Pierre Ramus - Anarchismus, Syndikalismus und Antimilitarismus in Österreich

Schon seit jeher ist die österreichische sozialistische Bewegung den Wegspuren der reichsdeutschen gefolgt. Das will besagen, daß nach einer kurzen, flüchtigen Periode der radikalen sozialdemokratischen Bewegung in den 80er Jahren diese — nicht zuletzt unter dem Einfluß reichsdeutscher Persönlichkeiten, wie Kautsky und anderer — in das Fahrwasser der gemäßigten sozialdemokratischen Richtung des Marxismus übergegangen ist. Angesichts der äußerst dürftigen und bescheidenen historischen Entwicklungstendenzen sozialistischer Art, die es in Österreich überhaupt gegeben hat, und angesichts der abschreckenden Einwirkung, die die verschiedenen Attentate und Gewaltbetätigungen der radikalen Bewegung seinerzeit ausgeübt hatten, war es nur selbstverständlich, daß die Arbeiterbewegung in das Becken der Sozialdemokratie und deren zentralistischer Gewerkschaftsbewegung einmündete.

Der Anarchismus, auch diejenigen, die sich irrtümlich diesen Namen beilegten, wie auch wirklich wertvolle Ansätze desselben, verschwanden mit der Zeit, bis 1907 in Wien der "Wohlstand für Alle" gegründet wurde. Allein, obwohl es eine große Genugtuung für die damals kleine Bewegung des kommunistischen Anarchismus und des revolutionären Syndikalismus, letzterer organisiert unter dem Titel "Allgemeine Gewerkschaftsföderation Österreichs", bedeutete, daß die Bewegung sich und ihr eigenes Organ mit einer Zirkulation von etwa 1500—2000 Exemplaren zu erhalten vermochte (in dem damals territorial großen Österreich-Ungarn), so war es ihr dennoch unmöglich, die Macht der Sozialdemokratie zu beeinträchtigen, die unumschränkt das österreichische Proletariat führte und insbesondere durch das 1905 gewährte allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht nun rapid zu einer großen parlamentarischen Korrumpierungspartei des Sozialismus ward.

Von allen Verheißungen und Versprechungen, die die Sozialdemokratie zu jener Zeit dem Proletariat machte, hat sich nichts realisiert, sondern das Endergebnis war der ganz der reichsdeutschen Schwesterbewegung ähnliche Verrat des Proletariats an die Dynastie, für die Kriegszwecke derselben, im Jahre 1914. Vielleicht muß man den Verrat der österreichischen Sozialdemokratie noch als schmachvoller werten, denn den der deutschen Sozialdemokratie, weil erstere durch die absolutistische und despotische Vertagung des Parlaments die Möglichkeit gehabt hätte, von vornherein sich gegen den Krieg als eine bewußte Verfälschung des Volkswillens zu kehren.

Jedoch die österreichische Bewegung handelte so, wie es im Laufe des Juli 1914 ihr damaliger Führer Dr. Viktor Adler im "Internationalen sozialistischen Büro" zu Brüssel - laut Angabe seines Sohnes Friedrich vor Gericht - erklärt hatte: Die österreichische Sozialdemokratie würde gegen die Durchführung der Mobilisierung und die einmal vollzogene Proklamation eines Krieges nichts tun! Es ist dies historisch umso belangvoller, als schon im Jahre 1909, anläßlich seines Aufenthaltes in Zürich, der Schreiber dieser Zeilen im Laute eines antimilitaristischen Vortrages dort selbst vorausgesagt hatte, daß die österreichische Sozialdemokratie im Ernstfalle so handeln würde. Damals bestritt Friedrich Adler, der in dieser Versammlung anwesend war, die Möglichkeit eines solchen Standpunktes seiner Partei. Die Erfahrung hat gelehrt, wer recht behalten hat.

Unter der Oberherrschaft der Sozialdemokratie und des Marxismus in der österreichischen Arbeiterbewegung konnte es natürlich auch nur in kleinen Gruppierungen eine unabhängige, selbständige, revolutionärssozialistische Bewegung des Syndikalismus in Österreich vor dem Kriege geben. Diese Bewegung ging sozusagen völlig auf in der des kommunistischen Anarchismus, von der man behaupten darf, daß sie vor dem Kriege durchaus identisch mit dem gesamten revolutionären Syndikalismus war, den es hier gab. Die Propaganda und Agitation war eine vornehmlich gewerkschaftlich revolutionierende, die den Syndikalismus insbesondere als Organisation des Generalstreiks, sowohl für die Gegenwartsinteressen des Proletariats, wie als einen Faktor der Kriegsdienstverweigerung auf wirtschaftlich-produktivem Gebiet gegenüber einer Kriegsenventualität vertrat. Welche Folgen die Bekämpfung dieser Bewegung seitens der Sozialdemokratie für das österreichische Proletariat gehabt hat, weiß heute jeder objektiv urteilende Mensch. Die Geschichte selbst hat ihr Urteil über die Sozialdemokratie Österreichs gefällt, und das Proletariat hat dafür furchtbar büßen müssen, daß es durch den Marxismus behindert ward, den Anarchismus und revolutionären Syndikalismus intellektuell und praktisch zu erfassen.

Leider hat auch die Kriegserfahrung in ihrer ganzen entsetzlichen Gräßlichkeit das österreichische Proletariat noch keineswegs belehrt, die Sozialdemokratie zu durchschauen und gedanklich zu überwinden. Ganz besonders sind es zwei Faktoren, die dabei mitgewirkt haben, daß die österreichischen Arbeiter auch gegenwärtig noch unendlich weit entfernt sind, eine des Namens einer revolutionären Arbeiterbewegung würdige Aktionskörperschaft der sozialen Befreiung zu sein.

In schlauer Anpassung an die Gedankenlosigkeit und Trägheit der durchschnittliehen menschlichen Natur unterließ die Sozialdemokratie es stets, die große Idee des Sozialismus in auch nur nennenswertem Maße im Proletariat zu propagieren; nicht einmal vom sozialdemokratischen Standpunkt aus wurde dies getan. Die Masse wurde immer mit den kleinlichsten und selbsttäuschendsten Augenblicksund Tagesinteressen abgespeist, wodurch ihr Geistesleben unentwickelt blieb und nicht heranwuchs zu den Aufgaben des Sozialismus und der sozialen Revolution. Die Gewerkschaften bestanden und bestehen zum Zwecke der Beilegung ökonomischer Konflikte zwischen Kapital und Arbeit, keineswegs um jene zu einem revolutionären Austrag gelangen zu lassen. Alles übrige wird verseucht vom Pariamentarismus und der Wahlpolitik der Sozialdemokratie, keinen Raum übrig lassend für irgendeine andere Tätigkeit. Selbst wo diese scheinbar andere, wirtschaftliche Wege schreitet, wie zum Beispiel jüngst in der Gründung einer sogenannten Arbeiterbank, so vermeine man nur nicht, daß es sich dabei um eine posthume Verwirklichung proudhonistischer Bestrebungen handelt. In der Tat ist die Arbeiterbank diesen wohl entlehnt und, wie auch in vielen anderen Fällen, so auch in diesem, rückt die österreichische Sozialdemokratie von einer praktischen Anwendung des Marxismus ab, doch nur, um eine proudhonistische Idee mißbräuchlich, das heißt, vollkommen verbürgerlicht in Anwendung zu bringen.

Ein weiterer Faktor, der die Bewegung des österreichischen Proletariats weit zurückgeworfen hat, ist der Bolschewismus, respektive der Pseudokommunismus. Als die Massen der erbitterten, hungernden und verzweifelten Soldaten aus den Schützengräben zurückströmten und im Gefolge der durch einen dynastischen Kabinettsirrtum selbst herbeigeführten Auflösung des alten österreichischen Staatliehen Nationalitätenverbandes der gesamte Zusammenbruch der gewesenen Monarchie erfolgte, da hungerten und dürsteten diese Massen nicht nur nach leiblichem Brot, sondern auch nach geistiger Nahrung und Neuorientierung. Unzweifelhaft wollten sie damals etwas tun im Sinne wahrer Befreiung. Hilfesuchend blickten sie zu ihren Führern empor und besaßen zugleich nicht nur die materielle, sondern auch die militärische Macht in ihren Händen, denn diese waren bewaffnet.

