Louise Michel in Neukaledonien

(2009 drehte das franz.Fernsehen einen Film über Louise Michel, vor allem über ihre Zeit in Neukaledonien, der 2010 auch in die franz. Kinos kam. Anlass genug, hier das Manuscript einer Radiosendung von "Radio Chiflado" vom April 2009 zu veröffentlichen)

Der 28.Mai 1871 ist ein Sonntag, Pfingstsonntag. Seit einer Woche kämpfen die Aufständischen in Paris einen verzweifelten Kampf gegen die Armee der Regierung. Diese hatte von Anfang an auf die militärische Lösung gesetzt, jede Frau, jeder Mann, ja jedes Kind, die nach Kommunard*innen aussahen, wurden erschossen. Sympathisanten zu Tode geprügelt, es wird ein Kampf um jeden Stadtteil. Mit dem Fall der letzten Barrikade ist offiziell die "blutige Woche" zu Ende. Aber jetzt beginnt das Massakrieren von Tausenden der "Commune" in Parks, Hinterhöfen und Kasernen.

"Da es scheint, dass jedes Herz, das für die Freiheit schlägt, nur Anrecht auf ein Stückchen Blei hat, so fordere ich meinen Teil, denn ich will mich nicht verteidigen und ich will nicht verteidigt werden. Ich übernehme die Verantwortung für all meine Taten. Man wirft mir vor, Komplizin der Commune gewesen zu sein. Selbstverständlich war ich das, denn die Commune wollte vor allem die soziale Revolution – und das ist das, was ich mir sehnlichst erwünsche." (Louise Michel)

Aber Louise, libertäre Pädagogin, freie Frau, Kommunardin wird mit anderen Aktiven der Commune, darunter vielen Frauen, auf die französische Strafkolonie auf Neukaledonien im Westpazifik deportiert. Zwanzig Monate noch bleibt sie im Gefängnis, 1873 wird sie dann in einer Fregatte von Rochefort aus auf die Insel gebracht, die sie nach viermonatiger Reise in der Hauptstadt Nouméa erreichten.

Die Strafkolonie in Neukaledonien war 1864 von den Franzosen gegründet worden, um Arbeitskräfte für die Infrastruktur, vor allem der Hauptinsel, zu bekommen. Kurz zuvor war das Nickelmineral Garnierit entdeckt worden. Der "Code de l´indigénat", der inzwischen den "Code Noir" abgelöst hatte, eine Reihe von Gesetzesvorschriften, die die einheimische Bevölkerung der jeweiligen Kolonie in einen permanenten Ausnahmezustand der Sklaverei hielt und sie als zweibeinige Tiere ansah, zwang nun die Bewohner und Bewohnerinnen Neukaledoniens, die im folgenden Kanaken genannt werden, zur Zwangsarbeit beim Nickelabbau. Das Wort "Kanake" kommt aus dem hawaiischen "Kanaka Maoli" und meint Mensch.

Die ersten Schiffsladungen von Gefangenen kamen im Mai an, sorgten für den Bau einer Kathedrale und den meisten Straßen in Nouméa. Mit ihnen kam die Guillotine, die in den nächsten zwanzig Jahren oft eingesetzt wurde.

1873 wurden dann insgesamt 4.300 Kommunardinnen und Kommunarden deportiert. Die meisten kamen auf die kleine "Insel der Pinien", die als besonders gefährlich Eingestuften auf die Halbinsel Ducos in der Nähe der Hafen- und Hauptstadt Nouméa. So auch Louise Michel, die sich mit anderen Frauen geweigert hatte, bessere Bedingungen zu bekommen und sich inzwischen offen als Anarchistin bezeichnete.

"Anarchistin wurde ich während der Deportationsfahrt nach Neukaledonien…. – Ich hatte Zeit, viel Zeit zum Nachdenken. – Die Kommune. Ich sah unsere Genossen am Werk, und nach und nach kam ich zu der Überzeugung, dass selbst die Redlichsten, könnten sie die Macht ausüben, den Schurken ähnlich würden, die sie einst bekämpften. So wie die Macht hart, egoistisch und grausam macht, so erniedrigt Sklaverei, und nur die Anarchie kann es vollbringen, dass der Mensch frei und glücklich lebt... Damit das entrechtete Volk nicht länger mit seinem eigenen Blut die trügerischen Schimären – Parteien und Staaten – am Leben erhält, müssen wir für die Verwirklichung der Anarchie kämpfen. Und weil ich Zwang und Unterdrückung ablehne, bin ich Anarchistin."

Die Libertären konnten nicht einverstanden sein mit dem Verlauf der 72 Tage der "Commune", wenn der Beginn auch durchaus die Fantasien beflügelten, ähnelte es doch anfangs der These Bakunins, nachdem sich eine größere Stadt für autonom erklärt und sich selbst organisiert, "sie ein Beispiel geben kann für den Rest der Welt".

So wurden zwar viele Fabriken in Kooperativen geführt, doch weitere Impulse, die auf die Abschaffung des Staates innerhalb der "Commune" drängten, scheiterten.

Im Gegenteil: der anfangs noch schwache Staat in Form des Gemeinderates entfremdete sich mehr und mehr von dem Rest der "Commune" und schuf sich durch die Mehrheit der Jakobiner eine autoritäre Führung, die mit der Errichtung verschiedener Komitees an ihre Schreckensherrschaft von 1793 erinnerten.

Auch wirtschaftlich konnten die Anarchist*innen nicht zufrieden sein. Die Idee, alles in Genossenschaften umzuwandeln, und das hinauszutragen auch auf das Land, wurde von der linksbürgerlichen Mehrheit auf "später" verschoben. Enteignungen, wie z.B. auch die der Banken, fanden nicht statt. Selbst der Gouverneur der Zentralbank wurde in seinem Posten gelassen.

