Schwarzbraune Seelenfänger - Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien (Buchbesprechung)

Antimodernismus, Spiritualität, Esoterik, Tod und Melancholie sind Themen, mit denen sich die Anhänger der "Schwarzen Szene", des Dark Waves und Industrials beschäftigen. Das macht Gothics und Grufties interessant für Rechte und Rechtsextremisten mit ähnlichen Vorlieben oder dem Hang zur Verschwörungstheorie. In den 1990er Jahren zeichneten sich deren Einflüsse in jener Subkultur ab. "Ästhetische Mobilmachung" untersucht dieses Phänomen des "Kulturkampfs", vorwiegend im Bereich der deutschen Szene.

Die "Wertvorstellungen und Lebensgefühle" der Grufties und deren "antibürgerliches Gestus", schreiben Jan Raabe und Andreas Speit, haben sich in Teilen der Szene zum "politischen Konzept" gewandelt. Rechte Grufties betrieben "eine Politisierung des Ästhetischen - erst um sich selbst als Künstler zu definieren [1], dann um Identität stiftend für die Fans zu sein." Auf diesem Weg sollten innerhalb der heterogenen Subkultur unter dem Deckmantel der feinen Künste rechte Ideologien salonfähig gemacht und propagiert werden. Was also für den Prollnazi der Rechtsrock ist (vgl. Reaktion verpflichtet [2]), das könnte dem jugendlichen Edelfaschisten der Dark Wave sein - nebst dessen Randerscheinung des Apokalyptik- respektive Neofolk. Herausgeber Speit und die sechs weiteren Autoren aus dem antifaschistischen Spektrum konkretisieren demgemäß: "Nahezu ausnahmslos begeistern sich die rechten Dark Waver für Literaten und Theoretiker des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, für Männer aus dem Spektrum der Konservativen Revolution und des Italienischen Faschismus."

Bands wie etwa Death in June [3], Von Thronstahl [4], deren Mastermind und Verschwörungstheoretiker Josef Klumb oder das Szenemagazine Sigill - heute: Zinnober - organisierten eine "ästhetische Mobilmachung gegen humanistische Theorien und emanzipatorischen Visionen". Spätestens 1996, als die völkisch- nationale Wochenschrift Junge Freiheit [5] in dem führenden unpolitischen Wavemagazin Zillo [6] warb, wurde zudem offensichtlich, dass Akteure der "Neuen Rechten" in die Szene hineindrängten, so die Autoren.

Vieles hat seitdem Konturen angenommen in jener Subkultur, deren Anhänger meist als friedliebend gelten und offene Gewalt ablehnen. In Diskursen und mittels musikalischer Würdigungen in Form von Konzept-Samplern wurden Vordenker der Konservativen Revolution wie Ernst Jünger, der Verfechter der italienischen Faschismus Julius Evola oder die Propagandafilmerin der Nationalsozialisten und "Priesterin der Schönheit" Leni Riefenstahl entpolitisiert und auf ihr Künstler- oder Philosophendasein reduziert. Heidnische Religionsvorstellungen und der Gebrauch von Runen oder der "Schwarzen Sonne" werden losgelöst von ihrer Verwendung im dritten Reich genutzt, der SA-Chef Ernst Röhm wurde zu einem von Adolf Hitler verfolgten Homosexuellen stilisiert. So bezieht sich der Namen der Neofolkband Death in June auf eine von Hitler unter dem Vorwand angeblicher Putschpläne im Juni 1934 befohlenen Mordaktion gegen die Führungsspitze der SA. Gerade Death in June stilisieren seit Jahren in ihren Liedern, mit dem SS-Totenkopf als Bandsymbol und den oft in Uniformen bestrittenen Konzerten das Männerbündische des Nationalsozialismus und Militarismus. Bandkopf Douglas Pearce, ein bekennender Homosexueller, betreibt eine Glorifizierung der "Schönheit des Todes" im Kampf für das Edle beziehungsweise Gerechte. Verschiedene Gruppen aus seinem Umfeld gehören als "The Family" zu den führenden Protagonisten des Neofolk. Als Musikinstrumente dienen ihnen oft nur Akustikgitarren und Trommeln, die Songs klingen wie eine Art subkulturelle Version des NPD-Liedermacher Frank Rennicke und erinnern an die Zeltlager- und Lagerfeuerromantik der Hitler-Jugend. Während des Kroatien-Kriegs reiste Pearce an die dortige Front und besuchte die neofaschistische HOS-Miliz. Er gab ein Benefizkonzert für sie, propagierte deren Korps- und Kampfgeist und lobte die offene Verwendung nationalistischer Symbolik vor Ort.

Lange, beklagen die Autoren, habe die Szene solche Strömungen "zögerlich und verhalten zur Kenntnis" genommen, als "provokante Geste interpretiert und den Hang zur faschistischen Ästhetik als reinen Fetisch verteidigt". Kritiker innerhalb der Szene, etwa die Grufties gegen Rechts [7], wurden als Nestbeschmutzer oder Spinner angesehen. Anzunehmen ist, dass Teile der "Schwarzen Szene" auf dieses ausführliche Buch ähnlich reagieren werden. Außenstehende indes informiert es umfassend und liefert zudem die historischen Hintergründe seit den - keineswegs rechten! - Anfängen des New Wave (The Cure, Front 242) und der Industrialszene (vgl. Kraftwerks Enkel - Zelebration des Lärmrituals [8]).

Ein gesondertes Kapitel informiert außerdem über die Neue Deutsche Härte "als ästhetisches Spiegelbild der wiedererstarkten Nation", dem die Autoren eine Nähe zum Dark Wave attestieren. Als Vergleich sei die Band Rammstein genannt, die den Videoclip zu ihrer Coverversion des Depeche-Mode-Songs "Stripped" mit Bildern aus NS-Propagandafilmen von Leni Riefenstahl schmückte.

Buch: Andreas Speit (Hg.): Ästhetische Mobilmachung; Unrast Verlag/rat; ISBN 3-89771-804-9; 280 Seiten; [9]

Death in June liveLinks (teilweise zu rechten Seiten):
[1] www.i-idm.org
[2] www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/buch/12704/1.html
[3] www.deathinjune.net/
[4] www.von-thronstahl.com
[5] jungefreiheit.de
[6] www.zillo.de
[7] www.geister-bremen.de
[8] www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/musik/9758/1.html
[9] www.unrast-verlag.de

Artikel von Michael Klarmann 10.08.2002

Einschlägige Konzerte finden auch in Österreich - hier vor allem in Wien - statt.


Originaltext:
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/buch/12900/1.html


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS