Peter Kropotkin - An die jungen Leute

Da dieses Büchlein an die Jugend gerichtet ist, so mögen es die Herzens- und Geistes-Alten beiseite legen, ohne sich die Augen zu ermüden; denn sie würden mich doch nicht verstehen.

Ich nehme an, ihr steht im Alter zwischen 18 und 20 Jahren, eure Lehr- und Studienzeit ist vorbei, und ihr seid im Begriffe, ins eigentliche Leben einzutreten. Hoffentlich seid ihr auch frei vom Aberglauben, und geht nicht in die Kirche, um den Pfaffen schwätzen zu hören. Auch halte ich euch für keine Gecken, die sich in den Strassen spreizen. Ich setze überhaupt voraus, dass ihr das Herz auf dem rechten Flecke habt, deshalb will ich mit euch reden.

Eine ernste Frage steht vor euch: „Was soll ich werden?“ Wenn man jung ist, begreift man, dass man nicht mehrere Jahre lang ein Handwerk oder Wissenschaft (wohlgemerkt, auf Unkosten der Gesellschaft) gelernt hat, um alles hintenach für selbstsüchtige Zwecke auszunützen. Was ist also zu tun, damit aus eurem Traume eine Wirklichkeit entstehe?

In was für einer Lage du geboren bist, weiss ich nicht. Vielleicht hast du wissenschaftliche Studien gemacht; du willst entweder Arzt, Advokat oder Gelehrter werden; ein weites Feld öffnet sich vor dir; du trittst in das Leben mit Kenntnissen und Fähigkeiten; oder du bist ein ehrlicher Arbeiter, dessen wissenschaftliche Kenntnisse nicht sehr gross sind, der aber bereits Gelegenheit hatte, sich das anstrengende Leben des heutigen Proletariats anzusehen.

Bleiben wir aber bei der ersten Vermutung, nehmen wir zum Beispiel an, dass du Arzt werden willst.

Morgen wird ein in einen Arbeitskittel gekleideter Mann dich holen; er wird dich in eine von jenen engen Gassen führen, wo die Nachbarinnen beider Häuserreihen sich beinahe die Hände über dem Kopfe der Vorübergehenden reichen können; bei der Beleuchtung der zitternden Flamme eines Oellämpchens steigst du in verpesteter Luft zwei, drei, vier, fünf mit Schmutz bedeckte Stiegen hinan and dort, in einem kalten, leeren Raume, auf einem elenden Bett liegend, findest du eine Kranke, mit schmutzigen Lumpen bedeckt. Magere, fahle Kinder, halb nackt und zitternd, gucken dich mit weit geöffneten Augen an. Der Mann hat sein ganzes Leben lang an irgend einer Arbeit zwölf und dreizehn Stunden gearbeitet und jetzt ist er seit drei Monaten arbeitslos. Arbeitslosigkeit ist in seinem Handwerke nicht selten; jedes Jahr periodisch kommt sie vor. Wenn er früher arbeitslos war, arbeitete die Frau als Tagelöhnerin, 1 bis 2 Mark verdienend; jetzt aber liegt sie seit zwei Monaten darnieder und grässlich zeigt sich das Elend in der Familie.

Was wirst du der Kranken verschreiben, Doktor? Du, der du erraten hast, dass die Krankheit nichts anderes ist, als allgemeine Blutarmut, Mangel an guter Nahrung und gesunder Luft? Ein gutes Beefsteak jeden Tag? Bewegung im Freien? Ein wohlgelüftetes Zimmer? Welch eine Ironie! Wenn die Frau sich solches bieten könnte, sie würde es längst ohne auf deine Ratschläge zu warten, getan haben.

Wenn du ein gutes Herz und einen ehrlichen Blick hast, so wird die Familie dir noch allerlei erzählen. Sie wird dir sagen, dass in der nächsten Stube jene Frau, welche so herzzerreissend hustet, eine arme Büglerin ist; dass eine Treppe tiefer alle Kinder fieberkrank sind; dass die Wäscherin des Parterres sich des Frühlings nicht mehr erfreuen wird, und dass es im Hause nebenan noch schlimmer aussieht. Was wirst du allen diesen Kranken sagen? Gute Nahrung, Klimawechsel, eine weniger schwere Arbeit? Du hättest es sagen mögen, aber — du magst es nicht, und mit zerrissenem Herzen, einen Fluch auf den Lippen, gehst du wieder hinaus. —

Am folge[n]den Morgen bist du über die unglücklichen Bewohner des elenden Hauses noch in Gedanken vertieft; da kommt ein Freund, ebenfalls ein Arzt, der dir erzählt, dass ein Lakai mit einer Kutsche ihn abholte. Es galt, die Bewohnerin eines reichen Hotels zu besuchen, eine durch schlaflose Nächte erschöpfte Dame, welche ihr ganzes Leben Toiletten, Besuchen und den Streitigkeiten mit einem rohen Manne gewidmet hat. Dein Freund hat ihr ein etwas weniger untätiges Leben, weniger erregbare Nahrung, Geistesruhe und Zimmergymnastik angeraten, letztere, um bis zu einem gewissen Grade die wohltätige Wirkung körperlicher, produktiver Arbeit zu ersetzen.

Die eine stirbt, weil sie ihr ganzes Leben hindurch nie genug gegessen, sich nie genügend ausgeruht hat; die andere stirbt ebenfalls, weil sie nie gewusst, was arbeiten heisst.

Wenn du eine von jenen weichlichen Naturen besitzt, welche sich an alles gewöhnen, und welche Angesichts der empörendsten Tatsachen sich durch einen leichten Seufzer und ein Glas Bier trösten, dann allerdings wirst du dich nach und nach an jene Gegensätze gewöhnen, und, indem du das Tier in dir erweckst, wirst du nur den einen Wunsch hegen, dich zu den Glücklichen rechnen zu können, um nicht unter Elenden leben zu müssen.

