Peter Kropotkin (1842 - 1921)

Peter Kropotkins berühmte „Memoiren eines Revolutionärs“ (1899) enthalten eine eindrucksvolle Schilderung des Weges dieses Abkömmlings eines russischen Fürstengeschlechts zum anarchistischen Kommunismus. Als Sohn eines pensionierten Generals hatte er seine Jugend in Moskau sowie im Landhaus seiner Eltern in Kaluga verbracht und in diesem Milieu ganz unmittelbar und sehr bewußt die Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse des damaligen Rußland erlebt. Zar Nikolaus I. persönlich wählte ihn zur Erziehung im Pagenkorps in Petersburg aus.

Nach Ablauf der Dienstzeit im Pagenkorps konnte der junge Kropotkin, wie üblich, sich selbst sein künftiges Regiment wählen. Seine Entscheidung war ungewöhnlich, ließ er sich doch zu den Amur-Kosaken abkommandieren, weil er hoffte, in Sibirien an umfassenden Reformen teilnehmen und gleichzeitig seinen (schon in den Petersburger Jahren erwachten) wissenschaftlichen Neigungen nachgehen zu können. Der Gouverneur von Transbaikalien, zu dessen Adjutant er ernannt wurde, beauftragte ihn mit einer Untersuchung des Strafsystems in Sibirien. Bei diesen Nachforschungen erhielt Kropotkin einen nachhaltigen Eindruck vom barbarischen Charakter der russischen Autokratie. Gleichzeitig hatte er Gelegenheit, die Kolonien der Dubochoren und anderer nach Sibirien exilierter Volksgruppen kennenzulernen. Er unternahm große Expeditionen durch Ostsibirien und das mandschurische Grenzgebiet (insgesamt 50.000 Kilometer) und bereiste bis dahin unbetretene Gebiete des sibirischen Hochlandes. Die wissenschaftliche Frucht dieser Reisen waren eine bahn-brechende Theorie des ostasiatischen Berglandes und ein wichtiger Beitrag zur Eiszeitforschung.

In Sibirien wurde Kropotkin durch den 1861 dorthin verbannten Dichter M. L. Mikhailow zur Lektüre von Proudhons „ökonomischen Widersprüchen“ angeregt. Unter dem Eindruck der Hinrichtung von fünf in der Verbannung lebenden Polen, die einen Fluchtversuch unternommen hatten, quittierte er 1866 den Militärdienst, der ihm eine glänzende Karriere verheißen hatte. Er begann in Petersburg ein mehrjähriges, mit praktischen Forschungen verbundenes Studium der Geographie und erwarb sich bald ein so großes wissenschaftliches Ansehen, daß ihm 1871 der Posten des Sekretärs der Russischen Geographischen Gesellschaft angeboten wurde. Eine hervorragende wissenschaftliche Laufbahn lag vor ihm. Doch auch diese Gelegenheit, innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung eine höchst ansehnliche Position zu erreichen, schlug Kropotkin aus. Er war zu der Überzeugung gekommen, daß der Lösung der fundamentalen gesellschaftlichen Probleme Rußlands in diesem Augenblick der Vorrang vor der Beschäftigung mit wissenschaftlich-theoretischen Fragen gebühre, und zog daraus für sich selbst eine praktische Konsequenz, die den vollständigen Bruch mit der Gesellschaft bedeutete, zu deren Meistprivilegierten er seiner Herkunft nach gehörte.

1872 reiste Kropotkin in die Schweiz. In Zürich und Genf nahm er Kontakt zu den verschiedenen russischen Emigranten-Gruppen auf und erhielt gleichzeitig einen ersten Eindruck von der Struktur und den Problemen der westeuropäischen Arbeiterbewegung. Im April 1872 kam er in den Jura, wo er sich dem anti-autoritären Flügel der „Internationale“ anschloß. Welche Bedeutung diese Erfahrungen im Milieu der jurassischen Uhrenarbeiter für seine Entwicklung zum Anarchisten hatten, ist aus den entsprechenden Passagen seiner „Memoiren“ zu ersehen.

