Pierre Ramus - Kritische Beiträge zur Charakteristik von Karl Marx

Der folgende Text gibt einen Einblick, mit welchen Mitteln und mit welcher Heftigkeit die Auseinandersetzungen in der Ersten Internationalen geführt wurden. Bakunins Korrespondenz hatte wohl auch nicht nur Nettigkeiten zu bieten...

Vorwort

Einige Worte, die auf den ursprünglichen Zweck der folgenden Arbeit, auf ihre Entstehung und auf eine mit ihr verknüpfte, nicht gänzlich belanglose oder uninteressante Episode ihr erklärendes Licht werfen, möchte ich der eigentlichen Darstellung des Themas voraussenden.

Ursprünglich sollte mein Aufsatz eine Art Nachwort zur Broschüre von Viktor Dave über “Michael Bakunin und Karl Marx“ bilden, welche die damaligen Herausgeber des Schweizer „Weckrufs“ vor mehreren Monaten publizierten. Der folgende Briefwechsel zwischen mir und der schweizerischen Bundesanwaltschaft lehrt, was diesem Plane störend in den Weg trat. Die Veröffentlichung dieses Briefwechsels geschieht meinerseits blos deshalb, weil ich mich nicht berechtigt fühle, mit einer staatlichen Behörde oder einem Staate selbst — sei es auch nur in absolut persönlicher Angelegenheit — hinter dem Rücken unserer Bewegung eine Art Korrespondenz geführt zu haben, ohne dieser Bewegung Einblick in die betreffenden Briefschaften zu gewähren.

Mein Brief an den Schweizer Staat lautete:

London, 13. Oktober 1905

An den Bundesrat der Schweiz

Meine Herren!

Soeben erhalte ich von meinem Freunde, Herrn Ernst Frick, Zürich, die Mitteilung, dass sämtliche Manuskripte, die sich auf der Redaktion des mehrfach durch Haussuchungen invasionierten und beschlagnahmten „Weckrufs“ befanden, behördlich eingezogen wurden.

Unter diesen Manuskripten befindet sieb eins, welches, wenn ich nicht irre, den Titel trägt: „Zur Charakteristik von Karl Marx“. Von Pierre Ramus. Letzteres ist mein Pseudonym. Die genannte Arbeit trägt einen rein polemischen, theoretischen Charakter und hat mit den aktuellen Tagesfragen nichts gemein; es ist eine Studienarbeit, welche nur historische Bedeutung hat, somit für den staatlichen Bestand und die Staatsstützen der Schweiz gänzlich gefahrlos ist.

Aus diesem Grunde kann ich die Konfiskation resp. willkürliche Einziehung meines Manuskriptes selbst durch die Machtgründe der Schweizer Regierung nicht gerechtfertigt finden noch auch begreifen. Ich bin berechtigt, anzunehmen, dass es nicht bloss blinde Vandalenwut ist, welche die Regierung in ihrem Vorgehen wider den „Weckruf — dessen Prinzipien ich ausdrücklich anerkenne — leitet, sondern dass es gewissermassen auch die Machtbefugnisse des bestehenden Gesetzes sind, die sie in ihren Schritten leiten und zu denselben veranlassen. Dann aber fordere ich, dass dieses Gesetz nicht willkürlich missbraucht und übertreten werde, indem man Manuskripte beschlagnahmt, die, ob ihrer rein wissenschaftlichen Tendenz, selbst in Russland unbeanstandet passieren könnten.

Ich ersuche Sie hiermit, mein Manuskript mir wieder zuzustellen: entweder an die berufenen Vertreter des „Weckruf“ oder direkt an mich dasselbe zu senden.

Mein Wunsch ist durchaus berechtigt. Ich bin nicht geneigt, es ruhig und gutmütig hinzunehmen, dass mir eine wissenschaftliche Arbeit quasi entwendet wird. Und ich bin dessen positiv sicher, dass auch der weitaus grösste Teil der Schweizer Bourgeoisie in Ihrem Vorgehen noch nicht einen Schein von Recht entdecken wird. Sollten Sie nämlich so weit gehen und, alle Ansprüche des internationalen Anstands- und des Billigkeitsgefühls bei Seite setzend, mir das Manuskript nicht ausfolgern, so werde ich mich an die Tagespresse der Schweiz wenden, und ich versichere Sie, mein Appell wird gehört werden.

Dringend um Ausfolgerung meines Privateigentums — meines Manuskriptes — ersuchend, zeichnet erwartungsvoll

Kl. Morleit

Schon nach wenigen Tagen erhielt ich folgende Antwort:

Bern, den 24. Oktober 1905

In Beantwortung Ihrer an den Schweizerischen Bundesrat gerichteten Zuschrift vom 13. ds. Mts., teilen wir Ihnen mit, dass das Manuskript „Eine Nachlese, Beiträge zur Charakteristik von Karl Marx, von Pierre Ramus“ mit anderen Papieren bei dem
mit Bundesratsbeschluss vom 22. September abhin aus der Schweiz ausgewiesenen Johannes Holzmann, alias Senna Hoy etc., zuletzt in Zürich, beschlagnahmt worden ist.

Nachdem Sie sich als dessen Eigentümer zu erkennen gegeben, senden wir Ihnen das Mannskript hiermit zurück mit dem Ersuchen, uns dessen Empfang gefälligst bescheinigen zu wollen.

Der Sekretär der Bundesanwaltschaft

Ich war froh, wieder in den Besitz meines „wissenschaftlichen“ Manuskriptes gelangt zu sein, und bestätigte durch eine Postkarte den tatsächlichen postalen Empfang desselben.

Vielleicht wird es für die Schweizer Bundesanwaltschaft eine Herzenserleichterung sein, zu sehen, dass mein ob seiner Gefährlichkeit konfisziertes Manuskript nicht in der Schweiz, sondern im Bereich derjenigen Gaue erscheint, von denen sie nicht ganz unabhängig und deren Geboten, mit Repressalien gegen ausländische, sich in der Schweiz aufhaltende, Revolutionare, vorzugehen, sie nur zu oft ihr gefälliges Ohr lieh und Folge leistete. Vielleicht wird sie sich nun ruhiger fühlen bei dem Gedanken, dass Deutschland die Verantwortung der Publikationsgewährung meines in der republikanischen Schweiz einmal beschlagnahmten Manuskriptes selber trägt. Dieses zuvorkommende Tun ist mein Dank für die prompte Lieferung des Manuskripts — aber auch meine höhnische Revanche gegenüber dem Lande eines Teil, das mit russischer, heute sollte man richtiger sagen: türkischer Despotenarroganz das freie Wort und den Gedankenausdruck unterdrückt und konfisziert.

I.

„Meine Person ist ... Marx und wer sonst sich noch daran macht, nicht erreichbar, denn sie ist mir nie der Zweck und das Augenmerk gewesen ... . Aber die Lehre, dass Gemeinheit, Niederträchtigkeit und Roheit ... das Wahre und Feine waren — die nehme ich für meinen Teil nicht an, und ich prophezeie den Schurken, die so die Freiheit schänden nichts als einen schnellen Untergang durch ihre eigene Verruchtheit und Verrücktheit.“ (A. Ruge in einem Briefe an seine Mutter, 23. Oktober 1844.)

„Es gab einen Menschen, den Marx geradezu hasste, und das war ... der Russe Bakunin.“ (St. Born: Erinnerungen eines Achtundvierzigers.)

„... Ich warne Dich wohl ... Ich habe die Leute als abgefeimte Intriganten kennen gelernt ... Das Faktum ist, dass sich mit Marx und Engels der ganze Knäuel der mit ihnen korrespondierenden kommunistischen Bourgeoisie gegen mich gewandt hat ...“ (Weitling in einem Briefe vom 16. Mai 1846 an Kriege.)

Briefe und Korrespondenzen haben den grossen, unvergleichlich hohen Wert, dass sie uns nach ihrer Lektüre einen genauen Begriff von den individuellen Charakterzügen einer Persönlichkeit bieten; gewissermassen lernen wir diese oftmals erst als solche kennen.

Als St. Beuve, dieser glänzende kritische Kopf der französischen Literatur, von der Korrespondenz P. J. Proudhons behauptete, dass seine Briefe alle Werke, die er schrieb, überleben würden, sprach er in gewisser Hinsicht die Wahrheit, denn in seinen Briefen äussert sich der Proudhonsche philosophische und kritisch-ökonomische Geist noch bedeutend treffender, jedenfalls mehr kondensiert-fulminant und schlagender, als in vielen vorzüglichen Stellen seiner zahlreichen Werke. Dazu kommt, dass aus einein Brief nicht nur der grosse Denker spricht, sondern fast immer mehr noch der grosse Mensch, wenn der Verfasser wirklich Herzensgrösse, Gemütsreichtum und intimes Fühlen besass und dieses auch sonst mit der Neigung, Briefe zu schreiben, verband.

Für diese letzteren Behauptungen bilden die vorliegenden Briefe von Karl Marx an Dr. L. Kugelmann (Neue Zeit, 1902) mehrfache Beweise; freilich nur in umgekehrtem Verhältnis. Denn in diesen Briefen ist nichts enthalten, was den Charakter von Marx irgendwie in versöhnlicherem Lichte, in reinerem Kolorit erscheinen liesse. Geradezu das Gegenteil tritt zu Tage, denn die der Briefstilistik eigene, ihr innewohnende Eigentümlichkeit, das Wesen des Menschen, ob roh oder edel, zu enthüllen, drängt sich aus diesen Briefen dem Leser mit unerhörter Wucht auf, und darum bilden sie eine notwendige Ergänzung zu dem von unseren Genossen Nettlau und V. Dave insbesondere verarbeiteten Material, welches die vorliegende Broschüre „Michael Bakunin und Karl Marx“, zum Teil lange nicht in voller Ausführlichkeit, enthält.

Dass Marx nicht zu den Briefstilisten der Literatur gezählt werden darf, dies wollen wir ihm gerne verzeihen. Aber etwas anderes ist unverzeihlich: die in diesen Briefen vorwiegende Bosheit, Heimtücke und — es gibt kein anderes Wort — entsetzliche Ehrlosigkeit dem Gegner gegenüber. Das ist das Intime, welches diese Marxbriefe enthalten, von denen das weitaus Gemeinste noch lange nicht veröffentlicht wurde, denn die Redaktion konstatiert, dass sie manches ausmerzte: „Ausserdem haben wir uns erlaubt, einzelne Stellen, meist persönlicher Natur, fortzulassen, von denen wir annehmen, dass Marx ihre Veröffentlichung auf keinen Fall gewünscht hätte ... Hundert Jahre nach seinem Tode, wenn, keine Kinder, keine Freunde, keine Gegner des Mannes mehr leben ... braucht man keine Rücksichten mehr bei der Herausgabe seiner Äusserungen zu nehmen.“

Dies ist perfide. Es drückt mit glatten Worten aus, dass einer wirklichen Demaskierung des Charakters von Marx unter allen Umständen vorgebeugt werden müsse. Hier zeigt sich, so recht deutlich die reaktionäre Gestalt des politischen Parteidogmatismus; ihm muss sogar die Wissenschaft, die möglichste Vervollständigung unseres Wissens über das wahre Wesen einer Person sich unterordnen. Jedenfalls darf man annehmen, dass alle weggelassenen Stellen auf Marx politische Stellung kein sehr günstiges Licht werfen würden, indem ihre Irrtümlichkeit schliesslich bereits Gemeingut geworden.

Um so erfreulicher ist es, dass trotz aller Vertuschung selbst die vorliegenden Briefe schon hinreichen, die bodenlöse Indolenz von Marx für alle nicht blöden Augen schärfstens zu geisseln. Aus der Masse des politischen Wirrsals, hier und da unterbrochen von glänzender Skizzierung der politischen Lage, doch dann wieder überwuchert von jener Skurrilität, welche sich schliesslich bei allem und jedem, das einem nicht passt, handhaben lässt, heben sich klar und deutlich etliche neue Verleumdungen ab, resp. wider Bakunin hervor. Einen passenden Nachtrag zu der Schrift von Victor Dave bilden diese Briefe aber gerade darum, weil sie u. a. geradezu unbezahlbare Streiflichter auf einige jener Personen werfen, die Bakunin stete verleumdeten, deren sich Marx als elende Werkzeuge bediente; weil sie zeigen, wie er insgeheim über diese seine „Freunde“ dachte und mit welch gemeinem Raffinement er sich dann — natürlich hinterrücks — über sie äusserte. Die Charakterisierung von z.B. Borkheim ist unzweifelhaft richtig — aber sie verfehlt auch keineswegs, ihre Reflexstrahlen auf Marx zurückzuwerfen, wie die in den Briefen enthaltenen Verleumdungen, ausgestossen gegen ideal- und edeldenkende Revolutionäre, es ebenfalls tun.

Die Briefe decken die Periode von 1862—1874, ein für uns, wie wir sehen werden, sehr interessanter und wichtiger Zeitabschnitt. Zu ihrem näheren Verständnis diene, dass Dr. Kugelmann, damals in Hannover wohnhaft, im Jahre 1902 starb. Marx war ihm sehr zugetan, schon dafür, dass Dr. Kugelmann einige Male den Versuch machte, die von bourgeoiser Seite wider das „Kapital“ von Marx befolgte Totschweigepolitik — die heute international von der Sozialdemokratie gegenüber dem Anarchismus, da man ihm nicht antworten kann, gebraucht wird — anbrechen.

II.

Wenn man unsere Herren Marxisten über Marx sprechen hört, dann wissen sie nicht genug von dem praktischen politischen Sinn, der prophetischen Voraussicht ihres Meisters zu erzählen. Die Gabe, dem Leben, den Menschen und der Gesellschaft gewisse Entwicklungsgesetze vorzuschreiben, sie zu besitzen, masste Marx sich wohl an. In der Tat jedoch gab es nie einen Menschen, der mehr ein von Büchern befangenes Urteil besass, als Marx. Alle seine dem oberflächlichen Auge oftmals originell erscheinenden Generalisationen sind Vorläufern der Sozialismus entnommen; kam zur Praxis, zur Beurteilung der Menschen und deren Wirken — da sprach aus Marx nur der schablonenhaft denkende Bücherwurm, der jeden, der mit ihm nicht übereinstimmt, böse anfeindet Seine Urteile waren in höherem Masse als es bei anderen zu sein pflegt, der Ausdruck einer Stimmung, einer Hassesanwandlung, die, wenn es das Eigenlob zu nähren galt, leicht in ihr Gegenteil umschlagen konnte.

Wie kleinlich und lächerlich ist z.B. Marx` Hass wider Proudhon, dem er zahlreiche Inspirationen verdankte, den er selbst einmal lobte (Vgl. „Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik.“ 1845. Schon im Winter 1846—47 schrieb er bereits an seiner Gegnschrift!) nachher aber dafür desto gemeiner beleidigte und verleumdete, in-dem er ihm Plagiat vorwarf! Dieser wütende Hass wider Proudhon erstreckte sich nachgerade auch auf die Franzosen, die, besonders soweit sie sich der Internationale angeschlossen hatten, sehr unter dessen Einfluss standen, wie überhaupt der Mutualismus damals seinen Höhepunkt erreicht hatte und gegen den doktrinär-politischen und utopistischen Sozialismus eine in dieser Hinsicht heilsame Reaktion bildete. Es ist sehr interessant die Wut von Marx aus seinen Briefen herauszulesen, sein „geniales“ Urteil über die Franzosen gemessen — und es mit seinem späteren Urteil vergleichen zu können. Unterm 9. Oktober 1866 schreibt er:

„Die Herren Pariser hatten die Köpfe voll mit den leersten Proudhonschen Phrasen ... Sie schwätzen von Wissenschaft und wissen nichts. Sie verschmähen alle revolutionären und aus dem Klassenkampf selbst entspringende Aktion, alle konzentrisch, gesellschaftliche, also auch durch politische Mittel (wie z.B. gesetzliche Abkürzung des Arbeitstages) durchsetzbare Bewegung. — Unter dem Vorwande der Freiheit und des Antigouvernementalismus — diese Herren, die so ruhig seit 16 Jahren den elendesten Despotismus ertragen haben und ertragen — predigen sie in der Tat die ordinäre, bürgerliche Wirtschaft nur proudhonisch idealisiert! Prondhon hat immenses Unheil angerichtet ... In dem „Report“ werde ich ihnen (den Franzosen) “unter der Hand auf die Hände hauen.“

Marx spricht hier von politischer Aktion. Mit schlauer Unterschlagung der Begriffsterminologie setzt er die politische Aktion einerseits als gleichwertig mit jeder gesellschaftlichen Aktion, verfehlt aber gleich darauf nicht, dieselbe wieder als nur synonym mit legislativ-parlamentarischer darzustellen. Um diese Kreuz- und Quersprünge der Logik zu begreifen, muss man wissen, dass er früher der Politik gegenüber eine andere Stellung einnahm, als dies später, zur Zeit obigen Briefes schon, der Fall war. Will man die Stellung von Marx der Politik gegenüber, die er ehedem einnahm, nach Gebühr würdigen können, dann kann man solches am besten tun durch die Lektüre seines Aufsatzes über „Kritische Randglossen zu dem Artikel: Der König von Preussen und die Sozialreform“ im Pariser „Vorwärts“ von 1844, in dem Marx u. a. sagt: „So verdunkelte ihr politischer Verstand ihnen die Wurzeln der geselligen Not, so verfälschte er ihre Einsicht in ihren wirklichen Zweck, so belog ihr politischer Verstand ihren sozialen Instinkt.“

Man ersieht aus dem Vergleiche der obigen zwei Äusserungen über die Politik und ihre Bedeutung eine wie dehnbare Geistesquantität der marxistische Verstand später wurde.

