Was ist Faschismus? Teil 4: Die Verbreitung faschistischen Gedankenguts im übrigen Europa der Zwischenkriegszeit

Vorbemerkung

Neben den gemeinhin als Verkörperungen des klassi­schen Faschismus wahrgenommenen Herrschaftssystemen, die von Anfang der 1920er bis Ende der 1930er Jahre in Ita­lien, Deutschland und Spanien errichtet wurden, entstanden in den knapp zwei Jahrzehnten zwischen den beiden Welt­kriegen fast europaweit faschistische Bewegungen. Die we­nigsten gelangten aus eigener Kraft an die Macht, einige ver­mochten Massen zu mobilisieren, andere kamen nicht über den Status einer Splitterpartei hinaus. Die sozialen Träger­schichten, weltanschaulichen Ausprägungen und politischen Strategien der nationalen Faschismen hingen stark von den jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Vorzeichen ab.

Der folgende Streifzug durch allgemein weniger bekannte Ka­pitel der europäischen Faschismusgeschichte soll im Rahmen der Herausarbeitung entsprechender Unterschiede und Paral­lelen den Blick für die Kernelemente faschistischen Denkens und Handelns schärfen helfen.

Mittel- und Südosteuropa


Österreich

Die wirtschaftliche und politische Ausgangslage der Ersten Republik

Mit der militärischen Niederlage, die Österreich-Ungarn an der Seite des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg er­litt, zerfiel die seit 1867 bestehende Doppelmonarchie. Am 11. November 1918 erklärte der aus dem Hause Habsburg stammende Kaiser Karl I. (1887–1922) seinen Verzicht auf die Fortführung der Staatsgeschäfte. Tags darauf wurde die par­lamentarisch-demokratische Republik Österreich ausgerufen.

Die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Startbedingun­gen stellten sich überaus problematisch dar. So musste der auf das deutsch-österreichische Kernland beschränkte Staat nicht nur ohne die nun zur Tschechoslowakei gehörenden In­dustriezentren Böhmens auskommen, sondern war auch von seinen traditionellen Rohstoffgebieten und Absatzmärkten abgeschnitten. Zahlreiche Unternehmen erwiesen sich dieser Krisensituation nicht gewachsen. Die hierdurch verursachte Massenarbeitslosigkeit erfuhr im Zuge der Heeresdemobili­sierung sowie der Entlassung etlicher überflüssig geworde­ner Verwaltungsbeamter eine zusätzliche Verschärfung. Zur Überwindung der ökonomischen Schwierigkeiten galt über die Grenzen der politischen Lager hinweg ein staatliches Zu­sammengehen mit dem Deutschen Reich als wünschenswert.

Eine solche Entwicklung wurde jedoch seitens der Sieger­mächte kategorisch ausgeschlossen. Die Stabilisierung der Verhältnisse oblag daher in erster Linie zwei einander zutiefst misstrauenden politischen Kräften, und zwar der Sozialdemo­kratischen Arbeiterpartei (SDAP) sowie der Christlichsozia­len Partei (CS). Die SDAP strebte auf dem Papier in marxis­tischer Tradition die Errichtung der Diktatur des Proletariats an, verfolgte aber tatsächlich einen Reformkurs. Nichtsdes­ totrotz gelang es ihr, die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) klein zu halten und den Großteil der österreichischen Arbeiterbewegung hinter sich zu versammeln. Die 1893 vom späteren Wiener Bürgermeister und bekennenden Antisemi­ten Karl Lueger (1844–1910) aus der Taufe gehobene CS hatte bis zu deren Untergang die monarchische Ordnung gestützt und warb für den Aufbau eines nach Berufsgruppen geglie­derten Ständesystems als „wahrer Demokratie“. Anfang 1919 rauften sich SDAP und CS zu einer Großen Koalition zusam­men, die allerdings schon im Jahr darauf zerbrach. Die CS re­gierte fortan mit rechten Bündnispartnern, während sich ihr Verhältnis zur Sozialdemokratie dramatisch verschlechterte.

Gewalt spielte eine immer größere Rolle im Rahmen der po­litischen Auseinandersetzung. Beide Seiten versuchten sich hierbei mit Hilfe paramilitärischer Verbände zu behaupten. So wurde aus den Reihen der Sozialdemokratie 1923 der „Re­publikanische Schutzbund“ gebildet, wohingegen die CS auf die Dienste der „Heimwehr“ zurückgriff.

Die „Heimwehr“

Die „Heimwehr“-Bewegung entstand nach Ende des Ers­ten Weltkrieges, als sich insbesondere in ländlichen Gebie­ten und Kleinstädten nationalistische Soldaten, Bauern und Studenten zur Sicherung der neuen Grenzen und Abwehr sozialrevolutionärer Tendenzen zusammenschlossen. Als Inbegriff der „roten Gefahr“ wurde von ihnen der „Republi­kanische Schutzbund“ betrachtet. Der Konflikt zwischen den beiden Wehrverbänden begann Anfang 1927 zu eskalieren.

So starben im burgenländischen Schattendorf am Rande ei­ner gewalttätigen Konfrontation ein achtjähriger Junge und ein Kriegsinvalide durch Kugeln, die „Heimwehr“-Mitglieder abgefeuert hatten. Ein Wiener Gericht sprach die Todesschüt­zen Mitte Juli 1927 frei, woraufhin eine wütende Menschen­menge das Justizgebäude in Brand setzte. Die regierende CS zeigte sich in der Folge keineswegs um Deeskalation bemüht, sondern trieb vielmehr den Ausbau der „Heimwehr“ weiter voran. Führende Köpfe der rechten Miliz, allen voran ihre Leitfigur Ernst Rüdiger von Starhemberg (1899–1956), wähn­ten die Organisation jedoch stark genug, um sich als eigen­ ständige Partei zu etablieren. Nachdem sie sich im Rahmen des so genannten Korneuburger Gelöbnisses Mitte Mai 1930 zu den Prinzipien des italienischen Faschismus bekannt hat­te, trat sie im darauffolgenden November zu den Parlaments­wahlen an. Mit einem Ergebnis von sechs Prozent konnte die Heimwehr doppelt so viele Stimmen auf sich vereinen wie ihre schärfste Konkurrenz innerhalb des Lagers der extremen Rechten, die österreichische NSDAP.

Die NSDAP in Österreich

In Österreich existierte schon seit 1918 in Gestalt der „Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei“ (DNSAP) eine Organisation, die nicht nur den Namen, sondern mit der Hakenkreuzfahne auch das Symbol der NSDAP vorwegnahm. 1926 kam es zum Bruch zwischen einem kapitalismuskriti­schen, ein gewisses Maß an innerparteilicher Demokratie einfordernden Flügel und einer Gruppe überwiegend jün­gerer, von Adolf Hitler faszinierter Mitglieder, die einen ös­terreichischen Ableger der NSDAP ins Leben riefen. Mit den negativen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf das ökonomische und soziale Gefüge der Alpenrepublik wuchs die Anhängerschaft der dortigen Nazi-Sektion. So erzielte die NSDAP bei im Frühjahr 1932 abgehaltenen Kommunal- und Landtagswahlen mit einem Stimmanteil von 16,4 Prozent ei­nen spektakulären Erfolg. Zunächst dominierten allerdings andere faschistische Kräfte die Entwicklung Österreichs.

Errichtung des „Ständestaates“

Während die NSDAP für einen „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich eintrat, plädierten Christsoziale und „Heimwehr“ für die Wahrung der österreichischen Souverä­nität unter Anlehnung an das faschistische Italien. Als der CS-Funktionär Engelbert Dollfuß (1892–1934) für seine Ernennung zum Bundeskanzler einen Bündnispartner benötig­te, ließ sich denn auch die „Heimwehr“ im Mai 1932 nicht lange bitten. Dollfuß gab sich aber keineswegs mit dem ihm im Rahmen des parlamentarisch-demokratischen Systems zu­ stehenden Handlungsspielraum zufrieden. Stattdessen sorgte er im März 1933 für die Auflösung des Parlaments, um fortan die Regierungsgeschäfte auf Grundlage eines 1917 erlassenen „kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes“ zu führen. Gleichzeitig setzte eine gegen die Opposition linker wie rech­ter Prägung gerichtete Repressionswelle ein. So wurden bin­ nen weniger Monate weit reichende Versammlungsverbote und eine Pressezensur verhängt, die KPÖ, der „Republikani­sche Schutzbund“ und die NSDAP in die Illegalität gedrängt und „Anhaltelager“ zur Internierung politischer GegnerInnen eingerichtet. Als Machtbasis gründete Dollfuß im Mai 1933 eine durch das italienische Vorbild inspirierte faschistische Partei. Während die CS in der „Vaterländischen Front“ (VF) aufging, fungierte die „Heimwehr“ als Miliz der neu geschaf­fenen Organisation. Seine weltanschauliche Zielsetzung defi­nierte Dollfuß, indem er am 11. September 1933 den Aufbau eines „sozialen, christlichen, deutschen Staates Österreich auf ständischer Grundlage und starker autoritärer Führung“ pro­pagierte. Das ihm vorschwebende Gesellschaftsmodell orien­tierte sich an der Lehre des konservativen Nationalökonomen Othmar Spann (1878–1950), der den Parlamentarismus durch eine autoritär gelenkte Ständeordnung ersetzt wissen wollte.

Um diese Bestrebungen außenpolitisch abzusichern, einigte sich das Dollfuß-Regime Mitte März 1934 in den „Römischen Protokollen“ mit den Führungen Italiens und Ungarns auf eine enge wirtschaftliche und politische Kooperation. Die verbotene NSDAP reagierte auf die Bemühungen, sich ge­genüber dem „Dritten Reich“ zu behaupten, am 25. Juli 1934 mit einem vergeblichen Umsturzversuch, der Dollfuß das Le­ben kostete. Da Mussolini daraufhin demonstrativ Truppen am Brenner aufmarschieren ließ, distanzierte sich Hitler von den gescheiterten Putschisten. Der Dollfuß-Nachfolger Kurt Schuschnigg (1897–1977) erhielt hierdurch eine Atempause, konnte vor dem Hintergrund der wenig später eingeleiteten deutsch-italienischen Annäherung den „Anschluss“ aller­dings letztlich nicht verhindern. Am 12. März 1938 marschier­ten von jubelnden Menschenmassen begrüßte Verbände der Wehrmacht in Österreich ein, tags darauf trat das „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ in Kraft.

Ungarn

Ausrufung und Zerschlagung der Räterepublik

Nach dem Zerfall der Habsburger Doppelmonarchie er­folgte in Ungarn die Gründung einer kurzlebigen Republik linksbürgerlicher Prägung, an deren Stelle am 21. März 1919 eine von sozialdemokratischen und kommunistischen Kräf­ten getragene Räterepublik trat. Die dem sowjetrussischen Beispiel nacheifernde Revolutionsregierung unter Béla Kun (1886-1939) leitete umfangreiche Verstaatlichungen in die Wege und nahm den militärischen Kampf gegen bis dahin un­garisches Territorium beanspruchende Nachbarstaaten auf.

Zusätzlicher Druck wurde auf sie durch eine konservative Gegenregierung, der primär Offiziere, Beamte und Kleinade­lige angehörten, ausgeübt. Mit dem Einmarsch rumänischer Truppen in Budapest endete am 1. August 1919 die Räteherr­schaft. Nachdem am 16. November 1919 die kurz zuvor formierte ungarische Nationalarmee mit Admiral Miklós Horthy (1868–1957) an der Spitze Einzug in die Hauptstadt gehalten hatte, brach eine Phase „weißen Terrors“ an, der zahlreiche tatsächliche und vermeintliche Revolutionäre zum Opfer fie­len. Offiziell wurde das Königtum wieder eingeführt, faktisch hielt jedoch als „Reichsverweser“ Horthy die machtpoliti­schen Fäden in der Hand.

Das Horthy-Regime

Horthy bekleidete die Schlüsselposition eines strikt au­toritär ausgerichteten Machtapparates, der nur notdürftig mit einem parlamentarisch-demokratischen Mäntelchen ver­sehen wurde. Die Ausgangslage des Horthy-Regimes war ähnlich schwierig wie die der österreichischen Nachkriegsregierung. So büßte Ungarn aufgrund der ihm seitens der Sie­germächte auferlegten Friedensbedingungen rund 70 Prozent seines Territoriums und mehr als 60 Prozent seiner Bevölke­rung ein. Die ohnehin noch in einem recht frühen Entwick­lungsstadium befindliche ungarische Industrie verlor den Zugang zu langjährigen Rohstoff- und Absatzgebieten. Der Agrarsektor war dringend modernisierungsbedürftig, doch Großgrundbesitzer mussten unter Horthy ebenso wenig um ihre Privilegien fürchten wie Industrielle. Mit systematischer Unterdrückung sahen sich neben der Arbeiterbewegung hin­gegen insbesondere ungarische Jüdinnen und Juden konfron­tiert, die zirka sechs Prozent der Gesamtbevölkerung aus­ machten. So schränkte etwa ein 1920 eingeführter Numerus clausus die Zahl jüdischer StudentInnen und Staatsbediens­teter ein. Im Dezember 1938 ergingen antisemitische Verord­nungen, die deutliche Parallelen zu den Nürnberger „Rassen­gesetzen“ Nazi-Deutschlands aufwiesen. Diese an Aggression zunehmende Judenfeindschaft war einerseits Ausdruck ei­nes christlich unterfütterten Nationalismus. Darüber hinaus korrespondierte sie aber auch mit einer immer engeren An­bindung an das „Dritte Reich“, von dem das Horthy-Regime sich Hilfe bei der Rückgewinnung zwangsweise abgetretener Gebiete versprach. Das sich u. a. im 1940 vollzogenen Beitritt zum Dreimächtepakt Deutschlands, Italiens und Japans manifestierende Zusammengehen mit dem NS-Staat zahlte sich für Ungarn insofern aus, als es sich Teile der Slowakei und Rumäniens sichern konnte. Die Befriedigung weiterer Gebietsansprüche erhoffte sich die ungarische Führung von der militärischen Unterstützung des deutschen Balkanfeldzu­ges sowie des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion.

Mit der spätestens Anfang 1943 an der Ostfront eintretenden Kriegswende setzte allerdings ein Umdenken ein. Horthy ver­fiel nun in eine Art „Schaukelpolitik“, indem er nach diplo­matischen Wegen eines Ausgleichs mit den Alliierten ohne Preisgabe der erzielten Gebietsgewinne suchen ließ. Als dar­ aufhin deutsche Truppen Ungarn besetzten, schlug im Herbst 1944 die eigentliche Stunde des ungarischen Faschismus in Gestalt der so genannten Pfeilkreuzler.

Die „Pfeilkreuzler“ und ihre Mitwirkung an der Shoah

1935 entstand auf Betreiben des wegen seiner politischen Umtriebe aus der ungarischen Armee entlassenen General­ stabsoffiziers Ferenc Szálasi (1897–1946) durch Zusammen­schluss diverser faschistischer Splittergruppen die „Partei des Nationalen Willens“, die sich zwei Jahre später nach ihrem Emblem in „Pfeilkreuzler“ umbenannte. Szálasi vertrat einen sowohl religiös als auch rassistisch fundierten Hungarismus, dem eine führende Rolle bei der von ihm angestrebten Neu­ordnung Europas zugedacht war. Menschen jüdischer Ab­stammung galten Szálasi als nicht integrierbar in ein nach seinen Vorstellungen errichtetes Gesellschaftssystem. Neben dem Antisemitismus zählte antidemokratisches und anti­kommunistisches Gedankengut zu den Kernelementen seiner Weltanschauung. Im Gegensatz zu den meisten übrigen fa­schistischen Bewegungen, die sich primär auf eine dem Mit­telstand entstammende Anhängerschaft stützten, zeichneten sich die „Pfeilkreuzler“ durch einen hohen Grad an proleta­rischer Prägung aus. So kamen um die 40 Prozent ihrer rund 250.000 Mitglieder aus diesem Milieu. Entsprechend erzielten die „Pfeilkreuzler“ im Rahmen 1939 abgehaltener Parlaments­wahlen, bei denen sie insgesamt zirka 18 Prozent der abge­gebenen Stimmen erhielten, ihre stärksten Ergebnisse in den Budapester Arbeiterbezirken. An die Macht gelangten sie aber erst mithilfe deutscher Besatzungstruppen, die Mitte Oktober 1944 Horthy absetzten und Szálasi zum Ministerpräsidenten und „Führer“ ausriefen. Die „Pfeilkreuzler“ zeigten sich er­kenntlich, indem sie Adolf Eichmann (1906–1962), dem nach Ungarn geeilten bürokratischen Hauptorganisator der Shoah, bereitwillig Unterstützung bei der Verschleppung zahlreicher jüdischer Landsleute in das Vernichtungslager Auschwitz leisteten. Etwa 50.000 ungarische Jüdinnen und Juden wurden von ihnen eigenhändig vor Ort ermordet. Darüber hinaus be­teiligten sich die „Pfeilkreuzler“ an den Kampfhandlungen ge­gen die unaufhaltsam vorrückende Rote Armee. Szálasi über­ lebte zwar den Krieg, wurde aber am 12. März 1946 wegen der ihm zur Last gelegten Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Budapest hingerichtet.

Rumänien

Errichtung einer Königsdiktatur

Im Gegensatz zu Österreich und Ungarn hatte Rumänien im Ersten Weltkrieg auf der siegreichen Seite gekämpft und war hierfür mit erheblichen territorialen Zugewinnen ent­lohnt worden. Nichtsdestotrotz sah das Land sich in der Zwi­schenkriegszeit ebenfalls massiven ökonomischen Problemen ausgesetzt. Der die rumänische Wirtschaft dominierende Ag­rarbereich war rückständig und wenig produktiv, Industrie­betriebe existierten kaum, die reichhaltigen Erdölvorkommen wurden überwiegend von ausländischen Konzernen ausge­beutet. Nominell handelte es sich bei dem in Rumänien herr­schenden Staatssystem um eine parlamentarische Monarchie, in der Realität schwanden die Möglichkeiten demokratischer Teilhabe zunehmend zugunsten der königlichen Machtfülle. Unter Carol II. (1893-1953), der 1930 den Thron bestieg, fand der Prozess der Errichtung einer Königsdiktatur seinen Ab­schluss. Begründet wurde diese Entwicklung mit der vom ru­mänischen Faschismus in Gestalt der so genannten Eisernen Garde ausgehenden Gefahr.

Aufstieg und Fall der „Eisernen Garde“

Vordenker und Leitfigur der faschistischen Bewegung Rumäniens war Corneliu Zelea Codreanu (1899–1938). Von seiner Anhängerschaft als „Kapitän“ („Căpitanul“) verehrt, hob Codreanu 1927 die extrem rechte „Legion Erzengel Mi­chael“ aus der Taufe. Die biblische Namensanleihe kam nicht von ungefähr, denn die insbesondere in bäuerlichen und stu­dentischen Kreisen angeworbenen „Legionäre“ verbanden nationalistische und antisemitische Positionen mit einem christlich-orthodoxen Mystizismus. 1930 wurde als parami­litärischer Arm der „Legion Erzengel Michael“ die „Eiserne Garde“ gegründet, deren Name schließlich zur Bezeichnung der Gesamtorganisation diente. Aufsehen erregte die „Ei­serne Garde“ durch den blutigen Terror, mit dem sie politi­sche GegnerInnen und Angehörige der jüdischen Minderheit überzog. Trotzdem oder gerade deshalb erhielt die faschisti­sche Bewegung massenhaften Zulauf und avancierte bei 1937 durchgeführten Parlamentswahlen mit einem Resultat von annähernd 16 Prozent zur drittstärksten Partei. Im Jahr dar­ auf wurde Codreanu verhaftet und am 30. November 1938 bei einem angeblichen Fluchtversuch getötet. An die Spitze der „Eisernen Garde“ rückte für ihn der Philosophielehrer Horia Sima (1906–1993) nach. Letzterer tat sich 1940 mit Generalst­abschef Ion Antonescu (1882–1946) zusammen, um Carol II. zu stürzen. Das Zweckbündnis ebnete Antonescu den Auf­stieg zum Diktator und gab der „Eisernen Garde“ alle Freihei­ten bei der Fortführung ihres judenfeindlichen und antikom­munistischen Terrorfeldzuges. Als die faschistischen Milizen Anfang 1941 jedoch nach der absoluten Macht griffen, ordne­te Antonescu die Niederschlagung des Aufstandes an. Vor die Wahl zwischen dem rumänischen Militärapparat und der „Ei­sernen Garde“ gestellt, ließ Hitler Antonescu, von dem er sich wertvollere Unterstützung im Kampf gegen die Sowjetunion versprach, gewähren. Die „Eiserne Garde“ wurde ausgeschal­tet, ihr nach Deutschland geflohener Anführer als „Vorzugs­häftling“ im Konzentrationslager Buchenwald interniert. Als der Vormarsch der Roten Armee Antonescus Militärdiktatur im August 1944 ein Ende bereitete, verfügte das Nazi-Regime die Freilassung Simas und setzte ihn als Chef einer nur auf dem Papier bestehenden Exilregierung ein. Nach Kriegsende floh Sima über Italien und Frankreich nach Spanien, von woer die kommunistische Herrschaft in Rumänien propagandis­tisch bekämpfte. Am 25. Mai 1993 verschied Sima in Madrid.

Kroatien

Entstehung, Ideologie und Untergrundaktivitäten der „Ustascha“-Bewegung

Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns kam es zur Bildung eines südslawischen Königreiches, dem die heutigen Staaten Serbien, Kroatien, Slowenien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Mazedonien angehörten. Die innenpolitische Entwicklung der jungen parlamenta­rischen Monarchie litt stark unter nationalen Gegensätzen. Angespannt war insbesondere das Verhältnis zwischen der christlich-orthodox geprägten, zentralistisch eingestellten serbischen sowie der katholischen, ein Höchstmaß an Un­abhängigkeit einfordernden kroatischen Seite. Alexander I.  (1888-1934), der serbische Regent des fragilen Staatsgebildes, bemühte sich um die Eindämmung der separatistischen Be­strebungen, indem er 1929 eine Königsdiktatur installierte.

Nationalistische kroatische Kräfte wehrten sich umso vehe­menter gegen ihren Verbleib im nun als „Königreich Jugos­lawien“ bezeichneten Vielvölkerstaat. Als extremste dieser Gruppen erwies sich die ebenfalls 1929 durch den Zagreber Rechtsanwalt Ante Pavelić (1889–1959) gegründete „Usta­scha“ („Aufstand“), die zum bewaffneten Kampf für ein un­ abhängiges Kroatien aufrief. Identitätsstiftend waren für die „Aufständischen“ eine mystische und zunehmend auch rassentheoretische Überhöhung des kroatischen National­charakters, ein kriegerisches Selbstverständnis, eine positive Bezugnahme auf den Katholizismus sowie eine rigide antiser­bische und judenfeindliche Haltung. Obwohl die „Ustascha“ finanzielle und logistische Unterstützung seitens der Regie­rungen Italiens und Ungarns bezog, musste sie sich als re­lativ kleine, nur über wenige tausend Mitglieder verfügende Organisation mit terroristischen Attacken auf den verhassten jugoslawischen Staat begnügen. Diesbezüglicher Höhepunkt war das tödliche Attentat auf Alexander I. und den franzö­sischen Außenminister Louis Barthou (geboren 1862), deren Ausführung im Oktober 1934 in Kooperation mit der „Inne­ren Mazedonischen Revolutionären Organisation“ (IMRO) in Marseille erfolgte. Der vom italienischen Exil aus operierende Anführer der „Ustascha“ wurde daraufhin unter komfortab­len Bedingungen seitens des Mussolini-Regimes festgesetzt, was seinen Sympathien für die in Italien und Deutschen ins­tallierten faschistischen Systeme aber keinerlei Abbruch tat. Nur die Hilfe der beiden ihm nahe stehenden Diktaturen war es denn schließlich auch, die ihm die Möglichkeit zur Errich­tung eines von der „Ustascha“ beherrschten kroatischen Staa­tes bieten sollte.

Das mörderische Marionettenregime der „Ustascha“

Nach der militärischen Niederwerfung Jugoslawiens durch die „Achsenmächte“ im Frühjahr 1941 war der Weg frei für die Ausrufung der kroatischen Unabhängigkeit. Die Füh­rung des Vasallenstaates trug Hitler zunächst nicht der „Us­tascha“, sondern der gemäßigteren, von ihm als zuverlässiger eingeschätzten Kroatischen Bauernpartei an. Erst als diese sich der Kollaboration verweigerte, erhielt Pavelić grünes Licht für die Proklamierung eines „Unabhängigen Staates Kroatien“, an dessen Spitze er als „Führer“ („Poglavnik“) trat. Die „Ustascha“ wurde in den Rang einer Staatspartei erho­ben, die mit Rückendeckung der katholischen Kirche einen systematischen Vernichtungsfeldzug gegen in ihrem Herr­schaftsgebiet lebende Serbinnen und Serben, Angehörige der jüdischen Minderheit, Sinti und Roma sowie politisch An­dersdenkende startete. Allein im Konzentrationslager Jaseno­vac sollen um die 85.000 Menschen umgebracht worden sein.

Entsprechend erbittert war der Widerstand kommunistischer Partisanengruppen und der königstreuen Tschetniks. Kurz vor Kriegsende floh Pavelić. Am 28. Dezember 1959 starb er in Madrid an den Spätfolgen eines zwei Jahre zuvor auf ihn verübten Anschlags.


Westeuropa

England

„British Fascisti“ und „Imperial Fascist League”

Mit seinen unangetastet gebliebenen überseeischen Roh­stoff- und Absatzgebieten schien die Siegermacht England eher in der Lage, die im Ersten Weltkrieg erlittenen Verlus­te an Mensch, Material und Wirtschaftskraft zu kompensie­ren als die meisten übrigen europäischen Staaten. Obwohl aber die Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft re­lativ problemlos gelang, zeugte nicht zuletzt eine anhaltend hohe Arbeitslosenquote von ökonomischen Schwierigkeiten struktureller Art. So machten sich im Rahmen traditioneller Schlüsselindustrien wie dem Kohle-, Eisen-, Stahl-, Schiffbau- und Textilsektor Investitionsdefizite bemerkbar, während sich englische Unternehmen schwer taten, in innovativen Bereichen wie der Elektronik- und Chemiebranche Fuß zu fassen. Die negativen Auswirkungen auf das soziale Gefüge der parlamentarischen Monarchie beschleunigten einen sich innerhalb der englischen Parteienlandschaft vollziehenden Umbruch, in dessen Verlauf die eng mit der Gewerkschafts­bewegung verknüpfte Labour Party die Liberal Party als Hauptkonkurrenz der Conservative Party ablöste. Gewiss nicht zufällig formierte sich mit den „British Fascisti“ die ers­te faschistische Partei des Inselreiches in zeitlicher Nähe zur Regierungsübernahme durch den Labour-Politiker Ramsay MacDonald (1866-1937) Anfang 1924.

Wie sich in der Na­mensgebung andeutete, waren die „British Fascisti“ als Kopie der faschistischen Partei Italiens angelegt. Ihre Kernaufgabe erblickten sie darin, als Bollwerk gegen die „rote Gefahr“ zu fungieren. Daher unterbreiteten sie den wieder an die Macht gelangten Konservativen im Mai 1926 das Angebot, akti­ve Unterstützung bei der Niederschlagung eines landesweit durchgeführten Generalstreiks zu leisten, was jedoch von Regierungsseite abgelehnt wurde. Bald darauf zerfielen die „British Fascisti“, deren Mitgliederbestand zwischenzeitlich auf bis zu 100.000 angewachsen war. Dieses Schicksal teilten sie mit einer weiteren faschistischen Partei, der „Imperial Fas­cist League”. Letztere vertrat einen extremen Antisemitismus, welcher in der in ihren Reihen erhobenen Forderung nach der Verbringung von Juden und Jüdinnen in „Todeskammern“ gipfelte. Aus Mitgliedern beider Gruppierungen sollte u.a. die bedeutendste faschistische Partei Englands, die im Herbst 1932 gegründete „Britische Faschisten-Union“ („British Union of Fascists“ = BUF), ihre Anhängerschaft rekrutieren.

Oswald Mosleys „British Union of Fascists“

Neuerlichen Auftrieb gab der extremen Rechten des Kö­nigreiches das Übergreifen der im Oktober 1929 ihren Anfang in den USA nehmenden Weltwirtschaftskrise auf England. Der zum zweiten Mal zum Premierminister gewählte Labour-Vertreter MacDonald begegnete der hierdurch verursachten Massenarbeitslosigkeit mit einem rigiden Sparkurs. Der dem Kabinett als Minister ohne Geschäftsbereich angehörende Aristokrat Oswald Mosley (1896-1980), der über den Umweg der Konservativen Partei zur Arbeitspartei gestoßen war, empfahl hingegen die Durchführung umfangreicher Arbeits­beschaffungsmaßnahmen. Als seine entsprechenden Vor­schläge auf Regierungsebene nicht die erhoffte Würdigung erfuhren, kehrte Mosley Labour den Rücken und hob nach intensiver Beschäftigung mit dem italienischen Faschismus die nationalistische BUF aus der Taufe. Die Ausrichtung am Mussolini-Regime kam in der Propagierung des Aufbaus einer Ständeordnung ebenso zum Ausdruck wie in der schwarzen Parteiuniform und dem an ein Rutenbündel erinnernden Em­blem der Organisation. Primär bei Kreisen des Mittelstands, die zu fast 60 Prozent die Mitglieder der BUF stellten, wusste er mit seinen faschistischen Positionen zumindest zeitweilig zu punkten. Eine Hochburg der Partei war zudem der proleta­risch geprägte Londoner Stadtteil East End, wo die BUF wie­derholt in Ausschreitungen mündende Propagandamärsche veranstaltete. Viele Sympathien kosteten Mosley allerdings seine zunehmende Begeisterung für Hitler sowie die Über­nahme der strikt antisemitischen Haltung des Nazi-Regimes.

Der 1936 erlassene „Public Order Act“, der ein uniformiertes Auftreten von Parteimitgliedern in der Öffentlichkeit unter­sagte und das Demonstrationsrecht beschnitt, schwächte die auf propagandawirksame Kundgebungen angewiesene BUF zusätzlich. Im Mai 1940 wurde Mosley zur Verhinderung ei­ner Kollaboration mit dem „Dritten Reich“ gemeinsam mit rund 800 UnterstützerInnen interniert. Nach Kriegsende ließ er seine inzwischen verbotene faschistische Partei unter der Bezeichnung „Union Movement“ wiederaufleben. Als ihm nachhaltiger Erfolg versagt blieb, zog sich Mosley ins Privat­leben zurück. 1980 verschied er im französischen Orsay.

Frankreich

Die „Action française“ als Vorform eines französischen Faschismus

Bereits 1898 entstand mit der „Action française“ in Frank­reich eine Organisation, die wesentliche Merkmale faschis­tischer Gruppierungen vorwegnahm. So begeisterte sich die katholisch geprägte Bewegung, zu deren Vordenker sich der Schriftsteller Charles Maurras (1868–1952) aufschwang, nicht nur für „nationalsyndikalistisches“ und antisemitisches Ge­dankengut, sondern verfügte mit den „Camelots du roi“ („Hau­sierern des Königs“) auch über einen eigenen Kampfverband.

Die „Action française“ errang beträchtlichen Einfluss auf die Entwicklung der extremen Rechten in Frankreich, der aber nach dem Ersten Weltkrieg schwand. Ursächlich hierfür war einerseits der von Papst Pius XI. (1857–1939) 1926 gegen sie verhängte Bann, der u.a. in der Forderung nach Emanzipati­on des französischen Katholizismus vom Vatikan begründet lag. Darüber hinaus wurde die gegenüber dem Monarchismus gewahrte Treue von weiten Teilen der extremen Rechten als unzeitgemäß empfunden. Durch personelle und ideologische Kontinuitäten überdauerte jedoch die „Action française“ ih­ren Niedergang. Ein Beispiel ist Georges Valois (1878–1945), der 1925 in sprachlicher Anlehnung an den italienischen Fa­schismus und mithilfe von Angehörigen des Großunterneh­mertums die nationalistische, judenfeindliche und antikom­munistische Partei „Le Faisceau“ aus der Taufe hob. Auf eine bäuerliche Massenbasis konnten sich die von Henri Dorgères (1897–1985) ins Leben gerufenen „Comites de Defense Pay­sanne“ stützen, deren bis zu 420.000 Mitglieder nach ihren grünen Parteihemden als „Chemises vertes“ bezeichnet wur­den. Das Mobilisierungspotenzial dieser und weiterer faschis­tischer Gruppen wuchs mit den Frankreichs Ökonomie nach­haltig lähmenden Schockwellen der Weltwirtschaftskrise und stand zudem in Wechselbeziehung zum Erstarken des anti­faschistischen Lagers. Auf das Scheitern eines am 6. Februar 1934 unternommenen Putschversuchs extrem rechter Kräfte reagierte die Linke mit der Bildung eines Einheitsbündnisses. Im Mai 1936 ging die so genannte Volksfront siegreich aus Parlamentswahlen hervor, woraufhin sie die faschistischen Organisationen verbot. Knapp vier Jahre später aber wurden die Karten mit dem Einmarsch der Wehrmacht neu gemischt.

Das Vichy-Regime

Nach der am 22. Juni 1940 erklärten Kapitulation Frank­reichs erfolgte eine Zweiteilung des Landes: Der Norden wurde deutscher Militärverwaltung unterstellt, während im Süden ein vom Wohlwollen der Nazi-Führung abhängiger „Französischer Staat“ („État Français“) mit dem Kurort Vi­chy als Regierungssitz und dem als „Held von Verdun“ ver­ehrten Marschall Philippe Pétain (1856–1951) an der Spitze installiert wurde. Das zwischen autoritärem Konservatismus und Faschismus angesiedelte Vichy-Regime rief zu einer der Wertetrias „Arbeit, Familie, Vaterland“ („Travail, Famille, Patrie“) verpflichteten „nationalen Revolution“ auf. Scharfe Zensurbestimmungen, die systematische Unterdrückung op­positioneller Aktivitäten und die Zelebrierung eines Pétain verklärenden Führerkultes sollten das südfranzösische Staats­ gebilde festigen. Kein Platz war für Menschen jüdischer Ab­stammung vorgesehen, die schrittweise aus dem öffentlichen Leben gedrängt wurden und einer Kennzeichnungspflicht in Form eines „Judensterns“ nachkommen mussten. Die an­ tisemitische Verfolgungspolitik des Vichy-Regimes gipfel­te in von französischen Behörden ab Juli 1942 vorgenom­menen Deportationen, die zumeist mit der Ermordung der Verschleppten in einem der NS-Vernichtungslager endeten.

Während Pétain sich um Wahrung einer gewissen Distanz zum „Dritten Reich“ bemüht zeigte, setzte sein Stellvertreter Pierre Laval (1883–1945) auf unbedingte Kollaboration, wo­ von er sich eine Bevorzugung des „Französischen Staates“ in einem von Nazi-Deutschland beherrschten Nachkriegseuropa versprach. Die Befreiung Frankreichs durch alliierte Truppen Mitte 1944 machte jedoch dieses Kalkül zunichte. Das gegen Pétain im Jahr darauf in Frankreich verhängte Todesurteil wurde vom provisorischen Regierungschef Charles de Gaulle (1890–1970) in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt, die der Marschall bis zu seinem Ableben 1951 auf der Atlantikin­ sel Île d‘Yeu verbüßte. Laval hingegen wurde wenige Monate nach Kriegsende nahe Paris hingerichtet.


Nordeuropa

Norwegen

Die Gründung der „Nationalen Sammlung“

Treibende Kraft bei der Herausbildung einer norwegischen Variante des Faschismus war Vidkun Quisling (1887–1945), zu dessen politischen Schlüsselerlebnissen die im Herbst 1917 in ihre heiße Phase tretende Russische Revolution zählte. Die von ihm als Militärattaché an Norwegens Botschaft in St.Petersburg vor Ort verfolgte Errichtung einer leninistischen Grundsätzen gehorchenden Herrschaftsordnung ließ in ihm den Gedanken reifen, eine Abwehr der „roten Gefahr“ sei nur starken Staaten unter Rückgriff auf diktatorische Mittel mög­lich. Quisling trat der konservativen Bauernpartei bei, der er aber entrüstet den Rücken kehrte, als diese mit der gemäßigt sozialistischen Arbeiterpartei koalierte. Nachdem sein Ver­such der Gründung einer nationalistischen und strikt antiso­zialistischen Sammlungsbewegung der übrigen bürgerlichen Parteien misslungen war, hob Quisling im Mai 1933 zusam­men mit dem Staatsanwalt Johan Bernhard Hjort (1895-1969) die „Nationale Sammlung“ („NasjonalSamling“ = NS) aus der Taufe. Letztere ahmte in organisatorischer wie weltanschau­licher Hinsicht die Nazi-Partei nach. So gab es z. B. nicht nur eine an die SA erinnernde Parteimiliznamens „Gefolge“ („Hird“), sondern auch das „Kleine Gefolge“ („Småhird“), eine die Hitlerjugend (HJ) imitierende Jugendorganisation. Hitlers Part blieb dem „Fører“ Quisling vorbehalten. Obwohl in Norwegen lediglich um die 1.000 Menschen mit jüdischen Wurzeln lebten, übernahm die NS ebenfalls kritiklos den Antisemitismus des deutschen Vorbildes. Einen Stimmanteil von mehr als 2,2 Prozent erreichte die bis Kriegsausbruch nur über rund 8.500 Mitglieder verfügende faschistische Partei bei Parlamentswahlen allerdings nicht.

Kollaboration mit dem NS-Besatzungsregime

Nach dem von Quisling öffentlich begrüßten deutschen Überfall auf das skandinavische Land ernannte Hitler am 24.April 1940 den Essener Gauleiter Josef Terboven (1898–1945) zum Reichskommissar für Norwegen. Als einzige norwegi­sche Partei wurde die NS, deren Mitgliederbestand nun auf zirka 57.000 anwuchs, seitens des Besatzungsregimes nicht verboten. Im Gegenzug unterstützte sie nach Kräften Terbo­vens brutale Nazifizierungspolitik. So rekrutierte die NS etwa um die 6.000 Norweger für die Waffen-SS und leistete Hilfe bei der Deportation von knapp der Hälfte der norwegischen Jüdinnen und Juden. Seine Kollaborationsbereitschaft brachte Quisling im Februar 1942 den Posten des Ministerpräsidenten ein, der aber nur einer der eigenen Bevölkerung größtenteils verhassten Marionettenregierung vorstand. Terboven und Quisling nahmen ihre Ämter bis zur Kapitulation des Deut­schen Reiches wahr. Während der Reichskommissar am 8.Mai 1945 in einem Bunker bei Oslo Selbstmord verübte, wur­de Quisling tags darauf festgenommen und am 24. Oktober 1945 in der Festung Akershus exekutiert.

fpf

Quellen:

  • Bauerkämper, Arnd: Der Faschismus in Europa 1918–1945, Stuttgart 2006.
  • Payne, Stanley: Geschichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung, Wien 2006.
  • Wippermann, Wolfgang: Europäischer Faschismus im Vergleich 1922–1982, Frankfurt am Main 1983.
  • Wippermann, Wolfgang: Faschismus. Eine Weltgeschichte vom 19. Jahrhundert bis heute, Darmstadt 2009.


Originaltext: Gai Dao Nr. 6, Zeitung der anarchistischen Föderation FdA- IFA (2011). Die Gai Dao ist im Downloadbereich oder auf der Homepage des Projekts jeweils als PDF downloadbar. Buch: Pfeiffer, Frank - Kurze Weltgeschichte des Faschismus


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