Ludwig Unruh - Jenseits der Arbeit

In der Geschichte der Arbeit hat es immer auch Gegenentwürfe zu den herrschenden Systemen gegeben. In der Folge will ich einen kurzen - mit Sicherheit unvollständigen - Überblick über alternative Vorstellungen von der Organisation der menschlichen Produktion und Reproduktion geben, die u.U. für eine entsprechende aktuelle Konzeption von Bedeutung sein könnten.

Utopien in der Vergangenheit

Einer der frühesten Vertreter utopischen Denkens war Iambulos (3. Jh. v.u.Z.), auf dessen Sonneninseln die Arbeit und nicht die Arbeitsprodukte ausgetauscht werden sollen und nach der Arbeit genügend freie Zeit für die Beschäftigung aller mit der Wissenschaft bleibt. Von seinen Ideen ist auch Thomas Morus (1478–1535) beeinflußt, in dessen Utopie eine gleiche Arbeitspflicht für alle herrscht (mit einigen wenigen Ausnahmen). Da alle, beaufsichtigt von einer „Aufsichtsbehörde gegen Müßiggang“, arbeiten, kann der Arbeitstag auf 6 Stunden begrenzt werden, so daß genügend Zeit für die „Freiheit und Pflege des Geistes“ bleibt.

Bei dem deutschen Frühsozialisten Wilhelm Weitling (1808–1871) gab es ähnliche Vorstellungen. Auch er sah das eigentliche Übel in der ungerechten Verteilung der Arbeit und ihrer Produkte, der Charakter der Arbeit selbst wurde nicht in Frage gestellt. Dagegen war es für Charles Fourier (1772–1837) entscheidend, auch die Arbeit selbst anziehend zu gestalten. Arbeit sollte somit „zum ersten Lebensbedürfnis“ werden. Feiern, Liebe und Arbeit würden ineinander übergehen. Die Monotonie der Arbeit sollte durch einen ständigen, anderthalbstündigen Wechsel der Tätigkeitsart drastisch verringert werden. Damit wurde erstmals in der Geschichte der Charakter der Arbeit an sich in Frage gestellt.

Eine ähnliche Konzeption wie Fourier entwickelt William Morris (1834–1896) in seinem utopischen Roman „Kunde von Nirgendwo“. Auch bei ihm hat die Veränderung der Arbeit einen zentralen Stellenwert. Er erwägt auch nicht eine generelle Verringerung der Arbeit, sondern nur der mühseligen Arbeit, da durch die Freude an der (weniger mühseligen) Arbeit ein hoher Arbeitsanreiz bestehe. Weiterhin plädiert er für kleine, überschaubare Produktionseinheiten mit für jeden transparenten Strukturen, Kunst und Arbeit sollten miteinander verschmelzen.

Bei Moses Hess (1812–1875), einem der ersten deutschsprachigen Anarchisten, der sich später dem Marxismus zuwandte, scheint erstmals die Trennung von freier Tätigkeit und Arbeit auf. Für ihn galt die Betätigung im Fourierschen Sinne nicht mehr als Arbeit: „Freie Thätigkeit ist Alles, was aus innerm Antriebe, Zwangsarbeit dagegen Alles, was aus äußerem Antriebe oder Noth geschieht.“

Wie bereits angedeutet, findet sich vor allem in den Frühschriften von Marx eine weitergehende Kritik der Arbeit, die mit unfreier Tätigkeit schlechthin gleichgesetzt wird. Folgerichtig ist dann auch von der „Aufhebung der Arbeit“ die Rede: „Während also die entlaufenden Leibeigenen nur ihre bereits vorhandenen Existenzbedingungen frei entwickeln und zur Geltung bringen wollten und daher in letzter Instanz nur bis zur freien Arbeit kamen, müssen die Proletarier, um persönlich zur Geltung zu kommen, ihre eigne bisherige Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen bisherigen Gesellschaft ist, die Arbeit, aufheben.“ Oder noch eindeutiger formuliert: „Es ist eins der größten Mißverständnisse, von freier, gesellschaftlicher menschlicher Arbeit, von Arbeit ohne Privateigentum zu sprechen.

Die „Arbeit“ ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche, von Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit. Die Aufhebung des Privateigentums wird also erst zu einer Wirklichkeit, wenn sie als Aufhebung der Arbeit gefaßt wird.“ In seinen späteren Schriften gelangte Marx aber zu einer wesentlich optimistischeren Sichtweise der Arbeit (s.o.), eine Ansicht, die die Mehrheit der Arbeiterbewegung über ein Jahrhundert dominierte.

Marxens Schwiegersohn Paul Lafargue (1842–1911) nahm sich dieser, von der organisierten Arbeiterbewegung arg vernachlässigten, Seite des Denkens seines Schwiegervaters an. So kritisierte er die französichen Arbeiter, „die das ,Recht auf Arbeit‘ als revolutionäres Prinzip“ proklamierten: „Schande über das Proletariat! Nur Sklaven sind einer solchen Erniedrigung fähig.“ Stattdessen forderte er in seiner, inzwischen zum Klassiker der Arbeitsgegner avancierten, gleichnamigen Schrift das „Recht auf Faulheit“, um der sich in den kapitalistischen Ländern umgreifenden „Arbeitssucht“ entgegenzuwirken.

Der russische Anarchokommunist Peter Kropotkin (1842–1921) fordert in Anschluß an Fourier eine radikale Verbesserung der Arbeitsbedingungen, so daß die Arbeit selbst einen angenehmen Charakter annehme und so das werde, was sie eigentlich sein sollte: „die freie Betätigung der menschlichen Fähigkeiten“. Vorausetzungen dafür waren für ihn – neben der Sozialisierung der Produktionsmittel – die Abschaffung der Arbeitsteilung, die Dezentralisation der Industrie sowie eine deutliche Reduzierung der Arbeitszeit. Bei dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte um die Jahrhundertwende erachtete er eine Arbeitszeit von täglich 4-5 Stunden bis zum Alter von 45-50 Jahren für jeden Erwachsenen als ausreichend für die Versorgung mit allen notwendigen Gütern. Gleichzeitig sollten unter Verwendung der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse die Produktionsbedingungen soweit verbessert werden, daß beispielsweise die „Abzugskanäle von Paris (...) ebenso gesund“ werden wie ein „bakteriologisches Laboratorium“. In der Abschaffung der Großbetriebe und der Beseitigung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit sah er eine Voraussetzung für die Entfaltung der intellektuell-künstlerischen Potentiale der Arbeitenden. Im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen sah er in der sich zu der Zeit rasant entwickelnden Großindustrie keinerlei Fortschritt für die Emanzipation der Menschheit. Im Gegenteil, er erhoffte sich von einer auf Kleinindustrie und gemeinschaftlichem Eigentum basierenden Wirtschaft wesentliche Produktivitätsvorteile. Daher wies er auch die Marxsche Ansicht zurück, daß die Lohnarbeit in der industriellen Großproduktion sozusagen ein unvermeidliches – wenn auch schmerzliches – Durchgangsstadium zum Sozialismus hin bedeute: „All diese Leiden zu bewillkommnen und in ihnen das Wirken eines ,Naturgesetzes‘ und einen notwendigen Schritt in der Richtung der notwendigen Konzentration der Industrie zu sehen, ist einfach absurd.“

Kropotkin wandte sich zudem gegen die bürgerliche und wie auch Marxsche Arbeitswertlehre: „Es kann kein exaktes Wertmaß für das, was man unkorrekter Weise Tauschwert genannt hat, geben und ebensowenig für den Gebrauchswert.“ Er verwies hingegen auf die Tatsache, daß in nahezu allen Arbeitsprodukten Anteile vom Schaffen vergangener Generationen, ebenso wie die unzähliger Hand- und Kopfarbeiter verschiedenster Sparten, enthalten sind, deren einzelnen Wertanteil man unmöglich bemessen könne. Folgerichtig lehnte er alle Forderungen der Sozialdemokraten aller Schattierungen seiner Zeit ab, die das Lohnsystem – mit dem einzigen Unterschied, anstelle der Entlohnung mit Geld die mittels Arbeitsbons zu setzen – auch nach der Revolution aufrechterhalten wollten. Für Kropotkin war schließlich nicht die Ausbeutung der Arbeit das entscheidende Übel der kapitalistischen Produktionsweise, sondern die Art und Weise der Produktion sowie deren Ziel, das eben nicht in der Bedürfnisbefriedigung aller lag: „Fort also mit jenen zweideutigen Forderungen, wie ,das Recht auf Arbeit‘ oder ,Jedem der vollständige Ertrag seiner Arbeit‘. Was wir proklamieren, das ist das Recht auf Wohlstand, den Wohlstand für Alle.“

In den 1920er Jahren beschrieb der deutsche Anarchosyndikalist Franz Barwich, in Anlehnung an die Kropotkinschen Ideen, seine Vorstellung von einer befreiten Gesellschaft, in der die Arbeitsteilung zwischen Hand- und Kopfarbeit ebenso abgeschafft ist wie die Berufsorientierung – jeder wäre „gleichzeitig Feldarbeiter und Techniker“. In ihr steht die möglichst angenehme Gestaltung der Arbeit bei gleichzeitiger Minimierung der Arbeitszeit im Mittelpunkt des Interesses. Alle unsinnigen Tätigkeiten, die allein der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems dienen, sollten ersatzlos abgeschafft werden. Jede Gemeinschaft produziert in erster Linie für den eigenen Bedarf, der unnütz Ressourcen verbrauchende (Fern-)Handel sollte auf ein Minimum reduziert werden. Für ihn war alle Tätigkeit Arbeit und der „Arbeitstrieb (...) tief in der menschlichen Natur begründet“. Er wandte sich strikt gegen die Auffassung, daß der Mensch ohne Zwang untätig herumliegen würde, und machte die kapitalistische Organisation der Arbeit für die zu seiner Zeit immer wieder zu beobachtende Faulheit verantwortlich.

Die 1968er Revolte brachte schließlich wieder verstärkte Aufmerksamkeit für arbeitskritische Positionen. Iring Fetscher (*1922) sieht in der Arbeit eine „entfremdete, mit Unlust verbundene, durch Not erzwungene Tätigkeit“, die er in Gegensatz zu „schöpferischer Tätigkeit“ setzt. Zudem machte er – unter Verweis auf die amerikanische Hippiebewegung – auf einen Aspekt aufmerksam, der vor allem in den konsumorientierten Ländern des Westens an Bedeutung gewann: „Wer sich dem Leistungszwang der hochindustrialisierten Gesellschaft entziehen will, der muß sich daher auch – wenigstens partiell – vom Konsumzwang frei machen.“

Der marxistische Theoretiker Ernest Mandel (1923–1995) definiert in seinem Werk „Marxistische Wirtschaftstheorie“ die Arbeit als eine, nämlich die „elendste“ und „unmenschlichste“, Form menschlicher Betätigung bzw. die traditionelle Arbeit als „prähistorische Form der schöpferischen, universellen menschlichen Praxis“ und schreibt: „Das Ziel des Sozialismus kann nicht die Vermenschlichung der Arbeit sein (...) Das sind alles Übergangsstufen, Notbehelfe, Halbheiten. (...) Der Prozeß der Vermenschlichung des Menschen wird erst vollendet sein, wenn die Arbeit abgestorben ist und der schöpferischen Praxis Platz gemacht hat, die einzig darauf ausgerichtet ist, universell entwickelte Menschen hervorzubringen.“ Er sieht als Ziel der menschlichen Entwicklung die Wiedervereinigung des homo faber (des Werkzeuge produzierenden Menschen) mit dem homo ludens (dem spielenden Menschen) nach einer historisch notwendigen Periode der Trennung dieser beiden „Aspekte der Menschheitsgeschichte“. Er greift dabei auf einen Gedanken zurück, der in der Vergangenheit von verschiedenen Schriftstellern, Philosophen, Anthropologen geäußert wurde, nämlich daß „alles das, was weder subjektiv noch objektiv zufällig ist und doch weder äußerlich noch innerlich nötigt, mit dem Wort Spiel“ bezeichnet werden kann, das letztendlich allein den Raum für die Selbstverwirklichung des Menschen bietet.

Die Orientierung auf das Spiel teilt auch der italienische Anarchist Alfredo M. Bonanno und verbindet diese mit einer radikalen Ablehnung der Arbeit: „Die Revolution wird immer und ausschließlich die Negation der Arbeit und die Bejahung der Freude sein.“ Die „Ethik der Arbeit ist (...) ein Produkt des bürgerlichen Rationalismus“, das Pendant zur „christlichen Ethik des Opfers“. Darum kann es für ihn auch nicht darum gehen, die Arbeit gleich zu verteilen oder die Maschinerie bzw. die Arbeitsmittel vom Privateigentum in das des Proletariats zu überführen. Ebenso lehnt er die Organisation auf Basis der Arbeit, in Gewerkschaften, ab: „Um dem Globalisierungsprojekt des Kapitals zu entkommen, gibt es für die Ausgebeuteten nur einen Weg: Die Verweigerung der Arbeit, der Produktion und der politischen Wirtschaft.“

Ähnlich radikal wie die Ablehnung der Arbeit durch die Situationisten ist die des US-amerikanischen Anarchisten Bob Black, der in seinem Aufsatz „The abolition of work“ eine weitgehende Kritik aller bisherigen Auffassungen von Arbeit in der Geschichte formuliert.

In Deutschland macht derzeit vor allem die Gruppe Krisis mit einer umfassenden Kritik der Arbeit von sich reden. Sie knüpft dabei an die Marxsche Wertkritik an, die sie – im Gegensatz zur Arbeiterbewegung, deren Kampf vor allem der Ausbeutung der Arbeit galt – in den Mittelpunkt ihrer Argumentation gegen die Arbeitsgesellschaft stellt. Ihr Augenmerk richtet sich vor allem auf die „Verselbstzweckung der Arbeit“ und die dadurch entstandenen Systemzwänge. Auf Grund der dritten industriellen Revolution auf Basis der Mikroelektronik stößt die Verwertbarkeit lebendiger Arbeit an ihre historische Schranke. Neue, profitträchtige Arbeitsfelder können weder im Dienstleistungssektor noch auf neuen Märkten, wie denen des ehemaligen Ostblockes etwa, erschlossen werden. Somit ist jeder Versuch der Rettung der Arbeitsgesellschaft von vornherein zum Scheitern verurteilt; folgerichtig wird die „Aufhebung der Arbeit“ durch eine neue „Aneignungsbewegung“ gefordert.

Allerdings vernachlässigen sie mit ihrem Abschied vom Klassenkampf wiederum eine Seite der Kritik am kapitalistischen System, nämlich die an der Schaffung von Mehrwert infolge der Ausbeutung der Arbeit. Eine emanzipatorische Perspektive kann es aber nur unter Einbeziehung beider Aspekte, der infolge der Wertform entfremdeten Art und Weise der Produktion, des Fetischismus der Arbeit und der Ausbeutung der Arbeit und der darauf basierenden Herrschaftsinteressen, geben.

Eine aktuelle Utopie

Ohne die ideologische Brille betrachtet, läßt sich m.E. vor allem eines erkennen, nämlich daß die Arbeit alles andere als einen positiven Beitrag zur menschlichen Emanzipation geleistet hat. Die Arbeit ist immer eine entfremdete Tätigkeit gewesen, deren Hauptmerkmal ihre äußere Zwecksetzung, ihr Zwangscharakter ist. Die Entfremdung äußert sich nicht allein darin, daß das Arbeitsprodukt nicht dem Produzenten gehört und dieser folglich nicht darüber verfügen kann. Allein entscheidend ist auch nicht, daß die Arbeit als Lohnarbeit vollzogen wird und somit die materielle Vergütung nicht dem Wert der ver- ausgabten Arbeitskraft entspricht. Mit der Beseitigung der Ausbeutung der Arbeit wäre insgesamt noch nicht viel gewonnen. Wesentliches Ziel muß es stattdessen sein, der Produktion den Selbstzweckcharakter zu nehmen, sie wieder in den Dienst des Menschen zu stellen und die Produzenten selbst über Gegenstand, Umfang, Art und Weise der Produktion entscheiden zu lassen. Es ist daher wenig hilfreich, der grundsätzlich entfremdeten Arbeit den Gegenpol einer befreiten Arbeit gegenüberzustellen.

Es hat jetzt wenig Sinn, der herrschenden Produktionsweise eine detaillierte anarchistische Alternative befreiter Tätigkeit entgegenzusetzen. Allerdings können wir durchaus einige Eckpunkte formulieren, die einen Grundrahmen für eine solche Konzeption einer befreiten Gesellschaft darstellen. Dabei ist es sinnvoll, bei den gegenwärtigen Mißständen anzusetzen.

Reduzierung des Produktionsvolumens

Ein wesentlicher Ansatzpunkt ist die Tatsache, daß trotz der immens gestiegenen Produktivität in den letzten Jahrzehnten sich das Arbeitsvolumen nicht in vergleichbarenm Umfang verringert hat. Das liegt zum einen an den steigenden Aufwendungen für die Erhaltung des Systems an sich. Dazu zählen beispielsweise der gesamte Repressionsapparat (Militär, Polizei, Geheimdienste...), die Verwaltungsbürokratie, die Unterhaltung eines ganzen Heeres von SozialarbeiterInnen, Angestellten im Gesundheitswesen, die für die Beseitigung der Folgen übermäßiger oder fehlender Arbeit zuständig sind, der Arbeitsaufwand für die Beseitigung von Umweltschäden, für Werbung oder die Vernichtung von Arbeitsprodukten wie Lebensmitteln und anderen Gütern auf Grund von fehlender zahlungskräftiger Nachfrage.

Ein weiterer Punkt ist die Art und Weise, unter der sich die heutige Produktion vollzieht. Die Konkurrenzwirtschaft hat u.a. zur Folge, daß jeder Konzern seine Forschungsergebnisse und Produktivitätsfortschritte geheimhält, um damit Extraprofite erzielen zu können. Die freie Verbreitung von Anwendungswissen wird eingeschränkt, um der Konkurrenz kein profitträchtiges Know-how zu überlassen. Im Ergebnis wird das Fahrrad nicht nur einmal neu erfunden, etliche Forschungsabteilungen sitzen an denselben Aufgaben, ohne sich gegenseitig austauschen und inspirieren zu können. Gleichzeitig verschwinden Forschungsergebnisse über kosten- oder ressourcensparende Produkte in der Schublade, solange die Markteinführung keinen zusätzlichen Profit verspricht.

Durch das Streben nach maximalem Gewinn werden bei vielen sogenannten „langlebigen“ Konsumgütern Sollbruchstellen eingebaut, die eine regelmäßige Ersatznachfrage zur Folge haben. Zielgerichtet werden immer neue Bedürfnisse stimuliert, die das Ausmaß der notwendigen Arbeitszeit immens steigern. So werden fortlaufend neue Moden kreiert, die die moralische Lebensdauer von Produkten stark verkürzen, obwohl sich ihre Qualität noch nicht entscheidend verringert hat. Mittels immer kürzerer Produktzyklen wird versucht, den Verbrauchern Produkte aufzudrängen, die meist nur unwesentliche Neuerungen aufzuweisen haben. Durch Absprachen zwischen Produktlieferanten und Projektierungsbüros oder Korruption werden oft völlig überdimensionierte Anlagen verkauft, oder neu errichtete Werke werden z.B. infolge von Preisveränderungen auf dem Weltmarkt oder neuen strategischen Überlegungen in der Konzernzentrale schon kurz nach Errichtung unrentabel, so daß sie gleich wieder geschlossen werden und ihr „Dasein“ als Investitionsruine fristen.

Auch dürfte die Art und Weise der Arbeitsorganisation nicht gerade die Kreativität und die Produktivität der Arbeitenden anregen. Durch Arbeitshetze und Zeitdruck werden oft Provisorien errichtet, die später mittels mehrfachem Arbeitsaufwand ersetzt werden, nur um bestimmten vertragsrechtlichen Erfordernissen Folge zu leisten. Nur der Vollständigkeit halber sei hier noch der Unsinn von staatlichen oder kommunalen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Beschäftigungsprogrammen erwähnt.

