Pierre Ramus - Leo Tolstoi als Anarchist

So wollen und müssen wir seiner gedenken an diesem, seinem Jubeltage des achtzigsten Geburtstagsfestes. Obwohl, wir müssen es rasch hinzufügen, es einem ziemlich schwer gemacht wird, wenn man bedenkt, wie viel armseliges Klein- und Zwerg-volk, wie viele gemein-journalistische Federreißerei, wie viele gierige, parteischmutzige Hände sich an dieser hellodernden Flamme einer erhabenen Geistesanschauung wärmten. In diesen Tagen wird es einem wahrlich verleidet, an Tolstoi anders als im Gefühl des Bedauerns zu denken, darüber, daß dieser große Mensch gewissermaßen zum Opfertier für alle die Wanzeriche der Tagespresse und der interessierten Meinungsverfälschungen der Parteien gemacht wird; es wird einem verleidet, überhaupt an ihn zu denken, wenn man es fühlt, daß man gezwungen ist, in einen Chor von Ehrungen zu stimmen, mit dem wir nichts gemein haben wollen, weil wir seine Urheber verabscheuen und verachten. Denn wir, die wir heute unserem Tolstoi unsere Ehrungen darbringen, haben mit jenem Chor gar nichts zu tun, unsere Ehrgefühle entstammen ganz anderem Herzen und Geiste — und wie ein Trost mutet es uns an, wenn wir bedenken, daß unsere Feier dieses Tolstoischen Geburtstages ganz außerhalb des Rahmens der übrigen Feiern gelegen ist, ja selbst verboten wurde; wir aber wollen ihn nur so feiern, wie es dem ganzen Klüngel- und Kliquentum nicht genehm, wie es aber dem Manne selbst mit dem großen Menschheitsherzen wohlig berühren mag durch diese unsere Ausnahme: — wir feiern Leo Tolstoi heute nur als Anarchist.

Allerdings ist er auch ein herrlicher, ein genialer Künstler, und wir wissen das Unrecht, das er sich zufügt, wenn er seine großartige Künstlerarbeit als Produkt der Eitelkeit ausgiebt, wohl zu würdigen, können ihm darin niemals zustimmen. Aber in dieser Verhöhnung seines Genius liegt ebenfalls schon sein Wunsch, wie aufgefaßt zu werden. Große Dichter gab es zu allen Zeiten; große Denker und Menschen nicht immer. Und Tolstoi, der ein Russe ist in jenem schönsten Sinn, den uns ein Fr. Meyer (von Waldeck) in seinen Schilderungen so überaus gewinnend und wahrheitsgetreu zugeführt hat, Tolstoi weiß als Russe, daß es nicht sein Volk ist, das in Rußland seine Kunstwerke liest und ästhetisch genießt. Rußlands Analphabetentum, der Muschik, der den Namen Tolstoi kennt, der Angehörige einer städtischen Artel (Arbeiter-Genossenschaft), der nicht lesen kann, liebt Tolstoi, verehrt den Menschen nicht wegen des herrlichen Romans »Anna Karenina«, nicht wegen der »Kreutzersonate«, »Auferstehung« und »Krieg und Frieden« oder gar wegen seiner frühesten, kristallklaren, ruhige Ideale darbietenden Novellen. Dies alles ist für uns geschrieben, die wir gewöhnt sind, die Menschen aus Büchern auferstehen zu lassen; ist für die Bourgeoisie und jenen Teil der Gesellschaft geschrieben, dem es in vielem geglückt ist, seine Lebenshaltung mit jener der Bourgeoisie annähernd konform zu gestalten. Tolstoi weiß dies ganz genau und ist viel zu streng gegen sich selbst, um dies nicht zu bekennen.