Obiger Brief zeigt auch unverhüllt, von welch autokratischer Gesinnung Marx stets erfüllt war. Er lässt diese noch besser illustriert werden durch einen Brief vom 13. Oktober 18XX in dem Marx sich freut, dass das Londoner Gewerkschaftskartell sich der Internationale als britische Sektion anschliessen wolle, weil: „— weil dadurch die Regierung der Arbeiterklasse in a certain sense hier auf uns übergeht, und wir können die Bewegung sehr „push on“.

Was besonders den obigen Kongress anbetrifft, der vom 3.—9. September 1866 in Genf als erster Kongress der Internationale stattfand, ist Marx wieder im Unrecht. Jeder Kenner der Kongressberatungen wird, ohne auf Einzelheiten eingehen zu wollen, zugeben müssen, dass, mit Ausnahme der Frauen- und Kinderarbeit, die Franzosen in fast jeder anderen Frage, besonders gerade in der Beschränkung der Arbeitszeit, für deren 8-stündige Festsetzung sie ebenfalls waren, der sie aber auch die Forderung eines Minimallohnsatzes hinzufügten, ihre geistig-sozialistische Schulung vorzüglich bewährten. Aber Marx ärgerte es schon, dass der Kongress der Internationale wirklich das Bild einer Debatte und eines Meinungsaustausches zwischen denkenden Arbeitern bot und diese nicht so ohne weiteres alle Vorschläge des Generalrats, also von Marx, hinnahmen. Doch lauschen wir weiter seinem Urteile über die französischen Arbeiter, ein Urteil, wie es sich der Inspirator des Generalrates der Internationale Arbeitern gegenüber in einem Brief vom 5. Dezember 1868 herausnimmt:

„Ich habe Ihnen vor längerer Zeit versprochen, einige Worte über die French branch (franz. Zweigorganisation) zu schreiben. Diese Ragamuffios (Lumpenkerle) bestehen zur Hälfte oder zwei Drittel aus Maqueroaus (Zuhälter) und ähnlichem Gesindel ...“

Um sich einen Begriff davon zu machen, wer das „ähnliche Gesindel“ ist, genügt es anzuführen, dass an anderer Stelle desselben Briefes Felix Pyat — ein Sozialrevolutionär und Kommunard, dem Liebknecht 1876 ein sehr wohlwollendes Vorwort zu dessen Broschüre schrieb — ein „bezahlter Halunke“ ist! Jedenfalls ist es hier notwendig, des Näheren auf die von Marx genannte „französische Branche“ einzugehen. Gerade dies ist ausserordentlich dazu geeignet, auf die Absurdität der Marxistischen Schimpfereien das gebührende Licht zu werfen.

Übrigens gibt es einige Werke, die, obwohl von “Bourgeoisintelligenzen geschrieben, nichts-destoweniger weit wahrhafter darstellen, was die französische Zweigorganisation der Internationale leistete und war, als Marx es jemals versuchte, aufrichtig zu sein. Ich verweise hier auf das 1873 erschienene Werk von Wilhelm Lexis, Professor der Politischen Ökonomie zu Halle, das den Titel führt: „Gewerkvereine und Unternehmerverbände in Frankreich“. Was man wohl gesagt und geschrieben hätte, wenn dieser Bourgeois sich mit derselben Frechheit gegen Arbeiter gewandt hätte, mit der Marx es tat?

Dazu kommt, dass die Internationale praktisch das Kind der französischen Arbeiter war. In Pariser Werkstätten war es ein geflügeltes Sprichwort, die Internationale ein in diesen Werkstätten geborenes Kind zu nennen, das man zur Taufe und Amme nach London sandte. Auch ist es nicht wahr, wenn Marx von der Tatenlosigkeit und Feigheit der Branche spricht, wie es ja eine Tatsache ist, dass am 22. Mai 1868 der vortreffliche Buchbinder Varlin seine grossartige Rede vor dem Zuchtpolizeigericht in Paris gegen die Anklage hielt, dass die Internationale in Frankreich ungesetzlich sei. Nach zweimaliger Auflösung bestand sie geheim weiter, und es waren nur die Herren Tolain, Heligon, Fribourg, die mit ihrem massvollen Mutualismus direkt dem Bonapartismus in die Hände arbeiteten, die aber als bald vollständig in den Hintergrund gedrängt, an die Wand gedrückt und unschädlich gemacht wurden; an ihre Stelle traten Sozialisten, Anarchisten oder entschiedene Republikaner, die dem Sozialismus sympathisch gegenüberstanden.

Diese letzteren bilden nun die „Branche française“, gegen welche Marx so wütend wettert, wie oben zu ersehen. Weshalb wohl? Die Branche bestand aus Männern wie Pindy, Chalain, Lefort, Le Lubez, Talandier, kurz, das fortschrittliche Element der damaligen französischen Arbeiterbewegung versammelte sich in ihr. Warum widerstrebte Marx ihm so sehr? Weil er sich auf das obige Tolainsche und überdies total konservative und philiströse Element stützte und bei diesem Schutze vor dem rebellischen, wenn auch theoretisch ihm nicht zustimmenden Element suchte. Daher sein Hass, sein Wüten.

Leider ist es unmöglich, alle Einzelheiten dieses in der deutschen Arbeiterbewegung leider so gut wie unbekannten Stückes Leben und Schicksal der französischen Bruderbewegung an dieser Stelle und im Rahmen der vorliegenden Arbeit eingehend zu behandeln. Andeutungen und Fingerzeige für Studienbeflissene und wahrheitsliebende Arbeiter müssen genügen. (Vergl. auch den ausgezeichneten und für das Studium der Internationale hochwichtigen Artikel von M. Nettlau: Zur Vorgeschichte der Internationale. Dokumente des Sozialismus. 1905).

Wie sehr Marx sich in seinen Verleumdungen gegen die französischen Arbeiter und die französischen Internationalen selber verstrickte, das zeigt am besten der folgende Brief vom 12. April 1871 und seine von obigem Urteil gründlich abweichende Beurteilung des französischen Proletariats:

„... Wie dem auch sei, die jetzige Erhebung von Paris — wenn auch unterliegend vor den Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden der alten Gesellschaft — ist die glorreichste Tat unserer Partei seit der Juniinsurrektion. Man vergleiche mit diesen Himmelsstürmern von Paris die Himmelssklaven des deutschgemässigten heiligen römischen Reiches mit seinen posthumen Maskeraden, duftend nach Kaserne, Kirche, Krautjunkertum und vor allem Philistertum.“

Wir unterschreiben diese Charakteristik des deutschen Reiches mit Vergnügen; aber wie passt das Wort mit den „Himmelsstürmern“ auf “...diese Herren, die so ruhig,“ u.s.w.? In den obigen Briefen erst gemeine Beschimpfungen, in dem soeben zitierten eine Idealisierung der französischen Kämpfer die freilich possierlich klingt, wenn man weiss, dass Marx ursprünglich die Kommune nicht wünschte, sondern sich mit der Republik begnügen wollte. Noch im September 1870 hatte der Londoner Generalrat eine soziale Revolution des französischen Proletariats als „verzweifelte Narrheit“ erklärt.

Wie falsch Marx — im Gegensatz zu Bakunin: „Briefe eines Franzosen“ etc. — überhaupt das Kräfteverhältnis der kämpfenden Mächte auffasste, mag ein weiterer Brief (13. Dez. 1870) illustrieren:

„ ... Auch das angedrohte Bombardement von Paris ist ein blosser Trick. Auf die Stadt Paris kann es nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung durchaus keinen ernsthaften Effekt machen. Werden ein paar Vorwerke niedergeschossen, Brosche gemacht — was nützt das in einem Fall, wo die Zahl der Belagerten grösser ist als die Zahl der Belagerer?“

Diese Spekulation auf die Majorität ist köstlich naiv. Es ist das beste, wenn man sich aller Kommentare enthält und bloss betont, dass Bakunin schon im September 1870 darauf hinwies, dass Frankreich sich vor seinen inneren und äusseren Feinden nur durch den Sozialrevolutionären Sozialismus retten könne! Die Bestätigung seiner Worte lieferte die blutige Maiwoche der Kommunetragödie.

III.

Am 12. Oktober 1868 schrieb M. an K.: „... Es ist eine Ironie des Schicksals, dass die Russen, die ich seit 25 Jahren unausgesetzt und nicht nur in deutsch, sondern französisch und englisch bekämpft habe, immer meine Gönner waren.“

Es ist eine Wahrheit, die fast wie Ironie klingt, aber richtig ist: zu milde, zu rücksichtsvoll haben die Russen diesen greisen Verleumder behandelt, der einige der Edelsten von ihnen unausgesetzt mit Kot bewarf. Dore nennt im Text seines Werkeheus das Blatt “The Free Press“, das von dem ekelhaften D. Urquhart (Dieses von Marx, Liebknecht u. a. unzählige Male lobpreisend gerühmte Subjekt, das tatsächlich aber niemals etwas anderes war, als ein von diplomatischen Reptiliengeldern fettgemästeter Bourgeois, schwang sich in einer kleinen Schrift zur Verteidigung des Unfehlbarkeitsprinzipes des Papsttums auf) gegründet wurde. Etwas anderes aber gitbt er nicht an, von dem ich mich durch Augenschein überzeugte. Der wirkliche Titel des Blattes — ausdrücklich auf der Titelseite angeführt, “Free Press“ ist eigentlich nur der Untertitel — lautet nämlich: „The Diplomatic Review“ und herausgegeben wurde die Zeitschrift wöchentlich von dem „Diplomatischen Korps des Äusseren“. Auf den ersten Blick erscheint dies nebensächlich, aber es ist hochwichtig. Wer die anonymen Verleumdungen von Marx und Urquhart gegen Bakunin vollständig kennt, weiss, dass diese den letzteren als unentwegten Hetzer und Revolutionsmacher schilderten. In keinem Blatte aber waren solche heimtückischen Charakteristiken für Bakunin gefährlicher und direkt darauf berechnet und zum wenigsten dazu geeignet, die Aufmerksamkeit der Regierungen auf ihn zu lenken, als in der „Fr. Pr.“

Wie diese Männer, die an Charakter Buben waren, vorgingen, begreift man besser ausfolgendem: Im August 1853 erschienen zwei Artikel in der „Fr. Pr.“, in niederträchtiger Weise Bakunin verleumdend; Marx hatte sie geschrieben. Dereine betitelte sich: „Michael Bakunins victims“ (Opfer) und gab die Namensliste aller im Dresdener Aufstande der Reaktion in die Hände gefallenen Reaktionäre; sie nannte Marx die Opfer von Bakunin! Am 5. März 1862 erschien abermals ein infamer Angriff, worin u. a. Schurkereien behauptet wird, dass die russische Regierung — er sei überhaupt niemals in ernsthafter Gefangenschaft gewesen! — Bakunin nach Europa gesandt habe, um die Polen aufzuhetzen, was natürlich im Interesse von Russland wäre. Schon am 12. März schrieben Herzen und Ogarjow eine Protest-Antwort und bedauerten, den Artikel erst am 11. zu Gesicht bekommen zu haben. Statt diesen Protest sofort zu bringen, liessen die Intriganten sich damit Zeit bis zum 7. Mai, worauf sie auch gleichzeitig einen noch weit niederträchtigeren Angriff brachten: Marx und Urquhart beschuldigten nun auch Herzen und Ogarjow der russischen Spionage etc. etc. Unter anderem wird behauptet, dass jeder, der vom Auslande aus revolutionär wirke, ein Schurke sei!

Derselbe Marx, der Bakunin persönlich versicherte, dass er weder direkt noch indirekt jemals mit den gegen ihn ausgestossenen Verleumdungen zu tun hatte, schreibt an Dr. K. in dem bekannten konfidentiellen Zirkular (Über die Rechtmässigkeit und Berechtigung dieses “Konfidentiellen Zirkulars“, von dem bis jetzt mehrfach bestritten werden konnte, dass Marx sein eigentlicher Verfasser gewesen sei, genügt es, einen, den Anarchisten gegenüber grimmigen Hasser sprechen zu lassen und dann zu erwägen, wie und ob er die Versendung dieses Zirkulars durch Marx zu rechtfertigen vermag. Liebknecht äusserte sich in seinem Leipziger Hochverratsprozess (J. Auflage, S. 229) folgendermassen:

„Wenn das Wort „unterirdisch“ demnach gleichbegedeutend mit „geheim“ sein sollte ... so - hätte sich der Generalrat einer Verletzung der Statuten der Internationale, die nach derselben nur öffentlich zu handeln hat, zu Schulden kommen lassen. Ich kann übrigens nicht glauben, dass die konfidentielle Mitteilung von Marx herrührt. Marx ist Sekretär für Deutschland, aber nicht für die Schweiz.“

An das Braunschweiger Komite am 28. März 1870 folgende, nur als einzelne unter zahlreichen, herausgegriffene Verleumdung: „Bald darauf starb Herzen, B... . stiess sofort nach dessen Tod in die Lobesposaune. Warum? Herzen, trotz seines persönlichen Reichtums, liess sich jährlich 25000 Fr. für Propaganda von der ihm befreundeten pseudo-sozialistischen panslavischen Partei in Russland zahlen. Durch sein Lobesgeschrei hat Bakunin diese Gelder auf sich gelenkt und damit die “Erbschaft Herzens“ — malgré sa haine de l'heritage — pekuniär und moralisch eine beneficio inventarii angetreten.“

Vor diesem Chimborasso höchster Infamie entsinkt fast die Feder, unfähig zur Kritik. Verachtendes Schweigen unter Wissenden ist auch die einzige Strafe, die Marx gebührt; doch diese Zeilen werden in die Hände von Männern fallen, die der Aufklärung über Marx' Gemeinheiten bedürfen, und ihr sei nach Kräften beigesteuert.

Wer Herzens Werk „Über die Entwicklung der revolutionären Idee in Russland“ kennt, weiss wie schmählich es von Marx ist, H. wegen seiner wohlwollend betrachtenden Stellung zu den Slawophilen zu einem slavischen Chauvinisten stempeln zu wollen. Was er bei ihnen als rühmlich hervorhebt, das war jenes Moment, welches auf jeden Sozialisten, der echt revolutionär empfindet, eine ungemein grosse Anziehung ausüben muss: es war der freiheitliche Zug, der damals unter den Slawophilen die Oberhand hatte, die sog. Volkstümelei, wie dies später genannt wurde. Zu all diesem gesellte sich noch die Tatsache, dass die westeuropäische Demokratie seit den schmählichen Niederlagen der fünfziger Jahre keinen rechten Aufschwung mehr nehmen wollte.

Es ist unmöglich, den ganzen Artikel zu zitieren, doch der folgende Paragraph genügt, um zu beweisen, auf welche Weise B. des verstorbenen Herzens dachte. In seinem Nekrolog schrieb B. in der Pariser “Marseillaise“ (2. und 3. März 1870): „Herzen, Ogarelf und ich, wir hatten stets nur das einzige Ziel: die Zerstörung der himmlischen und irdischen Lüge, die Abschaffung jeder göttlichen und menschlichen Autorität, die Auflösung der Kirche, der doktrinären Schule, des patriarchalischen, juridischen und politischen Hechtes des Staates, des Verschwinden der Staaten, und auf ihren Ruinen den endgültigen Triumph der Humanität durch die Wissenschaft, die Arbeit und Freiheit aller in der ökonomischen und sozialen Gleichheit aller!“

Soweit Bakunin. Der Leser kann selbst beurteilen, ob man für eine solche Sprache 25.000 Frs. empfängt. B. erhielt sie in der Tat ebenso wenig wie Herzen. In dieser Hinsicht war B. im Nachteil gegenüber Marx, der in seinen Briefen an Dr. K. fortwährend über seine schlechte Lage klagt und dabei redselig versichert (Brief vom 17. März 1868) dass er jährlich an 400—500 Pfund Sterling (8.000 bis 10.000 Mk) ausgeben müsse.

IV.

Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich werde Dir sagen, was Du bist“ — die hausbackene Wahrheit dieses Sprichwortes trifft gerade auf Marx sehr zu. Einer seiner besten Freunde und eines seiner willfährigsten Werkzeuge und Kreaturen war der verächtliche Kriegslieferant, Weinhändler und sonstige Spekulant S. L. Borkheim. Nebenbei war er auch strammer Marxist; seine einzige Grösse war ein phänomenaler Russenhass und darin begegneten sich seine und M. Absichten, der wieder wechselseitig Urquhart benützte und von diesem benützt wurde.

Dieser Borkheim war einer von der sogenannten Schwefelbande“ (1851—52) und er war es, der den „Rummeltipuff, Organ der Lausbubokratie“, gründete. Der letzteren Gilde ist er sein Leben lang treu geblieben. Keiner hat edle Männer mehr verleumdet, als gerade Borkheim; keiner — im Auftrage von Marx — bereitwilliger die schmutzige Arbeit der Verleumdung besorgt. Seine Artikel im demokratischen Wochenblatt (1868), in der Berliner „Zukunft“ 1869 bis 1870 („Russlands politische Flüchtlinge in Westeuropa“; “Russische Briefe“. — Vgl. auch: „Parteien und Politik des modernen Russland“. Aus dem Englischen von B., Zürich 1872) wimmeln von gemeinen Lügen, Verdrehungen.

