Was ist Faschismus? Teil 1: Der italienische Faschismus von den Anfängen bis 1945

Der vorliegende Text ist der 1. Beitrag einer 7-teiligen Artikelreihe zum Thema Faschismus. Den Anstoß für die Arbeit hieran gaben innerhalb der Föderation deutschsprachiger AnarchistInnen (FdA) zutage getretene Unstimmigkeiten bezüglich des Verständnisses dieser menschenverachtenden Weltanschauung. Entsprechende Kontroversen sind keineswegs auf die FdA beschränkt. Im Gegenteil, kaum eine Vokabel wird im Rahmen der Austragung politischer Konflikte häufiger und mit unterschiedlicheren inhaltlichen Schwerpunktsetzungen gebraucht, um VertreterInnen mit eigenen Ansichten unvereinbarer Positionen in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen. Die aus einer Reihe näher zu erläuternder Gründe ohnehin schwer fassbaren Wesensmerkmale faschistischen Denkens und Handelns drohen hierdurch zunehmend zu verschwimmen. Die Artikelreihe soll in möglichst prägnanter Form die hervorstechendsten Merkmale und historischen Entwicklungen des Faschismus bzw. seiner nationalen Varianten herausarbeiten und so eine tragfähige gemeinsame Diskussionsbasis bereitstellen. Ihre ersten 3 Teile beleuchten die im Laufe der 1920er und 1930er Jahre in Italien, Deutschland und Spanien an die Macht gelangten faschistischen Bewegungen, bevor der Fokus auf zeitgenössische Gruppierungen vergleichbarer Ausrichtung, denen die Übernahme staatlicher Herrschaft versagt blieb, und durch das Nazi-Regime installierte Marionettenregierungen gelenkt wird. Weitere Beitragsthemen sind außereuropäische faschistische Bewegungen sowie die Beschäftigung mit dem untergegangenen „Dritten Reich“ in beiden Staaten Nachkriegsdeutschlands. Der letzte Artikel ist einem Resümee der gewonnenen Erkenntnisse vorbehalten.

Begriffsherleitung

Die Ursprünge des Wortes „Faschismus“ reichen ins antike Rom zurück. Abgeleitet wurde es vom lateinischen „fasces“, einem im Römischen Reich als Herrschaftssymbol dienenden Rutenbündel mit Beil. Im ausgehenden 19. Jahrhundert verwendeten revolutionäre Gruppen der italienischen Linken, etwa aufbegehrende sizilianische LandarbeiterInnen („Fasci Siciliani“), die Vokabel „fascio“ („Bund“) zum Zeichen ihrer gegenseitigen Solidarität. Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges im Sommer 1914 vereinnahmten den Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Alliierten fordernde Nationalrevolutionäre, denen sich mit dem ehemaligen Chefredakteur des sozialistischen Parteiorgans „Avanti“ Benito Mussolini (1883-1945) die spätere Leitfigur des italienschen Faschismus anschloss, den Begriff des „Bundes“, indem sie den „Revolutionären Bund zur Interventionistischen Aktion“ („Fascio Rivoluzionario d`Azione Intervenista“) aus der Taufe hoben.

Ideologische Wurzeln

Die Gründergeneration des italienischen Faschismus war durch eine Reihe sehr verschiedenartiger geistiger Quellen geprägt. Zu den Philosophen, die großen Einfluss auf die Entstehung des faschistischen Weltbildes ausübten, gehörte z. B. der die Selbsterschaffung des „Übermenschen“ im Zuge des Abstreifens sämtlicher Fesseln bürgerlicher Konvention fordernde Deutsche Friedrich Nietzsche (1844-1900). 2 französische Sozialtheoretiker, die maßgeblich zur Ausrichtung der faschistischen Ideologie beitrugen, waren der Mediziner Gustave Le Bon (1841-1931) und der Ingenieur Georges Sorel (1847-1922). Ersterer gilt als Pionier der Massenpsychologie. So stellte Le Bon die These auf, Massen zeichneten sich durch einen hohen Grad an Unvernunft aus und seien durch einfache Schlagworte und charismatische, rednerisch begabte Führungspersönlichkeiten leicht manipulierbar. Darüber hinaus betätigte er sich als scheinwissenschaftlicher Rassentheoretiker und attestierte schwarzhäutigen Menschen eine „Unterlegenheit ihres Gehirns“. Sorel verfocht ein Sozialismus-Konzept, das auf eine blutige Zuspitzung der Klassenfrage hinauslief. Gewalt betrachtete er nicht als notwendiges Übel, sondern als positives, schöpferisches Element. Zudem sei das Mobilisierungspotenzial „sozialer Mythen“ zu nutzen, zu denen Sorel den Generalstreik zählte. Auf nachhaltigen Widerhall stieß Sorels Lehre bei der revolutionären Gewerkschaftsbewegung Italiens, aus deren Reihen einige Faschisten der ersten Stunde hervorgingen. Vergleichbar wichtige Impulse erfuhr die faschistische Weltanschauung durch die insbesondere mit den Namen Vilfredo Pareto (1848-1923) und Roberto Michels (1876-1936) verbundene italienische Denkschule der Elitetheorie. In kultureller Hinsicht schließlich bereitete die im frühen 20. Jahrhundert in Italien begründete Kunstrichtung des Futurismus, deren den Geist des technischen Fortschritts beschwörende Anhängerschaft sich überwiegend aus glühenden Nationalisten zusammensetzte, dem Faschismus den Boden.

Historische und soziale Rahmenbedingungen der faschistischen Machtübernahme

Die nationalstaatliche Einigung Italiens erfolgte 1861 und somit ähnlich wie im Fall des Deutschen Reiches erst zu einem im internationalen Vergleich späten Zeitpunkt. Mit der Ausdehnung des jungen Staatsgebildes gab sich die panitalienische Bewegung, welche die Einbeziehung von Italienisch sprechenden Bevölkerungsgruppen bewohnter „unerlöster Gebiete“ („terre irredente“) wie Dalmatien, Istrien und dem Trentino forderte, jedoch nicht zufrieden. Zudem trat Italien Ende des 19. Jahrhunderts in den Wettlauf der Kolonialmächte ein. Die am 1. März 1896 gegen Verbände des äthiopischen Kaisers Menelik II. in der Schlacht von Adua erlittene Niederlage italienischer Invasionstruppen setzte diesen Ambitionen vorerst ein Ende. Der italienische Nationalismus allerdings wurde durch dieses militärische Desaster eher noch angeheizt. Als Siegermacht des 1. Weltkrieges wurden Italien mit Trient, Südtirol, Triest und Istrien beträchtliche Gebietsgewinne zugesprochen. Da aber die Ansprüche auf Dalmatien und Fiume unerfüllt blieben, betrieben nationalistische Kreise mit dem Schlagwort vom „verstümmelten Sieg“ („Vittoria mutilata“) aggressive Stimmungsmache. Gleichzeitig begannen soziale Spannungen das innenpolitische Klima zunehmend zu belasten. So kam es ab dem Frühjahr 1919 zu Hungerrevolten, Post- und Eisenbahnerstreiks sowie Land- und Fabrikbesetzungen. Ursächlich für die Konflikte waren u. a. eine in Folge der Kriegsfinanzierung dramatisch angestiegene Staatsverschuldung, Probleme bei der Umstellung von Kriegs- auf Friedensökonomie und die Gegensätze zwischen dem moderne Industriezentren beherbergenden Norden und dem durch eine rückständige Agrarwirtschaft gekennzeichneten Süden des Landes. Das parlamentarische System erwies sich als unfähig zur Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen, da die herkömmlichen politischen Lager, also bürgerliche, katholische und sozialistische Gruppen, einander blockierten und selbst in sich zerstritten waren.

Entstehung und Aufstieg der faschistischen Bewegung

Die offizielle Geburt der faschistischen Bewegung lässt sich auf den 23. März 1919 datieren. An diesem Tag trafen sich auf Initiative Benito Mussolinis in einem angemieteten Saal der oberitalienischen Metropole Mailand an die 200 Personen, überwiegend entlassene Soldaten, Arbeitslose und einen Rechtsschwenk vollziehende ehemalige Linksintellektuelle, um sich zum „Italienischen Kampfbund“ („Fascio italiano di combattimento“) zusammenzuschließen. Ein am 30. März 1919 veröffentlichtes Kurzprogramm enthielt eine Reihe klassischer Forderungen der Arbeiterbewegung, wie etwa jene nach Einführung des 8-Stunden-Tages und von Mindestlöhnen. Nachdem die neue politische Kraft bis Anfang des darauffolgenden Jahres auf lediglich 31 Fasci mit insgesamt weniger als 1.000 Mitgliedern angewachsen war, trat der „Kampfbund“ verstärkt als Bastion wider die „bolschewistische Bedrohung“ auf. Ihre Anhänger schmückten sich hierbei mit den Insignien einer Bürgerkriegsarmee, indem sie z. B. Schwarzhemden und Militärstiefel trugen. In Norditalien hoben faschistische Gruppen als „squadre“ („Geschwader“) bezeichnete Milizen aus der Taufe. Die hohe Gewaltbereitschaft dieser paramilitärischen Einheiten demonstrierten im Sommer 1920 die „squadre“ von Triest, indem sie mit Unterstützung der lokalen Militärbehörden sozialistische und slowenische Ziele angriffen.

Bald darauf verlagerten die faschistischen Milizionäre ihre Aktivitäten vermehrt in die ländlichen Regionen Norditaliens, um dort mit Hilfe von Land- und Gutsbesitzern sowie staatlichen Autoritäten linksgerichtete Personen und Organisationen zu terrorisieren. Sowohl in den Städten als auch auf dem Land fanden die faschistischen Übergriffe meist im Zuge so genannter Strafexpeditionen statt, in deren Verlauf mit Knüppeln und Handfeuerwaffen ausgerüstete „squadre“ ein Viertel bzw. einen Ort heimsuchten. Allein im 1. Halbjahr 1921 sollen 726 der Arbeiterbewegung zuzurechnende Einrichtungen zerstört worden sein. Das brutale und nicht selten mörderische Vorgehen gegen die „rote Gefahr“ und Angehörige slawischstämmiger Minderheiten bescherte dem Faschismus einen Massenzulauf, so dass die Mitgliederzahl des „Kampfbundes“ bis Mai 1921 auf annähernd 200.000 anwuchs. Als für die Entwicklung der faschistischen Bewegung wichtigste soziale Schicht kristallisierte sich immer deutlicher die Mittelklasse heraus, aus der sich zu knapp 80 Prozent das Führungspersonal der am 7. November 1921 in Rom gegründeten „Nationalen Faschistischen Partei“ („Partito Nazionale Fascista“ = PNF) rekrutierte. Die Parteibildung war Teil einer von Mussolini verfolgten Doppelstrategie. So sollten die faschistischen Milizen durch die Fortsetzung ihres terroristischen Kurses als destabilisierender Faktor fungieren, um der PNF den Weg an die Schalthebel der politischen Macht zu ebnen. Bei den im April 1922 abgehaltenen Parlamentswahlen errang die PNF, deren „Duce“ („Führer“) Mussolini seit Jahresbeginn offen die Errichtung einer Diktatur propagierte, lediglich 35 von mehr als 500 Sitzen.

Nachdem ein von den sozialistischen Gewerkschaften am 1. August 1922 ausgerufener Generalstreik mit antifaschistischer Stoßrichtung zusammengebrochen war, sah die faschistische Führung dennoch die Gelegenheit zur Machtübernahme gekommen. In 3 Kolonnen marschierten etwa 14.000 „Schwarzhemden“ am 28. Oktober 1922 auf die italienische Hauptstadt zu. In militärischer Hinsicht war der später zur revolutionären Erhebung verklärte „Marsch auf Rom“ ein Bluff, denn allein die zirka 28.000 Soldaten der römischen Garnison hätten ausgereicht, die schlecht ausgerüsteten Marschteilnehmer zurückzuschlagen. Vermutlich den Ausbruch eines Bürgerkrieges und faschistische Sympathisanten in der Armeespitze fürchtend, verweigerte jedoch der italienische König Viktor Emanuel III. (1869-1947) die durch den Ministerpräsidenten Luigi Facta (1861-1930) geforderte Erklärung des Ausnahmezustandes. Der Regierungschef gab daraufhin sein Amt auf. Zu seinem Nachfolger ernannte Viktor Emanuel III. am 30. Oktober 1922 Mussolini.

Ideologische Kernelemente des italienischen Faschismus

Die faschistische Bewegung bot ihrer Anhängerschaft keineswegs ein einheitliches, in sich widerspruchsfreies Denksystem an, was einerseits darin begründet lag, dass sie Aktionen gegenüber der Theorie den Vorrang einräumte. Darüber hinaus blieb der Faschismus auch nach Mussolinis Aufstieg zum Regierungschef auf die Kooperation konservativer Bündnispartner angewiesen. Hierdurch wurden weltanschauliche Zugeständnisse, etwa die Preisgabe ursprünglich linker sozialer Positionen, notwendig. Last but not least zeigte sich die faschistische Propaganda in hohem Maße bestrebt, zu tief verwurzelten Ängsten und Leidenschaften der Massen vorzudringen, verstand Politik also eher als Bauch- denn als Kopfangelegenheit.

Nichtsdestotrotz lässt sich eine Reihe weltanschaulicher Kernelemente des italienischen Faschismus benennen. Hierzu zählt z.B. die Überzeugung von der Notwendigkeit eines starken Staates, der Mussolini im Rahmen des gemeinsam mit dem Philosophen Giovanni Gentile (1875-1944) verfassten, 1932 veröffentlichten Artikels „Faschistische Doktrin“ wie folgt Ausdruck verlieh: „Für den Faschisten liegt alles im Staat, und es existiert nichts Menschliches oder Geistiges von Wert außerhalb des Staates.“ Die Staatsfixierung ging einher mit einem extremen Nationalismus, der seine Rechtfertigung aus dem Anspruch auf die Nachfolge des Römischen Imperiums bezog. Nicht minder prägend für den italienischen Faschismus war das Prinzip von Führung und Unterordnung, das in einem mit großem Aufwand inszenierten Kult um den „Duce“ gipfelte. Ein weiteres Hauptmerkmal war das kriegerische, sexistische Züge aufweisende Männlichkeitsideal. Gewalt wurde als positiver Entwicklungsmotor begriffen, was mit einem revolutionären Selbstverständnis korrespondierte. Identitätsstiftend waren auch die Antihaltungen der Bewegung. So bekämpfte der Faschismus unter propagandistischem Getöse den Kommunismus ebenso wie den Parlamentarismus, Liberalismus und Individualismus. Die rassistischen Tendenzen der faschistischen Weltanschauung brachen sich anfangs insbesondere in Gestalt eines radikalen Antislawismus Bahn, bevor sie sich Mitte der 1930er Jahre mit Entfesselung des Italienisch-Äthiopischen Krieges in entsprechend unterfütterten Maßnahmen gegen die schwarze Bevölkerung des angegriffenen Kaiserreiches zu manifestieren begannen.

Dem Antisemitismus kam zunächst nur nachrangige Bedeutung zu. Noch 1938 besaß die faschistische Partei mehr als 10.000 Mitglieder jüdischer Herkunft. Im Sommer des Jahres startete jedoch eine antisemitische Gesetzeskampagne, die zwar nicht in die physische Vernichtung, aber die gesellschaftliche Isolation der zirka 40.000 italienischen Jüdinnen und Juden mündete. In wirtschaftlicher Hinsicht kombinierte die faschistische Führung die Unterdrückung der Arbeiterbewegung mit Rückgriffen auf berufsständische Gesellschaftsmodelle. So musste das unabhängige Gewerkschaftswesen einer staatlichen Monopolorganisation weichen. Die Klassengegensätze sollten durch die Kooperation der Arbeiterschaft und des Unternehmertums in nach Berufszweigen geordneten Syndikaten überbrückt werden, aber faktisch blieb mit der Beibehaltung der Eigentumsverhältnisse das jeweilige innerbetriebliche Machtgefüge unangetastet.

Der italienische Faschismus an der Macht. Grenzen der Herrschaft

Die Ernennung Mussolinis zum italienischen Ministerpräsidenten im Herbst 1922 war keineswegs gleichbedeutend mit der Machtübergabe an eine rein faschistische Regierung. Die PNF erhielt vielmehr nur 5 der übrigen 15 Kabinettsposten, die restlichen gingen an die Parteien einer Mitte-Rechts-Koalition. Auch wenn sich Mussolini zielstrebig um die Erlangung diktatorischer Vollmachten bemühte, musste er während der gesamten Dauer der faschistischen Herrschaft Rücksichtnahme gegenüber konservativen Bündnispartnern üben. In diesem Zusammenhang ist es bezeichnend, dass sich der „Duce“ in den Anfangsjahren seiner Zeit als Regierungschef stärker mit radikalen, das revolutionäre Moment des Faschismus betonenden Kräften innerhalb der eigenen Reihen als mit den traditionellen Eliten Italiens auseinanderzusetzen hatte. Zur Untermauerung seiner Machtposition auf Staats- wie Parteiebene ordnete Mussolini am 14. Januar 1923 die Überführung der paramilitärischen faschistischen Einheiten in eine ihm unterstellte, staatliche Milizorganisation, die „Freiwillige Miliz für Staatssicherheit“ („Milizia Volontaria per la Sicurezza Nazionale“ = MVSN), an. Dem Zurückdrängen des radikalen Flügels der PNF diente auch die Aufnahme hunderttausender „Normalbürger“. So entstammten 1927 75 Prozent der Mitglieder der Mittelschicht und nur 15 Prozent der Arbeiterklasse. Der Akzeptanz der althergebrachten Eliten und Autoritäten versicherte sich die PNF-Spitze darüber hinaus, indem sie auf einen umfassenden Austausch von Funktionsträgern des Polizei- und Justizapparates verzichtete, die Kreise von Wirtschaft und Militär nicht nachhaltig störte sowie die Monarchie respektierte. Mit der katholischen Kirche schließlich arrangierte sich das faschistische Regime in Form der am 11. Februar 1929 geschlossenen, die Beziehungen zwischen dem italienischen Staat und dem Vatikan regelnden Lateranverträge.

Meilensteine auf dem Weg zur Errichtung einer faschistischen Diktatur

Unmittelbar nach seinem Aufstieg zum Ministerpräsidenten erwirkte Mussolini vom Abgeordnetenhaus eine zeitlich befristete Selbstentmachtung. Bis zum 31. Dezember 1923 konnte das Kabinett nun ohne parlamentarische Zustimmung regieren. Kurz vor dem Auslaufen dieser Regelung trat das so genannte Acerbo-Gesetz in Kraft, das derjenigen Wahlliste, auf welche die meisten, mindestens aber 25 Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen, 2 Drittel der Parlamentssitze zugestand. Auf Grundlage dieser Wahlrechtsänderung und massiver Behinderungen der oppositionellen Parteien fuhr die PNF bei der am 6. April 1924 abgehaltenen Wahl einen überwältigenden Sieg ein. Dennoch geriet das faschistische Regime wenige Monate später in eine schwere Krise. Auslöser waren die Entführung und Ermordung des sozialistischen Parlamentariers und Antifaschisten Giacomo Matteotti (1885-1924). Die Opposition reagierte mit dem fast geschlossenen Auszug aus dem Parlament und versuchte den antifaschistischen Protest auf eine möglichst breite Basis zu stellen.

Etwa ein halbes Jahr lang war der Ausgang der Matteotti-Krise ungewiss, ehe Mussolini Anfang 1925 den Befreiungsschlag wagte und die Phase der offenen Diktatur einleitete. Nach und nach wurden mit der Einführung einer rigiden Pressezensur, dem Verbot aller Konkurrenzparteien der PNF und der Gründung einer Geheimpolizei zur Bekämpfung antifaschistischer Aktivitäten sowie eines politischen Sondergerichtshofes, der nur selten Todesurteile, aber häufig empfindliche Freiheitsstrafen verhängte, ein effizienter Unterdrückungsapparat installiert. Das parlamentarische System diente lediglich noch symbolischen Zwecken, um Ende der 1930er Jahre komplett abgeschafft zu werden. An seine Stelle traten faschistische Institutionen, z.B. der von Mussolini zur öffentlichkeitswirksamen Absegnung bestimmter Entscheidungen bald nach der Machtübernahme gebildete, 1928 verfassungswidrig in den Rang eines Staatsorgans erhobene „Großrat des Faschismus“ („Gran Consiglio Del Fascismo“).

Außenpolitischer Expansionskurs

1925 formulierte Mussolini die Grundzüge einer spezifisch faschistischen, rassenbiologische Anklänge aufweisenden Außenpolitik. Im Rahmen der entsprechenden Verlautbarung kündigte er „die Züchtung eines neuen Geschlechts von Soldaten“ an, das durch imperiale Eroberungen ein „Jahrhundert der italienischen Vorherrschaft“ einläuten sollte. Die in der faschistischen Ideologie angelegte außenpolitische Aggression eskalierte am 3. Oktober 1935 im Angriff italienischer Truppen auf das ostafrikanische Kaiserreich Abessinien, das heutige Äthiopien. Bei diesem Feldzug handelte es sich keineswegs „nur“ um einen verspäteten Kolonial-, sondern einen Vernichtungskrieg neuartigen Typs. So setzten die zirka 500.000 beteiligten italienischen Soldaten z.B. flächendeckend aus der Luft Giftgas ein, zerstörten systematisch zivile Siedlungen und verschleppten mit oftmals tödlichen Konsequenzen Teile der als rassisch minderwertig betrachteten Bevölkerung in Konzentrationslager. Nach Erringung des militärischen Sieges im Frühjahr 1936 errichteten die Invasionstruppen ein von Repression und Terror geprägtes Besatzungsregime. Mit der Tilgung der „Schmach von Adua“ erreichte Mussolini im eigenen Land den Gipfel seiner Popularität. International jedoch geriet Italien in weitgehende Isolation. Unter den Großmächten bot sich in dieser Situation allein das mittlerweile ebenfalls unter der Führung eines faschistischen Regimes stehende Deutsche Reich als Bündnispartner an, mit dem es nicht lange zuvor noch zu erheblichen Spannungen in der Frage der Zukunft des gemeinsamen Nachbarstaates Österreich gekommen war. Die deutsch-italienische Annäherung schlug sich in der Unterzeichnung eines Freundschaftsvertrages am 25. Oktober 1936 nieder. Die von Mussolini als „Achse Berlin-Rom“ umschriebene Allianz erfuhr mit dem Abschluss eines zum „Stahlpakt“ erklärten Abkommens, in dem die Vertragspartner einander selbst für den Fall eines Angriffskrieges militärische Unterstützung zusagten, eine zusätzliche Vertiefung.

Zweiter Weltkrieg und Sturz Mussolinis

Da die italienische Regierung sich in die Planungen des am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg entfesselnden Überfalls deutscher Truppen auf Polen nicht ausreichend eingebunden wähnte, zögerte sie den Kriegseintritt auf Seiten des Bündnispartners hinaus. Erst als nach der Niederlage Polens auch Deutschlands Kriegsgegner Frankreich kaum noch verteidigungsfähig war, griff Italien am 10. Juni 1940 aktiv in das Kriegsgeschehen ein. Hierfür fiel dem Mussolini-Regime nach der Kapitulation Frankreichs eine Besatzungszone im Grenzgebiet der beiden Mittelmeerstaaten zu. Ansonsten gestaltete sich der Kriegsverlauf aus italienischer Sicht alles andere als positiv. Ein Ende Oktober 1940 vom seit April 1939 besetzten Albanien aus gestarteter Angriff auf Griechenland etwa wurde weit zurückgeschlagen. Nur eine Intervention deutscher Truppen verhinderte ein militärisches Fiasko. Mit jeder militärischen Hiobsbotschaft litt Mussolinis Ansehen bei der italienischen Bevölkerung. Der Popularitätsschwund gewann noch an Dynamik, als Italien selbst zum Schauplatz von Kampfhandlungen wurde. Nachdem britisch-amerikanische Verbände auf Sizilien gelandet waren und alliierte Luftangriffe Teile Roms verwüstet hatten, brach das Mussolini-Regime wie ein Kartenhaus in sich zusammen: Am 25. Juli 1943 erklärte der „Faschistische Großrat“ den „Duce“ für abgesetzt, wenig später wurde Mussolini auf Anordnung des Königs verhaftet. Die unter Leitung von Marschall Pietro Badoglio (1871-1956) stehende neue Regierung einigte sich mit den Westmächten auf einen Waffenstillstand, woraufhin das Deutsche Reich ein brutales Besatzungsregime installierte. Während die Badoglio-Regierung am 13. Oktober 1943 auf Seiten der Alliierten wieder in den Krieg eintrat, ermöglichte Nazi-Deutschland Mussolini, den Fallschirmjäger und SS-Angehörige knapp einen Monat zuvor befreit hatten, die Gründung eines faschistischen Marionettenregimes, der „Italienischen Sozialrepublik“ („Republica Sociale Italiana“ = RSI) mit Sitz im am Gardasee gelegenen Ort Salò. Die RSI war ein bedingungslos mit der Besatzungsmacht kollaborierender Polizeistaat, zu dessen dunkelsten Kapiteln die Beteiligung an der Deportation tausender ItalienerInnen jüdischer Herkunft in deutsche Vernichtungslager zählt. Als der Vormarsch alliierter Truppen von deutschen Verbänden nicht länger aufzuhalten war, löste sich die RSI im Frühjahr 1945 auf. Mussolini versuchte sich unter dem Schutz eines deutschen Militärkonvois abzusetzen, wurde aber bei Dongo am Comer See von einer Partisaneneinheit erkannt, festgenommen und am 28. April 1945 im Anschluss an eine improvisierte Gerichtsverhandlung erschossen.

fpf

Quellen:

  • Bauerkämper, Arnd, Der Faschismus in Europa 1918-1945, Stuttgart 2006.
  • Paxton, Robert O., Anatomie des Faschismus, München 2006.
  • Payne, Stanley, Geschichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung, Wien 2006.
  • Schieder, Wolfgang, Der italienische Faschismus, München 2010.
  • Timm, Uwe, Was ist eigentlich Faschismus?, Bern 1997.
  • Wippermann, Wolfgang, Europäischer Faschismus im Vergleich 1922-1982, Frankfurt am Main 1983.
  • Wippermann, Wolfgang, Faschismus. Eine Weltgeschichte vom 19. Jahrhundert bis heute, Darmstadt 2009.


Originaltext: Gai Dao Nr. 2, Zeitung der anarchistischen Föderation FdA- IFA (2011). Die Gai Dao ist im Downloadbereich oder auf der Homepage des Projekts jeweils als PDF downloadbar. Buch: Pfeiffer, Frank - Kurze Weltgeschichte des Faschismus


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