Thesen zur AG "Antipädagogik - oder die Kraft der Negation" (Libertäre Tage 1993)

I. Es gibt in der pädagogischen Diskussion seit den 70er Jahren in der BRD wohl keine Ideen und Konzepte, die die Theorie und Praxis von Bildung und Erziehung, sprich: Pädagogik, mehr herausgefordert, provoziert und in Frage gestellt haben, wie die Antipädagogik und Kinderrechtsbewegung.

Entgegen den späten 70er und frühen 80er Jahren, ist es derzeit jedoch eher ruhig in der Auseinandersetzung "Antipädagogik contra Pädagogik" geworden. Es scheint, als ob die "Sturm und Drang-Jahre" dieser Diskussion vorüber sind und der pädagogische Alltag mit mehr "Mut zu Erziehung" wieder die Diskussion prägt:

  • Die (akademische) Erziehungswissenschaft hat Anfang der 80er Jahre ihre Pflicht- und Panikauseinandersetzung geführt und kann sich nun wieder der traditionellen und in gewohnten Bahnen bewegenden (akademischen) Erziehungsdiskussion zuwenden;
  • der ehemalige zentrale Mentor der Antipädagogik, Ekkehard von Braunmühl
  • teilweise aber auch Alice Miller, was die Bedeutung der Psychoanalyse für die Antipädagogik betrifft - hat sich seit Mitte der 80er Jahre aus der Diskussion zurückgezogen bzw. vertritt neue Thesen;
  • die Zeiten von spektakulären Einzelaktionen wie die öffentliche Zeugnisverbrennung (1980), die medienwirksame Proklamation des "Deutschen Kindermanifests" (1980) oder des "Kinder-Doppelbeschlusses" (1984) scheinen vorbei zu ein;
  • die antipädagogische "Bestseller-Publizistik" von Autoren wie Ekkehard von Braunmühl oder Alice Millers gehört der Vergangenheit an. Bestseller-Auflagen erreichen dagegen derzeit Bücher wie die von der Kinderpsychologin Jirina Prekop mit ihrem Elternratgeber "Der kleine Tyrann" (14 Auflagen der Hardcoverausgabe mit einer Auflagenhöhe von weit über 100.000 Exemplaren im Zeitraum von 1988 bis 1991; seitdem als Taschenbuchausgabe mit ebenfalls mehreren Auflagen seit 1991). Und trotzdem hat die Antipädagogik einen "Stachel im Fleisch" der Pädagogik hinterlassen, der heute spürbar ist und auch an Bedeutung gewinnt:
  • Es gibt heute immer mehr Einrichtungen der Erwachsenenbildung (z. B. Volkshochschulen), die sich in Vorträgen und Seminaren der erziehungsfreien Lebensführung widmen und damit einem immer größer werdenden Interesse an erziehungskritischen Fragestellungen nachkommen;
  • an Universitäten ist ein zunehmendes Interesse seitens der Studenten am Konzept der Antipädagogik auszumachen und zeigt sich beispielsweise in Einladungen von Antipädagogen zu Gastvorträgen und in entsprechenden Examensarbeiten;
  • die heute in Gestalt des Münsteraner Förderkreises "Freundschaft mit Kindern" mit Hubertus von Schoenebeck institutionalisierte Antipädagogikbewegung weitet ihr Seminar- und Beratungsprogramm ständig aus, führt bereits im Ausland Öffentlichkeitsarbeit für eine erziehungsfreie Lebensführung durch (z. B. in Polen, Holland, Schweiz) und gründete die ersten erziehungsfreien Lebensgemeinschaften, in denen Antipädagogik als umfassendes "Lebensprinzip" umgesetzt wird;
  • trotz aller gegenläufiger Tendenz sind Teile der akademischen ErziehungswissenschaftlerInnen seit der Antipädagogikdebatte sensibel für eine neue, radikale und grundlegende Erziehungs- und Pädagogikkritik geworden und führen bis heute eine mehr oder weniger intensive öffentliche Diskussion darüber (z. B. Heinrich Kupffer, Hermann Giesecke, Wolfgang Hinte, Freerk Huisken).


Diese zwei Aspekte prägen heute, nach ca. 20 Jahren Kinderrechtsbewegung (in den USA) und Antipädagogikdebatte (in der BRD seit 1975), den Stand der Auseinandersetzung. Das heißt: Weder "vom Ende der Erziehung" noch vom "Ende der Antipädagogik" kann heute gesprochen werden. Eine Tendenz wird jedoch immer deutlicher: In dem Maße, wie die gesellschaftliche und politische Entwicklung die heutige Wissenschaften vor neue Aufgaben, Erklärungen und Lösungen stellt und diese einklagt, in dem Maße täte die Pädagogik gut daran, "heilige Kühe" zu schlachten, wenn sie weiterhin daran interessiert ist, öffentliche Legitimation zu erlangen. Pädagogik und Erziehungswissenschaft sind ein hoch subventioniertes Konstrukt, von dem behauptet wird, das es einen wichtigen gesellschaftlichen Nutzen erfüllt. Jedoch: Ist die Welt seit der "Erfindung der modernen Pädagogik" vor etwa 400 Jahren besser, gerechter und lebenswerter geworden? Das Problem der heutigen Pädagogik ist vor allem eine Legitimationskrise im Zeitalter der "Postmoderne". Es muß heute mehr denn je die Frage gestellt werden, ob Pädagogik in der Lage ist, die an sie gestellten Aufgaben mit dem traditionellen Instrumentarium und den klassischen Werten lösen zu können.

Pädagogik hat eine Verpflichtung übernommen und trägt das Banner des Edlen, Guten und Wahren stets und gerne vor sich her um sich zu rechtfertigen. Die Pädagogik und die PädagogInnen legitimieren sich mit gesellschaftlicher Verantwortung und entsprechend muß diese Verantwortung auch ständig überprüft werden. Die Pädagogik kann sich momentan jedoch immer weniger hinter einer Ideologie (Scheintheorie) oder einen Beamteneid zurückziehen - sie wird von der Öffentlichkeit zunehmend in die Pflicht genommen und gerät unter Legitimationsdruck.

In diesem Sinne könnte die Antipädagogik mehr sein als "nur" eine Herausforderung an die Pädagogik: Sie wird zum notwendigen Bestandteil pädagogischen Denkens und Handelns um Bildung und Erziehung vor den gröbsten Fehlern zu bewahren. Die Pädagogik selbst - dies lehrt die Geschichte - kann dies aus eigener Kraft nur selten erfüllen. Das heißt: Antipädagogik als kritische Instanz und Praxis wird maßgeblich zum Überleben der Pädagogik im Zeitalter der "Postmoderne" beitragen können, gewollt oder nicht, bewußt oder unbewußt. So stellt sich nach "20 Jahren Antipädagogik" in erster Linie die Frage, wie der erziehungsfreie Impuls gesellschaftlich umgesetzt werden kann, welche Praxis aus der Theorie folgt. Der Streit um die Theorie und Semantik, der vor allem publizistisch ausgetragen wurde, ist heute sinnlos geworden. Die Praxis muß überzeugen - und hier tun sich sowohl PädagogInnen als auch AntipädagogInnen nach wie vor schwer.

Ulrich Klemm

September 1992

Originaltext: http://www.anarchismus.de/libertaere-tage/lt1993/infomappe/klemm2.htm


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