Louise Michel

In letzter Nummer berichteten wir in kurzen Worten vom Tode Louise Michels. Heute wollen wir versuchen, in grossen Umrissen ein Bild dieser unermüdlichen Vorkämpferin der Freiheit zu entwerfen.

Louise Michel wurde geboren im Jahre 1833 im Departement Haute Marne als uneheliches Kind einet einfachen Landmädchens. Ihr Vater war der Sohn eines altadligen Geschlechtes. Die Grosseltern, aufgeklärte, dem Geiste Voltaires huldigende Leute, nahmen Mutter und Kind auf ihr Schloss und übernahmen des letzteren Erziehung. Sorgfältig nahm sich der Grossvater der geistigen Entwicklung Louisens an und lenkte ihren schwärmerischen Geist in freie Bahnen. Dem Kindes alter entwachsen, bildete sich Louise Michel zur Lehrerin aus.

Ihre freien Anschauungen, denen sie bei der ihr unterstellten Jugend rückhaltlos Geltung verschaffte, brachten sie aber bald in Zwiespalt mit ihren Vorgesetzten und bei den Frommen im Lande in argen Verruf. So ging sie schliesslich nach Paris, um dort eine eigene kleine Privatschule zu begründen.

Hier geriet sie alsbald in die revolutionäre Bewegung. Über demokratische, republikanische Anschauungen hinweg entwickelte sie sich schnell zum Kommunismus. Dabei nahm sie regen Anteil an der Agitation gegen die Herrschaft Napoleon III. und veranstaltete mit einer Anzahl Gleichgesinnter vor dem Ausbruch des deutsch-französischen Krieges eine Friedensdemonstration.

Dann kamen die grossen Tage, die der unerschrockenen, nimmermüden Kämpferin Gelegenheit gaben, den Heldenmut und die Energie ihrer Persönlichkeit grenzenlos zu entfalten. Als am 18. März die Kommune konstituiert wurde, war Louise unter den eifrigsten Mitarbeitern am revolutionären Werk. In den Wohlfahrtsausschüssen, bei der Organisation für die Pflege der Verwundeten, wo immer nur ein Weib helfen und wirken kann, sah man Louise Michel an der Spitze. Selbstlos, immer willig, rastlos das Letzte hingebend um anderen zu helfen, dabei begeistert anfeuernd, aufrufend, anführend stand sie inmitten des Aufstandes. Und als der Zusammenbruch bevorstand, als die Versailler mit den fanatisierten Linientruppen in Paris ärger als in Feindesland eindrangen, da stand Louise Michel bewaffnet auf der Barrikade, da riss ihr Heldenmut alles mit sich in den letzten Kampf.

Als dann das furchtbare Blutgericht begann, als die Rache der entmenschten Bourgeoisie mit Pulver und Blei unter den Besiegten wütete, da stellte sich  Louise Michel freiwillig dem Gericht, die Flucht verschmähend, um ihre alte Mutter nicht der Rache ihrer Verfolger preiszugeben. Von einem Gefängnisse in das andere gestossen, kam sie endlich am 16. Dezember 1871 vor das Kriegsgericht in Versailles. Aber wenn die Richter erwartet hatten, ein gebrochenes Weib, ein um Gnade und Schonung flehendes Geschöpf vor sich in sehen, hatten sie sich gründlich geirrt.

Louise Michel hatte im Kugelregen des Strassenkampfes gestanden, — sollte sie zittern vor einer Justiz , die sie verachtete? Ihr Löwenmut kannte keine Furcht. „Ich will mich nicht verteidigen" — rief sie aus — „ich will nicht verteidigt werden. Ich gehöre mit ganzer Seele der sozialen Revolution an, und ich erkläre, die Verantwortlichkeit für alle meine Handlungen auf mich zu nehmen. Ich akzeptiere sie vollkommen, ohne Vorbehalt. Sie werfen mir vor, an der Hinrichtung der Generäle teilgenommen zu haben? Darauf würde ich mit Ja antworten, wenn ich mich auf dem Montmartre befunden hätte, als sie auf das Volk schiessen lassen wollten; ich würde nicht gezaudert haben, selber auf Männer zu schiessen, die solche Befehle gaben. Was den Brand von Paris betrifft, so habe ich allerdings daran teilgehabt. Ich wollte den Versailler Eindringlingen eine Feuerschranke entgegenstellen; ich habe keine Mitschuldigen, ich habe aus eigenem Antriebe gehandelt."

Der referierende Kapitän Dailly trug auf Todesstrafe an. Die Angeklagte erwiderte : „Was ich von Ihnen verlange, die sich das Kriegsgericht nennen, die sich als meine Richter gebärden und sich nicht verstecken wie die Gnadenkommission, das ist das Feld von Satovy, wo unsere Brüder bereits gefallen sind. Man m uss mich aus der Gesellschaft wegstreichen, Sie sind beauftragt, es zu tun! Wohlan, der Kommissär der Republik hat recht. Da es scheint, dass jedes Herz, das für die Freiheit schlägt, nur Anrecht hat auf ein Stückchen Blei, so verlange auch ich meinen Teil. Wenn Sie mich leben lassen, so werde ich nicht aufhören, nach Rache zu schrein, und werde die Mörder von der Gnadenkommission der Rache meiner Brüder denunzieren." Der Präsident des Gerichts: „Ich kann ihnen das Wort nicht lassen." „Ich bin zu Ende ... Wenn Sie keine Feiglinge sind, so töten Sie mich."

Sie waren zu feig, sie zu töten. So wurde sie zu lebenslänglicher Einkerkerung verurteilt, später aber nach der Strafkolonie Neukaledonien deportiert. Die Bemühungen ihrer Verwandten und einflussreicher Freunde, ihre Begnadigung zu erwirken, wies sie standhaft zurück. Nur wenn alle ihre Mitkämpfer amnestiert würden, wollte sie in die Freiheit zurückkehren.

Und noch in den Tagen ihrer Gefangenschaft wusste ihr nimmer müder Arbeitswille, ihr goldenes Herz sich ein Tätigkeitsfeld zu schaffen. Neben der Pflege ihrer Mitgefangenen widmete sie sich den von der Regierung furchtbar drangsalierten Eingeborenen, den Kanaken, und erlernte ihre Sprache, um ihre Sagen und ihre Poesie zu sammeln.

Im Jahre 1880 trat die allgemeine Amnestie ein. Inzwischen hatten sich durch das Bekanntwerden ihres Heldenmutes im Volke alle Herzen für sie begeistert. Mochte auch die Darstellung der Sieger von Versailles aus ihr eine rasende Megäre, eine „Petroleuse" und alles mögliche gemacht haben, ihr wahres Bild stand zu lebhaft vor aller Augen, und weit über die Grenzen Frankreichs hinaus tollte man ihr Liebe und Bewunderung. Als sie nach neun Jahren des Leids und der Entbehrungen endlich wieder den Boden von Paris betrat, umbrauste sie der begeisterte Jubel des Volkes. Und alsbald stand sie wieder inmitten der Bewegung. Oft hat sie unter der Verfolgung der Herrschenden zu leiden gehabt und viele Jahre in den Gefängnissen der Heimat zubringen müssen. So hatte man sie 1885 unter der Anklage des Diebstahls zu neun Jahren Gefängnis verurteilt.

„Louise Michel — erzählt Kropotkin in seinen Memoiren — die buchstäblich ihren letzten (unlesbar) oder Mantel einer Bedürftigen reicht, die man während ihrer Gefangenschaft nie dazu bringen konnte, bessere Nahrung zugemessen, weil sie immer das ihr Zugeschickte an die Mitgefangenen austeilte, wurde mit einem anderen Genossen, Pouget, zusammen wegen Strassenraubes zu nenn Jahren Gefängnis verurteilt! Das klang doch selbst für die Ohren eines Opportunisten der Mittelklasse zu schlecht. Als sie eines Tages einem Zug von Arbeitslosen voranschritt, trat sie in einen Bäckerladen, nahm sie ein paar Brotlaibe und gab sie den Hungrigen, die ihr folgten: Das war ihr „Diebstahl".

Ein Sturm der Entrüstung, der sich darüber erhob, bewirkte, dass man sie und ihren Mitgefangenen schon nach kurzr Zeit der Freiheit zurückgab. Inzwischen hatte sie sich im Laufe ihrer unablässigen agitatorischen Tätigkeit zum Anarchismus entwickelt. Aber bis an ihr Lebensende blieb ihr die Liebe aller derer treu, die — gleichgültig, welcher Richtung des Sozialismus folgend — persönlichen Mut und Begeisterung für die Sache der Volksbefreiung zu schätzen wissen. Allverehrt war sie, wo immer sie sich sehen liss.

Später nach London übergesiedelt, blieb ihre revolutionäre Energie rege bis an ihr Lebensende. Keine Demonstration der Londoner freien Sozialisten und Anarchisten gab es in dieser Zeit, wo nicht Louise Michels Persönlichkeit hervorgetreten wäre. Und überall zündete der junge Enthusiasmus der alten Veteranin der Revolution.

Auf dem Londoner internationalen Arbeiterkongress von 1896, oder vielmehr auf der Konferenz der durch marxistische Intoleranz von demselben ausgeschlossenen Anarchisten, fand die 63 jährige begeisterte Worte für die Empfehlung des Generalstreiks: „Der allgemeine Streik aller Unglücklichen der Welt, dieser passive wirtschaftliche Widerstand kann nicht unterdrückt werden, und wir müssen diese Idee nach Kräften verbreiten."

In Paris, an dem Ort, wo sie gekämpft und gelitten inmitten des arbeitenden Volkes, dessen Liebe sie durch soviel Aufopferung und Heldenmut sich errungen hat, ihr arbeitsreiches Leben nun seinen Abschluss gefunden.

Ihr Name wird unvergessen bleiben bei den Armen und Elenden, deren Fahrerin und Pflegerin sie gewesen.

Aus: Der Freie Arbeiter, 1. Jahrgang, Nr. 13, 1904. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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