Johann Most - Auch ein "Überbrett`l"

Unsere "Landsleute" vom Volke der fraglichen Denker und leisen Stänker, welche im Hinblick auf das kommende welterschütternde Ereignis, die Ankunft des marinierten Heinrich Aegir, bereits ihre Zungen massierten, um sie für den nötigen "Schwung" vorzubereiten, wurden unverhofft "greatly disappointed": Der Vize-Fatzke hat nämlich von seinem "hohen Herrn" und "erlauchten Bruder" die Instruktion erteilt bekommen, sich mit den deutschen Vorwort- und Bindestrich-Amerikanern nicht im Geringsten einzulassen.

Da standen sie nun, die Reck-Gecken, Kaiserpreis-Barden, Schützenbolde und anderen Spital-Bruderschaften, Karnevalshelden, Kegelexperten, Pinocelaner, Volksfestler aller Dialekte, Ex-Deserteure und jetzigen Kriech-Krieger, wie die Lohgerber, denen die Felle davongeschwommen sind. "Schneidig" sollen sie "geschnitten" werden; nur als Statisten sollen sie in Onkel Sam's neuestem Spektakelstück und zwar - english you know! - auftreten dürfen. Ojerum, jerumjerum!

Da erschien als Retter in der Eunuchennot der ritterliche Ridder auf dem Plane und sicherte die Wahrung des Scheines durch einen kühnen Journalistentrick und zwar telegrafisch. Er bulldozte den "Sanften Heinrich" zu einer Zusage hinsichtlich Teilnahme an einem Waldorf-Astoria-Lucullus-Dinner, welches unter den Auspicien der Staatsvettel und der Beteiligung aller prominenten Zeitungs-Herausgeber von ganz Amerika stattfinden soll.

Dabei soll die ganze "öffentliche Meinung" und mithin auch das Deutschtum repräsentiert sein, doch, wurde gleichzeitig betont, darf auch bei dieser Gelegenheit nur ausschließlich english gesprochen werden. Ein saurer Gallapfel, der da unseren frisch-fromm-fröhlich-freien Wacht-am-Rhein-Brüdern zum unvermeidlichen Biß hingehalten wird!

Sie dürfen nämlich nicht einmal herein - höchstens mag es der eine oder andere zu einem Ehren-Aushilfs-Kellner oder sonstigen Spezial-Lakaien bringen. Da bleibt also nichts anderes übrig, als ein "Ständchen" mit Hindernissen und sonstige Hurrah-Canaillerei auf der Straße, wobei es – hoffentlich! - auch noch Knüppelhiebe setzen mag.

Im Festsaale aber soll es ,,hoch" hergehen - ein wahrer Rede-Zirkus mit moralischem Froschhüpfen und sittlichem Bauchtanz ist vorgesehen - das höhere, oder vielmehr allerhöchste "Überbrett'l". Man munkelt sogar etwas von Nebelbildern, wie "eisengepanzerte Faust" - Wahrzeichen des späteren Hunnenzuges - abgeschnittene Chinesenköpfe - an den Daumen aufgehängte insubordinäre Matrosen - dreizehnzöllige Stiefelsohlen (Heinrich lebt nämlich auf großem Fuße) usw. usw. Das Ganze soll gekodakt, phonografisch protokolliert und später durch unseren Lokal-Philipp dramatisiert werden.

Ganz Eingeweihte wollen wissen, daß der Revolutionär außer Diensten, Carl Schurz, und Mc Kinley-Killer mit dem Trauerflor am Hute, Hearst, einen wohleinstudierten Eiertanz aufzuführen gedenken. "Puck" hingegen, der nackte Waisenknabe, allerdings mit doppelt und dreifachem Feigenblatt versehen, wird ein Pracht-Album, sämtliche Fatzke-Illustrationen enthaltend, überreichen, worauf der marinierte Heinrich eine in amerikanischem Schweinsleder gebundene Lapidar-Ausgabe des projektierten - deutschen Zolltarifs überreicht. Dann Tusch - "Du bist verrückt, mein Kind" etc. etc., moralischer Kater, saurer Hering und eine neue Nummer für Speisekarten-Sammler.

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Ambulanz vor! Weshalb? Verschiedene haben einen Rappel bekommen - in erster Linie in der Office des "New York Herald". Den Brüdern ist nämlich der "Sanfte Heinrich" in den Kopf gestiegen, nicht der "Prince himself", sondern unser so betitelter Artikel in letzter Nummer. Sie heulten nämlich darob, wie wohldressierte Jagdhunde, denen ein Außenstehender auf die loyalen Schwänze trat. Sie riefen sogar nach der Polizei und suggerierten, daß man Leute unserer Couleur während der Prinzentage einlochen solle, um vor etwaigen Demonstrationen derselben ganz sicher zu sein. Hintennach stöhnten sie aus voller Un-mannsbrust, daß so was leider "against the law" sei, aber man werde uns "watchen", daß es uns ganz red, white and blue vor Augen werde - namentlich blue.

Die Blöden! Wofür halten sie uns denn? Zwar "belangen" nur wenige von uns zu den Pomuchelsköppen, aber so viel verstehen wir doch von Karnevals-Angelegenheiten, daß wir derartiges nicht ernst, sondern nur von der komischen Seite nehmen, wie wir von vornherein deutlich genug schwarz auf weiß bewiesen haben.

Auch in Chicago, wo der deutsche Konsul den Mayor um Schutz-Garantien den Anarchisten gegenüber angesichts' der bevorstehenden Besichtigung der dortigen Rindvieh- und Schweins-Massen-Metzgereien, Wurst- und Schmalzfabriken (andere Sehenswürdigkeiten gibt es ja in der windigen Stadt nicht) durch den "Sanften Heinrich" anging, sind die Unseren noch lange nicht auf den Kopf gefallen. Sie nehmen den "erlauchten" Bruder Straubinger nicht ernster als wir. Sie betrachten ihn einfach als Überbrett'l-Helden. Voila tout!

Aus: Johann Most – Marxereien, Eseleien und der sanfte Heinrich. Verlag Büchse der Pandora, 1985. Zuerst erschienen in Mosts Zeitung „Freiheit“ am 25.1.1902. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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