Wenn du aber ein Mann bist, wenn jedes Gefühl bei dir in einem Willensakt sich zeigt, wenn das Tierische in dir das intelligente Wesen nicht unterdrückt hat, dann wirst du eines Tages nach Hause kommen und ausrufen: „Nein, das ist ungerecht, es soll nicht so fortgehen!“ Es handelt sich nicht darum, Krankheiten zu kurieren, sondern sie zu vermeiden. Etwas Wohlstand und geistige Entwickelung würden genügen, um die Hälfte der Krankheiten aus unseren Listen zu streichen. Zum Teufel mit den Arzneien! Luft, Nahrung, weniger aufreibende Arbeit, damit soll man anfangen, sonst ist die ärztliche Kunst nichts weiter, als Betrug.

Damit wirst du den Sozialismus begriffen haben. Du wirst ihn näher kennen lernen wollen, und wenn die Menschenliebe nicht ein sinnloses Wort für dich ist, so wirst du dich doch zuletzt in unseren Reihen einfinden, und so, wie wir an der Förderung der sozialen Umwälzung arbeiten.

Vielleicht aber wirst du sagen: „Widmen wir uns wie der Astronom, der Physiker und der Chemiker der reinen Wissenschaft.“

Wird es aber der Genuss sein, welchen das Studium der Naturgeheimnisse sowohl, als die Uebung unserer geistigen Fähigkeiten uns verschafft, der dich befriedigt? In diesem Falle frage ich weiter: Worin unterscheidet sich denn der Gelehrte, der die Wissenschaft kultiviert, blos um seine Zeit angenehm zu verleben, von dem Säufer, welcher ebenfalls nur in dem unmittelbaren Genuss das Leben sucht und es im Weine findet.

Gewiss hat der Gelehrte die Quelle seiner Genüsse besser gewählt. Das ist aber auch alles! Beide, Säufer und Gelehrter, haben dasselbe egoistische Ziel, nämlich den persönlichen Genuss.

Aber nein, diesem egoistischen Leben wirst du dich nicht weihen wollen. Indem du für die Wissenschaft arbeitest, willst du gewiss auch für die Menschheit arbeiten, und dieser Gedanke wird dich in der Wahl deiner Arbeit leiten ... Eine schöne Illusion das! Wer von uns hat sie nicht einen Augenblick empfunden, als er an die Wissenschaft herantrat?

Wenn du wirklich an die Menschheit denkst, wenn du sie während deiner Studien wahrhaft im Auge behälst, so wird eine ungeheuere Einwenduug sich vor dir erheben; denn im Falle du ein richtiges Urteil besitzt, so wirst du gleich erkennen, dass in der jetzigen Gesellschaft die Wissenschaft nichts weiter ist, als ein Luxusartikel, welcher einigen dazu dient, sich das Leben angenehm zu machen, für den grössten Teil der Menschheit aber vollständig unzugänglich ist. Allerdings ist es schon mehr als ein Jahrhundert her, seitdem die Wissenschaft gesunde Begriffe über die Weltentstehung festgestellt hat; wie gross ist aber die Zahl derer, welche sich eine wissenschaftliche Kritik angeeignet haben? Kaum einige Tausende, die sich unter Hunderten von Millionen verlieren und welche noch Vorurteile und Aberglauben, der Barbaren würdig, beibehalten und folglich religiösen Betrügern als Spielzeug dienen.

Oder wirf einen Blick auf die Hygiene! Letztere sagt uns, wie wir leben müssen, um die Gesundheit unseres Körpers zu bewahren. Bleibt aber nicht die ungeheuere Arbeit, die man auf diesem Gebiete vollbracht, in unseren Büchern stecken? Und warum? Weil heute die Wissenschaft nur für eine Handvoll priveligierter Menschen gemacht ist; weil die sosiale Ungleichheit, welche die Gesellschaft in zwei Klassen teilt, die der Lohnarbeiter und die unrechtmässigen Besitzer des Kapitals, aus allen Lehren über die Bedingungen des rationellen Lebens nur einen Hohn für neun Zehntel der Menschheit ausmacht.

Es handelt sich jetzt nicht mehr um Wahrheiten und wissenschaftliche Entdeckungen. Es handelt sich vor allem darum, die durch die Wissenschaften erworbenen Wahrheiten zu verbreiten, sie ins Leben treten zu lassen, aus ihnen ein gemeinschaftliches Gut zu machen. Es handelt sich darum, dass die ganze Menschheit fähig wird, diese Wahrheiten sich anzueignen. So verlangt es die Gerechtigkeit. Im Interesse der Wissenschaft selbst muss es so werden, denn die Wissenschaft schreitet vor, wenn eine neue Wahrheit einen schon vorbereiteten Boden dafür findet.

Wenn du aber von solchen Ideen durchdrungen bist, so wirst du einsehen, dass es vor allen Dingen notwendig ist, eine Aenderung in dem allgemeinen Stand der Dinge herbeizuführen; denn die jetzigen Verhältnisse verdammen den Gelehrten, von wissenschaftlichen Wahrheiten vollgepfropft zu sein, während die meisten menschlichen Wesen verurteilt sind, wie vor zehn Jahrhunderten, Sklaven oder Maschinen zu bleiben, unfähig, die festgesetzten Wahrheiten sich anzueignen. Und am Tage, wo du von dieser menschlichen und wissenschaftlichen Idee durchdrungen bist, wirst du den Sinn für blosse Wissenschaft verlieren. Du wirst die Mittel, eine Aenderung möglich zu machen, suchen, und für den Sozialismus gewonnen sein. Da wirst du deine Fähigkeiten und deine Hingebung den Unterdrückten widmen. Und wenn in einer, hoffentlich nahen Zeit, die Umwälzung, für welche du arbeitest, stattfindet, dann wird die Wissenschaft unter der mächtigen Mitwirkung der Arbeiterheere, welche ihre Kräfte zu ihrer Verfügung stellen werden, einen neuen Aufschwung nehmen; die langsamen heutigen Fortschritte werden, damit verglichen, wie Schülerübungen erscheinen.

