagung dem Müllerschen Gold, das von der internationalen Organisation der Genossenschaften ausgeprägt worden ist, absichtlich ihr Blech in den Weg geworfen hat.

Zu dieser Aufmachung ihrer offiziösen Blechschmiede hatten die deutschen Sozialdemokraten um so mehr bittere Veranlassung, als der Beschluß des Internationalen Sozia1isten - Kongresses, dem sie selbst angehören, vorausgegangen war. Dieser Beschluß nimmt ja nun freilich auf die Parteibeschränktheit dieser Politiker allerlei Rücksichten in seiner gewundenen und unsicheren Sprache; aber wer eben die Redeweise des Kompromisses versteht, der merkt auch die wirkliche Meinung, die in Besänftigungswatte eingewickelt worden ist.

Nach solcher Zurechtmachung lautet die Meinung des Internationalen Sozialistenkongresses: "In Erwägung, daß die Konsumvereine nicht nur ihren Mitgliedern unmittelbare wirtschaftliche Vorteile bieten können, sondern daß sie berufen sind, die Arbeiterklasse durch Eigenproduktion für den organisierten Konsum wirtschaftlich zu stärken und ihre Lebenshaltung zu verbessern, die Arbeiter zur selbständigen Leitung ihrer Angelegenheiten zu erziehen und da durch die Demokratisierung und Sozialisierung der Produktion und des Austausches vorbereiten zu helfen, erklärt der Kongreß usw.

Das Schaukelspiel zwischen Marxismus und Verwirklichungssozialismus, das in der barbarischen Unlogik dieser Eingangsworte begonnen hat ("nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern auch — — wirtschaftlich stärken und Lebenshaltung verbessern", — man hört ordentlich das Knirschen des marxistischen Hemmschuhs, der das eigentliche von der Logik geforderte "Sondern": "die selbständige Leitung der Arbeit, die Demokratisierung und Sozialisierung der Produktion und des Austausches" noch einen Augenblick lang wenigstens aufhalten will (!), dieses Schaukelspiel geht natürlich auch im folgenden weiter und man tut den Marxisten sogar den Gefallen, ihre Hauptphrasen wörtlich in die Resolution aufzunehmen.

Aber dadurch haben sich die Marxisten in Deutschland nicht täuschen lassen und haben in Magdeburg wider den Stachel gelockt, den sie natürlich ebenfalls vorher mit dem Honig süßer Liebenswürdigkeiten eingeschmiert hatten. Die Situation ist also jetzt die: in allen Ländern findet sich unter den Genossenschaftern und den Sozialisten eine sehr große Zahl solcher, die eingesehen haben, daß die Verwirklichung des Sozialismus mit dem Austritt aus der kapitalistischen Gesellschaft tatsächlich beginnt, daß es den marxistischen Strich zwischen der "jetzigen" und der "künftigen" Gesellschaft nur für solche gibt, deren Theorie ein Instrument der Untätigkeit und des Aufschiebens ist, und daß der Zusammenschluß des Konsums ein solches Beginnen ist, wenn er den Zweck hat, daß die organisierten Konsumenten für sich selbst produzieren.

Diese Wirklichkeitssozialisten machen noch ihren Kompromiß mit den Marxisten, die ja selbst schon eine vielfache Kompromißkreuzung aus der Marx-Engelsschen Entwicklungskatastrophenlehre, der Lassalle-Schweitzer-Marx-Engelsschen proletarischen Politik, der vom Darwinismus herkommenden Lehre der stetigen Entwicklung und der vom Trade-Unionismus stammenden Lehre von der Selbsthilfe durch den wirtschaftlichen Klassenkampf der innerhalb des Kapitalismus Produzierenden sind.

Unsere, des Sozialistischen Bundes Aufgabe ist: die vorsichtig lavierenden sozialistischen Genossenschafter und Genossenschaftssozialisten zu sich selbst, zum Bewußtsein ihrer Selbständigkeit, zur Tapferkeit und zu weiteren Einsichten, die ihnen noch fehlen, zu bringen. Eine Stelle in der Resolution des Genossenschaftskongresses ist hier besonders hervorgehoben worden, in der es heißt: die Arbeiter könnten durch Zusammenlegung ihres Konsums in weitem Umfang "sich in eigenen Produktionsbetrieben beschäftigen." Diese Einsicht sollte von entscheidender Bedeutung werden. Es ist ganz etwas anderes, ob, wie es heute geschieht, die Konsumgenossenschaften zur "Eigenproduktion" übergehen, d.h. Arbeitgeber werden, die ihren angestellten Arbeitnehmern als Herren gegenüberstehen, was dann zu den armseligen Streitigkeiten und Verhandlungen zwischen Genossenschaften und Gewerkschaften führt, oder ob die Konsumenten eben um deswillen zusammentreten, um für sich selber zu arbeiten. Wer diesen grundlegenden Unterschied erfaßt hat, der versteht mehrerlei:

1) daß die Konsumgenossenschaften mit ihren ungeheuren Zahlen nicht prunken dürfen, daß sie Riesen auf tönernen Füßen sind;
2) daß das Beinwerk dieser schwächlichen Riesen nur darum so unsicher steht und auftritt, weil es ihren Besitzern am Kopf und am Herzen fehlt;
3) daß also nichts so not tut wie die Erweckung des Geistes sozialistischer Verwirklichung, und daß Leisetreterei und Kompromißlern große Übel sind;
4) daß die Schaffung der Produktion auf dem Grunde der Konsumsolidarität in Lebensgemeinschaften und Bodengemeinschaften beginnen muß: die vorbildliche und erzieherische sozialistische Siedlung;
5) daß, die Konsumgenossenschaften, wenn sie zur nicht kapitalistischen, sondern sozialistischen Eigenproduktion übergehen wollen, nicht Arbeitgeber werden dürfen, sondern vor allen andern Dingen die Berufsstatisik ihrer eigenen Mitgliederschaft ins Leben rufen müssen;
6) daß der Aberglaube, der Kleinbetrieb sei nicht mehr lebensfähig, bekämpft werden muß;
7) daß die Bürokratie und das zentralistische Unwesen eingedämmt werden muß;
8) daß die Vermittlungsstelle zwischen den in ihrem Beruf für den Konsumentenbund arbeitenden Mitgliedern der Konsumgenossenschaften, die Organisation ihres Kredits, die Tauschbank geschaffen werden muß, die den für sich selbst in mannigfaltigen Formen arbeitenden Mitgliedern die Werkzeuge, die Werkstatt und die Betriebsmittel liefert;
9) daß in den Konsumentenbünden nicht so sehr der Sinn für wirtschaftliche Vorteile als der Geist der Kultur bis zur Opferwilligkeit geweckt und gepflegt werden muß;
10) daß bei der Frage der Konkurrenzfähigkeit der für sich selbst produzierenden verbündeten Konsumenten im Vergleich mit der kapitalistischen Wirtschaft nicht nur die Technik und die Kapitalkraft in Betracht gezogen werden darf, sondern vor allen Dingen auch die erhöhte Arbeitsfreude und Lebenslust; daß das Wissen geschaffen werden muß, daß arbeitende Menschen, die für sich selbst zu arbeiten sich bewußt sind, an sich selbst ganz andere Ansprüche stellen werden, als die mechanischen Forderungen, wie sie Gesetzgebung und Gewerkschaften als Sklavenschutz heute aufstellen müssen.

Diese Punkte sind von entscheidender Bedeutung und sollen demnächst im Einzelnen ausführlicher erörtert werden. Wir dürfen nicht ruhen, den Konsumgenossenschaften zu zeigen, daß diese unförmlich in die Breite gegangenen Kinder an der Elephantiasis leiden und daß ihnen eine Blutreinigung not tut.

Die Schulze-Delitzscherei steckt ihnen immer noch in den erweichten Knochen; möge die Müllerei, über die sich die Politikanten so grämen, sie auf dem Wege zu frischem und entschlossenem Verwirklichungssozialismus weiter führen. An unserer Hilfe soll es nicht fehlen, ob sie willkommen ist oder nicht.

Aus: "Der Sozialist. Organ des Sozialistischen Bundes", 2. Jahrgang, Nr. 20, 13.10.1910. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS