Johann Most - Es lebe der Tyrannenmord! (1)

«Fasse diesen, fasse jenen; Einer wird dich doch erreichen.» C. Beck

Triumph! Triumph! Das Wort des Dichters hat sich erfüllt. Einer der scheußlichsten Tyrannen Europas, dem längst der Untergang geschworen worden und der deshalb in wüstem Racheschnauben unzählige Helden und Heldinnen des russischen Volkes vernichten oder einkerkern liess - der Kaiser von Rußland ist nicht mehr.

Am vergangenen Sonntag mittags, als das Ungeheuer gerade von einer jener Belustigungen zurückkehrte, die in einer Augenweide an wohlgedrillten Herden stupider Blut- und Eisensklaven zu bestehen pflegen, und die man militärische Revuen nennt, hat die Bestie der Richter des Volkes, das deren Todesurteil längst gesprochen, ereilt und mit kräftiger Hand abgetan.

Fünfmal war es dieser Kanaille geglückt, den Grenzstein zwischen Diesseits und Jenseits mit dem Rockärmel zu streifen; und schon war er diesmal abermals im Begriffe, von dem «Finger Gottes» zu faseln, der sein vermaledeites Leben neuerdings gerettet habe, als die Faust des Volkes ihm für immer den Mund stopfte.

Einer jener kühnen jungen Männer, die die Sozialrevolutionäre Bewegung Rußlands hervorbrachte, Rousakoff (2) - mit Ehrfurcht sprechen wir seinen Namen aus -, hatte unter den Wagen des Despoten eine Dynamitbombe geworfen, die zwar am Gefährt und der nächsten Umgebung desselben eine große Verwüstung anrichtete, den gekrönten Raubmörder jedoch unversehrt ließ.

Michaelewitch, ein prinzlicher General, und andere fallen sogleich über den edlen Vollstrecker des Volks willens her, dieser aber zückt mit der einen Hand einen Dolch gegen das Gesicht des Autokraten und lenkt den Lauf eines Revolvers mit der anderen Hand gegen die Brust desselben. Er wird im Nu entwaffnet; und die betreßte, bezopfte und von Korruption durch und durch zerfressene Umgebung des Kaisers atmet auf ob der vermeintlich beseitigten Gefahr. Da fliegt eine neue Bombe heran; diesmal fällt sie zu Füssen des Despoten nieder, zerschmettert ihm die Beine, reißt ihm den Bauch auf und verursacht unter den umstehenden Militär- und Zivilkosaken zahlreiche Verwundungen und Vernichtungen.

Die Personen der Szene sind wie gelähmt, nur der energische Bombenwerfer verliert seine Fassung nicht und vermag glücklich zu flüchten. Der Kaiser aber wird nach seinem Palast geschleppt, wo er noch ein und eine halbe Stunde lang unter gräßlichen Schmerzen über sein Leben voller Verbrechen nachzudenken vermag. Endlich krepiert er. Dies zunächst der einfache Sachverhalt.

Augenblicklich spielten die Telegraphendrähte bis nach den entlegensten Winkeln der Erde hin, um das Ergebnis in der ganzen Welt bekannt zu machen. Die Wirkung dieser Publikation war ebenso mannigfaltig wie drastisch. Wie ein Donnerschlag drang sie in die Fürstenschlösser, wo jene schuldbeladenen Ausgeburten aller Ruchlosigkeit hausen, die längst ein ähnliches Schicksal tausendfach verdient haben.

Seit drei Jahren ist manches Geschoß gleichsam an den Ohren dieser Scheusale vorbeigesaust, ohne daß ihnen - vom Nobilingschen Schrotschuß abgesehen (3) - auch nur ein Haar gekrümmt worden wäre. Immer und immer wieder konnten sie sich für den ausgestandenen Schrecken durch Hinrichtungen und Massenmaßregelungen aller Art «fürstlich» entschädigen. Ja, sie raunten sich gerade in der jüngsten Zeit schon mit Behagen in die Ohren, daß alle Gefahr vorbei sei, weil es gelungen wäre, die energischsten aller Tyrannenhasser, die russischen «Nihilisten», bis zum letzten Glied auszurotten. Da kommt ein solcher Treffer!

Wilhelm, weiland Kartätschenprinz von Preussen, der jetzige Protestantenpapst und Soldatenkaiser von Deutschland, bekam förmlich Krämpfe vor Aufregung. An anderen Höfen passierten ähnliche Dinge. Heulen und Zähneklappern herrschte in jedem Residenznest.

Aber auch das sonstige Gesindel, das in den verschiedenen Ländern die Drähte des Regierungsmechanismus der herrschenden Klassen zieht, verspürte einen gewaltigen «moralischen» Katzenjammer und zerfloß in Beileidstränen - mochte es nun aus einfachen Oberlakeien an den Stufen eines Kaiserthrones oder aus «republikanischen» Ordnungsbanditen erster Klasse bestehen.

Das Geflenne war in Frankreich, der Schweiz und Amerika nicht geringer als in Montenegro oder Griechenland.

Ein Gambetta (4) setzte die Vertagung der Kammern durch und tat so Frankreich eine Schmach an, vor der sogar Österreich durch den derzeitigen Reichsratspräsidenten bewahrt wurde.

Die öffentliche Meinung stutzt und sucht vergebens nach Gründen einer solchen elenden Haltung. Man denkt an diplomatische Motive und ähnliches; allein man geht fehl.

Es mag wohl manches hier und da mitgespielt haben, was wie einfache politische Heuchelei aussieht; in der Hauptsache liegen die Gründe tiefer.

Die Träger der herrschenden Klassen erblicken eben in dem stattgehabten Vernichten eines Autokraten mehr als den bloßen Tötungsakt an sich. Sie stehen vor einem erfolgreichen Angriff auf die Autorität als solche. Gleichzeitig wissen sie alle, daß jeder Erfolg die wunderbare Kraft hat, nicht allein Respekt einzuflößen, sondern auch zur Nachahmung anzueifern. Da zittern sie denn einfach von Konstantinopel bis nach Washington um ihre längst verwirkten Köpfe.

Uns ist dieser Schrecken ein Hochgenuß, gleichwie wir mit den freudigsten Gefühlen die Heldentat jener Sozialrevolutionäre von St. Petersburg vernommen haben, welche am letzten Sonntag einen Tyrannen schlachteten.

In dieser Zeit der allgemeinsten De- und Wehmütelei; in einer Periode, wo in vielen Ländern nur noch alte Weiber und Kinder, mit Tränen in den Augen, die ekelhafteste Furcht vor der Zuchtrute der Staatsnachtwächter im Leibe, auf der politischen Bühne umherhumpeln; jetzt, wo die echten Helden so selten geworden sind, wirkt eine solche Brutustat auf bessere Naturen wie ein erfrischendes Gewitter.

Mögen uns die einen nachsagen, wir trieben ein «Spiel mit Nihilisten», mögen die anderen uns Zyniker oder brutal schelten; wir wissen doch, daß wir, indem wir unsere Freude über die geglückte Tat ausdrückten, nicht nur unsere eigenen Gefühle an den Tag legten, sondern aussprachen, was mit uns Millionen gedrückter und tyrannisierter Menschen dachten, als sie von der Hinrichtung Alexanders lasen.

Freilich wird es wieder einmal passieren, daß da und dort sogar Sozialisten auftauchen, die, ohne daß sie jemand befragt, versichern, sie für ihren Teil verabscheuten schon deshalb den Königsmord, weil ein solcher ja doch nichts nütze und weil sie nicht Personen, sondern Einrichtungen bekämpften.

Diese Sophistik ist so plump, daß sie mit einem einzigen Satz zu Schanden gemacht werden kann. Es liegt nämlich selbst für einen politischen ABC-Schützen auf der Hand, daß Staats- und Gesellschaftseinrichtungen nicht eher beseitigt werden können, als bis man die Personen besiegt hat, welche dieselben aufrechterhalten wollen. Mit bloßer Philosophie verjagt man nicht einmal einen Spatzen vom Kirschbaum, so wenig wie die Bienen ihre Drohnen durch einfaches Summen loswerden. Andererseits ist es durchaus falsch, daß die Vernichtung eines Fürsten ganz ohne Wert sei, weil ja sofort ein im voraus bestimmter Stellvertreter an dessen Platz komme.

Was man allenfalls beklagen könnte, das ist nur die Seltenheit des sogenannten Tyrannenmordes. Würde nur alle Monate ein einziger Kronenschuft abgetan: In kurzer Zeit sollte es keinem mehr behagen, noch fernerhin einen Monarchen zu spielen.

Ferner ist es sicher eine Genugtuung für jeden gerecht denkenden Menschen, wenn so ein Kapitalverbrecher abgetan, d.h. entsprechend seinen Untaten gezüchtigt wird. Es fällt ja auch den Juristen der bürgerlichen Gesellschaft nicht ein, keinen Mörder zu hängen oder keinen Dieb einzusperren, weil es erwiesen ist, daß diese Strafe Mord und Diebstahl (auch Institutionen dieser Gesellschaft) nicht aus der Welt schaffen. Wenn man es vollends mit einem Subjekt zu tun hat, wie [es] Alexander Romanow war, so muß man dessen Vernichtung mit doppelter Befriedigung hinnehmen.

Würde man den Zeitungsschreibern glauben können, so müßte man nach deren Geschwätz annehmen, der abgetane Zar sei ein wahres Muster von Herzensgüte gewesen. Die Tatsachen beweisen, daß er zu den ärgsten Greueltätern gehörte, die je die Menschheit geschändet haben. Gegen 100.000 Menschen sind während seiner Regierungszeit nach Sibirien verbannt worden, Dutzende wurden gehängt, nachdem sie zuvor die gräßlichsten Folterungen erduldet hatten. Alle diese Opfer forderte der russische Kronmoloch ein, nur weil die Betreffenden eine Gesellschaftsverbesserung anstrebten, das allgemeine Beste wünschten - vielleicht nur ein einzelnes verbotenes Buch weitergegeben oder einen Brief geschrieben haben, in dem ein Tadel gegen die Regierung ausgesprochen war.

Von den Kriegsgreueln, die dieser Tyrann herauf beschworen, greifen wir nur eine Szene aus dem letzten Türkenkrieg heraus (5). Alexander feierte seinen Namenstag und wünschte ein kriegerisches Schauspiel. Er befahl einen Sturm auf Plewna; die Generäle wagten es, darauf aufmerksam zu machen, daß ein solcher nicht allein mißglücken, sondern auch eine Unmasse Menschen kosten werde. Umsonst! Es blieb bei dem Befehl; und um die Schlächterei mit mehr Behagen betrachten zu können, ließ sich der Tyrann eine eigene Bühne mit einer Art Kaiserloge bauen, von wo aus er den Sturm beobachten konnte, ohne selbst in Gefahr zu geraten. Das Resultat entsprach den Vorhersagen der Generäle. Der Sturm wurde abgeschlagen, und 8.000 Tote und Verwundete bedeckten das Terrain außerhalb der Wälle von Plewna. Das «Väterchen» aber, wie sich der Despot mit Vorliebe nennen ließ, hatte sich kannibalisch amüsiert.

Alle Bitten, alle Wünsche auf Einführung noch so geringfügiger Reformen, die fast täglich zu seinen Füßen niedergelegt wurden, beantwortete er nur durch neue Gemeinheiten eines asiatischen Regierungsbarbarismus. Jeder Warnung oder Drohung folgten wahre Dragonaden. Versuchte, aber mißglückte Angriffe auf seine Person steigerten seine Niedertracht ins Ungeheuerliche.

Wer ist Halunke genug, den Tod einer solchen Bestie wirklich zu beklagen? Aber man sagt: Wird es der Nachfolger des Zerschmetterten besser treiben als dieser? Wir wissen es nicht. Das aber wissen wir, daß derselbe kaum lange regieren dürfte, wenn er nur in die Fußstapfen seines Vaters tritt.

Ja, wir möchten geradezu wünschen, daß es so kommt, denn wir hassen die heuchlerischen, scheinliberalen Monarchen nicht weniger als die Despoten sans phrase, weil die ersteren die Kulturentwicklung vielleicht noch ärger hintenanzuhalten vermögen als die letzteren. Zudem muß das Verharren des neuen Zaren beim alten Regierungsprinzip sofort die Feinde desselben verdoppeln und verdreifachen, weil es in Rußland eine Menge Leute von jener Sorte gibt, die an die in allen Ländern und zu allen Zeiten üblich gewesene Kronprinzenlegende geglaubt hat, wonach der betreffende Thronfolger nur auf den Moment lauert, wo er ein ganzes Füllhorn voll Glückseligkeiten über das Volk zu ergießen vermag. Alle diese Schwärmer sind sofort bekehrt, wenn sie sehen, daß die neuen Ukase ebensosehr nach Juchten riechen wie die alten.

Indessen, wie dem auch immer sein mag: Der Wurf war gut! Und wir hoffen, daß es nicht der letzte war.

Möge die kühne Tat, die - wir wiederholen es - unsere volle Sympathie hat, die Revolutionäre weit und breit mit neuem Mut beseelen. Gedenke jeder der Worte Herweghs (6):

«Und wo es noch Tyrannen gibt,
Die laßt uns keck erfassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!»

Fußnoten:
1.) Leitartikel der von Most herausgegebenen «Freiheit» Jg.III (1881), Nr. 12 (19. März), S. 1 unter dem Titel: «Endlich!». Ausgangspunkt ist das geglückte Attentat auf Zar Alexander II. Die Autorschaft Mosts, der seine Leitartikel weitgehend selbst verfaßte, ist auch sprachlich unschwer zu erkennen. Vgl. Einführung III, S. 227.
2.) Nikolaj Ivanovio Rysakov (1861-1881) wurde verhaftet, bereute seine Tat im Prozeß und starb auf dem Schafott. Die zweite Bombe warf Ignatij Ioakimovio Grinevickij, Student am Technologischen Institut, der an den dabei erlittenen Verletzungen noch am Tage des Attentats verstarb.
3.) Karl Eduard Nobiling hatte am 2. Juni 1878 mit einer Schrotflinte ein Attentat auf Kaiser Wilhelm II. unternommen.
4.) Léon Gambetta (1838-1882) spielte als radikaler Abgeordneter und Gegner des Zweiten Kaiserreichs eine führende Rolle im politischen Leben Frankreichs.
5.) Gemeint ist der Krieg von 1877-1878, dessen Folgen zum Berliner Kongreß führten.
6.) Georg Herwegh (1817-1875) gehört mit seinen aufrüttelnden Versen zu den Wegbereitern der Revolution von 1848, in deren Verlauf er auch einzugreifen suchte.

Aus: Oberländer, Erwin (Hg.): Dokumente der Weltrevolution. Der Anarchismus. Walter-Verlag 1972. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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