Leo Tolstoi - Die Sklaverei unserer Zeit

Gegenüber dem Hause in Moskau, in welchem ich lebe, befindet sich eine Seidenfabrik, ausgestattet mit den neuesten technischen Einrichtungen. Ungefähr dreitausend Frauen, dazu etwa siebenhundert männliche Arbeiter, arbeiten in den Räumen. Wenn ich in meiner Stube sitze, höre ich den unausgesetzten Lärm der Maschinerie und weiss — denn ich war dort — was es mit diesem Lärm auf sich hat. Dreitausend Frauen stehen bei den Webstühlen, zwölf Stunden den Tag, inmitten eines betäubenden Gerassels; aufwindend, abwindend, die Seidenfäden ordnend zur Herstellung der Seidenstoffes. Alle diese Frauen (ausgenommen jene, die gerade erst von den Dörfern hereingekommen sind) haben ein ungesundes Aussehen.

Fast alle, ob verheiratet oder unverheiratet, wenn ein Kind geboren wird, senden sie es so schnell wie möglich nach einem Dorf, oder in eine Anstalt für Findlinge, wo achtzig Prozent dieser Kinder sterben. Aus Furcht, den Arbeitsplatz zu verlieren, nimmt so eine Frau die Arbeit den nächsten oder den dritten Tag nach ihrer Niederkunft wieder auf.

Ich kenne diese Fabrik seit zwanzig Jahren. Während dieser Zeit haben zehntausend junge gesunde Frauen, ihr Leben und das ihrer Kinder ruiniert in Erfüllung ihrer Aufgabe, Samt- und Seidenstoffe herzustellen.

Gestern traf ich einen Bettler; ein junger Mann auf Krücken, kräftig gebaut aber verkrüppelt. Er arbeitete früher als Karrenschieber, Kanalarbeiter, rutschte mit einer Last aus und zog sich innere Verletzungen zu, was er hatte floss den Doktoren und Bauernfrauen zu, von welchen einzelne im Rufe stehen, grosse Heilkünstlerinnen zu sein. Nun war er seit acht Jahren ohne Heim und Obdach, murrte gegen Gott, dass der ihm nicht den Tod schickte.

Wie viele solcher Opfer gibt es doch. Von den meisten wissen wir nichts, und über jene, die wir kennen, halten wir es kaum der Mühe für wert, nachzudenken; sie erscheinen uns als unabwendbar.

Ich kenne Männer, die vor den Hochöfen der Tula-Eisengiesserei arbeiten. Um einen Sonntag in vierzehn Tagen frei zu haben, arbeiten sie achtund vierzig Stunden ohne auszusetzen. Das heisst, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Ich habe diese Männer gesehen; sie trinken alle Schnaps, um die Energie aufrecht zu erhalten, Sie verzehren nicht nur schnell die Zinsen ihres Lebenskapitals, sie verbrauchen dieses Kapital selbst.

Und wie wird erst menschliches Leben verwüstet unter jenen Menschen, die zur Verrichtung ihnen schädlicher, gefährlicher Arbeit verurteilt sind. In Spiegel-, Patronen-, Streichholz - Fabriken, in Gaswerken und Bergwerken. Es giebt englische Statistiken, die zeigen, dass die Durchschnittsdauer des Lebens der Angehörigen der oberen Klassen fünfundfünfzig Jahre beträgt, dagegen die Lebensdauer der Arbeiter in ungesunden Industriezweigen nur neunundzwanzig Jahre.

Dies alles wissend (wir können es uns unmöglich verheimlichen), sollte man meinen, wir würden keinen Augenblick Frieden haben, bei dem Gedanken, dass wir von den Vorteilen von Arbeiten leben, die so vielen Menschen das Leben kosten. Aber Tatsache ist, dass wir wohlhabenden Leute, Liberale und Humanitarier, äusserst sensitiv nicht nur den Leiden von Menschen, sondern auch den Leiden der Tiere gegenüber, unaufhörlich den Nutzen aus solcher Arbeit ziehen. Ja, wir versuchen es, trachten aufs Eifrigste danach, durch solche Arbeit immer reicher und reicher zu werden. Aber es lässt uns kalt und gleichgültig.

Wir wissen, dass die Frauen und Mädchen der Seidenfabrik, von ihren Familien entfernt, ihr Leben ruinieren und dazu das ihrer Kinder, dass die grosse Hälfte der Waschfrauen, die unsere Oberhemden plätten, ein grosser Teil der Schriftsetzer, die unsere Zeitungen und Bücher herstellen, welche uns die Zeit vertreiben, die Schwindsucht bekommen. Wir zucken nur die Schultern, bemerken, es sei sehr traurig, dass die Dinge so liegen, ändern können wir aber nichts daran. So fahren wir mit ruhigstem Gewissen fort, Seidenstoffe zu tragen, Plätthemden anzuziehen, die Morgenzeitung zu lesen.

Wir sind so human! Es ist verboten, den Pferden zu schwere Lasten aufzuladen; wir organisieren sogar das Töten des Viehes in den Schlachthäusern, damit die Tiere so wenig leiden wie möglich. Aber wie blind werden wir, sobald die Millionen Arbeiter in Frage kommen, die langsam, oft unter Pein und Schmerzen, dahinsterben infolge von Arbeit, deren Früchte wir zur Erhöhung unserer Bequemlichkeit und unseres Vergnügens verwenden!

Diese Blindheit, von der die wohlhabenden Leute befallen werden, lässt sich nur mit der Beobachtung erklären, dass Menschen, welche schlecht handeln, immer eine Philosophie erfinden, mit der bewiesen wird, diese, schlechten Handlungen seien nicht schlecht, vielmehr nur Resultate unabänderlicher Natur- oder Sozial-Gesetze jenseits der menschlichen Kontrolle.

In früheren Zeiten wurde die Begründung einer solchen Betrachtungsweise in der Lehre gefunden, dass ein unergründlicher, unabänderlicher Wille Gottes vorhanden sei, der gleich von vorn herein bestimmte, es müsse Menschen geben in untergeordneter Stellung, mit harter Arbeit belastet, und andere Menschen in erhabener Position, sich ergötzend an den guten Dingen des Lebens.

Über dieses Thema sind eine enorme Menge Bücher geschrieben und unzählige Predigten gehalten worden. Von jeder nur möglichen Seite aus wurde es betrachtet. Im Ganzen ergab sich, dass Gott menschliche Wesen verschiedener Art schuf, Sklaven und Herren, und dass beide mit ihrer Position zufrieden sein sollten. Es wnrde ferner gelehrt, für die Sklaven stehe nach dem Tode im Jenseits eine schönere Welt bereit. Später argumentierte man, die Sklaven müssten zwar Sklaven bleiben, doch könnte ihr Los freundlicher gestaltet werden durch gütige Herren.

Dann kam die letzte Erklärung, hervorgerufen durch die Freisetzung der Leibeigenen und der Sklaven. Nun hiess es, der Reichtum sei einigen Leuten von Gott vertrauensvoll überantwortet worden, damit er in ihren Händen für gute, menschenfreundliche Zwecke Verwendung finde. War also ganz in der Ordnung, dass es Reiche und Arme gab. Diese Erklärung befriedigte die Reichen und die Armen (besonders die Reichen) eine lange Zeit hindurch. Aber der Tag kam, an welchem sie unzulänglich wurde, besonders für die Armen, welche allmählich ihre Lage zu verstehen begannen. Jetzt wurden neue Erklärungen gebraucht und richtig, sie stellten sich zur rechten Zeit ein.