So verpufften die libertären Tendenzen der "Pariser Commune" an der "Reformierung des Staates". Menschen wie Elisee Reclús, zuerst deportiert, dann verbannt, und nun Louise Michel, die Anarchafeministin Natalie Lemel und der ebenfalls deportierte Bakunist Adolphe Assi lebten sie jedoch weiter und brachten sie bis Neukaledonien.

"Wie versteinert sahen sie mich an, eine einzelne Frau und ohne Waffen. Ihr Erstaunen wurde noch größer, als ich sie in ihrer Sprache ansprach, Gouchenérée, schwesterliche Freundin sagte ich. `Wer bist du´, fragten sie. ´Was willst du?´ Kommst du von den schlechten weißen Männern?´ Nein, sagte ich ihnen und ich bin auch nicht ausgebrochen. Dann erzählte ich ihnen von der ´Commune` und warum ich und andere hier seien. ´Du bist also eine Kriegerin, die wie wir, arme Kanaken, besiegt wurden´. Ja, die bösen Weißen werden immer mehr und sie töten immer mehr und wollen immer recht haben."

Louise und ein anderer Anarchist, Charles Malato, lernten die Sprache und die Kultur der Kanaken. In einer leer stehenden Baracke, gleich neben dem Frauentrakt, gründeten sie eine kleine Gruppe, die libertäre Texte las und gemeinsam über Möglichkeiten der Veränderung diskutierte, Unterrichtsgruppen organisierte. Louise baute eine Schule auf und lehrte dort auch die sozialrevolutionären Inhalte der Commune.

1871 erhoben sich in Algerien Bauern, Nomaden, Handwerker und Tagelöhner zusammen mit den Kabylen zu einem großen Aufstand gegen die französische Besatzung. Er wurde brutalst niedergeschlagen. Eine noch größere Repression folgte. Hunderte der Aufständischen wurden danach noch hingerichtet, tausende inhaftiert. Es folgten weitere Landenteignungen, einige der als Führer des Aufstandes benannten wurden nach Neukaledonien deportiert, die sich dann auch an dem Aufbau der Schule von Louise Michel beteiligten.

In dieser Zeit waren 3.300 Männer und 457 Frauen auf Neukaledonien deportiert. Viele Kinder, von den Deportierten, aber auch die der Einheimischen, lernten und spielten zusammen.

Seit 1853 waren die Ländereien auf den Inseln Neukaledoniens in den Händen der französischen Besatzer. Nicht nur der Abbau der Mineralien, sondern mehr und mehr auch Produktion und Verteilung der Nahrungsmittel ging in die französische Verwaltung über, die natürlich erst einmal sich selbst versorgte. Für die Einheimischen blieben oft nur wenige Hektar schlechten Bodens. 1878 erhob sich nun die indigene Bevölkerung zu einem größeren Aufstand. Louise Michel unterstütze von Anfang an die Aufständischen, ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Deportierten, die in den Aufständischen nur "Menschenfresser" sahen.

"Auch hier kämpften die Menschen für ihre Unabhängigkeit, für ein selbst bestimmtes Leben, für ihre Freiheit. Ich bin auf ihrer Seite so wie ich auf der Seite des Volkes von Paris war. Ich bewundere und liebe sie dafür."

Als sich einige von ihnen bei Louise verabschieden, um sich den Rebellen anzuschließen, gibt sie ihnen den roten Schal der `Commune´, den sie so lange für so einen Augenblick verwahrt hatte.

Der Aufstand wird verraten, die Besatzer nehmen blutige Rache, unterstützt von vielen Deportierten der ehemaligen Commune. Die Köpfe der vermeintlichen Anführer werden nach Paris geschickt und einer sich wohlig gruselnden Menge zur Besichtigung vorgestellt.

110 Jahre später, 1988, kam es zu den letzten größeren Aufständen. Bis heute sind die Inseln Neukaledoniens französische Kolonie.

Nach der Amnestie 1880 führte Louise Michel ihr Leben der Revolte weiter, gründete die "Liga der Frauen", hielt Vorträge, wird mehrmals zusammen mit anderen Frauen verhaftet.

Von einem Attentäter schwer verletzt, reist sie nach England und gründet dort eine Schule für politische Flüchtlinge, immer unter Beobachtung der Polizei.

1899 kehrt sie nach Frankreich zurück, wo sie am 9.Januar 1905 in Marseille stirbt. Hunderttausende begleiten ihren Weg zum Friedhof Pere Lacháise.

In der Hafenstadt Nouméa auf Neukaledonien wird ein "Anarchistisches Museum" ihr zu Ehren eingerichtet, und existiert heute noch.

"Laß den Pflug liegen, bis die Erde dir gehört und nicht länger den Aasgeiern, den Großgrundbesitzern. Es gibt Korn im Überfluss, und du stirbst fast vor Hunger; iss das Korn, das du gesäat hast. Hindere deinen Sohn, Bauer, loszuziehen, um andere Völker zu vernichten; hindere deine Tochter, für das Vergnügen der Herren da zu sein. Lehre deine Kinder den Widerstand, damit sie endlich die soziale, menschliche Gesellschaft erleben. Weigere dich, von deinen letzten Groschen die Spürhunde, die dich hetzen, zu bezahlen. Verweigere alles, damit es schneller zum letzten großen Kampf komme. Nicht die Paläste sollen brennen, sondern die hässlichen und verpesteten Hütten". (Louise Michel)

Originaltext: http://radiochiflado.blogsport.de/2011/09/13/louise-michel-in-neukaledonien/


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