Der Tolstoi, der wirklich dem Volke bekannt, von diesem geehrt und geliebt wird, also vom Volk der Arbeit, der Erde und Maschine, das ist der Tolstoi, dessen Propaganda- und Aufklärungsworte in lausenden von kaum leserlichen hektographischen Abzügen von edelmütigen Vorkämpfern aus oftmals den höchsten Gesellschaftsschichten ins russische Volk hineingetragen, dort ihm vorgelesen und unter dem Volke wieder weiter kolportiert werden. Und so wie diese Vorkämpfer, um ihrer großen, heiligen Lebensmission willen, die sie über kurz oder lang ins Gefängnis oder in den Tod führt, sich aller Freude des Lebens entledigen, ihren eleganten, weltmännischen Anzug gegen die Volkstracht, das feine Damenkleid gegen den Bäuerinnenkittel umtauschen müssen, somit das, was dem Leben des Volkes eine zukünftige Auferstehung bereiten soll, über ihr eigenes Leben stellen, so liebt Tolstoi diese seine unkünstlerische, aber sozial und geistig aufrüttelnde Propagandawirksamkeit mehr als alle seine Kunstwerke zusammen. Seine gesellschaftskritischen, seine staats- und kirchenfeindlichen, einfachen Wahrheitsgedanken, die er im Volke verbreitet sieht und die ihn bis heute wirklich und einzig mit dem Volke intim zu verbinden ver- mögen, sie gehen ihm mit einem gewissen Recht über alles andere und weitere. Be- greift man nun, woher Tolstois herbes Urteil über seine eigene und die künstlerische Produktivität anderer weltbewegender Genialnaturen stammt?

Aus seinem Herzensverständnis, aus seiner Geistestiefe, die sich über das eine große Faktum nicht hinwegtäuschen können, daß alle heutige Kunst eine Afterkunst ist, die nicht nach dem künstlerischen Gefühl des Volkes fragen kann, da sie nach Angebot und Nachfrage arbeitet und die dort, wo sie sich nicht beugt vor den unverrückbaren ökonomischen Gesetzen des heutigen Gesellschaftsunwesens die tiefste Tragik alles künstlerischen Seins erfährt: vom Volke nicht verstanden werden zu können , da diesem Volke von den Herrschaftselementen des Bestehenden der Geistesausblick in das Lichtreich hoher Gedanken und der Schönheit brutal verwehrt ist durch seine soziale Versklavung.

Wenden wir uns zu Tolstois Anarchismus. Es ist ein gewaltiger Schritt nach vorwärts, den wir ihn machen sehen, diesen ehemaligen Kaukasusoffizier, der anläßlich der pfäffischen Einsegnung der Waffen zur Zeit des russisch-türkischen Krieges, der gleichzeitigen Einsegnung auf beiden Seiten und der Herabflehung des himmlischen Gottessegens zum Heile der Mordzwecke des einen wider den anderen Potentaten — der anläßlich dieser erbärmlichen Lügenkomödie unserer offiziellen Zeit sehend ward. Von da an kannte Tolstoi kein Bleiben mehr beim Militär. Er nahm seinen Abschied und der bisher flott verschwendende Lebemann und Graf hielt Einkehr mit sich selbst, warf sich mit rätselhafter Energie auf das Studium der altgriechischen und hebräischen Sprachen, nur um in den wahren Geist der Bibelevangelien eindringen und die schwindelhaften Kirchenübersetzungen, mit ihren unzähligen theologischen Variationen entwirren zu können. Was Tolstoi auf diesem, für einen Russen vollständig begreiflichen Drangeswege fand, war etwas Großes: er fand, ähnlich wie Buddha, in der Entsagung sich selbst und entdeckte auch ein Vorbild, das ihm bisher als Gottessohn vorgestellt geworden: er entdeckte den herrlichen Menschen Rabbi Jeschua, den die Römer Jesus nannten und erst Paulus zu einem Jesus Christus stempelte. Er sah das Geistesbild eines Menschen vor sich, der im edlen Streben nach Abschüttelung des römischen Joches unendlich viel gelitten haben soll, der uns heute eine vorbildliche Idealgestalt sein könnte, wenn nicht über fünfzehn Jahrhunderte pfäffischer Verdummungstheologie und pfäffischen Betruges uns aus dieser Menschengestalt eine göttliche Figur gemacht hätten, damit dieselbe jeder menschlich höheren Bedeutung beraubend.

Denn was ist das Leid, das Jesus ertragen haben soll, für einen Gott, wenn derselbe existiert? Kein Leid. Nur als Mensch kann uns Jesus groß, verehrungswürdig erscheinen, niemals als Gott, und es gehört zur Ironie der Weltgeschichte, daß die fanatischesten Anhänger dieses Mannes ihn, im verblendeten Ringen um seine Göttlichkeit, gerade sein Größtes, sein Allmenschliches entreißen wollten und wohl auch entrissen haben. Diese Persönlichkeit lehrte Tolstoi ein einziges Gesetz: Die Liebe zum Nebenmenschen.

Und vor der grandiosen Wucht dieses Gesetzes tritt für uns, wie auch für Tolstoi, wieder die ganze große Lichtgestalt des Rabbi Jeschua in den Hintergrund. Um so mehr, als wir mit dem großen Russen es wissen, daß dieses »goldene Gesetz des Lebens« nicht von Jeschua zuerst erdacht ward, daß wir es in allen und weit älteren Religionen als das Christentum vorfinden, daß die Stoiker, besonders Seneca, es uns weit umfassender lehrten. Doch dies ist schließlich Nebensache, und Prophet bleibt dennoch nurderjenige, dem es gelang, die Heilslehre bleibend und dauernd zu machen. Darin ist die Gestalt des Rabbi allerdings ehern und unerschütterlich durch fast zwei Jahrtausende, ist seine Bergpredigt der Inhalt der Bibel, neben dem all die anderen, so auffallend widerspruchsvollen Evangelien ebenso hinfällig werden, wie alle die Bücher Mosis. Aber diese Bergpredigt genügt, denn sie kann eben nur in einem Sinne ihre Auslegung finden, im Sinne des humanistischen Idealismus, und selbst die Gewaltsstützen aller Vergangenheit und Gegenwart haben es nicht anders getan.

Es war somit nichts als eine geistige Konsequenz, wenn Tolstoi, der tiefinnerlich nur an die Regenerationsfähigkeit des Volkes glaubt, seinen Anarchismus an den religiösen Vorstellungen des russischen Volkes weiterbaute. Und mit großem Recht; denn die Entwicklung Rußlands hat es mit sich gebracht, daß der Geist des naturwissenschaftlichen Materialismus, der zur reinen Auffassung des Universums geleitet, nur in den höheren Schichten der Gesellschaft Einzug halten konnte. Das Volk selbst ist religiös, aber glücklicherweise nicht kirchlich-religiös. Das beweisen die hunderte von religiösen Sekten, die in Rußland bestehen und sich wie ein riesiges Netz miteinander vereinigen, wenn es den Widerstand gegen die griechisch-katholische Kirche gilt. Und alle diese Sekten wenden sich gegen die Kirche, weil sie die wesentlichsten Bestandteile des Urchristentums in sich aufgenommen haben und hochschätzen, sind gegen die Kirche, weil sie in ihr den Geist der Herrschaft, Autorität und Unterdrückung, den Geist des Eigennutzes und des gleisnerischen Reichtums erblicken, ihrerseits den Brudersinn der religiösen Gemeinsamkeit, des Kommunismus und das Gefühl des intimen, persönlichen In-Beziehungtretens mit »Gott«, also für sie des Guten, ein Gefühl, das alle Priester und Kirchen ausschaltet, hegen und pflegen.

Mit dieser Grundlage des Geisteslebens seines Volkes hatte Tolstoi zu rechnen, und darauf mußte er bauen, wollte er jemals Eingang finden in dessen Seele und Sehnsucht. Mögen diese notgedrungenen knappen Erklärungen uns einen klareren Begriff von der durch- aus notwendigen Art des Tolstoischen Anarchismus bringen. Im Kerne seines Wesens unterscheidet sich dieser Anarchismus als einziges Strebensideal der Menschheit gar nicht von jenem anderer Vorkämpfer dieses größten Menschengedankens der Freiheit. Tolstoi ist für die Abschaffung des Staates, er ist Gegner jeder Gesetzgebung durch Menschen über Menschen, ist Gegner des Monopoleigentums an Grund und Boden, wie überhaupt jedes Monopols im produktiven Gesellschaftsleben. Er vertritt den durchaus richtigen Standpunkt, daß unsere heutige Fabrikstechnik, unsere städtische Hyperkultur, unsere ganzen nationalökonomischen Berechnungen zu Gunsten des Profitfaktors und zu gräßlichstem Ungunsten des Menschen nichts sind als Eigennutzinteressen, die zu weichen haben gegenüber dem einfachen, natürlichen Leben des Bauern, der physischen Arbeit, die uns in intime Berührung treten läßt mit Mutter Erde, der wirklich produktiven Arbeit für die eigenen Bedürfnisse, statt der unproduktiven heutigen, für die Gelüste und Luxusbedürfnisse des Reichtums. Tolstoi haßt und verachtet die Vertreter des modernen Gesellschaftslebens, aber sein Haß ist freilich nicht der wildlodernde des alten Revolutionärs vom Typus etwa eines Karl Heinzen, sondern der Unwille über den Schaden, den unentwickelte Kinder an anderen, wehrlosen Kindern anrichten, das Leid, das sie ihnen zufügen.

Denn Tolstois Anarchismus geht immer an Hand des Zauber wortes Liebe , ist immer eine neue Bergpredigt. Sein Anarchismus besitzt aber auch etwas ungemein Konstruktives, wie wir sofort sehen werden. Leo Tolstoi ist Religion nicht ein bildlich wahrnehmbarer Gottesbegriff, auch nicht die Verehrung irgend einer Jesugestalt, eines Bibelwortes, einer Reliquie. Alles dies sind ihre Äußerlichkeiten, die die Kirche geschäftlich ausbreitet. Für Tolstoi ist Religion: ein wahres Leben im Dienste des Wohles deines Nebenmenschen, im Dienste der Erfüllung einer höheren Pflicht, sich und sein ganzes einzusetzen für die Verwirklichung des Guten. Was ihm dieses ist, weiß man, wenn man das Ideal des Anarchismus kennt; es ist auch das seine, und nur in einem Sinne wird er von vielen nicht anerkannt und verkannt; im Sinne einer rein taktischen Auffassung des Werdeprozesses der neuen Gesellschaft und des neuen Lebens und des neuen Menschen.

Ich habe aus Raummangel keine Gelegenheit, mich hier über Tolstois ethisch-sexuelle Anschauungen zu äußern; es ist im Bereiche dieser Skizze überflüssig, in bezug auf seine diesbezüglich anders gearteten Ansichten von den unseren, die geformt wurden und sich mehr oder minder im Einklang finden mit jenen eines Ibsen oder Meredith oder Morris und Carpenter, Worte zu verlieren. Was aber nicht überflüssig sein kann, ist die Frage, ob wir, die wir, mit Tolstoi, kommunistische Anarchisten in der heute theoretisch geläuterten Auffassung dieses Namens sind, ob wir, die wir aber auch Anhänger der sozialen Revolution, als der befreienden Humanitätsaktion der nach Freiheit ringenden und für sie geistig gereiften Massen sind — ob wir auch unter letzterem Gesichtswinkel berechtigt sind, ihn zu feiern, ihn anzuerkennen? Ist doch Tolstoi bekannt als einer, der angeblich das Nichtwiderstreben, das Böse zu ertragen lehrt und der mit seinem Hohn »auch die Freiheitsbestrebungen trifft«, wie ein gewisser Wortmacher in der »Arbeiter-Zeitung« recht unsauber-unwahr orakelt.

Ob wir ihn ehren sollen? Kameraden, leset Krapotkins Buch über »Ideale und Wirklichkeiten der russischen Literatur«, und ihr werdet nicht mehr fragen. Ebenso wie Tolstois Christentum, das doch nichts mit dem bestehenden zu tun hat, ist Tolstois Taktik falsch aufgefaßt und beurteilt worden. Es klingt wie ein Hohn, wenn Leute, die ihn ganz wie die Repräsentanten des Bestehenden fürchten, wenn z. B. die Sozialdemokraten, diese notorischen Nichtstuer für das Volk, die von dessen instinktivem Klargefühl, daß ihm ein Unrecht durch das bestehende System geschieht und daß ein neues organisiert werden muß, recht flott und angenehm leben, wenn solche Leute es einem Tolstoi vorzuwerfen wagen, er predige das Nichtstun gegenüber dem Feind des Staates und der Unterdrückung!

Seien wir aufrichtig: es gibt keine konservativere Kraft in der Gegenwart, die mehr das Volk zur vollständigen Lethargie «entwickelt» hat, mehr zur Passivität niedergezwungen hat, als die Sozialdemokratie. Tolstoi aber lehrt nie und nirgends Tatenlosigkeit, wie diese Herren es den Anschein geben möchten. Der Mann, der Soldaten und Bauern, an ihr Menschtum appellierend, zum aktiven Widerstand aufruft; der wohl das Komödienspiel der Duma und den mordenden Schwindel geißelte, den die russische Bourgeoisie mit dem Volke aus politischem Eigennutz während der Jahre 1905 bis 1907 getrieben; den Bauern in Georgia aber, die ihre Herren nach der Stadt gefahren und dann gemeinschaftlich sich Grund und Boden in freier Bestellung aneigneten, eine Glückwunschdepesche sandte — dieser Mann ein Prediger der Tatenlosigkeit? Welcher Unsinn!

Was Tolstoi wirklich lehrt, das ist: die Vermeidung des gewaltsamen Widerstandes durch die unmittelbare Verwirklichung des Ideals. Tolstoi ist gegen die blutige Gewalt und erklärt als seine Waffe den passiven Widerstand. Das ist der Widerstand, der darin besteht, daß, nach seiner Lehre, Hunderte und Tausende von Soldaten den Dienst, die Millionen von Muschiks alle Steuern an den Staat, ihre Arbeitskraft an die Gutsbesitzer verweigern, ihre Arbeit für sich verwerten sollen. Tolstoi vertritt den Grundsatz: Lebe das neue Leben der Gemeinschaft, gehorche nicht mehr den Staatsmännern, füge dich nicht mehr der Herrschaft der Kirche, achte nicht mehr das Unrecht des Bodenwuchers und seines Monopols durch den Grundbesitzer - kurz, lasse dich nicht mehr von Herrschern und Ausbeutern gebrauchen, weil dies stets nur Mißbrauch mit dir ist.

Man wird ehrlicherweise zugeben, daß dies ein machtvoller Kampfesruf ist, der das Ziel immer als erstes und einziges vor Augen hat und jeden Kompromiß verschmäht. Und wer vermöchte es zu leugnen, daß Tolstoi vollkommen Recht hat, wenn er sich gegen die bisherige Form der russischen Revolution kehrte? Für einen jeden Anarchisten ist das Problem so: das russische Proletariat opferte sich bisher für die Interessen der nach politischer Karriere gierenden Bourgeoisie und wurde von dieser ihren Streber- und Machtinteressen geopfert, dann fallen gelassen. Wie anders wäre der Kampf ausgefallen, wenn statt den einigen hunderttausend Stadtproletariern nur ein bis zwei Millionen Bauern aus den übrigen neunzig Millionen Dienst und Gehorsam und Abgabe gegenüber dem Staate und, dem Gutsherrn einfach verweigert hätten, indem sie sich des Landes durch den Anbau für sich selbst bemächtigt hätten?! Zwei Millionen Menschen kann man nicht in die Gefängnisse werfen, unmöglich töten. An dem passiven Widerstande in dieser Form wäre das russische Zarentum und ökonomische Aussaugertum bankerott geworden, unweigerlich zu Grunde gegangen und säße heute nicht im Sattel oder mit parlamentarisch-ministeriellen Mitschmausern an reich bedeckter Tafel.

Weshalb wir dennoch nicht allein an den passiven Widerstand im Sinne der endgültigen Befreiung glauben? Aus zwei Gründen: Erstens, weil Tolstoi selbst nicht an ihn als ein endgültiges Befreiungsmittel glaubt, zweitens, und dies ist das wichtigste Moment, weil wir daran verzweifeln, daß es in unserer heutigen Welt je möglich sein wird, viele Millionen zu einheitlichem, idealen Kampfe — und Millionen Menschen sind zum passiven Widerstand im Tolstoi-Sinn nötig! — empor zu läutern. Die kapitalistische Welt ist mit ihren drückenden Verelendungstendenzen übermächtig. Der befreiende Endkampf des Volkes wird wohl nur hunderttausende Idealisten, wirklich durchdrungener Freiheitskämpfer im Todeskampfe mit den bestehenden Verhältnissen finden — niemals aber so viele, daß durch ihre bloße Passivität die Herrscher und Ausbeuteran und für sich ohnmächtig und überwunden wären.

Doch dies sind taktische Probleme und Fragen, die am entschiedensten die Zukunft lösen wird. Vielleicht trifft jener den richtigen Durchschnitt, der es mit einer Synthese des passiven Widerstandes eines Tolstois und der sozialen Revolution eines Krapotkin — zwei Idealgestalten der Menschheit — gedanklich versucht. Und die Zeitereignisse, wie sie machtvoll nach Auslösung und Erlösung drängen, scheinen die Annahme zu bestätigen, daß die soziale Revolution der Zukunft wohl eine glückliche Vereinigung von passivem und gewaltsamen Widerstand sein wird; hauptsächlich aber doch der erstere, der letztere meistens nur dorten, wo das sich etwa abermals reckende Alte der Reaktion das kaum errichtete Neue der sozialen Freiheit der Anarchie und ihres ökonomischen Grundgebietes, die Gleichheit, wird zu erschüttern versuchen.

Immerhin erzeugen beide taktischen Propagandaformen, jene des passiven und aktiven Widerstandes, zwei Kämpfertypen, von denen man keinen vermissen möchte, wenn man sie beide gekannt und beobachtet hat. Wir fühlen uns vollkommen frei von allen Übertreibungen des Tolstoischen Gedankenganges, doch dies wissen wir, daß ohne die tiefinnerst und mächtig die Menschen erfassende Überzeugungsreligion eines Tolstoi diejenige Regeneration und geistige Wiedergeburt der Menschen nicht stattfinden kann, deren gerade die Kämpen der sozialen Revolution im Krapotkinschen Sinne bedürfen, um stählerne Ausdauer und unerschütterlichen Kampfesmut- und Glauben zu haben. Innenrevolutionen im Menschen sind unerläßlich für den Anarchismus, um Wirklichkeit und Vollendung zu werden.

Leo Tolstoi selbst ist uns einer der größten und edelsten Vorkämpfer des zukünftigen Menschheitsglückes. Er, der Anarchist und Bauernkommunist, der für das Reich des Ideals in ihm die Zukunft seines Lebensganges als Adelssprosse und Machthaber dahin gegeben, freudig dahingab für das edel Menschliche, dessen endlichen Sieg er fühlt und vorbereitet, er gehört unserer Idee, unserem großartigen Weltanschauungsbilde der Herrschaftslosigkeit an — diese Idee, die den Achtzigjährigen noch stählt im Kampf gegen die heutige Welt der Tücke, dieser erhabene Gedanke, der alles echt Lebende durchdringt und dadurch immerwährend neues und reicheres Leben zeugt.

Aus: "Wohlstand für Alle", 1. Jahrgang, Nr. 18, 19 (Beilage "Ohne Herrschaft") (1908). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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