Diese neuen Erklärungen erschienen in wissenschaftlicher Form, als politische Ökonomie. Sie erklärte, die Gesetze entdeckt zu haben, welche die Verteilung der Produkte und die Teilung der Arbeit unter den Menschen regelten. Nach diesen Gesetzen hängen die Teilung der Arbeit und der Genuss ihrer Produkte ab von dem Warenvorrat und der Nachfrage danach, von Kapital, Rente, Arbeitslöhnen, Wert, Profit usw.; im Allgemeinen — von unabänderlichen Gesetzen, die das ökonomische Leben der Menschen regieren.

Bald wurden dieser Theorie eine schwere Menge Bücher und Broschüren gewidmet, soviele Reden darüber gehalten, wie früher über den unveränderlichen Willen Gottes, und noch immer türmen sich die Pamphlete und Vorlesungen darüber zu ganzen Bergen auf. Und sie sind ebenso dunkel und unverständlich, wie es die theologischen Traktate waren. Auch erfüllen sie vollkommen den gleichen Zweck; das heisst, sie geben für die bestehende Ordnung der Dinge eine Erklärung an, aus welcher jene Leute die Berechtigung ihrer Lebensweise herleiten können, die sich die Arbeit anderer nutzbar machen, sich selbst aber von der Arbeit fern halten.

Die Tatsache, dass die Feststellungen dieser Pseudo-Wissenschaft nicht von der Lage aller Völker der historischen Zeiten ausgehen, um die allgemeine Ordnung der Dinge zu konstatieren, dass sie nur auf die Bewohner eines kleinen Landes — England am Ende des achtzehnten und zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts — Bezug nahmen, die unter besonderen Verhältnissen lebten —, diese Tatsache selbst konnte es nicht hindern, dass die Resultate dieser Pseudo-Wissenschaft als gültig und beweiskräftig aufgenommen wurden. Obgleich noch hinzukommt, dass die Leute, welche solches Studium betreiben, endlose Dispute mit einander führen, sehr selten mit einander übereinstimmen, sich nicht darüber verständigen können, was eigentlich unter Rente, Mehrwert, Profit usw. zu verstehen sei.

Nur ein Fundamentalsatz wird anerkannt von allen, nämlich, dass die Verhältnisse unter den Menschen nicht festgestellt werden durch das, was als Recht und Unrecht betrachtet wird, sondern durch das, was vorteilhaft ist für jene, die vorteilhafte Stellungen in der Gesellschaft einnehmen. Es wird als eine unbezweifelte Wahrheit zugegeben, dass, wenn in der Gesellschaft Diebe und Räuber aufstanden, die den Arbeitenden die Früchte ihrer Arbeit nahmen, dieses nicht ans dem Grunde geschah, weil die Räuber räuberisch, die Diebe diebisch waren.

Es geschah, weil die unabänderlichen ökonomischen Gesetze erfüllt werden mussten. Und deswegen, gemäss dieser Wissenschaft, mögen die Leute, welche zu der Klasse der Räuber und Diebe gehören, ruhig fortfahren, sich die Dinge nutzbar zu machen, die ihre Räuberei ihnen verschafft.

Zwar, die Majorität der Menschen kennt nicht die Details dieser beruhigenden wissenschaftlichen Erklärungen. Sie kennt sie ebenso wenig, wie sie früher die Einzelheiten der theologischen Rechtfertigungen des Bestehenden kannte. Doch alle wissen, dass eine Erklärung besteht, dass wissenschaftliche Männer, weise Männer überzeugend nachwiesen und fortfahren nachzuweisen, diese Ordnung der Dinge sei was sie sein solle, weswegen wir ruhig in dieser Ordnung zu leben haben, ohne den Versuch zu machen, an ihrer Grundlage etwas zu ändern.

Nur in dieser Weise kann ich die erstaunliche Blindheit der guten Menschen unserer Gesellschaft erklären. Sie wünschen sicherlich, dass den Tieren so wenig Leid wie möglich zugefügt werde. Und doch, mit ruhigem Gewissen zerreissen und saugen sie das Leben ihrer Mitmenschen aus.

Aus: Der Freie Arbeiter, 1. Jahrgang, Nr. 27, 1904. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS