Rudolf Rocker - Räteorganisation und Diktatur

I.

Die vielen Missverständnisse, welche das bolschevistische Experiment in Russland in der internationalen Arbeiterbewegung herausgerufen hat, lassen sich hauptsächlich dadurch erklären, dass man hier zwei Dinge zu vereinigen versuchte, die sich schlechterdings nicht vereinigen lassen - den Rätegedanken und die sogenannte „Diktatur des Proletariats“. Die Diktatur steht mit dem konstruktiven Charakter der Räteorganisation im elementarsten Widerspruch. Eine gewaltsame Verbindung der beiden musste notwendigerweise zu jener grausamen Missgeburt des russischen Kommunismus fuhren, dessen Be­gleiterscheinungen sich im Laufe der Jahre immer deutlicher und unmissver­ständlicher auswirkten. Die Räteorganisation verträgt eben keine Diktatur, da sie von ganz anderen Voraussetzungen ausgeht. In ihr verkörpert sich der Willen von unten, die schöpferische Betätigung des Volkes. In der Dik­tatur wirkt sich lediglich der Zwang von oben, die blinde Unterwerfung un­ter das geistlose Schema eine brutalen Gewaltherrschaft aus, die keinen Widerspruch duldet, jede schöpferische Kritik unterdrückt und aus diesem Verhängnis Grunde einem Volke zum Verhängnis werden muss. Beide können neben einander nicht bestehen. In Russland siegte die Diktatur; darum gibt es dort keine Soviets mehr. Was davon übrig blieb, ist nur eine grausame Karrikatur des ursprünglichen Sovietgedankens. Die Räteorganisation ist der bestimmteste Ausdruck dessen, was wir unter einer sozialen Umwälzung verstehen; sie ist ein unmittelbares Ergebnis der sozialistischen Gedankenwelt und umfasst die ganze konstruktive Seite des Sozialismus. Die Diktatur aber ist rein bür­gerlichen Ursprungs und hat mit den Ideengängen des Sozialismus überhaupt nichts gemein.

Der Rätegedanke ist durchaus keine neue Idee, der uns durch die russische Revolution übermittelt wurde, wie viele glauben. Er entwickelte sich bereits im Schosse der ersten Internationale und bildete den Ideeninhalt ihres vor­geschrittensten Flügels, als die organisierte Arbeiterschaft sich anschick­te, die Eierschalen des bürgerlichen Radikalismus abzustreifen und sich auf eigene Füsse zu stellen. Das geschah, als die Internationale den ersten grossen Versuch machte, die produktiven Elemente aller Länder in einem grossen Bunde zusammenzufassen, um ihre Befreiung vom Fluche der Lohnsklaverei anzubahnen und praktisch in die Wege zu leiten. Obzwar die Internationale vorwiegend den Charakter eines von sozialistischen Ideen inspirierten Ge­werkschaftsbundes hatte, waren ihre Statuten derart abgefasst, dass alle sozialistischen Richtungen der Zeit in ihren Reihen Platz finden konnten, solange sie sich mit den Endzielen der Organisation einverstanden erklärten. Dass die Ideengänge der grossen Allianz im Anfang noch viel zu wünschen übrig liessen, war unvermeidlich und kam besonders auf ihren ersten Kongres­sen in Genf (1866) und Lausanne (1867) deutlich zum Ausdruck. Aber je mehr die Internationale innerlich heranreifte und sich zur Kampforganisation auswuchs, desto schneller klärten sich die Ideen ihrer Anhänger. Die praktische Betätigung im Kampfe zwischen Kapital und Arbeit führten ganz von selbst zu einem tieferen Erfassen der gesellschaftlichen Probleme.

Auf dem Kongress in Basel (1869) erreichte die innere Entwicklung des grossen Arbeiterbundes ihren geistigen Höhepunkt. Außer der Grund- und Bodenfrage, welche den Kongress nochmals beschäftigte, war es besonders die Gewerkschaftsfrage, die das meiste Interesse hervorrief. In dem Berichten der belgischen und französischen Sektionen, die von Hins und Pindy dem Kongresse vorgelegt wurden, wurde die Frage über die Aufgabe und die Bedeu­tung der Gewerkschaften zum erstenmal von einem ganz neuen Standpunkt entwickelt, der eine gewisse Ähnlichkeit mit den Ideengängen Robert Owens hatte, als dieser in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die „Grand National Consolidated Trades Union“ ins Leben rief. In Basel wurde klar und deutlich ausgesprochen, dass die Gewerkschaft kein gewöhnliches Provisorium sei, das nur innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft eine Existenzberechtigung habe und zusammen mit dieser verschwinden müsse. Der Standpunkt der Staatssozialisten, demzufolge die Tätigkeit der Gewerkschaf­ten sich lediglich auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Rahmen des Lohnsystems beschränken könne und in dieser Arbeit sich erschöpfe, erfuhr eine gründliche Korrektur. In den Berichten der Belgier und Franzosen wurde erklärt, dass die wirtschaftlichen Kampforganisationen der Arbeiter als die Zellen einer zukünftigen sozialistischen Ordnung der Dinge zu betrachten seien und es daher die Aufgabe der Internationale sein müsse, die Gewerk­schaften für diesen Zweck heranzubilden. In diesem Sinne nahm der Kongress die folgende Resolution an:

„Der Kongress erklärt, dass die Arbeiter die Gründung von Widerstandsgesellschaften in den verschiedenen Berufen anstreben sollen. Sobald eine Ge­werkschaft gebildet wird, sind die Vereine des nämlichen Berufes davon zu unterrichten, damit die Bildung nationaler Industrieverbände ins Werk gesetzt werden kann. Diese Verbände sollen beauftragt werden, alles ihre Industrie betreffende Material zu sammeln, die gemeinschaftlich zu ergreifenden Mass­regeln zu beraten und auf die Durchführung derselben hinzuarbeiten, damit das heutige Lohnsystem durch die Föderationen freier Produzenten ersetzt werden kann. Der Kongress beauftragt den Generalrat, die Verbindung der Gewerkschaften aller Länder zu vermitteln.“

In der Begründung der vorgeschlagenen Resolution erklärte Hins, dass „aus dieser doppelten Organisationsform der lokalen Arbeitervereinigungen und der allgemeinen Industrieverbände sich einerseits die politische Verwaltung der Gemeinde und andererseits die allgemeine Vertretung der Arbeit und zwar regional, national und international ergeben würde. Die Räte der Betriebs- und Industrieorganisationen werden die heutige Regierung ersetzen, und diese Vertretung der Arbeit wird ein- für allemal die alten politischen Systeme der Vergangenheit ablösen.“

Dieser neue und fruchtbare Gedanke entsprang der Erkenntnis, dass jede neue wirtschaftliche Form der gesellschaftlichen Organisation auch eine neue Form der politischen Organisation bedinge und sich nur im Rahmen dieser ver­wirklichen lasse. Deshalb müsse auch der Sozialismus eine besondere politische Ausdrucksform erstreben, um ins Leben treten zu können; und man glaubte diese Form in der Räteorganisation der Arbeit gefunden zu haben.

Die Arbeiter der lateinischen Länder, in denen die Internationale ihren geistigen Rückhalt fand, entwickelten ihre Bewegung auf der Basis wirtschaft­licher Kampforganisationen und sozialistischer Propagandagruppen und wirkten im Sinne der Baseler Beschlüsse. Da sie im heutigen Staate den politischen Agenten und Verteidiger der besitzenden Klassen erkannten, so erstrebten sie keineswegs die Erober­ung der politischen Macht, sondern die Überwindung des Staates und der politischen Macht in jeder Form, in der sie mit sicherem Instinkte die erste Vorbedingung jeder Tyrannei und Ausbeutung erkannten. Sie dachten daher nicht daran, die Bourgeoisie nachzuahmen, eine politische Partei zu gründen und damit einer neuen Klasse von Berufspolitikern den Weg zu ebenen. Ihr Ziel war die Eroberung der Werkstätte, des Betriebes, des Grund und Bodens, und sie erkannten wohl, dass dieses Ziel sie grundsätzlich von dem Politikantentum der radikalen Bourgeoisie unterschied, dessen ganze Betätigung auf die Eroberung der Regierungsgewalt eingestellt war. Sie begriffen, dass zusammen mit dem Monopol des Besitzes auch das Monopol der Macht fallen müsse, dass das gesamte gesellschaftliche Leben auf neuen Grundlagen aufzubauen sei. Aus­gehend von der Erkenntnis, dass die Herrschaft des Menschen über den Menschen ihre Zeit gehabt, versuchten sie, sich mit der Verwaltung der Dinge vertraut zu machen.

Auf diese Weise setzte man der Regierungspolitik der Parteien die Wirtschaftspolitik der Arbeit entgegen. Man begriff, dass in den Betrieben und in der Landwirtschaft die ökonomische Reorganisation der Gesellschaft im sozialistischen Sinne vorgenommen werden müsse. Aus dieser Erkenntnis her­aus wurde der Rätegedanke geboren. In den Versammlungen, in der Presse und Broschürenliteratur des freiheitlichen Flügels der Internationale, der sich um Bakunin und seine Freunde scharte, fanden diese Ideen ihre Klärung und Vertiefung. In besonders klarer Weise wurden sie auf den Kongressen der spanischen Föderation entwickelt, wo auch bereits die Bezeichnung „Juntas y Consejos del Trabajo“ (Arbeitsgemeinden und Arbeitsräte) angewendet wurde.

Die freiheitliche Richtung im Schosse der Internationale hatte erfasst, dass der Sozialismus von keiner Regierung diktiert werden konnte, dass er sich vielmehr organisch von unten nach oben aus dem Schosse des werktätigen Volkes entwickelten müsse und die Arbeiter selbst die Verwaltung der Produkt­ion und der Verteilung in ihre Hände nehmen müssten. Es war diese Idee, welche sie dem Staatssozialismus der sozialistischen Parteipolitiker ent­gegenstellten. Der innere Gegensatz zwischen Föderalismus und Zentralismus, die verschiedenen Auffassungen über die Rolle des Staates als Übergangsfaktor zum Sozialismus, bildeten auch den Kernpunkt des Streites zwischen Marx und Bakunin, welcher zuletzt zur Spaltung der Internationale führte. In diesem Kampfe handelte es sich viel weniger um persönliche Gegensätze, wie wohl Marx und Engels gegen die sogenannten Bakunisten fast ausschliesslich die gehässigsten persönlichen Verdächtigungen ins Feld führten, sondern um zwei verschiedene Auffassungen des Sozialismus und ganz besonders um zwei verschiedene Wege, von denen man annahm, dass sie zum Sozialismus führen wurden. Marx und Bakunin waren lediglich die hervorragendsten Vertre­ter in diesem Kampfe um fundamentale Prinzipien; allein die Auseinandersetzungen wären auch ohne sie gekommen. Es war nicht der Gegensatz zwischen zwei Personen, in dem sich die Frage erschöpfte, sondern der Gegensatz zwischen zwei Ideenströmungen, die ihm seine Bedeutung gab und auch heute noch gibt.

Währen der grausamen Verfolgungen der Arbeiterbewegung in den lateinischen Ländern, die nach der Niederlage der Pariser Kommune zunächst in Frankreich einsetzte und sich in den folgenden Jahren über Spanien und Italien verbrei­tete, wurde der Rätegedanke stark in den Hintergrund gedrängt; da jede öf­fentliche Propaganda unterdrückt war und die Arbeiter in ihren geheimen Orga­nisationen sich zum grössten Teile auf die Abwehr der Reaktion und die Unterstützung ihrer Opfer beschränken mussten. Erst mit der Entwicklung der syndikalistischen Bewegung in Frankreich in den Jahren 1900-1907 erwachte der Rätegedanke wieder zu neuem Leben. Aber er wurde auch damals von den sozialistischen Parteien mit derselben Erbitterung bekämpft wie in der Zeit der Internationale.

Die Bolschewiki machten dabei keineswegs eine Ausnahme. Wenn sie später diesen Gedanken trotzdem akzeptieren mussten, weil er unter den Massen der russischen Arbeiter und Bauern eine grosse Popularität erlangt hatte, so geschah es unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass die Diktatur ihrer Partei ihm schon den „richtigen Platz“ anweisen würde.

II.

Wenn es nun unbestreitbar ist, dass der Rätegedanke ein natürliches Ergeb­nis des freiheitlichen Sozialismus ist, der sich allmählich im Schosse der revolutionären Arbeiterbewegung im Gegensatz zu allen Überlieferungen der bürgerlichen Ideologie und ihrer Auffassung vom Staate entwickelt hat, so lässt sich von der Diktatur durchaus nicht dasselbe behaupten. Der Gedan­ke der Diktatur ist nicht der sozialistischen Ideenwelt entsprungen. Er ist auch kein Ergebnis der Arbeiterbewegung, sondern eine verhängnisvolle Erb­schaft der Bourgeoisie, mit der man das Proletariat beglückt hat. Die Idee der Diktatur ist eng verbunden mit dem Streben nach der politischen Macht, das gleichfalls partei-bürgerlichen Ursprungs ist.

Die Diktatur ist eine bestimmte Form der Staatsgewalt: es ist der Staat unter der Herrschaft des permanenten Belagerungszustandes. Wie alle anderen Anhänger der Staatsidee, so gehen auch die Befürworter der Diktatur von der Voraussetzung aus, dass die Wahrnehmung seiner angeblichen Interes­sen und alle durch die Zeit bedingten Massnahmen dem Volke von oben herab diktiert und aufgezwungen werden müssen. Diese Voraussetzung allein aber macht die Diktatur zum ausgesprochenen Hindernis jeder wirklich sozialen Umwälzung, deren eigentliches Lebenselement die direkte Initiative und die konstruktive Betätigung der Massen ist. Die Diktatur ist die Negation des organischen Werdens, des natürlichen Aufbaus von unten nach oben, die Unmündigkeitserklärung des Volkes, die gewaltsame Bevormundung der Massen durch eine kleine Minderheit. Sogar wenn ihre Anhänger ursprünglich von den be­sten Absichten beseelt sind, so zwingt die eiserne Logik der Tatsachen sie stets, im Lager des extremsten Despotismus zu landen.

Das hatte Bakunin bereits sehr richtig erkannt, wenn er schrieb: „Der Hauptgrund, weshalb alle revolutionären Staatsautoritäten der Welt die Revo­lution so wenig gefördert haben, ist darin zu suchen, dass sie dieselbe stets durch ihre eigene Autorität und kraft ihrer eigenen Macht fördern wollten, wodurch sie natürlich nur zwei Ergebnisse erzielen konnten: Erstens waren sie gezwungen, die revolutionäre Aktion auf das Äusserste zu begrenzen, da ist es selbst für die intelligentesten, tatkräftigsten und aufrichtigsten revolu­tionären Machthaber unmöglich ist, alle Fragen und Interessen auf einmal zu überblicken, und da jede Diktatur - möge es nun die Diktatur einer Person oder eines revolutionären Ausschusses sein - notwendigerweise sehr beschränkt und verblendet sein muss, da sie weder imstande ist, auf den Grund des Volksleben zu dringen, noch dessen ganze Weite zu umfassen, gleich­wie das mächtigste Schiff nicht imstande ist, die ganze Breite und Tiefe des Meeres zu ermessen. Und zweitens, weil jede Handlung, die dem Volke durch eine offizielle Macht von oben gesetzlich aufgezwungen wird, in den Massen notwendigerweise ein Gefühl der Empörung und der Reaktion auslösen muss.“

Es macht einen geradezu komischen Eindruck, wenn die Anhänger der sogenannten „proletarischen Diktatur“ nie müde werden, alle ihnen nicht genehmen sozialistischen Richtungen als „kleinbürgerlich“ abzutun. Sie, die selber bis über die Ohren in der politischen Ideologie des Kleinbürgertums hoff­nungslos stecken geblieben sind! Denn es war die kleinbürgerliche Partei der Jakobiner, von der unsere Staatssozialisten die Idee der Diktatur übernommen haben. Von derselben Partei, die jeden Streik der Arbeiter zum Verbrechen stempelte und die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiter unter Androh­ung der Todesstrafe unterdrückte. St. Just und Couthon waren ihre energisch­sten Fürsprecher, und Robespierre handelte unter ihrem Einfluss, nachdem er eine Zeitlang den Gedanken der Diktatur zurückgewiesen hatte, da er befürch­tete, dass Brissot Diktator werden könnte. Sogar Marat liebäugelte stets mit dem Gedanken der Diktatur, obzwar er seine Gefahr nicht verkannte und daher einen „Diktator mit einer Kugel am Beine“ forderte.

Die falsche und einseitige Darstellung der grossen Revolution durch die radikalen bürgerlichen Historiker, die auch die meisten Sozialisten stark beeinflusst hat, hat viel dazu beigetragen, der Diktatur der Jakobiner einen unverdienten Nimbus zu verleihen, der durch die Hinrichtung ihrer bedeutendsten Führer noch beträchtlich verstärkt wurde. Sind doch die meisten Menschen nur allzu geneigt, einem Märtyrerkultus zu verfallen, der sie un­fähig macht, einen kritischen Masstab an Personen und Dinge anzulegen. Es war vornehmlich Louis Blanc, der mit seinem grossen Geschichtswerk wohl das meiste zu dieser kritiklosen Glorifizierung des Jakobinertums beigetragen hat.

Man sah die grossen Errungenschaften der Revolution: die Abschaffung des Feudalsystems und der absoluten Monarchie, und da die Geschichtsschreiber dies alles als das Werk der Jakobiner und des „Revolutionären Konvents“ dar­zustellen beliebten, so entstand im Laufe der Zeit eine total falsche Auf­fassung der Revolutionsgeschichte. Heute wissen wir, dass die landläufige Beschreibung der grossen Revolution auf einer vollständigen Verkennung historischer Tatsachen beruht, und dass die wirklichen und unvergänglichen Errungenschaften der Revolution ausschliesslich durch die revolutionäre Aktion der Bauern und der ärmeren Stadtbevölkerung gegen den Willen der Nationalver­sammlung und später gegen den des Konvents ertrotzt wurden. Die Jakobiner und der Konvent sträubten sich stets auf das heftigste gegen radikale Neuer­ungen von aussen her, bis sie vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. So ist die Abschaffung der Feudalrechte ausschliesslich auf die fortgesetzten Revolten der Bauern zurückzuführen, die von den politischen Parteien in Acht und Bann erklärt wurden. Noch im Jahre 1792 bestätigte die Nationalversamm­lung das Feudalsystem, und erst 1793, als sich die Bauern ihre Rechte bereits erkämpft hatten, sanktionierte der Konvent die Abschaffung des Feudalismus. Ebenso verhielt es sich mit der Abschaffung der Monarchie.

Die ersten Begründer einer sozialistischen Volksbewegung in Frankreich sind aus dem Lager des Jakobinertums hervorgegangen, und es war nur natürlich, dass sie mit den Eierschalen ihrer Vergangenheit behaftet waren. Als Babeuf, Darthé, Buonarroti und andere die Verschwörung der Gleichen ins Le­ben riefen, geschah es zu dem Zwecke, Frankreich in einen kommunistischen Agrarstaat zu verwandeln. Als Kommunisten erkannten sie, dass die Ideale der grossen Revolution, wie sie dieselben auffassten, nur durch die Lösung der wirtschaftlichen Präge verwirklicht werden konnten. Aber als Jakobiner glaubten sie dieses Ziel nur durch eine mit allen Vollmachten versehenen dikta­torischen Regierung erreichen zu können. Der Glaube an die Allmacht des Staates, der im Jakobinertum seine extremste Form erreicht hatte, war ihnen so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass ihnen jeder andere Weg unmöglich vorkam. Babeuf und seine Kameraden gingen für ihre Überzeugung in den Tod; ihre Ideen aber lebten weiter im Volke und fanden in den geheimen Gesellschaften der Babouvisten unter der Regierung Louis Philipps eine Heimstätte. Männer wie Barbès und Blanqui wirkten in ihrem Sinne und erstrebten die „Diktatur des Proletariats“, um ihre staatskommunistischen Ziele in die Wirklichkeit umzusetzen.

Von Ihnen haben Marx und Engels die Idee von der Diktatur des Proletariats übernommen. Auch sie verstanden unter dieser Bezeichnung nichts anders als die Einsetzung einer starken zentralen Regierungsgewalt, welche durch ein­schneidende Zwangsgesetze die Herrschaft der Bourgeoisie endgültig brechen und die Umgestaltung der Gesellschaft im sozialistischen Sinne durchführen sollte. Auch diese Männer kamen aus dem Lager der bürgerlichen Demokratie zum Sozialismus und waren von den Überlieferungen des Jakobinertums völlig durchdrungen. Dazu war die sozialistische Bewegung jener Zeit - mit der Ausnahme Proudhons und seines Kreises - noch nicht entwickelt genug, um sich einen eigenen Weg zu schaffen und war daher mehr oder weniger auf bür­gerliche Traditionen angewiesen. Erst mit der Entwicklung der Arbeiterbewe­gung in der Zelt der ersten Internationale war der Moment gekommen, wo der radikale Flügel der sozialistischen Bewegung dazu überging, die alten Über­lieferungen abzustreifen und dem Sozialismus neue politische und soziale Ausblicke zu eröffnen.

Der Rätegedanke war die praktische Überwindung der Machtpolitik in jeder Form und steht daher im direkten Gegensatz zu jeder Diktatur, die nicht bloss die Machteinrichtungen der besitzenden Klassen aufrechthält, sondern diese sogar bis zum äussersten Extrem entwickelt. Die Pioniere der Räteidee erkannten sehr wohl, dass zusammen mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen auch die Beherrschung des Menschen durch den Menschen verschwinden müsse, wenn der Kreislauf menschlicher Versklavung nicht von neuem beginnen solle. Sie wussten, dass die im Staate verkörperte Gewalt der besitzenden Klassen niemals den werktätigen Massen als Instrument ihrer Befreiung dienen konnte. Deshalb erblickten sie in der Abtragung des alten Machtapparates die wichtigste Voraussetzung einer sozialen Umwälzung, um jeder neuen Form menschlicher Ausbeutung das Wasser abzugraben.

Die Behauptung, dass es sich bei der sogenannten „Diktatur des Proletariats“ um etwas wesentlich anderes handle, da man es hier mit der Diktatur einer Klasse und nicht mit einer solchen von Personen zu tun habe, ist keinen falschen Groschen wert. Diese sophistische Deutung ist nur ein Blendmittel, um Einfallspinsel über den wahren Charakter der Sache hinwegzutauschen. So etwas wie die Diktatur einer Klasse ist überhaupt undenkbar da es sich letzten Endes immer nur um die Diktatur einer Klique handelt, die sich anmasst, im Namen einer Klasse zu sprechen, just wie die Bourgeoisie noch jede despotische Handlung im „Namen des Volkes“ gerechtfertigt hat. Gerade bei solchen Parteien, die nie vorher im Besitze der Macht gewesen sind, ist der Unfehlbarkeitsdünkel der einzelnen noch stärker entwickelt und mit noch unheilvolleren Ergebnissen verbunden. Der Emporkömmling der Macht ist in der Regel noch abstossender und gefährlicher als der Empor­kömmling des Besitzes.

Russland bietet uns in dieser Hinsicht ein Schul­beispiel, das auch die geriebenste Demagogie und der blindeste Fanatismus auf die Dauer nicht verhüllen können. Dort haben die machtpolitischen Bestrebungen einer bestimmten Partei jeden wahrhaft sozialistischen Aufbau der Wirtschaft unterbunden und das Land der Sklaverei eines alles zermalmen­ den Staatskapitalismus in die Arme getrieben. Die „Diktatur des Proletariats“, in welcher naive Seelen nur ein vorübergehendes, aber unvermeidliches Übergangsstadium zum wirklichen Sozialismus sehen wollten, hat sich heute zu einem ungeheuerlichen Despotismus ausgewachsen, welche der Tyrannei fascistischer Staaten in nichts nachsteht.

Die Behauptung, dass dieser Zustand unumgänglich sei, um die Klassenge­gensätze aus der Welt zu schaffen, klingt angesichts aller historischen Erfahrungen fast wie ein schlechter Witz. Jedes politische Machtgebilde hat zur Voraussetzung eine bestimmte Form von menschlicher Sklaverei, für deren Aufrechterhaltung es in die Erscheinung tritt. Wie der Staat nach aussen hin, das heisst anderen Staaten gegenüber, bestimmte nationale Gegensätze schaffen und aufrecht erhalten muss, um seine eigene Existenz zu rechtferti­gen, so ist die innere Scheidung der Gesellschaft in Stände, Kasten und Klassen eine wesentliche Voraussetzung seines Bestehens. Ein junger Staat, der aus einer sozialen Umwälzung hervorgegangen ist, kann der Herrschaft aller Herrenkasten ein Ende setzen, aber er kann es nur tun, indem er sofort eine neue privilegierte Kaste ins Leben ruft, deren er für die Aufrechterhaltung seiner Existenz benötigt. Die Entwicklung der bolschewistischen Bürokratie in Russland unter der angeblichen Diktatur des Proletariats, die nie etwas gewesen, als die Diktatur einer kleinen Schichte über das Proletariat und das ganze russische Volk, ist nur ein neuer Beweis für eine alte historische Erfahrung, die sich unzähligemal wiederholt hat. Diese neue herrschende Kaste, die sich heute immer mehr zu einer neuen Aristokratie auswächst, unterscheidet sich von den breiten Massen der russischen Bauern und Arbeiter ebenso deutlich wie die privilegierten Kasten und Klas­sen anderer Länder von den Massen des Volkes.

Man könnte einwenden, dass die neue Kommisariokratie in Russland unmöglich mit den mächtigen Finanz- und Industrieoligarchien kapitalistischer Staaten zu vergleichen sei; aber dieser Einwand ist nicht stichhaltig. Nicht auf die Grösse und Ausdehnung des Vorrechts kommt es an, sondern auf seine unmittel­bare Auswirkung auf das tägliche Leben des Durchschnittsmenschen. Einem ame­rikanischen Arbeiter, der unter einigermassen anständigen Arbeitsbedingungen lebt und soviel verdient, dass er sich menschlich nähren, kleiden und be­hausen kann und dabei noch soviel übrig hat, um sich gewisse kulturelle Ge­nüsse gestatten zu können, wird der Millionenbesitz seiner Grosskapitalisten weniger fühlbar, wie einem Menschen, der kaum genug verdient, um die drin­gensten Lebensbedürfnisse zu befriedigen, die Privilegien einer kleinen Kaste von Bürokraten, auch wenn diese keine Millionäre sind. Menschen, die sich kaum an trockenem Brote sattessen können, in elenden Räumen hausen, die sie oft genug mit Fremden teilen müssen, und die noch dazu gezwungen sind, unter einem bis auf die Spitze getriebenen Antreibersystem zu arbeiten, das ihre Leistungsfähigkeit bis aufs äusserste steigert, müssen die Vorrechte einer oberen Schichte, der es an nichts fehlt, viel schmerzlicher empfinden wie ihre Klassengenossen in kapitalistischen Ländern.

Diese Lage wird noch unerträglicher, wenn den unteren Klassen durch eine despotische Staatsgewalt jedes Recht genommen wird, sich gegen die bestehenden Zustände aufzulehnen, und wenn jeder Protest mit direkter Lebensgefahr verbunden ist. Aber sogar eine viel grössere wirtschaftliche Gleichheit, wie sie in Russ­land vorhanden ist, ist noch kein Mittel gegen politische und soziale Unterdrückung. Auch im Gefängnis, im Kloster oder in der Kaserne findet man einen ziemlich hohen Grad von wirtschaftlicher Gleichheit, der für jeden Insassen die gleiche Wohnung, das gleiche Essen, die gleiche Uniform und die gleiche Arbeitspflicht vorsieht. Der alte Inkastaat in Peru und der Jesuitenstaat In Paraguay hatten die gleichmässige wirtschaftliche Versorgung aller Einwohner in ein festes System gebracht, aber trotzdem herrschte dort der schlimmste Despotismus, und der Mensch war nur der Automat eines höheren Willens, auf dessen Entschlüsse er keinen Einfluss hatte. Nicht umsonst er­blickte Proudhon in einem „Sozialismus“ ohne Freiheit die schlimmste Form der Sklaverei.

Der Drang nach sozialer Gerechtigkeit kann sich nur dann rich­tig entfalten und befruchtend wirken, wenn er dem persönlichen Freiheitsbe­dürfnis des Menschen entspringt und in diesem seine Basis findet. Mit anderen Worten: Der Sozialismus wird frei sein oder er wird nicht sein.

Es ist nicht der Wille einer Klasse - was immer man darunter verstehen mag - der heute in Russland zum Ausdruck kommt, sondern die Macht der GPU und der Bajonette. Der Wunderglaube an die Diktatur hat den Trägern des totalen Staates den Weg geebnet. Er hat die gesamte Arbeiterbewegung mora­lisch verseucht, jedes persönliche Denken verpönt, jedes ethische Gefühl im Keime erstickt und den Grundsatz aller Despoten, dass der tote Gegner der beste Gegner ist, zum Eckstein der russischen Staatspolitik erhoben. Die Diktatur war bisher stets der Anfang jeder Konterrevolution, sie treibt uns heute immer mehr der Periode eines neuen Absolutismus entgegen, der alle kulturellen Werte zu verschlingen droht.

Sozialismus und Diktatur! Täuschen wir uns nicht! Wer die beiden zu verbinden sucht, gleicht dem Saturn, der seine eigenen Kinder verschlingt.

Anmerkung: Wir danken dem Internationalen Instituts für Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam für die Zurverfügungstellung dieses bisher unveröffentlichten Manuskriptes von Rudolf Rocker.

Aus: Barrikade. Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus Nr. 4 (Dezember 2010)


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