Pierre Ramus - Francisco Ferrer: Die moderne Schule

Die moderne Schule

Die "Escuela Moderna", die Ferrer im August 1901 in Barcelona eröffnete, war nicht die erste ihrer Art in Spanien. Die organisierte Freidenkerbewegung selbst hatte seit langem die dringende Notwendigkeit eingesehen, dem religiösen Aberglauben und seinen verderblichen Folgen durch rationalistische und nichtkirchliche Schulen entgegenzuarbeiten.

Bereits im Jahre 1885 wurde die nicht kirchliche Schule: "La Verdad" (Die Wahrheit) in San Felice de Guipolo gegründet. Sie war die am besten ausgestattete Schule der ganzen Stadt und wurde von einer großen Anzahl von Schülern besucht. 1888 errichtete der Freidenkerverein "Die Freunde des Fortschritts" in Madrid eine ähnliche Schule. Die Statuten des Vereins gaben als dessen Hauptzweck an: "Die Schaffung und die Verteidigung nichtkirchlicher Schulen für Knaben und Mädchen mit allen nötigen Klassen und Graden".

Auf dem internationalen Freidenkerkongreß im Jahre 1889 waren sechzig spanische Freidenkervereine vertreten, und aus dem vorgelesenen Bericht geht hervor, daß diese ihre Hauptaufgabe im Kampf für die nicht-kirchliche Erziehung sahen. Mehrere dieser Vereine erhalten nicht-kirchliche Schulen, und ihr Bestreben ist, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß der Religionsunterricht aus sämtlichen Volksschulen gänzlich verschwinden soll.

Dies war die Atmosphäre und Gefühlsrichtung betreffs der Religion in den Schulen während den paar Jahren von Versuchen und Vorbereitungen vor der Gründung der "Escuela Moderna". Während all dieser Zeit hatten Gruppen von fortgeschrittenen Denkern - Sozialisten, Anarchisten, Freidenker, Syndikalisten und Genossenschaftern - ihre Geldmittel gesammelt und vereinigt, ihre gemeinsamen Komitees gebildet, Schulen gegründet, Unterrichtsmaterial gekauft und Lokale gemietet, um sich selbst und ihre Kinder von Unwissenheit, Aberglauben und geistiger Sklaverei zu befreien. Sie waren entschlossen, selber das zu tun, was die Regierung nicht für sie tun wollte. Und als Ferrer 1901 sich ans Werk machte, die Bestrebungen der antiklerikalen Schulen einheitlich zu organisieren, dieselben mit neuen Textbüchern zu versehen und ihre Unterrichtsstunden auf das höchste Niveau der modernen Pädagogik zu erheben, war dies ein höchst empfindlicher Schlag für die Mächte des religiösen Aberglaubens und der klerikalen Herrschaft.

Der geistige Boden war also gut vorbereitet für die Saat die Ferrers Moderne Schule in Barcelona ausstreute. Sein großes Verdienst bestand nicht bloß darin, der Bewegung einen neuen Anstrich gegeben zu haben, sondern hauptsächlich darin, daß er seine Begeisterung, sein Vermögen, sein Organisationstalent der Aufgabe widmete, die bereits ausgestreute Saat zur Reife zu bringen, die Methoden des Unterrichts zu vervollkommnen, und den Schulen eine reiche und mannigfaltige Reihe von Textbüchern zu geben. Ferrers Moderne Schule war nicht die erste ihrer Art, aber jedenfalls die lebenskräftigste von allen nicht-kirchlichen Schulen Spaniens. Bald vermehrte sich die erste in Barcelona gegründete Schule, ihr Einfluß breitete sich aus, und im Jahre 1906 gab es in Katalonien und anderswo bereits sechzig Schulen nach ihrem Muster.

Betrachten wir nun die Grundzüge von Ferrers Bestrebungen und ihre praktische Durchführung. Im Manifest, das Ferrer anläßlich der Eröffnung der ersten Schule in Barcelona herausgab, äußerte er sich folgendermaßen über seine Ideen:

"Die eigentliche Frage besteht für uns darin, sich der Schule als des wirksamsten Mittels zu bedienen, um zur vollständigen geistigen, intellektuellen und wirtschaftlichen Befreiung der Arbeiterklasse zu gelangen. Wenn wir uns alle darüber einig sind, daß die Arbeiter, oder besser gesagt, die ganze Menschheit, nichts von irgend einem Gott oder irgend einer übernatürlichen Macht erwarten darf, können wir diese Macht durch eine andere, z.B. den Staat, ersetzen? Nein, die Befreiung des Proletariats kann nur das unmittelbare und selbstbewußte Werk der Arbeiterklasse selbst, ihres Willens zu lernen und zu wissen, sein. Wenn das arbeitende Volk unwissend bleibt, so wird es immer in der Knechtschaft der Kirche oder des Staates, d.h. des Kapitalismus, der diese zwei Mächte vertritt, verbleiben. Wenn es im Gegenteil seine Kraft aus der Vernunft und dem Wissen schöpft, wird sein wohlverstandenes Interesse es bald dazu bringen, der Ausbeutung ein Ende zu machen, damit der Arbeiter das Schicksal der Menschheit in seine Hände nehmen kann. Deshalb handelt es sich unserer Meinung nach vor allem darum, die Arbeiterklasse in die Lage zu versetzen, diese Wahrheiten zu verstehen.

Begründen wir ein Erziehungssystem, durch das das Kind rasch und leicht dazu gelangen kann, den Ursprung der wissenschaftlichen Ungleichheit, der religiösen Lüge, der verderblichen Vaterlandsliebe und der althergebrachten Gewohnheiten in der Familie und anderswo, die es in Sklaverei erhalten, zu erkennen. Es ist nicht der Staat, der Ausdruck des Willens einer ausbeuterischen Minderheit, der uns helfen kann, dieses Ziel zu erreichen. Dies zu glauben, wäre der verderblichste Wahnsinn.

Wenn ihr gute Kaufleute, geschickte Buchhalter, fähige Beamte haben wollt - mit einem Wort Leute, die bloß daran denken, sich ihre eigene Zukunft zu sichern, ohne sich um andere zu kümmern - dann wendet euch an den Staat, an die Handelskammern, an alle patriotischen Vereine und Gesellschaften. Wenn ihr aber eine Zukunft der Brüderlichkeit, des Friedens und des Glückes für Alle vorbereiten wollt - wie ihr es wollen müßt! - dann wendet euch an euch selber, an jene, die unter dem bestehenden System leiden und gründet Schulen wie die unsere, in der ihr alle Wahrheiten, die die Menschheit erworben hat, lehren könnt."

Das Programm der Schule gibt weiter Aufschlüsse über die Organisation und die in ihr erteilte Art des Unterrichtes:

Die Aufgabe der "Modernen Schule" ist: die ihr anvertrauten Kinder - Knaben und Mädchen - so zu erziehen, daß sie zu Männern und Frauen werden, die frei und selbständig denken und die Wahrheit und Gerechtigkeit lieben. Um dieses Ziel zu erreichen, ersetzt die Schule die dogmatische Methode der Theologie durch die vernunftgemäße Methode der Naturwissenschaft, mit der Absicht, die besonderen Fähigkeiten eines jeden einzelnen Schülers zu erwecken, zu entwickeln und zu kultivieren; so daß die angeborenen und verborgenen Fähigkeiten eines jeden Kindes vollen Spielraum erhalten und so dasselbe nicht nur ein nützliches Mitglied der Gesellschaft, sondern auch, dank seiner speziellen Erziehung, ein Werkzeug der geistigen und moralischen Hebung der Masse werden kann. Der Unterricht ist auf der fortschreitenden Entwicklung des Kindes aufgebaut und vermeidet alle atavistischen reaktionären Instinkte - Religion, Rassenfeindschaft, Klassenvorurteile, Kriegsleidenschaft und Vergeltungssucht -, die im Kinde das tote Gewicht der Vergangenheit darstellen und jeden freiheitlichen und zielbewußten Versuch zur Verwirklichung einer besseren Zukunft für die Menschheit vereiteln. Unser Unterricht erkennt weder Dogmen noch Gebräuche an, denn dies sind Formen, die das Leben des Gedankens in Schranken einzwängen, die durch die Forderungen vorübergehender gesellschaftlicher Zustände errichtet wurden.

Wir verbreiten nur die Ergebnisse, die durch die Tatsachen bewiesen, die Theorien, die durch die Vernunft bestätigt, die Wahrheiten, die durch unumstößliche Beweise bekräftigt sind. Der Zweck unseres Unterrichtes ist, daß das Denken der Menschen ein Werkzeug seines Willens werden soll. Wir wollen, daß die Wahrheiten der Wissenschaft in ihrem eigenen Lichte leuchten und das Denken eines Jeden erhellen, so daß dieser bei seiner Betätigung der Menschheit Glück schaffen kann, ohne daß, wegen der ungerechten Privilegien von Einigen, Andere dafür zu leiden haben.

Es ist unzweifelhaft, daß das Kind ohne irgend welche vorgefaßten Ideen auf die Welt kommt, und daß es während seines Lebens die Idee jener erwirbt, die es umgeben und sein Denken beherrschen. Des weiteren ändert das Kind seine Erfahrungen je nach seiner Beobachtungsfähigkeit und seine Ideen werden durch die Verhältnisse seiner Umgebung bestimmt. Es ist also klar, daß, wenn das Kind so erzogen werden kann, daß es von den wissenschaftlichen Wahrheiten über die Welt, die es umgibt, Kenntnis erhält, und beizeiten gewarnt wird, daß, um Irrtümern vorzubeugen, man unter keinen Bedingungen an irgend etwas blind glauben soll, sondern nur jene Wahrheiten anerkennen darf, die von der Wissenschaft bewiesen sind -daß sich sein Geist in einer dann für jegliches Studium günstigen Richtung entwickeln wird. Um also das Kind in die Lage zu versetzen, sich selbst ein unabhängiges Urteil über die verschiedenen Probleme des menschlichen Lebens zu bilden, ist es wichtig, daß dem Kinde alles, in der Natur und in den Büchern, so dargelegt werde, wie es in Wirklichkeit ist, und nicht so, wie es gewöhnlich in den Schulbüchern dargestellt wird, die bekanntlich mit religiösen und sozialen Vorurteilen getränkt sind. Die Kinder so zu erziehen, daß sie sich frei von Vorurteilen entwickeln, und solche Lehrbücher herauszugeben, um diesen Erfolg zu erzielen - dies ist der Zweck der Modernen Schule.

Ferrer nahm nicht den Standpunkt ein, daß die für die Kinder bestimmten Bücher nicht von Gott, Religion und anderen sozialen Dogmen reden sollten. Im Gegenteil, er war überzeugt davon, daß die rationalistische Schule alle diese Probleme besprechen kann und muß, um den Weg für das Kind von alledem frei zu machen und ihm, nach reiflicher Prüfung, seine eigene Abstammung und den Ursprung aller Leiden, die die Menschheit in Form der bestehenden Gesellschaftsordnung und ihrer Kämpfe, zum Bewußtsein zu bringen. Mit einem Wort, der Rationalismus in der Schule muß aus dem Kinde einen selbstbewußten Menschen machen, der seine eigene Natur und die Natur, die ihn umgibt, kennt, so daß er, getreu den Prinzipien, von welchen er durchdrungen ist, im Leben seiner Vernunft folgen und zum besten Wohle Aller handeln kann.

Die Ausführung dieses Programms blieb in nichts hinter dem Ideal zurück. Bereits in der ersten Abteilung, die aus ganz kleinen Kindern besteht, wurden die ersten Einführungselemente der literarischen und wissenschaftlichen Kenntnisse unterrichtet. In dieser, wie in allen übrigen Abteilungen werden ausschließlich die von der Schule selbst herausgegebenen Lehrbücher in die Hände der Kinder gegeben. Das erste Lesebuch ist zu gleicher Zeit die Fibel, Grammatik und ein illustriertes Handbuch der Entwicklung der Natur. In einfacher und dem Kinde leicht verständlicher Sprache wird darin der Gang der Weltentwicklung vom Atom bis zum Menschen geschildert. Dies letztere geschieht in der Form eines Gesprächs zwischen Kind und Lehrer, aus dessen Schlußsätzen wir einiges anführen wollen:


Schüler: Also warum besteht das Weltall?

Lehrer: Das Weltall besteht einfach deshalb, weil es besteht. Das Weltall ist die Allgemeinheit der Substanz. Die Wissenschaft zeigt uns, daß von dieser Substanz nicht das allerkleinste Teilchen geschaffen oder zerstört werden kann; die Substanz ist also unzerstörbar und ewig. Der Begriff der Ewigkeit macht aber die Idee einer Weltschöpfung unmöglich; die beiden sind unvereinbar. Wenn wir unter Weltall das gerade zur Zeit bestehende Weltall verstehen, können wir antworten, daß dieses Weltall deshalb besteht, weil die Substanz, d. h. alles, was ist, nämlich die Materie und die Energie, sich unaufhörlich verändert. Das Weltall ist zu jedem gegebenen Moment der Zustand der Materie und der Energie in diesem gegebenen Moment. Um also das Warum des bestehenden Weltalls recht zu verstehen, ist es notwendig, nachdem wir die Ewigkeit der Substanz festgestellt haben, deren Umwandlungen bis auf heute herab zu verfolgen; und dabei müssen wir alle eingebildeten Erklärungen vermeiden und uns ausschließlich auf die Beobachtung und Erfahrung stützen. Wenn wir so dargelegt haben, wie sich die Substanz verändert, hat uns dies gezeigt, warum das bestehende Weltall besteht, und warum es so ist, wie es ist.


Schüler: Ja, ich verstehe: Das Weltall ist der Begriff, den sich der Mensch von der Allgemeinheit der Substanz macht. Was für einen Nachteil brächte es aber zu sagen: Die Substanz ist Gott ?

Lehrer: Einen sehr großen. Das Wort Gott erweckt in uns den Gedanken an einen Schöpfer, eines phantastischen allmächtigen Wesens, und wenn die Substanz seit aller Ewigkeit besteht, kann sie nicht erschaffen worden sein, also kann auf diese Substanz unmöglich der kindische Begriff eines allmächtigen Herrschers angewendet werden. Die Zeiten der abergläubischen Furcht, in der die primitiven Völker lebten, sind vorüber. Wir wollen nicht metaphysische Erklärungen auf jene Tatsachen anwenden, deren Ursache wir erkennen können. Wir müssen zwischen den zwei Weltanschauungen: der dualistischen und der monistischen wählen.


Schüler: Was sind diese Weltanschauungen? Kannst du mir das erklären

Lehrer: Die dualistische Weltanschauung nimmt im Weltall einen Schöpfer an, d.h. ein Wesen außerhalb des Weltalls, das nicht das Weltall ist und das Weltall erschaffen hat. Aber dabei tauchen die Fragen auf: Wer hat diesen Schöpfer erschaffen? Wo war er und was tat er während der Ewigkeit., ehe die Welt erschaffen wurde ? Die Idee der Gottheit ist eine bloße Einbildung; und sie hat zur Folge, daß die Dualisten den großen Irrtum begehen, ihr Verhalten im Leben dem angeblichen Willen dieser unvernünftigen metaphysischen Hypothese unterzuordnen, sie das höchste Wesen zu nennen. Die monistische Weltanschauung gründet sich nicht auf eingebildete Spekulationen, sondern auf die Tatsachen der Wissenschaft. Sie nimmt nicht das Dasein eines Schöpfers an, sondern zieht ihre Schlußfolgerungen aus dem Bestehen und der Unvergänglichkeit der Substanz durch all ihre Umwandlungen hindurch.


Schüler: Und soll man mit der Idee der Gottheit zusammen auch alle Gedanken eines zukünftigen Lebens und einer unsterblichen Seele verwerfen?

Lehrer: Das ist unzweifelhaft. Diese Ideen leiten sich ab von der Hoffnung, nach der, im Gegensatz zu allen Ergebnissen, zu denen die Wissenschaft gelangt ist, gewisse Erscheinungen der Energie, die wir nur in der Tätigkeit von gewissen Organismen beobachten, in derselben Form weiterbeständen, auch wenn diese Organismen schon aufgehört haben zu funktionieren und sogar dann noch, wenn dieselben sich schon aufgelöst haben.


Schüler: Also du sagst, daß diese Hoffnung falsch ist?

Lehrer: Natürlich. Es ist leicht zu beweisen, daß das Dasein eines Individuums streng durch die Befruchtung einerseits und den Tod andererseits begrenzt ist. Außerhalb des Daseins des Individuums können wir uns kein Dasein für sich vorstellen. Deshalb müssen wir während unseres Daseins nach unserem Glück streben, anstatt uns "dem Schicksal" zu fügen und auf ein angebliches Dasein nach dem Tode zu hoffen. Hoffen wir, daß bald alle Menschen dazu gelangen, diese Wahrheiten zu begreifen, ohne die die Bestrebungen, eine vernünftige Gesellschaft zu begründen, erfolglos bleiben müssen.


Schüler: Was du gesagt hast, hat mich überzeugt. Ich werde von nun an auch einer jener sein, die bestrebt sind, zur Begründung einer vernünftigen Gesellschaft beizutragen ...


Ferrers Lesebuch wurde in kurzer Zeit in zwei Auflagen von je 10.000 Exemplaren vergriffen. Das Vorwort zur zweiten Auflage sagt mit Recht: "Wie wir es vorausgesehen, lernen die Kinder daraus zu gleicher Zeit sprechen, zu wissen und zu denken. Sie sind in dem Begriff, auf dem Weg des Beobachtens und des Zu-hörens, nicht nur die konventionellen Sachen, die im Gedächtnis haften bleiben, sondern auch die lebendigen Bilder der Ideen, die dem Mechanismus der Sprache Leben verleihen, in ihren Geist einzuprägen."

Geradezu vorzüglich ist das Lesebuch für die höheren Abteilungen; es führt die Schüler in die kritische Betrachtung der modernen staatlichen und kapitalistischen Gesellschaft ein, und wir lernen aus ihm den eigentlichen Zweck kennen, den Ferrer mit seiner Modernen Schule verband. Wir wollen hier einige charakteristische Stellen aus dem Lehrbuch wiedergeben:

"Das sicherste Mittel um unsere Irrtümer auszurotten, besteht darin, alles einer genauen und entschlossenen Prüfung zu unterwerfen, ohne daß wir im Vorhinein entgegengesetzte Ideen und Meinungen anerkennen. ( S. 152 ) .... Wenn die brutale Macht sich anmaßt, jedes gerechte, edle und hohe Gefühl zu unterdrücken, dann ist die Folge davon die Empörung. Wenn einige Menschen, kraft der Stellung, die sie einnehmen, anstatt eine Garantie für den freien Ausdruck der Gedanken zu sein, demselben unsinnige Hindernisse und Fesseln auflegen, kann die Anwendung von Gewalt nicht vermieden werden. (S. 154 )

Der Patriotismus, der Kapitalismus und die Religion bilden ein Netz, das die Persönlichkeit des Menschen erstickt und verkümmern läßt. ( S. 154 )

Die Wahrheit, die Gerechtigkeit und die Schönheit sind die drei großen Kräfte, die unsere Vernunft anziehen, die das Wesen unseres Fortschrittes bilden, die die Triebkraft und den Zweck unserer Entwicklung erklären. (S. 155 ) Wir suchen keine Bewunderer, wir machen uns nicht zu Götzenanbetern. Wir stürzen erbarmungslos Standbilder und Statuen. Wir schlagen alle heuchlerische Priesterschaft, alles scheinbar Heilige, alle Götzendienereien in Stücke. Nieder mit den Götzen aus Ton und Fleisch! Daß unser Gewissen, unser Denken sich nie dem Gewissen und dem Denken unterwerfe. (S. 158 ) Wir verabscheuen alles, was uns uneinig machen kann und lieben begeistert alles, was darauf hinstrebt, uns zu vereinen und zu verbrüdern. Das Gebot der Liebe ist das große Gesetz der Natur. ( S. 159 )

Ein Mensch kauft ein unbebautes und sumpfiges Stück Land. Er dingt Arbeiter, um es in guten Stand zu setzen und es zu bebauen, während er ruhig in der Stadt bleibt. Nach wenigen Jahren ist dieses unfruchtbare Land in einen guten Garten oder Acker umgewandelt und ist hundertmal so viel wert als damals, da es gekauft wurde. Die Söhne des Besitzers, die dieses Land erben, werden sagen, daß sie die Früchte der Arbeit ihres Vaters genießen; und die Söhne der Arbeiter - derer, die das Land in Wahrheit fruchtbar gemacht haben, werden fortfahren zu arbeiten und zu leiden. ( S. 161 )

Man kann eine Kraft nicht benützen, von deren Dasein man keine Kenntnis hat. Die Menschen konnten die Elektrizität, die sie umgab, sich nicht nutzbar machen, als sie dieselbe noch nicht kannten. Im Gegenteil haben wir kein Beispiel davon, daß sich die Menschen nicht sofort einer Kraft bedient hätten, die in ihrem Bereiche lag. Deshalb ist es notwendig, dem Proletariat seine eigene Kraft aufzudecken, ihm zu zeigen, daß es nicht schwach ist, daß es der stärkere Teil ist, daß es nicht gehorchen, nicht nachgeben, die Sklaverei nicht ertragen darf. ( S. 165 )

Die Religionen haben aus der Arbeit einen Fluch gemacht; die Herrschenden machten sie zu einem Joch; die Menschheit wird daraus ihre Freude und. ihren Stolz machen. Dann wird die Arbeit nicht mehr eine Schande und eine Qual sein, sondern der Ausdruck der menschlichen Freude in dem allgemeinen Glück. ( S. 165 )"


Aus diesen Bruchstücken läßt sich der Geist der Mondernen Schule am besten erkennen. Diesen Geist atmen sämtliche übrigen Textbücher (insgesamt 32), die über die verschiedensten Zweige des Wissens von den hervorragendsten Gelehrten Spaniens und Frankreichs, meistens direkt für die Schule, verfaßt wurden. Die meisten dieser Bücher, die in großen Auflagen und zu billigem Preis (gewöhnlich 1 - 2 Peseta) verbreitet wurden, sind mit einer Einleitung von Ferrer selbst versehen, und jede dieser Einleitungen wirft ein neues Licht auf seine Oberzeugungen und Ideale. Wir lassen einige der bemerkenswertesten folgen.

Da ist vor allem das Buch von Malvert: "Der Ursprung des Christentums", in welchem an Hand von historischen Dokumenten und Abbildungen dargetan wird, wie die Symbole, Gebräuche und Dogmen der christlichen Kirche sich seit vorgeschichtlichen Zeiten gebildet und entwickelt haben, bis sie schließlich von der Priesterkaste zu dem System zusammengewoben wurden, das heute als "Göttliche Offenbarung" für den Zweck benützt wird, die Menschen über ihr tatsächliches Elend hinwegsehen und so einer herrschenden Klasse dienstbar zu machen. Im Vorwort schreibt Ferrer folgendermaßen:

"Das Ziel des alten Erziehungssystems war, wenn auch nicht offen ausgesprochen, so doch tatsächlich, das folgende: den Menschen die Nutzlosigkeit des Wissens zu lehren, damit diese sich dem materiellen Entbehrungen des Lebens fügen, sich mit der erträumten Entschädigung eines ewigen himmlischen Glückes nach dem Tode begnügen und in der heiligen Furcht vor den ewigen Strafen erhalten bleiben. Deshalb pflegte es die Kinder mit Geschichten, Anekdoten, Reisebeschreibungen, Brocken von klassischer Literatur usw. zu unterhalten und ihnen einen Unterricht zu erteilen, in welchem Gutes und Nützliches mit Unwahrheiten vermischt war.

Aber all das führte zu einem ungerechten Gesellschaftszustand; denn die Geister wurden dadurch' ausschließlich mit mystischen Ideen genährt und so daran gewöhnt, zwischen einer übernatürlichen Macht und den Menschen die Vermittlung des Priesters dieser Macht anzuerkennen. Und diese Priester sanktionierten die Grundlagen ihrer privilegierten Stellung; sie rechtfertigten das Bestehen der privilegierten und enterbten Klassen und, aus diesem folgernd, alle Ungerechtigkeiten, unter welchen die Menschen - ein jeder in seiner speziellen Lebenslage - leiden. Die Moderne Schule ist im Gegenteil bestrebt, freie, verantwortliche Intelligenz heranzubilden, die befähigt sind, in vollständiger Entfaltung all ihrer menschlichen Fähigkeiten zu leben. Sie muß sich notwendigerweise ein vollkommen entgegengesetztes Ziel setzen; sie muß einzig und allein die bewiesene und beweisbare Wahrheit unterrichten, jegliche Lüge oder Fabel ablehnen und immer das Licht gegen die Dunkelheit begünstigen."


Um die zweite Hauptstütze des gesellschaftlichen Elends, das Dogma des Patriotismus und Militarismus zu bekämpfen, gab die Moderne Schule die Obersetzung von dem Anarchisten Jean Grave, gew. Redakteur der Zeitschrift "Temps Nouveaux" gesammelten Aussprüche und Urteile über Krieg und Militarismus heraus. Im Vorwort schreibt Ferrer: "Dieses Buch erscheint uns äußerst nützlich, um das Gefühl der Gerechtigkeit, das beim Kinde noch nicht verdorben worden, zu verstärken und um die Kinder gegen die eigennützigen und böswilligen Einflüsse der Privilegierten zu schützen .... Die Moderne Schule vertraut bei der Herausgabe dieser Sammlung antimilitaristischer Gedanken aus der internationalen Literatur der Richtigkeit ihrer Absichten und dem guten Willen all jener Lehrer und Lehrerinnen, die überzeugt sind, daß der Krieg die verbrecherischeste Verwirrung der Menschheit und der Militarismus der Vollzieher dieses Verbrechens ist - und daß beide in der Gesellschaft das Vorrecht der Herrschenden aufrecht erhalten. Sie hofft, daß alle Erzieher die Pflicht in sich spüren, alle ihre Zöglinge davon zu überzeugen, daß der auf sozialer Gerechtigkeit begründete Frieden das höchste Gut ist, das die Menschheit anstreben kann, und daß derselbe in der Brüderlichkeit, in der kommenden gerechten Gesellschaft seinen höchsten Lohn findet."

Ein anderes hochwichtigstes Buch ist "Die Universal-Substanz" von Paraf-Javal und A.Bloch. Dieses kleine, sehr einfach geschriebene Buch löst die Lebensrätsel in ihre einfachsten natürlichen Bestandteile auf, damit die Grundlagen des Zauber- und Wunderglaubens wissenschaftlich gestürzt und aus dem menschlichen Denken hinweggefegt werden können. Ferrer betrachtet dieses Werk als das wichtigste unter den Ausgaben der Modernen Schule. Im Vorwort sagt er:

"Es war notwendig, einen Damm zu errichten gegen den Einfluß, der durch Vererbung und Atavismus in der Familie und in der Schule, infolge der Unwissenheit der Eltern und Freunde und bestärkt durch die unvernünftigen Unterrichtsmethoden auf das Kind ausgeübt wird. Die Moderne Schule, im Bewußtsein dessen, daß die Religion eine bestehende soziale, politische und wirtschaftliche Tatsache ist, mit der man rechnen muß, hat beschlossen, sowohl den Kindern, wie ihren Lehrern, die geistigen Waffen zu liefern, die dieses Buch bietet, um sie fähig zu machen, dem Ansturm des Aberglaubens zu widerstehen. Zu gleicher Zeit wird das Kind dazu ermutigt, selbst zu denken und seine Persönlichkeit in Wesen und Ausdruck zu entwickeln.

Der Unterricht ist bis in den kleinsten Teil auf diesem Prinzip gegründet. Wenn das Kind an seinem Pult in der Schule sitzt, wenn es sich an den nahen Wäldern oder am Meeresstrand mit seinen Kameraden und Lehrern ergeht, wenn es mit ihnen eine Fabrik in der Stadt, oder eine technische Anlage oder ein wissenschaftliches Laboratorium besucht - immer wendet man sich vor allem an seine eigene persönliche Beobachtung, um in ihm das denkende Interesse für alle verschiedenartige Gegenstände, die es umgeben, zu erwecken. Anstatt seinen Kopf mit Kenntnissen vollzustopfen, versucht man, dieselben sich aus seinem eigenen Bewußtsein entwickeln zu lassen, so daß sie die Folgen seines selbständigen vernünftigen Denkens sind. So wird der Unterricht zum Zusammenarbeiten, zur Kameradschaft zwischen Schüler und Lehrer. Durch diese rationellen Methoden wird der Geist des Kindes so entwickelt, daß er für alles Schöne und Gute empfänglich bleibt."


Welch prachtvolle Früchte diese in des Wortes edelstem Sinne anarchistische Erziehung in der geistigen Entwicklung der einfachen kleinen Kinder trägt, davon können uns die in einem besonderen Buche der Modernen Schule gesammelten und herausgegebenen Aufsätze der Schüler (Knaben und Mädchen von durchschnittlich zehn bis zwölf Jahren) eine Probe geben.

In ihrer köstlichen Naivität spiegeln sie getreulich das Denken und Fühlen dieser kleinen frei heranwachsenden Menschen wieder, die nicht durch Furcht vor Strafen und Autorität und durch gedankentötendes Eintrichtern unverstandener und vorurteilsvoller Meinungen anderer verkrüppelt und zugrunde gedrillt worden sind. Diesen vielen und zahlreichen Aufsätzen entnehmen wir die folgenden:

1. DAS MIKROSKOP. Die Wissenschaft des Altertums blieb zurück, denn als Mittel der Beobachtung hatte sie nur das bloße Auge. Heute verfügen wir über das Mikroskop, und mit diesem sehen wir die Keime von vielen Krankheiten, und wie die tierischen und pflanzlichen Organismen zusammengesetzt sind. Das Mikroskop ist eine Erfindung der freien Menschen; die Fanatiker der Religion sind nicht fähig Erfindungen zu machen, denn sie schreiben alles ihrem Gott zu.

2. DIE PRIESTER. Die Priester sagen, daß man der Wissenschaft keinen Glauben schenken und nicht ihren Lehren gemäß leben darf. Sie sagen, daß es einen allmächtigen Gott gibt; aber wenn er alles tun kann, Warum erlaubt er dann, daß die Reichen die Armen ausbeuten ?

3. DIE POLIZEI. Die Polizei verhaftet die Unglücklichen, die für ihre Familie ein Brot stehlen, sperrt sie ins Gefängnis und macht so das Elend größer.

4. DAS WIRTSHAUS. Wie schade, daß es so viele Wirtshäuser und so wenig Freie Schulen gibt. In den Wirtshäusern betrinken sich die Männer und verzehren den Unterhalt ihrer Familie. Die Frauen leiden darunter und werden krank, in Folge dessen treiben sich die Kinder, schlecht genährt und schlecht gekleidet, auf den Straßen herum, lernen weder Lesen noch Schreiben und gegen denselben Weg wie ihre Väter.

5. DER KRIEG. Die Menschen sollten nicht gegen einander kämpfen. Die Waffen wurden von den Menschen erfunden, um ihre Mitmenschen zu beherrschen, anstatt daß sie nützliche Werkzeuge zum Fortschritt der Menschheit erfunden hätten. Man redet viel vom kriegerischen Ruhm, aber dieser Ruhm ist nur für die Befehlshaber da, denn die Soldaten, die für jene arbeiten, kehren, wenn sie nicht auf dein Schlachtfelde sterben, mit einem Auge, einem Arm, einem Fuß weniger nach Hause zurück. Der Erfinder einer Mordmaschine ist stolz auf sein Werk; man gibt ihm sogar Belohnungen; und so vertieren sich die Menschen mit dem Krieg, anstatt sich besser zu machen.

6. DIE RELIGION. Die Religion hat die Menschheit immer auf falsche Wege geführt. Anstatt die Kinder denken und einander lieben zu lehren, lehrt sie beten, und jene, die töten, zu bewundern. Sie will, daß man an Wunder glaubt, wo es doch bewiesen ist, daß in der Welt sich alles aus natürlichen Ursachen erklären läßt. Die Religion war immer das Unglück der Menschheit, sie ist die Ursache der Ausbeutung und der Kriege. Wenn wir die Anhänger einer jeden der unzähligen Religionen fragen, welche wahr ist, antworten sie alle: "die unsrige". Und das beweist, daß sie alle falsch sind.

7. DAS GELD. Infolge des Geldes gibt es Arme und Reiche; die Besitzenden beuten die Arbeiter aus, und während die einen sich bis zum Übermaß sättigen, fehlt es den anderen an Brot, an Kleidern, an Wohnung. Gäbe es kein Geld, könnten alle die Früchte ihrer Arbeit mit einander austauschen und das Notwendige besitzen, während jetzt jener, der arbeitet, Entbehrungen leidet, und jener, der nichts produziert, alles im Überfluß besitzt. Das Geld macht die Menschen herrschsüchtig und bringt die Ungleichheit hervor.

8. DIE SCHMAROTZER. Schmarotzer nennt man gewisse tierische oder pflanzliche Organismen, die auf Kosten anderer leben und keinerlei Arbeit zum Leben beitragen. So gibt es auch in der menschlichen Gesellschaft Schmarotzer; da gibt es Arbeiter, aus deren Arbeit sich die Reichen nähren und welch ersteren schließlich der Priester alles wegnimmt.

9. DAS REGIMENT. Eines Tages, als ich auf der Straße ging, sah ich ein Regiment Soldaten. Sie taten mir so leid, daß ich, als sie mir nahe waren, auf die andere Seite der Straße lief. Mit Schmerzen sah ich, daß die Leute herbeieilten, um diese Schar von Sklaven vorbeigehen zu sehen, und daß auch die Schulkinder sie bewundern kamen. Das zeigt, daß das Volk roh ist und daß es, statt den Weg des Fortschrittes zu gehen, noch lieber hat, unglückliche Sklaven zu sehen.

10. DER STIERKAMPF. Ich begreife nicht, wie heute viele ein Vergnügen daran finden können, die Tiere leiden zu sehen. Dieses Vergnügen ist eine Frucht der Unwissenheit. Wenn alle den entsprechenden Unterricht erhielten, wie wir, gäbe es keine Stierkämpfe mehr.

11. DER MODERNE FORTSCHRITT. In unseren Zeiten gibt es Erfindungen, die der Wissenschaft und der Vernunft zu verdanken sind. Die Menschen fangen an, fortzuschreiten, wenn sie die alten Vorurteile ablegen. Die Religion steht im Gegensatz zu Wissenschaft. Wie konnte sie mit Galilei anerkennen, daß die Erde feststeht und die Sonne um dieselbe herumgeht?

Eine freie und glückliche Kindheit! Dies ist der Weg, auf  welchem die Kämpfer für eine freie und glückliche Menschheit heranwachsen werden. Dieses Ideal war es, dem Ferrer ohne Unterlaß nachstrebte. Aus dem Gefängnis (anläßlich seiner ersten Verhaftung im Jahre 1906) schreibt er an Professor Heaford darüber: "Ich habe mich nach einigen Monaten dieser humanitären und wissenschaftlichen Erziehung überzeugen können, was für Männer und Frauen emporwachsen werden, wenn wir den Kindern eine rationelle Erziehung geben. Es war eine Freude zu sehen, wie sich zwischen Knaben und Mädchen in Freundschaft und gegenseitiger Achtung das Gefühl der Kameradschaft entwickelte. Die herrlichsten Beziehungen bestanden zwischen den Lehrern und ihren Schülern, da alle von dem Wunsche durchdrungen waren, eine ideale Gesellschaft zu verwirklichen, deren Grundlagen die gegenseitige Zuneigung und Solidarität ist."

Ferrers erste Verhaftung

Man kann sich leicht vorstellen, welch eine Furcht und Wut die Priesterschaft und die Regierung erfaßte, als sie die Ausdehnung sah, die der Einfluß dieser echten Modernen Schulen im ganzen Lande gewann. Von den Kanzeln der Kirchen und in den klerikalen und konservativen Blättern wurde Ferrer als der ärgste Verbrecher, als der Teufel in menschlicher Gestalt dargestellt; es gab keine Schandtat, der man diesen schlichten hochsinnigen Mann nicht bezichtigt hätte.

Man mußte mit allen Mitteln eine Gelegenheit finden, um ihn unschädlich zu machen. Und als am 31. Mai 1906 Matteo Morral eine Bombe vor den Hochzeitswagen des Königs Alfons XIII. warf - die bekanntlich das Königspaar unverletzt ließ - war es selbstverständlich, -daß Ferrer als der "geistige Urheber" dieses Attentats hingestellt wurde. "Diese Verbrechen werden sich wiederholen, so lange man in Spanien die Freiheit des Lesens, der Lehre und des Denkens aufrechterhält; sie ist es, woraus alle diese antisozialen Ungeheuer entstammen", schrieb eine religiöse Zeitschrift, das "HERZ JESU" in Bilbao, charakteristisch für den Geisteszutand des spanischen Klerikalismus.

Nachdem er ein Jahr im Untersuchungsgefängnis zugebracht wurde Ferrer vor einen Zivilgerichtshof gestellt. Die Anklage war mit allen Mitteln bestrebt, durch erkaufte Zeugen, gefälschte Dokumente und Beeinflußung der Richter, der Geschworenen und der öffentlichen Meinung, seine Verurteilung zum Tode oder zumindest zu lebenslänglichem Kerker zu erwirken. Aber der Gerichtshof brauchte, um wenigstens konventionell die Form zu wahren, Beweise für seine Schuld. Der Staatsanwalt erklärte schließlich, er hätte keine Beweise, daß Ferrer am Attentat mitschuldig sei, "aber er habe die moralische Gewißheit darüber".

In einem seiner Briefe aus dem Gefängnis schrieb Ferrer: "Ein jeder denkt, daß ich sicher freigesprochen werde, Becerra del Torro (der Staatsanwalt) aber erklärt, daß er meinen Kopf will, weil er glaubt, daß ich von den Absichten Morrals Kenntnis gehabt habe. Wer kann sagen, wer siegen wird: Die Wahrheit oder Becerra del Torro mit seinen Jesuiten? Mittlerweile beklage ich mich nicht, denn je länger ich im Gefängnis bleibe, desto stärker wird sich die Bewegung zu Gunsten der Modernen Schule entfalten, und es ist mir lieber, das dem so sei."

Ferrer sollte sich diesmal nicht getäuscht sehen. In der Tat brach unter den Völkern aller Länder ein solch einmütiger Entrüstungssturm der freiheitlich und gerecht denkenden Menschen und besonders des revolutionären Proletariats aus, daß die spanische Herrscherclique ihre politischen und finanziellen Interessen dadurch gefährdet sah und es für weiser hielt, für diesmal von ihrem Mordanschlag auf Ferrers Leben abzustehen. Mangels aller Beweise war der Gerichtshof schließlich gezwungen, Ferrer freizusprechen und ihm sein Vermögen, auf das man es hauptsächlich abgesehen hatte, zurückzuerstatten.

Während seines Aufenthaltes im Gefängnis hat Ferrer, um die Langeweile zu verscheuchen, in Gedanken stets mit seinen Prinzipien beschäftigt, die folgenden, für seine Geistesart sehr charakteristischen Sentenzen an die Mauer seiner Zelle geschrieben:

"Habt nie von anderen etwas zu bekommen! Gedenket stets, daß die Schlauen und Machtvollen, selbst wenn sie euch die schönsten Dinge geben, euch zu Sklaven machen! Danach zu suchen, die Übereinstimmung aller Menschen auf Liebe und Brüderlichkeit zu gründen, ohne Unterschied des Geschlechtes oder der Klasse, darin besteht die große Aufgabe der Menschheit. Ihr haben wir alle uns gewidmet in den rationalistischen Schulen, in denen wir unsere Schüler nur das lehren, was auf wissenschaftlicher Wahrheit beruht. Diese gleichen Wahrheiten, verbürgt als solche durch Erfahrung und die Lehren der Geschichte, werden schließlich den enterbten Klassen den Weg zum Freiheitssiege weisen. Die arbeitenden Klassen werden sich erst dann aus der Sklaverei befreien, wenn sie, von ihrer Stärke überzeugt, die Führung ihrer Angelegenheiten in ihre eigenen Hände nehmen, ohne noch den begünstigten Klassen zu vertrauen, von ihnen etwas zu erwarten.

Wären die Menschen schon Vernunftwesen, so würden sie keinerlei Ungerechtigkeiten gegen sich oder ihre Mitmenschen dulden, noch könnten sie einen Wunsch empfinden, Ungerechtigkeiten zu begehen. Keinen Göttern oder Ausbeutern Verehrung und Dienstbarkeit! Statt dessen: lernen wir alle, einander zu lieben! Mein Ideal ist, zu lehren - nur das zu lehren, was vernunftgemäß und wissenschaftlich - so zu lehren, wie die "Escuela Moderna" es tut, deren Lehre Menschlichkeit und Würde verleiht.

Ein Weib leidenschaftlich lieben und ein Ideal zu haben, dem ich dienen kann; den Wunsch haben, dafür zu kämpfen, bis ich gesiegt habe - wonach sonst kann ich verlangen oder mich sehnen?

Physisch, geistig und moralisch kerkert die Schule Kinder ein, um die Entwicklung ihrer Anlagen in gewünschte Pfade zu leiten. Die heutige Erziehung ist nichts als ein Drill. Ich liebe die freie Spontanität des Kindes und verabscheue die geistige Unförmigkeit des Kindes, das unserer gegenwärtigen Erziehung unterworfen ist. So lange keine Änderung des Systems eingetreten ist, das sich bis in die Gegenwart erhält, solange keine Anstrengung gemacht wird, die Verbrechen, die heute der Bestrafung anheim fallen, unter allen umständen zu verhüten, nämlich durch Errichtung einer verbrüdernden Organisation der Gesellschaft - so lange wird jedermann, verurteilt im Namen der Justiz, ungerecht verurteilt sein."

Grundlagen der freien Erziehung

Nach seiner Enthaftung widmete sich Ferrer mit erneuter Kraft seiner Lebensaufgabe. Er hatte im Gefängnis den nachfolgenden Aufsatz verfaßt, der gewissermaßen als ein Bekenntnis seiner Oberzeugung und ein Programm seines Wirkens anzusehen ist. Derselbe erschien unter dem Titel: Der wissenschaftliche Rationalismus

Als wir vor sechs Jahren (1901) die große Freude erlebten, die Moderne Schule von Barcelona eröffnen zu können, haben mit Nachdruck hervorgehoben, daß das Unterrichtssystem derselben vernunftgemäß und wissenschaftlich sein wird. Unser Hauptbestreben war vor allem, das Publikum darauf aufmerksam zu machen, daß, da wir die Vernunft und die Wissenschaft als das Gegenmittel für alle Dogmen ansehen, in unserer Schule keinerlei Religion unterrichtet werden wird.

Wir wußten, daß wir mit diesem Entschluß den Haß der Priesterklasse gegen uns heraufbeschworen, und daß dieselbe uns mit allen Mitteln bekämpfen wird, welche gewöhnlich von jenen angewendet werden, die ausschließlich von der Lüge und dem Betrüge leben und es so gut verstehen, den Einfluß, den ihnen die Unwissenheit ihrer Getreuen und die Macht des Staates verschafft, zu mißbrauchen.

Je mehr man uns die Waghalsigkeit zeigte, welche darin lag, sich so offen der herrschenden Kirche entgegenzustellen, desto mehr Mut fühlten wir in uns, um in unserem Unternehmen auszuharren; denn wir waren überzeugt, daß, je größer ein Obel und je mächtiger eine Tyrannei ist, umso mehr Kraft nötig ist, dieselbe zu bekämpfen, umso mehr Energie man daran wenden muß, sie zu zerstören.

Das allgemeine Wutgeschrei, das sich in der klerikale Presse gegen die Moderne Schule erhoben hat - und dem ich wahrscheinlich ein Jahr Gefängnis verdanke - hat uns bewiesen, daß, vertrauend auf die Vortrefflichkeil dieser Unterrichtsmethode, wir alle freiheitlich Denkenden mit neuer Begeisterung erfüllen müssen, um das Werk mit größerer Entschlossenheit als je fortzusetzen, um es, so weit nur unsere Kräfte reichen, zu vergrößern und zu verbreiten.

Wir müssen aber bemerken, daß die Aufgabe der Modernen Schule nicht auf den Wunsch beschränkt ist, aus den Gehirnen, die religiösen Vorurteile zu entfernen. Es ist wahr, daß dieselben vielleicht am meisten der geistigen Befreiung der Menschen im Wege stehen, aber ihre Zerstörung kann nicht genügen, um uns die Vorbereitung einer freien und glücklichen Menschheit zu sichern; denn man kann sich ein Volk ohne Religion, aber gleichzeitig ohne FREIHEIT vorstellen. Wenn sich die Arbeiterklasse vom religiösen Vorurteil befreit, aber das Vorurteil des Privateigentums, so wie dasselbe heute besteht, bewahrt; wenn die Arbeiter dem Märchen Glauben schenken, welches behauptet, daß es immer Reiche und Arme geben wird; wenn sich der freigeistige Unterricht damit begnügen muß, Kenntnisse über Hygiene und Naturwissenschaften zu verbreiten und einzig und allein gute Lehrlinge, gute Handlungsgehilfen, gute Angestellte, gute Arbeiter, gute Bürger in allen Arbeitszweigen zu erziehen, können wir ganz gut Atheisten sein und können, soweit die kärgliche Nahrung, die wir mit unseren elenden Löhnen uns beschaffen können, es erlaubt, ein mehr oder weniger gesundes und kräftiges Leben zu führen - aber wir werden immer die Sklaven des Kapitals und des Staates bleiben.

Die Moderne Schule will alle Vorurteile bekämpfen, welche die vollständige Befreiung der Menschen verhindern. Deshalb wendet sie sich an die menschliche Vernunft, das heißt, sie will den Kindern den Wunsch einimpfen, den Ursprung aller gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten zu erkennen, damit sie dieselben dann ihrerseits bekämpfen und ihnen widerstehen können.

Unser Freidenkertum bekämpft die brudermörderischen Kriege, die inneren, so wie die äußeren; der Freiheitsbegriff, den die Moderne Schule lehrt, bekämpft die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen; die Knechtschaft des Weibes ; er bekämpft somit alle Feinde der menschlichen Harmonie: die Unwissenheit, die Schlechtigkeit, den Hochmut und andere Laster und Fehler, welche die Menschen in Unterdrücker und Unterdrückte teilen.

Der vernunftgemäße und wissenschaftliche Unterricht der Modernen Schule umfaßt, wie man sieht, das Studium all dessen, was die Freiheit jedes Einzelnen und die Harmonie der Gesamtheit fördert zur Erreichung eines Gesellschaftszustandes des Friedens, der Liebe und des Wohlstandes für Alle, ohne Unterschied der Klassen und Geschlechter.

Francisco Ferrer Carcel Modelo de Madrid, den 1. Juni 1907

Die Erneuerung der Schule

Für jene, die die Erziehung der Kindheit erneuern wollen, bieten sich zwei Mittel zum Handeln dar: An der Umgestaltung der Schule zu arbeiten durch das Studium des Kindes, um wissenschaftlich zu beweisen, daß die bestehende Organisation des Unterrichtes fehlerhaft ist und um stufenweise Verbesserungen einzuführen; oder neue Schulen zu gründen, in welchen unmittelbar jene Grundsätze angewendet werden, die die Herkömmlichkeiten, Vorurteile, Grausamkeiten, Betrügereien und Lügen, auf denen die heutige Gesellschaft aufgebaut ist, verdammen.

Die erstere Art bietet jedenfalls große Vorteile. Sie entspricht einer entwicklungsgemäßen Auffassung, die die Männer der Wissenschaft verteidigen werden, und die ihrer Ansicht nach die einzige ist, die zum Ziele führt. In der Theorie haben sie Recht; und wir sind bereit, dies anzuerkennen. Es ist augenscheinlich, daß die Beweisführungen der Psychologie und Physiologie wichtige Veränderungen in den Erziehungsmethoden herbeiführen müssen; daß die Lehrer, wenn sie das Kind besser verstehen, ihren Unterricht den natürlichen Gesetzen besser anpassen können werden. Ich gebe sogar zu, daß diese Entwicklung in der Richtung der Freiheit vor sich gehen wird, denn ich bin überzeugt, daß der Zwang nur das Ergebnis der Unwissenheit, ist und daß der Erzieher, der wirklich dieses Namens würdig ist, alles durch das freiwillige Entgegenkommen des Kindes erreichen wird, denn er wird die Wünsche des Kindes kennen und wird dessen Entwicklung unterstützen, indem er dieselbe einfach so weit als möglich befriedigt. Aber im wirklichen Leben glaube ich nicht, daß jene, die für die Befreiung der Menschheit kämpfen, viel von diesem Mittel erwarten können. Die Regierungen haben zu jeder Zeit darauf Bedacht genommen, daß sie in der Erziehung des Volkes die Oberhand haben. Sie wissen besser als irgend jemand, daß ihre Macht beinahe ausschließlich auf der Schule beruht. Deshalb bemächtigen sie sich mehr und mehr derselben.

Die Zeiten sind vorüber, wo sie sich der Verbreitung des Lernens widersetzten oder die Erziehung der Massen einzuschränken suchten. Diese Taktik war für sie ehedem möglich, denn das wirtschaftliche Leben der Völker gestattete die Unwissenheit des Volkes, jene Unwissenheit, welche die Herrschaft so leicht macht. Doch die Umstände haben sich geändert. Der Fortschritt der Wissenschaften und die Erfindungen aller Art haben eine Umwälzung in den Arbeits- und Produktionsverhältnissen herbeigeführt. Es ist heutzutage nicht mehr möglich, daß das Volk unwissend bleibt; es ist notwendig, daß es wohlunterrichtet sei, damit die wirtschaftliche Lage eines Landes der internationalen Konkurrenz standhalten und fortschreiten kann.

Von diesem Augenblick an wollen die Regierungen den allgemeinen Volksunterricht, sie wollen eine immer vollkommenere Organisation der Schule; nicht, weil sie durch die Errichtung die Erneuerung der Gesellschaft erhoffen, sondern weil sie Menschen, Arbeiter, vervollkommnetere Arbeitswerkzeuge brauchen, um aus den industriellen Unternehmungen und den darin angelegten Kapitalien Profit zu gewinnen. Und man sieht, wie nun die reaktionären Regierungen dieser Bewegung Folge leisten. Sie begreifen vollkommen, daß die alte Taktik für das wirtschaftliche Leben der Nationen gefährlich wurde, und daß man die Volkserziehung den neuen Bedürfnissen anpassen müsse.

Aber es wäre ganz falsch, anzunehmen, als ob die Regierenden nicht die Gefahren vorausgesehen hätten, die aus der intellektuellen Entwicklung des Volkes für sie erwächst, und daß sie die Mittel ihrer Herrschaft ändern müssen. Ihre Methoden haben sich auch den neuen Gegebenheiten des Lebens angepaßt, und sie haben darauf hingearbeitet, die Leitung der sich entwickelnden Ideen in ihrer Hand zu behalten. Indem sie sich bemühen, den Glauben auf welchem ehemals die gesellschaftliche Disziplin aufgebaut war, zu erhalten, versuchten sie, den Ideen, die aus den wissenschaftlichen Forschungen entstanden, eine Bedeutung zu geben, welche den bestehenden Einrichtungen nicht schaden kann. Und dafür haben sie sich der Schule bemächtigt. Sie, die früher die Sorge um die Erziehung des Volkes den Priestern überließen, weil diese für eine solche Aufgabe vollkommen geeignet waren, nahmen nun überall die Leitung der Schulorganisation selbst in die Hand.

Für sie befand sich die Gefahr im Erwachen der menschlichen Intelligenz, angesichts eines neuen Lebens, im Erwachen, in der Tiefe des Bewußtseins, des Willens zur Befreiung. Es wäre Wahnsinn gewesen, gegen diese sich entwickelnden Kräfte anzukämpfen; man mußte sie in die gewünschten Bahnen lenken. Für diesen Zweck haben sie, statt bei dem alten Verfahren aller Regierungen zu verharren, neue, ersichtlich erfolgreiche Methoden angewendet.

Man brauchte kein Genie zu sein, um einen Ausweg zu finden; der einfache Zwang der Tatsachen brachte die Leute, die die Macht in Händen hielten, zum Verständnis dessen, was man gegen die auftauchenden Gefahren tun müßte. Sie gründeten also Schulen, arbeiteten daran, das Wissen mit vollen Händen zu verbreiten, und wenn es auch welche unter ihnen gab, die sich im Anfang dieser Bewegung widersetzten - denn die verschiedenen bekannter Strömungen begünstigten einige der einander bekämpfenden politischen Parteien - so begriffen sie alle doch bald, daß es besser sei, nachzugeben, und daß die beste Taktik darin besteht, durch neue Mittel den Schutz ihrer Interessen und Grundsätze zu sichern. In Folge dessen brachen sehr erbitterte Kämpfe um die Eroberung der Schule aus; in jedem Land dauern die Kämpfe noch an; hier ist es die republikanische und bürgerliche Gesellschaftsordnung, die siegt, anderswo ist es der Klerikalismus. Alle Parteien wissen, was auf dem Spiele steht und schrecken vor keinem Opfer zurück, um sich den Sieg zu sichern. Der Kampfruf von allen ist: "Für und durch die Schule".

Und das gute Volk muß gerührt sein von so viel Fürsorge. Alle Welt will seine Erhebung durch den Unterricht, also sein Glück. Ehemals konnten gewisse Leute ihm sagen: "Jene dort trachten dich in Unwissenheit zu halten, um dich besser ausbeuten zu können; wir wollen, daß du wohl unterrichtet und fei sein sollst." Jetzt ist dies nicht mehr möglich; man baut Schulen an allen Ecken, unter allen möglichen Flaggen.

Dieser einmütige Umschwung in den Ideen der Herrschenden in Bezug auf die Schule ist die Ursache, daß ich ihrem guten Willen nicht traue; und dies erklärt für mich die Tatsachen, auf denen mein Zweifel beruht, den ich über Wirksamkeit der von gewissen Reformatoren vorgeschlagene Erneuerungsmittel hege, übrigens kümmern sich diese Reformatoren im allgemeinen wenig um die gesellschaftliche Bedeutung der Erziehung; es sind Menschen, die sehr begeistert der Erforschung der wissenschaftlichen Wahrheit obliegen, aber bei ihren Arbeiten alle die Erwägungen abseits schieben, die dem Objekt ihrer Studien fremd sind. Sie arbeiten mit Ausdauer daran, das Kind kennen zu lernen und werden dahin gelangen, uns sagen zu können - ihre Wissenschaft ist noch jung -, welche Methoden der Erziehung am besten geeignet sind, die volle harmonische Entwicklung des Kindes herbeizuführen. Ich glaube aber, daß diese einigermaßen berufliche Gleichmütigkeit der Sache gegenüber, der sie nützen wollen, dieser sehr abträglich ist.

Ich glaube nicht im geringsten, daß sie sich der Tatsachen der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht bewußt sind, und ich weiß, daß sie von ihrer Arbeit die besten Erfolge für das allgemeine Wohl erhoffen. Sie sagen: "Indem wir daran arbeiten, die Geheimnisse des menschlichen Lebens aufzudecken, daß wir den Prozeß seiner normalen geistigen und körperlichen Entwicklung untersuchen, werden wir der Erziehung ein System geben, das der Befreiung aller Kräfte nur zuträglich sein kann. Wir wollen uns unmittelbar mit der Erneuerung der Schule beschäftigen; als Gelehrte können wir dies ja nicht tun, da wir noch nicht genau bestimmen können, was zu tun ist. Wir werden langsam, Stufenweise, vorgehen, und wir sind davon überzeugt, daß die Schule sich im Maße unserer Entdeckungen, durch den Druck der Verhältnisse selbst, ändern wird. Wenn ihr uns fragt, was wir, als Menschen, von der Zukunft erhoffen, so sind wir mit euch darin einer Meinung, daß wir eine Entwicklung im Sinne einer großen Befreiung des Kindes und der Menschheit durch die Wissenschaft vorhersehen; aber auch in diesem Falle sind wir davon überzeugt, daß unsere Arbeit vollkommen für diesen Zweck wirkt und denselben auf dem schnellsten und geradesten Weg erreichen wird."

Dieser Gedankengang ist augenscheinlich logisch, und niemand wird demselben widersprechen wollen. Und dennoch ist darin ein großer Teil Selbsttäuschung enthalten. Ja, wenn nur die Regierenden als Menschen dieselben Ideen hätten wie die wohlgesinnten Reformatoren; wenn sie wirklich darum besorgt wären, daß sich die Gesellschaft fortwährend in dem Sinne umgestalte, daß die Knechtschaft jeder Art allmählich verschwindet- dann könnte man behaupten daß die Arbeiten der Wissenschaft für sich allein das Los der Völker verbessern können. Aber dies ist bei weitem nicht der Fall. Wir wissen allzu gut, daß jene, die sich gegenseitig die Macht streitig machen, bloß die Erhaltungt ihrer eigenen Interessen im Auge haben, daß sie sich nur darum kümmern, für sich selbst den Sieg zu erringen und ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Es ist lange her, seitdem wir aufgehört haben, ihren Worten zu glauben, mit welchen sie ihr Absichten verhüllen. Einige naive Leute wollen noch nicht zugeben, daß bei ihnen jede Aufrichtigkeit aufgehört hat und bilden sich ein, sie wollten manchmal doch auch das Glück ihrer Mitmenschen; aber die Anzahl dieser Leichtgläubigen wird immer kleiner, und das vernunftgemäße Denken unserer Zeit läßt es nicht mehr zu, daß wir uns über die wahren Absichten jener, die uns regieren, hinwegtäuschen.

So wie sie, als die Notwendigkeit der Volkserziehung sich geltend machte, es verstanden haben, sich anzupassen, so daß diese Erziehung zu keiner Gefahr für sie werde - ebenso werden sie es verstehen, die Schule den neuen Grundsätzen der Wissenschaft gemäß neu zu organisieren, damit nichts ihre Herrschaft gefährden kann, Dies sind freilich Ideen, die bei vielen schwer Eingang finden; aber man muß von nahe gesehen haben, was vorgeht und wie die Sachen in der Wirklichkeit geschehen, um sich nicht durch hochtönende Worte betrügen zu lassen.

Ah! Was hat man nicht alles erhofft und was erhofft man noch von der allgemeinen Volkserziehung und dem Schulzwang! Die Mehrzahl der Fortschrittsmenschen erwartet alles davon, und es ist nur in dieser letzten Zeit, daß einige anfangen, zu begreifen, daß diese Dinge uns nur Illusionen geben. Man bemerkt, daß diese Kenntnisse, die erworben werden, in Wirklichkeit nutzlos sind; man bemerkt, daß man vergebens gewartet und gehofft hat. Dies ist deshalb der Fall, weil die Organisation der Schule, weit entfernt dem Ideal zu entsprechen, das man sich so gern von ihr schafft, heutzutage aus der Volkserziehung das mächtigste Mittel der Knechtung in den Händen der Herrschenden macht.

Ihre Lehrer sind bloß die bewußten oder unbewußten Werkzeuge der Herrschenden und sind übrigens selber nach deren Grundsätzen gebildet; sie haben von Jugend auf und stärker als sonst irgend jemand die Disziplin der Autorität erduldet; jene, die den Fängen der Herrschaft entgangen sind, sind sehr selten; überdies bleiben diese Wenigen machtlos, denn die Organisation der Schule hält sie fest unter ihrem Zwange, daß sie nicht anders können als fügen.

Ich will hier nicht dieser Organisation den Prozeß machen. Sie ist genugsam bekannt, um mit einem Wort gezeichnet zu werden: Z W A N G . Die Schule sperrt die Kinder körperlich, intellektuell und moralisch in ein Gefängnis, um die Entwicklung ihrer Fähigkeiten in der gewünschten Richtung zu leiten. Sie entzieht den Kindern die Berührung mit der Natur, um sie nach ihrem Gutdünken zu formen. Und dies ist die Erklärung für alles, was ich hier gesagt habe; die Fürsorge, die die Regierungen aufwenden, um die Erziehung der Völker zu leiten, ist die Vernichtung der Hoffnungen alle freiheitliebenden Menschen.

"Es lebe die freie Schule!", waren seine letzten Worte. So starb der spanische Vorkämpfer der weltlichen, freien Schule; ein Opfer seiner Idee, ein Opfer des Klerikalismus.

Als die Ermordung Ferrers bekannt wurde, durchflutete eine Welle der Empörung die ganze Welt. Überall kam es zu gewaltigen Demonstrationen, in den romanischen Ländern auch zur Arbeitsniederlegung als Protest gegen den infamen Schurkenstreich der Finsterlinge. In Paris ereigneten sich blutige Unruhen vor der spanischen Botschaft. Sogar die deutsche Intelligenz raffte sich damals auf, um gegen den Justizmord des katholischen Kirchenstaates Spanien an Francisco Ferrer Stellung zu nehmen. Spanien stand am Schandpfahl der öffentlichen Meinung, aber Ferrer lebte nicht mehr.

(Anm.: Francisco Ferrer wurde am 13.10.1909 nach der blutigen Repression gegen eine Streikwelle von ArbeiterInnen in Spanien hingerichtet. Seine Ermordung sorgte weltweit für Empörung)

Zu dem Fall Ferrer berichtete die Presse folgendes:

"Das Unglaubliche, Ungeheuerliche ist geschehen: der spanische Freidenker Francisco Ferrer ist gestern vormittag in Vollstreckung des gegen ihn gefällten Todesurteils erschossen worden. Das ist nicht bloß ein nackter Justizmord, eine Verhöhnung der Gerechtigkeit und aller Rechtsformen...." (Frankfurter Zeitung, 14. 10. 1909)

Francisco Ferrer Verhaftung"Blutdurst umnebelt das Gehirn der spanischen Pfaffen, der spanischen Regierung, des spanischen Königs. Denn unerklärlich wäre sonst die Frechheit, mit der sie der ganzen öffentlichen Meinung Europas Trotz zu bieten wägen. Sie haben sich nicht nur unterfangen, Francisco Ferrer vor das Kriegsgericht Barcelonas zu stellen, weil sie wußten, daß der Schuldlose von jedem ordentlichen Gericht freigesprochen werden mußte. Sie haben Schlimmeres verübt und den Mann, dem nichts zur Last fällt, als daß er in dem Lande der Analphabeten und der Mönche für eine moderne, religionslose Schule gekämpft hat, den Pfaffen als Schlachtopfer preisgegeben ". (Vorwärts, Berlin, 14.10.1909)

"Der feige Justizmord auf der spanischen Bergfeste Montjuich hat in der ganzen Welt Abscheu und Entrüstung hervorgerufen. Der Name des Ermordeten, Francisco Ferrer, wird in allen Erdteilen genannt, und sein trauriges Geschick hat in allen Ländern heftige Proteste gegen das Schreckensregiment des fanatischen spanischen Klerus ausgelöst, der nach Rache für den Barcelonaer Klostersturm schreit und alle jene vor die Schranken des Kriegsgerichts schleppt, die durch ihre antiklerikale Agitation seinen Haß herausgefördert haben....Als ein Mann, der das Mönchsregiment bekämpft hat, der, obgleich unschuldig, mit Festigkeit für seine Anschauungen in den Tod gegangen ist, vordient Ferrer unsere volle Sympathie. " (Vorwärts, Berlin, 17.10.1909)

"Die Verantwortlichen sind die Jesuiten, also die Kardinale Merry del Val und Vives. Wenn die Verurteilung Ferrers von den Jesuiten gewollt war, wenn die Jesuiten schuld sind an dem Entsetzen, das in einer Stunde die ganze zivilisierte Welt ergriffen hat, wenn die Jesuiten noch einmal der Welt ein Beispiel wilder Grausamkeit geboten haben, so verlangt es die Gerechtigkeit, daß man die Behandlung, die man den spanischen Gesandten und Konsuln angedeihen lassen will, ihnen zugedacht werde. Wir haben das Glück, in Rom zwei Jesuiten der echt spanischen Maske zu besitzen, Merry del Val und Vives y Tuto, die auch den Kardinalpurpur tragen; sie sind es, die ihren Einfluß gegen daj neue Italien auf den Vatikan geltend machen, die vielleicht Pius -X. untersagt haben, die Begnadigung Ferrers zu erlangen. Deshalb muß der Aufenthalt in Italien den beiden Herren unmög lich gemacht werden. Denket daran !" (Avanti, Rom, 14.10.1909 )

Aus: Erstveröffentlichung in "Die Befreiung" Nr. 7 u.f.,1966

Originaltext: http://www.twokmi-kimali.de/texte/Ramus_Ferrer_die_moderne_Schule.htm


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