Pete - Nettlau und der Anarchismus in Neuseeland

In einem verrauchten Zimmer einer Londoner Seitenstraße treffen 1915 zwei Männer aufeinander, die weiter voneinander entfernt nicht leben könnten. Percy Short: revolutionärer Syndikalist aus Neuseeland, der gerade in Europa unterwegs ist, um hilfreiche Kontakte herzustellen für die Arbeiter*innenbewegung in seinem Land, wo er bei den Industrial Workers of the World (IWW) organisiert ist. Ihm gegenüber sitzt der in Österreich geborene Max Nettlau, der wohl bedeutendste Historiker des Anarchismus. Ein kürzlich im Amsterdamer Internationalen Institut für Sozialgeschichte entdecktes, von Nettlau verfasstes Dokument fasst das Aufeinandertreffen der beiden zusammen.

„Wir hatten das Vergnügen mit einem Genossen von den Antipoden zu sprechen, der nach Europa gekommen ist um die syndikalistische Bewegung der verschiedenen Länder kennen zu lernen“, schreibt Nettlau

„Um unsere Leser einigermaßen zu orientieren, bemerken wir an erster Stelle, dass in Sydney (Neu Süd-Wales) ein revolutionär-syndikalistisches Organ besteht, Direct Action, während in Auckland der Industrial Unionist erscheint. Ferner wird in Wellington, Neuseeland, der Maoriland Worker herausgegeben.“

Short erzählt von den Streiks der Bergarbeiter an der Westküste der Südinsel Neuseelands und vom großen Streik von 1913, als fast das ganze Land über Wochen bestreikt wurde und es zu heftigen Straßenkämpfen zwischen den Arbeiter*innen und der Polizei kam.

Damals ging es nicht um einige Prozent mehr Lohn. Das ganze kapitalistische System wurde von der Arbeiter*innenklasse in Frage gestellt. Shorts IWW war damals eine der federführenden Organisationen, deren Prinzipien des Klassenkampfes sogar vom neuseeländischen Gewerkschaftsbund übernommen wurden.

Durch massive Repression wurde die revolutionäre syndikalistische Bewegung jedoch zerschlagen und viele Mitglieder der IWW wurden verhaftet oder flüchteten nach Australien.

Nettlau notierte sich, dass „Genosse Short von Geburt ein Maori ist, ein Sohn der Einborlinge Neuseelands, des Volkes das immer mehr von den Blanken verdrungen wird, sich aber mit unglaublicher Energie und Ausdauer aufrecht erhält.“ Obwohl Percy Short die Sprache der Maori beherrschte und auch Artikel in der Sprache der eingeborenen Bevölkerung in der Zeitung der IWW verfasste, war er nach Angaben seiner in Neuseeland lebenden Nachkommen sicherlich kein Maori. Trotzdem gab er interessante Einblicke in deren Welt.

„Wir haben uns allererst mit Genosse Short unterhalten über die allgemeinen Voraussichten der revolutionär-syndikalistischen Propaganda und mit einer wahren Überraschung hörten wir dabei, dass ganz besonders unter den Maoris diese Propaganda durch die Vergangenheit der Bevölkerung mit ihrem Urkommunismus begünstigt wird. Unter den Maoris scheint ein Arbeiter, der als Streikbrecher seinen Kameraden das Brot aus dem Munde nimmt, so gut wie ein unbekanntes Wesen zu sein, dessen Bestehen schon durch das alte Solidaritätsgefühl in den Volkssitten ausgeschlossen ist.“

Fast 100 Jahre später kommen in den folgenden Zeilen drei Anarchist*innen – Valerie, Emily und Jared – zu Wort, um das Nettlau/Short-Treffen mit euch, liebe Leser*innen der Zeitschrift [改道] Gǎi Dào, weiterzuführen und um euch einen kleinen Einblick in die anarchistische Bewegung der Antipoden zu offerieren.

Bevor wir anfangen, hier eine kurze Übersicht: Neuseeland - oder Aotearoa in der Sprache der Maori - liegt bekanntlich am anderen Ende der Welt. Bewohnt werden die Inseln von knapp 4,5 Millionen Menschen, von denen 72% in urbanen Zentren leben. Das Land wurde vor etwa 1.000 Jahren von den Maori besiedelt und erst 1642 von Europäern ‘entdeckt’. Das Land wurde zur britischen Kolonie und trotz des Vertrages von Waitangi, der der indigenen Bevölkerung ihre Autonomie garantierte, wurde fast alles Land durch Krieg konfisziert. In den 1980er Jahren wurde Neuseeland zum Versuchskaninchen neo-liberaler Politik – der halbe Staat wurde privatisiert und die Gewerkschaften wurden zerstört. Folglich ging die Schere zwischen Arm und Reich so schnell auseinander wie in keinem anderen OECD-Land. Regiert wird das Land momentan von einer konservativen Koalition.

Valerie ist seit 20 Jahren politisch aktiv. „Meine politische Arbeit besteht vor allem aus anti-militaristischen Themen und Umweltschutz. Die anarchistische Bewegung befindet sich auf einem Tiefstand. Viele Leute, die sich in einer losen anarchistischen community engagierten, wurden verbannt oder gingen ihren eigenen Weg, vor allem viele Frauen. Allerdings wird seit etwa 2006 eine Debatte über anarchistische Mitarbeit bei den Kämpfen der Arbeiter*innen geführt und das Interesse daran wächst.“

„Bücher und Propaganda-Arbeit bilden einen großen Schwerpunkt für Anarchist*innen hier. Der ‘Freedom Shop’-Bücherladen existiert seit etwa 13 Jahren in Wellington. ‘Rebel Press’ ist ein Buch-Verlag in Wellington. Anarchist*innen engagieren sich in verschiedenen politischen Kampagnen: Anti-Kriegs-, Umweltschutz- und Tierrechts-Gruppen, indigene Souveränität und die Kämpfe der Arbeiter*innen – in den meisten jedoch als Individuen und nicht organisiert in Gruppen.“

Es existieren einige anarchistische Gruppen, zum Beispiel ‘Wildcat Anarchist Collective’ in Wellington, ‘Beyond Resistance’ in Christchurch und ‘Aotearoa Workers Solidarity Movement.’ Diese sind allerdings alle sehr klein mit jeweils einstelliger Mitgliederzahl.

Jared aus Christchurch ist ein Mitbegründer der anarcho-kommunistischen Gruppe ‘Beyond Resistance’. Er sagt, dass es seit den Staatsterror-Razzien von 2007, bei denen mehrere Anarchist*innen und indigene Aktivist*innen wegen illegalen Waffenbesitzes angeklagt und bei der Hauptverhandlung (2012) auch vier Leute verurteilt wurden, anarchistische Aktivitäten schwieriger geworden seien. Hinzu kommen auch noch zwei große Erdbeben in seiner Stadt, bei denen 185 Menschen ums Leben kamen. Seiner Meinung nach ist es leider ruhiger geworden. „Diese Inaktivität betrifft nicht nur anarchistische Gruppen. Einige marxistische Gruppen sind ganz verschwunden. Es scheint, als ob die Bewegung eine Periode der Reflexion und Selbsteinschätzung durchmache.“

Emily vom indigenen Stamm der Taranaki engagiert sich seit dem Jahr 2000 in der anarchistischen Bewegung. “Ich war bei einigen anarchistischen sozialen Projekten dabei, Publikationen und Konferenzen und auch in politisch breiten Umweltschutz-Kampagnen. Heute bezeichne ich mich nicht mehr wirklich als Anarchistin, da ich aufs Land gezogen bin. Ich bin aber weiterhin aktiv in ‘climate justice’-Kampagnen und in Projekten für die indigene Autonomie und Nachhaltigkeit.”

„Es war gut in der anarchistischen Bewegung von 2000 bis 2005 mit vielen Projekten, lauten Demos und einer Menge netter Leute. Dann wurde es schwieriger mit internen Auseinandersetzungen und Polizei-Razzien. Heute gehen viele Anarchist*innen ihre eigenen Wege, aber das ist auch gut und viele von uns sind nun in ‘normalen’ communities aktiv.“

Vor allem in Wellington existierte von Mitte der 90er Jahre bis etwa 2006 ein relativ großer, loser anarchistischer Zusammenhang, der aber vor allem mit sich selbst beschäftigt war. Zurückblickend sagt Emily, dass der “Rückzug vom ‘Mainstream’, die eigene Isolierung, um sich gegenseitig ‘perfekt’ zu machen”, nicht in einer Bewegung, sondern letztendlich in einem ‘anarchistischem Ghetto’ endete.

Valerie fügt hinzu, die selbstgerechte Einstellung vieler Anarchist*innen – sie selber eingeschlossen – habe dazu geführt, dass Leute, die nicht die richtige politische ‘Linie’ mittrugen, ausgestoßen wurden. Hinzu kommen auch Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch in der anarchistischen Szene. „Die Männer in der Bewegung haben ihre Genossen nicht für ihr Verhalten zur Verantwortung gezogen.“

Die erste anarchistische Gruppe des Landes etablierte sich 1913 in Wellington um den jüdischen Anarchisten Philip Josephs in der Zeit der starken syndikalistischen Bewegung und der IWW. Eine direkte Verbindung zur heutigen Bewegung gibt es allerdings nicht. „Es ist klar, dass sozialistische und anarchistische Ideen zu den vielen Streiks und Kämpfen zwischen 1908-13 beitrugen“, meint Jared. Keine anarchistische Gruppierung konnte allerdings bestehen.

„Heute befinden wir uns auf einem Tiefststand von Arbeiter*innenkämpfen und die Gewerkschaften kollaborieren mit den Arbeitgeber*innen und haben keinen revolutionären Ansatz. Zudem haben sich die Bedingungen, die eine solche Bewegung vor 100 Jahren hervorbrachten, grundlegend verändert. Ich denke, es ist nicht hilfreich, diese Bewegungen zu replizieren, doch können wir sicherlich viel von ihnen lernen.“

Ein großes Thema bilden weiterhin die Rechte der indigenen Bevölkerung. Die Beziehung zwischen einigen Stämmen und der Regierung ist nach wie vor angespannt. Andere Stämme hingegen haben sich voll in die kapitalistische Welt eingefügt. Eine starke Protest-Bewegung kann aber immer noch tausende indigene Menschen und auch weiße Unterstützer*innen für ihre Themen auf die Straße mobilisieren. So demonstrierten im Jahr 2004 etwa 25.000 Menschen vor dem Parlamentsgebäude, als die Regierung weiter Land konfiszierte.

„Der Grundkonsens in der anarchistischen Bewegung ist, dass wir den Anspruch der indigenen Bevölkerung unterstützen“, sagt Valerie. Es gab aber auch schon vereinzelte Stimmen aus dem klassenkämpferischen Lager, die diesen ‘Nationalismus’ ablehnen. Bei Landbesetzungen organisieren Anarchist*innen oft praktische Solidarität. Die landesweiten ‘Terror’-Razzien von 2007 machten allen klar, dass das koloniale Projekt nicht der Vergangenheit angehört, sondern ein andauernder Prozess ist. Wer sich für die indigene Autonomie einsetzte, wurde nun als Terrorist*in abgestempelt.

In Bezug auf Percy Shorts Anmerkung zum ‘Urkommunismus’ der Maori meint Emily, dass „die Maori Revolution verstehen, weil sie am meisten unterdrückt sind im Land und sich immer noch an ihren Kampfgeist erinnern und auch daran, wie ein besseres Leben, ein kommunistischeres Leben aussehen kann.“

Maori stehen in allen Statistiken zu Gesundheit, Einkommen und Lebenserwartung zuunterst. Nur bei den Gefangenen ragen sie heraus. Obwohl die Maori nur 15% der Bevölkerung ausmachen, gehören 50% der Menschen in den Knästen zur indigenen Bevölkerung.

Doch wie können ein paar dutzend Anarchist*innen, die zerstreut über zwei Inseln leben, in einem Land, das fast so groß wie Italien ist, ins politische Geschehen eingreifen?

„Als kommunistischen Anarchisten interessiert mich vor allem, unser Verständnis von Klassenkampf durch den Schnittpunkt von Gender und Rasse zu erweitern, uns aufs langfristige Organisieren und nicht auf Aktivismus zu konzentrieren und auf einen Kampf, der auf gemeinsamen materiellen Verhältnissen im Alltag beruht“, sagt Jared. Der Begriff Rasse wird im englischen Sprachraum wohl anders gebraucht als auf Deutsch.

Jared lehnt sich an die Schriften der US-Aktivistin bell hooks an, die die Verknüpfung der verschiedenen Machtmechanismen, insbesondere Rassismus, Sexismus und Klassismus, beschreibt und in ihrer Kritik immer wieder als Trinität von „weißer Vorherrschaft, Kapitalismus und Patriarchat“ bezeichnet.

Inspiriert durch das ‘Seattle Solidarity Network’ sind auch in Neuseeland einige Solidaritätsnetzwerke entstanden, die ohne ideologische Ziele existieren, sich aber direkt in Kämpfe einbringen, ob am Arbeitsplatz oder wenn’s Stress mit dem Vermieter gibt.

Emily engagiert sich in ihrem Stammesgebiet gegen die sich ausbreitende Öl- und Gasindustrie. Auch ist es vielen Anarchist*innen wichtig, sich in positiven Initiativen zu engagieren, z. B. in Gemeinschaftsgärten oder gemeinschaftlicher Kinderbetreuung.

Es besteht momentan nur wenig Interesse daran, sich in anarchistischen Gruppen zu organisieren. Und selbst wenn mit guten Vorsätzen und gleich noch Statuten eine Gruppe aus der Taufe gehoben wird, stirbt das Flämmchen Hoffnung auch bald wieder, wenn die Frage ‘Was tun?’ mit kollektiver Inaktivität beantwortet wird. Die Stunde der Anarchist*innen sieht sicherlich anders aus.

Doch in diesen ungewissen Zeiten ist morgen schon nichts mehr wie heute. Bewegungen kommen und gehen, aber mit einer Krise ohne Ende scheint auch eine Kritik am Kapitalismus neu aufzuflammen. Das ‘Ende der Geschichte’ ist das (noch) nicht.

Geblieben ist von den revolutionären Zeiten der IWW, den Guerilla-Kämpfen der Maori im 19. Jahrhundert und den Umweltschutz-Bewegungen ein revolutionärer Funke, ein Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit, das mit dieser Generation weiter lebt und weiter kämpft.

Anmerkung:
*Pete wohnt seit einigen Jahren in Neuseeland und engagiert sich in diversen anarchistischen Projekten und politischen Kampagnen. Seine Hauptbeschäftigungen beinhalten zurzeit jedoch muhende Kühe, die Kartoffeln beim Wachsen zu beobachten und einem 2-jährigen Kind hinterherzurennen.

Originaltext: Gai Dao Nr.24, Dezember 2012 (PDF)


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