Ein hohes Einsparungspotential ergibt sich auch im Bereich der Hausarbeit. Der Zeitaufwand für diese ist trotz einer Vielzahl von Haushaltsgeräten in diesem Jahrhundert kaum gesunken. Das ist zum einen erhöhten Sauberkeitsstandards zuzuschreiben, andererseits wird eine Vielzahl der Tätigkeiten infolge des Abbaus von Sozialleistungen wieder im privaten Haushalt verrichtet, die effektiver – und auch attraktiver – gemeinschaftlich organisiert werden könnten. Das gleiche gilt auch für einen Großteil der heute im informellen Sektor – vor allem in der Peripherie – verrichteten Arbeit, die auf Grund fehlenden Zugangs zu Know-how und modernen Produktionsmitteln nur eine sehr geringe Produktivität aufweist.

Diese Liste ließe sich noch unendlich fortsetzen, jede, die ein wenig Einblick in die reale Wirtschaft hat, kann sicher eine Menge weiterer Beispiele aufführen. Wenn man also allein die möglichen Einsparungen von Arbeit infolge dieser der kapitalistischen Organisation der Produktion geschuldeten Verschwendung betrachtet, kann man sich ausrechnen, wieviel Arbeit für jeden Erwachsenen übrig bleiben würde. Sie würde mit Sicherheit nur noch einen Bruchteil der heute notwendigen betragen – bei gleichbleibendem Konsumniveau! Weitere Einsparungspotentiale würden sich durch Ersatz von Privatkonsum durch gemeinschaftlichen Konsum ergeben. Nicht jede braucht ein eigenes Auto oder eine persönliche Waschmaschine; Anschaffung von Konsumgütern als Statussymbol dürfte der Vergangenheit angehören, die notwendige Arbeit würde sich weiter verringern.

Mit drastisch sinkendem Zeitaufwand verliert aber die Arbeit einen wesentlichen Teil ihres heutigen Lastcharakters und würde damit den Weg für eine Umwandlung in schöpferische Tätigkeit frei machen.

Organisation der (Re-)Produktion

Wie viele frühere Utopisten bereits erkannt hatten, hat die Art und Weise der Produktion einen wesentlichen Einfluß auf den Lebensprozeß insgesamt. Eine wichtige Voraussetzung für die Beseitigung der Entfremdung bei der Arbeit ist die Rücknahme der Arbeitsteilung bis hin zu deren vollständiger Aufhebung. Im Gegensatz zu der weitverbreiteten Annahme, daß eine moderne, hochtechnologisierte Produktion ein ebenso hohes Maß an Arbeitsteilung und Spezialisierung erfordert, ist die drastische Verringerung der Arbeitsteilung m.E. nicht nur möglich, sondern eine Voraussetzung freien Tätigseins des Menschen. Sicher kann kein Mensch für sich in Anspruch nehmen, heute ein Flugzeug konstruieren und morgen eine Tätigkeit als Arzt aufnehmen zu wollen. Möglich ist aber die Aufhebung der Teilung der Arbeit in leitende und angeleitete, in körperliche und geistige, die lebenslange Ausrichtung auf einen bestimmten Bereich des menschlichen Lebensprozesses. So wird es keine Unterteilung der produktiven Tätigkeit in verschiedene Qualifikationsstufen geben, etwa den heutigen Stufen der Karriereleiter entsprechend. Jeder Produzent wird zugleich planende und ausführende Tätigkeiten durchführen, Forscherin, Ingenieurin und Montagearbeiterin oder Arzt und Pfleger in einer Person sein. Das wird mit Sicherheit ein insgesamt weitaus kreativeres Tätigsein und mehr sowie nützlichere Neuerungen hervorbringen als das heutige Berufsspezialistentum. Die Phase des Lernens wird keine vom produktiven Tätigsein separierte sein, der Bildungsprozeß wird dieses ständig begleiten.

Gleichzeitig wird durch die drastisch gesunkene notwendige Zeit für die Produktion eine aktive Beteiligung am gesellschaftlichen Leben ermöglicht, genauso wie für künstlerisches Schaffen oder „bloßen“ Genuß der Natur. Dadurch wird schließlich die heutige Trennung von Produktion und eigentlichem Leben, von Arbeit und Freizeit, von Ökonomie, Bildung, Politik, Kunst usw. aufgehoben. Nicht nur die ständig wechselnde Betätigung in den ehemals getrennten Sphären menschlichen Lebens trägt dazu bei, sondern vor allem die Aufhebung des Zwangscharakters und die dadurch ermöglichte reale Selbstverwirklichung allseitig entwickelter, nicht mehr durch das Spezialistentum und entfremdete Tätigkeit verkrüppelter Menschen.

Eine weitere Voraussetzung freier Lebenstätigkeit ist eine umfassende Änderung der heutigen Technologie und der damit verbundenen Produktionsstrukturen. Die Technik muß so gestaltet werden, daß nicht der Mensch immer wieder Anpassungsleistungen vollbringen muß. Stattdessen gilt es, die Technik dem Menschen anzupassen. Dazu gehört vor allem die umfassende Dezentralisierung der Produktionsstrukturen, ein Prozeß, der durch die vielfältigen Möglichkeiten der Nutzung der Mikroelektronik erleichtert wird und sich bereits heute abzeichnet. Die gigantischen Industriebetriebe müssen im Grunde zerschlagen und durch wesentlich kleinere Einheiten ersetzt werden, auch wenn das mit einer Verringerung der Effektivität der Produktion verbunden sein kann (aber nicht zwangsläufig sein muß). Die Wirtschaft der Zukunft muß eine weitgehend regionalisierte sein, die auf einem hohen Grad an Selbstversorgung basiert. Damit wird auch ein weiterer Beitrag zur Beseitigung der Trennung von Arbeit und Leben geleistet, nämlich dadurch, daß die heute oft noch zunehmende Entfernung von Arbeits- und Lebensstätte drastisch verringert wird.