Allein diese Führer boten den Massen keinen Sozialismus dar keinen Gedanken, wie diesen konkret zu verwirklichen. Es erfolgte keine Expropriation des massenhaft brachliegenden Grundes und Bodens, es erfolgte keine Besitznahme der in ungeheurer Fülle vorhandenen und vielfach unbenutzt dastehenden Produktionsmittel, es erfolgte keine Neugruppierung der zu vielen Zehntausenden ratlos dastehenden Arbeitslosen und eine Verwirklichung sozialistisch-kommunistischer Ideen mittels dieser. Statt dessen erfolgte ein schändlicher Volksbetrug; eine Reihe von scheinreformativen Gesetzen wurde erlassen, offenkundig zur Betörung und Lahmlegung der wirtschaftlichen Kräfte des Proletariats und zugleich entspann sich ein Kampf zwischen den sozialdemokratischen Führern selbst um den Besitz der Macht. Die einen besaßen die Macht und verkündeten in ihrem Namen die "Demokratie"; die andern erstrebten die Macht (die "Kommunisten") und verkündeten im Namen dieses Strebens eine "Diktatur des Proletariats", welche die ersteren — die Sozialdemokraten — praktisch ohnedies ausübten und darum keineswegs das russische Vorbild der ausschließlichen Machtergreifung nachahmen wollten, weil sie den Bankerott des russischen Beispiels bereits 1919 klar erkannten. Zwischen diesen brudermörderischen Kämpfen der Marxisten auf beiden Seiten stand das Proletariat und verlor in diesem Rivalitätskampfe alles, was es der Bourgeosie hätte gefährlich machen können: vornehmlich ein klares Wollen und eine wirtschaftlich orientierte, direkte Aktion der Verwirklichungstat.

Anarchismus und Syndikalismus waren größtenteils ohnmächtig gegenüber diesen Ereignissen. Zumal nur eine ganz kleine Zahl von Kameraden aus der Zeit vor dem Kriege ihren Prinzipien treu blieb. Der überwiegend größte Teil lief leider zum Bolschewismus über und bekämpfte nun direkt wie indirekt, im Auftrage und Interesse der "kommunistischen" Partei Österreichs, die anarcho-syndikalistische Bewegung. Unter den größten Schwierigkeiten wurde der Bund herrschaftsloser Sozialisten im Dezember 1918 ins Leben gerufen und es mußte mit einer Sammlung von Kräften geradezu von vorn begonnen werden. Angesichts der horrenden Arbeitslosigkeit, die nach dem Zusammenbruch einsetzte, vermochte eine syndikalistische Propaganda keineswegs zu interessieren und war innerhalb einer Revolution, von der man noch nicht wissen konnte, was sie bringen würde, die entschiedene Stellungnahme im Sinne des Endziels Pflicht und Gebot aller Kameraden. Ihr wurde auch entsprochen, und mit der Zeit vollzog sich eine reinliche Scheidung, in der ein Teil von früheren Kameraden wieder den Weg zu uns fand, ein weiterer Teil aber völlig aufging in der "kommunistischen" Partei, in den von ihr ins Leben gerufenen gewerkschaftlichen Keimzellen — hier "revolutionäre Blocks" genannt — innerhalb der Zentralverbände; ein restlicher Teil von sogenannten Kameraden entschwand überhaupt aus dem Gesichtsbereich jeder propagandistischen Tätigkeit.

Gegenwärtig ist die Situation diese, daß die einzige aktive und bestehende Organisation in Österreich, die eine erklärt anarchistische und innerhalb der Arbeiterschaft anarcho-syndikalistische Tätigkeit entfaltet, die des Bundes herrschaftsloser Sozialisten ist. Trotz der heutigen Kleinheit des Landes hat sich die Bewegung mehr als verdreifacht in ihrem Umfang und findet das wöchentliche Organ unseres Bundes: "Erkenntnis und Befreiung" seinen Weg in alle größeren Städte und Ortschaften Österreichs. Eine ausschließlich syndikalistische Propaganda zu entfalten, ist für Österreich aus mehrfachen Gründen eine praktische Unmöglichkeit, vorerst, weil diejenigen Elemente, die imstande wären, die Arbeiterschaft zum Austritt aus den bestehenden Zentralverbänden zu veranlassen und die vornehmlich aus früheren Genossen des österreichischen Syndikalismus bestehen, sich innerhalb der "kommunistischen" Partei befinden und in ihrer gewerkschaftlichen Aktivität durch die oben angeführten "revolutionären Blocks" nichts anderes mehr anstreben, als an die Stelle der heutigen Führer der sozialdemokratischen Organisation zu gelangen. Eben deshalb unterlassen sie es auch völlig, deren zentralistischen Charakter zu bekämpfen, sondern wollen eigentlich nur die Übernahme dieses ganzen, das Proletariat knechtenden Apparates. Würden nun wir herrschaftslosen Sozialisten den Austritt aus den bestehenden Gewerkschaften propagieren, so würden beide Teile — Sozialdemokraten wie "Kommunisten" — sich gegen die herrschaftslosen Sozialisten kehren und diese in sämtlichen Betrieben des kleinen Österreichs spielend leicht unmöglich machen. Letzteres geschieht vielfach den "Kommunisten" seitens der Sozialdemokraten, was aber bei den "kommunistischen" Elementen nicht allzu zermalmend wirkt, da sie ihren Rückhalt in der von Moskau subventionierten, "kommunistischen" Partei haben und finden. So erachten wir es denn als zweckmäßiger, die im Bunde herrschaftsloser Sozialisten befindlichen Arbeiter fortgesetzt in anarchossyndikalistischem Sinne aufzuklären und eine Herausschälung der syndikalistischen, selbständigen Organisation der Zeitentwicklung zu überlassen.

Diese wirkt mächtig für uns, obwohl wir insbesondere gehemmt werden durch die "kommunistische" Irreführung, deren materielle Mittel zur Gewinnung von Massen naturgemäß größer sind, als die unsrigen. Nichtsdestoweniger ist es schon heute absehbar, daß aus den Enttäuschungen, die der Masse auch in der pseudokommunistischen Partei harren, unsere Saat erblühen wird. Umsomehr als die "Kommunisten" genötigt sind, Schlagworte in die Masse zu werfen, die einerseits verwirrend, andererseits förmlich mit Gewalt zur Durchschauung ihrer Demagogie geleiten.

So zum Beispiel haben die "Kommunisten" heute schon einen vollständigen Bankerott mit ihrer Phrase von der Machteroberung durch die Arbeiterräte. Heute ist es so, daß die "Kommunisten" sich aus dem Arbeiterrat selbst ausgeschlossen haben, weil sie dessen reaktionäre Möglichkeit der Zusammensetzung nicht hintenanzuhalten vermochten. Das Proletariat sieht und empfindet somit, welch eine Illusion dieses kommunistische Schiboleth ist. Ähnliches hat sich auf dem Gebiet der Betriebsräte herausgebildet. Wie der Marxist Otto Bauer in seinem neuesten Werk, betitelt "Die österreichische Revolution" feststellt, waren die Betriebsräte für die Sozialdemokraten nie anders gedacht, denn als Werkzeug, um sowohl für den Staat wie für das Unternehmertum die "Arbeitsdisziplin" im Betriebe zu wahren, die für den "Wiederaufbau" des Kapitalismus unerläßlich war. So sind Betriebsräte in Österreich größtenteils ein Handlangertum der Feinde des Proletariats geworden, während ein Hauptschlagwort der "Kommunisten" heute ist, die "Einberufung eines Betriebsrätekongresses" des ganzen Landes zu verlangen, um, wie sie behaupten, eine Neuorientierung der Arbeiterbewegung herbeizuführen, welche Erwartung — durch die Betriebsräte zu erfüllen — natürlich hohlste Phrase ist. Zur selben Kategorie offenkundiger Ablenkung der Arbeiterschaft von ihren revolutionären Aufgaben gehört auch die neuerlich an die Stelle der "Diktatur des Proletariats" getretene Forderung nach einer "Arbeiten und Bauernregierung" ohne Rücksicht darauf, daß eben der Großteil der Arbeiter und Bauern — besonders der letzteren — in Österreich rückständig, konservativ und keineswegs revolutionär-sozialistisch ist. Alle diese gehaltlosen, sinnverwirrenden Redensarten der "Kommunisten" finden ihre, besonders durch ihren Gewaltstandpunkt prononzierte Neuauflagen und Karikaturen in den dadurch aufgelebten, ausgesprochen reaktionären Verbänden der Hakenkreuzler, deren gelben Arbeitervereinigungen, der wiederbewaffneten Banden der Frontkämpfer und bäuerlichen Heimwehren.

Aber auch die Sozialdemokratie wankt in ihren Fundamenten, soweit diese proletarischer Art sind. Noch hat sich außer einer kleinen Schuhmachergewerk schaft, in der sich Anarchisten und Kommunisten vereinigt befinden, kein wirklicher Bruch zwischen ihr und der Gewerkschaftsbewegung vollzogen. Die kommunistischen Bemühungen in dieser Richtung sind in Österreich völlig vergeblich, da die Masse der sozialdemokratischen Arbeiter sehr wohl durchschaut, daß der Unterschied zwischen ihrer eigenen Partei und der der "Kommunisten" nur ein Rivalitätskampf der Führer ist. Was aber die Sozialdemokratie bis in ihre Fundamente erschüttert, ist ihre "proletarische Macht", die sie besonders in Wien, im Gemeinderat, besitzt.

