Arbeitsbedingungen in der New economy

Ich habe einen Job als www-Publisherin in einem Kleinbetrieb gemacht und da gab es ein paar Ungereimtheiten... Alle reden von den Firmenzusammenbrüchen im Internetbusiness. Die betroffenen MitarbeiterInnen kommen zwischendurch nur vereinzelt zu Wort. Drei Jahre im Internetbusiness, Bericht einer Produzentin.
 
Das Wunder ‹New Business› im Internet hat mittlerweile blaue Flecken von den vielen Abstürzen, die nach dem kometenhaften Aufstieg durch einen starken Aufprall am Boden umso schmerzhafter zu spüren sind. Viele kleine Firmen zerschellten auf Nimmerwiedersehen und die Restlichen erfahren durch den Prozess der Konsolidierung, dass das Wunder Internet in Tat und Wahrheit nur ‹bussiness as usual› ist.
 
Wer hätte das gedacht? Sicher nicht die Firma, in die ich vor drei Jahren eingestiegen bin. Als allesamt QuereinsteigerInnen, denn anders ging es ja damals im Webbereich gar nicht, war man ein Team von 7 Personen, die ziemlich hautnah, Computer an Computer in einem zweigeteilten Raum sassen. Es wurde viel gearbeitet, wenns viele Aufträge gab und es kam auch vor, dass man im Sommer ein paar Tage zuhause blieb, weil es weniger Aufträge gab. Alle verdienten gleich viel, fast alle MitarbeiterInnen waren an der Firma beteiligt.
 
Viele kleine Aufträge und zwei Grossfirmen als Auftragsgeberinnen veränderten dann die Situation der Firma Schritt für Schritt. Im täglichen Arbeitsprozess fast unsichtbar, erwiesen sich die Veränderungen auf eine Dauer von drei Jahren aber als umwälzend. Diese Entwicklung ist beispielhaft für viele Ende des letzten Jahrtausends in diesem Bereich gegründete KMU's (kleine und mittlere Unternehmen).
 
Die Ungereimtheiten für ArbeitnehmerInnen haben sich immer mehr gehäuft. Herauskristallisiert hat sich vor allem eine Hierarchisierung sowohl in der Zusammenarbeit, als auch in der Entlöhnung von MitarbeiterInnen. Und die Weiterbildung in diesem sich technologisch permanent verändernden Bereich wird völlig auf die Eigenverantwortung der Einzelnen abgeschoben.

Von der Zusammenarbeit mit Freelancecharakter zur Büroarbeit mit rund um die Uhr Kontrolle

Offensichtlich wurden diese Veränderungen an meiner Arbeitsstelle z.B. durch den Umzug des Büros – für grosse Kunden mit Geld braucht man auch repräsentative Räumlichkeiten, sonst nehmen die einen geldmässig nie ernst – und es kam zur Verdreifachung der MitarbeiterInnen, sprich nun nurmehr Angestellten.
 
Letztes Jahr gab es sieben Kündigungen. Ich war die Letzte vom alten Team, die ausgetauscht wurde. Ein Mitarbeiter vertraute uns nach seiner Kündigung an, am meisten angeschissen habe es ihn, dass er so viel für die Firma mitgedacht habe, er sich als Teil der Firma gefühlt und eigentlich schon seit mindestens einem Jahr gewartet habe, Mitinhaber dieser Firma zu werden. Und dann wumm, von heute auf morgen die Kündigung. Das Ende einer Entwicklung, die ehemals sonnig in der damals so bezeichneten ‹Freelancekultur› begann. Man ist innovativ, hat Freude an der Arbeit und setzt sich an den Computer wann immer man Lust hat. Und man hat meistens Lust, ist sozusagen Freak. Die Aneignung von Wissen geschieht in einer Mischung aus neugierig ausprobieren und lernen bis zur Besessenheit. So richtig toll wurde es, als sich das ‹Computerfreaksein› auch ökonomisch auszuzahlen begann. Kleine Bürogemeinschaften (und von denen ist in diesem Artikel die Rede) strukturierten sich mehr und, wie in meinem Falle, wurde aus einem Raum mit Atelieratmosphäre und WG-Charakter, ein Businessstockwerk, in dem man jede Arbeitsminute (zwecks Buchhaltung) belegen musste. Aus dem ‹Freelancefeeling› wurde Business mit Büroatmosphäre.
 
Frapant verändert hat sich auch die Zusammenarbeit. Früher wurden die Jobs gemeinsam besprochen. Gegen Ende meiner Anstellung wurde die Firma Zug um Zug durchstrukturiert und die Rollen sukzessive eingeengt. Am Ende gab es einerseits ProjektleiterInnen, die nur mehr mit Sitzungen beschäftigt waren und andererseits Produzentinnen, die an den auszuführenden Jobs sassen. Letztere wurden immer mehr zum Fussvolk, das in der Folge auch weniger bezahlt bekam.
Das, was aber nach wie vor von allen in diesem neuen Businessmodell gefragt ist, ist hohe Motivation, sozusagen ein ‹Bürohengst mit Freakambitionen›. Man ist vom Feeling her noch immer nicht einfach Firma, sondern Ort der Selbstverwirklichung. Und so verwirrlich das alles ist, werden dann auch die Firmenstrukturen und deren Machtverhältnisse eben nicht reflektiert. Die Veränderungen geschahen einfach zu unscheinbar und gleichzeitig zu rasant. Und den Wandel von der Mitarbeiterin zum Fussvolk einer neuen Industrie will man sich als Betroffene noch immer nicht so richtig eingestehen.
 
Bei meinem Kündigungsgespräch kam es zu einem Disput, der auch bei einem der drei Hauptverantwortlichen ein flüchtiges Lächeln auf den Lippen erscheinen liess. (Die Firma ist mittlerweile eine AG mit drei Typen in der Geschäftsleitung – übrigens Frauen und Internet wäre ein eigenes Thema. Bei meiner Arbeitsstelle hatten sie die üblichen Rollen. Zum Beispiel eine Projektleiterin: die musste immer alle Sorgen der ‹Big Ones› abfedern und hat es auch getan.) Ich erzählte ihm von meiner Sommerlektüre über die Frühindustrialisierung in Glasgow und gab ihm zu verstehen, dass seine grossen Gesten, z.B. der gemeinsame Skitag, den die Firma in Zeiten als es ihr noch gutging bezahlte, mich sehr an die Patriarchenhaltung der Frühindustrialisierung erinnerten. Seht doch, ich bin ein Guter und gebe etwas ab von meinem Gewinn.
 
Die Rolle der guten Patriarchen, die ein gönnerhaftes Verhältnis zu ihren MitarbeiterInnen haben, wurde gegen Ende letzten Jahres getrübt. Der Firma gings nicht mehr so gut. Die Extras wurden gestrichen und die Kündigungen begannen. Meine Arbeit war bis zum Tage der Kündigung durch einen Grossauftraggeber der Firma gesichert. Der Job wurde gegen Ende einfach, brauchte aber ein relatives Spezialwissen, das ich mir durch den Aufbau der Website erarbeitet hatte. Bei Ausfall meiner Person hätte man eine andere Firmenmitarbeiterin einschulen müssen, um meinen Job im vollem Umfang gewährleisten zu können. Dieser Grossauftragsgeber kündigte und übernahm die Website selbst. Die Woche nach der Auftragskündigung hatte ich weniger zu tun und zwei Wochen später war ich gekündigt. Ich sass also auf einem Abstellgeleise. Daraufhin willigte ich ein, mich mehr auf Programmierung zu spezialisieren und eine neue Programmiersprache zu lernen, aber nur, wenn diese mir von der Firma bezahlt werden würde. Sie meinten darauf, wenn man ein bisschen Freak wäre, lerne man das sowieso. Zudem gebe es auf dem Arbeitsmarkt nun Personal, das diese (2 Jahre alte) Programmiersprache schon in der Ausbildung gelernt habe und darum kostenlos sei – wozu also mir eine Weiterbildung bezahlen, ausser wenn ich wirklich versprechen würde, meine Arbeitsseele sklavenmässig der Firma zu überlassen.

No Happy Hour (End), No Cocktail 

Schliesslich wurde ich beim Kündigungsgespräch auch noch als altmodische Kommunistin tituliert. Für den Geschäftsguru war es unvorstellbar, dass ich mir ein so altmodisches Wort wie Arbeitnehmerin zueigen mache, wo doch alle gleich aufgefordert werden mitzudenken und sich selbst einzubringen – vorzugsweise mit Know How, das man sich in der Freizeit selbst beigebracht hat. Seine Wahrnehmung funktioniert also noch auf Stufe Eins in der Entwicklung. Die Veränderungen der Machtverhältnisse hat er immer noch nicht mitgeschnitten, sondern er nimmt diese für sich als Professionalisierung im besten Sinne wahr, sonst könnte die Firma ja nicht mehr funktionieren. Tatsächlich argumentieren Theoretiker wie z.B. Antonio Negri (siehe total lokal 2, Artikel zu Empire von Negri/Hardt) ähnlich naiv, wenn sie meinen, nur weil sich die Arbeitswerkzeuge vom Materiellen zum Imateriellen bewegt haben, gäbe es eine grosse gesellschaftliche Veränderung. Tatsächlich braucht man keine schweren Teile von A nach B bewegen, sondern man klopft in die Tastatur. Aber der wesentliche Punkt, das Ausloten von Macht und Kompetenz, hat sich wohl in keiner Weise zum Besseren hin gewandelt, im Gegenteil. In den neuen Industriezweigen herrscht ein unreflektiertes Zerrbild der realen Abhängigkeiten vor und das zieht entsprechende Arbeitsverträge nach sich. Die MitarbeiterInnen werden zu Arbeitsverhältnissen gezwungen, die polemisch gefasst, an die Frühindustralisierung erinnern. Nichts ist vertraglich einigermassen allgemein geregelt, die Lohnunterschiede sind gigantisch, niemand rechnet damit, länger als ein paar Jahre bei einer Firma bleiben zu können. Flexible Arbeitszeit heisst meistens, dass die MitarbeiterInnen sich permanent nach den Ansprüchen der Firma richten müssen. (Man erinnere sich, was mit dem Begriff ehemals gemeint war…)
 
Eine Gewerkschaft für den IT Bereich, das sei ja superaltmodisch verlautbarte ein Freund von mir, der in diesem Bereich unterrichtenderweise unterwegs ist. Da müssten doch Hacker ran. Da muss was ganz Neues erfunden werden! Mit diesen Vorstellungen gesellt er sich zu den neoliberalen Yuppies, die technologischen Fortschritt mit angeblichen gesellschaftlichen Veränderungen zu einem Supercocktail vermixen, um ihn bei der Happyhour nach Fünf wie alle Modernisierer als positiven Nutzen für die gesamte Gesellschaft zu verklickern. Diese Unternehmer sehen sich selbst wie immer in der Geschichte als grosse Helden. Ich mag diesen Cocktail aber nicht. Das Einzige im neuen Technologiebereich, das sich sozialgesellschaftlich auswirkt und auswirken wird, ist die ‹Open Source Idee› und deren Umsetzung. Der Rest ist hinlänglich bekannt durch die Geschichte der Arbeitskämpfe und als solche hoffe ich, werden diese Zustände auch zukünftig erkannt und bekämpft!
 
Originaltext: http://www.davos2002.ch/total_lokal_site/nummer3/antiwef8.html


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