Nur Güter, die nicht oder nicht sinnvoll innerhalb der Region produziert werden können, sollen durch „Import“ aus anderen Regionen bezogen werden. Das bedeutet allerdings nicht die Abkapselung der Regionen untereinander, im Gegenteil, der persönliche, wissenschaftliche und kulturelle Austausch wird durch die Ausschaltung des Konkurrenzprinzips ein viel intensiverer als der heutige sein.

Schöpferische Praxis

All die angeführten Änderungen im Lebensprozeß können dazu beitragen, die menschliche Lebenspraxis von der Dominanz durch die Arbeit zu befreien und diese immer weiter zurückzudrängen. Durch entsprechende Organisation kann eine bestimmte Tätigkeit unter unterschiedlichen Umständen die Form von Arbeit annehmen oder eben als Selbstverwirklichung erlebt werden. Auch kann freie, schöpferische Tätigkeit durchaus mit großer Anstrengung verbunden sein. Sicher wird es wohl immer Tätigkeiten geben, die nicht mit Lust getan, die als notwendiges Übel, als Arbeit, empfunden werden. Vielleicht werden aber eines Tages auf Grund eines neuen Ethos des Zusammenlebens auch diese freiwillig getan werden und auf Grund der gemeinschaftlichen Verrichtung sogar Lustcharakter annehmen.

Die Annahme, daß der Mensch ohne Zwang sich jeder Tätigkeit entziehen würde, gehört m.E. eindeutig ins Reich der Legende. Es gibt inzwischen viele Anthropologen, Historiker usw., die der Meinung sind, daß nicht das faule Nichtstun die „natürliche“ Reaktion bei Wegfall des Arbeitszwanges ist, sondern eben gerade eine Lebensweise, die durch den Wechsel zwischen Zeiten der intensiven Anstrengung und des intensiven Nichtstuns, Feierns etc. geprägt ist. „Wo immer die Menschen ihren Arbeitsrhythmus selbst bestimmen konnten, bildete sich ein Wechsel von höchster Arbeitsintensität und Müßiggang heraus“, stellte beispielsweise der bereits mehrfach zitierte britische Historiker E. P. Thompson fest, um im Anschluß dann die Frage aufzuwerfen, ob das nicht der „natürliche menschliche Arbeitsrhythmus“ sei, da ein solcher auch heute noch bei den meisten heutigen selbständigen Berufen anzutreffen sei. Der gegenwärtig oft aufkommende Wunsch nach purem Nichtstun außerhalb der Arbeitszeit, nach vollständig durchorganisiertem Urlaub usw. ist nichts anderes als die Folge einer ebenso fremdbestimmten Tätigkeit in der Produktionssphäre. Die menschliche Praxis der Zukunft hingegen wird durch die Lust am kreativen Schaffen gekennzeichnet sein. Sie wird um ihrer selbst willen verrichtet werden, die dabei entstehenden Güter oder Leistungen werden dabei quasi nur ein „Abfallprodukt“ darstellen. Eines, das zwar notwendig für die physische Existenz der Menschheit ist, aber nicht allein deswegen produziert wurde. Dieses Schöpferischsein wird – wie von vielen utopischen Denkerinnen und Denkern erwartet – dann in vielem dem heutigen Spiele ähneln und kann durchaus auch Wettkampfcharakter annehmen, der aber allein von gesellschaftlicher Anerkennung als wesentlichem Motiv gespeist wird.

Es ist m.E. kontraproduktiv, sich neue Formen der Steuerung der Gesellschaft durch irgendwelche Marktmechanismen auszudenken, die zwar bestimmte Elemente der heutigen Marktwirtschaft ausschließen sollen, jedoch deren Kern unangetastet lassen. Weder das Geld noch der Zins oder das Privateigentum an Produktionsmitteln ist alleiniges Übel an der kapitalistischen Ökonomie. Solange der Zwangscharakter der menschlichen (Haupt-)Tätigkeit – also die Arbeit – nicht aufgehoben wird, den diese in einer Marktwirtschaft immer haben wird, wird eine freie, selbstbestimmte Lebensweise eine Schimäre bleiben. Ebensowenig kann die (Re-)Produktion des menschlichen Lebens in einer freien Gesellschaft durch zentrale Planung gekennzeichnet sein, die letztendlich genauso die Fremdbestimmtheit des Menschen befördert, wie der Markt.

Wir brauchen dagegen einen dezentrale Planung innerhalb und zwischen freien, miteinander vernetzten Kommunen, die allein am tatsächlichen Bedarf der Menschen ausgerichtet ist. Warenproduktion und Leistungsprinzip sind funktionale Elemente der kapitalistischen Wirtschaft, die in einer Bedarfswirtschaft keinen Platz haben. Daß eine intakte natürliche Umwelt ein Bedürfnis der Menschen ist, das dann wohl einen sehr hohen Stellenwert einnehmen wird, erübrigt sich eigentlich, zu erwähnen.