Obwohl er insgeheim Serno-Solowiewitsch sehr misstraute (Neue Zeit 1888, Brief vom 21. Juni 1869) übersetzte er dennoch dessen gegen Herzen gerichtete Broschüre. In dieser Weise trieb es das Subjekt noch vielfach, wie wir sehen werden. 1888 erschien in der sozialdemokratischen Bibliothek (Hottingen-Zürich) eine Broschüre von ihm („Zur Erinnerung für die deutschen Mordspatrioten“) zu welcher Friedrich Engels einen dem inzwischen (1885) verstorbenen Verfasser sehr warm lobenden Nekrolog als Einleitung schrieb. Die Broschüre ist absolut wertlos, sie enthält eine in keiner Weise gewichtete Auswahl von Dokumenten etc., denen jeder ordnende Zusammenhang fehlt; dennoch lobte sie Engels, wie er überhaupt Borkheims Waffentätigkeit wider unsere russischen Genossen — Herzen, Bakunin, Ogareff, Netchajeff u.s.w. — sehr lobt, wenn er sie auch einzeln nicht erwähnt. Wer sollte so nicht glauben, dass Borkheim ein höchst begabter Mann war, dessen Worte wenigstens im Ehrenrate seiner Kollegen gelten? Aber die Marx-Briefe an Dr. K. erhalten ihren Hauptwert gerade dadurch, dass sie beweisen, wie Marx über sein Werkzeug dachte, wie er es gebrauchte, verachtete — und auch fürchtete.

Aus diesen Briefen, die klar ergeben, mit weichein Ratfinement z.B. das geschichtliche Urteil über Borkheims Persönlichkeit gefälscht hat, geht hervor, welche Bedeutung man den Worten Borkheims im eigenen Kreise beimass. Am 11. Oktober 1867 schrieb Marx an Dr. K.:

“Zunächst ... etwas Vorläufiges oder ein vorläufiges Etwas. Ich fürchte, dass Bork. malgré lui auf dem Punkte steht, mir einen sehr üblen Streich zu spielen. Er lässt seine „Rede zu Genf“ in 4 Sprachen drucken ... Unter uns — und im Parteiinteresse — muss ich ihnen reinen Wein einschenken. Borkheim ist ein tüchtiger Mann und sogar homme d'esprit. Aber wenn er die Feder zur Hand nimmt — wehe! Aller Takt und Geschmack fehlt ihm. Zudem alle erforderliche Bildung. Er gleicht den Wilden, die sich das Gesicht zu verschöneren glaubten, wenn sie es mit allen möglichen schreienden Farben tätowieren. Banalität und Kladderadatsch springen ihm immer zwischen die Beine. Fast jede Phrase setzt sich bei ihm die Schellenkappe auf. Wäre er nicht so grundeitel, so hätte ich die Publikation verhindern können.

Andrerseits bin ich ihm zu Dank verpflichtet wegen seines Auftretens in der Vogtaffäre und ist er mein persönlicher Freund. Es sind in seiner Rede nur einige Phrasen, worin er mir ungehörige Phrasen verklauderndatscht. Nun wird es für meine Feinde ... ein sehr schönes Spiel sein, statt mein Buch (Kapital) anzugreifen, mich für den Herrn Borkheim seine Narrheiten und Persönlichkeiten verantwortlich zu machen. Sollte etwas derart geschehen, so müssen Sie durch Warnebold etc. in die Zeitungen, die Ihnen zu Verfügung stehen, kleinere Artikelchen einrücken, worin Sie diese Taktik aufdecken und ohne den Borkheim zu beleidigen, doch geradezu heraussagen, wie nur schlechte Absicht oder äusserste Unkritik so Disparates identifizieren können ... Wäre Borkheim nicht mein persönlicher Freund, so wurde ich ihn öffentlich desavouieren. Sie begreifen meine fausse position (schiefe Stellung) und zugleich meinen Ärger.“

Es handelt sich hier um die Broschüre: „Meine Rede vor dem Genfer Kongress“ (Zürich) die aus einer nur etwa zur Hälfte auf dem Kongress der Freiheits- und Friedensliga gehaltenen Rede besteht und deren Hauptinhalt das wüsteste Geschimpfe gegen das russische Volk bildet. Abgesehen von der Kritik, die Marx an Borkheim übt, ist in dem obigen Briefe auch die Art und Weise, wie. Marx einen Widersacher angreift, bezeichnend; durch eingenickte Artikelchen — wie niedlich — soll Dr. K. gegen Borkheim vorgehen. Man begreift nun, wie Marx gegen Bakunin ankämpfte, welcher Mittel er sich zu bedienen nie verschmähte! Doch einerseits wollte Marx seinen „persönlichen Freund“ hinterrücks treffen, andererseits fürchtete er ihn und hatte bereits erkannt, dass dieser ein sehr brauchbarer aller Schändlichkeiten fähiger Mann sei. So muss man seinen Brief und den nachfolgenden (15. Okt 1867) auffassen, in dem er schreibt:

„Sie müssen nicht an Borkheim schreiben. Ausserdem wäre es umsonst, da das Werk bereits ... bei Schabolitz erschienen ist. Ein solcher Brief Ihrerseits hätte überhaupt keinen Effekt haben können, ausser den, Borkheim mir zu verfeinden ... . In der Tat: Ich bin bestraft, womit ich gesündigt habe. Nämlich die Idee des Skandals, den unser Freund unter den respektablen Philistern zu Genf anrichten würde, amüsierte mich auf den ersten Augenblick. Allerdings sah ich die buchhändlerischen Früchte nicht voraus. Ausserdem hätte ich bedenken sollen, dass Borkheim bei der Ausarbeitung seines Planes die weisen Schranken, worauf ihn mein Brief verwies, naturgemäss verletzen würde. Die einzige jetzt zu befolgende Politik ist die: schweigen, solange unsere Feinde nicht sprechen; sobald sie sprechen und mich verantwortlich machen wollen, schlechte Witze darüber machen... Zudem müsste Bock ... wohlwollend behandelt werden, denn seine literarische Eitelkeit abgerechnet, ist er ein tüchtiger wohlmeinender Mann und als homme d' action gut, so oft ihn nicht der Schalk in den Nacken schlägt.“

Eine grenzenlose Gemeinheit birgt dieser Brief. Er besagt deutlich, dass Marx der Veranlasser, der direkte Urheber der Borkheim-Eseleien war; sobald er jedoch dafür angegriffen würde, müsse Borkheim exponiert werden, dabei so, dass dieser niemals wisse, dass es Marx war, der solches veranlasste. Eine herrliche Politik, wahrlich, sie bietet der persönlichen Ehrenhaftigkeit ein weites Feld.

Schon am 17. März 1868 hatte sich der „tüchtige und wohlmeinende Mann“ — „wehe, wenn er die Feder in die Hand nimmt!“ — vollauf bewährt, denn Marx schreibt freudestrahlend: „Borkheim hat einen Artikel gegen Herzen und Kompanie geschrieben.“ Wie sehr er trotz allem die literarische Qualifikation seines Proteges zu würdigen weiss, beweist er durch einen Brief an Joh. Ph. Becker — auch einer von den doppelten Ehrenmännern — (Neue Zeit 1888, vide Ruegg), der ihn über Bakunin ausfrug und den er nebst anderen faustdicken Infamien wider letzteren auf die „Russischen Briefe“ von Borkheim als reichliche Informationsquelle (!) verweist. Derselbe M. tut dies, der wohl wissen musste, dass Borkheim nur Verläumdungen schreiben konnte, nur schrieb, wenn er diese verüben durfte.

Zur näheren Charakteristik des letzteren diene noch die ziemlich unbekannte Tatsache, dass, während Pfenniger, der Chef des Schweizer Justiz- und Polizeidepartements, im Gegensätze zu der von Professor G. Vogt u. a. entfalteten Agitation im Interesse des von dem Polen Ad. Stempkowski verratenen und seine Auslieferung an Russland gewärtigenden Netchajeff behauptete, dass N. ein gemeiner Verbrecher, kein politischer sei und ausgeliefert werden solle, er in Bork einen verständnisvollen Bundesgenossen fand; dieser war auch der Meinung, dass N. als gemeiner Verbrecher an Russland ausgeliefert werden solle und trat eifrig dafür ein.

Man schreibt an den Dr. am 17. Febr. 1870: „Ich hatte einen grossen Strauss mit dem Intriganten Bakunin.“ Niemals hatte Marx sich selbst besser bezeichnet, als in diesem Falle und die obigen Briefe, die von Bork handeln, zeigen mit unvergleichlicher Deutlichkeit, mit welch niederen, gemeinen Intriganten es Bakunin in seinem Kampf wider Marx zu tun hatte.

V.

London, 20. Juli 1872.

„Lieber Kugelmann! Auf dem internationalen Kongress (Haag, Eröffnung 2. September) handelt es sich um Leben und Tod der Internationale, und bevor ich austrete, will ich sie wenigstens vor den auflösenden Elementen schützen. Deutschland muss also soviel Repräsentanten haben, als wie möglich. Da du doch noch kommst, schreibe an Hepner dass ich ihn bitte, dir ein Mandat als Delegierter zu besorgen. Dein Karl Marx.“

Dieser Brief ist unbezahlbar. Leider ist es unmöglich, darauf einzugehen, wie der Haager Kongress in seinen Details beschaffen war: doch die Behauptung, die schon hunderte Male von anarchistischer Seite bewiesen wurde, dass es eine künstliche Majorität war, welche die historische Schmach des Kongresses unter der Anleitung von Marx beging, Bakunin und Guillaume auszuschliessen, wird nun durch Marx selbst bewiesen, der alle seine Freunde in liebevollster Weise, mit einem Mandat von Deutschland — wo selbst die Internationale fast gar nicht bestand, im günstigsten Falle nur formell, — versorgte.

Mit diesem Brief macht die Korrespondenz einen Sprung bis Januar 1874, worauf nach einem weiteren unbedeutenden Briefe die Redaktion schließend sagt: „Dies der letzte der Briefe, die von allgemeinem Interesse sind. Die weiteren behandeln nur noch persönliche, vornehmlich Familienangelegenheiten.“

So bin auch ich zu Ende.

Diese Briefe zeigen M. als das, was er immer gewesen: ein Hasser und Bekämpfer des Strahlenden, von dem er verdunkelt zu werden befürchtete.

Er hasste K. Grün. Weshalb? Weil dieser ein Buch geschrieben hatte (184X) über die soziale Bewegung in Frankreich und Belgien. Im Jahre 1846 teilt Engels im „Deutschen Bürgerbuch“ von Püttmann mit, dass er, Marx und Hess, die Absicht hegten, Werke über den ausländischen Sozialismus zu schreiben, aber durch das Grünsche Buch keinen Verleger finden konnten. Es war also schmutziger Konkurrenzneid, der Marx Grün hassen liess. Er hasste Grün wegen dessen Grösse und Priorität in sozialphilosophischen Fragen; er hasste Bakunin, weil dieser ihn an Kampfesmut und Radikalismus, an echtem Wissen und unermüdlicher Tatenfreude turmhoch überragte. Keinen unabhängigen Geist in der sozialen Bewegung seiner Zeit gibt es, den Marx nicht direkt oder indirekt bekämpfte. Wahrlich, es würde sich nicht verlohnen, den Charakterspuren dieses Intriganten und verachtungswürdigen Verleumders zu folgen, wenn es sich nicht darum handelte, das Leben von demjenigen in seiner tatsächlichen Schönheit zu zeigen, den Marx mit systematischer Niedertracht beständig verfolgte und der uns gerade deshalb lieb und teuer ist: Michael Bakunin!

Verlag „Anarchist“ (Otto Weidt), Berlin. 1906

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