Geniesse dann die Wissenschaft, dieser Genuss wird für alle sein.

Wenn du deine Rechtsstudien beendet hast und als Advokat auftreten willst, so kann es sein, dass auch du dir Illusionen über deine zukünftige Tätigkeit machst, vorausgesetzt, dass du ein Menschenfreund bist. Vielleicht denkst du: „Einem unaufhörlichen Kampfe gegen alle Ungerechtigkeiten dein Leben zu widmen. Sich fortwährend bemühen, dem Gesetze — Ausdruck der höchsten Gerechtigkeit — den Sieg zu sichern![“] Welcher Beruf könnte schöner sein? Und so, voll Vertrauen in dich, trittst du ins Leben hinein. Nun öffnen wir aufs geradewohl die Gerichts-Chronik, lass uns hören, was sie uns vom Leben erzählt. Hier ist ein reicher Eigentümer; er verlangt die Ausweisung eines Pächters, welcher die Zinsen nicht vollständig zahlte. Das Gesetz duldet keine Zögerung. Da der Pächter nicht zahlt, muss er fort. Und doch liegt die Sache so: Der Eigentümer hat immer seine Zinsen im lustigen Schmausen verzehrt, der Bauer dagegen immer gearbeitet. Der Eigentümer hat nichts getan, um seinen Grund und Boden zu verbessern, und trotzdem hat der Wert desselben in fünfzig Jahren sich verdreifacht, nämlich infolge einer neuen Bahnlinie, neuer Landstrassen, Austrocknung der Sümpfe und Umbrechung des unbebauten Grundes; und der Bauer, welcher selbst zu dieser Erhöhung des Wertes beigetragen, hat sich dabei ruiniert; er hat Schulden und kann den Gutsbesitzer nicht mehr bezahlen. Das Gesetz ist aber für die Eigentümer da und gibt dem Besitzer recht. Du aber, in dessen Innerem die gerichtlichen Erdichtungen das Gefühl der Gerechtigkeit noch nicht getötet haben, was wirst du machen? Wirst du verlangen, dass man den Pächter auf die Landstrasse setzt — so will es das Gesetz — oder wirst du verlangen, dass der Gutsbesitzer dem Pächter den ganzen Teil der Erhöhung des Wertes, welcher seiner Arbeit zukommt, zurückerstattet? — so will es die Gerechtigkeit. — Auf welche Seite willst du dich stellen! Bist du für das Gesetz, aber gegen die Gerechtigkeit oder für die Gerechtigkeit und gegen das Gesetz?

Eines Tages schleicht sich ein Mann um einen Metzger herum, greift nach einem Stück Fleisch und lauft davon. Man hält ihn an und frägt in aus; da erfährt man, dass er arbeitslos ist, dass er, sowohl wie seine Familie, seit vier Tagen nichts gegessen haben. Der Schlächter wird inständig gebeten, den Mann loszulassen, der aber will „Gerechtigkeit“; er verfolgt ihn gerichtlich und der Mann wird zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. — So will es die blinde Themis. — Wirst du beim Anblick solcher Verurteilungen, welche sich jeden Tag erneuern, dich nicht wieder gegen Gesetz und Gesellschaft empören? Oder wirst du die Anwendung des Gesetzes fordern gegen einen Mann, welcher aufwuchs, ohne jemals ein liebendes Wort gehört zu haben, und der am Ende seinen Nachbar tötete, um ihm fünf Mark zu nehmen? Wirst du verlangen, dass man ihn guillotiniert oder, was noch schlimmer ist, dass man ihn zwanzig Jahre ins Gefängnis einsperrt, obwohl du weisst, dass er eher krank, als verbrecherisch ist, und dass jedenfalls sein Verbrechen auf die ganze menschliche Gesellschaft zurückfällt?

Wenn du das Gesetz analysierst und frei machst von den Unwahrheiten, mit welchen man es umgeben hat, um seinen Ursprung zu verbergen, — welcher das Recht des Starkem ist, so wirst du eine tiefe Verachtung gegen das Gesetz empfinden. Du wirst begreifen, dass du kein Diener des Gesetzes bleiben kannst, ohne entweder selber mit demselben täglich in Konflikt zu geraten, oder dein besseres Gewissen zu töten. Du wirst entweder dein Gewissen zum Schweigen bringen und dann ein Schuft werden, oder mit uns an der Aufhebung aller politischen und sozialen Ungerechtigkeit arbeiten.

Dann aber wirst du kein Advokat, sondern ein Revolutionär sein.

Und du, junger Ingenieur, der du das Schicksal der Arbeiter durch Anwendung der Wissenschaft auf die Industrie zu verbessern träumtest, — welche Illusionen, welche Kränkungen warten deiner! Du gibst die jugendliche Kraft deiner Intelligenz zur Errichtung einer Bahn, welche am Rande von Abgründen sich hinziehen soll und zwei durch die Natur getrennte Länder vereinigen wird. Wenn die Arbeit aber einmal begonnen ist, so siehst du im finstern Tunnel ganze Scharen durch Elend und Krankheit dezimierter Arbeiter, andere, welche heimkehren, kaum einige Pfennige und die unzweifelhaften Keime der Schwindsucht forttragend; du siehst menschliche Kadaver — Produkte eines schmutzigen Geizes —, welche jeden Meter deiner Bahn bedecken; und wenn dieselbe endlich fertig ist, so siehst du sie eine Bahn für die Kanonen totbringender Banden werden ...

Du hast deine Jugend einer Entdeckung, welche die Arbeit vereinfachen soll, gewidmet, und nach vieler Mühe, nach vielen schlaflosen Nächten, bist du endlich im Besitz derselben. Du wendest sie an, und das Resultat geht übet Hoffnungen hinaus. Zehn Tausend, zwanzig Tausend Arbeiter werden dadurch auf die Strasse geworfen werden! Die übrigen werden als Maschinen verbraucht! Drei, vier, zehn Fabrikbesitzer bereichern sich und werden Champagner aus vollen Gläsern trinken ... Hast du solches erstrebt?

Endlich studierst du die neuesten Gewerbe-Fortschritte und wirst klar darüber, dass unter dem Systeme des Privateigentums und der Lohnarbeit jede neue Entdeckung, anstatt das Wohlsein des Arbeiters zu heben, seine Sklaverei schwer macht, dass Arbeitslosigkeit und Krisen dauernd sind, und dass nur derjenige davon Vorteil hat, welcher schon zuvor reich war. Was wirst du tun, wenn du einmal zur Einsicht gekommen bist? — Du wirst anfangen dein Gewissen durch Trugschlüsse zum Stillschweigen zu bringen und ins Lager der Unterdrücker übertreten. Falls du aber ein edles Herz im Leibe hast, wirst du sagen: Nein, jetzt ist der Augenblick nicht, Entdeckungen zu machen! Wenn hingegen das Privateigentum abgeschafft ist, dann wird jeder neue Fortschritt zugunsten der Menschheit gemacht werden.“

Was soll ich sagen zu einem Lehrer — nicht zu einem solchen, welcher seinen Beruf als langweiligen Erwerb betrachtet, sondern zu einem, welcher in den kleinen Köpfen der Jugend Menschlichkeit und ideale Gedanken zu erwecken sucht, wie er sie selbst in seiner Jugend hegte?

Oft sehe ich dich traurig, und ich weiss, was dir die Brauen verzieht. Dein geliebtester Schüler, welcher allerdings nicht weit im Latein ist, welcher aber dafür ein sehr gutes Herz besitzt, erzählte früher mit so vieler Lebhaftigkeit Tells Sage! Seine Augen glänzten, und es schien, als wollte er auf der Stelle alle Tyrannen erstechen. Einmal aber ist er zu Hause tüchtig von Vater und Mutter gescholten worden, weil er sich gegen den Pfarrer oder den Feldhüter rücksichtlos benommen. Eine Stunde lang haben sie ihm Unterwerfung vorgepredigt, dermassen, dass er den Schiller beiseite legte, um „Die Kunst, durch die Welt zu kommen“, zu lesen.

Und dann erzählte man dir, dass deine besten Schüler alle Taugenichtse geworden sind; der eine träumt von den Epauletten, der andere zieht den mageren Lohn der Arbeiter, und du denkst jetzt nach über den traurigen Widerspruch, welcher zwischen Leben und Ideal herrscht. Du wirst noch deine Lieblings-Schriftsteller beiseite legen und am Ende sagen: Gewiss war Tell ein ehrlicher Vater, imgrunde genommen aber etwas närrisch; sicher ist die Dichtkunst eine ausgezeichnete Erholung am Herde, besonders wenn man den ganzen Tag die Regeldetrie gelehrt hat, aber eigentlich schweben die Herren Dichter immer in den Wolken und ihre Verse haben nichts mit dem Leben oder dem künftigen Besuch des Herrn Inspektors zu tun . . .

Oder deine Jugendträume werden die feste Ueberzeugung des reifen Mannes werden. Du wirst einen ausgedehnten und menschenfreundlichen Unterricht für alle, innerhalb und ausserhalb der Schule einführen wollen, und da du siehst, dass dieses bei den heutigen Verhältnissen unmöglich ist, so greifst du die Basis selbst, die bürgerliche Gesellschaft an. Dann aber jagt man dich zum Teufel. Du wirst die Schule verlassen, unter uns treten und den älteren, aber weniger gelehrten Männern erzählen, was für Reize das Wissen besitzt, was die Menschheit sein soll, und was sie sein kann. Du wirst mit den Sozialisten an der vollständigen Umwälzung des Bestehenden im Sinne der Gleichheit, der Solidarität und Freiheit arbeiten.

Und du, junger Künstler, Bildhauer, Maler, Dichter, Musiker, bemerkst du nicht, dass das heilige Feuer, welches irgend einen deiner Vorgänger begeistert hatte, dir heute fehlt? Merkst du nicht, dass die Mittelmässigkeit in der Kunst jetzt vorherrschend ist?

Und könnte es anders sein? Eine Freude, die alte Welt wieder gefunden zu haben, oder in den Quellen der Natur sich wieder neu belebt zu haben, wie zur Zeit der Renaissance, existiert nicht mehr für die heutige Kunst. Der revolutionäre Gedanke hat sie bis jetzt kalt gelassen und beim Mangel an sonstigen Gedanken glaubt sie in dem Realismus einen Ersatz gefunden zu haben, wenn sie sich bemüht, den Tautropfen auf einem Pflanzenblatt in Farben zu photographieren, wenn sie die Muskel einer Kuh darstellt oder in Prosa und in Versen den Kot einer Gosse oder das Boudoir einer galanten Frau schildert.

Aber wenn die Sachen so stehen, was ist denn zu tun? Falls das heilige Feuer, welches du zu besitzen behauptest, nichts weiter ist, als ein „rauchiges Oellämpchen“, dann wirst du fortfahren wie bisher, und deine Kunst wird bald Verzierungen für den Salon eines Krämers liefern, oder du schreibst Operntexte oder du wirst Feuilletonliefcrant für Herrn von Girardin — die meisten von euch fahren schon mit offenen Segeln diese steile Bahn herunter.

