Rudolf Rocker - Revolutionsmythologie und revolutionäre Wirklichkeit

Rudolf Rocker (1873-1958), Buchbinder; SPD, anarchistische Tätigkeit in Mainz, Flucht nach London, dort aktiv in der jüdischen Arbeiterbewegung, Hrsg. jiddisch-sprachiger Zeitschriften, im 1. Weltkrieg interniert, ab 1919 in Deutschland und Mitgründer der FAUD und bis 1933 deren fahrender Kopf, Verfasser der Prinzipienerklärung des Syndikalismus, 1933 Emigration in die USA, ab 1945 starker Einfluß auf die Entwicklung der deutschen anarchistisch-syndikalistischen Bewegung und die FFS.

Revolutionkultus und Revolution

Aus der Ferne gesehen erhalten wir von Dingen stets einen anderen Eindruck, als wenn wir sie aus der Nähe beobachten, Beides hat seine Vorzüge, aber auch seine Nachteile. Betrachten wir eine Landschaft aus der Ferne, so kommen uns die Zusammenhänge der einzelnen Erscheinungen erst richtig zum Bewußtsein; wir erhalten keine Ausschnitte, sondern ein ganzes Bild. Stehen wir den Dingen näher, so sehen wir sie zwar deutlicher, doch wir verlieren den Gesamteindruck, den uns nur die Perspektive vermitteln kann; wir sehen, wie das Sprichwort sagt, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Nur durch den räumlichen Abstand von den Gegenständen gewinnen wir das richtige Größenverhältnis, die Proportion der Dinge zueinander; doch nur wenn wir sie aus der Nähe besehen, wird uns die Möglichkeit geboten, sie analytisch, d. h. in ihrem Entwicklungsgang beobachten und im einzelnen beurteilen zu können.

Dasselbe gilt auch für alle geschichtlichen Erscheinungen und zwar ohne Ausnahme. Große historische Geschehnisse, wie z. B. die Reformation oder die Französische Revolution, schaffen neue gesellschaftliche Tatsachen, die sich aus der Neugestaltung der sozialen Lebensverhältnisse ergeben. Geschichtliche Ereignisse, die bereits der Vergangenheit angehören und die wir aus diesem Grunde nur durch die Perspektive derzeit beurteilen können, aber werden uns allmählich zur Tradition, und es ist die Tradition, die in den meisten Fällen unserer Beurteilung zugrunde liegt. Die Tradition aber ist stets ein buntes Gemisch von Wahrheit und Dichtung, das unter dem Einfluß der Verhältnisse, unter denen wir selber leben, zustande kommt und schon deshalb ein ganz anderes Bild ergeben muß, als wie es die Menschen, die eine solche Periode mit erlebt, wirklich empfunden haben. Die Folge ist, daß wir Dinge häufig in einem verklärten Licht sehen und dadurch nicht selten zu Vorstellungen gelangen, die mit der historischen Wirklichkeit wenig gemein haben. Das ist ganz begreiflich, denn je weiter eine geschichtliche Periode hinter uns liegt, desto weniger sind wir in der Lage, das Einzelschicksal der Menschen jener Zeit richtig zu erfassen. Wir sehen die äußeren Umrisse des Bildes, die heroischen Gesten der großen Männer, die in jenen Kämpfen eine führende Rolle spielten und hauptsächlich die dramatischen Vorgänge, die sich deutlicher vom Hintergrund des historischen Geschehens abheben und deshalb mehr ins Auge fallen, während die intimeren Einzelheiten, deren Zusammenhänge erst ein vollständiges Bild ergeben, uns zum großen Teil unbekannt bleiben und infolgedessen auf unser Urteil keinen Einfluß haben können.

Nur wenn wir, wie dies heute der Fall ist, eine ähnliche Katastrophe von weltumfassender Tragweite selbst mit erleben, schärft sich bei denkenden Menschen auch das Verständnis für die Vorkommnisse der Vergangenheit. Ihre eigene Umwelt zwingt sie, Vergleiche anzustellen zwischen dem, was heute ist und was einst gewesen. Dabei fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen und sie fangen an zu begreifen, daß sie viele Dinge einer vergangenen Zeit eigentlich nur durch die gefärbten Gläser der Tradition gesehen und deshalb vieles verkannt oder gründlich mißverstanden hatten. Ihr eigenes Erleben macht sie kritischer und hilft ihnen, Dingen tiefer nachzugehen, die sie früher kaum beachtet oder als Selbstverständlichkeiten hingenommen hatten, bis sie ihnen allmählich zur inneren Gewißheit wurden, über die man sich nicht weiter den Kopf zu zerbrechen brauchte. Auch daß uns solche Erkenntnisse gerade heute kommen, ist durchaus nicht verwunderlich, denn wir begreifen Dinge stets am besten, die uns selbst zum Schicksal werden. Persönliche Erfahrungen sind immer stärker und nachhaltiger als die schönsten Überlieferungen, die uns durch andere vermittelt werden. Was der Mensch sich durch eigenes Denken langsam und mühevoll erringen muß, hinterläßt immer tiefere Spuren als Illusionen, die ohne weiteres als Wahrheit hingenommen werden. Deshalb sind Zeiten wie die heutige, Jahre der Prüfung, wo es sich für jeden von uns entscheiden muß, ob er aus den Erfahrungen der letzten dreißig Jahre etwas gelernt hat, oder zu denen gehört, die nur gewogen und zu leicht befunden werden.

Ich behaupte nicht, daß die Tradition an sich schädlich und deshalb zu verwerfen ist. Es gibt Traditionen, die späteren Geschlechtern Gedankenschätze und geistige Errungenschaften überliefern, die zu verlieren ein Unglück wäre, da sie mit zu den kostbarsten Belangen unseres persönlichen und sozialen Lebens gehören. Aus diesem Grunde inspirieren sie die Nachwelt oft Jahrhunderte hindurch und beeinflussen das geistige Leben der Menschen in hohem Grade, ja häufig viel tiefer als die meisten ahnen. Doch wie stark dieser Einfluß der Tradition auf spätere Generationen immer sein mag, so sollten wir doch nie vergessen, daß sie nur der Abglanz einer vergangenen Zeit ist und schon durch die Art, wie sie zustande kommt, durch Dichtung ersetzen muß, was uns bereits an tieferen Kenntnissen des historischen Geschehens verloren ging. Gerade deshalb aber wird sie uns nicht selten zum Kultus, der unseren Wirklichkeitssinn trübt und uns zu Wunschvorstellungen verleitet, die auch nur Dichtungen sind. Dieses aber kommt uns erst richtig zum Bewußtsein, wenn wir plötzlich und in den meisten Fällen ohne die nötige geistige Vorbereitung von großen gewaltsamen Ereignissen überrascht werden, aus denen wir erkennen müssen, daß eine alte Periode unserer Geschichte ihren Abschluß gefunden, während die Zukunft noch in nebelhaften Umrissen vor uns liegt, so daß wir uns erst allmählich darüber klar werden können, welche neuen Wege wir einschlagen müssen, um der neuen Wirklichkeit zu begegnen.

Ich habe dies an mir selber erfahren müssen. Geboren in einer uralten Stadt am Rhein, anderthalb Jahre nach der Gründung des neuen Deutschen Reiches, das durch Bismarck zustande kam, wurde ich schon in meiner frühen Jugend von der sozialdemokratischen Bewegung erfaßt, bis ich 1891 mit anarchistischen Anschauungen bekannt wurde. Die Gegend, in der ich geboren wurde, gehörte mit zu den demokratischsten Teilen Deutschlands, wo in meiner Jugend die Überlieferungen der revolutionären Ereignisse von 1848-49 noch sehr lebendig waren. Ich selbst kannte noch eine ganze Anzahl alter Achtundvierziger, die an jenen Kämpfen einen aktiven Anteil genommen hatten und bewunderte sie mit stummer Ehrfurcht. Dazu kam noch ein Umstand. In meiner Jugend herrschte in meiner Vaterstadt Mainz eine entschiedene Abneigung gegen alles Preußentum, dafür aber eine ausgesprochene Vorliebe für Frankreich. Alles, was aus Berlin kam, wurde als schlecht empfunden, während alles, das uns aus Paris zuging, ungeprüft für gut befunden wurde. Hierbei spielte die Tradition der Französischen Revolution eine wichtige Rolle, von der gerade die deutsche Bevölkerung des linken Rheinufers tief beeindruckt wurde. Es ist daher leicht zu begreifen, daß wir junge Sozialisten damals das Studium der französischen Revolutionsgeschichte mit besonderer Vorliebe betrieben. Von mir selbst kann ich bestimmt sagen, daß ich schon damals mit den dramatischen Geschehnissen jener gewaltigen Epoche besser vertraut war, als mit vielen Episoden der älteren deutschen Geschichte. Die Geschichte vom Kaiser Barbarossa und seinen Kriegen in Italien hatte uns ja nichts mehr zu sagen, während uns die Überlieferungen der Großen Revolution mit lebendigen Hoffnungen für die Zukunft erfüllten, die unserer jugendlichen Begeisterung entgegenkamen.

Auch daß wir den großen Ereignissen von 1789 und der Erklärung der Menschenrechte eine kleinere Bedeutung beilegten als der Schreckenszeit von 1793 war nur selbstverständlich, denn wir wurden im marxistischen Geiste erzogen und überzeugt, daß der Sozialismus nur durch die Übergangsperiode der proletarischen Diktatur zu erreichen wäre. Daß die Diktatur der Jakobiner nur wieder gewaltsam zu binden versuchte, was die Revolution gewaltsam gebrochen hatte, begriffen wir damals nicht und ebensowenig, daß die Herrschaft der Guillotine folgerichtig zur Militärdiktatur Napoleons führen mußte. Das alles wurde mir erst viel später klar, als ich in der Zeit meines Exils Gelegenheit hatte, tiefere Studien zu betreiben, die mir zeigten, daß man uns in unserer Jugend nur den Kultus der Revolution beigebracht hatte, der uns dazu verführte, der Revolution Kräfte anzudichten, die sie nie hatte und nie haben konnte. Schon bevor mir diese Erkenntnis aufdämmerte, hatte Max Nettlau, der als Historiker sozialer Bewegungen diesen Dingen tiefer nachging, den Kultus der Revolution als Messiasglaube bezeichnet und veranschaulichte dies in seinem "Vorfrühling der Anarchie" wie folgt: "Die babouvistisch-blanquistische Idee der gewaltsamen Übernahme der Staatsgewalt und der Diktatur wurde auch außerhalb dieser bewußt autoritären Kreise ohne nähere Prüfung übernommen; es entstand der Glaube an die Allmacht der sozialen Revolution. So sehr ich auch solche wünsche und diesen Glauben achte, so ist er doch autoritären Ursprungs, ist napoleonisch gedacht und übersieht was für Autoritäre belanglos ist - die wirkliche Durchdringung des einzelnen mit sozialem Geist, Gefühl und Verständnis. Daß diese sich automatisch bei einer besseren Lage einstellen, ist eine weitere etwas summarische Annahme, für welche die durch Schrecken hergestellte Nivellierung bei den bisherigen autoritären Revolutionen kein zwingender Beweis ist."

Dies ist vollständig richtig gesehen, denn keine Revolution ist imstande, die allmähliche und stufenweise Entwicklung aufzuheben, die wir Evolution nennen. Ist doch die Revolution selbst nur eine bestimmte Form des evolutionären Geschehens, die immer dann eintritt, wenn die Hindernisse, die ihm entgegenstellen, mit der Zeit so stark werden, daß sie nur durch eine gewaltsame Katastrophe beseitigt werden können. Die Revolution ist die Entfesselung der bereits im Schoße der alten Gesellschaft wirkenden Kräfte, die nach einer Neugestaltung der gesellschaftlichen Formen streben und, wenn die Zeit dazu gekommen ist, die alten Bindungen sprengen, dem Kinde vergleichbar, das im letzten Monat der Schwangerschaft die alte Hülle sprengt, um sein eigenes Dasein zu beginnen. Aber diese Verjüngung des sozialen Lebens durch die Revolution ist nur denkbar, durch eine immer stärker um sich greifende Auswirkung neuer Ideen und Vorstellungen im Volke, die zum Widerstand anregen und ihm das Bewußtsein seiner Menschenwürde näher bringen. Je tiefer die neuen Ideen in breitere Schichten des Volkes eindringen und das Denken der Menschen beeinflussen, desto größere Wirkungen werden sie auslösen, desto tiefer werden sich die Spuren des revolutionären Geschehens im Leben der Gesellschaft eingraben.

Es ist nicht der gewaltsame Charakter, der für eine Revolution entscheidend ist, sondern die schöpferische Betätigung, die sie im Volke auslöst und die allein zu einer wirklichen Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens fähig ist. Die Gewalt selbst kann nichts Neues schaffen. Sie kann im besten Falle Altes und Überlebtes aus dem Wege räumen und neue Pfade für die Entwicklung freimachen, wenn jedes andere Mittel versagt. Aber sie ist niemals fähig, Dinge ins Leben zu rufen, die erst allmählich im Hirne des Menschen heranreifen und gedeihen müssen, bevor sie praktisch in die Erscheinung treten können.

Eine Revolution ist daher etwas ganz anderes als ein gewöhnlicher Aufstand, der allen möglichen Zufälligkeiten entspringen kann. Wie Putsche und Militärrevolten organisiert werden und zustande kommen, sehen wir heute ja fast jeden Tag. Eine wirkliche Revolution aber läßt sich ebensowenig organisieren, wie ein Erdbeben oder eine andere Naturkatastrophe. Sie ist nur möglich, wenn breite Massen der Bevölkerung von ihrem Geiste ergriffen werden und aus eigenem Antrieb ein Joch abwerfen, das nicht länger zu ertragen ist. Aus diesem Grunde ist es auch ganz falsch, eine Revolution nur nach dem zu beurteilen, was sie gewaltsam zerstört, weil die Gewalt nur eine ihrer unvermeidlichen Begleiterscheinungen ist, die gänzlich durch den Widerstand bestimmt wird, den sie findet. Nicht in dem, was sie zerstört, sondern in dem Neuen, das sie zur Entfaltung bringt und dem sie als Geburtshelfer dienen muß, gibt sich ihre wahre soziale und geschichtliche Bedeutung kund. Deshalb ist sie auch unberechenbar und kann weder durch Logik noch durch wissenschaftliche Methoden erklärt werden. Aus reinem Vergnügen haben Völker nie Revolutionen gemacht, sondern immer nur, weil die bittere Notwendigkeit sie dazu gezwungen hat. Kämen geschichtliche Ereignisse durch Logik oder Vernunftsgründen zustande, so hätte es nie wieder Kriege noch Revolutionen gegeben. Das erkannte sogar ein so unentwegter Revolutionär wie Bakunin, wenn er in seiner Schrift "Die Volkssache" ausführte: "Blutige Revolutionen sind dank der menschlichen Dummheit manchmal notwendig, doch sind sie immer ein Übel, ein ungeheures Übel und ein großes Unglück. Nicht nur in Anbetracht der Opfer, sondern auch um der Reinheit und Vollkommenheit des zu erreichenden Zieles willen, in dessen Namen sie stattfinden."

Die Revolution kann auch aus sich selbst nichts Neues schaffen; sie kann nur Keime freilegen, die bereits im Denken der Menschen vorhanden sind und sie zur Reife bringen, indem sie alte Formen bricht, die ihre natürliche Entwicklung beeinträchtigen oder zu verhindern suchen. Je besser ihr dieses gelingt, um so größer werden die Erfolge sein, die sie erzielt. Eine Revolution ist auch nie imstande, überlieferte Vorstellungen, Anschauungen und Gebräuche mit einem Schlage gewaltsam auszutilgen. Man kann mit Gewalt einen Gegner niederschlagen, doch man schafft damit keinen einzigen neuen Gedanken, der nur allmählich ausreifen und zur Entwicklung gelangen kann. Sogar die gewaltigsten Umwälzungen in der Geschichte waren niemals imstande, einen vollständigen Bruch mit dem Alten herbeizuführen und etwas gänzlich Neues an seine Stelle zu setzen. Dies ist schon deshalb unmöglich, weil es in der Geschichte innere Zusammenhänge gibt, die man nicht willkürlich aufheben kann. Wie in normalen Zeiten, so wirbelt auch in der Revolution Altes und Neues bunt durcheinander, und da man das Denken der Menschen nicht über Nacht in neue Formen umgießen kann, so ist es unvermeidlich, daß in den neuen Einrichtungen, die durch die Revolution zustandekommen, auch Altes mit einfließt, das erst allmählich durch neue Auffassungen überwunden werden kann. Tatsache ist, daß sich die wirklichen Ergebnisse jeder Revolution nur nach dem Verhältnis beurteilen lassen, wieviel Altes sie mit übernehmen mußte und wieviel Neues sie in die Wirklichkeit umsetzen konnte.

Nur der Glaube an die Allmacht der Revolution, der nur Revolutionskultus ist, kann dies verkennen. In kritischen Perioden aber kann dieser Glaube an ein bestimmtes Universalmittel, das alle sozialen Gebrechen heilen kann, den Menschen leicht zum Verhängnis werden und seine Anhänger dazu bringen, wie wir dies heute so deutlich beobachten können, im Namen der Revolution der Gegenrevolution den Weg zu bahnen.

Revolution und Gegenrevolution

Die liberalen Gedankenströmungen des 18. und 19. Jahrhunderts hatten dem System des fürstlichen Absolutismus einen entscheidenden Schlag versetzt und das gesellschaftliche Leben auf neue Bahnen gelenkt. Ihre geistigen Vertreter, die in dem Höchstmaß von persönlicher Freiheit die notwendige Voraussetzung für jede geistige und soziale Neugestaltung erkannten und deshalb bestrebt waren, die Betätigung des Staates auf das kleinste Maß zu begrenzen, eröffneten der Menschheit ganz neue Ausblicke ihrer zukünftigen Entwicklung, die unvermeidlich zur Überwindung aller machtpolitischen Bestrebungen und zu einer sachkundigen Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten im Interesse aller hätte führen müssen, wenn die wirtschaftliche Einsicht ihrer Träger mit ihrer politischen und sozialen Erkenntnis gleichen Schritt gehalten hätte. Doch dies war leider nicht der Fall. Unter dem Einfluß der Industriellen Revolution vollzog sich eine in immer rascherem Tempo vorschreitende Monopolisierung aller natürlichen und durch gesellschaftliche Arbeit erzeugten Reichtümer und entwickelte sich zu einem neuen System wirtschaftlicher Hörigkeit, das sich auf die ursprünglichen Grundsätze des Liberalismus und der politischen und sozialen Demokratie nur verhängnisvoll auswirken konnte.

Die junge sozialistische Bewegung hätte dieser Entwicklung einen Damm entgegenstellen können, wäre sie nicht selbst in den gefährlichen Strudel dieser Vorgänge mit hineingezogen worden, deren zerstörende Folgen sich heute immer mehr zu einer allgemeinen Kulturkatastrophe auswachsen. Sie hätte der Testamentsvollstrecker der liberalen Ideengänge werden können, indem sie ihr durch die Bekämpfung der Wirtschaftsmonopole und das Bestreben, die gesellschaftliche Arbeit den Bedürfnissen aller dienstbar zu machen, eine positive Grundlage gegeben hätte. Durch diese wirtschaftliche Ergänzung der politischen und sozialen Bestrebungen der Zeit, hätte sie diese zu einem machtvollen Bestandteil im Denken der Menschen entwickeln und zum Träger einer neuen sozialen Kultur im Leben der Völker werden können. Statt dessen bekämpfte sie in ihrer großen Mehrheit, mit unglaublicher Verblendung die freiheitlichen Bestrebungen der liberalistischen Gesellschaftsauffassung und sah in diesen lediglich den politischen Niederschlag des sogenannten Manchestertums.

Auf diese Art wurde der Glaube an die Allmacht des Staates, der durch die neuen Gedankenströmungen und die Revolution des 17. und 18. Jahrhundert ins Wanken gekommen war, wieder neu aufgefrischt und systematisch gestärkt. Es ist bezeichnend, daß die Vertreter des autoritären Sozialismus in ihrem Kampfe gegen den Liberalismus ihre Waffen vielfach der Rüstkammer des fürstlichen Absolutismus entlehnten, ohne daß dies den meisten von ihnen auch nur zum Bewußtsein gekommen wäre. Viele von ihnen, besonders die Begründer der deutschen Schule, die später einen so überragenden Einfluß auf die gesamte sozialistische Bewegung erlangte, waren bei Fichte und Hegel, den Vertretern der absoluten Staatsidee in die Schule gegangen; andere wurden von den Überlieferungen des französischen Jakobinertums so tief beeinflußt, daß sie sich den Übergang zum Sozialismus nur in der Form einer proletarischen Diktatur vorstellen konnten. Es war das größte Verhängnis für die junge sozialistische Bewegung, daß sie zum großen Teil bereits in ihrem Anfangsstadium unter den Einfluß der autoritären Ideenströmungen der Zeit geriet, die aus den Überlieferungen von 1793 und der langen Periode der napoleonischen Kriege hervorgegangen waren. Es waren gerade jene Überlieferungen, die sich allmählich zu einem Revolutionskultus verdichteten, der seinen Anhängern jedes Augenmaß für die wirkliche historische Bedeutung der Großen Revolution raubte.

Unter den großen Vorkämpfern des sozialistischen Gedankens in Frankreich war Proudhon fast der einzige, der die geschichtliche Bedeutung des Sozialismus am tiefsten erfaßt hatte. Mit großem Scharfsinn erkannte er, daß das Werk der Französischen Revolution nur halb getan war und daß es die Aufgabe der Revolution des 19. Jahrhunderts sein müsse, dieses Werk fortzusetzen und zur Vollendung zu bringen, um die soziale Entwicklung Europas auf neue Bahnen zu führen. In der Tat erschöpft sich ja die ganze Bedeutung der Großen Revolution gerade darin, daß sie der monarchistischen Bevormundung ein Ende setzte und den Völkern den Weg bahnte, ihre Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen, nachdem sie jahrhundertelang dem fürstlichen Absolutismus als willenlose Herde gedient und sein Bestehen durch ihre Arbeit gesichert hatten.

Hier lag die wichtigste Aufgabe der Zeit, die Proudhon besser erkannt hatte, als die große Mehrheit seiner sozialistischen Zeitgenossen. Die Große Revolution hatte zwar die absolute Monarchie als politische und soziale Einrichtung beseitigt, doch war es ihr nicht gelungen, zusammen mit dieser auch den "monarchistischen Gedanken" zu verdrängen, wie Proudhon es nannte, der in den politischen Zentralisationsbestrebungen des Jakobinertums und in der Ideologie des nationalen Einheitsstaates zu neuem Leben erwachte. Es ist diese verhängnisvolle Erbschaft, die uns aus einer entschwundenen Zeit verblieben ist und die heute im "Führerprinzip" des totalitären Staates zum Ausdruck kommt, das nur eine Umschreibung desselben monarchistischen Gedankens ist.

Proudhon hatte richtig erfaßt, daß der Absolutismus, dieses ewige Prinzip der Bevormundung für einen "gottgewollten Zweck", der jedem menschlichen Einspruch verschlossen bleibt, den Völkern in ihren Bestrebungen nach höheren Formen ihres gesellschaftlichen Daseins am meisten im Wege steht. Für ihn war der Sozialismus nicht bloß eine Frage der Wirtschaft, sondern eine kulturelle Frage, die alle Gebiete menschlicher Betätigung umfaßt. Er wußte, daß man die autoritären Überlieferungen der Monarchie nicht bloß auf einem Gebiete beseitigen und auf allen anderen beibehalten durfte, wenn man die Sache der sozialen Befreiung nicht einem neuen Despotismus in die Hände spiele wollte. Für ihn waren wirtschaftliche Ausbeutung, politische Unterdrückung und geistige Gebundenheit nur verschiedene Ausdrucksformen derselben Ursache. Proudhon sah in der Monarchie das Symbol aller menschlichen Versklavung. Sie war ihm nicht lediglich eine politische Einrichtung, sondern ein sozialer Zustand mit bestimmten geistigen und seelischen Auswirkungen auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens. In diesem Sinne nannte er den Kapitalismus den "Monarchismus der Wirtschaft", der die Arbeit dem Kapital in gleicher Weise tributpflichtig macht, wie die Gesellschaft den Staat und den Geist der Kirche.

Proudhon verwarf jedes vorgedachte System, in dem die meisten Sozialisten seiner Zeit den Sozialismus einordnen zu können glaubten. Die soziale Befreiung war für ihn ein Weg, kein Ziel. Er war der Mann ohne vorgefaßte Prinzipien und festgesetzter Ziele, da er sich vollkommen klar darüber war, daß das eigentliche Wesen der Gesellschaft in dem ewigen Wandel ihrer Formen zu suchen sei, und daß die endlose Umgestaltung des sozialen und geistigen Lebens am besten gedeihe, je weniger künstliche Schranken ihr gezogen werden und je mehr Menschen an jenen endlosen Wandlungen des sozialen Geschehens einen bewußten Anteil nehmen. Auch die Revolution war für Proudhon nur ein Weg, kein Ziel und vor allem kein Patentmittel, das man nur anzuwenden brauchte, um die Menschheit von allen Leiden zu befreien und einem kommenden Millennium entgegenzuführen. Er wußte, daß die Revolution häufig das letzte Mittel war, das einem Volke übrigblieb, um ein unerträgliches Joch abzuwerfen und eine Neugestaltung des gesellschaftlichen Lebens zu ermöglichen; doch er erkannte auch, daß sie nie imstande war, die inneren sozialen Zusammenhänge willkürlich zu beseitigen, sondern nur eine Brücke sein konnte, die aus der Vergangenheit in die Zukunft führt, ohne den natürlichen Gang der Entwicklung abzubrechen.

Aus diesem Grunde blieb er von dem Kultus der Gewalt, den viele seiner sozialistischen Zeitgenossen mit der Revolution trieben, vollständig unberührt. Ihr Symbol war für ihn nicht die Barrikade und noch viel weniger der revolutionäre Terror von 1793, sondern die schöpferischen Kräfte, die sie freilegte und die allein neue Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft schaffen konnten. Er wußte, daß die Guillotine dem Volke weder Brot geben noch neue Ideen entwickeln konnte, sondern immer nur wieder die Vergangenheit zu neuem Leben erweckte und das eigentliche Werk der Revolution zum Stillstand brachte. War doch die brutale Gewalt bisher das typische Merkmal jeder Reaktion in der Geschichte, die sich ihrer bediente, um jede selbstständige und schöpferische Betätigung des Volkes zu unterbinden und das Denken der Menschen auf bestimmte Normen festzulegen. Was er erstrebte, war keine "Veränderung der Regierung, sondern die Revolutionierung der Gesellschaft", um sie ständig im Fluß zu halten und Raum für neue Lebensmöglichkeiten zu schaffen. Die Frage nach der "besten Regierung" war für ihn ebenso sinnlos wie die Frage nach der "besten Religion", da beide nur den Zweck verfolgten, eine neue Form der Autorität ins Leben zu rufen, um die Beherrschung des Menschen durch den Menschen zu erhalten, die mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen unzertrennlich war. Es war die Bevormundung des Menschen durch eine höhere Macht, in der er den Kern des Übels sah, das die Menschen daran hinderte, ihr Schicksal in die eigene Hände zu nehmen, um durch freie Vereinbarung zu erreichen, was bisher kein autoritärer Zwang zu erreichen imstande war.

Es war diese Auffassung Proudhons, die ihn zu der Erkenntnis brachte, daß jede Revolution, sobald sie in die Hände einer bestimmten Partei gerät, ihren eigentlichen Charakter verliert und zur Gegenrevolution ausarten muß. Deshalb warnte er die Sozialisten davor, sich im Fahrwasser machtpolitischer Bestrebungen zu verlieren und erklärte ihnen, daß sobald der Sozialismus in die Hände einer Regierung gerate, er der Reaktion verfallen sei. "Alle Parteien ohne Ausnahme", sagte er, "sind, sobald sie nach der öffentlichen Gewalt streben, nur besondere Formen des Absolutismus. Es wird keine Freiheit des Bürgers, keine Ordnung in der Gesellschaft, keine Einigkeit unter den Arbeitern geben, bevor nicht in unserem politischen Katechismus der Verzicht auf die Autorität an die Stelle des Autoritätsglaubens getreten ist."

Wer dies verkennt, mag noch so sehr auf seine revolutionäre Gesinnung pochen, er bleibt im Grunde seines Wesens doch nur ein revolutionärer Staatsstreichler, dem jedes Verständnis für die Revolution fehlt und steht bewußt oder unbewußt im Lager der Gegenrevolution. Es war nicht zuletzt der Revolutionskultus, der, nachdem er seine Wirkung auf mehrere Generationen verloren hatte, zu einem toten Dogma wurde, das schließlich dazu führte, daß man die Revolution mit der Gegenrevolution verwechselte und jeden Blick für die Wirklichkeit verlor. Auch in dieser Beziehung hatte Proudhon die Dinge richtig beurteilt, als er vor einem Jahrhundert die prophetischen Worte sprach: "Das Schlimmste, was dem Sozialismus passieren könnte, wäre seine Allianz mit dem Absolutismus, die zur größten Tyrannei aller Zeiten führen müßte".

Daß man dies damals nicht verstand, war ein Verhängnis, an dem die Februar - Revolution von 1848 zugrunde ging und zusammen mit ihr alle revolutionären Erhebungen, die 1848-49 Europa erschüttert hatten. Damals war dies immerhin noch begreiflich; wer aber heute nach den grauenvollen Ergebnissen zweier Weltkriege und der unheimlichen Ausbreitung einer totalitären Reaktion über alle Kontinente noch immer demselben Irrtum huldigt, an dem sind die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte nutzlos vorübergegangen, ohne die kleinste Spur zu hinterlassen. Er hat sogar nicht einmal begriffen, daß der alte blanquistische Gedanke von einem "revolutionären Generalstab", der mit Hilfe der Diktatur die Revolution auf bestimmte Wege lenken sollte, eine Idee, die Lenin mit seiner Theorie von den "professionellen Revolutionären" wieder neu auffrischte, direkt ins Lager der Gegenrevolution führen mußte. Ob Blanqui dieser Gegensatz zwischen Revolution und Gegenrevolution überhaupt zum Bewußtsein kam, ist noch fraglich, denn er dachte so sehr im Geiste von 1793, daß er zu keiner anderen Auffassung fähig war. Lenin aber war sich vollständig darüber klar, was schon aus seinem bekannten Ausspruch hervorgeht: "Wenn jemand die Gegenrevolution machen muß, so werde ich es tun". Und was er nicht tun konnte, das besorgte Stalin um so gründlicher.

Jede wirkliche Revolution ist ein Übergangsstadium von einem überlebten Gesellschaftszustand, der bereits der Vergangenheit angehört, zu einem neuen Gesellschaftsgebilde, dessen erste Keime durch die Revolution zur Entfaltung gelangen und die sich nun allmählich ausreifen müssen, um das begonnene Werk zu vollenden. Es ist das Hauptmerkmal der Revolution, daß sie die alten Bindungen löst, welche die Menschen an die sozialen Formen der Vergangenheit gekettet hatten. Je besser ihr dies gelingt, je mehr sie den Kampf gegen Institutionen und nicht gegen Menschen führt, desto fruchtbarer sind ihre Ergebnisse, desto größer der Schritt, den sie in die Zukunft macht.

Die Gegenrevolution aber ist stets darauf erpicht, diese Bindungen wieder herzustellen, die sie naturgemäß der Vergangenheit entlehnen muß und die daher unwiderruflich in die Vergangenheit zurückführen müssen. Sie schlägt von neuem in Ketten, was die Revolution an schöpferischen Kräften freigelegt hatte, lähmt jede selbständige Betätigung und die Entwicklung aller neuen Ideen, ohne die jede Revolution zum Mißerfolg verdammt ist und bringt das ganze soziale Leben wieder auf bestimmte von oben diktierte Reglementierungen, die keine freie Wahl des Denkens und Schaffens mehr zulassen. Die Gegenrevolution setzt stets dort ein, wo die Revolution zu einem Kampf der Parteien um die Macht ausartet, der immer damit endet, daß die skrupelloseste von ihnen, für die brutale Gewalt der einzige Wertmesser des Lebens ist, als alleiniger Vertreter einer "besonderen Art des Absolutismus" übrigbleibt und alle anderen der Reihe nach liquidiert. "Die Macht aber ist" wie Proudhon richtig ausführte, "nur der Kampf um das Messer, mit dem man den anderen die Hälse abschneidet", das bequemste Mittel um alle Argumente zu erschöpfen. Die "professionellen Revolutionäre" aber spielen in diesem Kampfe dieselbe Rolle wie die professionellen Bürokraten der absoluten Monarchie im Kampfe gegen jede Erneuerung des gesellschaftlichen und geistigen Lebens; denn sie sind in Wirklichkeit nur die professionellen Totengräber jeder Freiheit, jeder Menschlichkeit und jeder quälenden Sehnsucht der Menschen nach einer besseren Zukunft.

Textnachweis:
Rudolf Rocker: Revolutionsmythologie und revolutionäre Wirklichkeit, in: Die Freie Gesellschaft, 4. Jg., Heft 36/37, 1952

Originaltext: http://myblog.de/showblog.php?blog=coca-cosa&cat=12351


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