Perspektiven

Die theoretische Beschäftigung mit dem Arbeitsbegriff und das Entwerfen von Utopien allein bleibt aber folgenlos, wenn wir nicht entsprechende Wege in der Praxis finden, die uns unseren Vorstellungen der Gesellschaftsorganisation näher bringen. Wir haben gesehen, daß das heutige Arbeits- und Leistungsethos, das von der Mehrheit der Bevölkerung, quer durch alle Klassen und Schichten, tief verinnerlicht ist, ein wesentliches Hindernis für Fortschritte auf dem Weg zur Emanzipation des Menschen ist. Einerseits verteidigen die „Arbeitsplatzbesitzer“ mit allen Mitteln ihren Arbeitsplatz, meist auch wenn er noch so stumpfsinnig ist, andererseits leiden Arbeitslose unter dem Stigma, scheinbar von anderen abhängig und selbst zur Untätigkeit verdammt zu sein. Die meisten Menschen, ob mit oder ohne Arbeit, sind zu EinzelkämpferInnen geworden, eine Tendenz, die durch die derzeitige Fragmentierung in den Betrieben noch verstärkt wird. Wenn diese Atomisierung der Arbeiterklasse durchbrochen werden soll, muß zuallererst der Einfluß der bürgerlichen Leistungsideologie zurückgedrängt werden.

Bei der Organisation von Widerstand bietet die anarchosyndikalistische Doppelstrategie der Verbindung des Widerstandes im ökonomischen Bereich mit dem im Lebensumfeld am Wohnort einige Anknüpfungspunkte.

Zunächst ist innerhalb der Betriebe ein direkter, offener Widerstand derzeit kaum möglich. Bei dem heutigen Grad an Entfremdung am Arbeitsplatz, bei der Abstumpfung und Auslaugung, die durch die Arbeit verursacht wird, existieren alles andere als einem aktiven Kampf zuträgliche Voraussetzungen. Nicht nur die wachsende Fragmentierung der Arbeiterklasse beeinträchtigt die Entstehung von Kämpfen am Arbeitsplatz, auch die sinkende Nachfrage nach Arbeit und der wachsende Druck durch die von Arbeitslosigkeit Betroffenen sowie die immer öfter im Raum stehende Drohung der Auslagerung von Arbeitsplätzen im Zuge der Globalisierung tragen ebenso zu verschlechterten Kampfbedingungen für Gewerkschaften bei.

Ökonomischer Kampf dürfte gegenwärtig effektiver von außen zu führen sein, wie z.B. mittels Boykotts oder Blockaden. Allerdings besitzt das syndikalistische Arsenal durchaus Waffen, die in solchen Zeiten angepaßter erscheinen, wie z.B. Bummelstreik, Sabotage, Dienst nach Vorschrift usw. Genauso sollten wir uns überlegen, inwiefern beispielsweise der Kampf gegen Betriebsschließungen überhaupt erstrebenswert ist, bzw. wie dieser einen über das System hinausweisenden Charakter annehmen kann. Meines Erachtens gibt es sinnvollere Ziele, als sich für die Erhaltung stumpfsinniger, die Gesundheit ruinierender Arbeitsplätze einzusetzen. Schließlich geht es ja nicht um die Arbeitsplätze, sondern in erster Linie um das damit verbundene Einkommen. Wenn die gleiche Anzahl von Produkten mit weit weniger Arbeitsaufwand produziert werden kann, dann ist es schlicht Unsinn, das nicht zu tun. Nur soll dann entweder die verbleibende Arbeit gleichmäßig unter alle aufgeteilt werden oder eben ein entsprechender Anteil vom Ertrag an die in die Erwerbslosigkeit Geschickten gezahlt werden.

Infolge der derzeit schlechten Ausgangsbedingungen für Widerstand im betrieblichen Bereich, wie auch auf Grund unserer geringen Zahl scheint es mir derzeit erfolgversprechender, die Schwerpunktsetzung zunächst auf das konkrete Lebensumfeld zu richten. Hier haben wir die Möglichkeit, unsere geringe Zahl durch Konzentration auf bestimmte Orte zu kompensieren. Konkret könnte das z.B. heißen, daß wir versuchen, bestimmte Bereiche der Reproduktion (Wohnen, Kinderbetreuung, gemeinsame Werkstätten ...) abseits vom Markt gemeinschaftlich zu organisieren. Dazu könnten die vielerorts brachliegenden Produktionsstrukturen für die Eigenproduktion genutzt werden – ebenso wie beispielsweise von der Schließung bedrohte Betriebe mit diesem Ziel besetzt werden könnten. Damit ist allerdings nicht die Kollektivierung dieser Betriebe mit dem Ziel, weiterhin für den Markt zu produzieren, gemeint. Das ändert nichts an der ganzen Misere; es tritt lediglich die Fiktion, „nun für sich selbst zu arbeiten“, an die Stelle der offensichtlichen Fremdbestimmung der Arbeit.

Die Nutzung der Infrastruktur für den Eigenbedarf würde auch ganz konkret zu einer realen Linderung von materiellen oder zeitlichen Notlagen führen, zur Überwindung der Vereinzelung und somit zu solidarischen Strukturen, die eine gewisse soziale Absicherung gewährleisten könnten. Im Ergebnis könnte das zu einem schrittweisen Wiederaneignen des Lebensumfeldes und der Entwicklung von lokalen, direkt-demokratischen Strukturen als Gegenmacht zu den Kommunalparlamenten führen. Vielleicht könnte daraus ein Ansatz von neuer kollektiver Emanzipation im eigenen Lebensumfeld werden, aus der sich dann irgendwann mal eine Form von lokaler Gegenmacht etabliert.

Angesichts des immer mehr voranschreitenden Rückzuges des Staates aus seinen sozialen Verpflichtungen muß es uns gelingen, eigene Strukturen der gegenseitigen Unterstützung aufzubauen. Damit würden wir aus dem Dilemma herauskommen, immer nur an den ungeliebten Staat Forderungen zu stellen, und könnten gleichzeitig auf real existierende Gegenansätze verweisen, was unsere Ideen weitaus attraktiver machen würde.

Diese beiden Seiten des Widerstandes, der Kampf in den Betrieben und der im Wohngebiet, werden sich dann gegenseitig unterstützen. Die Bereitschaft, im Betrieb Widerstand zu leisten, wird bei solidarischen Strukturen im sonstigen Lebensumfeld mit Sicherheit steigen, genauso wie umgekehrt die Verankerung in den Betrieben die Ausbreitung einer Aussteigermentalität verhindern kann. Nur so kann die Spaltung der Gesellschaft in eine arbeitende „Elite“ und den von der Erwerbsarbeit ausgeschlossenen Rest vermieden werden, eine Spaltung, die sich andernfalls verhängnisvoll auswirken kann. Vorrangiges Ziel muß es aber sein, ein gesellschaftliches Klima und konkrete solidarische Zusammenhänge herzustellen, die in der Perspektive Widerstand an der Wurzel des kapitalistischen Systems, im ökonomischen Bereich, wieder möglich machen.

Unmittelbar stehen wir m.E. derzeit vor der Aufgabe, die Arbeitsfixierung und die damit verbundenen Mythen in den Köpfen der Menschen zu überwinden. Dazu bedarf es des Wiederaufgreifens der Traditionen des Widerstandes gegen die Arbeit, die oft erst noch aus den Trümmern der herrschenden Geschichtsschreibung freigelegt werden müssen. In unserer theoretischen und praktischen Tätigkeit sollten wir uns darauf konzentrieren, auf die Sinnlosigkeit der Forderung nach neuen Arbeitsplätzen hinzuweisen und zur Arbeitsverweigerung aufzurufen. Im Mittelpunkt unserer Argumentation muß der Diebstahl von Lebenszeit durch die Arbeit stehen, die immense Arbeitslast auf den Schultern von immer weniger Menschen bei gleichzeitig wachsender Massenarbeitslosigkeit. Wenn wir wie bisher meist nur auf die Ausbeutung der Arbeit, auf wachsende Profite und die Orientierung auf die Interessen der Aktionäre auf der einen und die sinkenden Löhne und Gehälter auf der anderen Seite verweisen, verbauen wir uns einen wichtigen Kritikansatz, dem insbesondere in den kapitalistischen Metropolen eine zentrale Bedeutung zukommt. Denn letztendlich ist den meisten Leuten egal, ob sie ausgebeutet werden, wenn die „fette schwarze Zahl“ am Monatsende stimmt. Da hat es die bürgerliche Ideologie in ihrer Argumentation leicht, darauf zu verweisen, daß der Nutzen der Marktwirtschaft für den einzelnen infolge ihrer „überlegenen“ Effizienz

insgesamt letztendlich höher sei. Eine Argumentation, die durch den Zerfall der „sozialistischen“ Kommandowirtschaft in den Ostblockstaaten scheinbar bestätigt wird. Unsere Argumentation muß die Sinnlosigkeit des rastlosen Schaffens, die Zerstörung des Lebens durch die Arbeit in den Mittelpunkt stellen. Gleichzeitig müssen wir versuchen, gerade im prekarisierten Bereich, in Arbeitsloseninitiativen, beim Kampf gegen die Zwangsarbeit Fuß zu fassen.

Ich denke, es ist an der Zeit, die positiven Seiten, die mit der Verringerung des gesellschaftlichen Arbeitsaufwandes verbunden sind, herauszustellen und entsprechend in der Praxis wirksam werden zu lassen. Falls uns das nicht gelingt, kann es durchaus passieren, daß uns eine historische Chance entgeht, indem durch wachsende ökologische Zerstörungen der notwendige Arbeitsaufwand zur Beseitigung von deren Folgen immens steigt.

Letztendlich werden wir nur vorankommen, wenn wir die eigene Lebensperspektive wieder ernst nehmen und Politik nicht in erster Linie als Hobby in Ein-Punkt-Bewegungen betreiben, sondern eben beginnen, den eigenen Lebensmittelpunkt konkret umzugestalten.

Originaltext: Der Text stammt aus der sehr lesenswerten Broschüre "Ludwig Unruh - Hauptsache Arbeit?" (Syndikat A). Aus der PDF-Version entnommen und bearbeitet von Anarchismus.at. Der Originaltext enthält Fußnoten.


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