Heiner Koechlin - Reflexionen über Rechts und Links

Seit ca. 10 Jahren spricht man wieder von rechts und links. Während der Nachkriegszeit waren diese Ausdrücke beinahe aus dem politischen Sprachgebrauch verschwunden.

Angesichts der Kriegskatastrophe mit ihren weit katastrophaleren Nebenerscheinungen konnte man Symbole traditioneller politischer Ideologien nicht mehr ernst nehmen.  Rechts und links erschienen der damaligen jungen Generation als altvaterische, verstaubte Zöpfe. Vor dem Kriege hatte es Rechts- und Linksparteien gegeben, doch hatte man sich damals weniger als heute davor gescheut, die Dinge beim Namen zu nennen und sich zum Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus oder auch Faschismus zu bekennen. Heute zieht man es dagegen vor, einen Standpunkt mittels Rechts- und Linkssymbols nur anzudeuten, als ob man sich vor einem deutlicheren ideologischen Bekenntnis schämte.

Was man unter "rechts" und "links" versteht, ist denn auch vielfältig, widerspruchsvoll und verschwommen.  Ich erinnere mich aus der Zeit, als der Existenzialismus noch Mode war, daß ein Vortragender die bekanntesten Existenzialphilosophen folgendermaßen plazierte: Links - Martin Heidegger und Jean Paul Sartre, rechts - Karl Jaspers und Martin Buber, im Zentrum - Albert Camus. Paradoxeres ließe sich nicht erfinden, war doch der "linke" Heidegger aktives Mitglied der nationalsozialistischen Partei. Der "rechte" Jaspers war ein Kritiker aller totalitären Systeme, der "rechte" Buber war ein liberaler, dem Anarchismus verbundener Sozialist. Die Erklärung: Heidegger und Sartre waren Atheisten, Jaspers und Buber Transzendentalphilosophen. Dass Albert Casmus ein Platz rechts von Sartre zugewiesen wurde, erklärt sich jedoch ganz einfach damit, daß Sartre nur die Konzentrationslager von rechts, Casmus dagegen die Konzentrationslager von rechts und von links verurteilte.

Auf Grund solcher Konfusion ist es verständlich, wenn sich "junge Linke" von heute mit ehemaligen Nazis zum Kampfe gegen den "Zionismus", d.h. praktisch zur Ausrottung der Juden im nahen Osten verbünden.

Die Zielsetzung der heutigen Linken reicht vom totalitären Staat bis zum totalen Individualismus, vom puritanischen Stachanowgeist bis zum freien Konsum von Rauschmitteln, vom Ideal eines bedingungslosen technischen Fortschrittes bis zur Kritik an der "Konsumgesellschaft" etc. Die Möglichkeit zu solcher Unklarheit und Widersprüchlichkeit liegt in den Begriffen "rechts" und "links" selbst.

Diese geben keine Standorte an,  sondern können nur das Verhältnis eines Standortes zum anderen ausdrücken. Es gibt nichts links oder rechts liegendes, das nicht in Beziehung zu einem noch weiter links oder rechts liegenden rechts, resp. links läge, etc. Dazu kommt, dass von der Blickrichtung eines Subjektes bestimmt wird,  ob es rechts oder links liegt. Blicke ich nach Süden, so liegt der Osten links und der Westen rechts. Blicke ich nach Norden, so verhält es sich umgekehrt. Der Ursprung von "rechts"und "links" im politischen Sprachgebrauch liegt im frühen Parlamentarismus des letzten Jahrhunderts.

Die konservativen Abgeordneten sassen rechts, die liberalen links. Jede aus dem Schosse der Gesellschaft neu auftauchende Richtung schloss sich links an, an die Liberalen die Demokraten, die Republikaner, schliesslich die Sozialisten. Ursprünglich linke Parteien wurden so allmählich nach dem Zentrum, schliesslich nach rechts gedrängt. Links sassen die neuen, die Rebellierenden, Reformierenden, Revolutionierenden, rechts die Alten, die Bremsenden und Bewahrenden, links der Fortschritt, im Zentrum der Status quo, rechts der Rückschritt. Was das neue war, das man wollte, darüber sagt das Wort "links" nichts aus, so wenig das Wort "rechts" definiert, was das alte,  zu bewahrende sei. Voraussetzung für eine politische Haltung, die sich als "links" versteht,  ist denn auch die Meinung, dass das Neue,  "fortschrittliche", auch das Gute sei. Voraussetzung für den sich als "rechts" verstehenden ist, dass das Alte,  zu bewahrende, das Gute sei. Dass sich die Neuen, "Fortschrittlichen" links und nicht etwa rechts anschlössen, ist wohl kein Zufall, sind doch Rechts und Links tiefenpsychologische Symbole,  die schon den Kabbalisten bekannt waren. In der Psychologie wie in der Politik bedeutet "links" nichts anderes als Auflehnung gegen eine überlieferte Ordnung und Autorität, die in ihrer Auseinandersetzung mit dem-Neuen durch das Rechts- Symbol ausgedrückt wird.

Konkret kann jedoch das Neue, Fortschrittliche, "Linke" ebenso verschiedenes und gegensätzliches sein, wie das Alte, Rückschrittliche, "Rechte".

So war der Inhalt von "Rechts" und "Links" nicht nur einem historischen Wandel unterworfen, sondern bezeichnete auch oft gleichzeitig Grundverschiedenes. Rechte und Linke waren denn auch je in sich selbst immer gegliedert und gespalten. Der Spalt konnte so tief werden,  dass sich ein Teil der Linken mit einem Teil der Rechten gegen einen anderen Teil der Rechten und der Linken zusammenfinden,  oder dass eine Linke zur Rechten und eine Rechte zur Linken hinüberwechseln konnte. Ein Musterbeispiel für einen solchen Wechsel bot die politisch engagierte deutsche Romantik. Ursprünglich sympathisierte sie mit der Französischen Revolution. Im Befreiungskampf gegen den Napoleonischen Imperialismus kämpfte sie dann im Lager der legitimistischen Monarchie. Nach Napoleons Niederlage machte sie eine Linkswendung und wurde zur Vorhut des jungen Liberalismus. Zwischen einer konservativen Rechten, die in der Wiedererweckung der korporativen Ordnung des Mittelalters ihr Ideal erblickte, und dem feudalbürgerlichen Neoabsolutismus eines Bismark bestand kaum eine Gemeinsamkeit.

Die bürgerliche Linke war ihrerseits in Zentralisten und Föderalisten, Abkömmlinge der autoritären Jakobiner und der antiautoritären Girondisten,  gespalten. Ein analoger Bruch ging durch den Sozialismus: Anhänger des zentralistischen Einheitsstaates mit Karl Marx und Lassalle auf der einen, Verfechter der Föderation autonomer Gemeinden und Regionen mit Proudhon und Bakunin auf der anderen Seite.

Trotz dieser inner-linken und inner-rechten Gegensätze gab es damals typische Charaktermerkmale der Linken einerseits und der Rechten andererseits, d.h. es gab eine Rechte und eine Linke nicht nur als Namen, sondern als ideologische Realitäten. Trotz der Spaltungen in Autoritäre und Antiautoritäre, deren Tragweite wir erst heute voll ermessen können,  gab es einen den Linken gemeinsamen Geist, der sie von der Rechten schied. Es war dies der Geist des Liberalismus. Dieser Name ist bei den heutigen Linken ebenso verpönt wie bei den Rechten. Doch ist die Rechte ihrem Wesen nach traditionell antiliberal. Die Linke ist antiliberal geworden. Dies aus zwei Gründen: Liberalismus bedeutete ursprünglich nichts anderes als Befreiung des Individuums von aller geistlichen und weltlichen Bevormundung, Unterdrückung und Ausbeutung. Der Sozialismus ist nichts anderes als eine in direkter Linie liegende Konsequenz aus dieser Idee.

Auf der anderen Seite wurde sie kommerzialisiert und degenerierte zur blossen Freiheit des Handeltreibens und Geldverdienens, und diese Freiheit griff, um sich den übrigen menschlichen Freiheiten (z.B. die elementare Freiheit, sich gegen materielles Elend zu wehren) entgegenzustellen, zu Mitteln der Gewalt und verfälschte damit die ursprüngliche Idee des Liberalismus. So wurde der Liberalismus mehr und mehr von einer bestimmten Form des Kapitalismus monopolisiert. Die Linke ihrerseits kehrte sich vom authentischen Geist des Liberalismus, der mit Kapitalismus nichts zu tun und ihr selbst das Leben gegeben hatte, ab. Links und liberal hatten nahezu dasselbe bedeutet. Der Grund hierfür ist ein sehr einfacher. Links bedeutet wie wir sahen,  nichts anderes als Auflehnung gegen hergebrachte Ordnung und Autorität. Solange es ausser der hergebrachten keine Ordnung und Autorität gab,  gab es auch keine andere Freiheitsbeschränkung als eben die, die von der hergebrachten Staatsgewalt ausgeübt wurde. Es gab keine andere Ausbeutung als die von Seiten einer alten traditionell herrschenden Klasse. Es gab keine Kriege ausser denen, die von Herrschern befohlen wurden welche die traditionelle Autorität verkörperten. Eine Bewegung, die sich gegen die hergebrachte Autorität wandte, richtete sich unter diesen Umständen logischerweise gegen Unfreiheit, Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Unmenschlichkeit an und für sich.