Wie wir Anarcho-Syndikalisten es stets betont haben, bedeutet die Praxis der "Eroberung der politischen Macht" nichts weiter als die Fortführung und Wahrnehmung der kapitalistisch-staatlichen Interessen durch die zur politischen Macht gelangenden Parteiführer. In dieser Beziehung ist die Sozialdemokratie als Vertreterin des Unternehmerinteresses im Gemeinderat Wiens und den diversen Kommunalbetrieben mit den in diesen beschäftigten Arbeiterkategorien schon des öfteren in die grimmigsten Konflikte geraten. Da die meisten Gewerkschaftsführer der Zentralverbände zugleich Politiker — Nationalräte, Gemeinderäte, Stadträte, — sind, vertreten sie als solche das Interesse des bürgerlichen Staates und der Kapitalisten, was naturgemäß den wirtschaftlichen Klasseninteressen des Proletariats zuwiderläuft. Da diese Führer als Gewerkschaftler nun beflissen sind, die Mitglieder derselben in ihren Kampfforderungen möglichst niederzuhalten, kommt es häufig zu Reibungen. Eine solche hat auch zu einem unüberbrückbaren Bruch in der sozialdemokratischen Straßenbahnerorganisation Wiens geführt, in der sich eine ziemlich starke Minorität (die sogenannte Babinec-Gruppe; Babinec war langjährig organisierter Sozialdemokrat) loslöste und eine selbständige Organisation — bezeichnenderweise nannte sie sie: eine unpolitische — gründete.

Der Kampf, den der Zentralverband gegen diese selbständige Organisation führte, ist ein jedweder Solidarität hohnsprechender. Als im Sommer 1923 diese selbständige Organisation zur Erzielung höherer Löhne bei der sozialdemokratischen Gemeinde Wiens, als ihrer Unternehmerin, die passive Resistenz gegen diese eröffnete, weil sie mit ihr nicht verhandeln wollte, wurde diese rein wirtschaftliche Aktion der frondierenden Straßenbahner durch Gewalt, Streikbruch und dessen Androhung aufs brutalste — wiewohl "demokratisch" verkleidet — niedergeschlagen, seitens derselben Politiker, gegen die der Kampf sich eigentlich kehrte! Immerhin sind solche Symptome leuchtende Anzeichen dafür, daß die Sozialdemokratie gerade im Vollbesitze ihrer Macht naturnotwendig eine als Arbeiterbewegung sich abwirtschaftende Sache ist. —

Außer dem Bund herrschaftsloser Sozialisten besteht in Österreich noch der von diesem ins Leben gerufene Bund der Kriegsdienstgegner, der eine ausgesprochen antimilitaristische Propaganda im Sinne des radikalsten Pazifismus betreibt. Der Bund der Kriegsdienstgegner beruft auch alljährlich die Nie-wieder-Krieg-Volkskundgebung am 29. Juli ein. Um ein Bild seines Einflusses zu bieten, genügt es, darauf hinzuweisen, daß an der durch den Bund der Kriegsdienstgegner zusammen mit dem Bunde herrschaftsloser Sozialisten initiierten, antikriegerischcn Demonstration des Jahres 1923 die folgenden Vereinigungen sich beteiligten: Monistenbund, Tolstoibund, Frauenklub, Gesellschaft für Friedenserziehung, Freidenker, Verein ehemaliger Kriegsteilnehmer (Gäste), Landesverband Wien der Kriegsinvaliden und Kriegshinterbliebenen, "Allgemeine Nährpflicht", Innenkolonisationsverein "Zurück zur Scholle", Arbeiterinnengruppe der Frauenliga für Frieden und Freiheit.

Aus obigem geht hervor, daß die Grundlage der gesamten antimarxistischen und selbständig vorgehenden Bewegungen des österreichischen Proletariats im Bunde herrschaftsloser Sozialisten beruht, dessen Zusammensetzung eine überwiegend durchaus proletarische ist, sämtliche Berufe und Industrien der Produktion umfassend. Heute schon ist vorauszusehen, daß die Irreführung des Proletariats durch Sozialdemokratie und Pseudokommunismus nicht mehr endlos währen kann. Damit die nächste Stufe der Entwicklung des österreichischen Proletariates eine herrschaftslossozialistische, eine anarcho-syndikalistische sei, auf diesen Zeitpunkt bereitet der Bund herrschaftsloser Sozialisten das Proletariat Österreichs vor, nach Kräften bemüht, diesen Wendepunkt der Erneuerung und neuen Zielsetzung der Arbeiterbewegung zu beschleunigen.

Aus: "Die Internationale" Nr. 1, 1. Jahrgang (1924). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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