Wenn dein Herz aber wirklich mit dem der Menschheit zusammenschlägt, wenn du als wahrer Dichter den Sinn hast, das Leben zu verstehen, dann wirst du angesichts eines Schmerzensmeeres, dessen Flut vor dir steigt, angesichts dieser vor Hunger sterbenden Völker, dieser, in den Minen aufgehäuften Kadaver und dieser wunden Körper, welche hügelhoch am Fasse der Barrikaden liegen, dieser Verbanntenzüge, welche in Sibiriens Schnee and am Strande der tropischen Inseln vergraben werden, angesichts des beginnenden höchsten Kampfes, des Schmerzensschreies der Besiegten und des Triumphes der Sieger, des Heroismus, welcher mit der Feigheit kämpft, der edlen Begeisterung, die mit der niedrigen Bosheit ringt, — nicht mehr neutral bleiben können. Du wirst dich auf die Seite der Unterdrückten stellen, weil du weisst, dass das Schöne und Erhabene sich auf seiten derjenigen befindet, welche für die Menschheit, für die Gleichheit kämpfen.

Zum Teufel! sagst du, wenn die abstrakte Wissenschaft ein Luxus und Praxis der Medizin ein falscher Schein ist; wenn das Gesetz eine Ungerechtigkeit und die technische Entdeckung ein Unterdrückunsmittel ist; wenn die Schule, die für die Weisheit des Lebens kämpft, besiegt wird, wenn die Kunst ohne revolutionäre Gedanken nur entarten kann —, was bleibt mir dann zu tun übrig? ...

Eine höchst anziehende Arbeit, eine Arbeit, in welcher die Taten vollkommen dem Bewusstsein entspringen; eine Arbeit, welche geeignet ist, die edelsten und tatkräftigsten Charaktere hinzureissen.

Entweder handelt man sich selbst gegenüber unwahr und sagt: Mag die Menschheit zugrunde gehen, wenn nur ich

geniesse. Oder man wird Sozialist und erstrebt die Umwälzung der Gesellschaft.

Wenn wir einmal diesen Schluss erreicht haben, so stehen wir ganz natürlich vor der Frage: „Was tun?“ Die Antwort ist leicht.

Tritt nur aus deinem Zirkel heraus, wo es Sitte ist, das Volk als einen Bestienhaufen zu betrachten; komme zu diesem Volk und die Antwort wird sich finden.

Du wirst sehen, dass überall, in Frankreich, wie in Deutschland, in Italien, wie in den Vereinigten Staaten, überall, wo Privilegierte und Unterdrückte gibt, eine ungeheuere Tätigkeit vom Volke entfaltet wird, das bestehende Unre[c]ht niederzuwerfen und den Grundstein zu einer Gesellschaft zu legen, welche auf Gerechtigkeit und Gleichheit beruht. Es genügt dem heutigen Volke nicht mehr, seine Klagen in einem herzzerreissenden Liede, wie es der slavische Bauer singt, Ausdruck zu geben; es arbeitet gegen alle Hindernisse an seiner Befreiung.

Seine Gedanken üben sich fortwährend, zu erraten, was zu tun, damit das Leben, anstatt ein Fluch für drei Viertel der Menschheit, ein Glück für Alle sei. Es befasst sich mit den schwersten Fragen der Soziologie und bemüht sich, sie aufzulösen. Es sucht sich zu organisieren. Es schafft sich eine Presse und rüstet in jeder denkbaren Weise zum Kampfe.

Welch eine Reihe fortwährender Anstrengungen! Welch ein unaufhörlicher Kampf! Welch eine Aufopferung, bald um die leeren Stellen zu füllen, welche durch den Abgang — infolge der Ermüdung, der Korruption oder Verfolgung — entstehen, bald um die durch Erschiessungen gelichteten Reihen wieder auszufüllen, bald um die durch sonstige Verfolgungen plötzlich unterbrochene Agitation wieder aufzunehmen!

Die Zeitungen werden durch Männer, welche der Gesellschaft Unterrichtsbrocken stehlen mussten, indem sie Schlaf und Nahrung entbehrten, hergestellt; die Agitation wird durch Pfennige, welche dem allernotwendigsten, oft dem trockenen Brote entzogen werden, unterstützt, und dies alles unter der fortwährenden Befürchtung, die Familie dem schrecklichsten Elende preisgegeben zu sehen, sobald der Meister bemerkt, dass „sein“ Arbeiter, „sein“ Sklave, Sozialismus treibt!

Das alles wirst du wahrnehmen, wenn du unter das Volk gehst.

Wie oft hat sich in diesem endlosen Kampfe unter der Last der Hindernisse der Arbeiter vergeblich gefragt: „Wo sind denn diese jungen Leute, welche wir ernährten und kleideten, während sie studierten? Für welche wir mit leeren Magen und gekrümmten Rücken diese Häuser, diese Akademien, diese Museen bauten? Für welche wir diese schönen Bücher, die wir nicht einmal lesen können, gedruckt haben? Wo sind sie, diese Professoren, welche Humanität zu besitzen behaupten, und denen doch die Menschheit nicht einmal soviel gilt, wie eine seltene Art von Raupen? Wo sind diese Männer, welche über Freiheit sprechen und die unsrige täglich mit Füssen treten, niemals aber verteidigen? Diese Schriftsteller, diese Dichter, diese Maler; wo ist diese ganze Heuchlergesellschaft, welche mit tränenden Augen vom Volke spricht, aber sich nie bei uns eingefunden hat, um uns zu helfen?“

Die Einen befinden sich in ihrer feigen Gleichgültigkeit wohl, die Anderen, welche die grösste Zahl bilden, verachten „die Kanaille“ und sind bereit, wenn das Volk ihre Privilegien anzutasten wagt, sich darauf los zu stürzen.

Wohl kommt von Zeit zu Zeit ein junger Mann, welcher von Barrikaden und Trommeln träumt, und welcher Aufsehen erregende Auftritte sucht, der aber die Sache des Volkes verlässt, sobald er bemerkt, dass der Weg der Barrikaden lang, die Arbeit mühsam ist, und dass die Lorbeerkränze, die er auf dieser Bahn zu erorbern glaubte, mit Stacheln vermischt sind. Meistens sind es ungesättigte Ehrgeizige, die, nachdem sie in ihrem ersten akademischen Versuche unglücklich waren, die Stimmen des Volkes für sich zu gewinnen suchten, welche aber später die ersten sein werden, dagegen zu donnern, sobald es die Grundsätze, welche sie selber gepredigt haben, anwenden will, ja die vielleicht sogar die Kanonen gegen es richten lassen, wenn es sich zu rühren wagt, bevor sie, die „Führer“ das Zeichen gegeben haben.

Füge die dumme Beschimpfung, die eitle Verachtung, die feige Verleumdung seitens der grössten Anzahl der Studierenden und Studierten hinzu, und du wirst alles haben, was das Volk jetzt von der Bürgerjugend als Beihilfe in seiner sozialen Umwälzungsarbeit empfängt.

Wenn du dieses weisst, kannst du da noch fragen: „Was tun?“ Wenn Alles noch zu tun ist! Wenn ein ganzes Heer von jungen Leuten genug Gelegenheit finden würde, die ganze Kraft ihrer Intelligenz, ihrer Talente anzuwenden, um dem Volk in der ungeheuren Aufgabe, welche es unternommen hat, zu helfen!

Wenn ihr von den Grundsätzen des Sozialismus durchdrungen seid, wenn ihr die ganze Grösse der heranwachsenden Umwälzung begriffen habt, so müsst ihr auch einsehen können, dass die ganze Wissenschaft von neuem aufzubauen ist, um sie mit den neuen Grundsätzen in Uebereinstimmung zu bringen.

Bemerkt ihr nicht, dass es sich darum handelt, auf diesem Gebiete eine Revolution zu bewerkstelligen, deren Wichtigkeit diejenige, welche betr. der Wissenschaft im achtzehnten Jahrhundert stattgefunden hat, weit übertreffen muss? Begreift ihr nicht, dass die Geschichte, welche heute eine Fabel ist, die über die Grösse der Könige, der Parlamente usw. berichtet, ganz umzuschmelzen ist? Versteht ihr nicht, dass die Sozialökonomie, welche heute die kapitalistische Ausnützung beschöngt, ganz zu ändern ist? Dass die Antropologie, die Sozioloigie, die Moral vollständig umzuarbeiten sind, und dass selbst die Naturwissenschaften, von einem neuen Gesichtspunkte betrachtet, einer gründlichen Umwälzung unterworfen werden müssen?

Nun, wendet euer Wissen im Dienste einer guten Sache an! Kommt aber hauptsächlich, um uns durch eure Logik, die hundertjährigen Vorurteile bekämpfen zu helfen, und die Grundlagen einer besseren Gesellschafts-Organisation auszuarbeiten! Zeigt uns durch das gute Beispiel, wie man sein Leben für den Sieg der Wahrheit opfert!

Du, Arzt, dessen Erfahrung dir den Sozialismus begreiflich machte, höre nicht auf, heute, jeden Tag, bei jeder Gelegenheit zu wiederholen, dass die Menschheit zur Entartung schreitet, wenn sie in den gegenwärtigen Lebens- und Arbeitszuständen bleibt; dass deine Arzeneien gegen die Krankheiten erfolglos bleiben werden, solange neunundneunzig Hunderstel der Menschheit in Zuständen leben, welche allen wissenschaftlichen Erfahrungen zuwider sind; dass es die Ursachen der Krankheiten sind, welche beseitigt werden sollen, und was dazu erforderlich ist, um diese Ursachen zu vernichten. Zerlege doch diese in Fäulnis geratene Gesellschaft per Seziermesser mit sicherer Hand, und sage uns, was eine rationelle Lebensweise sein sollte und konnte. Erkläre, ob man vor der Beseitigung eines brandigen Gliedes zurückschaudert, wenn dasselbe den ganzen Körper anstecken konnte.

Du, der du für die Anwendung der Wissenschaften auf dem Gebiete der Technik gearbeitet hast, sage uns doch, was das Resultat Deiner Entdeckungen war! Zeige, was die Industrie unter besseren Zuständen sein, was der Mensch erzeugen könnte, wenn er rationell arbeitete. Gib doch dem Volke die Hilfe deines Wissens und deines Organisationstalentes, anstatt sie im Dienste der Ausbeuter zu verschwenden.

Ihr Dichter, Maler, Bildhauer, Musiker, wenn ihr eure wahre Aufgabe und die Interessen der Kunst selbst begriffen habt, kommt und stellt eure Feder, euren Pinsel, euren Grabstichel in die Dienste der Umwälzung. Erzählet uns in eurem erhabenen Stil oder in euren ergreifenden Bilden von den heroischen Kämpfen der Völker gegen ihre Unterdrücker; entflammt die jungen Herzen mit dem revolutionären Hauch, welcher unsere Ahnen begeisterte; sagt dem Weibe, was die Tätigkeit des Mannes Schönes zu sich hat, wenn er sein Leben der grossen Sache der sozialen Befreiung widmet. Zeigt dem Volke, was das heutige Leben hässliches in sich begreift, und lasset es mit dem Finger die Ursachen dieser Hässlichkeit berühren; saget uns, was ein rationelles Leben gewesen wäre, wenn es sich nicht in jedem Augenblick gegen die Albernheiten und die Schmach der sozialen Ordnung aufgelehnt hätte.

