Der Rebell - Der sociale Krieg (1881)

Der sociale Krieg beginnt sobald das Volk seine Feinde erkennt, seine Unterdrücker, welche ihm alle Mittel und Wege zur Freiheit und Wohlstand abschneiden, es in Jammer und Elend schmachten lassen. Von dem Augenblicke an, wo das unterdrückte arbeitende Volk seine elende Klassenlage erkannt hat, beginnt die Rebellion desselben gegen alle Klassenherrschaft; der erbitterste Kampf gegen alle socialen und politischen Mißstände, welche dieser Klassenherrschaft entspringen; ein Kampf, der nur siegreich zu Ende geführt werden kann durch die feste Organisation aller Kämpfer.

Wer steht nun dem kämpfenden Proletariat gegenüber? Es sind die Bedrücker und Ausbeuter des Volkes die, ohne eines besonderen Rufes zu bedürfen, beständig gerüstet sind, da sie wissen, daß ihre Herrschaft bedingt ist durch die Unterjochung und Sklaverei der Massen.

Die Unterdrückung der Massen enthebt sie der Arbeit und ermöglicht ihnen ein Leben üppigster Schwelgerei, erlaubt ihnen der gierigsten Habsucht und übermüthigen Herrschaft zu fröhnen.

Zu dieser verhältnismäßig geringen Schaar der Volksbedrücker und – Betrüger gehören alle Kapitalisten, Grund – und Bodenbesitzer, Kaufleute, Fabrikanten und Speculanten, der gesammte „hohe“ Beamtenstock und das übrige Gesindel, das sich auf Kosten des arbeitenden Volkes mästet, alle Staatsmänner und Officiere, überhaupt alle Stützen der Monarchien, welche als Träger eines verruchten Systems, dessen natürliche Folgen dieses Elend und Leiden für das arbeitende Volk sind, mitunter als Zielscheibe für die Bomben und Kugeln der Rächer des Volkes dienen.

Es ist nicht zu erwarten, daß edle aufopferungsfähige Männer, hingerissen von dem täglichen Anblick des unerträglichen Elends der Volksmassen, die Träger der Tyrannei und Volksknechtung schonend behandeln, auch wenn dieselben der Ueberzeugung sind, daß der Ausgang des Kampfes nicht einzig und ausschließlich von dem Schicksale der Führer abhängt, wohl aber deren Sturz geeignet ist, Verwirrung und Entmuthigung in die Reihen der ihnen folgenden Kreaturen zu bringen, dagegen die Reihen der Kämpfer für Freiheit und Recht zu stärken und die Letzteren mit neuem Muth zu beseelen.

Bei dem gewaltsamen Sturze eines Tyrannen durch Volkeshand erhebt die gesammte Meute der Blutsauger und Wucherer ein Geschrei „moralischer“ Entrüstung und muthet dem Volk zu, seinen Kampf der Befreiung vom Joch der Despotie mit „streng gesetzlichen“ Mitteln zu führen, also unter Beobachtung von Gesetzen, welche eigens zur Unterjochung des Volkes von seinen Unterdrückern gemacht wurden, und angesichts der Thatsache, daß die Tyrannen stets dem Gundsatz: „Im Krieg sind alle Mittel recht“ huldigen.

Doch Ihr Herrscher von Raub- und Schwindelstaaten, Euer Bemühen, die eigenen blutigen Waffen, zur Niederhaltung des nach Freiheit und Gerechtigkeit ringenden Volkes unter dem „gesetzlichen“ und „constitutionellen“ Deckmantel zu verbergen ist vergeblich, denn das Volk hat Euch erkannt und wird Euch zu bekämpfen wissen auf die wirksamste Weise, welche ihm gegenüber zu Gebote steht!

Glaubt Ihr Vertreter der „Ordnung“ und „Gesetze“ Beschützer von „Religion“ und „Eigenthum“, der „Moral“ und „Familie“; das arbeitende Volk habe den elenden Staatsstreich jenes feigen und verrätherischen Lumpen Napoleon III. vergessen? Diesen Meineidigen, der mit Eurer Hilfe unbewaffnete Männer ermordete, Tausende in die Verbannung jagte und dem Hungertode preisgab?

Glaubt Ihr, daß arbeitende Volk habe vergessen, wie Ihr in den Straßen von Paris 30,000 Männer, Weiber und Kinder auf die unmenschlichste Weise hinmordet?

Oder glaubt Ihr das Gedächtnis des Volkes sei so schwach, daß es sich nicht mehr aller Eurer Schandthaten erinnerte, welche Ihr zu jeder Zeit an ihm verübt habt?

Stets habt Ihr Diejenigen, welche für die Befreiung der arbeitenden Klassen eintraten, auf das scheußlichste verfolgt, eingekerkert und ermordet!

Alle Kriege und Hungersnöthe sind Euer Werk; für jeden unnütz vergossenen Blutstropfen seid Ihr verantwortlich!

Nur zu häufig hat die Arbeiterklasse Euren Versprechungen geglaubt und auf Eure Verheißungen gebaut, bis es endlich nach vielen bitteren Erfahrungen lernte, Euch die heuchlerische Maske herunterzureißen und Euch in Eurer wahren Gestalt zu hassen.

Es können nur noch Verräther an der Arbeitersache sein, welche dem Volk anrathen, auf friedlichen und gesetzlichen Wege die Erreichung seiner Ziele anzustreben, es auf Parlamentarismus und Kompromisse verweisen mit seinen Feinden, den kapitalistischen Ausbeutern und Wucherern, sowie den politischen Tyrannen.

Das Fundament der heutigen verfaulten Gesellschaft muß mit seinen Stützen und mit seinen Repräsentanten vollständig zerstört und vernichtet werden, was einzig und allein auf dem Wege der gewaltsamen Revolution geschehen kann.

Es lebe der sociale Krieg!

Aus: Der Rebell. Organ der Anarchisten deutscher Sprache, Nummer 1, Dezember 1881

Originaltext: http://anarchistischebibliothek.org/library/der-rebell-organ-der-anarchisten-deutscher-sprache-der-sociale-krieg


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