Harry Pross - Eine Würdigung Gustav Landauers

Gustav Landauers Lebenszeit umfaßt die fünf Jahrzehnte des Bismarckreiches. Er wurde in Karlsruhe 1870 geboren; ermordet wurde er 1919 in München.

Die großherzoglich-badische Residenz der sechziger und achtziger Jahre ist eine Beamtenstadt mit bescheidenem Gewerbe und einer changierenden Bevölkerung, in der sich der alemannisch-katholische Süden des Ländchens mit dem fränkisch-pfälzischen und zum Großteil protestantischen Norden trifft, eingesessenes Judentum und zugewandertes Volk dazwischen. Die Revolution von 1848 liegt erst zwanzig Jahre zurück als Landauer geboren wird, noch hat das Volk die Niederlage nicht verwunden. Seine Liberalität enthält einen antipreußischen Affekt, mit dem das Herrscherhaus rechnen muß. Die Entwicklung im annektierten Elsaß, ein paar Kilometer vor der Stadt über dem Rhein, wird aufmerksam verfolgt. Der französische Revolutionismus, der sich so schwer mit der deutschen Philosophie verträgt, wird in allen Bevölkerungsklassen überliefert.

„Heckerisch" bezeichnet in der Umgangssprache einen aufsässigen, eigensinnigen Menschen, und deren gibt es auch in den Gründerjahren noch genug. Die Theater bringen Ibsen und Wagner, und es ist klar, daß sie den Gymnasiasten Landauer tiefer beeindrucken als die Schule, die ihn auszeichnet, die aber, wie es sich für eine gute Schule geziemt, sich nicht mehr aufdrängt als unvermeidlich. Das ganze Leben zur Schule machen zu wollen, war ein dem badischen Unterrichtswesen fremder Ehrgeiz. Es wäre auch nicht weit damit gekommen bei Leuten, von denen unter Magnolienblüten und bei Drosselgesang jeder „sei Sach" verfolgte.

Alle Ordnungen unterdrücken

Der junge Landauer nahm Nietzsche und Schopenhauer auf. Er vereinsamte sich, in seinem Judentum ungeschmälert, mit Spinoza; aber Ibsens Gesellschaftskritik wurde eigentlich seine Sache. Die Entfaltung und Vervollkommnung der Individuen allein berechtigt dazu, auf eine bessere Gesellschaft zu hoffen. Germanistische und philosophische Studien in Heidelberg 1888/89 und Berlin führten nicht weit. Der dreiundzwanzigjährige veröffentlichte einen ersten Roman, „Der Todesprediger", und zog sich zwei Gefängnisstrafen von zwei und neun Monaten wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Staatsgewalt und Aufreizung zu, die er in Sorau verbüßte.

Der Staat gilt als der Erzfeind, weil er die schöpferischen Kräfte der Individuen lähmt - auch hierin folgte der junge Mann dem Hendrik Johan Ibsen. Die Vorstrafe vereitelte einen Immatrikulationsversuch an der Medizinischen Fakultät in Freiburg; aber inzwischen war ihm auch bewußt, daß ihm „die lumpigste journalistische Existenz lieber“ war, als den Schriftstellerberuf aufzugeben.

„Ich glaube, daß Du Dich darein versetzen kannst“, schrieb er im Mai 1895 aus Berlin, wo er mit seiner jungen Frau kärglich lebte, „vielen Leuten kommt es nur auf eine auskömmliche Existenz an, um im übrigen ihren Neigungen leben zu können; in mir lebt etwas, das mir höher ist als alles andere und das einen guten Teil meiner Zeit in Anspruch nehmen will. Dieser Teil meines Selbst konnte sich ausleben, als ich meinen Roman schrieb; und es war auch in anderer Weise befriedigt in meiner Redaktionstätigkeit“.

Was aber war „das Höhere“ außer der Befriedigung des Schreibens? War es „die ohnmächtige Wut der Gernegroß-Studenten, Literaten und literarisch werden wollenden Ex-Arbeiter darüber, daß unsere Partei ihren Siegeslauf ruhig vorangeht, ohne die Hilfe dieser Herrchen im geringsten zu bedürfen“ wie Engels einem der „Jungen“, dem Schriftsteller und Genossenschafter Hans Müller, unterstellte? Jener „Esel“ merkte nicht, informierte Engels, Bebel, daß von revolutionärer Gewalt keine Rede sein könne, wenn keine reaktionäre Gewalt da sei, die man umwerfen müsse.

Landauer hätte Engels' Taktik unterschreiben können, hätte er dessen Prämisse geteilt, daß die Revolution etwas sei, das herbeigeführt werde, um dann alles zu bessern; aber das glaubte er nicht. Er glaubte weder an den Sieg in der Schlacht noch daran, „in der ersten großen Schlacht zu siegen“. Am stärksten beeindruckten der Anarchist Benedikt Friedländer und der Sozialreformer Moritz von Egidy den jungen Revolutionär. Egidy hatte seine Offizierskarriere aufgegeben und in seinem Buch „Ernste Gedanken“ seinen Übertritt zum Volk begründet. Das machte Aufsehen.

Die Mythisierung, die von der rationalistischen Voraussetzung ausgeht, daß durch taktisches Verhalten die endgültige Wende eintrete, erkannte Landauer früh. Auch er sprach, 25-jährig, über die „Forderungen der Anarchie an unsere Zeit“ und ähnliches in zahlreichen, von der Polizei gut besuchten Versammlungen (bei einem Vortrag im März 1896 waren im Nebenzimmer des Lokals allein 22 uniformierte Schutzleute versammelt, die Geheimen nicht eingerechnet), und er sprach möglichst harmlos, taktierte also.

Aber die Revolution, die er meinte, war weder auf den zum Mythos verdichteten Klassenkampf noch auf den famosen Naturprozeß einer unausweichlich kommenden Diktatur des Proletariats gegründet. Sie begann und endete mit der Aufforderung, die Grundvoraussetzungen jeder Ordnung immer wieder in Frage zu stellen, auch diejenigen der rationalistischen und die der persönlichen Ordnung.

Alle Ordnungen tendieren dazu, die Individuelle zu unterdrücken, die „Gewalt des Geistes“ zu entkräften. Die Aufgabe war, dagegen anzugehen. „Mein allgemeiner Eindruck“, berichtete Landauer vom Londoner Sozialistenkongreß im August 1896, „war ein äußerst befriedigender, was unsere revolutionäre Bewegung und ihre Fortschritte, aber ein ziemlich katzenjämmerlicher, was die Arbeiterbewegung im allgemeinen angeht. Vor allem auch die Engländer sind in puncto Aufklärung und rebellisches Denken und Fühlen ebensoweit zurück, wie sie in der Organisation voraus sind. Viel Freude haben uns die Franzosen gemacht; der Anarchismus in Verbindung mit der Gewerkschaftsorganisation macht dort enorme Fortschritte; und die Politiker aller Richtungen werden tödlich gehaßt...“ In dieser Zeit war die Oligarchisierung der deutschen Bewegung schon ihr stärkster Impuls.

Rebellisches Denken und Fühlen, Aufklärung - dies war „das Höhere“, nicht der Tagesstreit um irgendeiner irgendwann kommenden Revolution willen. In Hardens „Zukunft“ vom 5. Januar 1895 legte Landauer dar, was er unter „Anarchismus in Deutschland“ verstand. Die Berichte über die Versammlungen, auf denen er sprach, weisen aus, daß Revolution, wie er sie begriff, lebte.

Von Egidy ließ Landauer sich zu einem Leitartikel „Der Dichter als Ankläger“ veranlassen, mit dem er eine Verleumdungsklage riskierte, um die Wiederaufnahme eines ungerechten Prozesses zu erreichen. Die Sache ging übler für ihn aus als für Zola sein "J'accuse" in der Dreyfus-Affäre. Als der Wahrheitsbeweis angetreten werden mußte, war der Zeuge Egidy tot, und Landauer ging für sechs Monate ins Gefängnis Tegel: „Was dem Mittelalter das Kloster, das kann uns Modernen das Gefängnis sein. Die Esel, die uns diese Kur vorschreiben, wissen gar nicht, welche Wohltat sie manchem schon erwiesen haben. Ich habe da innen früher einsame Wonnestunden ohnegleichen erlebt und die Kraft des Leids hat sich mir erprobt... Und was Erinnerungsfreuden und Feste der Seele sind, weiß niemand, der nicht ähnliches erlebt hat.“