Werdet ihr etwas Schöneres im Leben finden können, als den Kampf um die Wahrheit, die Gerechtigkeit und die Gleichheit mitten im Volke?

Und nun zu dir, junger Proletarier! Erinnerst du dich noch, wo du eines Wintertages aus dem Hause gingst, um in der dunklen Gasse zu spielen? Die Kälte biss Dir in die Schultern durch deine dünnen Kleider und der Kot erfüllte deine zerrissenen Schuhe. Wenn du diese reichgekleideten Kinder von Weitem vorübergehen sahst, so wusstest du schon damals, dass sie dir sowohl, als deinen Kameraden, weder an, Intelligenz, noch an Energie gleich waren. Später aber, während du dich in einer schmutzigen Werkstatt von fünf oder sechs Uhr morgens an hast einschliessen müssen, zwölf Stunden lang bei einer lärmenden Maschine stehen musstest, um, selbst Maschine, täglich und jahrelang ihr unbarmherziges Gedröhne anzuhören — so gingen die andern in die Gymnasien, in die schönen Schulen und Universitäten, um den Unterricht zu gemessen. Und diese nämlichen Kinder, weniger klug gelehrter aber als du, werden jetzt deine Meister und werden alle Freuden des Lebens, alle Wohltaten der Zivilisation gemessen, während du —? Was wartet deiner?

Du kehrst in eine finstere und feuchte Wohnung zurück, wo fünf, sechs menschliche Wesen in einem Raume von einigen Quadratmetern sich regen; wo deine Mutter, lebensmüde, mehr durch Sorgen, als durch die Jahre gealtert, als Nahrung etwas Brot, Kartoffeln und eine schwärzliche Flüssigkeit, ironisch Kaffee genannt, dir vorsetzt; wo du, als einzige Zerstreuung, immer dieselbe Frage aufwirfst, wie du morgen den Bäcker und übermorgen den Hausbesitzer bezahlen wirst?

Nun! wirst du denn dasselbe elende Leben, welches deine Eltern dreissig, vierzig Jahre lang geführt haben, auch führen müssen? Das ganze Leben arbeiten, um Einigen alle Genüsse des Wohlstandes, des Wissens, der Kunst zu verschaffen, und für dich selbst die fortwährende Sorge um das Stück Brod zu behalten? Für immer allem, was das Leben so schön macht, zu entsagen, um einer Handvoll Nichtarbeiter alle Vorteile zu verschaffen? Sich bei der Arbeit schwächen, um, wenn die Arbeitslosigkeit kommen wird, Elend zu ernten? Ist es das, was du im Leben begehrst?

Vielleicht wirst du dich fügen. Da du aus der fatalen Situation keinen Answeg siehst, so ist es möglich, dass du dir sagst: „Ganze Generationen haben sich demselben Schicksale unterworfen, und ich, der ich daran nichts ändern kann, muss mich dem auch unterwerfen! Folglich lass uns arbeiten und versuchen zu leben, wie es am besten geht.“

Gut! das Leben selbst wird dich aufklären!

Eines Tages wird die Krise kommen, eine von diesen Krisen, welche nicht mehr vorübergehend sind wie ehemals, sondern eine von jenen, welche ein ganzes Gewerbe vernichten, welche Tausende von Arbeitern dem Elende preisgeben und Familien dezimieren. Wie die andern wirst du gegen dieses Missgeschick kämpfen. Bald aber wirst du bemerken, dass dein Weib, dein Kind, dein Freund nach und nach den Entbehrungen unterliegen, merklich schwächer werden, und endlich, aus Mangel an Nahrung, an Pflege, ans Bett gefesselt bleiben, während das Leben sein fröhliches Treiben in den sonnenbeschienenen Strassen der grossen Stadt an den Sterbenden vorüber rauscht. Dann wirst du begreifen, was diese Gesellschaft Empörendes an sich hat; dann wirst du die ganze Tiefe dieser Ungerechtigkeit, welche Tausende von menschlichen Wesen der Habsucht einer Handvoll Nichtstuer aussetzt, durchschauen; du wirst begreifen, dass die Anarchisten Recht haben, wenn sie sagen, dass die heutige Gesellschaft von Grund aus umgestaltet werden muss.

Eines andern Tages, wenn dein Arbeitgeber durch eine neue Verminderung des Lohnes dir noch etliche Pfennige zu entziehen sucht, um sein Kapital zu vergrössern, wirst du dagegen protestieren; er aber wird dir mit Hochmut antworten: „Geht Gras fressen, wenn ihr für diesen Preis nicht arbeiten wollt!“ Du wirst daun einsehen, dass dein Meister nicht nur als ein Schaf dich zu scheren sucht, sondern auch, dass er dich als ein Glied einer untergeordneten Rasse betrachtet, dass er, nicht zufrieden, dich in seinen Klauen zu halten, sich noch bestrebt, aus dir einen Sklaven in jeder Hinsicht zu machen. Dann wirst du dich entweder unterwerfen, wirst dem Gefühl der menschlichen Würde entsagen und dich allen Demütigungen unterziehen; oder das Blut wird dir zu Kopfe steigen; du wirst den Abgrund, in welchen du gleitest, verabscheuen, wirst dich sträuben und, aus der Werkstatt herausgeworfen, wirst du einsehen, dass die Anarchisten Recht haben, wenn sie sagen: „Empore dich! Empöre dich gegen die ökonomische Sklaverei, denn diese ist die Ursache aller Sklavereien!“ Dann wirst du in den Reihen der Anarchisten Platz nehmen und mit ihnen an der Umwälzung aller ökonomischen, politischen und sozialen Sklaverei arbeiten.