Sie war somit, was auch immer für politische und wirtschaftliche Programme sie vertrat, liberal. Liberal, das will z.B. besagen, dass die Linken, so sehr sie auch in ihren politischen und wirtschaftlichen Zielsetzungen uneinig waren, einig waren in ihrer Gegnerschaft gegen die Todesstrafe, sowie gegen alle Übergriffe der Staatsgewalt auf die unveräusserlichen Rechte der Einzelnen. Links sein, das bedeutete Kosmopolit sein und Feind eines jeden aggressiven Nationalismus. Das allen Linken Gemeinsame drückte sich in den Satzungen der Freimaurerorden und den praktischen Zielsetzungen der Liga für Menschenrechte aus.

Der Prozess gegen Dreyfus, den jüdischen Offizier, der von der französischen Militärkaste wider besseres Wissen unschuldig als Landesverräter nach Cayenne geschickt wurde, schied die Geister. Rechts standen die Chauvinisten, die Anbeter von Militarismus und unantastbarer Staatsgewalt, die Antisemiten, die Kolonialisten und Verfechter der Jesuitischen These vom Zweck, der die Mittel heilige. Links standen die Verteidiger des Menschen und seiner Unantastbarkeit, Freiheit und Gleichheit.

Einheit der Linken ist entweder ein nichtssagendes, leeres Wort, dem nur demagogische, propagandistische Bedeutung zukommt, oder sie bedeutet Einheit im Geiste des Liberalismus. Eine Linke, die den liberalen Geist verrät, verrät sich selbst, hebt sich selbst auf.

Ebendies geschah, als im Gefolge der russischen Revolution linke Herrschaften entstanden und mit ihnen linke Parteien, deren Wesen nicht mehr darin bestand, gegen alte hergebrachte Autoritäten zu rebellieren, sondern darin, neue Herrschaft zu verteidigen oder zu erobern. Die Revolution vollzog sich in einem Lande, dessen Gesellschaftsformen nicht in liberaler Tradition verwurzelt waren. Sie zeigte darum sehr schnell absolutistische Züge, die denen der gestürzten alten Herrschaft nicht nur ähnlich waren, sondern deren despotischen Charakter noch übertrafen.

Die neue Herrschaft war weniger das Resultat der Auseinandersetzung der Revolution mit der alten Herrschaft, als das Resultat des Kampfes der Revolutionäre untereinander. In den Auseinandersetzungen zwischen Sozialrevolutionären, Menschewiken,  Anarchisten und Bolschewiken siegten die letzteren, nicht zuletzt darum, weil ihre Geistesart am reinsten auf blosse Machteroberung ausgerichtet und am wenigsten von liberalen Skrupeln belastet war.

Wie ihre Rivalen aus dem Kampfe gegen den rechten Absolutismus hervorgegangen, verstand sich diese Partei, die den Namen des Kommunismus für sich monopolisierte, als links. Einmal an der Macht aber brach sie mit der humanistisch-liberalen Tradition der Linken und wandte zur Festigung ihrer Macht in weit höherer Potenz dieselben Mittel an, welche die Herrschaft der Rechten charakterisiert hatten.

Nach marxistischer Theorie hätte die Staatsgewalt mit der Festigung der proletarischen Macht absterben müssen. Doch das Gegenteil geschah. Die Staatsmacht wuchs ins Unermessliche,  ihre proletarische Fassade bröckelte ab. Der Leninsche Absolutismus versteinerte zum Stalinschen Totalitarismus. Dasselbe geschah später in China. So entstand der moderne totalitäre Staat zuerst unter linkem Vorzeichen.  Er bedeutete die totale Verkehrung von allem, was die klassische Linke auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Kritische Denker des letzten Jahrhunderts hatten diese Wendung vorausgeahnt, wohl niemand aber so deutlich, wie der Konservative Jakob Burckhardt und der Revolutionär Michael Bakunin. Fast gleichzeitig und in Wechselbeziehung mit der neuen antiliberalen und  totalitären Linken entstand eine neue totalitäre Rechte.

Faschismus und Nationalsozialismus organisierten sich in mancher Beziehung nach dem bolschewistischen Modell. Diese neue Rechte war ebensowenig konservativ wie die neue Linke liberal. Konservative Postulate hatten für diese Bewegung,  ebenso wie sozialistische,  nur propagandistische Bedeutung. In Wirklichkeit ging es ihr um die Macht als solche. Nichts Grundsätzliches schied die neue Rechte von der neuen Linken. Dafür brauchten sie sich gegenseitig zu ihrer Rechtfertigung. Jede Seite stützte sich moralisch auf die Verbrechen der anderen. Der Faschismus lebte vom Antikommunismus, der Kommunismus vom Antifaschismus, wenn sie sich nicht die Hand reichten wie vor Hitlers Machtantritt ("Sozialfaschismus") und beim Stalin-Hitler-Pakt, der den Ausbruch des zweiten Weltkrieges ermöglichte. Das schlimmste dabei war nicht die Haltung der Totalitären, sondern der Umfall des überwiegenden Teiles der klassischen liberalen Linken. In ihrer grossen Mehrheit glaubte die Linke den rechten Totalitarismus ohne ein Bündnis mit der totalitären Linken nicht wirkungsvoll bekämpfen zu können. Dazu kam bei manchen ein geistiger Opportunismus,  eine Angst vor "Heimatlosigkeit" und Unfähigkeit, abseits von den Machtkonzentrationen auf eigenen Füssen stehen zu können.

In einem ihrer letzten Bücher macht Simone Weil die zutreffende Bemerkung, die meisten Menschen brauchten, um handeln zu können, die Anlehnung an eine legale Staatsmacht;  je weiter diese räumlich entfernt sei, desto leichter sei es für einen Revolutionär, sie anzuerkennen.

Dies war sicher der letzte Grund dafür, dass die russische Diktatur auf den europäischen Antifaschismus wie ein Magnet wirkte. Nur wenige wagten es, wie später Albert Camus, zu sehen, dass "sich die Henker alle gleichen". Zu diesen Wenigen gehörten Andre Gide, Panait Istrati und Ignazio Silone, der nach Moskau schrieb,  er weigere sich, roter Faschist zu werden. In erdrückender Mehrheit billigte die linke "Intelligenz" die Stalinschen Massenmorde  (genannt Säuberungen) und die Moskauer Prozesse von 1936/37, die als historische Zeugen menschlich krankhaften Verhaltens nur mit den mittelalterlichen Inquisitionsprozessen verglichen werden können. Damit sprach die Linke ihr eigenes Todesurteil. Noch immer schmückte sie sich mit humanistischliberalen Postulaten, doch niemals mehr vermochte sie es, diese glaubhaft zu machen. Nach der blutigen Vernichtung der liberalen Linken in Spanien durch eine rechts- und linkstotalitäre Verschwörung war es zuende.

Die wiederauferstandene Linke unserer Tage ist nur eine fratzenhafte Karrikatur. Die sog. "neue Linke" richtet ihre Angriffe ausschliesslich gegen den Westen und hält Staatstotalitarismus des Ostens mit freiheitlichen Zielsetzungen, die sie theoretisch vertritt,  für vereinbar. Indirekt stützt sie damit den staatstotalitären Osten. Ihre pseudopazifistischen Proteste gegen den Vietnam-Krieg können nicht ernst genommen werden, solange sie sich einseitig gegen die Vereinigten Staaten von Amerika richten und nicht auch gegen Russland und China, die, wenn es ihnen wirklich um Frieden zu tun wäre, den Krieg innerhalb kurzer Zeit im Sinne eines Kompromisses beenden könnten. Bezeichnend ist die Vorliebe gewisser "neulinker" Kreise für ehemalige rechtsextreme und nazistische Literaten wie Ernst Jünger und Gottfried Benn und andere.

Erbärmlich ist die Haltung einer Angela Davis, jenes "linken" Idols, die internationale Solidarität für sich in Anspruch nimmt, diese aber ihren eingekerkerten Parteigenossen im Osten verweigert.

Wollte man die Begriffe "rechts" und "links" in ihrem traditionellen Sinne gebrauchen, so würden die kommunistischen Staaten, die in ihrer Struktur autoritärer, kapitalistischer und imperialistischer sind als die sog. kapitalistischen, die äusserste Rechte bilden. Der Kapitalismus der sog. kommunistischen Welt ist härter als der westliche, da es hier einen einzigen allmächtigen Kapitalisten gibt, den Staat, der im Gegensatz zu den Kapitalisten der liberalen Welt die Macht besitzt,  freie Gewerkschaften und andere Verteidigungsmittel der Arbeiter total zu unterdrücken. Die russischen und chinesischen Regierungssysteme blicken auf uralte imperialistische Traditionen zurück, die von den Revolutionen nur oberflächlich und für kurze Zeit unterbrochen worden sind. Per Eroberungsdrang dieser Mächte findet eine Grenze nur an der militärischen Stärke des Gegners.

Dem gegenüber ist der Expansionsdrang des westlichen Kapitalismus begrenzt, nicht nur von aussen, sondern auch von innen. Der Liberalismus lässt hier trotz seiner kapitalistischen Degeneration bis heute eine totale Selbstherrlichkeit der Staatsmacht nicht zu. Insofern könnte man den Westen als eine gemässigte Rechte bezeichnen.

Wie man aber auch diese Begriffe heute anwendet, immer stiften sie Verwirrung. Es wäre darum an der Zeit, sie aus dem politisch-ideologischen Sprachgebrauch zu verbannen

Im Byzantinischen Reiche gab es einmal einen Bürgerkrieg zwischen zwei Parteien, von denen die eine sich die rote, die andere die blaue nannte. In dieser blutigen Auseinandersetzung ging es um nichts anderes, als um einen Kampf zwischen Anhängern von zwei verschiedenen Sportklubs. An diesen absurden Krieg erinnert der heutige Kampf zwischen "rechts" und "links". Solche Absurdität wohnt in verschiedenen Graden allen sog. historischen Auseinandersetzungen inne. Im 16. und 17. Jahrhundert bekämpften sich Katholiken und Protestanten, Altgläubige und Neugläubige. Die Reformation, die als geistige Bewegung gegen religiösen Formalismus, Machtmissbrauch und Priesterbetrug begonnen hatte, begann dort, wo sie gesiegt hatte, nach dem Muster der alten Kirche neuen Dogmenformalismus und neue Priesterherrschaft einzuführen. Schliesslich unterschieden sich die beiden Parteien, in deren Namen unzählige von Menschen auf Scheiterhaufen und Schlachtfeldern geopfert wurden, nur noch durch ihre Phraseologie. Die eigentlichen Revolutionäre dieser Epoche aber waren Humanisten und Mystiker, Menschen, die weder zur einen noch zur anderen Partei gehörten und von beiden in gleichem Masse verketzert und verfolgt wurden. Dieser geschichtlich sich wiederholenden Sachlage wird man nicht gerecht,  indem man sagt, die Extreme berührten sich. In Wirklichkeit handelt es sich gar nicht um zwei Extreme, sondern um Verfälschungen. Echte Extreme wie Freiheit und Tyrannei, Gerechtigkeit und Unterdrückung, Menschlichkeit und Barbarei berühren sich nicht.

Es kann darum auch keine Lösung sein, zwischen zwei Extremen eine sog. Mitte zu suchen, die aus einer Mischung zwischen beiden bestünde. Es gilt vielmehr, unwirkliche Masken als solche zu erkennen und abzustreifen. Die Wörter "Rechts" und "Links" hatten einmal Sinn, als rechts noch konservativ und links noch liberal bedeutete. Heute sind sie täuschende Halluzinationen, welche die Sicht auf wirkliche Gegensätze und mögliche Gemeinsamkeiten versperren.

In Irland liefern sich heute noch Katholiken und Protestanten blutige Schlachten. Analog wird das ganze politische Kampffeld von anachronistischen Begriffen und Schlagworten beherrscht. In ihrem Namen wird regiert und rebelliert. In ihrem Namen werden Kriege geführt und Menschen gefoltert. Wirkliches und Neues kann nur ausserhalb dieser Phrasenwelt und jenseits dieser blutigen Scheinkämpfe geschehen.

Originaltext: Zeitgeist Nr. 22, 1973 (15. Jg). Digitalisiert von www.anarchismus.at


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