Der Vergleich der Gefängnis- mit der Klosterzelle kommt nicht von ungefähr. Der Skeptiker, der den gesellschaftlichen Umständen mit forschendem Mißtrauen begegnete und sich der Sozialdemokratie nicht anvertrauen konnte, weil er ihr politisches Urteil für unzuverlässig hielt, wurde in der Abgeschlossenheit der Zelle zum Mystiker. Wie in Ibsens sozialen Dramen fand der soziale Zweifel seinen Halt im Versenken der Seele in sich selbst.

Landauer arbeitete im Gefängnis an Fritz Mauthners „Beiträgen zu einer Kritik der Sprache“ so intensiv, daß man ihn eigentlich als den Mitautor des ersten Bandes bezeichnen müßte. Gleichzeitig begann er, die mittelhochdeutschen Predigten des Meisters Eckhart zu übersetzen.

„Dieser Meister Eckhart, der zu Beginn des 14. Jahrhunderts wirkte“, schrieb er an Hedwig Lachmann, „wird gewöhnlich ein 'deutscher Mystiker' genannt, wobei man sich aber ganz gewiß nicht das Richtige denken kann. Er war nämlich ein sehr klarer, nüchterner, sogar manchmal spitzfindiger Geist, bei dem das Verstandesleben das Empfinden durchaus überwog; ein Pantheist mit außerordentlich tiefen, uns wie modern anmutenden Gedanken und einer entzückenden, schönen und schlichten Prosa.“

Man spürt die Unruhe aus diesen Sätzen, die es Landauer bereitet haben muß, von einer Strömung erfaßt zu sein, die spätestens seit dem 17. Jahrhundert als der überwundene Gegensatz zum herrschenden Rationalismus galt. Tiefer: Wie ließ sich das Unbehagen an der Kultur, wie ließ sich die Kritik am niederdrückenden Gewicht mit diesem Verschließen der Augen von der Sinnenwelt vereinbaren?

Im landläufigen Verständnis von Mystik mußte die soziale Kritik zum hilflosen Monolog jedes einzelnen werden, unüberbrückbar getrennt von dem Glauben an die Verbesserung der Zustände, ohne den zu kritisieren nicht möglich ist. Die Ekstasen in der Zelle konnten als unversöhnlicher Widerspruch zu dem sozialen Rebellentum gelten das Landauer in humanitärer Absicht lebte. Er fand sich selber im Verdacht, den Übergang vom Humanismus zum Egoismus zu vollziehen, den er an Max Stirner gerügt hat. Befand er sich mit dem gelebten Werk in einem unvereinbaren Zustand, ähnlich wie die Kritik Ibsens Mystizismus abtat?

Eine ohnmächtige Jugend

1903 erschien „Skepsis und Mystik - Versuche im Anschluß an Mauthners Sprachkritik“ bei Egon Fleischel in Berlin, der schon die Novellen „Macht und Mächte“ herausgebracht hatte. Mit Recht hat Heinz-Joachim Heydorn in seinem Vorwort zur Neuausgabe von Landauers „Aufruf zum Sozialismus“ gesagt, daß ohne „Skepsis und Mystik“ Landauers spätere Auffassungen nicht zu verstehen sind. Ohne dieses revolutionäre Bändchen von 154 Seiten ist aber auch die Hilflosigkeit des fortschrittlichen Lagers in Deutschland der Jahrhundertwende nicht recht zu begreifen:

Niemand hat in vergleichbarer Entschlossenheit sichtbar gemacht, daß „die Revolution“ nirgendwohin führen wird, wenn sie in den tradierten Denkgewohnheiten weiterwurstelt und mit dem Gegensatzpaar Persönlichkeit und Gesellschaft sich ständig neue Stolperdrähte zieht.

„Bisher fiel alles auseinander in ein armes, schwächlich aktives Ich und eine unnahbar starre, leblos passive Welt. Seien wir jetzt das Medium der Welt, aktiv und passiv in einem. Bisher haben wir uns begnügt, die Welt in den Menschengeist, besser gesagt: in den Hirngeist zu verwandeln; verwandeln wir jetzt uns in den Weltgeist.“

Die Materie ist starr, schreibt Landauer, kein Wunder, daß die Materialisten es auch sind; aber dann weist er „die Nichtigkeit des Konkretums, des isolierten Individuums“ nach, um zu zeigen, daß es „keinerlei Individuum, sondern nur Zusammengehörigkeiten und Gemeinschaften gibt“. Darin ging er mit Feuerbach und Marx einig.

Es ist nicht mehr auszumachen, ob die These, die Sprache sei kein Gebilde, sondern Vorgänge und Tätigkeit in Verbindung mit anderen Vorgängen und Tätigkeiten, ursprünglich von Landauer oder Mauthner in das Mauthnersche Werk hineinkam, es ist in diesem Zusammenhang auch nicht erheblich. Sie hat von Bacons Unterscheidung der Idole an manchen größeren Geist bewegt. Indessen bleibt sechs Jahrzehnte später festzuhalten, daß wissenschaftlich ausgebildete Jugend, die mit der seither entwickelten Soziologie der Sprache Bekanntschaft hätte machen können, ihre Kritik an der Gesellschaft dem Volk nicht mitteilen kann, weil sie die aus der Literatur ererbten Metaphern nicht in sympathische Tätigkeiten umzusetzen versteht.

Es gibt keinen Anarchismus

Um mit Hedwig Lachmann allein zu sein, entzog sich Landauer 1901 dem deutschen Milieu, auch der „Neuen Gemeinschaft“ der Brüder Hart, wo er Martin Buber getroffen hatte, und wurde in Bromley (Kent) zum Nachbarn Peter Kropotkins. Er entdeckte in dem Russen eigene Ansichten wieder, sah sich in vielem bestätigt, angeregt, wie es ihm bei der ersten literarischen Bekanntschaft mit den Schriften von P. J. Proudhon ergangen war.

Die Arbeiten des fast dreißig Jahre älteren Kropotkin wurden fortan zum festen Bestandteil der Laudauerschen Publizistik. Ihn faszinierte, wie ein junger Offizier der Amurkosaken bei der Erforschung der Geographie Sibiriens und der Mandschurei Sachlichkeit, Hingabe, Einfachheit, Genügsamkeit der Stämme und Völker dieses Erdteils kennengelernt und aus einem weitgespannten ethnologischen Verständnis seine anarchistischen Konsequenzen gezogen hatte.

Kropotkin hatte gesehen, daß Disziplin versagt, „wo es auf Wirklichkeit ankommt“, aber Verständigung und Freiheit das Leben schaffen. Er schied aus dem Militärdienst und der fürstlichen Familie und begann, 25jährig, zu studieren. Er lernte und übte nach dem Zusammenbruch der Pariser Kommune im Umgang mit den Uhrmachern der Jura-Föderation, „daß es keine größere Freude für den Mann des Geistes gibt als Brüderlichkeit und keine größere Scham für den Geist als das Mißverhältnis der Herrschaft“.

Revolution hieß ihm der Augenblick, in dem die konstruktiven Kräfte strahlend über den Schlendrian aufsteigen; Landauer verkündete sie später als „ein Bad des Geistes“. Kropotkins Stärke nannte er dessen Begabung, hinter den Verwirrungen das Einfache zu sehen, so wie er das sibirische Hochland erkannt hatte. Der Blick für das Verworrene ging ihm ab. Dostojewski verstand er nicht; er verehrte Tolstoi, von dem ihm doch der tiefe Graben zwischen Relativisten und Absolutisten trennte.

Alles Nachdenken über das menschliche Zusammenleben muß Früheres auswählen. Jedes neue Gedankensystem verwendet Bausteine aus alten. Nachzuweisen, daß etwas Eklektizismus ist, fällt leichter als das Originale zu benennen. Einen Literaten wie Landauer, einen Geographen wie Kropotkin, einen Philosophen wie Marx oder einen Politiker wie Cicero als Eklektiker abzutun, kostet fast nichts. Es ist aber auch nichts wert. Da Denken eine Tätigkeit mit anderen Tätigkeiten ist, sollte das Urteil sich auf deren Kenntnis stützen. Die Verhältnisse zu rekonstruieren, mag dabei helfen; aber es kommt nicht darauf an, wie sie sind, sonder was unter ihnen gedacht und sonst getan wird.

Landauer, hochgewachsen und zart, kehrte, wie er schon wußte, ins „Vorkriegsdeutschland“ zurück. Er korrespondierte brüderlich mit Mauthner und Mühsam, kühl mit Dehmel, mit dem Bakunin-Forscher Max Nettlau, mit Julius Bab, Richard Beer-Hofmann, ehrerbietig mit Hofmannsthal, mit dem bewunderten Alfred Mombert, mit Bahr, distanziert mit Karl Kraus, und durchmißt immer neue Zirkel des literarischen Lebens. Die Gesellschaft ist ihm eine Gesellschaft von Gesellschaften von Gesellschaften.

Die Frustration des Wilhelminismus ödete sich aus. Landauer hatte sich gegen den Verdacht zu wehren, mit Abgeordneten des Freisinns über ein Gesuch an den Kaiser, gefälligst abzudanken, beraten zu haben. Unter dem Druck der offiziösen Realpolitik, die so realistisch ja dann auch wieder nicht war, wie wir hinterher zu wissen glauben, begriff Landauer seine Revolution als antipolitisch.

Der Anarchismus hat keine andere Aufgabe, als zu erreichen, daß der Kampf des Menschen gegen den Menschen aufhöre, daher kann es keine anarchistische Partei geben, ja nicht einmal eine allgemein anarchistisch zu nennende Taktik. Er spricht auch nicht vom rechtlichen Verbot des Privateigentums an Produktionsmitteln und vom zu erzwingenden Gemeineigentum. Er fürchtet dahinter nichts anderes als die „verschleierte Herrschaft einer Beamtensippe“. Die „allerdings verzweifelt mißlichen Zustände, die vom Standpunkt internationaler Politik direkt bedrohlich sind“ (1906), lassen sich nicht durch eine Hoffnung auf bessere „Gesamtheit“ ändern; sie wird nie für uns sorgen.

Was gibt dann die neue Richtung? „Dreißig sozialistische Thesen“, die Kraus 1906 für seine „Fackel“ abgelehnt hatte, weil sie zu lang seien, erschienen im Januar 1907 in Maximilian Hardens „Zukunft“. Sie stellen eingangs fest, daß eine ins Allgemeine und ebenso ins Einzelne gehende Tendenz wie die des Sozialismus vielfach verzweigt, zersplittert und differenziert sein müsse. Er wolle Zustände schaffen, in denen jeder durch seine Arbeit sich und die Seinen ein erträgliches, nicht nur genußreiches, sondern „ein kulturerfülltes Leben“ schaffen könne. „Der Sozialist will, daß alle nützlich arbeitenden Menschen innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft ... die Möglichkeit zur vollen Teilnahme am Kulturleben haben.“

Nützlich nennt Landauer Arbeit, die für Lebenshaltung und Kultur notwendige Güter gewinnt, durch Veränderung herstellt, transportiert oder verteilt. Nützlich ist Arbeit, die Hilfsmittel zur Arbeit gibt oder Hindernisse entfernt, nützlich ist Arbeitsorganisation. Forscher, Künstler und Dichter stehen auf der Grenze der Nützlichkeit.

Arbeit ist eine Lebensbetätigung künstlicher Ordnung, niemand wird das Leben selbst eine nützliche Arbeit genannt haben. Gelehrte, Künstler und Poeten üben eine Lebensbetätigung dritter Ordnung aus, gehören der Religion an. Die Frage zu beantworten, ob sie sich besser nützlicher Arbeit widmen sollten, wagt Landauer nicht, aber er meint: „Mögen sie sich schließlich quälen und leiden: wer Luxus schafft, weil sein Leben luxuriert, muß auch im Schmerzleiden üppig sein.“

Sozialismus außerhalb des Staates

Die Mittel zu vielerlei Luxus der Sinne und Triebe, des Leibes und Geistes gehören zur Kultur eines Volkes; aber es ist nichts Genaueres darüber zu sagen, als daß „Klima, geschichtlich gewordene Bedürfnisse, Technik und Luxusgewohnheit“ einander bedingen und sich das Maß vorschreiben. Was ist ein Volk?

„Volk aber ist etwas, das es nicht gibt; und hier läßt sich nur sagen, daß Volk das Gefühl einer Zusammengehörigkeit vieler Menschen im Gegensatz zu anderen solchen Zusammgehörigkeitsgefühlen ist, daß aber Natur und Grundlage solcher Gefühle in jedem Fall ihre historischen Bedingungen hat, die nicht nur keine gemeinsame Wurzel, nicht nur keinen gemeinsamen Gattungsbegriff haben, sondern nicht einmal ähnlich sind. Volk nämlich, wie man es heute meint, ist ein Mischgebilde aus Nationalität, staatlichen Grenzen und Wirtschafts- oder Kultureinheiten. Der Staat und seine Grenzen sind elende Zufallsprodukte der erbärmlichsten Erscheinungsformen sogenannter Geschichte…"

Bei dieser Abrechnung mit dem herkömmlichen Vokabular und den in ihm umgehenden Kollektivinteressen hält der Sozialismus nicht ein: „Die Nationalität ist eine schöne und liebenswürdige Wahrheit; ihre Verbindung mit dem Wirtschaftsleben ist eine Lüge“. Daß der Anschein entstand, die Suche der Arbeit nach größeren Märkten und das Heranwachsen der Sprachen zu nationalen habe etwas miteinander zu tun, komme nur daher, daß die beiden getrennten Erscheinungen „mit dem Staat verquickt und umschlossen wurden.“

„Der Staat hat Bräuche, Sitten und Sprachgewohnheiten der Heimat nicht hindern können, zu großer Kunst und umfassendem Sprachgebrauch zu wachsen; aber die Entwicklung der großen Wirtschafts- und Kulturgemeinschaften, wie sie dem Prozeß der Produktion der Technik, dem Austausch entsprechen, hat er verfälscht, gehindert, und, wo sie wollten, zurückgedrängt und vernichtet.“

Darüber muß der Sozialismus hinauskommen, Volk wird möglich als Kulturgemeinschaft und Wirtschaftsgemeinschaft über die falsche Auffassung von Nationalität hinweg, es wird mit Staatsgrenzen und Nationalitäten gar nichts mehr zu tun haben.

Der Sozialismus kann nur in der Arbeit realisiert werden, nicht im Staat, sondern draußen, „außerhalb des Staates, zunächst, solange diese überalterte Albernheit, dieser organisierte Übergriff, dieser Riesentölpel noch besteht, neben dem Staat“. Die Leute finden sich im Produktions- und Zirkulationsprozeß zusammen in unzähligen Gliederungen und Organen, in einem Gefüge höherer Ordnung. Darum ist das sozialistische Organisieren etwas ganz anderes, „als heute die Oberflächlichkeit meint.“

Da der Staat ein Zweckgebilde ist, das unsinnigerweise Formen und Grenzen eines Raumgebildes hat, muß man sich auf das einzig zweckmäßige Raumgebilde besinnen, die Gemeinde. „Der Staat ist nicht zur Verteidigung des Landes da; vielmehr muß umgekehrt immer noch ab und zu das Land und der heimische Herd verteidigt werden weil Staaten da sind.“

Widerspruch zum Judenstaat

Landauers Sozialismus war eine intellektuelle Bewegung für alle, nicht nur für eine durch die Vorsehung dazu ausersehene Klasse, und eine Bewegung außerhalb des Staates und gegen ihn. Darin unterscheidet er sich prinzipiell von der Sozialdemokratie seiner Zeit und vom Kommunismus. Er konnte seinen Freunden weder „die Kapitalherren“ als Sündenböcke apportieren noch ihnen einbleuen, die Staatsmacht werde nicht mehr unterdrücken, hielten erst die Revolutionäre sie in Händen.

Eine Parteiaristokratie für Demokratie anzusehen, wie Lenin es tat, war ihm undenkbar. So blieb das Echo gering, und man mag darüber streiten, ob ein solcher Sozialismus, wären ihm die Massen gefolgt, mehr bewirkt hätte als den Wohlstand, den die Taktik der staatlichen Anpassung an die industrielle Expansion umverteilt hat.

„Der Austritt aus der kapitalistischen Wirtschaft“, den Landauers „Zwölf Artikel des Sozialistischen Bundes“ forderten, ist damals nicht erfolgt und, soweit er die Negation des Staates voraussetzt, auch später in den sozialistischen Ländern nicht. „Der Staat“ überwältigte die Bewegung selbst dort, wo beginnende Siedlungen den Konsum zusammenlegten und die Geldwirtschaft durch gegenseitigen Kredit ersetzten: in Palästina.

"Wir wollen nicht Revolution, wir sind Revolution“, sagte Martin Buber in einem Vortrag vor der „Neuen Gemeinschaft“ der Jahrhundertwende, den wenig älteren Gustav Landauer variierend. Wie jener den Meister Eckhart, hob er den Chassidismus neu ins Bewußtsein. Die beiden jungen Männer wurden Freunde, und „Bubers Anschauungen über das gemeinschaftliche Leben der Menschen sind von Landauer beeinflußt worden“ (Hans Kohn).

Das Werk Landauers aber wäre nicht nur vergessen, sondern auch verschollen, hätte sich Buber seiner nicht angenommen. Die anhaltende intellektuelle Spannung, die beide als Lebensprinzip anerkannten, ließ sich in der sozialistischen wie in der zionistischen Bewegung umsetzen, die durch Theodor Herzls „Judenstaat“ eben ihre politische Utopie erhalten hatte. Aussiedlung aus der Gewaltgesellschaft und Neubeginn waren gemeinsame Ziele, und die Versuche der Verwirklichung gingen ähnliche Wege. Welche Rolle der Staat in ihr spielen sollte, mußten Zionismus wie Sozialismus für sich entscheiden.

Landauer erwartete nicht, mit seiner antistaatlichen Propaganda im Deutschen Reich durchzudringen, über dem noch die Schatten der Theokratie lagen. Etwas anderes war es mit dem Geistesverband des Judentums. Wenn er sich zu gemeinsamer Siedlung niederließ, brauchte die Staatlichkeit nicht beseitigt zu werden, man mußte nur darauf verzichten, sie herzustellen.

„Der Staat ist kein Land. Land ist Boden, nichts anderes; die übertragene und lügnerische Bedeutung ist erst entstanden und geglaubt worden, als die Landesherren keine Landesherren mehr waren, aber immer noch Landesherren sein wollten. Mit dem Boden zu tun haben die Landwirte und ihre Vereine, die Hausbauer und Bewohner, die Grundbuchvereine (wenn es welche gäbe; aber um des Grundbuches willen braucht man wahrhaftig keinen Territorialstaat) und die Gemeinden. Alle diese Einzelwesen sind vereinigt in dem, was man in gutem Deutsch ein Amt nennt. Amt oder Amtsbezirk ist ein Gemeindeverband. Der Staat ist nicht zur Verteidigung des Landes da...“

Diese These Landauers war auch zu den Zionisten gesprochen. Sie stand in vollem Widerspruch zum „Judenstaat“. Bis zur Gründung des Staates Israel war die zionistische Bewegung nicht nur ein Verlangen nach dem Staat, sondern in einer heute überspielten, aber lebendigen Strebung ein Kampf gegen ihn.

Das Judentum hat der Welt das Beispiel nicht gegeben, auf der Basis sozialistischer Produktionsgenossenschaften seinen erhabenen Traditionen zu leben, wie die kulturelldemokratische Opposition gewollt hatte. Der geistige Zustand der Welt wäre vielleicht ein anderer, besäße sie jenes Modell. Statt dessen taumelt sie von einem Umsturz in den anderen, und die Revolutionäre errichten allenthalben das Alte. Indem sie gegen Staaten andere Staaten setzen und Gewalt mit Gegengewalt beantworten, bringen sie die Menschheit nicht einen Schritt weiter. Wer aus der Gewaltgesellschaft heraus will, muß bei sich beginnen. „Sozialist ist nicht, wer infolge von Not nötigt, wer infolge von Unterdrückung unterdrückt, wer infolge von Gewalt vergewaltigt“, formulierte Landauer 1912.

Originaltext: Zeitgeist Nr. 16, März/April 1972 (14. Jahrgang). Digitalisiert von www.anarchismus.at


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