Eines Tages wirst du die Geschichte des jungen Mädchens, dessen treuherzigen Blick, leichten Gang und lebhaftes Wort du einmal so gern hattest, erfahren. Nachdem sie Jahre lang gegen das Elend gekämpft, hatte sie ihr Dorf verlassen, um in die grosse Stadt zu kommen. Sie wusste, dass dort der Kampf ums Dasein hart sein würde, hoffte aber wenigstens, ihr Brod ehrlich verdienen zu können. Du weisst nun, was aus ihr geworden ist. Eines Bourgeois’ Sohn machte ihr den Hof und, durch seine schönen Worte überredet, gab sie sich ihm mit der Leidenschaft der Jugend hin; ein Jahr darauf fand sie sich verlassen mit einem Kinde ruf den Armen. Immer mutig, hat sie nie zu kämpfen aufgehört; bei diesem ungleichen Kampfe gegen Hunger und Kälte unterlag sie aber und starb in irgend einem Spital ...

Was wirst du dann tun? Entweder wirst du jede unangenehme Erinnerung zu beseitigen suchen — durch einige dumme Redensarten wie etwa folgende: „Sie ist weder die Erste, noch die Letzte,“ und eines abends wird man dich in einem Kaffeehaus in Gesellschaft anderer Schafsköpfe das Andenken der jungen Frau durch schmutzige Worte besudeln hören. Oder diese Erinnerung wird dich rühren; du wirst dann versuchen, den feigen Verführer zu treffen, um ihm sein Verbrechen ins Gesicht zu schleudern. Du wirst über die Ursachen dieser Taten, welche sich jeden Tag erneuern, nachdenken, und wirst begreifen, dass sie nicht aufhören werden, so lange die Gesellschaft in zwei Lager geteilt ist: die Elenden auf einer, und auf der andern Seite die Müssiggänger. Du wirst begreifen, dass es die höchste Zeit ist, diesen Abgrund zu füllen, und schnell wirst du in die Reihen der Anarchisten eilen.

Und ihr, Arbeiterfrauen, wird diese Geschichte euch kühl lassen? Werdet ihr nie, indem ihr das blonde Köpfchen dieses Kindes, welches sich an euch anschmiegt, streichelt, über das Schicksal, welches das Kind erwartet, wenn der heutige soziale Zustand nicht anders wird, nachdenken? Wollt ihr, dass eure Söhne gleichfalls vegetieren, wie ihr Vater vegetiert hat, ohne andere Sorge, als diejenige für das tägliche Brot, ohne andere Freuden, als diejenigen der Kneipen? Wollt ihr, dass euer Mann, euer Sohn fortwährend dem Erstbesten, welcher von seinem Vater ein Kapital geerbt hat, preisgegeben seien? Wollt ihr, dass sie immer die Sklaven des Ausbeuters, das Kanonenfutter für Mächtige, der Mist bleiben, welcher die Felder der Reichen düngt?

Nein, tausendmal nein! Ich weiss wohl, dass euer Blut wallt, wenn ihr hört, dass eure Männer, nachdem sie wegen schlechter Behandlung und Bezahlung die Arbeit eingestellt, am Ende die unverschämten Bedingungen des dicken Bourgeois doch wieder angenommen haben. Ich weiss, dass ihr jene spanischen Frauen, welche bei einem Volksaufruhr in den ersten Reihen ihre Körper den Bajonetten der Soldaten boten, bewundert. Ich weiss, dass ihr mit Achtung den Namen jener Frau nennt, welche eine Kugel in die Brust eines Generals jagte, als derselbe eines Tages einen inhaftierten Sozialisten geschimpfte. Und ich weiss auch, dass euer Herz höher schlug, als ihr laset, wie die Pariser Weiber sich unter einem Kugelregen versammelten, um ihre Männer zum Heroismus aufzumuntern.

Nun wohl, ihr jungen Leute, Männer und Frauen, Bauern, Arbeiter, und Angestellte ihr werdet eure Pflichten und Rechte begreifen und zu uns kommen. Ihr werdet mit euren Brüdern für die Umwälzung arbeiten, die Umwälzung, welche jede Sklaverei abschafft, alle Ketten zerbricht, mit den alten Sagen aufräumt und in der menschlichen Gesellschaft die wahre Gleichheit und Freiheit herbeiführen wird; die Arbeit durch Alle und für Alle — vollen Genuss, das rationelle, humane und glückliche Leben!

Man sage uns nicht, dass wir, eine Handvoll Menschen, zu schwach seien, das grosse Ziel, welches wir im Auge haben, zu erreichen.

Zählen wir uns und sehen wir zu, wie viel wir sind, die wir durch Ungerechtigkeit leiden. Bauern, welche für andere arbeiten, und welche den Hafer essen, um das Korn dem Herrn zu lassen, ihr seid Millionen Männer; ihr seid so zahlreich, dass ihr allein schon die Masse des Volkes bildet; Arbeiter, welche Sammet und Seide weben, um sich mit Lumpen zu kleiden, ihr seid nicht minder zahlreich; und wenn das Pfeifen der Fabriken euch nur einen Augenblick der Ruhe gönnt, so überschwemmt ihr die Strassen und Plätze wie ein wogendes Meer.

Wir, die Armen und Elenden, bilden einen Ozean, welcher Alles verschlingen kann, was dem Glücke der Menschheit hinderlich ist. Wenn wir wollen, so können wir Freiheit und Gerechtigkeit einführen.

Quelle: Peter Kropotkin: "An die jungen Leute", VERLAG "Erkenntnis u. Befreiung", Wien, oJ.

Originaltext: http://anarchistischebibliothek.org/library/peter-kropotkin-an-die-jungen-leute


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS