Johann Most - Die Gottlosigkeit. Eine Kritik der Gottes-Idee

I. Vom Glauben.

Ueber Gott wird vieles geglaubt, während man thatsächlich nichts über ihn weiss. Denn der Glaube ist eine Negation des Wissens; man glaubt nur, was man nicht weiss; was man weiss, das braucht man nicht mehr zu glauben.

Man kann etwas vermuthen, man kann etwas für möglich halten; aber etwas zu glauben, ist absurd. Das Wissen ist positiv, der Glaube illusorisch. Der Glaube ist Wahnsinn; denn der Gläubige erklärt, ein eingebildetes Etwas nicht zu wissen, und dennoch behandelt er diese Einbildung für eine Thatsache. Wenn Einer sagt: »Ich glaube an Gott,« so besagt dies, dass er nicht weiss, ob es einen Gott giebt, dass er aber trotzdem von dessen Existenz »überzeugt« ist, wodurch weiss er nicht. Er behauptet wohl, er »fühle« die Existenz Gottes, in der That aber ist dieses »Fühlen« nur eine Täuschung; er glaubt einfach an Gott, und das genügt ihm.

Es giebt zwar auch Leute, die nicht nur sagen, sie glauben an Gott, sondern die geradezu behaupten, dass sie mit Gott in direktem Verkehr stehen. In diesem Falle handelt es sich entweder um Hallucination oder Hallunkination.

Der Glaube ermöglicht, ja er bedingt eine unzählbare Menge von Vorstellungen von Gott. Diese haben wohl das gemein, dass sie unter Gott ein Wesen verstehen, welches mächtiger ist, als die Menschen, und diese beherrscht. Diese Vorstellungen von einer höhern Macht steigern bis zum Glauben an eine Allmacht, und variiren in’s Grauenhafte. Es ist deshalb auch nicht möglich, eine exakte Definition des Begriffes Gott zu geben, wohl aber ist zu beweisen, dass der Herrgottsglaube nichts anderes als Wahnsinn ist.

Alle die verschiedenen Götter zu behandeln, wäre; wenn nicht unmöglich, mindestens eine überflüssige Arbeit; es mag genügen, die hauptsächlichsten Gottesideen herunterzureissen, was in Nachstehendem geschehen soll.

II. Kein allmächtiger und allguetiger Gott.

Wenn ein allmächtiger und allgütiger Gott existiren würde, und wenn er wünschte, dass wir ihn kennen (dies erfordert doch die Allgütigkeit), warum lässt er sich nicht wahrnehmen? Wenn er doch allgütig ist, warum lässt er uns in Unkenntniss von seiner Existenz? Es wäre doch von grosser Wichtigkeit, zu wissen, dass ein allgütiger Herrgott existirt! Da er ja allgütig wäre, so wäre doch nicht zu befürchten, dass uns sein Erscheinen in Furcht und Schrecken setzen würde. (Oder sollte etwa das göttlich Gute ein menschlich Böses sein?) Und da er ja allmächtig wäre, so könnte er sich und uns leicht gegen mögliche Unfälle schützen.

Da sich aber kein Herrgott kundgiebt, so kann es keinem Zweifel unterliegen, dass es keinen allgütigen und allmächtigen Gott giebt.

Dieses eine Argument beweist schon hinlänglich, dass es keinen allgütigen und allmächtigen Gott giebt; weitere Argumente sind daher überflüssig.

III. Kein allmächtiger und allweiser Gott.

Wenn ein allweiser und allmächtiger Gott existirt, und die Welt erschaffen hat, wie konnte er dann so viele unweise Wesen schaffen? Wie kann ein Allweiser etwas Unweises schaffen? Ist vielleicht seine Weisheit so weise, dass er es für weise hält, sie nicht weiter zu pflanzen? Oder wollen etwa die Herren Gläubigen behaupten, dass alles weise sei in dieser Welt?

Hieraus geht hervor, dass es keinen allweisen und allmächtigen Gott giebt. 

IV. Kein allmächtiger und allgerechter Gott.

Wenn Gott der Allgerechte und Allmächtige existirt, folglich allwissend ist, und daher unsere ganze Misere kennt, und sie tilgen kann, warum thut er es nicht? Warum lässt der allgerechte und allmächtige Gott der Ungerechtigkeit freien Lauf; warum lässt er ruhig den Tyrannen das hilflose Kind ermorden; warum lässt er den Schwachen untergehen, und den Starken triumphiren? Wie kann man aus solchen Thatsachen auf die Existenz eines allgerechten und allmächtigen Gottes schliessen?

Wenn dennoch ein allmächtiger Gott existiren würde, so wäre er das vollendetste Scheusal; denn es geschehen Gräuelthaten ohne irgend ein »Halt!« von seiner Seite, Millionen. Wesen seufzen in der Sklaverei, ohne dass er sie erlöst, Millionen werden von rasenden Barbaren erwürgt, und der allmächtige Gott – das Scheusal – sieht ruhig zu, ohne ein Wort zu sagen.

Nicht nur dies! Wenn ein allmächtiger Gott existirt, so ist er der Urheber von allem Elend, denn nichts kann ja ohne ihn geschehen.

Ein solcher Gott wäre zwar nach christlichen Begriffen eigentlich gar kein richtiger Gott, denn es würde ihm die Allgütigkeit und Allgerechtigkeit mangeln. Nun aber frägt es sich, ob überhaupt eine Allmacht existirt.

V. Kein allmächtiger Gott.

Würde Gott der Allmächtige existiren, so wäre es nöthig – wie Bakounin [1] sagt, – ihn abzuschaffen; denn er könnte, wie wir soeben gesehen haben, nur Tyrann sein. Da er aber der Allmächtige wäre, so wäre jeder Befreiungsversuch unnütz. Selbst wenn der Allmächtige seine Vernichtung selber wollte, wäre eine Befreiung unmöglich; denn da der Allmächtige Alles ist, die Ursache, der Wille des Lebens, so wäre die Vernichtung von ihm geradezu die Vernichtung von Allem – also auch von uns.

Wenn Gott der Allmächtige wäre, so wäre es nie möglich, dass der Mensch frei wäre. Denn da dieser Gott eben allmächtig wäre, könnte der Mensch nur Sklave sein. Nein, wenn der Allmächtige existirte, so könnte der Mensch nicht einmal Sklave sein, er wäre ein Ding ohne irgend welche Macht und Eigenschaft, was nach gesundem Verstande nichts ist. Der Mensch aber ist etwas, folglich giebt es keinen allmächtigen Gott.

Wenn aber Gott der Allmächtige existiren würde, so hätte der Mensch keinen freien Willen. Unzählige Fälle beweisen aber, dass der Mensch einen bis zu hohem Grade entwickelten freien Willen hat, folglich giebt es keinen allmächtigen Gott.

VI. Kein allgegenwärtiger Gott

Wenn Gott der Allgegenwärtige existirt, und folglich überall ist, so müssten wir ihn sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen; wenn er überall ist, so muss er auch vor unsern Augen, auf unserer Zunge, etc. sein, so muss er auch da sein, wo wir ihn wahrnehmen können. Da dies aber nicht der Fall ist, so ist der allgegenwärtige Gott nicht überall, und folglich überhaupt nicht. Er ist eben unsichtbar, unhörbar, unriechbar, unschmeckbar und unfühlbar.

Und nun, wie kann man die Existenz eines Wesens behaupten, welches wir gar nicht wahrnehmen können? Man wird sagen, der Allgegenwärtige sei etwas immaterielles, etwas geistiges. Angenommen, nicht zugegeben, dies wäre wahr, wie kann dann Jemand einen Beweis von seiner Existenz haben?

Die Absurdität der Idee von einem allgegenwärtigen, unwahrnehmbaren Gott liegt auf der Hand, wenn man nur einen Augenblick darüber nachdenkt. Dieser Geist, der keinen Raum einnimmt, soll trotzdem überall sein!

Da bei der Existenz eines allgegenwärtigen Gottes keine Stelle sein kann, wo er nicht wäre, so ist er in Folge dessen Alles. Ja, dieser allgegenwärtige Gott ist Alles, also auch eine bunte Blume, ein Brüllaffe, ein duftender Jauchetrog, etc.; und dennoch können wir ihn weder sehen, hören, riechen, schmecken, noch fühlen! Dies ist allerdings komisch; und um dies zu begreifen braucht es wirklich keinen Verstand, aber eine gute Portion Glaube.

Sodann, wer kann sich etwas immaterielles auch nur denken? Immateriell! »etwas,« das aus nichts besteht! Hierüber soll man aber ja nicht nachdenken, dies muss geglaubt werden.

VII. Vom Gott der Pantheisten.

Der Gott der Pantheisten ist total unbrauchbar. Ihr Gott ist die Welt, die Natur, folglich wäre der Mensch auch ein Stück Gott, und in Konsequenz wäre der Gott der Pantheisten nicht persönlich – ein ganz kurioser Gott. Er ist ein Wesen, ähnlich dem Staat oder der »Gesellschaft.« Er wäre allmächtig, wenn er nur – eine Person wäre. Er ist aber, gleich dem Staat, überall wo man – ihn anerkennt; er selbst ist handlungsunfähig, seine Geschäfte müssen von Repräsentanten besorgt werden, weil er eben ein nebelhaftes Hirngespinnst, ein Spuk ist. Er ist (wie Heine [2] sagt) »ein armes, träumerisches Wesen, ist mit der Welt verwebt und verwachsen, gleichsam in ihr eingekerkert, und gähnt dich an, willenlos und ohnmächtig.«

Ihr Pantheisten, nennt doch die Natur einfach Natur; nennt doch die Welt einfach Welt! Warum sollen denn Dinge, die schon einen Namen haben, mit einem andern Namen belegt werden, der nur zu deutlich ausdrückt, was er eigentlich meint?!

VIII. Von der Bibel

Die Bibel hat mit dem Herrgott eigentlich gar nichts zu thun. Sie ist ein Buch, voll von Scheusslichkeiten, Absurditäten und Widersprüchen. Die Schöpfungs-Geschichte ist z. B. ein handgreiflicher Schwindel, und zudem im Widerspruch mit sich selbst; erzählt da die Bibel das eine Mal, dass der Mensch vor den Thieren, das andere Mal nach den Thieren gemacht wurde.

Solche Widersprüche sind in der »heiligen Schrift« nichts Seltenes. – Wie kann der Bibelberichterstatter überhaupt wissen, dass und wie der liebe Herrgott die Welt erschaffen hat? – Immerhin wird es genügen, darauf hinzuweisen, dass die Bibel ein Produkt von Menschenhänden ist, nichts anderes sein kann, und dass nichts für ihren hingelogenen göttlichen Ursprung zeugt. Und nichts in ihr zeugt für die unbewiesene Existenz Gottes. Was wir in ihr finden, ist, dass der Mensch nicht ein Produkt des Herrgotts, sondern dass die Herrgotts-Idee ein Produkt von Menschen ist.

IX. Vom Gott der Christen.

Den Gott der Christen zu beschreiben, ist total unmöglich, denn die Meinungen der Christen über ihren Herrgott weichen meilenweit von einander. Die beste Beschreibung des Gottes der Christen ist wohl diejenige, welche ihn für unbestimmbar erklärt. Etwas Unbestimmbares kann aber nicht kritisirt werden. Und that- sächlich ist der Herrgott der Christen unbestimmbar, – oder man müsste irgend einer Sekte glauben.

X. Von der unsterblichen Seele.

Von den Religions-Schwindlern wurde auch die kollossale Lüge verbreitet, dass dem Menschen eine unsterbliche Seele innewohne. Die Erfahrung hat aber noch nicht konstatirt, dass ein solches Ding, wie eine Seele, existirt, sondern, dass die sogenannten geistigen Funktionen eben nichts anderes als physische Funktionen sind. Doch!

Was beweist die Wissenschaft den Gläubigen?! Sie glauben ja, folglich lassen sie sich nicht durch Beweise überzeugen.

Die Christenheit erkennt nur den Menschen, nicht aber den Thieren, eine unsterbliche Seele zu. In diesem Wahnsinn waren die alten Egypter doch konsequenter; sie glaubten, – wie uns berichtet wird, – dass auch Thiere eine Seele haben können, dass nach dem Tode eines Menschen seine Seele eine Wanderung vornehme, und ihren Sitz oft in Katzen, Hunden oder Krokodilen habe. Dies ist ja ein hochkomischer Wahnsinn, wenn man genügend kühles Blut besitz, und unter der Tollheit nicht zu sehr zu leiden hat.

XI. Wer hat die Welt geschaffen?

Schon oft ist die Frage gestellt worden: Wer hat die Welt geschaffen? Die Gläubigen sagen, es wäre Gott gewesen; andere, ungläubige Gläubige, sagen, die Welt hätte weder Anfang noch Ende. Nun kann ich mir allerdings die Welt ohne Anfang und Ende nicht vorstellen, aber ebensowenig mit Anfang und Ende. Dieses- Nichtwissen ist mir aber absolut kein Beweis für die Existenz Gottes; denn deshalb, weil ich etwas nicht verstehen kann, etwas zu glauben, ist eine Manifestation des offenen Blödsinns. Gerade dann, wenn man etwas nicht begriffen hat, heisst es erst recht, die Sache zu prüfen und wieder zu prüfen, nicht aber die Flinte in’s Korn zu werfen. Noch immer besser als sich dem blöden Glauben zu ergeben wäre es, einen Strich durch die Frage zu machen und nicht mehr darüber nachzugrübeln. Uebrigens was ficht mich das an, wer die Welt erschaffen haben mag. Da sie nun einmal da ist, nehme ich sie wie sie ist, und suche sie so viel und so gut wie möglich zu geniessen. Denjenigen aber, welcher sagt, dass Gott die Welt erschaffen hätte, will ich die Frage stellen : Von wem wurde Gott erschaffen? Hier haben wir wieder die selbe Frage wie oben: die Frage des Ursprungs der ersten Ursache. Und so fällt die ganze Gottesphrase wieder in den Sand. –

Nach Corvin [3] kann es nur eine Weltursache, nur einen Gott geben. Sodann sagt er: »Die sogenannten Gottesleugner verneinen nicht eigentlich das Vorhandensein Gottes, was eine absolute Dummheit wäre, sondern erklären sich nur gegen die Vorstellung von einem persönlichen Gott.« Dies ist einfach Kohl.

Corvin bezeichnet mit dem Namen Gott »die von Jedem geahnte, wenn auch nicht begriffene Macht, welcher er den Ursprung und die Erhaltung alles Bestehenden, der Welt, zuschreibt.«

Corvin richtet sich aber selbst, wenn er sagt: »Jeder Mensch, der überhaupt eines Gedankens fähig ist, macht sich indessen von diesem Wesen eine Vorstellung, welche dem Grade der Ausbildung der ihm mit der Geburt gegebenen Vernunft angemessen ist. Diese Vorstellung ist sein Gott, und somit jeder Mensch der Schöpfer seines Gottes.« Dieser letzte Satz genügt. Diese Vorstellung hat also – die Welt erschaffen! Kommentar überflüssig.

XII. Von den Bestrafern der »Gotteslästerer.«

Eine elende Tyrannenklasse bilden die Gotteslügner, welche die »Gotteslästerer« bestrafen. Wenn doch ein allmächtiger Gott lebt, so kann er doch die »Gotteslästerer« selbst bestrafen. Was haben sich die Gläubigen in die Angelegenheit des »Lästerers« einzumischen? Warum lassen sie der Sache nicht freien Lauf, warum lassen sie Gott nicht selbst die Bestrafung vornehmen, was doch eine viel bessere Wirkung auf den Ungläubigen haben würde, und ihm zugleich die Existenz Gottes beweisen würde?!? Diese Statthalter Gottes werden vielleicht sagen, sie wären von ihm beauftragt, aber – soweit sie nicht Verrückte sind – wissen sie nur zu gut, dass kein Gott existirt, darum maassen sie sich eine vorgelogene Autorität an, um die Atheisten zu bekämpfen. – Doch wenn der Allmächtige in Wirklichkeit wäre, so wäre diese Autorität wirklich auch sein Werk, und ebenfalls sein Werk wäre die gegen ihn begangene Lästerung. Warum will er nun, dass ihn die Einen lästern, um dann von den Andern bestraft zu werden? Wozu diese Komödie? Ein Allmächtiger kann doch nicht etwa verrückt werden, – sonst wäre es ja mit seiner Allmacht aus.

In Wirklichkeit aber ist die Sache einfach diese: einen Herrgott giebt es nicht, und die Bestrafer der sogenannten Gotteslästerer sind verrückte oder bewusste Tyrannen.

XIII. Tugend und Suende.

Alle Tyrannen sagen – selbst wenn sie nichts glauben – dass der Glaube zur Aufrechterhaltung der sogenannten Ordnung nöthig sei. Nichts ist richtiger denn dies! So bald diese fixe Idee fällt, so bald fällt auch die Unterscheidung von Tugend und Sünde und deren Substitute, denn jene ist ihre Basis: vom göttlichen Schwindel kommen Tugend und Sünde. Wenn nun der Ursprung wegfällt, und das Nebelprodukt in der Luft hängt, wird sich der Mensch fragen: Warum sollte eine Handlung tugendhaft oder sündhaft sein? Endlich, wenn das Hirngespinnst Gott sich als nichts erweist, wird der Mensch erkennen, dass eine Handlung an sich weder Tugend noch Sünde ist. Die Phrase von einem sittlichen Weltzweck ist ähnlich einer Seifenblase, welche am Interessenkampf sanft auffliegt und zerplatzt.

Die religiösen Schwindler sagen, dass der allgütige und allmächtige Gott die Menschen belohne und bestrafe. Wie kann man aber annehmen, dass der Allgütige die Menschen belohne oder bestrafe, die ER doch tugend- oder sündhaft gemacht hat; denn Alles soll ja nur durch ihn geschehen, Alles sei sein Werk. Wir haben aber gesehen, dass es keinen Allgerechten, noch Allmächtigen giebt, folglich liegt der Schwindel, von Hölle und Himmel klar auf der Hand. Wir haben weder Gott noch den Teufel, weder Himmel noch Hölle gesehen. Der grösste Schwindel aber ist wohl derjenige von der Fortdauer des individuellen Lebens nach dem Tode. Ein solcher Spuk muss geglaubt werden, einen solchen Sparren schafft sich nur ein Dummkopf an.

»Wir sind allzumal vollkommen, (sagt Stirner [4] und auf der ganzen Erde ist nicht ein Mensch, der ein Sünder wäre! Es giebt Wahnsinnige, die sich einbilden, Gott Vater, Gott Sohn oder der der Mann im Monde zu sein, und so wimmelt es auch von Narren, die sich Sünder zu sein dünken; aber wie jene nicht der Mann im Monde sind, so sind diese – keine Sünder. Ihre Sünde ist eingebildet.

»Aber, wirft man verfänglicherweise ein, so ist doch ihr Wahnsinn oder ihre Besessenheit wenigstens ihre Sünde. Ihre Besessenheit ist nichts als das, was sie – zu stande bringen konnten, das Resultat ihrer Entwicklung, wie Luther’s Bibelgläubigkeit eben Alles war, was er herauszubringen – vermochte. Der Eine bringt sich mit seiner Entwicklung in’s Narrenhaus, der Andere bringt sich damit in’s Pantheon und um die – Walhalla

»... Du hast den Sünder im Kopf mitgebracht darum fandest Du ihn, darum schobst Du ihn überall unter. Nenne die Menschen nicht Sünder, so sind sie’s nicht: Du allein bist der Schöpfer der Sünden: Du, der Du die Menschen zu lieben wähnst, Du gerade wirfst sie in den Koth der Sünde, Du gerade scheidest sie in Lasterhafte und Tugendhafte, in Menschen und Unmenschen, Du gerade besudelst sie mit dem Geifer Deiner Besessenheit; denn Du liebst nicht die Menschen, sondern den Menschen. Ich aber sage Dir, Du hast niemals einen Sünder gesehen, Du hast ihn nur – geträumt.«

Sündigen kann man nur gegen etwas Heiliges. Sobald nun die Entheiligung vollzogen ist, kann auch nicht mehr gesündigt werden, gerade wie nicht mehr gestohlen werden kann, sobald kein Eigenthum mehr vorhanden ist. Entheiligt das Heilige, und Tugend und Sünde haben keinen Sinn mehr.

Nicht besser als die Sünde ist die Tugend, auch sie ist eingebildet, auch sie ist ein Sparren. Die Tugend ist Gott wohlgefällig; da es aber keinen Herrgott giebt, so kann auch nichts gottwohlgefällig sein, folglich giebt es keine Tugend, Wie es keine Sünder giebt, so giebt es auch keine Tugendhafte.

XIV. Zu was die Religion dient.

Zu was der ganze Gottes-Schwindel dient, ist klar, nämlich zur Ausbeutung der grossen Volksmasse. So lange der arme Teufel auf ein besseres Loos im Himmel hofft, wird er sich eher dazu bestimmen lassen, hier auf Erden im Elend zu leben. Die Pfaffen, die bekannter- maassen Heuchler sind und waren, sind jedoch als Leute bekannt, die ihren Leib stets gut gepflegt haben. Aber nicht nur den Pfaffen, sondern auch allen andern Gottesgnädlingen, als Kaisern, Königen, Regierern, Land-Lords, Kapitalisten, Rentiers, etc., dient der ReligionsSchwindel als famoses Mittel, um die Volksmassen einzuschläfern und darauf zu betrügen und zu bestehlen. Muss da nicht jeder Tyrann sagen, dass es einen Gott geben muss? Ja, die Religion ist das Sicherheits-Ventil, durch welches die zur Sklaverei überflüssige menschliche Intelligenz zum Teufel geht; und es muss eine Religion geben, – wenn eine Minderheit über eine Mehrheit herrschen soll.

Die Religion sucht mich zu vernichten, sie sucht mich zu ihrem Sklaven zu machen; sie will mir eine Bestimmung geben. Die Religion verlangt, dass ich einem »höhern« Wesen diene, und sucht mich daher zu verhindern, mir zu dienen. Sie verlangt von mir, dass ich mich für ein sog. »höheres Wesen« begeistere, hingebe, aufopfere. Dieses »höhere Wesen« soll für mich Alles sein, folglich sollte ich mir nichts sein. Ich aber bin mir selber Alles, und bin für nichts bestimmt. Diejenigen die dumm genug sind, zu glauben, sie wären für etwas »Höheres« bestimmt, werden dann schon von der Pfaffensippschaft derart gelenkt, dass der Dienst für das »höhere Wesen« auf die Pfaffenmühle fliesst.

Einem »höhern Wesen« zu dienen, ist die Essenz der Religion. Wie sich dieses »höhere Wesen« auch nenne, wer es auch sei, das ändert nichts an der Sache; es zu verehren, oder ihm zu dienen, ist und bleibt Götzendienst. Einem Atheisten geht nichts über sich. Wer einen »Höhern« anerkennt, ist religiös.

Jede Religion ist auf der Idee des Opfers basirt. Sie ist folglich grausam, ungerecht, herrisch, sie raubt mir meine Freiheit und Selbstangehörigkeit.

Die Religion will mir eine Obrigkeit geben, sei es nun eine weltliche oder eine spukliche; obrigkeitslos zu werden bestrebt sich der Atheist. Die Religion will mich unterordnen; sich zu empören bestrebt sich der Atheist. Die Religion will mir einen Herren vorsetzen; herrenlos zu werden ist das Ziel des Atheisten. Die -allgemeine Versklavung ist das Endziel der Religion^ die Entgötterung jedes Spuks, die Sprengung aller Ketten ist das Endziel des Atheisten. Wähle denn, ob du ein Knecht oder ein Herr sein willst. Davon hängt es ab, ob du einen Höhern anerkennen, oder ob du dir selbst der Höchste sein willst.

XV. Schluss.

Es ist nicht wunderbar, dass der Gottes-Schwindel eine so ausgedehnte Verbreitung fand. Nachdem die Religion durch die Schwäche und Furcht der Menschen entstanden war, wurde sie von jenen, welche ein Interesse an ihr hatten, den Pfaffen und andern Schwindlern, mit allen möglichen Mitteln fortgepflanzt. Die Herrgotts-Schwindler erlaubten keine Kritik; sie scheuten die Logik; sie kämpften per Intrigue, sie torturirten die Ungläubigen geheim, sie stahlen im Namen Gottes – kurzum, ihre ganze Kampfweise beruhte auf Heuchelei. Der Scheiterhaufen und die Tortur mittelst dem Rad, der Daumschraube, dem spanischen Stiefel, dem Folterstuhl, etc. sind stumme und doch beredte Zeuge für die grausame Tyrannei der Pfaffenbrut. Nachdem das von verhältnissmässig wenigen Heuchlern regierte und idiotisirte Volk in der Barbarei dahinsiechte, war es da nicht begreiflich. dass die Gottespest triumphiren musste, so lange nur vereinzelte Atheisten auftraten, welche sogleich mit allen Mitteln ruinirt wurden? Solange nicht eine beträchtliche Menschemenge zum Bewusstsein kam, ward jedes öffentliche atheistische Auftreten von den Pfaffen mit Gift, Scheiterhaufen und andern Mitteln verunmöglicht.

Dass die Geschichte der Religions-Männer keinen Beweis für die Existenz Gottes liefert, ist klar; gegentheils, sie spricht für seine Nichtexistenz. Tyrannei in allen Formen, das ist die Frucht der Religion. Die Thaten der Religions-Leute haben – allgemein gesprochen – der von ihnen gepredigten Religion mit Fäusten in’s Gesicht geschlagen.

Wie lange blieben die Pfaffen wirkliche Diener Gottes? Bis die Zeit kam, Herren der Gläubigen zu werden.

Und dadurch, dass sie sich aus der Dienerschaft Gottes zu Ausbeutern emporrichteten, traten sie selbst die Religion mit Füssen. Sie thaten und thun gerade das Gegentheil von dem, was sie predigen; anstatt sich zu unterwerfen, empören sie sich; anstatt Diener zu sein, werden sie Herren. So traurig auch die Geschichte des Pfaffenthums ist, so liefert sie doch den unumstösslichen Beweis von der Existenz der empörenden Tendenz der Menschen. Kein Gläubiger wäre zu bekehren, wenn in ihm nicht schon ungläubige Keime vorhanden wären. Diese Neigung zur Ungläubigkeit ist aber trotz aller Pfaffen in den meisten Menschen noch vorhanden, so dass immerhin noch eine Aussicht auf Erfolg im Kampf gegen die Religionspest besteht. Jeder Mensch hat seit seiner Geburt ein Forschungs-Bestreben, er sucht die Dinge zu erkennen, sich dieselben zu erklären. Und dies ist gerade von der Religion verboten; sie verlangt einen Glauben, und wo dieser anfängt, ist alle Kritik zum Teufel. Wer sich dem Glaube ergiebt, der opfert seinen Verstand und seine Eigenheit, der wird ein Idealist, ein besessener Verächter des Materialismus.

Frägt man nach der Basis der Religionspest, so ist die Frage nunmehr leicht zu beantworten: es ist die Krankheit des Denkapparates; gerade wie es Leute giebt, welche an Verfolgungs-Wahn leiden, so giebt es auch Leute, welche an religiösem Wahn leiden. Und fragt man nach der Ursache dieses Wahnsinns, so giebt er hiefür nur eine Erklärung: nämlich die Pfaffen im Bunde mit der Noth. »Noth lehrt beten,« sagt das Sprichwort; und thatsächlich ist die Noth die beste Begründerin der Religion, wie auch die Religion die beste Begründerin der Noth ist. Hieraus folgt, dass bessere materielle Verhältnisse ein gutes Rezept gegen den religiösen Wahnsinn wären. Man kann sich hiervon leicht überzeugen, wenn man einen Blick auf die reichen Klassen der Christenheit wirft. Die Mehrheit derselben glaubt offenbar nicht an ihre Religion, denn ihre Handlungen stehen mit derselben meistens im Widerspruch- Dies lässt sich doch nur so erklären, dass die reichen Klassen infolge ihrer Wohlhabenheit, infolge eines besseren und gesunderen Lebens die Religion losgeworden sind. Das Anklammern an die Herrgotts-Idee geschieht einerseits aus hypnotischen Motiven, anderseits aus Furcht, Schwachheit, Mangel an Selbstvertrauen, geistigem Bankerott. Wenn Einer sich selbst verloren, oder sich nie gefunden hat, ergiebt er sich seinem Spuk. Die Religion ist folglich Gedanken-Herrschaft; der Religiöse ist von seiner Idee besessen.

Trotzdem der an religiösem Wahnsinn Siechende sich für gesund erklärt, ist er dennoch leidend, von Schmerzen beschwert, melancholisch, dünkelhaft gross, etc. Indern er für seine absolute, reine, fixe Idee lebt; verliert er sich selbst, verachtet und verzichtet auf die weltlichen Freuden (d. h. soweit dies möglich ist), er ist ja über das Weltliche, über das Sinnliche erhaben, er beschäftigt sich nur noch mit dem reinen, absoluten Geistigen, dem Spuck; daher nimmt er auch seine geknechtete Natur nicht richtig wahr; weil sein Körper-System krankt, wähnt er, die Welt sei krank, eitel, etc.

Endnoten:
1.) Bakounin : Gott und der Staat
2.) Heinrich Heine: im Nachwort zum »Romanzero.«
3.) Corvin: Pfaffenspiegel; historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche. – Rudolstadt, A. Book.
4.) Max Stirner: Der Einzige und sein Eigenthum.

Verlag unbekannt, ca. 1870

Originaltext: http://ngiyaw-ebooks.org/ngiyaw/most/gottlosigkeit/gottlosigkeit.htm


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