Im Sommer 1872 nach Rußland zurückgekehrt, widmete sich Kropotkin dort - unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Tätigkeit - der revolutionären Propaganda im Sinne der Narodniki. Die Idee einer „Revolution durch Konspiration“ und die terroristische Aktivität eines Netschajew lehnte er ausdrücklich ab. 1874 wurde er von der zaristischen Polizei festgenommen und in der Peter-und-Paul-Festung in Petersburg eingekerkert. Zwei Jahre später gelang es ihm, aus dem Militärhospital der Festung nach England zu fliehen. Von dort ging er Anfang 1877 wieder in den Jura. In Genf gründete er die Zeitschrift „Le Revolte“, die zur einflußreichsten anarchistischen Publikation seit Proudhons „Le Peuple“ wurde. Seine Bemühungen, der infolge des Übergangs von der Hausindustrie zum Fabriksystem seit 1876 mehr und mehr verkümmernden Jura-Föderation neue Impulse zu geben, erwiesen sich als vergeblich. (Das „Bulletin“, die Zeitung der Jurassier, erschien Ende März 1878 zum letzten Male.) Nach der Ermordung des Zaren Alexander II. wurde er im Herbst 1881 auf Druck des russischen Botschafters aus der Schweiz ausgewiesen, Anfang Oktober 1882 in Thonon auf der französischen Seite des Genfersees, wo er sich seither aufgehalten hatte, verhaftet und Anfang 1883 im Rahmen eines großen Anarchisten-Prozesses in Lyon wegen „illegaler Tätigkeit“ zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil rief heftige Proteste in Frankreich selbst und im Ausland hervor.

Am 15. Januar 1886 vorzeitig aus dem Gefängnis von Clairvaux entlassen, ging Kropotkin im März desselben Jahres wieder nach England, wo er nun bis zu seiner Rückkehr nach Rußland im Revolutionsjahr 1917 lebte. Die Epoche seiner unmittelbar revolutionären Aktivität war abgeschlossen. In seinen Londoner Jahren widmete er sich vor allem der wissenschaftlichen Begründung und publizistischen Darstellung des anarchistischen Kommunismus. Mit seinen Büchern „Paroles d'un Revolte“ (1885), „The Conquest of Bread“ (1892), „Fields, Factories and Workshops“ (1898) und „Mutual Aid“ (1902) sowie mit den „Memoiren eines Revolutionärs“ (1899) - um nur die wichtigsten seiner zahlreichen Publikationen zu nennen - wurde Kropotkin zum namhaftesten Sozialphilosophen des Anarchismus in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Dank seiner ungemein starken persönlichen Ausstrahlungskraft - seine Güte und Besonnenheit beeindruckten alle, die mit ihm in Berührung kamen - und seiner wissenschaftlichen Reputation erfreute er sich großer Achtung und Sympathie auch außerhalb der anarchistischen Bewegung. Hatte vor allem der individuelle Terror (die „Propaganda der Tat“) den Anarchismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts vollends diskreditiert und zu der opinio communis geführt, er sei nur eine Sache gewalttätig-gemeingefährlicher Narren, so konnte Kropotkin aufgrund seiner großen moralischen und intellektuellen Autorität die konstruktiven Tendenzen des Anarchismus wieder stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken.

Der langjährige Aufenthalt in England blieb nicht ohne Einfluß auf Kropotkins Denken. [1] Er schloß nun die Möglichkeit eines eher evolutionären als revolutionären Überganges zu einer neuen nach-kapitalistischen und nach-staatlichen Organisation der Gesellschaft nicht mehr aus. In einer Rede äußerte er 1891, möglicherweise könne der Anarchismus durch das „Reifen der öffentlichen Meinung und mit einem Minimum an Aufruhr“ Wirklichkeit werden. Der optimistische Grundzug seiner Lebensauffassung und seines Denkens trat immer deutlicher hervor. In „The Conquest of Bread“ konstatierte er das „ständige Umsichgreifen von Unternehmungen, die ihren Ursprung der Privatinitiative und der wunderbaren Entwicklung von freien Gruppierungen aller Art verdanken.“ [2] Auf nationaler wie auf internationaler Ebene sah er die „freie Vereinbarung“, das gesellschaftliche Organisationsprinzip des anarchistischen Kommunismus, mehr und mehr an die Stelle von Gesetz und Zwang treten. [3]

Kropotkins Konzeption des anarchistischen Kommunismus ging davon aus, daß mit der modernen Technologie und den auf ihr basierenden Produktivkräften der Menschheit die materiellen Voraussetzungen für eine ungeheure Steigerung des allgemeinen Wohlstands gegeben seien, dem nurmehr die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse im Wege ständen. Darum ist die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln sowie an Grund und Boden notwendig: „Wir brauchen die ENTEIGNUNG. Wohlstand für alle als Ziel, Enteignung als Mittel.“ („The Conquest of Bread“) Die Produktionsmittel sind faktisch das Kollektivprodukt aller - sie müssen darum auch der Kollektivbesitz aller werden. Nicht aber in der Form zentralistisch-bürokratischer Verstaatlichung, sondern als Gruppen-, das heißt Gemeinde-Eigentum. Bei einer Konzentration der Produktion auf Notwendiges und Sinnvolles ist nicht nur eine enorme Mehrung des Wohlstands aller, sondern auch eine erhebliche Reduzierung der allgemeinen Arbeitszeit möglich. Damit wird die Freizeit, die Muße, als Bereich der freien individuellen Entfaltung immer wichtiger. An die Stelle der kapitalistischen Ausbeutung und des staatlichen Autoritarismus soll ein System sich selbst organisierender, die Trennung von Stadt und Land aufhebender, durch freie Kooperation miteinander verbundener Kommunen treten. So erst erhält der „schöpferische Genius der Massen“ die notwendige Freiheit für seine volle Entfaltung.

Mit der Forderung nach sofortiger Abschaffung auch des Lohnsystems und unmittelbarem Übergang zur freien Distribution, den individuellen Bedürfnissen entsprechend, geht der anarchistische Kommunismus einen entscheidenden Schritt über den Kollektivismus Bakunins hinaus. Sie gründete sich auf die von Kropotkin mit großem Nachdruck vertretene Auffassung, eine neue Produktionsweise verlange auch eine neue Konsumtionsform.

In „Mutual Aid“ verknüpft Kropotkin, auf umfangreiche Untersuchungen über „gegenseitige Hilfe bei Tieren, Wilden und zivilisierten Völkern“ gestützt, den anarchistischen Kommunismus mit einer eigenen Entwicklungstheorie. Im Anschluß an den russischen Zoologen Kessler und in ausdrücklichem Gegensatz zu Darwin, vor allem aber zu Thomas Henry Huxley, bemüht er sich nachzuweisen, welch große Bedeutung der Solidarität, der „gegenseitigen Hilfe“, im Kampf der Menschen gegen die Natur zukomme. „Soziales Verhalten“ ist für Tier und Mensch im „Kampf ums Dasein“ von Vorteil. Daraus leitet Kropotkin die Forderung nach Beseitigung jener gesellschaftlich-politischen Organisationsformen ab, die die freie Entfaltung dieser natürlichen Tendenz der menschlichen Gattung zur Solidarität blockieren, der kapitalistischen Ausbeutung und des Staates.

Gustav Landauer hat 1912 in einem Aufsatz zu Kropotkins 70. Geburtstag gesagt: „Was diese Bakunin, Elysee Reclus, Peter Kropotkin untereinander eint und kennzeichnet, ist die unvergleichliche Innigkeit ihres Positivismus. Einsicht, Erkennen der Tatsachen, Naturwissenschaft lebte in ihnen als Grundlage einer durchaus seelenvollen, in allen Lagen bewährten Menschenliebe.“ [4] Das gilt für Kropotkin in ganz besonderem Maße. Das humane Ethos seiner sozialwissenschaftlichen Untersuchungen und sozialphilosophischen Theorien ist damit umschrieben, aber auch eine unverkennbare Schwäche beider. Konnten sie doch eine gewisse Einfärbung durch einen Entwicklungs-Optimismus nicht verleugnen, der der Schärfe der Kropotkin'schen Analysen wie der Richtigkeit seiner Prognosen nicht selten Abbruch tat.

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges identifizierte sich Kropotkin mit dem Kampf der Alliierten gegen das kaiserliche Deutschland, in dem er die internationale Vormacht des Autoritarismus und Militarismus sah. Diese Abkehr vom konsequenten Internationalismus der anarchistischen Bewegung, mit der er freilich nicht allein stand, blieb nicht unwidersprochen und minderte zeitweise seine große moralische Autorität.

Im Juni 1917 kehrte Kropotkin nach vierzigjährigem Exil nach Rußland zurück. Einen Posten in der provisorischen Regierung lehnte er als grundsätzlicher Gegner des Staats-Prinzips ab. Die Oktoberrevolution begrüßte er voller Hoffnungen. Den rücksichtslosen Zentralismus und die repressiven Maßnahmen des bolschewistischen Regimes aber verurteilte er auf das entschiedenste. Als besonders verhängnisvoll betrachtete er die Unterdrückung der intellektuellen Freiheit durch die Verstaatlichung und Zentralisierung des Verlagswesens. Im November 1920 protestierte er in einem Brief an Lenin gegen die üblich gewordenen Geisel-Erschießungen: „Ich kann nicht glauben, daß es in Ihrer Umgebung keinen einzigen Mann gibt, der Ihnen sagt, daß solche Entscheidungen an das finstere Mittelalter, an die Zeiten der Kreuzzüge erinnern. Wladimir Iljitsch, Ihre Handlungen sind der Ideen, die Sie zu haben vorgeben, völlig unwürdig ... Welche Zukunft hat der Kommunismus, wenn einer seiner wichtigsten Verfechter in dieser Weise auf jedem ehrlichen Gefühl herumtrampelt.“ [5]

Seit dem Sommer 1918 lebte Kropotkin in Dmitrow, 60 Kilometer nordöstlich von Moskau, gesundheitlich sehr geschwächt, in schwierigen äußeren Verhältnissen, von der Außenwelt weitgehend isoliert. Seine Arbeitskraft widmete er in diesen seinen letzten Lebensjahren seiner (unvollendet gebliebenen) „Ethik“, mit der er an seine früheren Auseinandersetzungen mit dem Sozialdarwinismus anknüpfte. [6]

In den Erfahrungen der ersten Jahre nach der Revolution sah Kropotkin eine Bestätigung der antistaatlich-dezentralistischen Grundkonzeption des kommunistischen Anarchismus. Er gab sich aber auch Rechenschaft über bestimmte Schwächen der anarchistischen Bewegung, die im Verlaufe der russischen Entwicklung besonders deutlich geworden waren: „Wir Anarchisten haben sehr viel von der sozialen Revolution gesprochen. Aber wie wenige von uns haben sich die Mühe genommen, die nötigen Vorbereitungen für die unmittelbare Arbeit, die während und nach der Revolution geleistet werden muß, zu treffen. Die Russische Revolution hat uns die absolute Notwendigkeit solcher Vorbereitungen für praktische konstruktive Arbeit klar vor Augen geführt.“ [7]

Ende November 1920 übergab Kropotkin der englischen Sozialistin Margaret Bondfield bei ihrem Besuch in Dmitrow die „Botschaft an die Arbeiter des Westens“, die so etwas wie sein „Politisches Testament“ darstellt. Am 8. Februar 1921 starb er - unmittelbar vor dem Aufstand von Kronstadt. [8]

Fußnoten:

[1] Es liegt nahe, hier an die England-Jahre Eduard Bernsteins und ihre Bedeutung für seinen sozialdemokratischen Reformismus zu denken.
[2] Die Eroberung des Brotes (Wohlstand für alle). Deutsch von Bernhard Kampffmeyer, Berlin 1921, S. 26. „The Conquest of Bread“ bestand aus Artikeln, die vorher in „Le Revolte“ erschienen waren.
[3] „er internationale Postverein, die Vereinigung der Eisenbahnen, die wissenschaftlichen Gesellschaften liefern uns ein Beispiel für die Lösung, die man auf dem Wege der freien Vereinbarung an Stelle des Gesetzes gefunden hat.“ (S. 27)
[4] Gustav Landauer. Der werdende Mensch, Potsdam 1921, S. 218/19. Elysee Reclus (1830-1905) war einer der bedeutendsten französischen Geographen des 19. Jahrhunderts und gleichzeitig, wie sein Bruder Elie Reclus, einer der führenden Vertreter des anti-autoritären Sozialismus, zu dem er durch die Bekanntschaft mit Bakunin 1864 „bekehrt“ worden war. Zuvor hatte ihn Fourier stark beeinflußt.
[5] Nach: James Joll, Die Anarchisten. Aus dem Englischen von Alfred Kellner. Frankfurt/M. und Berlin 1969, S. 138.
[6] Eine deutsche Übersetzung des ersten Bandes erschien 1923 in Berlin.
[7] So mündlich zu Emma Goldman im Juli 1920. Siehe: Emma Goldman, Die Ursachen des Niederganges der Russischen Revolution. Berlin 1922. Nachdruck Berlin 1968, S. 63.
[8] Wir verweisen auf die 1950 in London erschienene Kropotkin-Biographie von George Woodcock und Ivan Avacomovic. (the Anarchist Prince: A Biography of Peter Kropotkin)

Aus: Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

Mit freundlicher Erlaubnis des Abraham Melzer Verlag´s


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